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März 1938 in Österreich - 

Hintergründe, Vorgeschichte und Folgen

von Tibor Zenker

Quelle: Kominform vom 11.03.2008

Der im März und April 1938 vollzogene "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich markiert einerseits die Ersetzung des einen faschistischen, des austrofaschistischen Regimes durch ein anderes faschistisches, das nationalsozialistische. Gleichzeitig handelt es sich hierbei um den Beginn der deutschen Fremdherrschaft in Österreich, denn völkerrechtlich bedeutete der "Anschluss" die durchaus einseitige Annexion Österreichs durch Deutschland, die durch die inszenierte "Volksabstimmung" nicht legitimiert wurde. Dennoch weist die deutsch-faschistische Fremdherrschaft durch die zunächst gegebene gleichzeitige partielle Machtübernahme österreichischer Nationalsozialisten eine Besonderheit auf, die bei imperialistischen Annexionen üblicherweise nicht derart zu beobachten ist. Dies hat spezielle Gründe und Hintergründe.

Zum Charakter des Faschismus

Georgi Dimitroff charakterisierte den Faschismus 1935 im Sinne einer besonderen bürgerlichen Herrschaftsform als "die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, der am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals." [1] Damit ist in wenigen Worten recht viel über Ursache, Herkunft, Funktion und Zielsetzung des Faschismus gesagt, daher nur noch einmal eine kurze Rekapitulation: Der spezifische Klassencharakter des Faschismus ist ein finanzkapitalistischer, d.h. er markiert die Herrschaft der Monopolbourgeoisie oder der Finanzoligarchie, womit seine historische Verortung gleichzeitig am monopolkapitalistischen Stadium des Kapitalismus, am Imperialismus festgemacht ist. Der Faschismus ist weiters die offene Diktatur im Gegensatz zur verdeckten des bürgerlich-demokratischen Parlamentarismus; er ist Terrorherrschaft im Gegensatz zum bürgerlichen Rechtsstaat; die Ausrichtung der faschistischen Diktatur ist besonders reaktionär, d.h. nicht nur antiliberal, sondern v.a. konsequent antisozialistisch und antikommunistisch; der Faschismus stützt sich zumeist auf einen überaus chauvinistischen Nationalismus, im Inneren wie nach außen; zuletzt bedeutet der Faschismus eine aggressive Außenpolitik, nicht nur diplomatischer, sondern v.a. ökonomischer und auch militärischer Natur, in ihrer Intensität freilich nach Maßgabe der regionalen und globalen Stärke des betreffenden Staates.

Während der faschistische Charakter des NS-Regimes außer Frage steht, ist das austrofaschistische Regime 1934-1938 im Rahmen einer Typologie des Faschismus nicht leicht einzuordnen, da es seine Besonderheiten aufweist. "Das österreichische Ständestaatsregime hat sich", schreibt Kurt Gossweiler, "nach dem Februar 1934 und der Maiverfassung als die österreichische Ausprägung einer faschistischen Diktatur entfaltet. Damit ist zugleich gesagt, dass sie trotz vielfacher Ähnlichkeiten keine Kopie irgendeines anderen faschistischen Regimes war, weder in ökonomischer noch in politischer oder ideologischer Hinsicht. Die Besonderheiten der Existenzbedingungen des österreichischen Kapitalismus - vor allem die Spaltung der Monopolbourgeoisie und dementsprechend auch des Faschismus in ein großdeutsches und ein österreichisches Lager, die Abhängigkeit des kleinen Landes von den europäischen Großmächten und auch von seinen unmittelbaren Nachbarn - um nur diese Faktoren zu nennen -, mussten dem Austrofaschismus ihren Stempel aufdrücken." [2] So nimmt der Austrofaschismus eine Zwischenstellung ein zwischen den beiden Haupttypen der faschistischen Diktatur, nämlich zwischen der totalitär-faschistischen Diktatur ("Massenparteifaschismus"; Hitler-Deutschland, Mussolini-Italien) und der autoritär-faschistischen Diktatur ("Militärfaschismus", Horthy-Ungarn, Pinochet-Chile). Der Austrofaschismus weist Elemente beider Varianten sowie ganz eigentümliche Besonderheiten auf. Der faschistische Charakter der Dollfuß- und Schuschnigg-Diktatur ist dadurch jedoch nicht in Frage gestellt. Im Sinne der Dimitroff-Definition war diese durchaus die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten und aggressivsten Kräfte des österreichischen Großkapitals und Großgrundbesitzes.

