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Vorbemerkung des Verfassers:

Heute beginnen wir mit einer Kritik an einem Text der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dieser Text nennt sich eine Denkschrift und entspricht dem, was in der katholischen Kirche Enzyklika  oder Hirtenbrief, genant wird. Und es ist eine Propagandaschrift für den Kapitalismus.

Der Titel lautet: „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ [1]. Diese Denkschrift ist der Versuch, naiven Menschen zu vermitteln, dass nur im Kapitalismus Freiheit und soziale Gerechtigkeit möglich sei und daher eine einzige Lobhudelei für die Allmacht des Kapitals und den bürgerlichen Staat.

Wir meinten, dass diese Denkschrift nicht unwidersprochen bleiben darf und veröffentlichen daher diese Kritik. Heute erscheint der erste Teil.

Gerd Höhne

Sie sang das alte Entsagungslied,

Das Eiapopeia vom Himmel,

Womit man einlullt, wenn es greint,

Das Volk, den großen Lümmel.[2]

Heinrich Heine: Deutschland, ein Wintermärchen

Evangelische Enzyklika „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ –

Denkschrift zur Lobpreisung des Gottes des Kapitals

Teil I

Von Gerd Höhne/18. Juli 2008

0. Vorbemerkungen

Die Kirchen und die sozialen Belange  

Vorsicht!
Dealer des Opiums für das Volk

Der Rat der Evangelischen Kirche (EKD) in Deutschland hat eine Denkschrift mit dem Titel „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ in Umlauf gesetzt. Wer sich über den kapitalistenfreundlichen Inhalt wunderte, dem sei gesagt: „Wer etwas anderes erwartet hatte, der möge sich mal die Geschichte beider Kirchen, der evangelischen und der römisch-katholischen, ansehen, dann wird er erkennen, dass die Amtskirchen immer schon auf Seiten der besitzenden Klasse standen und nie die Partei der unteren Schichten vertraten.

Wer da entgegnet, es habe ja auch christliche Sozialisten und die katholische Soziallehre gegeben, dem entgegne ich: Die katholische Soziallehre stammt von Papst Leo XIII. aus der Enzyklika „Rerum novarum“ von 1891. Deren Kritik an den wilden Auswüchsen des Kapitalismus war nichts anderes, als der Wunsch nach zurück in den Feudalismus. Sie stellte nie das Prinzip einer Gesellschaftsordnung, wie die des Kapitalismus, infrage. Sie setzte nur in die Welt, dass die Besitzenden eine Art Vaterfunktion ihren Untergegeben gegenüber haben und denen sie wenigstens das Stückchen Brot, das sie zum  Leben brauchen, gönnen solle. Modern ausgedrückt somit: Die Verantwortung der Unternehmer ihren Untergebenen gegenüber. Dieses Prinzip, um es vorweg zu sagen, finden wir auch in der hier kritisierten evangelischen Denkschrift wieder. Die Enzyklika richtete sich vor allem gegen den immer stärker werdenden Einfluss der sozialistischen Bewegung – in Deutschland die SPD von August Bebel und Wilhelm Liebknecht.

Die evangelischen Amtskirchen waren da ähnlich gepolt, wenn auch in anderer Erscheinungsform: Eine der herausragenden Repräsentanten der evangelischen  Soziallehre des späten 19. und frühem 20. Jahrhunderts war der Berliner Hofprediger Adolf Stöcker. Stöcker gründet 1870 eine Christlich-Soziale Arbeiterpartei. Darin waren neben sozialen Forderungen, vor allem nationalistische und antisemitische. Die Wirtschaftskrise von 1878, so meinte Stöcker, sei durch die wilden Börsenspekulationen der Juden hervor gerufen. Auch Stöcker meinte, mit seiner Partei, der SPD das Wasser abgraben zu können. Der Versuch misslang kläglich. Dennoch kam Stöckers Partei in den Preußischen Landtag und kurz danach auch in den Reichstag.

Es gab und gibt in beiden Kirchen Menschen, denen es ernsthaft um soziale Veränderungen  geht, aber die Amtskirchen sind das nicht. Die Vertreter dieser linken Strömungen spielen in beiden Kirchen eine Randexistenz. Dieser Text richtet sich nicht gegen sie, sondern gegen die Linie der offiziellen Landeskirchen und die des Rates der EKD.

