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Eugen Leviné, ein führender Kommunist der Münchner Räterepublik, wird nach dem Einmarsch der Regierungstruppen zum Tode verurteilt und hingerichtet.5. Juni 1919:

Schergen des SPD-Ministers Gustav Noske ermorden den Führer der bayrischen Räterepublik Eugen Leviné

 

 

„Wir Kommunisten waren schon aus der Zeit der Weimarer Republik her gezwungen, weitgehend illegal zu arbeiten. Denn auch zu der Zeit, als sogenannte Demokraten und Sozialdemokraten regierten, wurden Kommunisten zu Tausenden von Polizei und Reichswehr erschossen. Ermordet zum höherem Segen dessen, was sie Demokratie nannten. Unser Genosse Eugen Leviné, der Führer der bayrischen Räterepublik, hat dem Standgericht der Noske-Soldateska ins Gesicht gesagt: "Wir Kommunisten sind Tote auf Urlaub in diesem Lande!" - sie haben ihn auch an die Wand stellen lassen. Der oberste Befehlshaber in Bayern für Demokratie und Republik war Herr von Epp, der 10 Jahre später, nun nicht mehr für den Sozialdemokraten Noske, sondern für den Nazi Adolf Hitler Reichsstatthalter in Bayern wurde.“

Emil Carlebach

Eugen Leviné

junge Welt vom 05.06.2004

Wochenendbeilage

»Weltrevolution!«

Vor 85 Jahren wurde Eugen Leviné hingerichtet

Nick Brauns 

Die Isar trug Dutzende Leichen ins Donautal, die Schauhäuser reichten nicht aus, eilig wurden Gräber auf den Friedhöfen ausgeworfen. München feierte den Sieg. Aber wo ist Leviné? Wo ist dieser Ausländer, der Bayern an die Roten auslieferte? Man muß ihn finden und erledigen, wie man in Berlin Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gefunden und erledigt hat«, beschrieb der sowjetische Schriftsteller Mikhail Slonimski die Stimmung im Münchner Bürgertum nach der Niederschlagung der Räterepublik. Der Philosoph Gustav Landauer und der rote Matrose Rudolf Egelhofer wurden neben Hunderten Arbeitern Opfer der Lynchjustiz. Mit besonderem Eifer suchten Bürgerwehren aber einen »jungen Mann, von jäher und wilder Energie«, der in den Augen des Publizisten Sebastian Haffner »möglicherweise das Zeug zu einem deutschen Lenin oder Trotzki hatte«.

Eugen Leviné war 1883 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Petersburg zur Welt gekommen. Während des Studiums der Nationalökonomie in Heidelberg kam er in Kontakt mit revolutionären russischen Migranten und schloß sich 1903 der Sozialrevolutionären Partei an, die mit Attentaten für den Sturz des Zarismus kämpfte. Als Teilnehmer an der russischen Revolution von 1905 wurde er in den folgenden Jahren verhaftet und schwer mißhandelt. Seine Mutter, mit der er wegen seiner politischen Ideale gebrochen hatte, kaufte ihn für eine hohe Kaution frei. Zurück in Deutschland trat er 1909 der SPD bei und arbeitete im Mannheimer Karl-Marx-Klub linksradikaler Sozialdemokraten mit. Im Weltkrieg gehörte Leviné, der mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, zu den Mitbegründern der Spartakusgruppe. Nach dem Sieg der russischen Oktoberevolution arbeitete Leviné für die Nachrichtenagentur ROSTA in der sowjetischen Botschaft. Als Agitator des Spartakusbundes im Ruhrgebiet übertrugen ihm die Essener Arbeiter als einzigem führenden Spartakisten ein Mandat für den Reichsrätekongreß.

Mitte März 1919 schickte die KPD-Zentrale Leviné nach München, um die aktionistische aber unerfahrene KPD-Ortsgruppe anzuleiten und das dortige Parteiorgan Münchner Rote Fahne zu redigieren. Unter seinem Vorsitz lehnten die Kommunisten die Ausrufung der am grünen Tisch durch Sozialdemokraten und Anarchisten beschlossenen »Scheinräterepublik« ab und begannen mit dem Aufbau von Betriebsräten als Basis einer wirklichen Rätemacht. Seit der russischen Erfahrung war der Rätegedanke zentral in Levinés Denken. »Ich hätte niemals an einer Revolution teilgenommen, welche von den Führern geschoben worden wäre.« Nach der Ausrufung der kommunistischen Räterepublik übernahm Leviné am 15. April den Vorsitz des Vollzugsausschusses.