Konkurrenzfaschismen in Österreich

Eine im Hinblick auf die Ereignisse im März 1938 und somit auf das Ende des Schuschnigg-Regimes besonders relevante Eigenheit spricht Gossweiler oben an: die Spaltung der österreichischen Großbourgeoisie. Diese Spaltung bedeutete jedoch nicht etwa einen demokratischen und einen faschistischen Flügel, sondern zwei faschistische Flügel, die nebeneinander verschiedene Konzepte verfolgten und in Konkurrenz standen. Auf der einen Seite waren die austrofaschistischen Kräfte, repräsentiert durch die reaktionärsten Führer der Christlichsozialen Partei (CSP) und die Mehrheit der Heimwehrbewegung, bemüht, die staatliche Eigenständigkeit Österreichs zu bewahren. Auf der anderen Seite orientierte sich der großdeutsch eingestellte Flügel am deutschen Nationalsozialismus.

Dass sich die NS-Orientierung, in Österreich vertreten durch die hiesige Filiale der NSDAP, 1938 letztlich durchsetzte und die Austrofaschisten kapitulierten, war nicht nur der Übermacht Hitler-Deutschlands geschuldet, sondern auch inneren Faktoren. Der Austrofaschismus konnte die Erhaltung der österreichischen Souveränität gegenüber NS-Deutschland gar nicht gewährleisten, was ideologische und äußerst praktische Gründe hatte. "Mit der Niederschlagung der Arbeiterschaft", schreibt Arnold Reisberg, "hatte der Austrofaschismus den Weg zum Nazifaschismus geebnet. Mit dem Verlust der Demokratie war die Widerstandskraft gegen die Lockungen des Hitler-Faschismus geschwächt, mit der Zerschlagung der Arbeiterorganisationen die stärkste Kraft im Kampf um die Unabhängigkeit Österreichs, die Arbeiterklasse, in die Illegalität gedrängt." [3] Die österreichischen ArbeiterInnen, die sozialdemokratischen ebenso wie die kommunistischen, waren 1938 zwar willens, gegen die drohende Annexion durch NS-Deutschland mit allen Mitteln zu kämpfen - doch die Voraussetzung dafür war, dass die Schuschnigg-Regierung zu demokratischen und sozialen Reformen bereit war. Doch Schuschnigg hatte mehr Angst vor der Demokratie und der Arbeiterklasse als vor Hitler.

Deutschnationalismus oder österreichische Nation?

Dass der Austrofaschismus zum antinationalen Totengräber Österreichs wurde, war neben dem faschistischen Charakter des Regimes auch seinem ideologischen Hintergrund geschuldet. Der Austrofaschismus war zwar auf die staatliche Souveränität Österreichs orientiert - dies hatte jedoch bloß innere konkurrenzfaschistische Gründe. Dollfuß und Schuschnigg definierten Österreich explizit als "deutschen Staat", die Österreicher somit als Deutsche. Die Ideologie des Austrofaschismus war deutschnational, aber antinationalsozialistisch - in diesem Sinne wurde Österreich nicht nur als zweiter, sondern auch als "besserer deutscher Staat" als das Deutsche Reich propagiert.

Die Vorstellung, dass die Österreicher Teil des deutschen Volkes seien, war damals nichts Ungewöhnliches. Mit dem Ende des Habsburger-Reiches 1918 war es sogar allgemeine Meinung, dass sich das deutschsprachige Rest-Österreich der neuen deutschen Republik anschließen solle. Dieser Anschluss wurde seitens der Siegermächte des Ersten Weltkrieges untersagt, dennoch wurde diese Zielsetzung sowohl seitens der CSP als auch der Sozialdemokratie weiter verfolgt. Im "Linzer Programm" der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) wurde 1926 die Anschlussforderung ausdrücklich erhoben. Die 1918 gegründete KPÖ war die einzige Partei, die gegen die Anschlusspropaganda auftrat. Dies geschah zunächst jedoch noch aus konkreten politischen und revolutionären Erwägungen, ohne dass die nationale Frage seitens der KommunistInnen geklärt gewesen wäre - dies war erst später der Fall, nämlich 1937.

