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Befreiung
Mai
1945 - Erlebnis - Erinnerung - Geschichte
von
Hanfried Müller
Quelle:
Weißenseer
Blätter Heft 1 / 2005
Niemand
erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.
Nicht
das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht
im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht
in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Dietrich
Bonhoeffer,
Stationen
auf dem Wege zur Freiheit
Vor
mir liegt ein Brief aus dem Nachlaß meiner Mutter, geschrieben am 26.
Mai 1945 von Hanfried Müller, Gefr., Matriola 81 - g - 665163 H, US PW
e 336, Naples / Italy:
„...
Ich könnte allein Tage lang erzählen, deshalb beschränke ich mich auf
das Schönste, auf die Tage nach meiner Gefangennahme ... Ich muß bekennen, daß ich mich
zuerst befreit fühlte, denn die Gedankenfreiheit, die wir nun
haben, ist etwas so lang Entbehrtes, so Köstliches, daß ich den
Stacheldraht gar nicht sehe! ...“.
So
beschrieb damals ein neunzehnjähriger Soldat der deutschen Wehrmacht,
wie er die Niederlage des Faschismus und das Ende des Krieges erlebte, nämlich
als Befreiung.
Ein
gewiß paradoxes Erlebnis vieler Deutscher, denn ihre Freiheit fing an
mit einer Gefangenschaft, oder treffender gesagt: Nur indem sie
eingesperrt wurden, wurde die Welt und wurden sie selbst befreit von
Terror und Krieg.
Andere
- unter Deutschen eine Minderheit - erlebten ihre Befreiung
geradliniger: Vor ihnen öffneten
sich die Tore von Gefangenen-, Vernichtungs-, Konzentrationslagern und
Zuchthäusern. Oder, wenn sie „getaucht“ waren und sich
verbergen mußten, um zu überleben, konnten sie nun wieder
„auftauchen“, und wenn sie vertrieben und verjagt oder geächtet und
darum „emigriert“ waren, konnten sie zurückkehren. Für sie
bedeutete das Ende von Faschismus und Krieg Befreiung ohne die
Paradoxie, daß die Freiheit hinter Stacheldraht begann.
Erinnere
ich mich an die Geschichte dieser Befreiung, muß ich es anders sagen:
Denn das, was ich als Paradoxie der Befreiung hinter Stacheldraht
erlebte, folgte ja aus einer Paradoxie, die vorangegangen war: die
Existenz fast eines ganzen Volkes nicht in Gefangenschaft und doch
in Unfreiheit.
Wahrscheinlich
die Mehrzahl der Deutschen hatte sich allerdings, solange die
Blitzkriege der Nazis zu deutschen Blitzsiegen führten, im Lande der
„nationalen Erhebung“ und der Konzentrationslager, der
„nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ mit ihrem „Eintopfsonntag“
und des Maximalprofits der Konzerne im allgemeinen nicht unfrei gefühlt.
Tatsächlich
war sie so unfrei, daß sie gar nicht bemerkte, wie sehr sie sogar die
Freiheit, selber zu denken, verloren hatte, in diesem Sinne des Wortes
die „Gedankenfreiheit“. Ich erinnere mich, daß ich (das muß etwa
1942 gewesen sein) einen Freund im Bibelkreis der Bekennenden Kirche,
also des Teiles der Evangelischen Kirche, der den Nazis kritisch bis
ablehnend begegnete, auf die Konzentrationslager ansprach und er
entschieden bestritt, daß es so etwas gäbe - um dann, ohne den
Selbstwiderspruch auch nur zu empfinden, zu schließen: „Wenn Du so
weiter redest, kommst Du selbst hinein!“
Das
war ja das deutsche Verhängnis gewesen: Je freier Menschen waren, desto
mehr drohte ihnen Verhaftung und Tod. Und je unfreier sie waren, je
williger sie sich den Nazis angepaßt hatten, insbesondere je
bereitwilliger sie für sie und mit ihnen in den Krieg gezogen waren,
sich immer selbst belügend, es ginge um Freiheit und Ehre ihres
Vaterlandes und nicht etwa um „ukrainischen Weizen und kaukasisches Öl“
(Originalton: Goebbels), desto weniger hatten sie sich unfrei gefühlt.
Während sie selbst geknechtet andere knechteten - zuerst die deutschen
Kommunisten, Sozialisten und Demokraten, dann die Schwächsten, die sie
als „fremdrassig“ ausstießen, die deutschen Juden, Sinti und Roma
und schließlich fast alle europäischen Völker - grölten sie ihr
Lied: „Nur der Freiheit gehört unser Leben!“
Die
Paradoxie der Freiheit hinter Stacheldraht, die ich damals empfand, war
nur die natürliche Kehrseite dieser „Freiheit“ zur Knechtung
anderer, dieser Unfreiheit ohne Stacheldraht, zu der die herrschenden
Klassen in Deutschland die Mehrheit der Deutschen durch Terror,
Demagogie und Korruption gezwungen, verführt und bestochen hatten bis
dahin, daß dieses Volk sich schließlich schon deshalb nicht mehr
selbst zu befreien wagte, weil es fürchtete, nach der Kapitulation
seiner „Wehrmacht“ genannten und als ehrbar geltenden Räuberbande würde
ihm mit gleicher Münze heimgezahlt.
