|
DER 20. JULI 1944
UND DIE FASCHISMUSTHEORIE
Von
Kurt
Gossweiler
Erschienen in
„Streitbarer Materialismus“, Nr. 19 (Dezember 1994), S. 25-82
Quelle:
Kurt Gossweiler –
Politisches Archiv
Auf
Kommunisten-online am 4. März 2011
Vorbemerkung
Der
nachfolgende Aufsatz entstand im Anschluss an ein am 18. Juli 1984 von
meinem damaligen Institut, dem Zentralinstitut für Geschichte bei der
Akademie der Wissenschaften der DDR, durchgeführtes Kolloquium,
gewidmet dem 40. Jahrestag des 20. Juli 1944 unter dem Titel „Der
Platz des 20. Juli 1944 in der Geschichte des antifaschistischen
deutschen Widerstandskampfes”. (1)
Dieses
Kolloquium markierte eine gewisse Wende in der Beurteilung des 20. Juli
44 insofern, als nunmehr auch der reaktionärste Teil der Verschwörer
mit Carl Goerdeler an der Spitze von dem Vorwurf freigesprochen wurde,
mit dem Attentat auf Hitler nur beabsichtigt zu haben, den Weg für eine
Verständigung mit den Westmächten gegen die Sowjetunion freizumachen,
um so den deutschen Imperialismus vor der totalen Niederlage zu
bewahren. Es wurde nunmehr behauptet, Goerdeler habe kurz vor dem
Attentat seine früheren Positionen verlassen und habe nur noch die
Herstellung des Friedens durch Einstellung der Kampfhandlungen an allen
Fronten zum Ziele gehabt. Im Hauptreferat, gehalten von Kurt Finker,
wurde das noch etwas zurückhaltend mit den Worten zum Ausdruck
gebracht, „die Auffassungen dieses konservativen Hitlergegners” hätten
sich „unter dem Druck der Ereignisse weiterentwickelt”; „der
Goerdeler von 1943 war nicht mehr der Goerdeler von 1944”. (2)
Das
war er sicher nicht, aber dass er nunmehr seine Pläne zur Rettung des
deutschen Imperialismus durch einen Sonderfrieden mit den Westmächten
bei Fortführung des Krieges gegen die Sowjetunion aufgegeben hätte -
das wurde nur behauptet, aber nicht belegt.
Diese
„Wende” war eben nicht die Folge neuer Forschungsergebnisse, sondern
eines Bedürfnisses der Politik, nämlich des Bedürfnisses, eine
historische Begründung für die Notwendigkeit und Möglichkeit einer
„Koalition der Vernunft” zu liefern, die damals von Erich Honecker
als Weg zur Sicherung des Friedens angesehen wurde.
Und
so hieß es denn auch am Schluss des Referates von Finker: „Was sich
damals angebahnt hatte, war eine Art Koalition der Vernunft. Nur eine
solche, über politische und Klassengrenzen hinaufreichende Koalition
der Vernunft kann heute den Gefahren der imperialistischen Hochrüstungs-
und Konfrontationspolitik wirksam begegnen - darin liegt das Vermächtnis
der Gefallenen.” (3)
Also
- um des illusorischen Zieles einer Harmonisierung antagonistischer
Klasseninteressen willen wurde die Geschichte tatsachenwidrig
„harmonisiert”.
Dagegen
einfach nur Widerspruch laut werden zu lassen, genügte nicht. Man
musste sich schon daran machen, der zweckbestimmten Legendenbildung die
historischen Tatsachen entgegenzustellen. Das war der Anlass dafür,
dass ich mich diesem Gegenstand, der eigentlich außerhalb meines
eigentlichen Forschungsgebietes lag, zuwandte, den vorliegenden Artikel
verfasste und ihn im November 1984 der Institutsleitung vorlegte.
Obwohl
der damalige Institutsdirektor im Januar 1985 ihn als „ein sehr gutes
Manuskript” bezeichnete, erfuhr er in einer im März 1985 durchgeführten
Beratung mit Fachkollegen eine kollektive Verurteilung. Die Orientierung
auf eine „über die Klassengrenzen hinausgehende Koalition der
Vernunft” war von meinen Kollegen so sehr verinnerlicht, dass sie eine
Betrachtungsweise, die entgegen dem Harmonisierungsbedürfnis an der
Herausarbeitung gegensätzlicher, antagonistischer Klasseninteressen
festhielt, nicht anders denn als überholt, dogmatisch und störend
empfanden.
Dennoch
gelangte der Artikel - allerdings nur in einer um die Hälfte gekürzten
Fassung - zur Veröffentlichung, als Beitrag zu einer Festschrift für
den Widerstandskämpfer und hervorragenden DDR-Historiker Heinrich
Scheel. (4)
In
vollem Umfang wird der Artikel hier* erstmals veröffentlicht.
Weggelassen sind nur jene Passagen, die sich mit dem damals aktuellen
Problem der „Koalition der Vernunft” befassten.
I
Der
20. Juli 1944 ist ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte des
faschistischen Deutschland, zugleich ein markantes Ereignis in der
Geschichte des Widerstands gegen das Hitlerregime. Zu Recht wird diesem
Ereignis an seinen Jahrestagen, besonders an den Dezenniums-Jahrestagen,
große Aufmerksamkeit gewidmet.
Es
gibt nur wenige andere Gedenktage der deutschen Geschichte, an denen so
augenfällig abzulesen ist, wie sehr aktuelle Bedürfnisse dazu führen,
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt jeweils neue Fragen an die Geschichte zu
stellen und jeweils andere Seiten des gleichen Ereignisses stärker als
früher zu beleuchten.
Eine
der wichtigsten alten Fragen, die aber bislang noch keineswegs
ausreichend untersucht wurde, ist die Frage nach der Bedeutung des
Attentats vom 20. Juli für die Faschismustheorie. Was sagt dieser
Ereigniskomplex über den Charakter des faschistischen Regimes in
Deutschland aus?
Der
vorliegende Aufsatz greift diese Frage in der bescheidenen Absicht auf,
einen Diskussionsbeitrag zu leisten und Überlegungen anzubieten, die für
eine noch ausstehende gründliche Untersuchung von Nutzen sein könnten.
Für
die vorherrschende bürgerliche Geschichtsschreibung ist der 20. Juli
eine klare, unwiderlegliche Bestätigung ihrer Auffassung, derzufolge
das faschistische Regime in Deutschland und anderswo die Diktatur der
faschistischen Partei und ihres Führers über alle Klassen und
Schichten der Gesellschaft darstellt. Denn wenn der Faschismus - so ihre
Argumentation - nur das Werkzeug der herrschenden Klasse, sein Führer
nur ihr Willensvollstrecker sei, wie die Marxisten behaupten, dann sei
doch völlig unbegreiflich, weshalb es der herrschenden Klasse nicht möglich
war, dieses Werkzeug einfach aus der Hand zu legen und diesen Führer
einfach zu entlassen, nachdem er ihren Interessen nicht mehr nützlich
war, sondern einer ihren Interessen entsprechenden Lösung, nämlich
einer rechtzeitigen Beendigung des Krieges, im Wege stand.
In
der Tat ist damit eine Frage gestellt, auf die unsererseits bisher
meines Erachtens nach noch keine ausreichende Antwort gegeben wurde;
denn der mitunter anzutreffende Hinweis auf eine kriegsbedingte Verstärkung
der relativen Selbständigkeit des politischen Überbaus gegenüber der
ökonomischen Basis kann nicht als eine befriedigende Antwort angesehen
werden.
Eine
solche Antwort kann nur gefunden werden, indem die Erklärung für das
Verhalten der herrschenden Klasse und ihrer verschiedenen Gruppierungen
gegenüber der faschistischen Führung gesucht wird in ihrer
Interessenlage und den ihnen - angesichts des Kriegsverlaufes und der
innenpolitischen Probleme - noch tatsächlich oder vermeintlich offen
gebliebenen Entscheidungsmöglichkeiten.
Eine
solche Untersuchung stößt aber auf schwer zu überwindende
Hindernisse. So leicht es fällt, das durch die jeweiligen Umstände
gegebene objektive Interesse der Führungskräfte des deutschen
Imperialismus zu bestimmen, so schwer fällt es, ihnen entsprechende Äußerungen
oder gar Handlungen aus den Reihen dieser Führungskräfte zu eruieren.
Was in diesen Kreisen gesagt oder getan wurde über und für eine
Beseitigung Hitlers von der Führung, ist, soweit überhaupt, nur durch
die Vernehmungen der Akteure des 20. Juli und durch Aufzeichnungen, die
den faschistischen Häschern in die Hände fielen, ans Tageslicht
gekommen; und auf den Historiker ist davon nur das überkommen, was veröffentlicht
oder in den Archiven noch einsehbar ist.
Liest
man dieses Material durch, dann fällt sehr bald ein merkwürdiger
Umstand auf: Obwohl es in den Aussagen der Verhafteten und in den
aufgefundenen Dokumenten nicht wenige Hinweise auf Verbindungen der
Verschwörer zu Topmanagern des deutschen Monopolkapitals gibt, haben
die faschistischen Untersuchungsorgane ihre Nachforschungen in dieser
Richtung entweder gar nicht weitergeführt oder, wenn vereinzelt doch,
sie sehr bald wieder eingestellt. Dafür nur einige wenige, aber sehr
charakteristische Beispiele.
