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Eugen
Leviné
Rede
vor Gericht
Juni
1919
Quelle:
http://www.marxistische-bibliothek.de/levinevorgericht.html
»Es
fällt mir ziemlich schwer, meine Ausführungen zu machen. Schon vor
meiner allerersten Vernehmung erklärte ich, daß eigentlich alles, was
jetzt vorgeht, das ganze Gericht, nur eine Konsequenz der politischen Lage
und nicht der juristischen ist. Der Hochverrat ist daher da, weil die Räterepublik
unterlegen ist. Dasselbe ist in dem Leitartikel der »Münchener Neuesten
Nachrichten« gesagt worden, wo es heißt, daß nur der mißlungene
Hochverrat Hochverrat, jeder gelungene kein Hochverrat sei. Hochverrat
resultiert aus politischen Erwägungen, nicht aus juristischen.
Das
Gericht sehe ich als die Vertreter jener Klasse an, die ich als meine
bisherigen politischen Gegner betrachte. Ich könnte mich vielleicht vor
Kommunisten verantworten, aber wie könnte ich mich vor meinen Gegnern um
Taten willen verteidigen, die sie als gegen ihre Existenz gerichtet
ansehen müssen! Ich war in Rußland in ähnlicher Lage; dort habe ich die
Aussage verweigert und wurde mangels Beweisen freigesprochen. Wenn ich
jetzt diese Taktik nicht befolge, so will ich auch die Gründe dafür
sagen. Ich verteidige mich nicht, weil ich eine mildere Strafe von Ihnen
erwarte; wenn ich das wollte, dann müßte ich eigentlich jetzt schließen,
denn meine Verteidiger, die Ihnen politisch und menschlich näherstehen
als ich, würden die Verteidigung viel wirksamer ausüben können. Ich
nehme jetzt wieder das Wort aus dem Grunde, aus dem ich mich während des
ganzen Prozesses an der Verteidigung auf das entschiedenste beteiligt
habe. Es wurden in der Presse und Öffentlichkeit die ungeheuerlichsten
Gerüchte verbreitet über die Räterepublik, über mich persönlich wie
über die ganzen Vorgänge, und ich möchte diese Gerüchte deswegen nicht
unwidersprochen lassen; die Münchener Arbeiterschaft hat mich nur kurz
kennengelernt, und so könnte mancher Münchener Arbeiter nun von einem
gewissen Wurm des Zweifels angenagt werden, ob er sein Vertrauen wirklich
jemandem geschenkt hat, der dessen würdig war. Da ich nicht mehr frei
bin, muß ich zu diesem Mittel greifen, damit ich alles aufrollen kann.
Ein
zweiter Grund ist der, daß ich Mitglied der Kommunistischen Partei bin
und diese diejenige ist, die am meisten gehaßt und verleumdet wird in
Deutschland. Daher halte ich es für meine Pflicht, in der Öffentlichkeit
einmal zu zeigen, aus welchen Beweggründen die Mitglieder der KPD
arbeiten, arbeiten wollen und zu arbeiten versuchen. Das bin ich schuldig
jenen Arbeitern gegenüber im Aktionsausschuß, jenen über 1200 Betriebsräten,
mit denen ich in täglicher Zusammenarbeit doch zusammengewachsen bin,
wenn sie mich auch davongejagt haben; ich bin es ihnen schuldig, sie
ebenfalls zu reinigen,
Ich
verteidige mich also nicht, um eine mildere Strafe zu erwirken, sondern um
mir die Möglichkeit nicht entgehen zu lassen, festzustellen, was ist.
Der
größte Gegensatz zwischen mir und der Staatsanwaltschaft besteht darin,
daß sie alle politischen und sozialen Vorgänge, sowohl in Deutschland
wie in der ganzen Welt, von vollkommen entgegengesetzten Punkten auffaßt.
