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Vorbemerkung
des Verfassers:
Heute
beginnen wir mit einer Kritik an einem Text der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD). Dieser Text nennt sich eine
Denkschrift und entspricht dem, was in der katholischen Kirche
Enzyklika oder
Hirtenbrief, genant wird. Und es ist eine Propagandaschrift für den
Kapitalismus.
Der
Titel lautet: „Unternehmerisches Handeln in evangelischer
Perspektive“.
Diese Denkschrift ist der
Versuch, naiven Menschen zu vermitteln, dass nur im Kapitalismus
Freiheit und soziale Gerechtigkeit möglich sei und daher eine
einzige Lobhudelei für die Allmacht des Kapitals und den bürgerlichen Staat.
Wir
meinten, dass diese Denkschrift nicht unwidersprochen bleiben
darf und veröffentlichen daher diese Kritik. Heute erscheint
der erste Teil.
Gerd
Höhne |
Sie
sang das alte Entsagungslied,
Das
Eiapopeia vom Himmel,
Womit
man einlullt, wenn es greint,
Das
Volk, den großen Lümmel.
Heinrich
Heine: Deutschland, ein Wintermärchen
Evangelische
Enzyklika „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“
–
Denkschrift
zur Lobpreisung des Gottes des Kapitals
Teil
I
Von
Gerd Höhne/18. Juli 2008
0.
Vorbemerkungen
Die
Kirchen und die sozialen Belange
|
Vorsicht!
Dealer des Opiums für das Volk |
Der
Rat der Evangelischen Kirche (EKD) in Deutschland hat eine Denkschrift mit dem
Titel „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ in
Umlauf gesetzt. Wer sich über den kapitalistenfreundlichen Inhalt
wunderte, dem sei gesagt: „Wer etwas anderes erwartet hatte, der möge
sich mal die Geschichte beider Kirchen, der evangelischen und der römisch-katholischen, ansehen, dann wird er erkennen, dass die Amtskirchen immer
schon auf Seiten der besitzenden Klasse standen und nie die Partei der
unteren Schichten vertraten. |
Wer
da entgegnet, es habe ja auch christliche Sozialisten und die
katholische Soziallehre gegeben, dem entgegne ich: Die katholische
Soziallehre stammt von Papst Leo XIII. aus der Enzyklika „Rerum novarum“
von 1891. Deren Kritik an den wilden Auswüchsen des Kapitalismus war
nichts anderes, als der Wunsch nach zurück in den Feudalismus. Sie
stellte nie das Prinzip einer Gesellschaftsordnung, wie die des
Kapitalismus, infrage. Sie setzte nur in die Welt, dass die Besitzenden
eine Art Vaterfunktion ihren Untergegeben gegenüber haben und denen sie
wenigstens das Stückchen Brot, das sie zum
Leben brauchen, gönnen solle. Modern ausgedrückt somit: Die
Verantwortung der Unternehmer ihren Untergebenen gegenüber. Dieses
Prinzip, um es vorweg zu sagen, finden wir auch in der hier kritisierten
evangelischen Denkschrift wieder. Die Enzyklika richtete sich vor
allem gegen den immer stärker werdenden Einfluss der sozialistischen
Bewegung – in Deutschland die SPD von August Bebel und Wilhelm
Liebknecht.
Die
evangelischen Amtskirchen waren da ähnlich gepolt, wenn auch in anderer
Erscheinungsform: Eine der herausragenden Repräsentanten der evangelischen
Soziallehre des späten 19. und frühem 20. Jahrhunderts war der Berliner Hofprediger Adolf Stöcker. Stöcker
gründet 1870 eine Christlich-Soziale Arbeiterpartei. Darin
waren neben sozialen Forderungen, vor allem nationalistische und
antisemitische. Die Wirtschaftskrise von 1878, so meinte Stöcker, sei
durch die wilden Börsenspekulationen der Juden hervor gerufen. Auch Stöcker
meinte, mit seiner Partei, der SPD das Wasser abgraben zu können. Der
Versuch misslang kläglich. Dennoch kam Stöckers Partei in den Preußischen
Landtag und kurz danach auch in den Reichstag.