Bekanntlich
machte Carl Goerdeler nach seiner Verhaftung gegenüber den
faschistischen Inquisitoren „außerordentlich weitgehende Angaben,
durch die u.a. zahlreiche Personen, die sich in wichtigen Stellungen des
öffentlichen Lebens befinden, belastet” wurden; (5) selbst Gerhard
Ritter konnte nicht umhin festzustellen, dass sich Goerdeler „als eine
Nachrichtenquelle für die Gestapo erwies, deren Ergiebigkeit Staunen
erweckte”.(6) Dadurch und durch andere Quellen wurde bekannt, dass
Goerdeler enge Kontakte zu verschiedenen Großindustriellen hatte, und
dass Julius Leber in ihm einen „Mann der Großindustrie” sah. (7)
Der Gestapo war bekannt, dass leitende Männer des Stuttgarter
Bosch-Konzerns und des Krupp-Konzerns seine Auslandsreisen, die der
Kontaktaufnahme mit Mittelsmännern zur britischen Regierung dienten,
als Reisen in ihrem Auftrage legalisierten. Bekannt war ihr ferner, dass
der Krupp-Direktor Löser mit seinem Einverständnis als Finanzminister
für eine künftige Regierung Goerdeler vorgesehen war. Dies alles hätte
die Sonderkommission zur Untersuchung der Verschwörung doch veranlassen
müssen, die großindustriellen Hintermänner der Verschwörung genauso
rigoros zu vernehmen und abzuurteilen wie die Verschwörer selbst. Doch
nichts dergleichen geschah, Löser wurde zwar verhaftet und verhört,
aber nicht zum Tode verurteilt, im Gegensatz zu kleineren Industriellen,
wie etwa Walter Cramer, und zu zahlreichen Industrie-Syndici, wie
Lejeune-Jung, Syndikus in der Zellstoffindustrie und gleich Löser als
Minister (für Wirtschaft) in einer Goerdeler-Regierung vorgesehen. Hans
Welz, nach Robert Boschs Tod (März 1942) an der Spitze des
Bosch-Konzerns, wurde anscheinend überhaupt unbehelligt gelassen;
jedenfalls taucht sein Name in den Berichten über die Untersuchung der
Sonderkommission nicht als einer der Vernommenen auf, obwohl er in die
Verschwörung eingeweiht war und sie förderte. (8)
Der
Gestapo war ferner bekannt, dass Goerdeler des öfteren in den Zusammenkünften
des so genannten „Reusch-Kreises”, eines Zirkels von hochkarätigen
rheinisch-westfälischen Industriellen, auftrat und dort seine
Auffassungen zur Lage vortrug. Im November 1943 sprach er in diesem
Kreise in Anwesenheit des langjährigen Hanielkonzern-Generaldirektors
Paul Reusch von der Notwendigkeit, Hitler von der Führung zu
beseitigen, um zu einer Verständigung mit den Angelsachsen gegen die
Russen zu kommen.(9) Obwohl in ähnlich gelagerten Fällen gegen
kleinere Leute Todesurteile nur deshalb ausgesprochen wurden, weil sie
derartige Äußerungen nicht zur Meldung brachten, geschah Paul Reusch
nichts dergleichen.
Als
Mitwisser der Putschpläne Goerdelers wurden auch der Direktor der
Deutschen Bank, Oswald Roesler, und das Vorstandsmitglied der
Allgemeinen Deutschen Kreditgesellschaft, Schoen von Wildeneck, vorübergehend
verhaftet. Auf nähere Auskünfte über die Zukunftsvorstellungen in den
Chefzimmern der großen Industrie- und Bankkonzerne war die
Sonderkommission jedoch offenbar gar nicht begierig. Roesler und v.
Wildeneck bestritten, wie es im Bericht über ihre Vernehmung heißt,
„glaubwürdig jede Kenntnis der Goerdeler’schen Pläne”, und
wurden alsbald auf Antrag des Oberreichsanwaltes freigelassen. (10) Aus
diesem Anlass erhielt der Deutsche Bank-Direktor Roesler zahlreiche Glückwünsche,
darunter auch von einem der prominentesten Nazi-Industriellen, Albert
Pietzsch; dieser schrieb ihm am 13. 12. 1944: „Zu meiner großen
Freude entnehme ich einer Mitteilung des Aufsichtsrates der Deutschen
Bank, dass Sie nunmehr Ihre Tätigkeit aufgenommen haben. Wir alle waren
davon überzeugt, dass das Untersuchungsergebnis nicht anders ausfallen
konnte.”(11)
In
der Tat: Wenn Wirtschaftskapitäne ganz ausnahmsweise doch einmal von
den Untersuchungsorganen des SD erfasst wurden, dann konnte das
Untersuchungsergebnis eben „nicht anders ausfallen”, denn es gab
eine unsichtbare Barriere, vor der die Todesmaschinerie des
faschistischen Regimes Halt machen musste. Ein entsprechendes
Haltesignal wurde z.B. durch die schriftliche Weisung für die
Begrenzung der Anwendung „verschärfter Vernehmungen”, d.h. der
Folterung zur Erpressung von Geständnissen, auf einen bestimmten
Personenkreis, nämlich „Kommunisten, Marxisten, Bibelforscher,
Saboteure, Terroristen, Angehörige der Widerstandsbewegung,
Fallschirmagenten, Asoziale, polnische oder sowjetische
Arbeitsverweigerer oder Bummelanten” (12) gegeben. Hochrangige
Wirtschaftskapitäne fielen generell unter keine dieser Kategorien, auch
nicht unter die der „Angehörigen der Widerstandsbewegungen”; denn
auch dann, wenn sie nicht nur Mitwisser, sondern sogar Anreger von
Aktivitäten wie derjenigen Goerdelers waren, blieben sie doch diesen
Aktivitäten selbst fern: das Prinzip der Arbeitsteilung zwischen
Wirtschaft und Politik wurde gerade bei derartigen Unternehmungen strikt
gewahrt.
Mit
anderen Worten: Die Spitzenkräfte der großen Bank- und
Industriemonopole waren für die Gestapo tabu. Dies ist der
entscheidende Grund dafür, dass wir zwar recht genau über Beweggründe
und Aktionen der Verschwörer Bescheid wissen, über Vorstellungen und
Handlungen der „Wirtschaftsführer” dagegen nur sehr vage
Nachrichten besitzen.
Diese
geringen Kenntnisse haben ihre Ursache also in einem Sachverhalt, der
allerdings ganz und gar nicht die These jener stützt, die uns glauben
machen wollen, Hitler habe als allmächtiger Diktator alle Klassen und
Schichten gleichermaßen seiner Tyrannei unterworfen.
Wir
können uns also bei unserer Untersuchung des Verhältnisses der
herrschenden Klasse zum faschistischen Regime nach dem Umschwung im
Kriegsverlauf, da man nicht mehr darüber im Zweifel sein konnte, dass
der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen war (also etwa beginnend
mit 1943), (13) nur auf gesicherte Forschungsergebnisse zu zwei
Problemkreisen stützen: zum einen auf die bekannten Fakten über den
Komplex des 20. Juni, zum anderen auf die Ergebnisse der relativ jungen
Forschungen über die Nachkriegsplanungen und die Überlebensstrategie
von Kreisen und Institutionen der deutschen Monopolbourgeoisie in den
letzten Jahren und Monaten der faschistischen Diktatur. (14)
Diese
Tatsachen alleine erlauben aber noch nicht, aus Mosaiksteinchen ein
zusammenhängendes, deutlich umrissenes Bild zu entwerfen. Es muss ergänzend
versucht werden, die inneren Zusammenhänge durch Rekonstruktion der
objektiv gegebenen Interessen der herrschenden Klasse Deutschlands in
jener Zeit nachzuzeichnen; um hier die Möglichkeit subjektiver
Fehldeutungen so gering wie möglich zu halten, ist es darüber hinaus
von Nutzen, den Blick nicht nur auf die Jahre 1943 bis 1945 zu richten,
sondern ihn auch zurückschweifen zu lassen, um den Weg und seine
wichtigsten Stationen verfolgen zu können, der zum 20. Juli führte.
II
Eine
Situation, in der der Repräsentant des Staates und Oberste Kriegsherr
ein Hindernis für den rechtzeitigen Abbruch eines nicht mehr
gewinnbaren Krieges wird, war für die imperialistische deutsche
Bourgeoisie keine Premiere. (15) Im ersten Weltkrieg war es der Kaiser
– der übrigens viele Züge mit Hitler gemein hatte: beide zeichneten
sich durch ein bizarres, von den Realitäten weit entferntes Weltbild,
durch eine bis ins Groteske gesteigerte Überschätzung der eigenen Kräfte
und daraus entspringende maßlose Eroberungsziele sowie durch ein
krankhaft bis zum Größenwahn gesteigertes Selbstbewusstsein aus, und
beide stellten sie damit geradezu die ideale Verkörperung der
hervorstechendsten Eigenschaften des deutschen Imperialismus dar -,
Wilhelm II. also war es damals, dessen rechtzeitigen Rücktritt die
deutschen Monopolherren und die einsichtigsten Generale zu erreichen
suchten, worüber sich der Kaiser in einem Brief vom 3. November 1918 an
einen Vertrauten bitter beklagte: „Es war schon alles so schön
aufgeteilt, ganz Belgien, Nordfrankreich usw. Die Schwerindustrie hatte
auch schon Beschlag auf alles gelegt, und nun kommt es mit einmal
anders, und jetzt schimpfen sie natürlich, als wenn ich schuld wäre.
Und die Rheinische Schwerindustrie, ... die verhandelt jetzt mit der
Entente, lieber einen guten Frieden ohne mich, als einen weniger guten
mit mir - weg werfen sie mich. ... Und das sage ich Ihnen, wenn nur das
geringste passiert, dann schreibe ich denen die Antwort mit
Maschinengewehren auf das Pflaster, und wenn ich mein eigenes Schloss
zerschieße; aber Ordnung soll sein!” (16)
Auch
damals war es nicht gelungen, den lästig Gewordenen rechtzeitig
loszuwerden; erst als die Revolutionswelle Berlin erreichte, rafften
sich die Generale auf und erklärten dem Uneinsichtigen, dass das Heer
nicht mehr hinter ihm stehe und er abzudanken habe.
War
es für die herrschende Klasse schon damals schwierig gewesen, dem
Obersten Kriegsherrn, als er hinderlich wurde, „einfach” den
Laufpass zu geben, so war dies noch um vieles schwieriger gegenüber
Hitler. Darauf wies die illegale Landesleitung der KPD in ihrem Dokument
vom Juni 1944 „Am Beginn der letzten Phase des Krieges” hin, in dem
es hieß: „Aber angesichts der unabwendbaren militärischen Niederlage
des deutschen Faschismus beginnen sich alle Vorteile, die das
faschistische System bisher dem Finanzkapital bot, in Nachteile zu
verwandeln, ohne dass diejenigen, die Hitler holten, ihn heute einfach
wieder wegschicken könnten.” (17)
Warum
konnten sie es nicht, worin bestand jetzt die Schwierigkeit? Wir erwähnten
bereits die Erklärung bürgerlicher Historiker und Publizisten, die
ihren plastischen Ausdruck in dem einprägsamen Bild vom „Ritt auf dem
Tiger” gefunden hat: Wer auf dem Tiger reitet, läuft Gefahr, beim
Absteigen von der Bestie zerfleischt zu werden. Dies sei die Situation
des deutschen Bürgertums gewesen, als es sich von Hitler und seinem
Regime trennen wollte. Gemeint ist damit, dass Hitlers Terrorregime so
stark war, dass es jeden Versuch der herrschenden Klasse, ihn fallen zu
lassen, gewaltsam zu vereiteln vermochte.