Der Staatsanwalt überschätzt die Macht und die Fähigkeit der Führer,
etwas zu tun und irgendwie einzugreifen. Ihm scheint, die Würfel der
Weltgeschichte rollen anders, je nachdem sie von der Hand ehrlicher oder
ehrloser Führer geworfen werden. Aber die Führer kommen selbst aus den
Massen hervor, wenn auch vielleicht aus anderem Milieu. Sie werden zu Führern,
nicht weil sie über die Massen hervorragen, sondern nur dadurch, daß sie
befähigt sind, das auszusprechen, was die Massen selbst instinktiv
ersehnen und was sie aus Mangel an formaler Bildung nicht zum Ausdruck
bringen können. Deshalb werden Sie zwar in Ihren bürgerlichen Kreisen
eine große Anzahl von Menschen finden, die mir an Wissen überlegen sind,
aber in einer Versammlung von Arbeitern wäre ich Sieger geblieben, Herr
Staatsanwalt, nicht wegen meiner persönlichen Überlegenheit, sondern
nur, weil ich das ausgesprochen hätte, was die Massen fühlten und
wollten. Es ist bloß die Tragödie der Münchener Massen, daß sie noch
zuwenig politisch geschult waren. Sie verstanden wohl, daß das ganze
Proletariat als Gesamtheit auftreten müsse, um zu siegen; ihnen schien
jedoch, daß diese Gesamtheit verschiedene Programme haben konnte und daß
es vollkommen genügt, wenn die Mehrheitssozialisten, die Unabhängigen
und Kommunisten einen äußerlichen Pakt schließen. Tatsächlich ist
daran auch zum Teil die Münchener Räterepublik gescheitert. Wenn das
Proletariat einig ist in seinem Ziel und in seinem Wollen, dann ist es
unbesiegbar, nicht aber, wenn die Einigkeit nur durch ganz formale äußere
Verknüpfungen organisatorischer Art hergestellt ist. Aus diesen
Voraussetzungen heraus ist die Beurteilung aller Punkte, die ich später
anführen werde, bei mir nämlich eine ganz andere als beim Staatsanwalt.
Ich möchte meine Strafbemessung nicht abschwächen, und nicht juristisch
will ich die Verantwortung etwa ablehnen auf den Vollzugsrat, sondern
stehe für meine Handlungen vollkommen ein. Ich bin zum Teil auch der
Initiator gewesen, manche Idee habe ich den Arbeitern erst formuliert, die
sie instinktiv fühlten, aber ich kann sagen, daß ich niemals an einer
Revolution teilgenommen hätte, welche von Führern der Masse geschoben
worden wäre, wie der Herr Staatsanwalt sie geschildert hat.
Als
ich als junger Student nach Rußland ging, kam es mir schon zum Bewußtsein,
daß die Tätigkeit eines politischen Agitators darin besteht, nur das zu
formulieren, was der geschichtliche Wille der Masse ist, nicht aber ihnen
gegenüber und gegen sie seinen Willen durchzuführen. Danach habe ich
gehandelt. Ich habe mich an die Massen gewendet; waren sie mit mir einig,
haben sie es getan; wenn nicht, dann mußte ich leider oft die Rolle
spielen, die ich spielte, und die strafrechtlichen Folgen tragen für das,
was andere in ihrem Unverstand eingebrockt hatten. Das alles sage ich
nicht aus einer persönlichen Haltung heraus, sondern weil das die
Grundanschauung der Partei der Kommunisten ist. Diese gilt in der Öffentlichkeit
immer als Gruppe von Leuten, die den Terror einer Minderheit ausüben
wollen, die die Diktatur über das Proletariat ausübenwollen. Jede Zeile
des Programms der Partei ist voll davon, daß nur das Proletariat selbst
imstande ist, etwas zu erreichen.