Wie
sehr diese als ehrbar geltende Wehrmacht eine Räuberbande war, das
hatte ich selbst als Okkupant in Italien gesehen, nicht nur im kleinen,
wenn wir „ehrlichen deutschen Soldaten“ den italienischen Bauern
Feldfrüchte und Hühner stahlen (manchmal nur Mundraub, um nicht zu
hungern, oft aber Kompensation eigener Ohnmacht durch Machtdemonstration
gegen Schwächere), sondern vor allem im großen, im kriminellen Ausmaß
der Kriegsverbrechen, die sich keineswegs nur die SS leistete. Wenn ich
die „zur Abschreckung“ an den Telegraphenmasten erhängten Partisanen hatte sehen müssen, hatte ich sie
beinahe darum beneidet, daß sie wenigstens in einem guten Kampf für
die Befreiung ihres Landes gefallen waren. Aber der Mut, ihrem Beispiel
zu folgen, statt ihnen allenfalls unauffällig zu helfen, fehlte mir.
Wir
deutschen Soldaten hatten unser Leben täglich von den Hitlers, Himmlers
und Görings (und zwar für die Interessen der Krupps, Kierdorffs und
Stinnes, aber das sah ich damals noch nicht!) einsetzen und uns zu dem
zwingen lassen, was sie Mut und Tapferkeit nannten. Aber der
wirkliche Mut, uns selber einzusetzen, statt uns einsetzen zu lassen,
und so aus Kriegsknechten zu Freiheitskämpfern zu werden, hatte uns
gefehlt. Das meine ich mit der Unfreiheit ohne Stacheldraht.
Die
Freiheit hinter Stacheldraht begann mit der Befreiung von dem Zwang,
sein Leben im Kampf für Unfreiheit und Unrecht einsetzen zu müssen.
Unreflektiert war dieses Gefühl offenbar viel allgemeiner, als ich es
schon kurze Zeit später noch in Erinnerung hatte. Zu meiner
Verwunderung lese ich in dem eingangs zitierten Brief aus der
Gefangenschaft, als wir in einem kleinen schnell gesammelten Bibelkreis
Kirchenlieder gesungen hätten, habe bei dem Lied „Großer Gott, wir
loben dich“ das ganze Camp eingestimmt. Der Massenstimmung in diesem
Gefangenenlager (allerdings war es ein reines Mannschaftslager, die
Offiziere waren in anderen Camps) machte sich zuerst im (makabrer Weise
so genannten und traditionell als Siegeslied gesungenen) „Choral von
Leuthen“ Luft und nicht etwa in der Melodie „Aus tiefer Not schrei
ich zu Dir ...“, einer Stimmung, der ich im August 1945 nach meiner Rückkehr
aus der Kriegsgefangenschaft in Deutschland zwar wohl noch nicht
mehrheitlich, aber verbreitet begegnete.
*
Nun
mußte die äußere Befreiung von Faschismus und Krieg endlich innerlich
nachvollzogen werden. Es ging, wie das einmal einer meiner
marxistischen Freunde, Eberhard Hüttner, bis zu seinem frühen Tode
stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe Kirchenfragen im ZK der SED, treffend
formuliert hatte, „um die antifaschistisch-demokratische Umwälzung in
den Köpfen“.
Sie
geschah für mich in drei Etappen, zuerst einer kirchlich-theologischen,
dann einer politisch-demokratischen und schließlich einer sozial-ökonomischen
Emanzipation. Diese letzte Phase der Befreiung war die schwerste und
wichtigste.
In
gewisser Weise galt für all diese drei Umwälzungen in unseren
Köpfen der siegesgewisse Optimismus in Brechts Aufbaulied, das wir
allerdings erst später kennen lernten: „Fort mit den Trümmern und
was Neues hin gebaut, und heraus gegen uns, wer sich traut!“ Die
Entdeckung, was alles in unseren Köpfen falsch widergespiegelt worden
war, und die Entdeckerfreude bei jeder neuen Erkenntnis machte uns
wahrscheinlich allen gegenüber, die nicht ebenso schnell voran eilten
wie wir, unerträglich überheblich.