Nun
ist es sicher richtig, dass Hitler 1944 sehr viel größere Möglichkeiten
besaß, das zu praktizieren, was Wilhelm II. 1918 in seinem ohnmächtigen
Zorn zu tun androhte, um sich an der Macht zu halten. Aber genau so
sicher ist, dass die Wehrmacht - wenn sie von einer entschlossenen Führung
geschlossen gegen die nazifaschistischen Formationen eingesetzt worden wäre
-, mit diesen in kurzer Zeit hätte fertig werden können. Der Beweis
wurde am 20. Juli 1944 in Paris geliefert. Die Schwierigkeit bestand
also nicht in einer überlegenen Stärke der Hitler zur Verfügung
stehenden Kräfte der Waffen-SS und der anderen Naziformationen - eine
solche Überlegenheit gab es nicht. Sie bestand vielmehr in der Unmöglichkeit,
die Wehrmachtführung zu einem einheitlichen, geschlossenen Handeln
zubringen.
Diese
Unmöglichkeit kann nicht mit einer Furcht vor der Auseinandersetzung
mit der SS erklärt werden: wie sollte sie sich davor gefürchtet haben,
einen unterlegenen Gegner mattzusetzen, da sie sich doch in Friedens-
und Kriegszeiten unaufhörlich damit beschäftigt hatte, mit
gleichstarken oder gar überlegenen Gegnern fertig zu werden? Zudem
lagen ja ausreichende Beweise dafür vor, dass Himmler bereit war, mit
den Verschwörern mitzumachen, zumindest in der Weise, dass er seine SS
von einem Vorgehen zum Schutze Hitlers abhielt. Schon im Frühjahr 1941
hatte Himmler durch einen Vertrauensmann bei dem Schweizer Diplomaten
C.J. Burckhardt nachfragen lassen, ob England mit ihm, Himmler, anstelle
Hitlers Frieden machen würde. (18) Und am 25. Juli 1943 schrieb
Goerdeler in einem Briefentwurf für den Generalfeldmarschall Kluge:
„Ich kann Ihnen auch, wenn Sie es wollen, Herrn Goebbels oder Herrn
Himmler zum Bundesgenossen machen: denn auch diese beiden Männer haben
längst begriffen, dass sie mit Hitler verloren sind.” (19) Mag bei
derartigen Versicherungen Goerdelers auch allerhand Übertreibung im
Spiele gewesen sein (20), um damit Kluges Zaudern zu überwinden, so
kann doch an Himmlers Bereitschaft, Hitler preiszugeben, um die eigene
Haut zu retten, kein Zweifel bestehen.
Weshalb
also schreckten die meisten Generale und nicht weniger der meisten
Generaldirektoren davor zurück, durch eine entschlossene Aktion Hitler
von der Führung zu beseitigen?
Der
Grund dafür ist einfach genug: So sehr Hitler ein Hindernis war für
die Anknüpfung von offiziellen Verhandlungen mit den Westmächten, so
unentbehrlich war er für den inneren Gebrauch. Wenn der Terror das
Hauptmittel war, die aktiven Antifaschisten zu liquidieren und die
passiven Unzufriedenen in der Passivität der Furcht verharren zu
lassen, so war Hitler das Hauptintegrationsmittel, das die Mehrheit des
Volkes in blindgläubigem Vertrauen zum „Führer” und damit in einem
Zustand willenloser Gefolgschaft - entsprechend dem Nazislogan „Führer
befiehl, wir folgen Dir!” - hielt. Neben dem Terror war Hitler also
der wirkungsvollste Wall, um die herrschende Klasse vor dem zu schützen,
was sie am meisten fürchtete - mehr noch als die militärische
Niederlage und die bedingungslose Kapitulation: ein zweites 1918, die
Revolution.
Wie
aber war es dazu gekommen, dass ein solch irrationaler Wunderglaube an
diesen einen Mann zu einem politischen Faktor von solch enormer,
erstrangiger Bedeutung hatte werden können?
In
den bürgerlichen Medien wird als Antwort auf diese Frage absichtsvoll
die Legende vom angeblich unwiderstehlichen Charisma Hitlers oder gar
von seiner „Dämonie” verbreitet. Um die tatsächlichen Ursachen für
die Integrationswirkung Hitlers zu erkennen, müssen wir kurz deren
Entwicklung verfolgen.
III
Die
deutschen Monopolisten und Junker, die im November 1932 von Hindenburg
die Berufung Hitlers als Kanzler forderten, begründeten diese Forderung
mit der Feststellung, die angestrebte Verfassungsänderung müsse von
einer „breitesten Volksströmung” getragen sein, deshalb müsse die
Kabinettsumbildung „in einer Weise erfolgen, ... die die größtmögliche
Volkskraft hinter das Kabinett bringt”, und das mache erforderlich,
„die größte Gruppe dieser nationalen Bewegung führend an der
Regierung” zu beteiligen. (21)
In
dieser Eingabe kommt in komprimierter Form die Hauptsorge der deutschen
Monopolbourgeoisie seit den Tagen des Zusammenbruchs ihrer Herrlichkeit
im ersten Weltkrieg und seit den Tagen des schmählichen Scheiterns des
Kapp-Putsches zum Ausdruck, und zugleich auch die fundamentale Lehre,
die sie aus den Erfahrungen seit 1914 gezogen hatte: um eine neue Runde
des Kampfes um die Neuaufteilung der Welt vorzubereiten und erfolgreich
zu bestehen, musste im Innern eine stabile Massenbasis geschaffen und
dauerhaft gesichert werden. Hitler war der Mann, der es am besten
verstanden hatte, Millionenmassen für das imperialistische
Expansionsprogramm zu mobilisieren. Deshalb konnte die deutsche
Monopolbourgeoisie in ihrer Gesamtheit auf die Dauer nicht die Forderung
jener aus ihren Reihen zurückweisen, die wie Schacht und Thyssen nicht
einen erprobten Konservativen wie etwa Papen oder Hugenberg, sondern den
schillernden Emporkömmling Hitler zu ihrem Kanzlerkandidaten erkoren
hatten.
Es
muss hier unerörtert bleiben, auf welche Weise es Hitler und seinen Förderern
in der Weimarer Republik gelungen war, der NSDAP den Millionenanhang zu
verschaffen. (22) Es muss genügen, auf eine wesentliche Besonderheit
der Massenbearbeitungs- und Massengewinnungsmethode der NSDAP
hinzuweisen: sie trat als Partei der Rettung aus dem Sumpf auf, in den
die anderen Parteien das Land hineingeritten hätten, und ihr Führer präsentierte
sich den Massen als Messias, den die Vorsehung dem Volke gesandt hatte.
Sie ließ keinerlei Erörterung des Kurses der Parteiführung durch die
Gefolgschaft zu, sondern verlangte blinden Glauben an den Führer und
dessen Unfehlbarkeit. Sie setzte nicht auf Vernunft und wirkliche
Interessen der Massen, sondern auf irrationale Sehnsüchte nach Erlösung
aus dem gegenwärtigen Elend und lenkte alle Hoffnungen auf die übermenschlichen,
wundertätigen Fähigkeiten eines einzigen Mannes. Der als „Wunder”
präsentierte Aufstieg Hitlers vom „unbekannten Gefreiten des
Weltkriegs” zum „Führer der größten Partei der deutschen
Geschichte” musste als Beweis dafür herhalten, dass er auserwählt
war und dafür, dass mit ihm der Sieg über Not und Elend wie über alle
Feinde gewiss war. Kurzum, Führermythos und Führerglaube waren das
Bindemittel, das die Gefolgschaft mit der Parteiführung am stärksten
zusammenkittete. Die Nazipartei setzte damit in ihren Reihen ein Prinzip
durch, das auch in dem von den Monopolherren erstrebten „starken
Staat” zu herrschen hatte, den sie schon mit dem Kanzler Papen zu
erreichen gehofft und zu dem ihnen nach dessen Scheitern Hitler
verhelfen sollte, das Prinzip der widerspruchslosen Unterordnung des
Volkes unter die Staatsführung. Nur so, durch Beendigung der
„Parteienwirtschaft”, durch straffe Zentralisierung der Staatsmacht
und Bündelung aller Energien und Potenzen des Volkes durch einen
einzigen Willen, bestand Aussicht, in einem zweiten Anlauf die
weitgreifenden Expansionsziele des deutschen Imperialismus zu erreichen.
Mit
der Ernennung Hitlers zum Kanzler war aber noch lange nicht ausgemacht,
dass er und seine Partei nicht nur formal, sondern auch tatsächlich die
Staatsmacht in den Händen halten sollten. Für viele war er nur der
Mann, der die Massenbasis des „starken Staates” zu liefern und
dessen Bürgerkriegsgarde, die SA, den Widerstand der Arbeiterbewegung
gegen die Errichtung der offenen Monopoldiktatur zu brechen hatte, um
damit den Weg zu einer Restauration der Monarchie freizumachen, in der
die tatsächliche Macht - so die weit verbreitete Vorstellung in den
Reihen der Monopolherren und Junker - in den Händen der Generalität,
der Führung der Wehrmacht, liegen sollte.
Das
Diktaturregime einer herrschenden Klasse, deren größte Furcht die
Furcht vor den Massen, vor der Entfesselung ihrer revolutionären
Potenzen ist, besitzt indessen eine Eigengesetzlichkeit, die dazu
zwingt, demjenigen immer mehr Machtvollkommenheit einzuräumen, der sich
auf die Kunst der Massenbeherrschung am besten versteht. Und das war
unzweifelhaft Hitler. Und der war sich durchaus bewusst, worin seine
Unersetzlichkeit für die Herrschenden bestand, wie zahlreiche seiner Äußerungen
bezeugen. (23) Aber diese seine Fähigkeit war an die Voraussetzung
gebunden, dass der Glaube an die Auserwähltheit und Erlösungsmission
des Führers erhalten und ständig vergrößert wurde, und dies wiederum
konnte nur gewährleistet werden, wenn dieser Glaube immer neue Nahrung
erhielt. Damit aber war die Erhaltung und ständige Steigerung des Führermythos
zur Voraussetzung und Bedingung für die Stabilität der Massenbasis der
offenen, terroristischen Diktatur der reaktionärsten Elemente des
Finanzkapitals geworden.