Aus
dieser Auffassung heraus, die gerade den Massen nicht nur den Schwerpunkt,
sondern auch die Gesamtheit der Aufgaben zuweist, entspringt auch unsere
ganze Stellungnahme zu der viel umstrittenen Frage des Terrors und des
gewaltsamen Kampfes. Ich hatte schon Gelegenheit, meine Stellung über die
Diktatur des Proletariats darzulegen, daß die Diktatur des Proletariats
nur eine Zwischenstufe ist in der Zeit nach der Diktatur des Kapitals bis
zur Zeit, wo völlige Demokratie dadurch geschaffen wird, daß es nur eine
Klasse der Arbeitenden gibt. Die Partei der Kommunisten ist überzeugt, daß
dieses Programm sich sehr wohl ohne Gewalt durchsetzen ließe, wenn die
verschwindende Mehrheit der Besitzenden sich vor der geschichtlichen
Notwendigkeit nicht verschließen würde. Der bewaffnete Kampf aber, der
uns so sehr vorgeworfen wird, beginnt erst dann, wenn diese verschwindende
Minderheit trotzdem für die Privilegien ihres Standes und ihrer Klasse
sich mit bewaffneter Hand zur Wehr setzt. »Die proletarische Revolution
bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den
Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht
Individuen, sondern Institutionen bekämpft.«
Wieso
kommt es denn zu diesem Kampf? Wieso kommt es, daß wir, wenn wir an die
Macht gelangen, eine Rote Armee bilden? Das kommt aus der historischen
Erkenntnis heraus, daß bisher jede privilegierte Klasse mit bewaffneter
Hand sich gewehrt hat dagegen, daß ihre Privilegien genommen wurden, und
weil wir das wissen, weil wir nicht im Wolkenkuckucksheim leben, weil wir
nicht damit rechnen können, daß in Bayern andere Verhältnisse sind, daß
sich hier die Bourgeoisie und die kapitalistische Klasse widerstandslos
enteignen lassen würden, daher mußten wir die Arbeiter bewaffnen, um
Angriffe dieser enteigneten Kapitalisten abwehren zu können. So ist es
bisher überall gewesen, so werden wir natürlich, wo es uns einmal
gelingt, zur Macht zu kommen, überall handeln. Wir haben die
Arbeiterschaft nicht aus Freude am Blutvergießen aufgefordert, sich zu
bewaffnen, im Gegenteil, wir würden uns sehr freuen, wenn in irgendeinem
Falle die bisher bevorrechtete Klasse darauf verzichten würde, den
aussichtslosen Kampf erst aufzunehmen, denn der Kampf wird einmal für sie
aussichtslos. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß auch der Sieg des
Proletariats in den Novembertagen unblutig verlief. Daß zum Beispiel in
Berlin die ersten Schüsse fielen um sechs Uhr abends aus dem Marstall, wo
Offiziere auf wehrlose Spaziergänger geschossen haben aus Gefühlen des
Unmuts über den Gang der Ereignisse.
Ich
stehe auf dem Standpunkt, daß die Bewaffnung des Proletariats, die hier
stattfand, da war, um die Bourgeoisie abzuhalten vor bewaffneten
Gegenangriffen. Der Herr Staatsanwalt oder der Herr Vorsitzende hat einen
Artikel aus dem Mitteilungsblatt des Vollzugsrates vorgelesen, in dem es
aus der gleichen Befürchtung heraus heißt, daß die Gewehre, die nicht
abgeliefert werden, dazu da sind, um auf die Proletarier zu schießen.
Während
ich vorher äußerst pessimistisch die Situation beurteilt hatte, als man
mir entgegenhielt, hier in Bayern sei es anders, die bayrische Regierung
werde sich hüten, Preußen einmarschieren zu lassen, kam ich später zu
der Hoffnung, daß wir uns vielleicht so lange halten können, bis
anderswo auch die Räterepublik ausgerufen würde, und daß die Regierung
Hoffmann davon absehen werde, anzugreifen. Wir alle empfinden die Vorgänge
in den ersten Tagen des Mai nicht als einen Vorstoß des Proletariats,
sondern als ein unmotiviertes Blutbad, das die Weißen Garden unter der Münchener
Arbeiterschaft hervorgerufen haben. Während der ganzen Zeit, während der
ich in München war, hatte ich die große Freude, mit meinen
kommunistischen Freunden Hand in Hand arbeiten zu können. Es herrschte
immer vollkommene Einstimmigkeit, und darum fühlte ich mich bei meinem
Auftreten hier nicht als Fremder, sondern ich fühlte mich zunächst mit
diesen kommunistischen Arbeitern verbunden und durch sie mit der ganzen Münchener
Arbeiterschaft; ich durfte daher wenigstens für diese Zeit in ihrem Namen
sprechen.