Als
solche, die während der Nazizeit zumindest immer „dagegen“ gewesen
waren, entwickelten wir eine im Rückblick erschreckende
Selbstgerechtigkeit, und der Preis unserer gewiß rasch fortschreitenden
Erkenntnis - wie holten ja eine Bildung nach, von der wir 12 Jahre
abgeschlossen gewesen waren, - war sicher der, daß wir in unserer
Entdeckerfreude wohl stolzer waren, andere hinter uns zurückzulassen,
als bestrebt, sie mitzunehmen.
Weder
in der ersten Etappe geistiger Selbstbefreiung nach der äußeren
Befreiung, der theologisch-reformatorischen Besinnung, noch in der
zweite Etappe, der politisch-demokratischen Wende ist es unseren
Lehrern gelungen, uns eine unserer immerhin reichlich verspäteten
Erkenntnis doch angemessene Bescheidenheit zu vermitteln -
wahrscheinlich, weil wir mit diesen Neubesinnungen immer noch im Rahmen
der Reaktivierung der uns in der Kirche und unserer bürgerlichen Klasse
zugänglichen progressiven Traditionen umzudenken lernten. Erst in der
dritten Etappe, als wir uns, mit dem kommunistischen Manifest zu reden,
als „Bourgeoisieideologen ... zum theoretischen Verständnis der
ganzen geschichtlichen Bewegung ... hinaufgearbeitet“
hatten, begannen wir etwas bescheidener zu werden.
Ich
erinnere mich, daß wir uns 1951 bei den Weltfestspielen der Jugend und
Studenten in Berlin in einer Privatwohnung mit Komsomolzen
zusammensetzten (der Zentralrat der FDJ nannte das entsetzt „ein
wildes Russentreffen“) und die sowjetische Delegationsleiterin uns
fragte: „und wer sind Eure Bundesgenossen?“, worauf wir hochmütigen
Einzelkämpfer völlig verblüfft darauf reagierten. Immerhin fingen wir
seitdem an, etwas über unsere Zufriedenheit in der stolzen
Selbstisolation von Besserwissern nachzudenken.
Die
kirchlich-reformatorischen Befreiung
Der
ganze Schwulst einerseits pietistischer, andererseits klerikaler
Traditionen - eigentlich untereinander unverträglich, aber in den
Irrungen und Wirrungen des offenen Kirchenkampfes gegen die Nazifraktion
der deutschen Christen und des für die Gemeinden weithin verdeckt
gebliebenen Kirchenkampfes gegen die deutschnational-faschistische
Fraktion in vielen Führungspositionen der Bekennenden Kirche vielfach
miteinander verwoben - mußte im Zug einer inneren Befreiung überwunden
werden. Denn dabei handelte es sich um solche Positionen, die sich als
unbrauchbar erwiesen hatten, dem Faschismus gegenüber standzuhalten.
Der
erste Helfer bei diesem Prozeß „Evangelischer Selbstprüfung“ war für
mich Hermann Diem. Ihm begegnete ich schon im Kriegsgefangenenlager in
Livorno, und durch ihn lernte ich gleich nach unserer Entlassung aus der
Kriegsgefangenschaft den besonders eindrucksvollen Paul Schempp kennen,
mit dem Diem in der Württembergischen Sozietät verbunden war, dem
neben dem Bonhoeffer-Kreis konsequentesten Flügel der bekennenden
Kirche.
Nachdem
ich noch 1945 in Bonn das Theologiestudium aufgenommen hatte, wurde Günter
Dehn, einer der wenigen den religiösen Sozialisten nahestehenden
dialektischen Theologen, zu unserem wichtigsten Mentor auf dem Wege zu
(um den Titel der ersten Nachkriegstagung der Württembergischen Sozietät
aufzunehmen) „Evangelischer Selbstprüfung“. Und schließlich, fast
genau ein Jahr nach dem Tag der Befreiung, am 10. Mai 1946, landete auf
einem Rheinschlepper in Bonn Karl Barth, der Hauptwegweiser zu unserer
Neuorientierung in „Christengemeinde und Bürgergemeinde“.
Der
Titel dieser etwas später, aber noch 1946, in Deutschland erschienenen
Broschüre macht bereits deutlich, daß der Akt einer inneren
kirchlich-theologischen Befreiung in Bewährung der von außen
empfangenen Befreiung bereits den Übergang zur politisch-demokratischen
Befreiung umschloß.
Diese
reformatorische Wende vollzog sich in der sogenannten
„Schulddebatte“.
Als
frisch immatrikulierte Theologiestudenten, die meisten von uns kirchlich
erzogen von den sogenannten „jungen Brüdern“, das heißt von
solchen Pastoren, die sich nicht von den staatlich anerkannten, meist
deutschchristlichen offiziellen Kirchenleitungen hatten ordinieren
lassen, sondern als „Illegale“ den antinazistischsten Flügel der
Bekennenden Kirche gebildet hatten, fragten wir zuerst nach der
Studentengemeinde.