Ich will mich dabei auf einige Schwerpunkte konzentrieren:

- Ludwig Erhard und die angebliche soziale Marktwirtschaft,

- angeblich soziales Unternehmertum;

- Die Rolle der evangelischen Kirche in den politischen und sozialen Auseinadersetzungen des 20. Jahrhunderts;

- Wie kapitalistisch ist die Kirche ihren Beschäftigten gegenüber?

 

(Schein) Heiliger Sankt Wolfgang Huber: 

Er segnet die kapitalistische Ausbeutung, eine Hindenburg-Hitler-Pilgerstätte in Potsdam (Garnisonskirche ) und das ach so soziale Unternehmertum

1. Ludwig Erhard und die angeblich soziale Marktwirtschaft

Mit dem Wort soziale Marktwirtschaft werfen die Autoren der Denkschrift inflationär um sich. Bischof Huber, der Brandenburgische Landesbischof und Chef des Rates der EKD gab bei einer Pressekonferenz dem staunenden Publikum kund und zu wissen:

„Als Ludwig Erhard gegen viele Widerstände vor sechzig Jahren eine rasche und tiefgreifende Wirtschaftsreform durchsetzte und damit die Grundlage für Wirtschaftswachstum und Wohlstand im westlichen Teil Deutschlands legte, waren keineswegs alle begeistert.“

Welche „tiefgreifende Wirtschaftsreform“ setzte Ehrhard denn durch? Hat er die Thyssen, Krupp, Siemens usw. enteignen wollen, hat er die Grundstoffindustrien; wie es damals sogar Teile der CDU, der DGB und die SPD forderten, enteignet? Hat er die Produktionsmittel, die Fabriken, Bergwerke usw., in die Hände des Volkes übergehen  lassen? Keineswegs!

Ludwig Ehrhard war ein Dampfplauderer. Er hat die Marktwirtschaft, also den Kapitalismus, nicht sozial gemacht, sondern er hat den Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ erfunden und alles beim alten gelassen.

Wohlstand ist daraus in erster Linie für die Besitzer von Produktionsstätten, von Aktienpaketen, Fabriken, Immobilien und Bergwerken entstanden, die Löhne der Arbeiter blieben noch lange Jahre in Deutschland hinter denen der Nachbarländer zurück.

Erhard ist nicht einmal das, zu was er gern ernannt wird, der Vater des Wirtschaftswunders. Das gab es nämlich gar nicht. Dass sie deutsche Industrie nach der Währungsreform so schnell durchstarten konnte, war zunächst darin begründet, dass die westdeutschen Industrieanlagen den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden hatten. Die Westzonen hatten nach dem Krieg mehr Wirtschaftspotential als das gesamte Deutsche Reich 1937. Die Alliierten Bomberflotten hatten fast ausschließlich nur die Wohnbezirke der Arbeiter zerstört, Industrieanlagen aber ausgespart. 

Ich habe in den 60er Jahren bei einem IG-Farben-Nachfolgebetrieb, der Hoechst AG, gearbeitet. Das waren zum großen Teil die Anlagen, die vor und während des Krieges entstanden sind. Ältere Kollegen, die schon im Krieg da arbeiteten, sagten mir, das Gelände von Hoechst sei der sicherste Ort in Frankfurt gewesen. Klar, IG-Farben, also auch Hoechst, arbeitete auch im Krieg über die Schweiz mit den amerikanischen Konzernen Standard Oil und DuPont zusammen.

Erst nach der Konferenz von Jalta ändeste sich an dieser Praxis etwas: Die Allierten bombardierten jetzt auch IG-Farben-Betriebe: In der zukünftigen sowjetischen Besatzungszone, also Leuna , Buna und Filmfabrik Agfa in Wolfen bei Halle.

Was den Kapitaleignern zum Durchstarten fehlte, waren Profitmöglichkeiten durch eine Währung, die nicht, wie die Reichsmark, wertlos war. Mit der Währungsreform hatten sie das.