Als Jude, Russe und Kommunist zog er sich den besonderen Haß des Bürgertums und von Teilen der Linken zu. Nachdem die Mehrheit im Aktionsausschuß am 27. April die Bildung einer »bodenständigen Regierung« aus »echten Bayern« beschloß, trat Leviné zurück. »Ein hagerer Mann, aus dessen eingefallenem Gesicht die gebogene fleischige Nase groß hervorspringt«, beschrieb ihn der Dichter und ehemalige USPD-Aktivist Ernst Toller noch 1933 mit antisemitischem Unterton.

Knapp zwei Wochen nach dem Ende der Räterepublik wurde Leviné am 13. Mai von einem Spitzel gegen ein Kopfgeld von 10 000 Mark an die Polizei verraten. Bei dem anschließenden Hochverratsprozeß ging es nicht um Recht, sondern nur noch um Macht. Das Gericht in der Münchner Au glich einem Heerlager. Auch die Erschießung von Geiseln aus der völkischen Thulegesellschaft warf ihm das Gericht vor. Obwohl Leviné an der Geiselerschießung nicht beteiligt war, verurteilte er diese nicht. »Vielleicht hätte er sein Leben retten können. Das wäre dann aber nicht mehr das Leben eines revolutionären Führers gewesen und hätte seiner Sache nicht mehr gedient. Es gibt kein Schachern, wenn es um menschliche Integrität geht. Ein kompromißlerischer, kriecherischer Leviné hätte in einem langen Leben nicht mehr das erreicht, was er in seinen letzten Tagen erreicht hat. Aus dem einfachen Grund, weil er dann moralisch tot gewesen wäre«, beschrieb seine Frau Rosa Meyer-Leviné seine Motive.

»Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub, dessen bin ich mir bewußt. Ich weiß nicht, ob Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden, oder ob ich einrücken muß zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg«, erklärte Eugen Leviné in seiner Verteidigungsrede. »Ich habe mich nur dagegen gewehrt, daß meine politische Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich mich verknüpft fühle, daß der gute Name der Münchner Arbeiter beschmutzt wird. Diese und ich mit ihnen zusammen, wir haben alle versucht, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen die Internationale, die kommunistische Weltrevolution.« Mit dem Ruf »Es lebe die Weltrevolution!« starb der zum Tode Verurteilte am 5. Juni 1919 unter den Kugeln eines Exekutionskommandos im Gefängnis Stadelheim. In vielen Städten Deutschlands traten Arbeiter gegen den Justizmord in einen eintägigen Generalstreik.

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Eugen Leviné

Rede vor Gericht

Juni 1919

Quelle: http://www.marxistische-bibliothek.de/levinevorgericht.html

»Es fällt mir ziemlich schwer, meine Ausführungen zu machen. Schon vor meiner allerersten Vernehmung erklärte ich, daß eigentlich alles, was jetzt vorgeht, das ganze Gericht, nur eine Konsequenz der politischen Lage und nicht der juristischen ist. Der Hochverrat ist daher da, weil die Räterepublik unterlegen ist. Dasselbe ist in dem Leitartikel der »Münchener Neuesten Nachrichten« gesagt worden, wo es heißt, daß nur der mißlungene Hochverrat Hochverrat, jeder gelungene kein Hochverrat sei. Hochverrat resultiert aus politischen Erwägungen, nicht aus juristischen.

Das Gericht sehe ich als die Vertreter jener Klasse an, die ich als meine bisherigen politischen Gegner betrachte. Ich könnte mich vielleicht vor Kommunisten verantworten, aber wie könnte ich mich vor meinen Gegnern um Taten willen verteidigen, die sie als gegen ihre Existenz gerichtet ansehen müssen! Ich war in Rußland in ähnlicher Lage; dort habe ich die Aussage verweigert und wurde mangels Beweisen freigesprochen. Wenn ich jetzt diese Taktik nicht befolge, so will ich auch die Gründe dafür sagen. Ich verteidige mich nicht, weil ich eine mildere Strafe von Ihnen erwarte; wenn ich das wollte, dann müßte ich eigentlich jetzt schließen, denn meine Verteidiger, die Ihnen politisch und menschlich näherstehen als ich, würden die Verteidigung viel wirksamer ausüben können. Ich nehme jetzt wieder das Wort aus dem Grunde, aus dem ich mich während des ganzen Prozesses an der Verteidigung auf das entschiedenste beteiligt habe. Es wurden in der Presse und Öffentlichkeit die ungeheuerlichsten Gerüchte verbreitet über die Räterepublik, über mich persönlich wie über die ganzen Vorgänge, und ich möchte diese Gerüchte deswegen nicht unwidersprochen lassen; die Münchener Arbeiterschaft hat mich nur kurz kennengelernt, und so könnte mancher Münchener Arbeiter nun von einem gewissen Wurm des Zweifels angenagt werden, ob er sein Vertrauen wirklich jemandem geschenkt hat, der dessen würdig war. Da ich nicht mehr frei bin, muß ich zu diesem Mittel greifen, damit ich alles aufrollen kann.

