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Kampflose
Kapitulation
Nur
noch für einen guten Abgang sorgen:
Die
Rede des SPD-Parteivorsitzenden Otto Wels gegen das Ermächtigungsgesetz
am 23. März 1933
Von
Heinz Niemann
Quelle:
jungeWelt vom
19.03.2008
Es
gehört zu den Mythen des sozialdemokratischen Geschichtsbildes, die
Rede des Parteivorsitzenden Otto Wels zur Begründung des »Neins« der
noch freien SPD-Abgeordneten am 23.März 1933 als großartige, mutige
Tat zu würdigen. Wir Nachgeborenen sollten es uns nicht zu leicht
machen, über Feigheit oder Mut damaliger Akteure zu urteilen, aber
einen historischen Maßstab an die Wirkung und Folgen dieser oder jener
Tat darf man schon anlegen. Auch die ernsthafte Frage, ob es nicht
angemessenere Alternativen zur bloß parlamentarischen Verteidigung des
Rechtsstaates gegeben hätte, ist sicherlich legitim.
»Demokratisch«
bis zum Schluß
Mit
dem Ermächtigungsgesetz, offiziell das »Gesetz zur Behebung der Not
von Volk und Reich«, wollte Hitler seine von Beginn an verfolgte Taktik
krönen, die faschistische Diktatur mit Hilfe staatlicher
Machtinstitutionen und scheinbar »legal« zu errichten. Der
Gesetzentwurf, mit dem die Regierung von der Verfassung »abweichende«
Gesetze erlassen und der Reichstag vorerst für vier Jahre völlig
ausgeschaltet werden konnte, sowie der Anschauungsunterricht, den der
Naziterror der letzten Monate geliefert hatte, ließen keine Zweifel
daran, daß es sich hier um einen Akt handelte, der dem Sinn und
Wortlaut der Weimarer Verfassung vollkommen widersprach und sie endgültig
zu einem Fetzen Papier machte. Aber selbst durch eine Abänderung der
Geschäftsordnung, mit der das Anwesenheitsquorum der Abgeordneten
verringert wurde, bekamen die Nazis und Deutschnationalen noch keine
Zweitdrittelmehrheit von wenigstens 252 Volksvertretern zusammen. Es
bedurfte mindestens der Zustimmung der bürgerlichen Zentrumspartei.
Die
mit dem Umzug in die Krolloper notwendige neue Sitzungsordnung ließ das
Fehlen der 81 kommunistischen Abgeordneten zwar optisch nicht auffallen,
aber ohne SPD-Fraktion wäre das ganze Schauspiel verpufft.
In
den vorbereitenden Fraktionssitzungen der SPD hatten die Abgeordneten
darum gerungen, wie man sich nun, da die Niederlage der
Arbeiterbewegung, der immer sichtbarer werdende Zerfall der eigenen
Partei und die Abwendung der ehemaligen Koalitionspartner und sogar des
Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) eindeutig waren,
verhalten sollte. Die vom Parteivorstand ausgegebene These, den Boden
der Verfassung niemals als erste zu verlassen und den »Faden der
Legalität« solange wie möglich weiterzuspinnen, war ein Selbstbetrug.
Die nur Stunden nach der Reichstagsbrandprovokation (28. Februar 1933,
siehe jW v. 27.2.2008) erlassene Verordnung des Reichspräsidenten Paul
von Hindenburg »zum Schutz von Volk und Staat« hatte die Artikel 114,
115, 116, 117 118, 123 und 153 außer Kraft gesetzt. Damit waren »Beschränkungen«
der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung
einschließlich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts,
Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnisses,
Anordnungen von Haussuchungen sowie Beschränkungen des Eigentums auch
außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen für zulässig
erklärt worden.
Was
die KPD schon am 30. Januar erklärt hatte, daß dies die »brutalste,
unverhüllteste Kriegserklärung an die Werktätigen, an die deutsche
Arbeiterklasse« sei, hatte sich längst bestätigt. So jagte die SA nun
mit Hilfe der Polizei völlig ungehemmt bekannte Antifaschisten,
insbesondere die Kommunisten und ihre am 5. März gewählten 81
Abgeordneten. »Eiserne Front« und »Reichsbanner«, die Kampfverbände
der SPD, waren seit dem 6. März verboten, und seit dem 10. März
durften keine sozialdemokratischen Zeitungen mehr erscheinen.