Was
wir statt dessen vorfanden, war ein alter, bis in die Knochen
deutschnationaler Studentenpfarrer, umgeben von vier älteren
Theologiestudenten, die noch im Kriege irgendwie hatten studieren können.
Davon „frustriert“ - das Wort gab es damals noch nicht - setzten wir
uns zusammen und formulierten zuerst einmal ein - unser
-„Schuldbekenntnis“ ganz im Geiste der von Niemöller stammenden
Passagen der damals im Mittelpunkt nicht nur kirchlicher
Auseinandersetzung stehenden „Stuttgarter Schulderklärung“,
insbesondere des Satzes: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker
und Länder gebracht worden!“
Das
Stuttgarter Schuldbekenntnis stellte insgesamt viel eher eine
Selbstrechtfertigung als eine Selbstanklage einer Kirche dar, die sich
allenfalls vorwarf, „nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet,
nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt zu haben“ (wir
hätten noch besser sein müssen!) und die sich „mit unseren
Volk“ zwar „in einer großen Gemeinschaft des Leidens“ wußte,
aber nicht etwa in einer „Gemeinschaft“, sondern nur in einer
„Solidarität der Schuld“ mit ihm. Aber das empfanden wir damals
kaum und wußten auch nicht, daß die Ökumene den deutschen Kirchenführern
dieses Schuldbekenntnisses mühsam abgerungen hatte, um wieder Kontakte
zu ihnen aufnehmen zu können.
So
war unser „Schuldbekenntnis“ zwar hinsichtlich der „deutschen
Schuld“ keineswegs zurückhaltender als das Stuttgarter Vorbild, aber
es war ungleich viel ehrlicher in dem Bekenntnis kirchlicher Schuld
an der deutschen Schuld.
Um
unser Schuldbekenntnis sammelte sich schnell eine Gemeinde, und diese
Gemeinde wählte sich, was für die Studentengemeinden nicht
„vorgesehen“ war und den alteingesessenen Studentenpfarrer ebenso
wie die rheinische Kirchenleitung entsetzte, eine eigenständige
Leitung, ein Presbyterium, das nicht etwa den Studentenpfarrer, sondern
Günter Dehn bat, die Bibelstunden dieser Studentengemeinde zu halten.
Aufgrund
dieser Selbständigkeit kam es zum Konflikt mit der - immerhin aus der Bekennenden
Kirche (!) hervorgegangenen - rheinischen Kirchenleitung. Aber deren
Versuche, uns in die ordnungsgemäße Botmäßigkeit zurückzuholen, mißlangen.
Wir setzten schließlich sogar durch, daß wir uns selber einen Pfarrer
wählen durften. Dafür wurden wir allerdings von den materiellen Genüssen,
die das Kirchliche Hilfswerk zu bieten hatte, ausgeschlossen, fanden
aber andererseits in der Studentenschaft mehr Resonanz als viele
„reguläre“ Studentengemeinden. Dabei war das Hauptthema, das wir
in die Studentenschaft hinein trugen, die Frage unserer eigenen
politischen Verantwortung für unsere, für die ganze Welt so verhängnisvolle,
deutsche Geschichte und - wohl noch wichtiger - dafür, die künftige
deutsche Geschichte so zu gestalten, daß der Faschismus für immer überwunden
werde.
Der
Übergang zur politisch-demokratischen Befreiung
Damit
wurde, fast möchte ich sagen „in, mit und unter“ der Frage nach der
kirchlich-theologischen Neubesinnung, die Frage der
politisch-demokratischen Neubesinnung zu unserem Thema. An diesem Thema
brach die gegen den Nationalsozialismus aufgetretene Bekennende Kirche
in ihren deutschnationalen und evangelisch-reformatorischen Teil
auseinander.
Manifest
wurde das mit dem am 8. August 1947 beschlossenen „Wort des
Bruderrates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum politischen Weg
unseres Volkes“, dem „Darmstädter Bruderratswort“.
Es
hätte freilich kaum unter der Ägide von Karl Barth und Hans Iwand
beschlossen werden können, wenn die reaktionären Kirchenführer aus
der sowjetischen Zone an der Beratung und Beschlußfassung beteiligt
gewesen wären, denn sie begannen bereits unter dem Patronat des alten
Deutschnationalen, Otto Dibelius, die Niederlage des Faschismus nicht
als Befreiung zu begreifen, sondern
sie als den leidvollen Übergang von einer „Diktatur“ in eine andere
darzustellen.