Ein zweiter Grund ist der, daß ich Mitglied der Kommunistischen Partei bin und diese diejenige ist, die am meisten gehaßt und verleumdet wird in Deutschland. Daher halte ich es für meine Pflicht, in der Öffentlichkeit einmal zu zeigen, aus welchen Beweggründen die Mitglieder der KPD arbeiten, arbeiten wollen und zu arbeiten versuchen. Das bin ich schuldig jenen Arbeitern gegenüber im Aktionsausschuß, jenen über 1200 Betriebsräten, mit denen ich in täglicher Zusammenarbeit doch zusammengewachsen bin, wenn sie mich auch davongejagt haben; ich bin es ihnen schuldig, sie ebenfalls zu reinigen,

Ich verteidige mich also nicht, um eine mildere Strafe zu erwirken, sondern um mir die Möglichkeit nicht entgehen zu lassen, festzustellen, was ist.

Der größte Gegensatz zwischen mir und der Staatsanwaltschaft besteht darin, daß sie alle politischen und sozialen Vorgänge, sowohl in Deutschland wie in der ganzen Welt, von vollkommen entgegengesetzten Punkten auffaßt. Der Staatsanwalt überschätzt die Macht und die Fähigkeit der Führer, etwas zu tun und irgendwie einzugreifen. Ihm scheint, die Würfel der Weltgeschichte rollen anders, je nachdem sie von der Hand ehrlicher oder ehrloser Führer geworfen werden. Aber die Führer kommen selbst aus den Massen hervor, wenn auch vielleicht aus anderem Milieu. Sie werden zu Führern, nicht weil sie über die Massen hervorragen, sondern nur dadurch, daß sie befähigt sind, das auszusprechen, was die Massen selbst instinktiv ersehnen und was sie aus Mangel an formaler Bildung nicht zum Ausdruck bringen können. Deshalb werden Sie zwar in Ihren bürgerlichen Kreisen eine große Anzahl von Menschen finden, die mir an Wissen überlegen sind, aber in einer Versammlung von Arbeitern wäre ich Sieger geblieben, Herr Staatsanwalt, nicht wegen meiner persönlichen Überlegenheit, sondern nur, weil ich das ausgesprochen hätte, was die Massen fühlten und wollten. Es ist bloß die Tragödie der Münchener Massen, daß sie noch zuwenig politisch geschult waren. Sie verstanden wohl, daß das ganze Proletariat als Gesamtheit auftreten müsse, um zu siegen; ihnen schien jedoch, daß diese Gesamtheit verschiedene Programme haben konnte und daß es vollkommen genügt, wenn die Mehrheitssozialisten, die Unabhängigen und Kommunisten einen äußerlichen Pakt schließen. Tatsächlich ist daran auch zum Teil die Münchener Räterepublik gescheitert. Wenn das Proletariat einig ist in seinem Ziel und in seinem Wollen, dann ist es unbesiegbar, nicht aber, wenn die Einigkeit nur durch ganz formale äußere Verknüpfungen organisatorischer Art hergestellt ist. Aus diesen Voraussetzungen heraus ist die Beurteilung aller Punkte, die ich später anführen werde, bei mir nämlich eine ganz andere als beim Staatsanwalt. Ich möchte meine Strafbemessung nicht abschwächen, und nicht juristisch will ich die Verantwortung etwa ablehnen auf den Vollzugsrat, sondern stehe für meine Handlungen vollkommen ein. Ich bin zum Teil auch der Initiator gewesen, manche Idee habe ich den Arbeitern erst formuliert, die sie instinktiv fühlten, aber ich kann sagen, daß ich niemals an einer Revolution teilgenommen hätte, welche von Führern der Masse geschoben worden wäre, wie der Herr Staatsanwalt sie geschildert hat.