Es
gab und gibt in beiden Kirchen Menschen, denen es ernsthaft um soziale
Veränderungen geht, aber
die Amtskirchen sind das nicht. Die Vertreter dieser linken Strömungen
spielen in beiden Kirchen eine Randexistenz. Dieser Text richtet sich
nicht gegen sie, sondern gegen die Linie der offiziellen Landeskirchen
und die des Rates der EKD.
Ich
will mich dabei auf einige Schwerpunkte konzentrieren:
-
Ludwig
Erhard und die angebliche soziale Marktwirtschaft,
-
angeblich
soziales Unternehmertum;
-
Die
Rolle der evangelischen Kirche in den politischen und sozialen
Auseinadersetzungen des 20. Jahrhunderts;
-
Wie
kapitalistisch ist die Kirche ihren Beschäftigten gegenüber?
|
(Schein)
Heiliger Sankt Wolfgang Huber:
Er
segnet die kapitalistische Ausbeutung, eine
Hindenburg-Hitler-Pilgerstätte in Potsdam (Garnisonskirche
) und das ach so soziale Unternehmertum |
1.
Ludwig Erhard und die angeblich soziale Marktwirtschaft
Mit
dem Wort soziale Marktwirtschaft werfen die Autoren der Denkschrift
inflationär um sich. Bischof Huber, der Brandenburgische Landesbischof
und Chef des Rates der EKD gab bei einer Pressekonferenz dem staunenden
Publikum kund und zu wissen:
„Als
Ludwig Erhard gegen viele Widerstände vor sechzig Jahren eine rasche
und tiefgreifende Wirtschaftsreform durchsetzte und damit die Grundlage
für Wirtschaftswachstum und Wohlstand im westlichen Teil Deutschlands
legte, waren keineswegs alle begeistert.“
Welche
„tiefgreifende
Wirtschaftsreform“ setzte Ehrhard denn durch? Hat er die Thyssen,
Krupp, Siemens usw. enteignen wollen, hat er die Grundstoffindustrien;
wie es damals sogar Teile der CDU, der DGB und die SPD forderten,
enteignet? Hat er die Produktionsmittel, die Fabriken, Bergwerke usw.,
in die Hände des Volkes übergehen
lassen? Keineswegs!
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Ludwig
Ehrhard war ein Dampfplauderer. Er hat die Marktwirtschaft, also den
Kapitalismus, nicht sozial gemacht, sondern er hat den Begriff
„Soziale Marktwirtschaft“ erfunden und alles beim alten gelassen.
Wohlstand
ist daraus in erster Linie für die Besitzer von Produktionsstätten,
von Aktienpaketen, Fabriken, Immobilien und Bergwerken entstanden, die Löhne
der Arbeiter blieben noch lange Jahre in Deutschland hinter denen der Nachbarländer zurück.
Erhard
ist nicht einmal das, zu was er gern ernannt wird, der Vater des
Wirtschaftswunders. Das gab es nämlich gar nicht. Dass sie deutsche
Industrie nach der Währungsreform so schnell durchstarten konnte, war
zunächst darin begründet, dass die westdeutschen Industrieanlagen den
Krieg weitgehend unbeschadet überstanden hatten. Die Westzonen hatten
nach dem Krieg mehr Wirtschaftspotential als das gesamte Deutsche Reich
1937. Die Alliierten Bomberflotten hatten fast ausschließlich nur die
Wohnbezirke der Arbeiter zerstört, Industrieanlagen aber ausgespart.
Ich habe in den 60er Jahren bei einem IG-Farben-Nachfolgebetrieb, der
Hoechst AG, gearbeitet. Das waren zum großen Teil die Anlagen, die vor
und während des Krieges entstanden sind. Ältere Kollegen, die schon im
Krieg da arbeiteten, sagten mir, das Gelände von Hoechst sei der
sicherste Ort in Frankfurt gewesen. Klar, IG-Farben, also auch Hoechst,
arbeitete auch im Krieg über die Schweiz mit den amerikanischen
Konzernen Standard Oil und DuPont zusammen.
Erst
nach der Konferenz von Jalta ändeste sich an dieser Praxis etwas: Die
Allierten bombardierten jetzt auch IG-Farben-Betriebe: In der zukünftigen
sowjetischen Besatzungszone, also Leuna , Buna und Filmfabrik Agfa in
Wolfen bei Halle.
Was
den Kapitaleignern zum Durchstarten fehlte, waren Profitmöglichkeiten
durch eine Währung, die nicht, wie die Reichsmark, wertlos war. Mit der
Währungsreform hatten sie das.