Neun
SPD-Abgeordnete waren in irgendwelchen KZ verschwunden. Einige
Prominente wie Rudolf Breitscheid, Arthur Crispien, Wilhelm Dittmann,
Otto Landsberg, Rudolf Hilferding und Philipp Scheidemann hatten sich
vor der Reichstagssitzung krank gemeldet oder waren auf dem Weg ins
Ausland oder wie Otto Braun, der ehemalige preußische Ministerpräsident,
bereits außer Landes. Aber die Führung beschwor die »Legalität«.
Einwände einiger Abgeordneter, wie des Vorsitzenden des »Allgemeinen
freien Angestelltenbundes« Siegfried Aufhäuser, des Reichsbannerführers
Karl Höltermann und des Berliner Bezirksvorsitzenden Otto Buchwitz
sowie von Künstlern, diesem Legalitätsschwindel fernzubleiben, wurden
verworfen.
Nun
hätte es nur darum gehen können, dieses Forum als Bühne zu nutzen, um
vor den Augen und Ohren der internationalen und deutschen Journalisten
und zahlreichen Diplomaten in den Logen der Berliner Krolloper diesem
gefährlichen Schmierenkomödianten die Maske vom Gesicht zu reißen.
Eine unmittelbare Gefährdung bestand nicht. Schließlich hatte Hitler
größten Wert darauf gelegt, daß die SPD-Fraktion an der Abstimmung
teilnahm. Nicht von ungefähr hatte man im Vorfeld der Sitzungen von höchster
Stelle aus der Reichskanzlei dem noch im Ausland weilenden
Parteivorsitzenden Otto Wels persönliche Sicherheit garantiert.
Konziliante
Rede
So
machten sich Vorwärts-Chefredakteur Friedrich Stampfer, der
Fraktionsvorsitzende im Preußischen Landtag Ernst Heilmann und Kurt
Schumacher mit Wels daran, eine Erklärung zu formulieren. Das Ansinnen,
einem jungen Abgeordneten die Rede halten zu lassen, hatte Wels nach längerer
Diskussion zurückgewiesen: Er und kein anderer werde das machen und
Hitler die gebührende Antwort geben. Noch in der dreistündigen Pause
nach Hitlers Rede am Nachmittag war an dem Text gefeilt worden. Der
schließlich gebilligte Text war »konziliant«, wie auch SPD-Historiker
Heinrich August Winkler 1987 schrieb, was soviel heißt wie »versöhnlich,
verbindlich, entgegenkommend«. Der Wels-Biograph Hans Jakob Ludwig
Adolph versuchte sich bereits 1971 in seinem Buch »Otto Wels und die
deutsche Sozialdemokratie« an einer Rechtfertigung für solche »Konzilianz«:
»Eine zu scharfe Polemik gegen die Nationalsozialisten und Hitler mußte
nach Auffassung des Fraktionsvorstandes und der Fraktion vermieden
werden, um dem Gegner in der Reichstagssitzung keinen Vorwand zu
liefern, Wels niederzubrüllen. Außerdem wollte die Partei die Erklärung
ihrer Fraktion unbedingt in der Presse abgedruckt sehen, um der
Parteimitgliedschaft, dem deutschen Volk und dem Ausland den
ungebrochenen Widerstandswillen der deutschen Sozialdemokratie sichtbar
zu machen. Schon aufgrund dieser taktischen Erwägungen konnte Wels
keine seiner für ihn typischen Kampfreden halten.«
Gegen
die von Hitler zwar mit gewohnter Demagogie, aber ansonsten eher moderat
hervorgegurgelten Angriffe auf die SPD und die »Systemparteien«, die
an allem Elend schuld wären, hatte Wels in der Pause auch noch einige
handschriftliche Notizen gemacht, die dem offiziellen Erklärungstext
vorangestellt wurden.
Gegen
links statt gegen rechts
»Für
einen Moment verbreitete sich Totenschweigen im Hause aus«, beschrieb
ein britischer Zeitzeuge die Situation, »während von draußen die
drohenden Sprechchöre der SA hereindrangen. Weiß bis an die Lippen,
den Mund zusammengepreßt, mit harten Zügen, in sichtbarem Bewußtsein
der Schwere, des Ernstes und der Gefahr des Augenblicks, bestieg Otto
Wels (...) langsam die Rednertribüne. Den Kopf leicht gesenkt, aber die
stämmige Gestalt gestrafft, die Schultern hochgezogen, als ob er in ein
Gewehrfeuer hineinschritte.« Wer war dieser Mann, der in einer
schicksalhaften Stunde gefordert war, Geschichte zu schreiben, und der
um 18.16 Uhr zum Rednerpult schritt?