Als ich als junger Student nach Rußland ging, kam es mir schon zum Bewußtsein, daß die Tätigkeit eines politischen Agitators darin besteht, nur das zu formulieren, was der geschichtliche Wille der Masse ist, nicht aber ihnen gegenüber und gegen sie seinen Willen durchzuführen. Danach habe ich gehandelt. Ich habe mich an die Massen gewendet; waren sie mit mir einig, haben sie es getan; wenn nicht, dann mußte ich leider oft die Rolle spielen, die ich spielte, und die strafrechtlichen Folgen tragen für das, was andere in ihrem Unverstand eingebrockt hatten. Das alles sage ich nicht aus einer persönlichen Haltung heraus, sondern weil das die Grundanschauung der Partei der Kommunisten ist. Diese gilt in der Öffentlichkeit immer als Gruppe von Leuten, die den Terror einer Minderheit ausüben wollen, die die Diktatur über das Proletariat ausübenwollen. Jede Zeile des Programms der Partei ist voll davon, daß nur das Proletariat selbst imstande ist, etwas zu erreichen.

Aus dieser Auffassung heraus, die gerade den Massen nicht nur den Schwerpunkt, sondern auch die Gesamtheit der Aufgaben zuweist, entspringt auch unsere ganze Stellungnahme zu der viel umstrittenen Frage des Terrors und des gewaltsamen Kampfes. Ich hatte schon Gelegenheit, meine Stellung über die Diktatur des Proletariats darzulegen, daß die Diktatur des Proletariats nur eine Zwischenstufe ist in der Zeit nach der Diktatur des Kapitals bis zur Zeit, wo völlige Demokratie dadurch geschaffen wird, daß es nur eine Klasse der Arbeitenden gibt. Die Partei der Kommunisten ist überzeugt, daß dieses Programm sich sehr wohl ohne Gewalt durchsetzen ließe, wenn die verschwindende Mehrheit der Besitzenden sich vor der geschichtlichen Notwendigkeit nicht verschließen würde. Der bewaffnete Kampf aber, der uns so sehr vorgeworfen wird, beginnt erst dann, wenn diese verschwindende Minderheit trotzdem für die Privilegien ihres Standes und ihrer Klasse sich mit bewaffneter Hand zur Wehr setzt. »Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft.«

Wieso kommt es denn zu diesem Kampf? Wieso kommt es, daß wir, wenn wir an die Macht gelangen, eine Rote Armee bilden? Das kommt aus der historischen Erkenntnis heraus, daß bisher jede privilegierte Klasse mit bewaffneter Hand sich gewehrt hat dagegen, daß ihre Privilegien genommen wurden, und weil wir das wissen, weil wir nicht im Wolkenkuckucksheim leben, weil wir nicht damit rechnen können, daß in Bayern andere Verhältnisse sind, daß sich hier die Bourgeoisie und die kapitalistische Klasse widerstandslos enteignen lassen würden, daher mußten wir die Arbeiter bewaffnen, um Angriffe dieser enteigneten Kapitalisten abwehren zu können. So ist es bisher überall gewesen, so werden wir natürlich, wo es uns einmal gelingt, zur Macht zu kommen, überall handeln. Wir haben die Arbeiterschaft nicht aus Freude am Blutvergießen aufgefordert, sich zu bewaffnen, im Gegenteil, wir würden uns sehr freuen, wenn in irgendeinem Falle die bisher bevorrechtete Klasse darauf verzichten würde, den aussichtslosen Kampf erst aufzunehmen, denn der Kampf wird einmal für sie aussichtslos. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß auch der Sieg des Proletariats in den Novembertagen unblutig verlief. Daß zum Beispiel in Berlin die ersten Schüsse fielen um sechs Uhr abends aus dem Marstall, wo Offiziere auf wehrlose Spaziergänger geschossen haben aus Gefühlen des Unmuts über den Gang der Ereignisse.

Ich stehe auf dem Standpunkt, daß die Bewaffnung des Proletariats, die hier stattfand, da war, um die Bourgeoisie abzuhalten vor bewaffneten Gegenangriffen. Der Herr Staatsanwalt oder der Herr Vorsitzende hat einen Artikel aus dem Mitteilungsblatt des Vollzugsrates vorgelesen, in dem es aus der gleichen Befürchtung heraus heißt, daß die Gewehre, die nicht abgeliefert werden, dazu da sind, um auf die Proletarier zu schießen.