Die
Monopolherren und Junker mussten somit einen hohen Preis zahlen für die
Dienste, die ihnen Hitler und seine Partei leisteten, nämlich den Preis
der unlösbaren Verknüpfung ihres Schicksals mit dem Hitlers in dem
Unternehmen, für dessen Ingangsetzung und Durchführung er engagiert
worden war. Dessen waren sie sich allerdings keineswegs bewusst, als sie
Hitler auf den Kanzlerstuhl hievten. Aber diese innere Logik des
Machtsicherungsmechanismus, den sie mit der Errichtung der
faschistischen Diktatur installiert hatten, setzte sich in allen
Situationen durch, in denen Entscheidungen über die weitere
Ausgestaltung sei es der Staatsform, der Staatsführung oder des militärischen
Oberbefehls zu treffen waren.
Diese
innere Logik verlangte, dass der „Führer” - um das Maximum an
Massenwirksamkeit zu erzielen - die oberste Spitze der Staatsmacht
bildete. Das Führerprinzip und der Führermythos waren unverträglich
mit der Unterstellung Hitlers unter ein anderes menschliches Wesen. Über
ihm durfte es nur noch die „Vorsehung” geben.
Symptomatisch
dafür war die Regelung der Nachfolge Hindenburgs durch Hitler als
Staatsoberhaupt. Hindenburg hatte sich stets als den Statthalter für
die Hohenzollern betrachtet, und große Teile der konservativen
Politiker sahen in Übereinstimmung mit maßgeblichen Kräften in der
herrschenden Klasse und der Reichswehrführung die Sache nicht anders.
Deshalb brachte das Frühjahr 1934 mit der Erkrankung Hindenburgs eine
Belebung der Aktivität monarchistischer Kreise und eine bis an Hitler
herangetragene Erörterung der nunmehr vermeintlich auf der Tagesordnung
stehenden Restauration der Monarchie. Der Vizekanzler Papen arbeitete
emsig für dieses Ziel und erhielt zunächst auch die Unterstützung des
Oberbefehlshaber des Heeres, General v. Fritsch.
Der
Umstand, dass die Wiedererrichtung der Monarchie im Volke kaum Unterstützung
finden, aber bei großen Teilen der Bevölkerung, gerade auch bei jenen,
die in Hitler den berufenen Führer des deutschen Volkes sahen, auf
Unverständnis und Widerstand stoßen würde, hatte Blomberg und
Reichenau indessen schon frühzeitig veranlasst, der Nachfolge Hitlers
anstelle der Wiedererrichtung der Monarchie den Vorzug zu geben, unter
der Bedingung allerdings, dass Hitler dafür sich im Rivalitätenkampf
zwischen Reichswehr und SA eindeutig auf die Seite der Reichswehr
stellen und sich in Fragen der Reichswehrführung nicht einmischen würde.
(24) Diese Beweggründe veranlassten schließlich auch Fritsch, den Bemühungen
um Wiedererrichtung der Monarchie seine Unterstützung zu entziehen.
Aber nicht genug damit, dass die Reichswehrführung Hitler zum
Staatsoberhaupt und damit zum Obersten Befehlshaber der Streitkräfte
machte: Reichenau ergriff auch die Initiative für die Abänderung der
Eidesformel (25); entsprechend dieser neuen Formel wurden die
Wehrpflichtigen nun nicht mehr auf „Volk und Vaterland”, sondern auf
Treue zur Person des Führers vereidigt, um damit ein „ähnliches Verhältnis
wie zum Kaiser” zu begründen und die Person Hitlers aus jeder
kritischen Betrachtung auszunehmen, wie Fritsch auf einer
Befehlshaberbesprechung erläuterte. (26) Dies geschah keineswegs aus
dem Gefühl einer Schwäche Hitler gegenüber, sah sich doch die
Reichswehrführung als eigentlicher Sieger des 30. Juni 1934 nicht nur
über Röhm, sondern auch über Hitler.
Welche
Befürchtungen in Wahrheit der Option für Hitler und zugleich auch der
unziemlichen Eile zugrunde lagen, mit der das Gesetz über die
Einsetzung Hitlers als Staatsoberhaupt - noch zu Lebzeiten Hindenburgs!
- angenommen wurden, das geht sehr klar aus einem Brief vom 12. 8. 1934
des späteren Generalmajors und Beteiligten am Attentat vom 20. Juli
1944, Helmuth Stieff, hervor, der dort schrieb: „Die sofortige
Regelung der Nachfolge halte ich aus staatspolitischen Gründen für
absolut zwingend notwendig. Es durfte keine Minute zweifelhaft bleiben,
wer das neue Staatsoberhaupt ist. Unser gesamtes Staatswesen steht z.Zt.
auf so schwankenden Füßen, dass jede Unklarheit und jedes Interregnum
von gefährlichster Bedeutung hätte werden können. Dazu lag der 30.
Juni noch viel zu dicht heran.” (27)
Die
Furcht vor einem Interregnum, das auch nur einen Spalt für
unberechenbare Reaktionen der Massen öffnen könnte - diese Furcht war
die treibende Kraft, die 1934 Hitlers weiteren Aufstieg vorantrieb, wie
sie 1944 seine Beseitigung durch die Verschwörer verhinderte.
Das
Bestreben, keine Beeinträchtigung der integrierenden Wirkung des
Hitlermythos zuzulassen, gab letzten Endes auch den Ausschlag für den
Ausgang der berüchtigten Fritsch-Krise zu Beginn des Jahres 1938.
Oberflächlich
betrachtet handelte es sich dabei um eine Intrige Görings und Himmlers,
eingefädelt zu dem Zweck, Blomberg als Kriegsminister und Fritsch als
dessen voraussichtlichen Nachfolger bei Hitler unmöglich zu machen, um
damit für Göring den Weg ins Kriegsministerium und für die SS die
Bahn für deren Umwandlung in eine Art vierter Waffengattung frei zu
machen. (28) Diese Ziele wurden nicht erreicht. Blomberg und Fritsch
mussten zwar ihren Abschied nehmen. Aber Nachfolger Blombergs als
Oberbefehlshaber der Wehrmacht wurde nicht Göring, sondern Hitler
selbst. Für den kam die ganze Affäre sehr überraschend. Er hatte
keineswegs von sich aus auf eine solche Lösung hingearbeitet, wollte
vielmehr einen anderen General, - anfangs Fritsch - als neuen
Kriegsminister. Der Vorschlag, Hitler selbst solle das Oberkommando übernehmen,
kam pikanterweise von dem gerade erst entlassenen Blomberg. (29) Welche
persönlichen Beweggründe Blomberg für diesen Vorschlag auch immer
gehabt haben mag - er fand die Billigung der Wehrmachtgeneralität, weil
er der Logik der ständigen Steigerung des Führermythos entsprach: je näher
der Zeitpunkt des Übergangs von der Expansionsplanung zum bewaffneten
Vorgehen rückte, um so lebenswichtiger wurde die Gewährleistung eines
sicheren Hinterlandes durch eine Bevölkerung, die in ihrer großen
Mehrheit fest hinter der Staatsführung stand, und einer Armee, die
durch bedingungslosen Gehorsam und blindes Vertrauen zur Führung immun
gegen „zersetzende Einflüsse” und ein zuverlässiges Instrument in
den Händen der Vorgesetzten war.
Obwohl
eingeleitet durch eine Intrige lagen die Ursachen für die Fritsch-Krise
viel tiefer. Sie stand eigentlich am Abschluss einer Auseinandersetzung
innerhalb der Führung des faschistischen Deutschland, die schon 1935/36
begonnen hatte und schon im November 1937 zur Entlassung Hjalmar
Schachts als Reichswirtschaftsminister geführt hatte. Schacht war dann
auch die Schlüsselfigur dieser Auseinandersetzungen. Seine Ernennung
zum Reichswirtschaftsminister im Juli 1934 (unmittelbar nach dem Blutbad
des 30. Juni) verdankte dieser Vertrauensmann der britischen und
US-amerikanischen Hochfinanz vor allem dem Umstand, dass Deutschland in
der Phase seiner militärischen Unterlegenheit im Vergleich zu
Frankreich für die forcierte Aufrüstung die Rückendeckung durch die
USA und Großbritannien gegenüber etwaigen Sanktionsabsichten
Frankreichs brauchte. In dieser Zeit war Schacht faktisch der
Wirtschaftsdiktator Deutschlands, der sich von Hitler ebenso wenig in
seine Domäne hineinreden ließ, wie die Reichswehrführung in die
ihrige. (30) Seine Ernennung zum Generalbevollmächtigten für die
Kriegswirtschaft im Mai 1935 brachte seine beherrschende Position auch
nach außen zum Ausdruck.
Nachdem
- vor allem dank Schachts führender Mitwirkung bei der forcierten Rüstung
Deutschlands - die Phase der militärischen Schwäche gegenüber
Frankreich durchlaufen war, nahmen die maßgeblichen Monopolkreise des
deutschen Imperialismus - mit der Deutschen Bank und den IG-Farben an
der Spitze - die nächste Etappe ihres Fahrplanes zur Welthegemonie in
Angriff, nämlich die Erringung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit,
insbesondere der Unabhängigkeit hinsichtlich der Rohstoffversorgung aus
Übersee.
Bereits
1930 hatte der Deutsche Bank-Direktor Kehl in einem Vortrag gefordert,
an der Spitze aller Überlegungen müsse die politische
Handlungsfreiheit stehen; durch eine Art deutschen Fünfjahresplans
solle sich das deutsche Volk (!) „freimachen von ausländischer
Hilfe”. (31)
Nunmehr
war der Zeitpunkt für die Verwirklichung dieser Forderung gekommen. Die
Vierjahresplan-Denkschrift vom August 1936 (32), deren Konzept den IG
Farben-Direktor Carl Krauch zum Verfasser hatte (33), die aber
entsprechend den Erfordernissen des Führerprinzips als Denkschrift
Hitlers zur Annahme vorgelegt wurde, forderte ganz im Sinne der Ausführungen
Kehls einen „Mehr-Jahresplan der Unabhängigmachung unserer nationalen
Wirtschaft vom Ausland” und enthielt scharfe Ausfälle gegen die einem
solchen Autarkiekurs widerstrebende Argumentation des
Reichswirtschaftsministers Schacht.