A
propos Währungsreform: Die Legende sagt, dass jeder Deutsche DM 40,00
ausgezahlt bekommen habe. Der eine habe aus dem Geld ein Vermögen
gemacht, der andere es verkonsumiert.
Zunächst
einemal bekam nur der die 40 Mark (kurz danach nochmals 20,00 DM)
ausbezahlt, wer vorher den Gegenwert in Reichsmark hatte. Auch wurden
alle Sparkonten entwertet. Für 100,00 RM bekamen die Menschen 6,50 DM.
Dagegen
die Vermögen an Devisen, Edelmetall, Aktien, Fabriken, Bergwerken und
Immobilien behielten nicht nur ihren Wert, sondern der Wert stieg.
Ebenso jene, die Warenbestände ihr Eigentum nannten. Der bekannteste
Wirtschaftswunderknabe, Josef Neckermann, war ein strammer Nazi vor 1945
gewesen, hat an den Arisierungen kräftig verdient und hat nach dem
Krieg aus Wehrmachtsbeständen an Bekleidung sein Versandhaus eröffnet.
Von wegen sozialer Unternehmer!
Diese
Liste der Wirtschaftswundergewinner kann fortgesetzt werden. Auch Gustav
Schickedanz von Quelle hat Arisierungsgewinne in Millionenhöhe
eingesteckt und musste nach 1945 sogar einige Jahre in den Knast.
Das
sog. Wirtschaftswunder war also zunächst einmal das Ergebnis des unerhörten
Ausbaus der Rüstungsindustrie im 2. Weltkrieg und der Tatsache, dass
die westalliierten Bomber die Industrieanlagen schonten – jedenfalls
im Westen des Reiches.
Zum
anderen war mit der Währungsreform un d der Deutschen Mark die wichtigste Komponente
vorhanden, die
der Kapitalismus braucht um Gewinne zu machen – und nur wegen der
Gewinne lassen Kapitalisten produzieren – nämlich Geld. Also nichts
von Wunder und auch nichts von Ludwig Erhard.
Die
Währungsreform schrieben die Westalliierten, vor allem die USA, den
Deutschen vor, sie hatten nie daran gedacht, bei Erhard Rat einzuholen.
2.
Was ist „Soziale Marktwirtschaft“?
Es
gibt zwei grundlegende Einstellungen dazu:
1.
Soziale Marktwirtschaft ist, lt. Wickipedia: „Die
Soziale Marktwirtschaft
bezeichnet ein Modell einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung, in
welchem dem Staat hauptsächlich die Aufgabe zukommt, den Ordnungsrahmen
der Wirtschaft zu gestalten.“
2.
Soziale Marktwirtschaft ist eigentlich ganz normaler Kapitalismus und
mit allen Makeln des Selben behaftet:
-
soziale Ungerechtigkeit,
-
Arbeitslosigkeit,
-
Profitmaximierung durch das Kapital,
-
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.
Was
ist sozial an dieser Marktwirtschaft? Das ist nichts anderes als der
alte Nachtwächterstaat des klassischen Liberalismus des freien Spiels
der Kräfte am Markt. Dass einzelne Kapitalisten ihren Beschäftigten
soziale Leistungen zukommen lassen, geschieht nicht aus sozialer
Verantwortung, sondern aus der Notwendigkeit heraus, diese an das
Unternehmen zu binden und ihre Arbeitsleistungen zu erhöhen.
Auch,
dass der Staat korrigierend eingreift, hat nicht Ludwig Erhard erfunden.
Das hatten schon liberale Regierungen im England des 19. Jahrhunderts mit
der Begrenzung der Arbeitszeiten gemacht oder Bismarck mit der Kranken- und
Rentenversicherung. In Preußen zum Beispiel wurde bereits am 9. März
1839 ein Gesetz des preußische König Friedrich Wilhelm III. erlassen,
welches die Kinderarbeit einschränkte (nicht verbot!).