Während ich vorher äußerst pessimistisch die Situation beurteilt hatte, als man mir entgegenhielt, hier in Bayern sei es anders, die bayrische Regierung werde sich hüten, Preußen einmarschieren zu lassen, kam ich später zu der Hoffnung, daß wir uns vielleicht so lange halten können, bis anderswo auch die Räterepublik ausgerufen würde, und daß die Regierung Hoffmann davon absehen werde, anzugreifen. Wir alle empfinden die Vorgänge in den ersten Tagen des Mai nicht als einen Vorstoß des Proletariats, sondern als ein unmotiviertes Blutbad, das die Weißen Garden unter der Münchener Arbeiterschaft hervorgerufen haben. Während der ganzen Zeit, während der ich in München war, hatte ich die große Freude, mit meinen kommunistischen Freunden Hand in Hand arbeiten zu können. Es herrschte immer vollkommene Einstimmigkeit, und darum fühlte ich mich bei meinem Auftreten hier nicht als Fremder, sondern ich fühlte mich zunächst mit diesen kommunistischen Arbeitern verbunden und durch sie mit der ganzen Münchener Arbeiterschaft; ich durfte daher wenigstens für diese Zeit in ihrem Namen sprechen.

Dann kommt der zweite Punkt, der ebenfalls zusammenhängt mit meiner ganzen Auffassung: jederzeitige Abberufung und Absetzbarkeit eines jeden Funktionärs der Räterepublik. Der Eckpfeiler der Räterepublik ist, daß sie aufgebaut ist auf den Betriebsräten. Die Arbeiter werden zusammengefaßt, nicht nach ihren Wohnstätten, sondern nach ihren Arbeitsstätten. Da, wo man täglich zusammensteht, wo man sich täglich kennenlernt, beim täglichen Zusammenarbeiten, da gehen auch die Wahlen der Funktionäre nach ganz anderen Grundsätzen vor sich. Da weiß der Arbeiter, ob der Gewählte nur ein Schwätzer ist oder einer, der seinen Mann stehen kann. Daher ist dieser Aufbau für uns das Normale und das Gegebene gewesen, um so mehr, da ja dieses neue Staatswesen nur die Arbeitenden umfassen wird. Jeder Vertreter der Arbeiter bleibt nur so lange auf seinem Posten, wie seine Wähler es wollen. Es war daher keine Phrase, wenn ich mein Mandat wiederholt zurücklegte in die Hände der Betriebsräte. Daher kann ich sagen, daß ich und meine Freunde aus dem Aktionsausschuß - ich darf sie so nennen, alle 35 sind zurückgetreten am 27. April -, wir waren jederzeit bereit, zurückzutreten, keiner von uns hat an seinem Mandat geklebt, und ich kann versichern, daß das Leben, das wir führten, keinen besonders gereizt hat, auch die Arbeiter nicht, die müde waren nach der Arbeit. Alle diese Leute waren auf ihrem Posten nur aus Pflichtgefühl und empfanden ihr Amt als schwere Bürde, und ich weise es zurück, daß auch nur einer Machtgefühl oder Machtrausch empfunden hätte. Keiner hat die Macht an sich gerissen von uns, wir haben sie erhalten von der Münchener Arbeiterschaft. Sie hat uns im Verlauf von zwei Wochen dreimal gezwungen, das Mandat zu behalten. Daher weise ich es zurück, daß nur das Dreiblatt, Levien, Levine und Axelrod, oder ein landfremder Klüngel hinter den Aktionen gestanden hätte.

Im Revolutionstribunal, in der Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution war niemand von den dreien dabei. Ich möchte auch persönlich einen Vorwurf zurückweisen, der wohl nicht von der Staatsanwaltschaft erhoben wurde, aber von außen, und zum Teil, weil auch der Staatsanwalt erklärte, es wären Landfremde. Ich weiß sehr wohl, ich bin meiner Abstammung nach Russe, ich bin Jude, ich komme aus Nichtbayern, wie konnte ich mir anmaßen, den Posten anzunehmen, von dem der Verteidiger sagte, daß er dem des Ministerpräsidenten entspräche. Um das zu verstehen, müssen Sie sich in die Vorstellungen der Arbeiterschaft hineindenken; unser Ideal ist die zukünftige deutsche Räterepublik, die später aufgeht in der internationalen Räterepublik. Aber solange das nicht möglich ist, konnte und kann die Ausrufung einer Räterepublik zunächst nur stellenweise erfolgen, und wir waren selbstverständlich davon überzeugt, daß jeder mitarbeiten mußte, wenn er dem Posten sich gewachsen fühlte und wenn kein anderer für den Posten zur Verfügung stand. Wenn ich den Posten annahm, so, weil ich mir zutraute, durch meine frühere Tätigkeit Einblick auch in die wirtschaftlichen Verhältnisse zu haben, und weil ich mich für persönlich berechtigt und auch verpflichtet hielt, solange kein anderer da ist, den Posten anzunehmen. Solange ich ihn einnahm, hatte ich meine Pflicht zu tun gegen das deutsche wie gegen das internationale Proletariat und gegen die kommunistische Revolution.