Dann
kommt der zweite Punkt, der ebenfalls zusammenhängt mit meiner ganzen
Auffassung: jederzeitige Abberufung und Absetzbarkeit eines jeden Funktionärs
der Räterepublik. Der Eckpfeiler der Räterepublik ist, daß sie
aufgebaut ist auf den Betriebsräten. Die Arbeiter werden zusammengefaßt,
nicht nach ihren Wohnstätten, sondern nach ihren Arbeitsstätten. Da, wo
man täglich zusammensteht, wo man sich täglich kennenlernt, beim täglichen
Zusammenarbeiten, da gehen auch die Wahlen der Funktionäre nach ganz
anderen Grundsätzen vor sich. Da weiß der Arbeiter, ob der Gewählte nur
ein Schwätzer ist oder einer, der seinen Mann stehen kann. Daher ist
dieser Aufbau für uns das Normale und das Gegebene gewesen, um so mehr,
da ja dieses neue Staatswesen nur die Arbeitenden umfassen wird. Jeder
Vertreter der Arbeiter bleibt nur so lange auf seinem Posten, wie seine Wähler
es wollen. Es war daher keine Phrase, wenn ich mein Mandat wiederholt zurücklegte
in die Hände der Betriebsräte. Daher kann ich sagen, daß ich und meine
Freunde aus dem Aktionsausschuß - ich darf sie so nennen, alle 35 sind
zurückgetreten am 27. April -, wir waren jederzeit bereit, zurückzutreten,
keiner von uns hat an seinem Mandat geklebt, und ich kann versichern, daß
das Leben, das wir führten, keinen besonders gereizt hat, auch die
Arbeiter nicht, die müde waren nach der Arbeit. Alle diese Leute waren
auf ihrem Posten nur aus Pflichtgefühl und empfanden ihr Amt als schwere
Bürde, und ich weise es zurück, daß auch nur einer Machtgefühl oder
Machtrausch empfunden hätte. Keiner hat die Macht an sich gerissen von
uns, wir haben sie erhalten von der Münchener Arbeiterschaft. Sie hat uns
im Verlauf von zwei Wochen dreimal gezwungen, das Mandat zu behalten.
Daher weise ich es zurück, daß nur das Dreiblatt, Levien, Levine und
Axelrod, oder ein landfremder Klüngel hinter den Aktionen gestanden hätte.
Im
Revolutionstribunal, in der Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution
war niemand von den dreien dabei. Ich möchte auch persönlich einen
Vorwurf zurückweisen, der wohl nicht von der Staatsanwaltschaft erhoben
wurde, aber von außen, und zum Teil, weil auch der Staatsanwalt erklärte,
es wären Landfremde. Ich weiß sehr wohl, ich bin meiner Abstammung nach
Russe, ich bin Jude, ich komme aus Nichtbayern, wie konnte ich mir anmaßen,
den Posten anzunehmen, von dem der Verteidiger sagte, daß er dem des
Ministerpräsidenten entspräche. Um das zu verstehen, müssen Sie sich in
die Vorstellungen der Arbeiterschaft hineindenken; unser Ideal ist die zukünftige
deutsche Räterepublik, die später aufgeht in der internationalen Räterepublik.
Aber solange das nicht möglich ist, konnte und kann die Ausrufung einer Räterepublik
zunächst nur stellenweise erfolgen, und wir waren selbstverständlich
davon überzeugt, daß jeder mitarbeiten mußte, wenn er dem Posten sich
gewachsen fühlte und wenn kein anderer für den Posten zur Verfügung
stand. Wenn ich den Posten annahm, so, weil ich mir zutraute, durch meine
frühere Tätigkeit Einblick auch in die wirtschaftlichen Verhältnisse zu
haben, und weil ich mich für persönlich berechtigt und auch verpflichtet
hielt, solange kein anderer da ist, den Posten anzunehmen. Solange ich ihn
einnahm, hatte ich meine Pflicht zu tun gegen das deutsche wie gegen das
internationale Proletariat und gegen die kommunistische Revolution.
Der
Herr Staatsanwalt machte mir den Vorwurf, den zehntägigen Generalstreik
veranlaßt zu haben. Den Antrag auf Beschluß des Generalstreiks habe ich
allerdings gestellt. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß zur
Sicherung einer proletarischen Diktatur die gesamten proletarischen Massen
zur Verfügung stehen mußten, und zwar bewaffnet; es war keine Polizei
da, es galt Plünderungen zu verhüten usw. Der Herr Staatsanwalt sagte,
wie hatte ich es fertigbringen können, die Menschen zehn Tage von der
Arbeit fernzuhalten, jetzt, wo Arbeit so dringend notwendig ist. Die
deutsche Regierung hat Millionen von Proletariern nicht zehn, sondern
hundert und aberhundert Tage von der Arbeit ferngehalten. Die deutsche
Regierung wollte nach Bagdad und Longwy, wir wollten den Kommunismus. Aber
das Mittel, das Sie bei den anderen nicht verurteilen, dürfen Sie auch
bei uns nicht verurteilen, weil wir andere Zwecke verfolgen. Der
Staatsanwalt behauptet, daß nur die Maschinengewehre die Arbeiterschaft
zum Streik gezwungen haben. Der Antrag auf Eintritt in den Generalstreik
wurde einstimmig angenommen von den Vertretern sämtlicher Betriebe, deren
Angestellte eingeschlossen; die Beamtenorganisationen, die Postbeamten,
alle waren dabei. Wo ist da der Terror, wo eine Vergewaltigung der
Minderheit, warum übernimmt der Staatsanwalt die Legenden, die die Münchener
Arbeiterschaft diskreditieren, warum will er nicht zugeben, daß sie etwas
getan haben, was sie aus ihren eigenen Massenbeschlüssen heraus getan
haben?