A propos Währungsreform: Die Legende sagt, dass jeder Deutsche DM 40,00 ausgezahlt bekommen habe. Der eine habe aus dem Geld ein Vermögen gemacht, der andere es verkonsumiert.

Zunächst einemal bekam nur der die 40 Mark (kurz danach nochmals 20,00 DM) ausbezahlt, wer vorher den Gegenwert in Reichsmark hatte. Auch wurden alle Sparkonten entwertet. Für 100,00 RM bekamen die Menschen 6,50 DM.

Dagegen die Vermögen an Devisen, Edelmetall, Aktien, Fabriken, Bergwerken und Immobilien behielten nicht nur ihren Wert, sondern der Wert stieg. Ebenso jene, die Warenbestände ihr Eigentum nannten. Der bekannteste Wirtschaftswunderknabe, Josef Neckermann, war ein strammer Nazi vor 1945 gewesen, hat an den Arisierungen kräftig verdient und hat nach dem Krieg aus Wehrmachtsbeständen an Bekleidung sein Versandhaus eröffnet. Von wegen sozialer Unternehmer!

Diese Liste der Wirtschaftswundergewinner kann fortgesetzt werden. Auch Gustav Schickedanz von Quelle hat Arisierungsgewinne in Millionenhöhe eingesteckt und musste nach 1945 sogar einige Jahre in den Knast.

Das sog. Wirtschaftswunder war also zunächst einmal das Ergebnis des unerhörten Ausbaus der Rüstungsindustrie im 2. Weltkrieg und der Tatsache, dass die westalliierten Bomber die Industrieanlagen schonten – jedenfalls im Westen des Reiches.

Zum anderen war mit der Währungsreform un d der Deutschen Mark die wichtigste Komponente vorhanden, die der Kapitalismus braucht um Gewinne zu machen – und nur wegen der Gewinne lassen Kapitalisten produzieren – nämlich Geld. Also nichts von Wunder und auch nichts von Ludwig Erhard.

Die Währungsreform schrieben die Westalliierten, vor allem die USA, den Deutschen vor, sie hatten nie daran gedacht, bei Erhard Rat einzuholen.

2. Was ist „Soziale Marktwirtschaft“?

Es gibt zwei grundlegende Einstellungen dazu:

1. Soziale Marktwirtschaft ist, lt. Wickipedia: „Die Soziale Marktwirtschaft bezeichnet ein Modell einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung, in welchem dem Staat hauptsächlich die Aufgabe zukommt, den Ordnungsrahmen der Wirtschaft zu gestalten.“[3]

2. Soziale Marktwirtschaft ist eigentlich ganz normaler Kapitalismus und mit allen Makeln des Selben behaftet:

- soziale Ungerechtigkeit,

- Arbeitslosigkeit,

- Profitmaximierung durch das Kapital,

- Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Was ist sozial an dieser Marktwirtschaft? Das ist nichts anderes als der alte Nachtwächterstaat des klassischen Liberalismus des freien Spiels der Kräfte am Markt. Dass einzelne Kapitalisten ihren Beschäftigten soziale Leistungen zukommen lassen, geschieht nicht aus sozialer Verantwortung, sondern aus der Notwendigkeit heraus, diese an das Unternehmen zu binden und ihre Arbeitsleistungen zu erhöhen.

Auch, dass der Staat korrigierend eingreift, hat nicht Ludwig Erhard erfunden. Das hatten schon liberale Regierungen im England des 19. Jahrhunderts mit der Begrenzung der Arbeitszeiten gemacht oder Bismarck mit der Kranken- und Rentenversicherung. In Preußen zum Beispiel wurde bereits am 9. März 1839 ein Gesetz des preußische König Friedrich Wilhelm III. erlassen, welches die Kinderarbeit einschränkte (nicht verbot!)[4].