Ein
kurzer Blick auf seine Biographie besagt erst einmal nur, daß er
besondere familiäre Voraussetzungen für eine große Persönlichkeit
der Geschichte nicht hatte. Der Vater, ein Gastwirt aus einer
Brauereisippe stammend, seine Mutter aus einer preußischen
Berufssoldatenfamilie, garantierten ihrem Sohn eine unbekümmerte
Kindheit im Norden Berlins. Die oft im Hinterzimmer der Kneipe tagenden
Sozialdemokraten weckten sein jugendliches Interesse. Nach Volksschule
und nach der Lehre als Tapezierer und Innendekorateur im Jahr 1891 begab
er sich zwei Jahre auf Wanderschaft, heiratete nach seiner Rückkehr,
leistete zwischen 1895 bis 1897 seinen Militärdienst, bekam zwei Söhne
geboren und lebte ein tadelloses Familienleben. Ab 1897 begann er sich
in seiner Gewerkschaft der Maler, Tapezierer und Innendekorateure, nicht
gerade ein Hort revolutionärer Gewerkschaftspolitik, und in der SPD zu
engagieren. Intelligent, ehrgeizig und von Statur und Erscheinung
durchaus imponierend, wurde er schon ein Jahr später Vorsitzender der
Agitationskommission seiner Gewerkschaft, 1900 wählte man ihn in den
Verbandsvorstand und 1905 wurde er hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär.
Diese
Tätigkeit endete 1907 durch die Wahl zum hauptamtlichen
SPD-Parteisekretär der Provinz Brandenburg. Er las die populäre
Parteiliteratur und besuchte sporadisch die Arbeiterbildungsakademie in
Berlin. In den Revolutionstagen im Jahr 1918 bewährte er sich
hervorragend als aktiver Gehilfe Friedrich Eberts und als Berliner
Stadtkommandant. Ihm gelang es bekanntlich, eine klare MSPD-Mehrheit der
Delegierten zum Rätekongreß zu organisieren, die Volksmarinedivision
zu neutralisieren, eine der SPD loyale Sicherheitswehr aus Armeeverbänden
zu formieren usw.
Seine
Förderer und langjährigen Parteifreunde gehörten ausschließlich dem
rechten Flügel an, so Ebert, Hermann Müller-Franken, Hans Vogel, Carl
Severing, Friederich Stampfer, Wenzel Jaksch, Parvus-Helphand, Philipp
Scheidemann, später Erich Ollenhauer. Als Ebert Reichspräsident wurde,
Scheidemann sich zurückgezogen hatte, schlug seine große Stunde.
Bereits seine Bestellung als Berichterstatter des Parteivorstandes auf
dem Weimarer Parteitag 1919 signalisierte, daß er der kommende Mann
war. Seine Rede bewies eindrucksvoll seine Fähigkeiten zur gekonnten
rigorosen Polemik. Kein demagogischer Trick war ihm zu billig, um die
Delegierten zu packen. Viel war stets von Sozialismus und Kampf, von
Demokratie und Verantwortung als Regierungspartei die Rede, und schon
damals formulierte er ein absolutes Credo seiner Politik: »Bedenken
Sie, daß wir gezwungen sind, die Demokratie mehr gegen links als nach
rechts zu verteidigen.« Ausführlich begründete er die Koalition mit
den bürgerlichen Parteien, verteidigte die Kriegspolitik und das Bündnis
mit der alten Militärmacht im Kampf gegen links in den Jahren 1918/19.
Auf allen Parteitagen wurden oppositionelle Anträge entweder ignoriert
oder abgeschmettert. Seine stets pathetischen Schlußsätze – wie auf
dem Weimarer Parteitag – »unser Weg geht geradeaus durch die
Demokratie zum Sozialismus, der Wohlergehen, Freiheit und Glück für
alle verbürgt«, gingen regelmäßig im stürmischen Applaus fast
unter.