Die
Autarkiebestrebungen des Vierjahresplanes waren ein eindeutiger Beweis
dafür, dass die hinter diesem Plan stehenden Kreise des deutschen
Imperialismus Deutschland „blockadefest” machen wollten, um somit
die Voraussetzungen dafür zu schaffen, Blitzfeldzüge nicht nur in
Richtung Osten, sondern bei günstiger Gelegenheit in alle Richtungen führen
zu können, falls unvermeidlich, auch als Zweifrontenkrieg. (34)
Im
September 1936 wurde auf dem Nürnberger Parteitag der Vierjahresplan
von Hitler verkündet, im Oktober 1936 Göring mit der Durchführung des
Vierjahresplans beauftragt, wodurch Schachts Kompetenz empfindlich
eingeschränkt wurde.
Wie
aufmerksam in den USA die Entwicklung in Deutschland verfolgt und mit
welcher Besorgnis jedes Anzeichen sinkenden Einflusses von Schacht in
Washington und New York registriert wurde, geht aus einem Gespräch
hervor, das am 23. September 1935 in der USA-Botschaft zwischen dem
US-amerikanischen Generalkonsul S.R. Fuller und Hjalmar Schacht
stattfand (35) und dessen Inhalt umgehend dem Präsidenten Roosevelt
telegrafisch übermittelt wurde. Der Teil des Gespräches, der in
unserem Zusammenhang besonders interessiert, hat folgenden Wortlaut:
F(uller):
Einige Ausländer haben das Gefühl, dass Sie Gefahr laufen, Ihre Macht
zu verlieren. Sie bemerken einen Kampf zwischen Goebbels und Streicher
auf der einen und Ihnen und der Armee auf der anderen Seite.
S(chacht):
Die Armee steht hinter dem Führer. ...Ich werde nicht fallen. Um sich
an der Macht zu halten, muss man stets konservativ sein. ...Ich bin
konservativ, und die Armee ist immer konservativ.
F:
Wo wird Hitler stehen? Wird er auf Seiten der Armee stehen?
S:
Zweifellos.
F:
Wird die Armee mit ihm sein?
S:
Zweifellos. Das deutsche Volk braucht Hitler. Die Deutschen sind zu 95%
für Hitler. Sie mögen unzufrieden sein mit seiner Umgebung, (disagree
as to the regime which surrounds him), aber sie wollen und brauchen
Hitler.
F:
Nochmals: will die Armee ihn wirklich?
S:
Zweifellos. Hitler ist eine Notwendigkeit für sie und für Deutschland.
F:
Wird Hitler sich der konservativen Seite zuwenden?
S:
Zweifellos. Um an der Macht zu bleiben, muss ein Staatsmann konservativ
sein.
Die
weitere Entwicklung zeigte, dass die ausländischen Skeptiker die
Labilität der Position Schachts besser einzuschätzen vermochten als er
selbst. Später beklagte sich Schacht bitter darüber, dass ihn die
Wirtschaftsführer und überhaupt das Bürgertum im Stich gelassen hätten.
Die Wirtschaftsführer seien, als sie sahen, dass er in der Wirtschaft
nichts mehr bedeutete, aus seinen Vorzimmern verschwunden und hätten
sich in die Vorzimmer Görings gedrängt. (36)
Schacht
verwechselt hier absichtlich Wirkung und Ursache: Nicht, weil er seine
Macht verlor, wandten sich die Wirtschaftsführer von ihm ab, sondern
weil sich die Wirtschaftsführer von ihm und seinem Konzept abwandten,
verlor er seine Macht. Und sie wandten sich in ihrer Mehrzahl von seinem
Konzept ab, weil es vorsah, die wirtschaftliche Abhängigkeit
Deutschlands von den USA aufrechtzuerhalten, um von vornherein eine
andere Stoßrichtung als die gen Osten, gegen die Sowjetunion,
auszuschließen und die Gefahr eines Zweifrontenkrieges erst gar nicht
wieder aufkommen zu lassen. Dem lag die zutreffende Einschätzung
zugrunde, dass Deutschlands Kräfte für die Führung eines lang
anhaltenden Krieges gegen die in jeder Hinsicht weit überlegenen angelsächsischen
Mächte und deren Verbündete genau so wenig wie im ersten Weltkriege
ausreichten. Diese Ansicht wurde von einem erheblichen Teil der
Monopolherren - insbesondere von Fritz Thyssen - wie auch von maßgeblichen
Militärs geteilt, die aber dennoch in beiden Bereichen eine Minderheit
darstellten.
Das
Gros der deutschen Monopolisten sah nicht nur die Gefahren, die aus
einem möglichen Zweifrontenkrieg hervorgehen konnten, sondern auch
jene, die aus einer Abhängigkeit von den Westmächten und von deren
leicht durchschaubaren Absichten ausgingen, Deutschland im Kriege gegen
die Sowjetunion die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen. Sie waren
sich durchaus darüber im klaren, dass Stalins auf dem 18. Parteitag der
KPdSU vorgetragene Analyse der hintergründigen Absichten, die von den
Westmächten mit ihrer Nichteinmischungspolitik verfolgt wurden (37),
den Nagel auf den Kopf traf. Hitler sprach in seiner Rede vor den
Oberbefehlshabern am 22. August 1939 - einen Tag vor dem Abschluss des
Nichtangriffspaktes mit der Sowjetunion -, nur aus, worüber sich seine
Zuhörer ohnehin klar waren, wenn er sagte: „Nun bestand bei den Westmächten
die Hoffnung auf das Mitmachen von Russland. ...Der Entschluss, Blut
einzusetzen, ist schwer. Man fragt dann leicht: Warum gerade ich? So
richtete sich die Hoffnung Englands auf Russland. Aber nur ein blinder
Optimist konnte glauben, Stalin würde so wahnsinnig sein, den Gedanken
Englands nicht zu durchschauen: nämlich wie im Weltkrieg im Westen eine
Art Stellungskrieg zu führen und im Osten Russland die Blutlast des
Krieges tragen zu lassen.” (38) Hitler brauchte dem nicht hinzuzufügen,
dass auch er nicht so wahnsinnig sei, Großbritanniens Absicht,
Nazideutschland als Festlandsdegen gegen die Sowjetunion einzusetzen und
dabei ausbluten zu lassen, nicht zu durchschauen.
Die
deutschen Imperialisten und Generale hatten zu keinem Zeitpunkt die
Absicht gehegt, ihre Armeen gegen die Sowjetunion marschieren zu lassen,
nur um damit am Ende die Reichtümer des Sowjetlandes für Großbritannien
und die USA als lachende Dritte erobert zu haben. Deshalb entschieden
sie sich 1936 in ihrer Mehrheit für den Vierjahresplan als
Voraussetzung für eine Kriegsführung auf eigene Rechnung und zum
eigenen Nutzen, also für Göring und gegen Schacht. Zwar wurde in
Hitlers Denkschrift der Vierjahresplan ausdrücklich mit der
Notwendigkeit eines Ausrottungsfeldzuges gegen den Bolschewismus begründet,
und das war keineswegs nur ein Vorwand. Aber wenn man die Früchte des
Sieges alleine ernten wollte, dann durfte man nicht auf die Versorgung
und Unterstützung aus Übersee angewiesen bleiben. Dann durften aber
auch nicht jene Hemmschuhe unter den Militärs und in der Regierung in
ihren Ämtern bleiben, die nichts mehr fürchteten als kriegerische
Verwicklungen mit den Westmächten und die mit ihren ewigen Warnungen
und Unkenrufen die forcierte Vorbereitung auf die Ausnützung jeder günstigen
Situation, in welcher Richtung sie sich auch bieten würde, störten und
behinderten, also Leute wie Fritsch und der Generalstabschef Beck,
Schacht und der Außenminister Neurath.
Treibende
Kräfte bei dieser „Säuberung” waren bezeichnenderweise jene beiden
Naziführer, die über die engsten Kontakte zu den Spitzen der deutschen
Monopolbourgeoisie verfügten - Göring (zu den IG-Farben) und Himmler (über
den so genannten „Freundeskreis Reichsführer SS”).
Die
widerstandslose Hinnahme der unglaublichen Intrige gegen den
Oberkommandierenden des Heeres durch die Generalität hatte tief
greifende Auswirkungen auf Hitlers Verhältnis zur Wehrmachtführung. Er
hörte auf, die Spitzenmilitärs mit dem Respekt des Laien gegenüber
hoch qualifizierten Fachleuten zu betrachten; anstelle seiner früheren
Befangenheit ihnen gegenüber erfüllte ihn immer mehr ein Gefühl der
Überlegenheit, gepaart mit Verachtung ob der Servilität eines Keitel
und anderer sowie wegen der von ihm als „Kriegsscheu” qualifizierten
Bedenken des Generalstabschefs Beck und seines Nachfolgers Halder. Er
begann, sich nicht nur als der politische Führer, sondern auch als der
Feldherr zu sehen, der den verkalkten Spezialisten erst einmal
beibringen musste, wie ein moderner Krieg geführt wird.
