|
27.
Januar 1945 – die Rote Armee befreit KZ
Auschwitz
Sowjetsoldaten
bereiten Zwangsarbeit und Massenmord im größten Vernichtungslager der
Nazis ein Ende
Von
Susanne Willems
jungeWelt vom 26.01.2008
Die
Rote Armee befand sich im dritten Winter auf dem Vormarsch, als Truppen
der Ersten Ukrainischen Front am 27. Januar 1945 Auschwitz erreichten.
Mehr als 7000 KZ-Häftlinger, darunter Hunderte Kinder, verdanken ihre
Befreiung der vorgezogenen Offensive, die das oberschlesische
Industrierevier von der deutschen Kriegswirtschaft abschnitt. In den Kämpfen
um die polnische Stadt Oswiecim kamen 231 Rotarmisten ums Leben, 66 fielen
auf Auschwitzer Lagergelände.
»Unseren Augen bot sich ein schreckliches Bild: eine riesige Anzahl von
Baracken ... auf den Pritschen lagen Menschen ... Skelette schon, mit Haut
überzogen und abwesendem Blick. Es war schwer, sie ins Leben zurückzuholen«,
erinnerte sich der Rotarmist Alexander Woronzow, der die Befreiung von
Auschwitz filmisch dokumentierte.
Als
die SS am 18. Januar 1945 etwa 58000 Gefangene aus den Auschwitzer Lagern
und Nebenlagern bei tiefem Frost auf die Todesmärsche trieb, hatte sie
annähernd 9.000 Marschunfähige in ungewisser Lage zurückgelassen. Auch
nach Abzug der Wachposten konnten Häftlinge nur unter Lebensgefahr Eßbares
in verlassenen Baracken, Magazinen oder Lagerküchen organisieren. Denn
patrouillierende SS und marodierende Wehrmacht bedrohten die
ausgemergelten Menschen. Ein Spezialkommando der SS exekutierte noch 700
der kolonnenweise aus den Lagern getriebenen Gefangenen, bevor es am 25.
Januar dieses systematische Massaker abbrach, um sich eilends nach Westen
abzusetzen. Die SS wollte die Zeugen und die Spuren ihrer Verbrechen
verwischen, verfeuerte große Teile der Lagerakten, setzte mehrere
Magazinbaracken mit der den Deportierten geraubten Habe in Brand und
sprengte in der Nacht zum 26. Januar in Birkenau auch das bis zuletzt
funktionsfähige fünfte Krematorium.
Wochenlang
dauerte die Verlegung der von Hunger, Krankheit, Frost und Erschöpfung
gezeichneten Menschen aus den Barackenlagern von Birkenau und Monowitz in
die im einstigen Stammlager Auschwitz hergerichteten Krankenstationen.
Viele fanden Aufnahme bei polnischen Familien in Oswiecim und Umgebung.
Die Überlebenden bedurften noch Wochen und Monate der Obhut von Ärzten,
Pflegern und freiwilligen Helfern aus den Reihen des sowjetischen Militärs,
des polnischen Roten Kreuzes und der befreiten Mitgefangenen. Mehr als 200
der ausgezehrten Menschen vermochten sie nicht mehr zu retten. Sie starben
in den ersten Tagen nach der Befreiung.
Die
sowjetische Kommission, die gemeinsam mit polnischen Experten und Überlebenden
des Lagers die deutschen Verbrechen in Auschwitz dokumentierte, berichtete
dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, daß die Lager von
Auschwitz dazu bestimmt waren, dauernd etwa 200000 Menschen
gefangenzuhalten, um diese durch in höchstem Maße entkräftende
Zwangsarbeit auszubeuten und dann als nutzlos umzubringen.
Dieses
Systems bediente sich zuerst die IG-Farben AG in Monowitz, die auch wegen
des für sie lukrativen Zwangsarbeitsregimes Teile ihrer Produktion in das
Annexionsgebiet verlegt hatte. Von den 12000 ab Juli 1941 von der
Wehrmacht der SS ausgelieferten sowjetischen Kriegsgefangenen wurden 600
Anfang September 1941 Opfer der ersten Massenvernichtung durch das Giftgas
Zyklon B; 10.000 Rotarmisten hatte die SS bis zum Frühjahr 1942
verhungern lassen oder massakriert. Im März 1942 begannen die
Massendeportationen der insgesamt 1,1 Millionen europäischen Juden nach
Auschwitz: anfangs nur Arbeitsfähige, ab Mitte 1942 Menschen aller
Altersstufen vom Säugling bis zum Greis, und ab 1943 auch 23000 Sinti und
Roma. Als »Sonderprogramm Prof. Speer« bezeichnete die SS den vom Rüstungsminister
verlangten Einsatz der deportierten Juden in den Bergbau- und
Industriebetrieben Oberschlesiens. Etwa 900000 bei der Ankunft in
Auschwitz von SS-Ärzten als nicht arbeitsfähig selektierte Juden wurden
sofort in den Gaskammern vernichtet. Ab Mitte 1944 vermittelte die SS die
Deportierten direkt zur Sklavenarbeit an die deutsche Rüstungsindustrie,
die mehr als 1000 KZ-Außenlager unterhielt. Als die Rote Armee das 1940
zur Unterdrückung des polnischen Widerstands gegen die deutsche
Okkupation errichtete KZ befreite, befanden sich wahrscheinlich noch
150000 Auschwitzer Gefangene in der Hand der SS, um zuletzt auf den Großbaustellen
für die unterirdische Produktion der Rüstungsindustrie zu Tode
geschunden zu werden.
Junge
welt; 26.01.2008
|