Bei
seiner ersten Wahl zum Vorsitzenden erhielt er mit nur 77 Prozent der
Delegierten allerdings das schlechteste Ergebnis; später verbesserten
sich diese zwar, ohne je ganz Spitze zu sein. Das war der Rolle
geschuldet, rabiat mit allen linken Ideen und oppositionellen Kandidaten
aufzuräumen. Er wollte nicht der Liebling der Partei sein, sondern
deren Zuchtmeister. Als ein Freund des guten Essens und Trinkens wurde
im »Lukullus«, in der Nähe des Vorwärts-Hauses, in ihm ergebenen
Kreisen ausgiebig gezecht und Skat gespielt. Widerspruch duldete er nur
ungern und politische Opponenten von links bekamen sein cholerisches
Temperament und wachsende autoritäre Mentalität zu spüren. Dieser
Mann, ein Apparatmann, geformt nach dem »ehernen Gesetz der Oligarchie«,
stand nun vor seiner wichtigsten Rede, von der mehr als nur irgendeine
parlamentarische Konstellation, eine Abstimmung über irgendeinen Antrag
abhing.
»Wir
stehen zum Rechtsstaat«
Lassen
wir denText seiner Rede (fast) vollständig sprechen: Wels verwahrte
sich eingangs gegen die üblichen Angriffe und Unterstellungen
hinsichtlich der Rolle der Sozialdemokraten beim Versailler Vertrag und
erinnerte daran, daß der vom Reichskanzler, also von Hitler, erhobenen
außenpolitischen Forderung nach Gleichberechtigung Deutschlands die SPD
umso nachdrücklicher zustimme, da sie die schon seit langen vertreten
habe. Er, Wels, sei es schließlich gewesen, der als erster Deutscher
vor der Berner Sozialistenkonferenz 1919 der Unwahrheit von der Schuld
Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges entgegentreten sei. »Nie
hat uns irgendein Grundsatz unserer Partei daran hindern können oder
gehindert, die gerechten Forderungen der deutschen Nation gegenüber den
anderen Völkern der Welt zu vertreten. (Bravo bei den
Sozialdemokraten.)
Der
Herr Reichskanzler hat auch vorgestern in Potsdam einen Satz gesprochen,
den wir unterschreiben. Er lautet: ›Aus dem Aberwitz der Theorie von
den ewigen Siegern und Besiegten kam der Wahnwitz der Reparationen und
in der Folge die Katastrophe der Weltwirtschaft.‹ Dieser Satz gilt für
die Außenpolitik; für die Innenpolitik gilt er nicht minder (Sehr
wahr! Bei den Sozialdemokraten.) Auch hier ist die Theorie von ewigen
Siegern und Besiegten, wie der Herr Reichskanzler sagte, ein Aberwitz.
Das
Wort des Herrn Reichskanzler erinnert uns aber auch an ein anderes, das
am 23. Juli 1919 in der Nationalversammlung gesprochen wurde. Da wurde
gesagt: ›Wir sind wehrlos, wehrlos ist aber nicht ehrlos. (Lebhafte
Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Gewiß, die Gegner wollen uns an
die Ehre, daran ist kein Zweifel. Aber daß dieser Versuch der
Ehrabschneidung einmal auf die Urheber selbst zurückfallen wird, da es
nicht unsere Ehre ist, die bei dieser Welttragödie zugrunde geht, das
ist unser Glaube bis zum letzten Atemzug.‹ (Sehr wahr! Bei den
Sozialdemokraten. – Zuruf von den Nationalsozialisten: Wer hat das
gesagt?) Das steht in einer Erklärung, die eine sozialdemokratisch geführte
Regierung damals im Namen des deutschen Volkes vor der ganzen Welt
abgegeben hat, vier Stunden, bevor der Waffenstillstand abgelaufen war,
um den Weitervormarsch der Feinde zu verhindern.
– Zu dem Ausspruch des Herrn Reichskanzlers bildet jene Erklärung
eine wertvolle Ergänzung. Aus einem Gewaltfrieden kommt kein Segen;
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten) im Innern erst recht nicht.