Bei
den wenigen Militärs wie Beck und Thomas (39) und Politikern wie
Goerdeler und Hassell (40), die aufgrund ihrer genauen Kenntnis des tatsächlichen
weltpolitischen und militärischen Kräfteverhältnisses - soweit es den
imperialistischen Teil der Welt betraf - ihre Nüchternheit bewahrten,
rief die ab Frühjahr 1938 zunehmend abenteuerliche und geradezu
provokatorische Politik der politischen und militärische Führung
helles Entsetzen hervor. In zahlreichen Denkschriften und Memoranden an
Hitler wiesen sie die Unmöglichkeit für Deutschland nach, einen lang
andauernden Mehrfrontenkrieg zu führen. (41) Das blieb jedoch sowohl
auf Hitler als auch auf die Mehrzahl der Generale und die hinter dem
Vierjahresplan stehenden Monopolherren ohne Eindruck, da ihr Konzept, an
dessen Durchführbarkeit sie fest glaubten, nach Krauchs Worten vorsah
„rasche Kriegsentscheidung durch Vernichtungsschläge gleich zu Beginn
der Feindseligkeiten” (42) zu erzwingen. Und da die von den
„Hemmschuhen” vorhergesagten katastrophalen Folgen sowohl in der
„Sudetenkrise” als auch nach der Besetzung Prags ausblieben, beide
Unternehmen vielmehr mit einem triumphalen Erfolg für Hitler endeten,
stiegen sein Ansehen im Volk und der Glaube an seine Unfehlbarkeit auf
eine neue Höhe, und selbst unter den Generalen wuchs die Zahl derer ständig,
die ihn für einen meisterlichen Strategen hielten. Sie übersahen völlig,
dass es lediglich der Beschwichtigungspolitik der Westmächte
zuzuschreiben war, wenn die von den oppositionellen Politikern und Militärs
vorausgesagten katastrophalen Folgen ausblieben, und dass diese Politik
der Westmächte nicht etwa ein Ausdruck der Schwäche und Kampfunfähigkeit
war, sondern dem Wunsche entsprang, Deutschlands innere Stabilität
nicht zu erschüttern, bevor es seine Aufgabe, die Sowjetunion zu überfallen
und zu überwältigen, in Angriff genommen hatte. Deshalb nahm man in
London die Informationen aus den Reihen der Opposition über
Vorbereitungen zum Sturz Hitlers zwar interessiert zur Kenntnis, dachte
aber überhaupt nicht daran, Hitler die zur Unterstützung ihres
Vorgehens erbetenen außenpolitischen Schwierigkeiten zu bereiten. (43)
Der Abschluss des Nichtangriffspaktes mit der Sowjetunion am 23. August
1939 war im deutschen Volk in anderer Weise populär als die
vorhergehenden Aktionen. Zum ersten Male war es kein Akt der Aggression
und Expansion, sondern ein echtes Friedenssicherungsabkommen (wenn es
ernst gemeint war), mit dem die Naziführung das deutsche Volk überraschte.
Die Erleichterung darüber war womöglich noch größer als die Überraschung
und reichte bis in konservative Kreise hinein. Hitler hatte dort zusätzliches
Vertrauen gewonnen, weil er - so meinte man - nun doch an die bewährten
Maximen Bismarckscher Außenpolitik anknüpfte.
Ganz
anders allerdings sah man in den Kreisen um Schacht und Thyssen,
Goerdeler und Hassell die Dinge. Für sie war der Nichtangriffspakt das
schlimmste aller Verbrechen Hitlers. Am 2. September 1939, nach dem
Abschluss des Nichtangriffspaktes und dem Überfall der deutschen
Truppen auf Polen, verließ Fritz Thyssen mit seiner Familie „Großdeutschland”
und sandte am 1. Oktober an Göring einen Brief, in dem er die Gründe für
seine Emigration darlegte. Darin hieß es über den Abschluss des
Nichtangriffspaktes: „Selbst vom Standpunkt einer pragmatischen
Politik (practical politics) kommt diese Politik einem Selbstmord
gleich, denn der einzige, der davon profitiert, ist der gestrige
Todfeind und heutige Freund des Nationalsozialismus, Russland, das Land,
von dem des Führers engster Berater Keppler in einer Rede vor dem
Verwaltungsrat der Reichsbank vor einigen Monaten sagte, es müsse bis
hin zu den Bergen des Ural germanisiert werden. Alles, was ich jetzt tun
kann ist, an Sie und den Führer dringendst zu appellieren, nicht länger
eine Politik zu verfolgen, die, falls erfolgreich, Deutschland in die
Arme des Kommunismus treiben, und im Falle des Scheiterns das Ende
Deutschlands bedeuten wird.” (44)
Ullrich
v. Hassell notiert unter dem Datum des 10. Oktober 1939 in seinem
Tagebuch folgendes über den Inhalt eines Gespräches mit Goerdeler:
„Meiner Grundauffassung stimmt er in jeder Hinsicht zu. Auch nach
seiner Ansicht ist die Kriegspolitik ein verbrecherischer Wahnsinn und
die Politik mit Russland in dieser Form eine ungeheure Gefahr. In der
Lage ohne Ausweg, in die uns Hitler und Ribbentrop hineinmanövriert
hatten, haben sie als einziges Auskunftsmittel die Kooperation mit den
Sowjets gesehen, ... Alles tritt aber zurück gegen die unbekümmerte
Auslieferung eines großen Teiles des Abendlandes ... an denselben
Bolschewismus, den wir angeblich im fernen Spanien auf Tod und Leben bekämpft
haben. ... Die ganze Lage führt mich zu dem Schlusse, dass es hohe Zeit
wird, den hinabrollenden Wagen zu bremsen.” (45)
Zunächst
aber schien der Wagen unaufhaltsam auf der Siegesstraße voranzurollen,
dem Endsieg entgegen: Norwegen, Belgien, Frankreich, Jugoslawien,
Griechenland - wo immer die deutschen Streitkräfte angriffen, warfen
sie den Gegner in einem Blitzfeldzug nieder - in Kürze war
Hitlerdeutschland Herr von fast ganz Europa. Mit jedem neuen Sieg wuchs
Hitlers blendender Ruhm weiter an und stieg bis ins Unermessliche, als
die deutschen Panzerarmeen auch nach dem Überfall auf die Sowjetunion
scheinbar unaufhaltsam vorrollten. Im August 1941, im Zenit seiner
Erfolge, rühmten ihn nicht nur die Nazipropagandisten als den größten
Feldherrn aller Zeiten, der von Alexander dem Großen bis zu Napoleon
alle seine Vorgänger in den Schatten stellte; dies glaubte bis auf
wenige Ausnahmen ein ganzes Volk, und dies glaubten auch viele Menschen
im Ausland, die sich voller Angst und Verzweiflung fragten, ob es denn
überhaupt noch eine Kraft gebe, um Hitler und seine Armeen zu stoppen.
Hitler
war aber damit auch zum wichtigsten und stärksten, durch nichts und
niemanden zu ersetzenden Faktor der inneren Stabilität, der Erhaltung
der Kriegsbereitschaft und Durchhaltemoral im deutschen Volk geworden.
Das
Interesse an der Bewahrung dieser Moral und Ruhe an der
„Heimatfront” erforderte die Bewahrung der Wirkung des Hitlermythos
auch und erst recht nach dem Umschwung im Kriegsverlauf, als das
Vertrauen an der Front und in der Heimat in die Führung durch die
ununterbrochene Kette von Niederlagen schweren Belastungen ausgesetzt
wurde. Nicht nur Hitlers Eitelkeit und Ehrgeiz, auch die
„Staatsraison” bedurfte der Sündenböcke für die Niederlagen in
Gestalt „unfähiger” Generale, die in die Wüste geschickt wurden,
als erster Brauchitsch.
Hitler
blieb unverzichtbar, jetzt zwar nicht mehr als der Garant des Sieges,
aber doch als Träger aller Hoffnungen auf ein Wunder, das den Sieg
trotz allem noch herbeiführen könnte; war er doch der Mann, der durch
ein Wunder aus dem Nichts zum Gipfel einer beispiellosen Macht
emporgestiegen war, dem deshalb auch das Wunder zugetraut werden konnte,
sich selbst und das Land vor dem Versinken ins Nichts zu bewahren.
Solange
sich das Volk in seiner Mehrheit an die Hoffnung Hitler klammerte, waren
die Herrschenden davor gesichert, dass es einen Ausweg durch eigenes
Handeln suchen würde, abgeschirmt vor der Gefahr einer Wiederholung des
November 1918.
Hitler
blieb also auch und gerade in der Krise des faschistischen Regimes der
„Wert-Faktor”, als den er sich selbst bezeichnet hatte, bevor er den
Startschuss für die Auslösung des Zweiten Weltkrieges gab.
Aber
zugleich war Hitler das entscheidende Hindernis dafür, mit den Westmächten
über einen Verständigungsfrieden zu verhandeln, solange Deutschland in
einem Handel noch etwas in die Waagschale zu werfen hatte: militärische
und wirtschaftliche Stärke und riesige besetzte Gebiete als Faustpfänder.
In
diesem Dilemma mussten sich die widerstrebenden Interessen innerhalb der
herrschenden Klasse in widerstreitenden Tendenzen der Suche nach einem
Ausweg niederschlagen. Grob gesehen lassen sich drei Varianten
imperialistischer Haltung angesichts der drohenden Niederlage ausmachen:
(46)
Erste
Variante: Das Allerwichtigste ist die Revolutionsverhinderung. Jedes
Vorgehen gegen Hitler birgt das Risiko eines Dammbruches mit
unabsehbaren Folgen in sich, deshalb ist es besser, den Weg mit Hitler
bis zu Ende zu gehen. Wie der Krieg auch ausgeht - die unnatürliche
Koalition der Westmächte mit der Sowjetunion muss früher oder später
an ihren inneren Gegensätzen zerbrechen, und um so rascher, je größer
die Erfolge der Roten Armee sind und je näher diese der deutschen
Grenze kommt. Deutschland wird für die Westmächte immer als Bollwerk
gegen den Bolschewismus unentbehrlich sein. Deshalb ist selbst eine
bedingungslose Kapitulation einem Vorgehen gegen Hitler mit dem Risiko
einer revolutionären Erhebung vorzuziehen, denn diese würde kaum ein
zweites Mal so glimpflich auslaufen wie die Novemberrevolution: damals
gab es noch keine Kommunistische Partei, und die Sowjetunion musste um
des Überlebens willen das Brester Diktat akzeptieren. Jetzt aber ist
die KPD die einzige organisierte Gegenkraft, und die Rote Armee würde
als Siegermacht auf deutschem Boden stehen. Eine Revolution wäre also
mit ziemlicher Sicherheit das Ende des Kapitalismus in Deutschland, die
Kapitulation dagegen mit Hilfe der Westmächte nur eine Niederlage mit
der Chance des Neubeginns. Deshalb sollte als einziges Mittel, die Westmächte
zu Verhandlungen geneigt zu machen, die Verstärkung der militärischen
Anstrengungen eingesetzt werden, um ihnen klar zu machen, dass die Fortführung
des Krieges auch von ihnen einen ungeheuren Blutzoll fordern würde.