Der Herr Staatsanwalt machte mir den Vorwurf, den zehntägigen Generalstreik veranlaßt zu haben. Den Antrag auf Beschluß des Generalstreiks habe ich allerdings gestellt. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß zur Sicherung einer proletarischen Diktatur die gesamten proletarischen Massen zur Verfügung stehen mußten, und zwar bewaffnet; es war keine Polizei da, es galt Plünderungen zu verhüten usw. Der Herr Staatsanwalt sagte, wie hatte ich es fertigbringen können, die Menschen zehn Tage von der Arbeit fernzuhalten, jetzt, wo Arbeit so dringend notwendig ist. Die deutsche Regierung hat Millionen von Proletariern nicht zehn, sondern hundert und aberhundert Tage von der Arbeit ferngehalten. Die deutsche Regierung wollte nach Bagdad und Longwy, wir wollten den Kommunismus. Aber das Mittel, das Sie bei den anderen nicht verurteilen, dürfen Sie auch bei uns nicht verurteilen, weil wir andere Zwecke verfolgen. Der Staatsanwalt behauptet, daß nur die Maschinengewehre die Arbeiterschaft zum Streik gezwungen haben. Der Antrag auf Eintritt in den Generalstreik wurde einstimmig angenommen von den Vertretern sämtlicher Betriebe, deren Angestellte eingeschlossen; die Beamtenorganisationen, die Postbeamten, alle waren dabei. Wo ist da der Terror, wo eine Vergewaltigung der Minderheit, warum übernimmt der Staatsanwalt die Legenden, die die Münchener Arbeiterschaft diskreditieren, warum will er nicht zugeben, daß sie etwas getan haben, was sie aus ihren eigenen Massenbeschlüssen heraus getan haben?

Später wurde dann vorgeschlagen, am Dienstag nach Ostern den Generalstreik wegen seiner wirtschaftlichen Folgen abzubrechen. Ich machte einen Gegenvorschlag. Sonntag und Montag war Ostern. Würde man aber am Dienstag zu arbeiten anfangen, dann hätte es so ausgesehen, als wenn der Streik abgebröckelt sei; als würdigeren, dem Willen der Arbeiterschaft besser entsprechenden Abschluß habe ich vorgeschlagen, am Dienstag nochmals zu streiken, alle Theater geschlossen zu halten, die Elektrischen nicht fahren zu lassen, damit man deutlich sieht, daß es von dem freien Entschluß der Arbeiter selbst abhängt, ob sie arbeiten wollen oder nicht. Dieser Beschluß wurde wiederum einstimmig gefaßt. Wie der Beschluß durchgeführt wurde, wird der Staatsanwalt wissen. Die Arbeiterschaft und die Hunderte von Postbeamten und -beamtinnen in ihren hellblauen Uniformen an der Spitze marschierten zum Wittelsbacher Palais, um ihre Solidarität auszudrücken mit denen, die hier alle als Terroristen dargestellt werden, die das Münchener Proletariat geknechtet haben sollen.

In der ersten Zeit mußten wir die Agitation der bürgerlichen Presse verhindern; wir waren nicht imstande, eine bloße Zensur über sie auszuüben, und mußten deshalb allerdings die Blätter schließen. Man sagt, das ist Terror; jawohl, das ist Terror, derselbe Terror, den die Regierung Hoffmann ausübt, wenn sie die >Rote Fahne< verbietet, derselbe Terror, der mir keine andere Möglichkeit gibt, mich vor meinen Parteigenossen zu rechtfertigen, als hier an den Herrn Vorsitzenden zu appellieren, mich aussprechen zu lassen.

Der Herr Staatsanwalt warf mir vor, ich hätte persönlich mich eingesetzt für eine scharfe Justiz, und gleichzeitig erhebt er den Vorwurf, daß ich schuld sei an den Plünderungen, die in der Räterepublik geschehen seien. Ich begreife das nicht recht. Entweder durfte ich nicht, wie die Zeugin Kämpfer es bezeugt hat, das Tribunal scharfmachen: dann darf man mir auch die Plünderungen nicht vorwerfen, oder aber ich muß die Möglichkeit haben, das Tribunal von seinen Pflichten so zu instruieren, wie es mir im Interesse der Arbeit und unserer Aufgaben notwendig schien, und dann darf man mir nicht den Vorwurf machen, daß ich es getan habe. Wenn der Staatsanwalt mir vorwirft, daß von mir auch die Möglichkeit der Todesstrafe ins Auge gefaßt worden sei, so tut er das in demselben Augenblick, in dem er gegen mich die Todesstrafe beantragt, gegen mich, der ich weder gemordet noch geplündert habe.