Im
Darmstädter Bruderratswort - und das war es, worum es bereits in all
unseren Auseinandersetzungen in der Bonner Studentengemeinde gegangen
war - fand sich endlich eine klare Absage an den deutschnationalen
Chauvinismus („wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen,
den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am
deutschen Wesen die Welt genesen könne“), eine klare Absage an den konservativen
deutschen Klerikalismus („wir sind in die Irre gegangen, als wir
begannen, eine ‘christliche Front’ aufzurichten. Das Bündnis mit
den das Alte und Herkömmliche konservierenden Mächten hat sich schwer
an uns gerächt. ... Wir haben das Recht zur Revolution verneint, aber
die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen“),
eine klare Absage an den Manichäismus („wir sind in die
Irre gegangen, als wir meinten eine Front der Guten gegen die Bösen ...
im politischen Leben und mit politischen Mitteln bilden zu müssen“ -
wer denkt da heute nicht an Reagan und Bush?) und - geradezu überraschend,
daß das schon 1947 in der Kirche erkannt wurde - eine Absage an den
Antikommunismus („wir sind in die Irre gegangen, als wir übersahen,
daß der ökonomische Materialismus der marxistischen Lehre die Kirche
an den Auftrag und die Verheißung der Gemeinde für das Leben und
Zusammenleben der Menschen im Diesseits hätte gemahnen müssen. Wir
haben es unterlassen, die Sache der Armen und Entrechteten gemäß dem
Evangelium von Gottes kommendem Reich zur Sache der Christenheit zu
machen.“
)
Mit
diesem Wort ergab sich nahtlos aus der
kirchlich-theologisch-reformatorischen Befreiung, in der wir ja
insbesondere die kirchliche Mitverantwortung an der Herausbildung des
Faschismus in Deutschland entdeckt hatten, die Konsequenz, für die
weitere politische Entwicklung mitverantwortlich zu sein und insofern
die zweite Etappe der, der Befreiung von außen entsprechenden,
Selbstbefreiung.
Politische
Verantwortung hieß für uns, den Schutt faschistischer Ideologie zu
allererst aus unseren eigenen Köpfen und dann aus den Köpfen in
unserer kirchlichen und gesellschaftlichen Umwelt auszuräumen. Dabei
meinten wir länger, als das tatsächlich der Fall war, uns im Konsens
mit den von außen einwirkenden westlichen Besatzungsmächten und vielen
in Westdeutschland gesellschaftlich bestimmenden Kräften zu befinden.
Erst
im Rückblick bemerkten wir, wie schnell sich insbesondere die britische
und die amerikanische Besatzungsmacht von den in Potsdam fixierten
Zielen der Antihitlerkoalition abgewandt hatte. Den eigentlichen Beginn
des dann so genannten „Kalten Krieges“, die Byrnes-Rede in Stuttgart
und die Churchillrede in Strasbourg, hatten wir kaum bemerkt, und auch
erst sehr viel später ging uns im Rückblick auf, daß die Atombomben
auf Hiroshima und Nagasaki bereits als Machtdemonstration gegen den
Bundesgenossen von gestern, die Sowjetunion, gerichtet gewesen waren und
daß man auch die Bombardierungen von Dresden, Chemnitz, Plauen,
Magdeburg unter dem Gesichtspunkt sehen kann, daß damit
Industriezentren zerstört wurden, von denen seit Jalta feststand, daß
sie zur sowjetisch besetzten Zone gehören würden, so daß deren Zerstörung
mehr den dortigen späteren Wiederaufbau treffen könnte als das bereits
in Agonie liegende Hitlerreich. Die faschistoide Reaktion auf diese
Bombardements, die gerade jetzt wieder aufflammt, ist allerdings doppelt
verlogen. Denn wenn diese späten Bombardements Reparationsleistungen
und Wiederaufbau in der sowjetischen Besatzungszone erschwerten oder gar
erschweren sollten, dann dienten diese letzten Bomben des heißen
Krieges gegen den Faschismus als erste Bomben des kalten Krieges gegen
den Kommunismus doch gerade dem Interesse jener deutschen Imperialisten,
die nun der „Terrorangriffe“ gedenken, um von ihrem eigenen, bis zum
Exzeß getriebenen Terror abzulenken. „Coventry“ und „Dresden“
miteinander zu verrechnen, heißt ein Verbrechen durch Vergleich mit
einem Notwehrexzeß zu relativieren.
Uns
aber ging es damals um wichtigere Fragen: um die Behauptung der Ideale bürgerlicher
Demokratie gegen den sich in Westdeutschland erstaunlich schnell wieder
regenden deutschen Imperialismus. Mit Demokratie meinten wir, gewiß in
vieler Hinsicht illusorisch, ein Staatswesen, das historischen Rückschritt,
insbesondere jede Weiterexistenz oder Neuformierung faschistischer
Strukturen und Ideologien unterband, aber für historische
Weiterentwicklung offen blieb.