Sollte sich aber doch eine Situation ergeben, in der Hitler nicht mehr
da ist und sich dadurch der Weg für Verhandlungen mit den Westmächten
öffnet, dann wäre das natürlich eine sehr erwünschte Gelegenheit,
die unbedingt genutzt werden müsste. Darauf darf man indessen nicht
warten. Man muss jetzt schon eine Überlebensstrategie für die Zeit
nach dem Kriege entwickeln. Dies war in etwa die Position, die von einem
Teil der deutschen Monopolisten und natürlich von den offiziellen
Institutionen - z.B. der Reichsgruppe Industrie, dem
Reichswirtschaftsministerium, dem Speer-Ministerium - eingenommen wurde.
Zeugnisse dafür sind die inzwischen aufgedeckten und bereits erwähnten
Nachkriegsplanungen. (47)
Zweite
Variante: Natürlich ist die Revolutionsverhinderung das
Allerwichtigste. Aber zugleich darf man nicht auf den Versuch verzichten
- durch eine Verständigung mit den Westmächten -, von dem, was im
Krieg erobert wurde, und an militärischer Macht so viel zu retten wie
irgend möglich. Man muss das Interesse der Westmächte daran, dass den
Russen der Weg nach Europa verlegt wird, ausnutzen und ihnen anbieten,
die ganze militärische Macht des Deutschen Reiches an die Ostfront zu
werfen, als Gegenleistung für den Verzicht auf bedingungslose
Kapitulation und für einen Frieden, der Deutschland als selbständige
Macht bestehen lässt, mit Grenzen, die alle Deutschen oder möglichst
viele von ihnen in Mitteleuropa umschließen. Das ist mit Hitler nicht
zu erreichen. Deshalb muss ein Weg gefunden werden, Hitler von der
Spitze zu beseitigen, sei es auf dem italienischen Wege, durch
Verhaftung und Absetzung, sei es durch ein Attentat. Auf welchem Wege
auch immer, gesichert werden muss, dass der Wechsel an der Spitze
schlagartig und mit Blitzesschnelle erfolgt, um auch nicht für eine
Sekunde ein Machtvakuum entstehen zu lassen. Die Soldaten und die Bevölkerung
dürfen davon erst erfahren, wenn die neue Regierung schon installiert
ist. Jede Bewegung von unten muss verhindert und es muss gesichert
werden, dass den Anweisungen und Befehlen von oben bedingungslos Folge
geleistet werde. Dies ist um so notwendiger, als der Krieg im Osten auf
jeden Fall, im Westen wenigstens bis zum Beginn von Verhandlungen
weiterzuführen ist.
Ein
Vorgehen gegen Hitler ist natürlich riskant. Es kann nur gelingen, wenn
die militärische Führung, zumindest maßgebliche bekannte und populäre
Heerführer, mitmachen, und es darf nur in Gang gesetzt werden, wenn
vorher von den Westmächten die Zusicherung vorliegt, dass von einer
Regierung ohne Hitler keine bedingungslose Kapitulation gefordert,
sondern mit ihr über einen Verständigungsfrieden verhandelt wird.
Die
Formulierung eines solchen, sich natürlich im Verlauf des Krieges
modifizierenden, aber im Grundlegenden gleich bleibenden Konzeptes
finden wir vor allem in den zahlreichen Denkschriften Carl Goerdelers.
„Grundlage
seiner Anschauungen war der Antikommunismus”, schreibt Kurt Finker über
Goerdeler und fährt fort: „In einer Denkschrift vom 1. Juli 1940
malte er das Bild eines unter der Zwangsherrschaft Hitlers verelendenden
Europas, dessen notleidende Massen den besten Nährboden für
‘bolschewistische Ideen’ bieten würden. ...Goerdeler wollte das
faschistische Regime nicht beseitigen, er wollte es reformieren. ...In
der Ende 1940 und Anfang 1941 verfassten Denkschrift ‘Das Ziel’
breitete Goerdeler seine Ansichten bis ins Detail aus. Doch handelte es
sich nach wie vor nur um eine Variante der reaktionären und aggressiven
Vorherrschaftsstrategie des deutschen Imperialismus, eine Variante, die
allenfalls durch mehr Elastizität und Flexibilität gekennzeichnet
war.” (48) Diese Einschätzung wird durch längere Ausführungen aus
der Denkschrift belegt. So hieß es dort z.B.: „Der für Deutschland
in Betracht kommende Großwirtschaftsraum ist sicherlich Europa. Aber
abgesehen davon, dass er zumindest für die beiden nächsten Jahrzehnte
infolge der Rückständigkeit Russlands nicht ausreicht, wäre es schwächlicher
Verzicht, wenn wir nicht unsere Leistungsfähigkeit auch in den übrigen
Teilen der Welt ausnutzen wollten. ...Die zentrale Lage, die zahlenmäßige
Stärke und die hochgespannte Leistungsfähigkeit verbürgen dem
deutschen Volk (?! K.G.) die Führung des europäischen Blocks, wenn es
sie sich nicht durch Unmäßigkeit oder durch Machtsuchtmanieren
verdirbt.
...Tut
man gar alles, um die Führung unsichtbar zu machen, lässt man anderen
bei Äußerlichkeiten betont den Vortritt, so kann man spielend die
europäischen Staaten zum gemeinsamen Wohl führen, ... Es ist nicht zu
kühn gesagt, dass bei rechtzeitigem Handeln, d.h. Abbruch des Krieges
zugunsten eines sinnvollen politischen Systems, der europäische
Staatenbund unter deutscher Führung in 10 bis 20 Jahren Tatsache
wird... Im Osten kann eine fruchtbare wirtschaftliche und politische
Zusammenarbeit mit einem bolschewistischen Russland sich nicht
entfalten. ...Das Ziel muss sein, Russland allmählich in eine europäische
Zusammenfassung einzubeziehen.” (49)
Goerdeler
erkannte sehr klar, dass Deutschland einen lang dauernden Krieg nicht
gewinnen konnte, und er war sich auch darüber im klaren, dass die von
den deutschen Armeen (in seiner Diktion: von Hitler) praktizierte
Politik und Kriegsführung Verbrechen auf Verbrechen häufte und deshalb
nur Sturm ernten konnte; das hinderte ihn jedoch nicht, große mit
dieser Politik und dieser Kriegsführung eroberte Gebiete auch für das
Deutschland nach Hitler zu beanspruchen. Das wird sehr deutlich
an seinem so genannten „Friedensplan” vom 30. Mai 1941, der für die
englische Regierung bestimmt war. (50)
Einleitend
wird gesagt, eine „Gruppe deutscher Persönlichkeiten, der führende Männer
aller Lebensgebiete angehörten”, sei „bereit, die Verantwortung für
die Bildung einer Regierung zu übernehmen”. Die „maßgebenden Persönlichkeiten”
wünschten aber „schon jetzt Klarheit darüber zu gewinnen, ob alsbald
nach erfolgter Einsetzung einer solchen, den Nationalsozialismus
ablehnenden Regierung gemäß früheren Versicherungen der britischen
Regierung (51) Friedensverhandlungen aufgenommen werden können”.
Sodann werden die „von der deutschen Gruppe verfolgten
Friedensziele”, die „Grundlage von Verhandlungen” sein sollten,
formuliert, darunter:
...
„2.
Bestätigung der vor dem Kriege erfolgten Anschlüsse von Österreich,
Sudetenland, Memelland an Deutschland.
3.
Wiederherstellung der Grenzen Deutschlands von 1914 gegenüber Belgien,
Frankreich, Polen.
...
5.
Rückgabe der deutschen Kolonien oder gleichwertiger Kolonialgebiete
unter gleichzeitiger Einrichtung eines internationalen Mandantarsystems
für alle Kolonien.
6.
Keine Kriegsentschädigung, gemeinsamer Wiederaufbau.”
Noch
erstaunlicher als die Selbstverständlichkeit, mit der hier
Elsass-Lothringen, Eupen-Malmedy und der sogenannte „Polnische
Korridor” für Deutschland reklamiert wurden, sind allerdings die
„Friedens-Vorschläge”, die Goerdeler noch lange nach Stalingrad, im
Herbst 1943, den umworbenen britischen Verhandlungspartnern zumuten zu können
glaubte. Man liest da: (52)
„Wir
gehen davon aus, dass
1.
Deutschland um des deutschen Volkes, der Völker Europas und des
Friedens willen moralisch und materiell stark sein muss;
2.
dass zwischen England und Russland Interessengegensätze von Ostasien
bis zum Mittelmeer, vom Mittelmeer bis zum Nordatlantik bestehen, die in
der Natur der Verhältnisse begründet sind;
3.
dass Europa eine Sicherung gegen russische Übermacht braucht;
4.
dass diese Sicherung zur Zeit nur durch England oder Deutschland auf längere
Zeit sichergestellt werden kann;
5.
dass es zweifelhaft ist, ob Amerika dauernd Kräfte für diese Sicherung
zur Verfügung stellen wird;
6.
dass es daher sinnvoll und geboten ist, die natürliche
Interessengemeinschaft zwischen England und Deutschland zu
verwirklichen, weil sie alle jene Voraussetzungen erfüllen würde;
7.
dass diese Verwirklichung nur erfolgen kann, wenn die europäischen Völker
in Freiheit und Selbständigkeit sich zu einem ewigen Friedensbund
zusammenfinden, in dem weder Deutschland noch eine andere Macht
Vorherrschaft beansprucht;
8.
dass kein weißes Volk dazu beitragen darf, Japan eine Ausdehnung auf
Kosten anderer weißer Völker oder Chinas zu ermöglichen; ...”
Von
diesen Prämissen ausgehend, kommt Goerdeler zu folgenden deutschen
Forderungen:
„Alle
Pläne, Deutschland aufzuteilen, müssen immer wieder Spannungen in
Deutschland und damit in Europa erzeugen... Als deutsche Grenzen kommen
in Betracht:
-
im Osten etwa die Reichsgrenze von 1914;
-
im Süden die in der Konferenz von München 1938 anerkannte Grenze
einschließlich Österreichs; auch muss Südtirol, ein rein deutsches
Land, bis zur Grenze Bozen-Meran zu Deutschland zurückkehren. ...;
-
im Westen ist die Elsass-Lothringen-Frage schwer zu lösen; es gibt
keine Ruhe, wenn Elsass-Lothringen in seinem alten Bestand zu
Deutschland oder Frankreich geschlagen wird; es gibt zwei andere Möglichkeiten:
a) entweder Elsass-Lothringen wird ein autonomes Land etwa in der
Stellung der Schweiz, oder b) durch eine neutrale Kommission wird die
Sprachgrenze ermittelt, wie sie 1918 und 1938 war. Zwischen diesen
beiden Linien muss die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland
liegen; ...