Im Gefolge des 1936 unterzeichneten "Juli-Abkommens" zwischen Schuschnigg und Hitler bedurfte die nationale Frage in Österreich einer dringenden Klärung. Die Frage lautete, ob der Widerstand gegen den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich nur ein antifaschistischer sei - oder eben auch ein nationaler. Seitens der KPÖ wurde Alfred Klahr mit den theoretischen Ausarbeitungen zur nationalen Frage in Österreich beauftragt. [4] Im Jahr 1937 kam Klahr zu dem Ergebnis: "Die Österreicher haben auf der Grundlage der jahrzehntelangen staatlichen Selbständigkeit eine eigene nationale, von der deutschen Nation verschiedene Entwicklung durchgemacht. Ihr Kampf um die Aufrechterhaltung der staatlichen Selbständigkeit bedeutet den Kampf um die Erhaltung der Grundlage der selbständigen nationalen Entwicklung, um die Erhaltung der nationalen Unabhängigkeit Österreichs. Er ist ein nationaler Kampf, ein Kampf für die nationale Selbstbestimmung des österreichischen Volkes." Klahr schreibt weiters: "Und wir müssen klar sehen und aussprechen, dass die Eroberung Österreichs durch Hitler das österreichische Volk nicht nur dem brutalsten politischen System, das die Geschichte kennt, ausliefern, sondern auch seine nationale Unterdrückung durch den deutschen Faschismus bedeuten würde. Nationale Unterdrückung kann es auch dort geben, wo der nationale Unterdrücker dieselbe Sprache spricht..." [5]

Während die Entwicklung und Herausbildung der eigenständigen österreichischen Nation seitens der "austromarxistischen" Sozialdemokratie negiert wurde, hat die KPÖ mit der Klärung der nationalen Frage in Österreich ein bleibendes Verdienst, das auch Grundlage des Kampfes vieler ÖsterreicherInnen gegen die deutsche NS-Herrschaft und für das Wiedererstehen des unabhängigen österreichischen Staates 1945 war.

Was geschah im März 1938?

Nachdem Hitler am 12. Februar 1938 Schuschnigg das "Berchtesgadener Abkommen", womit u.a. der Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart Innenminister wurde und die österreichischen Nazis sich legal politisch betätigen durften, diktiert hatte, erkannten selbst die Austrofaschisten den unmittelbaren Handlungsbedarf. Am 9. März verkündete Schuschnigg die Abhaltung einer Volksbefragung am 13. März über die Unabhängigkeit Österreichs von Deutschland. Auch die Sozialdemokratie und die KPÖ propagierten das "Ja" zur österreichischen Unabhängigkeit, wobei hervorgehoben wurde, dass dies keine Zustimmung zur austrofaschistischen Regierung sei.

Da hierdurch bei der Volksbefragung ein deutliches Votum für die Unabhängigkeit zu erwarten war, musste Hitler dieser zuvorkommen. Er kündigte offen den Einmarsch der deutschen Wehrmacht an, woraufhin Schuschnigg am 11. März zurücktrat und Seyß-Inquart die Regierung übernahm. Am 12. März erfolgte die widerstandslose Okkupation Österreichs durch deutsche Truppen. Die Volksbefragung am 13. März fand nicht statt, stattdessen verkündete Seyß-Inquart an diesem Tag den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich sowie die Abhaltung einer diesbezüglichen "Volksabstimmung" für den 10. April 1938.

Natürlich war eine "Volksabstimmung" unter den Bedingungen einer militärischen Okkupation und Fremdherrschaft sowie v.a. unter jenen einer faschistischen Terrorherrschaft ohnedies nur eine inszenierte "Formalität". Das Ergebnis der "Volksabstimmung", von der rund 400.000 Österreicher aus politischen und rassistischen Gründen ausgeschlossen waren, erbrachte offiziell über 99% Zustimmung zum "Anschluss". Die genannten Rahmenbedingungen machten eine Fälschung des Ergebnisses - zumindest im großen Ausmaß - nicht erforderlich, entziehen dieser "Volksabstimmung" aber freilich auch jede reale Aussagekraft. Selbstverständlich handelte es sich nicht um die demokratische Entscheidung der ÖsterreicherInnen, sondern um einen deutschen Gewaltakt.

Widerstand und Befreiung

Im Gegensatz zum Großteil der Sozialdemokratie und des christlichsozialen bzw. austrofaschistischen Lagers kapitulierten die österreichischen KommunistInnen 1938 nicht. Noch am Tag des deutschen Einmarsches, am 12. März 1938, äußerte sich KPÖ-Vorsitzender Johann Koplenig: "Für das österreichische Volk ist der Kampf um seine Unabhängigkeit nicht zu Ende. Es wird niemals eine ihm aufgezwungene Fremdherrschaft anerkennen. So schwer sich auch in der nächsten Zeit sein Schicksal gestalten mag, der Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit Österreichs wird aufs Neue entbrennen." [6] Die KPÖ trug in weiterer Folge die Hauptlast des antifaschistischen und nationalen Freiheitskampfes in Österreich, sei es in der Illegalität oder später im Rahmen der österreichischen Freiheitsbataillone innerhalb der jugoslawischen Partisanenarmee. Somit ist es v.a. den österreichischen KommunistInnen zu verdanken, dass der in der Moskauer Deklaration von 1943 geforderte eigene Beitrag Österreichs zu seiner Befreiung erbracht wurde.