Später
wurde dann vorgeschlagen, am Dienstag nach Ostern den Generalstreik wegen
seiner wirtschaftlichen Folgen abzubrechen. Ich machte einen
Gegenvorschlag. Sonntag und Montag war Ostern. Würde man aber am Dienstag
zu arbeiten anfangen, dann hätte es so ausgesehen, als wenn der Streik
abgebröckelt sei; als würdigeren, dem Willen der Arbeiterschaft besser
entsprechenden Abschluß habe ich vorgeschlagen, am Dienstag nochmals zu
streiken, alle Theater geschlossen zu halten, die Elektrischen nicht
fahren zu lassen, damit man deutlich sieht, daß es von dem freien
Entschluß der Arbeiter selbst abhängt, ob sie arbeiten wollen oder
nicht. Dieser Beschluß wurde wiederum einstimmig gefaßt. Wie der Beschluß
durchgeführt wurde, wird der Staatsanwalt wissen. Die Arbeiterschaft und
die Hunderte von Postbeamten und -beamtinnen in ihren hellblauen Uniformen
an der Spitze marschierten zum Wittelsbacher Palais, um ihre Solidarität
auszudrücken mit denen, die hier alle als Terroristen dargestellt werden,
die das Münchener Proletariat geknechtet haben sollen.
In
der ersten Zeit mußten wir die Agitation der bürgerlichen Presse
verhindern; wir waren nicht imstande, eine bloße Zensur über sie auszuüben,
und mußten deshalb allerdings die Blätter schließen. Man sagt, das ist
Terror; jawohl, das ist Terror, derselbe Terror, den die Regierung
Hoffmann ausübt, wenn sie die >Rote Fahne< verbietet, derselbe
Terror, der mir keine andere Möglichkeit gibt, mich vor meinen
Parteigenossen zu rechtfertigen, als hier an den Herrn Vorsitzenden zu
appellieren, mich aussprechen zu lassen.
Der
Herr Staatsanwalt warf mir vor, ich hätte persönlich mich eingesetzt für
eine scharfe Justiz, und gleichzeitig erhebt er den Vorwurf, daß ich
schuld sei an den Plünderungen, die in der Räterepublik geschehen seien.
Ich begreife das nicht recht. Entweder durfte ich nicht, wie die Zeugin Kämpfer
es bezeugt hat, das Tribunal scharfmachen: dann darf man mir auch die Plünderungen
nicht vorwerfen, oder aber ich muß die Möglichkeit haben, das Tribunal
von seinen Pflichten so zu instruieren, wie es mir im Interesse der Arbeit
und unserer Aufgaben notwendig schien, und dann darf man mir nicht den
Vorwurf machen, daß ich es getan habe. Wenn der Staatsanwalt mir
vorwirft, daß von mir auch die Möglichkeit der Todesstrafe ins Auge gefaßt
worden sei, so tut er das in demselben Augenblick, in dem er gegen mich
die Todesstrafe beantragt, gegen mich, der ich weder gemordet noch geplündert
habe.
Der
Staatsanwalt sprach von dem inneren Frieden, den ich gefährdet habe. Ich
habe ihn nicht gefährdet, weil es keinen inneren Frieden gibt. Solange
das Wort Sozialismus nur auf den Briefbogen der verschiedenen Regierungen
steht, gibt es keinen inneren Frieden, und solange es Menschen gibt,
Aktionäre, die in fünf Kriegsjahren ihr Vermögen ohne jede Arbeit
verdoppeln konnten, solange werden die Arbeiter versuchen, von dem
vermehrten Reichtum ihren Anteil zu beanspruchen, und die Aktionäre
werden es nicht zulassen. Und je mehr sich die wirtschaftlichen Verhältnisse
zuspitzen unter dem Einfluß des Krieges, wenn die Kriegsgefangenen zurückkehren,
wenn keine Arbeit da sein wird, keine Wohnung, keine Kleidung und das bißchen,
was da ist, nicht gerecht verteilt werden kann, weil wir keine
kommunistische Republik haben, dann wird es einen inneren Kampf geben, der
vielleicht Formen annimmt, die ich mit meinen Freunden nicht billige, der
aber eine Naturnotwendigkeit ist, gegen die es keinen Einspruch gibt.