Der Staatsanwalt sprach von dem inneren Frieden, den ich gefährdet habe. Ich habe ihn nicht gefährdet, weil es keinen inneren Frieden gibt. Solange das Wort Sozialismus nur auf den Briefbogen der verschiedenen Regierungen steht, gibt es keinen inneren Frieden, und solange es Menschen gibt, Aktionäre, die in fünf Kriegsjahren ihr Vermögen ohne jede Arbeit verdoppeln konnten, solange werden die Arbeiter versuchen, von dem vermehrten Reichtum ihren Anteil zu beanspruchen, und die Aktionäre werden es nicht zulassen. Und je mehr sich die wirtschaftlichen Verhältnisse zuspitzen unter dem Einfluß des Krieges, wenn die Kriegsgefangenen zurückkehren, wenn keine Arbeit da sein wird, keine Wohnung, keine Kleidung und das bißchen, was da ist, nicht gerecht verteilt werden kann, weil wir keine kommunistische Republik haben, dann wird es einen inneren Kampf geben, der vielleicht Formen annimmt, die ich mit meinen Freunden nicht billige, der aber eine Naturnotwendigkeit ist, gegen die es keinen Einspruch gibt.

Sehen Sie sich um, hier im Gerichtsgebäude sind Beamte, die hundertfünfzig bis hundertachtzig Mark haben bei den jetzigen Lebensverhältnissen. Sehen Sie sich die Wohnungen in den jetzigen »Spartakistennestern« an, dann werden Sie verstehen, daß nicht wir den inneren Frieden gefährdet haben, sondern wir haben nur aufgedeckt, daß es keinen gibt. Solange es aber diesen inneren Frieden nicht gibt, solange wird auch der Kampf weitergehen. Und wenn er bewaffnete Formen annimmt und alles ungeheure Elend und Unglück mit sich bringt, das tatsächlich in München herrschte während der ersten Tage des Mai, dann sind nicht wir schuld daran, sondern jene, die der Arbeiterschaft das Recht absprechen, über sich selbst zu bestimmen.

Der Staatsanwalt sagte auch, ich sei moralisch schuld an der Erschießung der Geiseln. Ich weise diese Schuld entschieden zurück. Schuldig daran sind diejenigen, die August 1914 zuerst Geiseln aufgebracht haben, ohne daß die deutsche Staatsanwaltschaft deswegen Anklage erhoben und die Todesstrafe gegen sie bantragt hätte. Wenn noch jemand schuld daran ist, dann sind es diejenigen, die sich nach Bamberg verkrochen haben und von dort mißgeleitete Proletarier zusammen mit Offlzierskompanien und zusammen mit Negern nach München geschickt haben. (Große Bewegung und Entrüstung unter den Richtern; der Vorsitzende unterbricht und will Leviné verbieten, in ähnlicher Weise fortzufahren.) Leviné: Herr Vorsitzender, ich weiß sehr wohl, was ich damit auf mich laden kann. Aber ich muß sagen, ich bin vom Herrn Staatsanwalt gereizt worden in einer Weise, wie es mir in meiner ganzen politischen Laufbahn nicht vorgekommen ist. Der Herr Staatsanwalt hat, um das Todesurteil zu begründen, auf ehrlose Gesinnung plädiert und hat diese ehrlose Gesinnung vor allen Dingen begründet mit dem Vorwurf der Feigheit, einem der schwersten Vorwürfe, die man einem Menschen machen kann, der sechzehn Jahre im revolutionären Kampfe steht.

Ich will darüber hinweggehen und nur eines sagen: Wenn der Staatsanwalt mir vorwirft, daß ich, nachdem ich auch aus der Regierung ausgetreten war und tatsächlich nichts mehr zu tun hatte, mich nicht in die Reihen der Roten Armee gestellt habe, so verweise ich auf das, was meine Verteidiger schon gesagt haben, ich muß mich in meinen Handlungen richten nach den Ehrbegriffen, die in den Kreisen meiner Freunde bestehen; am letzten Abend habe ich eine Sitzung gehabt mit meinen Freunden, wobei Arbeiter, Mitglieder der Roten Armee und andere anwesend waren, und es wurde von den Anwesenden einstimmig der Beschluß gefaßt: Die Mitglieder der Roten Armee begeben sich auf ihren Posten, die, die Mitglieder der Regierung waren, haben zu verschwinden. Ich bin verschwunden, habe mich verkrochen im Einverständnis mit meinen kommunistischen Freunden. Aber nicht, um meine Haut zu retten.