Die Zechenssiedlungen im Ruhrgebiet sind nicht das Ergebnis des sozialen Denkens und Handelns der Kohlenbarone, sondern der Notwendigkeit der Arbeitskraftbeschaffung. Dass sie Siedlungshäuser bauen ließen, die Garten und Stallungen hatten, nutzte ihnen auch. Wenn ein  Bergmann sich eine Ziege, ein Schwein und Geflügel halten konnte, sich Obst und Gemüse anbaute, hatte er seine Ernährung entschieden verbessert. Dafür brauchte er nicht mehr Lohn um sich das zu kaufen und seine bessere Ernährung kam auch der Arbeitskraft und deren Ausbeutung zu gute.

Die sog. Soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhard hielt es ganz ähnlich. Der soziale Wohnungsbau nützte dem Kapital und das war der Sinn der Sache.

Die Verbindung von sozial und Marktwirtschaft sind zwei Dinge, die nicht zusammen passen. Ein kapitalistischer Markt ist profitorientiert und das ist immer etwas anderes, als sozial. Hier werden Tauschwerte getauscht, in kalter Überlegung für die Verkäufer, möglichst hohe Preise zu erzielen und der Verkäufer, so wenig wie möglich zu zahlen. Wo ist da das Soziale?

Die soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards ist ein  Kampfbegriff im Kalten Krieg gegen den Sozialismus und sollte vorgaukeln, dass der Kapitalismus sehr wohl sozial sein könne.

In Deutschland nach dem 2. Weltkrieg fragten viele Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung, wie es zu diesen entsetzlichen Verbrechen des faschistischen Staates und dem mörderischen Krieg kommen konnte. Und sie gaben die richtige Antwort und sagten, das habe am Kapitalismus gelegen. Folglich müsse man den beseitigen. So steht im Programm der CDU in NRW von 1947:

Arbeiter demonstrieren im Ruhrgebiet 
für die Sozialisierung
 der Betriebe (1947)

„Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. (…) Inhalt und Ziel (einer) sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.“  

Die SPD Kurt Schuhmachers wollte sogar schon 1946 den Sozialismus errichten, sagte sie wenigstens. Nur die KPD sah die Notwendigkeiten der Zeit deutlich: Zunächst den Menschen Essen und Kleidung verschaffen, ein Dach über den Kopf, Heizmaterial für den Winter und die Beseitigung der Überreste des Faschismus.

Das setzte die KPD/SED dann in der Sowjetischen Zone um  und dort gab es auch in den schlimmen Jahren 1945, 1946 und 1947 bei weiten nicht solchen Nahrungsmittelmangel wie in den Westzonen. Vor allem wurde ein konsequenter Kampf gegen den Schwarzmarkt geführt und die Bauern durch ein vom Staat festgelegtes Ablieferungssoll dazu gebracht, ihre Produkte der Volksernährung richtig zuzuführen. Dass in der SBZ/DDR ein konsequenter Kampf gegen die Überreste des Faschismus geführt wurde, sei nur am Rande erwähnt. Alles Eigentum aktiver Nazis und Kriegsverbrecher wurde in Volkseigentum überführt, das Land den Junkern genommen und den Kleinbauern. Umsiedlern und Landarbeitern gegeben.

Es galt also im Westen den Menschen zu verkaufen, dass auch hier eine neue Gesellschaftsordnung – nur eben gerechter und freier wie die im Osten – errichtet würde. Man verkaufte den Menschen den alten Kapitalismus und dessen Marktwirtschaft und nannte das alles Soziale Marktwirtschaft. Geändert hat sich wenig, eigentlich nichts.

Es waren wieder jene, die Hitler an die Macht brachten, in den Chefbüros der westdeutschen Konzerne. Die wenigen Nazi-Wirtschaftsführer, die die Westalliierten in den Knast gesperrt hatten, kamen schnell wieder frei und kehrten zurück an die Stätten, von denen sie an der Führung des Krieges und der Errichtung der faschistischen Diktatur maßgeblich mitgewirkt hatten und Riesensummen verdienten. Sie aber alle waren zu Musterdemokraten mutiert und waren jetzt Anhänger Ludwig Erhards.


[1]  Siehe: Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.  Gütersloh 2008

[2]  Heinrich Heine: Deutschland – Ein Wintermärchen siehe

[4]  Der Grund war aber nicht Menschlichkeit, sondern das preußische Militär hatte zunehmend Schwierigkeiten, gesunde Rekruten zu bekommen

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