Sehen
Sie sich um, hier im Gerichtsgebäude sind Beamte, die hundertfünfzig bis
hundertachtzig Mark haben bei den jetzigen Lebensverhältnissen. Sehen Sie
sich die Wohnungen in den jetzigen »Spartakistennestern« an, dann werden
Sie verstehen, daß nicht wir den inneren Frieden gefährdet haben,
sondern wir haben nur aufgedeckt, daß es keinen gibt. Solange es aber
diesen inneren Frieden nicht gibt, solange wird auch der Kampf
weitergehen. Und wenn er bewaffnete Formen annimmt und alles ungeheure
Elend und Unglück mit sich bringt, das tatsächlich in München herrschte
während der ersten Tage des Mai, dann sind nicht wir schuld daran,
sondern jene, die der Arbeiterschaft das Recht absprechen, über sich
selbst zu bestimmen.
Der
Staatsanwalt sagte auch, ich sei moralisch schuld an der Erschießung der
Geiseln. Ich weise diese Schuld entschieden zurück. Schuldig daran sind
diejenigen, die August 1914 zuerst Geiseln aufgebracht haben, ohne daß
die deutsche Staatsanwaltschaft deswegen Anklage erhoben und die
Todesstrafe gegen sie bantragt hätte. Wenn noch jemand schuld daran ist,
dann sind es diejenigen, die sich nach Bamberg verkrochen haben und von
dort mißgeleitete Proletarier zusammen mit Offlzierskompanien und
zusammen mit Negern nach München geschickt haben. (Große Bewegung und
Entrüstung unter den Richtern; der Vorsitzende unterbricht und will Leviné
verbieten, in ähnlicher Weise fortzufahren.) Leviné: Herr Vorsitzender,
ich weiß sehr wohl, was ich damit auf mich laden kann. Aber ich muß
sagen, ich bin vom Herrn Staatsanwalt gereizt worden in einer Weise, wie
es mir in meiner ganzen politischen Laufbahn nicht vorgekommen ist. Der
Herr Staatsanwalt hat, um das Todesurteil zu begründen, auf ehrlose
Gesinnung plädiert und hat diese ehrlose Gesinnung vor allen Dingen begründet
mit dem Vorwurf der Feigheit, einem der schwersten Vorwürfe, die man
einem Menschen machen kann, der sechzehn Jahre im revolutionären Kampfe
steht.
Ich
will darüber hinweggehen und nur eines sagen: Wenn der Staatsanwalt mir
vorwirft, daß ich, nachdem ich auch aus der Regierung ausgetreten war und
tatsächlich nichts mehr zu tun hatte, mich nicht in die Reihen der Roten
Armee gestellt habe, so verweise ich auf das, was meine Verteidiger schon
gesagt haben, ich muß mich in meinen Handlungen richten nach den
Ehrbegriffen, die in den Kreisen meiner Freunde bestehen; am letzten Abend
habe ich eine Sitzung gehabt mit meinen Freunden, wobei Arbeiter,
Mitglieder der Roten Armee und andere anwesend waren, und es wurde von den
Anwesenden einstimmig der Beschluß gefaßt: Die Mitglieder der Roten
Armee begeben sich auf ihren Posten, die, die Mitglieder der Regierung
waren, haben zu verschwinden. Ich bin verschwunden, habe mich verkrochen
im Einverständnis mit meinen kommunistischen Freunden. Aber nicht, um
meine Haut zu retten.
Meine
Herren Richter, Sie waren sehr unwillig über etwas, was ich gesagt habe,
ich will nicht über die Form sprechen, in der ich es gesagt habe, aber
dem Inhalt nach ist es doch richtig. Ich habe es selbst in der Zeitung
gelesen, daß sich unter den Truppen, die in München einmarschierten,
Neger befunden haben. Ist doch die Regierung Hoffmann in Bamberg auch vor
ganz anderen Maßnahmen nicht zurückgeschreckt. Muß doch jeder zugeben,
daß die Blockade Münchens durch die Bahn und durch die Sperrung der
Lebensmittelzufuhr, wie sie im »Freien Staat« ausgeübt wurde, nichts
anderes ist als die Wiederholung der englischen Blockade, die doch
moralisch für sehr verwerflich gehalten wurde.