Den
Kampf darum nahmen wir in einem frisch-fröhlichen Jagen auf, im Rückblick
betrachtet geradezu illusorisch siegesgewiß. Noch hatten wir, als die
unverdienten Nutznießer des Sieges der Antihitlerkoalition, das Gefühl,
gar keinen wirklich ernst zu nehmenden Gegner mehr zu haben. Wir fühlten
uns, etwas bekümmert, daß wir die gefährlichen Schlachten nicht auf
der richtigen Seite mit geschlagen und gewonnen hatten, nur noch dazu
berufen, das Schlachtfeld nach gewonnener Schlacht von übrig
gebliebenen, ewiggestrigen Marodeuren zu säubern.
Die
erste Ahnung, daß wir dabei nicht den Segen der westlichen Besatzungsmächte
hätten, überkam uns 1948 zum einen mit dem, was wir den „Sturm aufs
Brandenburger Tor“ nannten (geduldet von den Westalliierten hatten
antikommunistische Banditen die Sieges-Fahne vom Brandenburger Tor
herunter gerissen), und zum anderen, als die Engländer Max Reimann
wegen seines Protestes gegen die Demontagen einsperrten.
Dabei
wurde uns die ganze Zerrissenheit deutlich, in der wir uns damals
befanden. Einerseits verlockte die Freiheitsdemagogie zur Option „für
den Westen“, andererseits erkannten wir immer mehr, daß verantwortete
Freiheit sozial-ökonomische Gleichheit zur Voraussetzung hatte, und das
zwang zur Option „für den Osten“.
Daß
„unsere“ Besatungsmacht erneut ein Opfer des Faschismus einsperrte,
empfanden wir als Skandal. Aber der Protest Reimanns gegen die
Demontagen gefiel uns auch nicht. Hatten wir sie nicht mehr als
reichlich durch die faschistischen Untaten verdient? Wir empfanden
diesen Protest als leichtsinnige Öffnung für den Beifall unbelehrbarer
Nazis, die sich gegen jegliche Wiedergutmachung durch Reparationen
wehrten, und schrieben Reimann einen, man könnte sagen, kritischen
Solidaritätsbrief. Erstaunlicherweise veröffentlichte ihn das in
Ostberlin erscheinende „Forum“, und wir bekamen Besuch von
prominenten Kommunisten, die uns auf den Weg zur dritten Etappe unserer
Befreiung, der sozialistisch-gesellschaftlichen nach der
reformatorisch-kirchlichen und politisch-demokratischen, führten.
Das
schlug sich zunächst darin nieder, daß ich mich einem „Arbeitskreis
zum Studium des Marxismus“ anschloß. Ihn leitete der linke
Sozialdemokrat Dieter Goldschmidt. Von mir abgesehen bestand dieser
Kreis nahezu ausschließlich aus Kommunisten. Er konnte damals einen
Vertreter in den Studentenrat entsenden und delegierte mich.
So wurde ich zum Repräsentanten des linken Flügels im Göttinger
Studentenrat.
Der
Göttinger Studentenrat wurde damals von zwei Themen bestimmt: Einer
„Patenschaft“ mit der Studentenvertretung der Universität Leipzig
(sie sollte der Erhaltung der Einheit Deutschlands im Sinne des
Potsdamer Abkommens dienen), und dem damals eskalierenden Kampf gegen
die westdeutsche Remilitarisierung.
In
beiden Fragen standen sich an der Universität zwei etwa gleich starke
Lager gegenüber: Der Demokratische Studentenbund (mit Peter Bender),
der Sozialistische Studentenbund (mit Peter von Oertzen) und der
„Arbeitskreis zum Studium des Marxismus“ (schon kurze Zeit später,
was alle wußten, was aber keinen irritierte, verwandelt in die an den
Universitäten bereits verbotene FDJ-Hochschulgruppe) auf der einen
Seite, auf der anderen Seite die CDU-Hochschulgruppe, fast alle
Vertreter der Forstwirtschaftlichen Fakultät und insbesondere die
wieder erstandenen Korporationen, damals der eigentlich
neo(?)faschistische Kern an den westdeutschen Universitäten.
Zunächst
war - nicht nur an der Göttinger Universität, sondern innenpolitisch
wohl insgesamt - die Opposition gegen die
Remilitarisierung fast ebenso stark wie die Regierungsparteien von der
CDU bis zur äußersten Rechten, die uns aber als Vollzugsorgan des
Willens der us-amerikanischen und britischen Besatzungsmacht überlegen
waren. Nicht zuletzt deshalb liefen dann auch bald die Gewerkschaften
und die SPD ins gegnerische Lager über und die Regierung Adenauer
begann konsequent mit dem Gegenangriff. Sie konzentrierte ihn auf den
linken Flügel unter den Gegnern der westdeutschen Remilitarisierung,
zuerst auf die schon von Heinemann kurz vor seinem Rücktritt als
Innenminister an den Universitäten und im Bereich des Staatsdienstes
verbotenen „13 Organisationen“ (12 progressive, darunter die FDJ und
VVN, und als Feigenblatt eine neofaschistische, die „Sozialistische
Reichspartei“). Die Methode, einen Vernichtungsschlag gegen die
Linke durch ein Bauernopfer zur Rechten zu tarnen, wie sie heute bei der
Novellierung des Demonstrationsrechtes geübt wird, bewährte sich schon
damals! Und dann kam man zur eigentlich gemeinten Sache: einer immer
intensiveren Kommunistenverfolgung, die 1956 zum von Anfang an
erstrebten KPD-Verbot führte.