Die
Zechenssiedlungen im Ruhrgebiet sind nicht das Ergebnis des sozialen
Denkens und Handelns der Kohlenbarone, sondern der Notwendigkeit der
Arbeitskraftbeschaffung. Dass sie Siedlungshäuser bauen ließen, die
Garten und Stallungen hatten, nutzte ihnen auch. Wenn ein
Bergmann sich eine Ziege, ein Schwein und Geflügel halten
konnte, sich Obst und Gemüse anbaute, hatte er seine Ernährung
entschieden verbessert. Dafür brauchte er nicht mehr Lohn um sich das
zu kaufen und seine bessere Ernährung kam auch der Arbeitskraft und
deren Ausbeutung zu gute.
Die
sog. Soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhard hielt es ganz ähnlich. Der
soziale Wohnungsbau nützte dem Kapital und das war der Sinn der Sache.
Die
Verbindung von sozial und Marktwirtschaft sind zwei Dinge, die nicht
zusammen passen. Ein kapitalistischer Markt ist profitorientiert und das
ist immer etwas anderes, als sozial. Hier werden Tauschwerte getauscht,
in kalter Überlegung für die Verkäufer, möglichst hohe Preise zu
erzielen und der Verkäufer, so wenig wie möglich zu zahlen. Wo ist da
das Soziale?
Die
soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards ist ein
Kampfbegriff im Kalten Krieg gegen den Sozialismus und sollte
vorgaukeln, dass der Kapitalismus sehr wohl sozial sein könne.
In
Deutschland nach dem 2. Weltkrieg fragten viele Menschen aus allen
Schichten der Bevölkerung, wie es zu diesen entsetzlichen Verbrechen
des faschistischen Staates und dem mörderischen Krieg kommen konnte.
Und sie gaben die richtige Antwort und sagten, das habe am Kapitalismus
gelegen. Folglich müsse man den beseitigen. So steht im Programm der
CDU in NRW von 1947:
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Arbeiter
demonstrieren im Ruhrgebiet
für die Sozialisierung
der Betriebe (1947) |
„Das
kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen
Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. (…)
Inhalt und Ziel (einer) sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann
nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das
Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinschaftliche Ordnung
soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten,
die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und
materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren
Frieden sichert.“
|
Die
SPD Kurt Schuhmachers wollte sogar schon 1946 den Sozialismus errichten,
sagte sie wenigstens.
Nur die KPD sah die Notwendigkeiten der Zeit deutlich: Zunächst den
Menschen Essen und Kleidung verschaffen, ein Dach über den Kopf,
Heizmaterial für den Winter und die Beseitigung der Überreste des
Faschismus.
Das
setzte die KPD/SED dann in der Sowjetischen Zone um
und dort gab es auch in den schlimmen Jahren 1945, 1946 und 1947
bei weiten nicht solchen Nahrungsmittelmangel wie in den Westzonen. Vor
allem wurde ein konsequenter Kampf gegen den Schwarzmarkt geführt und
die Bauern durch ein vom Staat festgelegtes Ablieferungssoll dazu
gebracht, ihre Produkte der Volksernährung richtig zuzuführen. Dass in
der SBZ/DDR ein konsequenter Kampf gegen die Überreste des Faschismus
geführt wurde, sei nur am Rande erwähnt. Alles Eigentum aktiver Nazis
und Kriegsverbrecher wurde in Volkseigentum überführt, das Land den
Junkern genommen und den Kleinbauern. Umsiedlern und Landarbeitern
gegeben.
Es
galt also im Westen den Menschen zu verkaufen, dass auch hier eine
neue Gesellschaftsordnung – nur eben gerechter und freier wie die im
Osten – errichtet würde. Man verkaufte den Menschen den alten
Kapitalismus und dessen Marktwirtschaft und nannte das alles Soziale
Marktwirtschaft. Geändert hat sich wenig, eigentlich nichts.
Es
waren wieder jene, die Hitler an die Macht brachten, in den Chefbüros
der westdeutschen Konzerne. Die wenigen Nazi-Wirtschaftsführer,
die die Westalliierten in den Knast gesperrt hatten, kamen schnell
wieder frei und kehrten zurück an die Stätten, von denen sie an der Führung
des Krieges und der Errichtung der faschistischen Diktatur maßgeblich
mitgewirkt hatten und Riesensummen verdienten. Sie aber alle waren zu
Musterdemokraten mutiert und waren jetzt Anhänger Ludwig Erhards.
Siehe: Unternehmerisches
Handeln in evangelischer Perspektive. Eine Denkschrift des Rates der
Evangelischen Kirche in Deutschland.
Gütersloh 2008
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