(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Eine wirkliche
Volksgemeinschaft läßt sich auf ihn nicht gründen. Ihre erste
Voraussetzung ist gleiches Recht. Mag sich die Regierung gegen rohe
Ausschreitungen der Polemik schützen, mag sie die Aufforderungen zu
Gewalttaten und Gewalttaten selbst mit Strenge verhindern. Das mag
geschehen, wenn es nach allen Seiten gleichmäßig und unparteiisch
geschieht, und wenn man es unterläßt, besiegte Gegner zu behandeln,
als seien sie vogelfrei. (Sehr wahr! Bei den Sozialdemokraten.) Freiheit
und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht. (Lebhafter Beifall bei
den Sozialdemokraten.)
Nach
den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit
erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten
können, daß sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz
stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die
Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach
Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit
besteht, besteht auch die Pflicht. (Sehr richtig! bei den
Sozialdemokraten.) Kritik ist heilsam und notwendig. Noch niemals, seit
es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen
Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße
ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht, (Sehr wahr! Bei den
Sozialdemokraten) und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch
mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muß sich um so
schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit
entbehrt.«
Dann
wies Wels die Unterstellung zurück, übertriebene Meldungen über die
deutsche Situation an die Auslandspresse gegeben zu haben und bot an,
dem auch durch Reisen in die Nachbarländer entgegentreten zu wollen.
Auch würde jedes Gesetz zur Wahrung der Interessen des Volkes die
Zustimmung der »gewaltigen Majorität« des Reichstages erfahren. In
dieser Sache hätten die Sozialdemokraten in schwerster Zeit
Mitverantwortung getragen und Bedeutendes geleistet. Vergeblich würde
der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Die
Weimarer Verfassung sei keine sozialistische Verfassung, aber »wir
stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung,
des sozialen Rechtes, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen
Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich
zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, der Freiheit
und des Sozialismus. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und
unzerstörbar sind, zu vernichten. (...) Wir grüßen die Verfolgten und
Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit
und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene
Zuversicht – (Lachen bei den Nationalsozialisten – Bravo bei den
Sozialdemokraten) verbürgen eine hellere Zukunft. (Wiederholter
lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten. – Lachen bei den
Nationalsozialisten.)«
Hitlers
Schlußwort
Da
Stampfer den Text bereits zuvor an die Presse gegeben hatte, war Hitler
auf eine zusätzliche Demütigung der Sozialdemokraten vorbereitet.
Unmittelbar nach Wels ans Pult stürzend, wiederholte er die Verratsvorwürfe
und schrie unter dem Jubel der Nazifraktion: »Sie meinen, daß Ihr
Stern wieder aufgehen könnte! Meine Herren, der Stern Deutschlands wird
aufgehen und Ihrer wird sinken. (...) Ich glaube, daß Sie für dieses
Gesetz nicht stimmen (...). Ich will auch gar nicht, daß Sie dafür
stimmen! Deutschland soll frei werden, aber nicht durch Sie!«
Angesichts
der Tatsache, daß nicht ein einziger der konservativen Abgeordneten,
darunter so bekannte Figuren im westlichen Nachkriegsdeutschland wie
Theodor Heuss, Ernst Lemmer, Fritz Schäffer, Ritter von Lex, Reinhold
Maier den Mut und die Weitsicht hatten, trotz gewisser Bedenken mit »Nein«
zu stimmen, war die Haltung der SPD eine moralische Tat, eine gebührende
Antwort oder gar eine Sternstunde der kämpferischen parlamentarischen
Demokratie oder staatsmännischer Klugheit war sie nicht; sicher
couragiert, aber wirklich mutig wäre etwas anderes gewesen. Es war die
Rede des Führers einer kampflos kapitulierenden SPD-Truppe, der sich
mit hohlem Pathos um einen guten Abgang bemühte.
Heinz
Niemann ist Historiker. Von ihm erschien soeben in der edition ost das
Buch »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1914–1945«, 760
Seiten, 39,90 Euro
Wels bezog sich wahrscheinlich auf einen gemeinsamen Aufruf
von Reichspräsident Ebert und der Regierung Scheidemann vom 9. Mai
1919 gegen den Versailler Vertragsentwurf. In dem Aufruf hieß es:
»Gewalt ohne Maß und Grenzen soll dem deutschen Volk angetan
werden. Aus solchem aufgezwungenen Frieden müßte neuer Haß
zwischen den Völkern und im Verlauf der Geschichte neues Morden
erwachsen. Die Welt müßte jede Hoffnung auf einen die Völker
befreienden und heilenden, den Frieden sichernden Völkerbund
begraben.«
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