Im internationalen Maßstab ist es das Verdienst der Roten Armee der UdSSR, den Großteil Ost- und Mitteleuropas vom Faschismus befreit zu haben - auch die entscheidenden Teile Österreichs. Und es ist dem politischen Wirken österreichischer KommunistInnen im Exil zu verdanken, dass sich gerade die siegreiche UdSSR für die Wiederherstellung Österreichs einsetzte - und sich mit diesem Anliegen auch gegen die Ziele Großbritanniens und der USA durchsetzen konnte. Ausdruck dessen war die bereits erwähnte Moskauer Deklaration. In dieser erklärten die Außenminister der USA, Großbritanniens und der UdSSR, ihre Regierungen seien "darin einer Meinung, dass Österreich, das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll ... Sie erklären, dass sie wünschen, ein freies, unabhängiges Österreich wieder errichtet zu sehen ... Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung eine Bedachtnahme darauf unvermeidlich sein wird, wie viel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird." [7]

Im Sinne dieser Deklaration erfolgte am 27. April 1945 die Unabhängigkeitserklärung Österreichs von Deutschland. Sie wurde unterzeichnet von Vertretern der demokratischen Parteien, der SPÖ, der KPÖ und der ÖVP, der Nachfolgeorganisation der CSP. Die endgültige Befreiung Österreichs ließ aber bis zur Kapitulation der deutschten Wehrmacht am 8. und 9. Mai 1945 auf sich warten. Bis zu diesen Tagen wurde die Rote Armee in Niederösterreich in Kämpfe verwickelt. Wien war bereits am 13. April nach verlustreichen Kämpfen befreit worden. In Erinnerung an diese Kämpfe steht am Wiener Schwarzenbergplatz das Heldendenkmal der Roten Armee der Sowjetunion.

Fußnoten:

[1] Dimitroff, Georgi: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus. In: Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Frankfurt/M. 1972, Bd. 2, S. 105

[2] Gossweiler, Kurt: Faschistische Bewegungen und faschistische Diktatur in Österreich. In: Aufsätze zum Faschismus, Köln 1988, Bd. II, S. 679

[3] Reisberg, Arnold: Februar 1934 - Hintergründe und Folgen. Wien 1974, S. 230

[4] vgl. Klahr, Alfred: Zur österreichischen Nation. Wien 1994

[5] zitiert nach: Fürnberg, Friedl: Österreichische Freiheitsbataillone - Österreichische Nation. Wien 1975, S. 43

[6] Koplenig, Johann: Trotz alledem - Österreichs Volk kämpft weiter für seine Unabhängigkeit! In: Reden und Aufsätze 1924-1950, Wien 1951, S. 95

[7] zitiert nach: Spira, Leopold: 20 Jahre - Wohin geht Österreich? Wien 1965, S. 31

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Anschluss Österreichs ans Nazireich 1938

Ostmark 2 - Deutschland 0

von Tibor Zenker

Quelle: Kominform Wien vom 04.04.2008

Vor 70 Jahren, am 3. April 1938, fand im Wiener Praterstadion ein Fußballspiel statt, das in offiziellen Länderspielstatistiken des ÖFB fehlt. Die Auswahl der „Ostmark“ trat, formell freundschaftlich, gegen das Team des Deutschen Reiches an. Das Spiel ging als „Anschlussspiel“ in die Geschichte ein – und so war es auch gedacht. Am 12. März 1938 war die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert, am 13. März wurde der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland verkündet, am 10. April sollte es darüber eine „Volksabstimmung“ geben. Im Sinne der Inszenierung derselben wollten die Nationalsozialisten auch das Fußballspiel durchgeführt wissen. Doch es kam anders.

Die österreichische Mannschaft, obwohl mit Heimrecht und somit Dressenwahl ausgestattet, trat nicht in ihren traditionellen weiß-schwarzen Heimtrikots an, sondern in rot-weiß-rot, wie Kapitän Matthias Sindelar es sich gewünscht haben soll. In weiß-schwarz spielten die Deutschen. Klar gemacht war, dass die nationalsozialistischen politischen Führungen in Berlin und Wien ein freundschaftliches Remis sehen wollten. Das österreichische Team, im Prinzip von vornherein zu favorisieren und das ganze Spiel über deutlich überlegen, hielt sich zunächst daran. Sindelar und seine Kollegen vernebelten äußerst auffällig Chance um Chance – und dies tatsächlich mit Absicht, wie dem Wiener Publikum auf den Rängen und auch den Nazigrößen auf der Ehrentribüne schnell bewusst wurde. Doch dem österreichischen Mannschaftskapitän ging es dabei nicht um die Einhaltung der nationalsozialistischen Vorgabe, sondern um die Demütigung der deutschen Elf und somit der NS-Herrschenden. Der Halbzeitstand ergab daher das geforderte Unentschieden, 0:0.