Der
Übergang zur sozialökonomischen Befreiung
Nun,
als das Auseinanderbrechen der Antihitlerkoalition zwischen den
imperialistischen Konkurrenten und den sozialistischen Gegnern des
Faschismus bereits nicht mehr zu übersehen war, mußten wir, die wir
uns noch 1948 als „Kamele zwischen Ost und West“ gefühlt hatten,
uns entscheiden, wohin wir gehörten. Die letzte Etappe des Weges in die
Freiheit - nach der reformatorischen und politischen nun die soziale
Wende - war zu beschreiten.
Sie
fiel uns subjektiv schwerer als die beiden ersten Etappen. Denn nun mußten
wir uns - nicht einfach negierend, aber kritisch-dialektisch - von
unseren großen kirchlichen und politischen Leitbildern auf dem Wege zur
Freiheit lösen, von Karl Barth, Thomas Mann, Albert Einstein und den
vielen anderen, deren idealistisch-moralischer Antinazismus uns bisher
zureichend Wegweiser gewesen war. Nun bedurfte es des Fortschritts zu
historisch-dialektisch-materialistisch sozial begründetem
Antifaschismus. So erforderte diese letzte Etappe der Selbstbefreiung
objektiv den weitesten Schritt bei der Selbstreinigung von unfruchtbar
gewordenen Traditionen.
Denn
bei dieser Selbstbefreiung ging es für uns um die Lösung aus unserer,
der in Westdeutschland noch herrschenden, Klasse, mit der die Kirche nur
allzu eng verbunden war. Diese Klasse hatte auf ihrem Wege zu
Imperialismus und Faschismus all ihre humanistisch-progressiven
Traditionen verleugnet und damit jedes Recht auf Führung der Nation
verspielt. Trotzdem fiel uns die Emanzipation von ihr schwer. Im Bürgertum,
dem wir entstammten, hatte man sich ja als herrschende Klasse mit der
Gesellschaft gleichgesetzt: Nur indem man zu dieser herrschenden Klasse
gehörte, empfand man sich als „zur Gesellschaft gehörig“; und wer
nicht zu dieser Klasse gehörte, sie verlassen oder verraten hatte, gehörte
nicht mehr „zur Gesellschaft“. So war der Abschied von dieser Klasse
für uns der Abschied von unserer Gesellschaft. Er wurde uns
erleichtert, durch unsere enge freundschaftliche Verbundenheit mit den
Göttinger Kommunisten. Aber in der neuen sozialistischen Gesellschaft,
in der DDR, in der wir nach diesem Abschied ankamen, gehörten wir nur
bedingt - als Bundesgenossen willkommen, aber nicht als Genossen
betrachtet (als parteilose Kommunisten waren wir das ja auch nicht) -
dazu.
Für
Bundesgenossen christlicher Provenienz war in der DDR eigentlich die CDU
als Blockpartei vorgesehen. Sie
sollte für den Sozialismus aufgeschlossene religiöse Kreise in die
volksdemokratische Entwicklung integrieren. Aber wir paßten in
diese Konzeption nicht hinein, und das bereitete der CDU, der SED und
natürlich auch uns zuweilen einige Schwierigkeiten. Wir waren (der SED
wie der CDU unbegreiflich) nicht-religiöse Christen, die sich darum
frei fühlten, viel historisch-dialektisch-materialistischer zu denken,
als das für sie vorgesehen war. Die in der CDU übliche Differenzierung
zwischen der Bejahung des „historischen Materialismus“ und der
Verneinung des „dialektischen Materialismus“ war uns so wenig möglich
wie das Verständnis für diese - ja auch im Bereich des Hochschul- und
Bildungswesen übliche - undialektische Aufteilung überhaupt. Wir waren
für die CDU nicht religiös genug (damit hatte sie recht) und für
die SED zu „religiös“, weil sie nie verstand, was wir mit unserer
strikten Unterscheidung zwischen Christusglauben und religiöser
Weltanschauung eigentlich meinten. So bedurfte es - noch einmal eine
paradoxe Erfahrung - erst der Konterrevolution, damit unsere
kommunistischen Freunde uns wieder so unbefangen begegnen konnten wie
einst in den Anfängen unserer Kampfgemeinschaft in Westdeutschland.