Meine Herren Richter, Sie waren sehr unwillig über etwas, was ich gesagt habe, ich will nicht über die Form sprechen, in der ich es gesagt habe, aber dem Inhalt nach ist es doch richtig. Ich habe es selbst in der Zeitung gelesen, daß sich unter den Truppen, die in München einmarschierten, Neger befunden haben. Ist doch die Regierung Hoffmann in Bamberg auch vor ganz anderen Maßnahmen nicht zurückgeschreckt. Muß doch jeder zugeben, daß die Blockade Münchens durch die Bahn und durch die Sperrung der Lebensmittelzufuhr, wie sie im »Freien Staat« ausgeübt wurde, nichts anderes ist als die Wiederholung der englischen Blockade, die doch moralisch für sehr verwerflich gehalten wurde.

Was den Vorwurf der Feigheit anbetrifft, so kann ich den Herrn Staatsanwalt nicht hindern, solche Vorwürfe zu erheben, aber vielleicht darf ich ihn, der den Urteilsspruch beantragt hat, bitten, dabeizusein, wenn er vollzogen wird, um dann vielleicht einzugestehen: es ist eine irrtümliche Auffassung, als ob nur derjenige, der in den Reihen der Roten Armee kämpft, seine Haut zu Markte trägt. Sie kennen jenes Kampfgedicht des »Vorwärts« nach den Dezemberkämpfen in Berlin: »Hundert Proletarierleichen in einer Reih'; Karl, Rosa und Kumpanei, es ist keiner dabei.« Drei Tage darauf werden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erschlagen, und die Kumpanei, meine Freunde Werner Möller und Wolfgang Fernbach, wurden auch erschlagen, und keiner von ihnen ist Mitglied des Roten Soldatenbundes. Meine Herren Richter! Ich bin zweimal von Vertretern der bayrischen Regierung der Feigheit geziehen worden. Das erstemal von Schneppenhorst, weil ich die Gründung der Räterepublik nicht billigte, das zweite Mal vom Staatsanwalt, weil ich nicht mit der Waffe in der Hand, sondern nach meiner Weise und nach meinem Ermessen kämpfte und im Einverständnis mit der Kommunistischen Partei vom Kampfplatz abtrat. Ich will schließen. Seit sechs Monaten gab es keine Möglichkeit mehr für mich, mit meiner Familie zusammen zu sein. Meine Frau konnte mich zum Teil nicht einmal besuchen, meinen kleinen Jungen, der drei Jahre alt ist, konnte ich nicht sehen, weil vor meinem Hause der Häscher stand. So ist das Leben, das ich führte, und es läßt sich weder mit Machtgefühl noch mit Feigheit vereinbaren. Ich habe dann, als mir wieder Feigheit vorgeworfen wurde, und zwar von Toller, als er mich zur Ausrufung der ersten Räterepublik überreden wollte, ihm entgegnet: Was willst du, die Mehrheitssozialisten fangen an, laufen und verraten uns, die Unabhängigen gehen auf den Leim, machen mit, fallen später um, und uns Kommunisten stellt man an die Wand. Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub. Dessen bin ich mir bewußt. Ich weiß nicht, ob Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden oder ob ich einrücken muß zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ich sehe jedenfalls Ihrem Spruch mit Gefaßtheit und mit innerer Heiterkeit entgegen. Denn ich weiß, was für einen Spruch Sie fällen werden. Die Ereignisse sind nicht aufzuhalten. Der Herr Staatsanwalt glaubt, die Führer hätten die Massen aufgepeitscht. Wie die Führer die Fehler der Massen nicht hintertreiben konnten unter der Schein-Räterepublik, so wird auch das Verschwinden des einen oder des anderen der Führer unter keinen Umständen die Bewegung hindern.

Dennoch weiß ich: über kurz oder lang, in diesem Raum werden andere Richter tagen, und dann wird der wegen Hochverrats bestraft werden, der sich gegen die Diktatur des Proletariats vergangen hat. Fällen Sie das Urteil, wenn Sie es für richtig halten. Ich habe mich nur dagegen gewehrt, daß meine politische Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich mich verknüpft fühle, daß der gute Name der Münchner Arbeiter beschmutzt wird. Diese und ich mit ihnen zusammen, wir haben alle versucht, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen die Internationale, die kommunistische Weltrevolution.«

Hansjörg Viesel (Hrg.): Literaten an die Wand. Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller, Frankfurt am Main 1980, S. 443 - 450

Anmerkung:

Am 5. Juni 1919 wurde Eugen Leviné, Mitglied der KPD, standrechtlich erschossen.

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