In der 62. Spielminute war's aber mit dem Spaß vorbei - Sindelar verwertete einen Abpraller nach einem Schuss von Franz Binder zum 1:0 und feierte den Treffer provokativ vor der Ehrentribüne. Nur neun Minuten später stellte Sesta aus einem Freistoß aus gut 40 Metern Entfernung auf 2:0, gleichbedeutend mit dem Endstand. Die Niederlage der DFB-Elf war eine Niederlage der NS-Propaganda. Im Gegensatz zu Schuschnigg und den „christlichsozialen“ Austrofaschisten kapitulierte das ÖFB-Team, in dem mit Hans Mock allerdings auch ein SA-Mann stand, nicht vor dem Nationalsozialismus. Sindelar, damals bester und populärster Spieler in Österreich, der sich in weiterer Folge auch weigerte, für das „gesamtdeutsche“ Team zu spielen, bezahlte das am 23. Januar 1939 vermutlich mit seinem Leben. Sein Tod durch Kohlenmonoxidvergiftung aufgrund eines angeblich defekten Kamins ist bis heute Gegenstand von Spekulationen, letztlich deutet vieles auf eine weitere nationalsozialistische Inszenierung hin.

Die ÖFB-Elf und die beinahe 60.000 Zuschauer im Wiener Prater waren nicht unbedingt Gegner des „Anschlusses“ Österreichs an Deutschland – dafür hatten schon Jahrzehnte deutschnationaler Propaganda der Bürgerlichen und der Sozialdemokratie in Österreich gesorgt (nur die österreichischen Kommunisten waren bereits in den 20er Jahren gegen den „Anschluss“). Aber die Fußballer und die Wiener waren keine unbedingten Freunde des NS-Regimes. Und im Rahmen von Länderspielen, ob man sich nun zur eigenständigen österreichischen Nation bekennt oder nicht, ist der Österreicher bis heute vor allem eines: antideutsch.

Das „Anschlussspiel“ zu einem österreichischen Widerstandsakt aufzubauschen, ist fehl am Platz. Derartiges befördert bloß den Opfermythos. Der österreichische Widerstand gegen die deutsch-faschistische Fremdherrschaft 1938-1945 spielte sich anderswo ab – in der Illegalität und später im Partisanenkampf, getragen vor allem durch die österreichischen Kommunisten, aber auch durch ehrliche Sozialdemokraten und antifaschistische Bürgerliche. Erst in diesem Kampf und im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich ein tieferes Nationalbewusstsein der Österreicher und mit Folgerichtigkeit wurde die deutsche Annexion vom März/April 1938 noch vor dem Ende des Krieges von der provisorischen demokratischen Regierung Österreichs für nichtig erklärt. Zu diesem Zeitpunkt, im April 1945, war Wien bereits von der Roten Armee befreit worden. Nicht zuletzt mit Unterstützung der Sowjetunion wurde Österreich als selbständiger Staat wiederhergestellt.

Das österreichische Fußballteam konnte nach 1945 nicht mehr an seine großen Erfolge der Zwischenkriegszeit anknüpfen, auch wenn 1954 noch einmal ein dritter Platz bei der Weltmeisterschaft erreicht wurde. Dass in den letzten Jahren von manch „linksliberaler“ Seite immer wieder versucht wird, die Person Sindelar durch Arisierungsvorwürfe bezüglich eines Kaffeehauses in den Schmutz zu ziehen, ist niederträchtig. Hätte es 1938 mehr Menschen mit der Aufrichtigkeit eines Matthias Sindelar gegeben, der sich deutlich und mutig gegen den NS-Faschismus und Antisemitismus positionierte, wäre die Geschichte Österreichs bis 1945 und danach nicht nur eine andere, sondern auch eine ruhmvollere gewesen. Nämlich auch abseits des Fußballplatzes.

Österreich spielte mit: Platzer (Admira), Sesta (Austria), Schmaus (Vienna), Wagner (Rapid), Mock (Austria), Skoumal (Rapid), Hahnemann (Admira), Stroh (Austria), Sindelar (Austria), Binder (Rapid), Pesser (Rapid); Tore: Sindelar (62.), Sesta (71.).

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