Was
den Vorwurf der Feigheit anbetrifft, so kann ich den Herrn Staatsanwalt
nicht hindern, solche Vorwürfe zu erheben, aber vielleicht darf ich ihn,
der den Urteilsspruch beantragt hat, bitten, dabeizusein, wenn er
vollzogen wird, um dann vielleicht einzugestehen: es ist eine irrtümliche
Auffassung, als ob nur derjenige, der in den Reihen der Roten Armee kämpft,
seine Haut zu Markte trägt. Sie kennen jenes Kampfgedicht des »Vorwärts«
nach den Dezemberkämpfen in Berlin: »Hundert Proletarierleichen in einer
Reih'; Karl, Rosa und Kumpanei, es ist keiner dabei.« Drei Tage darauf
werden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erschlagen, und die Kumpanei,
meine Freunde Werner Möller und Wolfgang Fernbach, wurden auch
erschlagen, und keiner von ihnen ist Mitglied des Roten Soldatenbundes.
Meine Herren Richter! Ich bin zweimal von Vertretern der bayrischen
Regierung der Feigheit geziehen worden. Das erstemal von Schneppenhorst,
weil ich die Gründung der Räterepublik nicht billigte, das zweite Mal
vom Staatsanwalt, weil ich nicht mit der Waffe in der Hand, sondern nach
meiner Weise und nach meinem Ermessen kämpfte und im Einverständnis mit
der Kommunistischen Partei vom Kampfplatz abtrat. Ich will schließen.
Seit sechs Monaten gab es keine Möglichkeit mehr für mich, mit meiner
Familie zusammen zu sein. Meine Frau konnte mich zum Teil nicht einmal
besuchen, meinen kleinen Jungen, der drei Jahre alt ist, konnte ich nicht
sehen, weil vor meinem Hause der Häscher stand. So ist das Leben, das ich
führte, und es läßt sich weder mit Machtgefühl noch mit Feigheit
vereinbaren. Ich habe dann, als mir wieder Feigheit vorgeworfen wurde, und
zwar von Toller, als er mich zur Ausrufung der ersten Räterepublik überreden
wollte, ihm entgegnet: Was willst du, die Mehrheitssozialisten fangen an,
laufen und verraten uns, die Unabhängigen gehen auf den Leim, machen mit,
fallen später um, und uns Kommunisten stellt man an die Wand. Wir
Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub. Dessen bin ich mir bewußt. Ich weiß
nicht, ob Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden oder ob ich
einrücken muß zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ich sehe jedenfalls
Ihrem Spruch mit Gefaßtheit und mit innerer Heiterkeit entgegen. Denn ich
weiß, was für einen Spruch Sie fällen werden. Die Ereignisse sind nicht
aufzuhalten. Der Herr Staatsanwalt glaubt, die Führer hätten die Massen
aufgepeitscht. Wie die Führer die Fehler der Massen nicht hintertreiben
konnten unter der Schein-Räterepublik, so wird auch das Verschwinden des
einen oder des anderen der Führer unter keinen Umständen die Bewegung
hindern.
Dennoch
weiß ich: über kurz oder lang, in diesem Raum werden andere Richter
tagen, und dann wird der wegen Hochverrats bestraft werden, der sich gegen
die Diktatur des Proletariats vergangen hat. Fällen Sie das Urteil, wenn
Sie es für richtig halten. Ich habe mich nur dagegen gewehrt, daß meine
politische Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich mich verknüpft
fühle, daß der gute Name der Münchner Arbeiter beschmutzt wird. Diese
und ich mit ihnen zusammen, wir haben alle versucht, nach bestem Wissen
und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen die Internationale, die
kommunistische Weltrevolution.«
Hansjörg
Viesel (Hrg.): Literaten an die Wand. Die Münchner Räterepublik und die
Schriftsteller, Frankfurt am Main 1980, S. 443 - 450
Anmerkung:
Am
5. Juni 1919 wurde Eugen Leviné, Mitglied der KPD, standrechtlich
erschossen. |