*
In
gewisser Weise war 1952, als wir, nicht ganz freiwillig,
in die DDR übergesiedelt waren, der Prozeß
unserer Selbstbefreiung - nicht beendet; beendet ist er nie, solange die
Geschichte weitergeht und solange wir leben, aber - zu seinem Ziel
gekommen: Dem Ziel der Befreiung als Christen von unserer babylonischen
Gefangenschaft in der Bürgerlichkeit unserer Kirchen, dem Ziel unserer
Befreiung als Bürger von dem historischen Abstieg des Citoyen zum
Bourgeois, des Bourgeois zum Imperialisten und des Imperialisten zum
Faschisten und schließlich dem Ziel unserer Befreiung aus der bürgerlichen
Gesellschaft insgesamt, die ihre historische Mission erfüllt und darum
keine menschliche Zukunft mehr vor sich hatte.
Wir
hatten bestätigt gefunden, was Dietrich Bonhoeffer im Mai 1944 aus dem
Gefängnis geschrieben hatte: „Auf unsere Privilegien werden wir
gelassen und in der Erkenntnis einer geschichtlichen Gerechtigkeit
verzichten können. Es mögen Ereignisse und Verhältnisse eintreten,
die über unsere Wünsche und Rechte hinweggehen. Dann werden wir uns
nicht in verbittertem und unfruchtbarem Stolz, sondern in bewußter
Beugung unter ein göttliches Gericht und in weitherziger und
selbstloser Teilnahme am ganzen und an den Leiden unserer Mitmenschen
als lebensstark erweisen.“
Nicht
zufällig schließe ich meine Reflexionen über den Weg von der
„Befreiung“ durch die Antihitlerkoalition zu der Bewährung der
Freiheit in reformatorischer Theologie, demokratischer Besinnung und
schließlich in der Wende von bürgerlichen Traditionen zur revolutionären
sozialistischen Bewegung mit einem Bonhoeffer-Zitat.
Beim
ersten Lesen seiner Gefängnisbriefe im Jahr 1951 merkte ich, daß ich
in der Bearbeitung dieses Erbes den Prozeß eigener kirchlicher,
politischer und sozialer Befreiung seit dem „Tag der Befreiung“ am
besten reflektieren könnte. Die Grundzüge meines Bonhoeffer-Buches
standen bei der wichtigsten Zäsur meines Weges zur Freiheit, bei
meiner Übersiedlung in die DDR, fest. Heinrich Vogel taufte diesen
„Beitrag zu der Beziehung des Wortes Gottes auf die societas in
Dietrich Bonhoeffers theologischer Entwicklung“ auf den Titel „Von
der Kirche zur Welt“. Zweifellos hat dieser Titel die Verbreitung des
Buches gefördert, aber auch ein Mißverständnis nahe gelegt. Weder führte
dieser Weg von der Kirche weg - ich habe ein Leben lang versucht, sie
auf diesem Weg mitzunehmen - noch führte er undifferenziert
zur Welt, sondern zu einer höchst kritischen Sicht der in sich so
widersprüchlichen Welt. Der Inhalt des Buches war viel
dialektischer, als es der schöne Name zeigt, den Heinrich Vogel ihm
gab. Und wenn manche Rezensenten später meinten, dies Buch sei ein
typisches „DDR-Produkt“, dann irrten sie. Es war das Produkt des
Weges zur Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft Westdeutschlands,
die, kaum daß sie hatte ahnen können, was Befreiung vom Faschismus heißen
würde, vor dieser Freiheit zurückschreckte und den Rückweg in den
Imperialismus einschlug, während ich ihn bis zur
historisch-dialektisch-materialistischen Einsicht weiter zu gehen
versuchte.
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Nach
dem 8. Mai 1945 gab es noch einmal einen Tag der Befreiung in
Deutschland, nunmehr allerdings nur noch in einem Teil Deutschlands: den
11. August 1961. Was wir damals gewonnen hatten, haben wir inzwischen -
auch durch eigene Schuld - wieder verloren. Ich erlebte diesen Verlust
der gewonnenen Freiheit wiederum ebenso paradox, wie ich 1945 ihren
Gewinn erlebt hatte: War damals wirkliche Freiheit für viele Deutsche
nur hinter Stacheldraht, sechzehn Jahre später nur hinter einem
antifaschistischen Schutzwall zu haben, so ist sie nun wieder nur in der
verschworenen Gemeinschaft derer präsent, die wissen, daß die Zukunft
des Imperialismus nur Barbarei sein kann - wie das Mittelalter nach dem
Zusammenbruch der Antike - , wenn es denen, die Geschichte verstehen,
nicht gelingt, noch einmal revolutionär Geschichte zu machen.
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