-
im Norden muss in ähnlicher Weise wie im Westen die gerechte Grenze
gegenüber Dänemark ermittelt werden. ...
Dieser
territoriale Bestand des Deutschen Reiches setzt eine Verständigung über
(über, nicht: mit! K.G.) Polen voraus. Soweit sich jetzt übersehen lässt,
ist der Bestand Polens davon abhängig, dass die deutsche Front im Osten
die polnische Ostgrenze von 1938 (also einschließlich Westbjelorussland
und Westukraine! K.G.) hält. Bricht sie zusammen, so ist Polen an
Russland verloren. ...Polen kann Ersatz für Westpreußen und Posen
durch eine Staatsunion mit Litauen (also einer Sowjetrepublik! K.G.)
erhalten. Dadurch wird beiden Völkern geholfen und Polen der Zugang zum
Meer geschaffen. ...
An
eine Wiedergutmachung des durch den Hitlerismus den europäischen und
anderen Völkern zugefügten Schadens ist nicht zu denken. Deutschland
ist durch Hitler schon vor diesem Kriege in ungeheure Schulden gestürzt.
...
Zur
Zeit besteht in Russland ein gleichmäßiges bolschewistisches System.
... Wenn das heutige Russland Vorherrschaft über Europa ausübt, werden
die mittel- und westeuropäischen Völker, durch den Krieg geschwächt,
durch Leidenschaft bewegt, vor schier unerfüllbaren Aufgaben stehend,
zunächst dem radikalen Bolschewismus verfallen. Das wäre der Tod der
europäischen Kultur und der Geltung Europas, wäre wohl auch für
England eine große Gefahr. Noch gefährlicher aber wird Russland, wenn
es zu den wahren Gesetzen der Wirtschaft und der Politik allmählich zurückfindet.
Denn dann wird seine Kraft noch größer. Russland dürfte die einzige
Macht auf der Erde sein, die ohne eine große Flotte das englische
Empire lebensgefährlich treffen könnte. Es ist selbstverständlich
eigenste Sache Englands, diese Lage zu prüfen und jede Schlussfolgerung
zu ziehen, die es in seinem Interesse für notwendig erachtet. Wir können
nur unsere Meinung sagen, und die besteht darin, dass alle europäischen
Völker westlich Russlands sich gegen eine russische Übermacht und
Vorherrschaft sichern müssen. Weder Frankreich noch Italien noch ein
Zusammenschluss der kleineren Völker kann diese Sicherung zur Zeit gewähren.
Deutschland kann es eben noch, wenn es rechtzeitig die Verbrecher zum
Teufel jagt und bestraft, und wenn ihm England und Amerika die Möglichkeit
gewähren, den Krieg ohne Zusammenbruch zu liquidieren. Ein Hemmnis
hierzu ist die Forderung der bedingungslosen Kapitulation. Die
Ereignisse in Italien sollten warnen. Jedenfalls ist eins mathematisch
sicher: Wird Deutschland im entscheidenden Moment bedingungslose
Kapitulation abgefordert, so legt der deutsche Soldat auch im Osten
genau so die Waffen nieder, wie es jeder andere Soldat der Welt tun würde.
Damit würde Russland der Vormarsch freigegeben werden. Wo er zum Stehen
kommt, weiß kein Mensch. ...Am schnellsten erhalten die angelsächsischen
Reiche die meisten Kräfte für Ostasien frei, wenn die europäische
Sicherung gegen Russland durch Europa selbst erfolgen kann. ...Es wird
notwendig sein, hierzu die europäischen Völker zusammenzubringen, aber
das erfordert Zeit. Inzwischen wäre es Aufgabe Deutschlands, diesen
Schutz zu übernehmen. Das ist wieder nur möglich, wenn man nicht die
Forderung auf totale Entwaffnung stellt.”
Am
Charakter dieses so genannten Friedensplanes kann nicht der geringste
Zweifel bestehen: es ist dies nichts anderes als die Wiederholung des
Versuches von 1918, für den deutschen Imperialismus einen „milden”
Frieden zu erlangen durch das Angebot zur Übernahme der Rolle des
Bollwerks gegen den Bolschewismus. Man vergleiche mit dem obigen
Memorandum Goerdelers die nachfolgenden Auszüge aus den Aufzeichnungen
Albert Ballins für Wilhelm II. von Anfang September 1918: (53)
„Noch
könnte alles Wesentliche gerettet werden ... Wir haben große Trümpfe
in der Hand:
1.
Die besetzten Länder. Wir können sagen, wenn ihr in einen würdigen
Frieden und Völkerbund mit uns eintretet, geben wir die besetzten
Gebiete heraus und ersparen euch die furchtbar schwere, vielleicht in
Jahren kaum zu bewältigende Aufgabe, uns hinauszuwerfen.
2.
Die rasche und kluge Modernisierung (der Ausdruck ist richtiger und
giftloser als Demokratisierung) des Reiches. Diese Modernisierung ist
zugleich das einzige Mittel, die Dynastie für Dauer zu sichern.
Wir
haben im gegnerischen Lager die folgenden Aktiven: ...Das allgemeine Bedürfnis,
die in Russland investierten Milliarden zu retten und die russischen
Bodenschätze vor Zerstörung zu bewahren und die Länder Europas vor
Verseuchung durch die Bolschewisten zu schützen.
Was
brauchen wir und müssen wir zu erhalten trachten?
1.
Fairplay in der Rohstoffverteilung ...
2.
Sicherung des territorialen Reichsbestandes und eines ergiebigen
Kolonialbesitzes.
3.
Die innere Modernisierung des Reiches muss möglichst vollzogen sein,
ehe man Verhandlungen beginnt, sonst erscheint sie von den Gegnern
erzwungen und gefährdet die Dynastie.” (54)
Es
ist geradezu verblüffend, wie sehr sich Geist und Inhalt beider
Aufzeichnungen von so verschiedenen Männern mit so verschiedener
Herkunft und so verschiedenem Charakter gleichen. Das liegt daran, dass
beide das gleiche Klasseninteresse in einer ähnlichen Grundsituation
zum Ausdruck bringen.
Die
Aufgabe, die vor Goerdeler 1943/44 stand, war indessen womöglich noch
komplizierter und unlösbarer, als diejenige Ballins im September 1918.
Goerdeler
und seine Freunde in der Wirtschaft mussten, um ihr Ziel zu erreichen,
nicht nur einen Gegner - die angelsächsischen Mächte - dazu überreden,
auf den bereits sicheren Sieg über den deutschen Konkurrenten zu
verzichten, um diesem statt dessen die Möglichkeiten zu belassen,
erneut die Führung in Europa an sich zu reißen; sie mussten unter der
deutschen Generalität auch die Leute finden, die erstens in der Lage
waren und die sich zweitens dazu überreden ließen, das Haupthindernis
für Verhandlungen mit den Westmächten, Hitler, aus dem Weg zu räumen.
Die Verhandlungen mit den Westmächten einzuleiten war Sache der
Politiker, Diplomaten, Geschäftsleute und Kirchenmänner. Die
innenpolitische Voraussetzungen für Verhandlungen konnten jedoch nur
von den Militärs geschaffen werden.
Deshalb
verfasste Goerdeler schon kurz nach Stalingrad eine Denkschrift für die
Generalität (55) in der er mit eindringlichsten Worten die
Notwendigkeit einer Aktion gegen Hitler und die Möglichkeit einer Übereinkunft
mit den Westmächten darlegte. Er leitete diese seine Denkschrift damit
ein, dass er aus einer Aufzeichnung aus dem Sommer 1918 an General
Ludendorff Auszüge zitierte, die in der Tat sehr geeignet waren, seiner
eigenen Argumentation den Nachdruck historisch erhärteter Wahrheit zu
geben. In dieser Denkschrift von 1918 hatte deren Verfasser - ein Major
Niemann - Ludendorff die unterschiedlichen Aufgaben des militärischen
und des politischen Führers vor Augen geführt: „Der Soldat muss an
den Sieg glauben, und eine oberste Heeresleitung, die den Glauben und
Willen nicht hätte, die Widerstandskraft des Feindes mit Waffengewalt
zu brechen, würde ihrer Aufgabe nicht gewachsen sein.
Der
Politiker, der die Waffenerfolge in ihrer Wirkung für das zukünftige
Weltbild auszuwerten hat, sieht die militärischen Erfolge unter einem
anderen Gesichtswinkel. ...Lassen sich die Waffenerfolge so steigern,
dass die Hilfskräfte des Feindes erschöpft werden können, dann ist
die Aufgabe des Politikers verhältnismäßig einfach. ...Anders und
komplizierter wird die Aufgabe, wenn die Waffengewalt zur radikalen
Beseitigung des feindlichen Willens nicht ausreicht. Der
Waffenerfolg kann dann nicht mehr als politisches Zwangsmittel,
sondern nur noch als Druckmittel gewertet werden... Dauert der
Krieg weiter, dann müssen wir den absteigenden Ast der Kurve betreten.
...Wir müssen unsere militärischen Kräfte als Druckmittel ausnutzen,
solange wir die militärische Überlegenheit noch besitzen.
Treten
wir im Zeichen des Abstiegs an den Verhandlungstisch, dann spielen wir
ohne Atouts. Das Druckmittel wird dann von Tag zu Tag wirkungsloser.”
(56)
Dies
war der Hauptgedanke und das schwerwiegendste Argument Goerdelers, um
die Generalität von der Notwendigkeit des Handelns gegen Hitler zu überzeugen:
Wenn man noch länger zögert, wird es zu spät sein, die militärische
Macht noch als Druckmittel einzusetzen. „Entscheidend ist die
Tatsache”, kommentierte er die Nutzanwendung aus den Niemann’schen
Ausführungen, „dass jetzt die deutschen Kräfte auf allen Gebieten
sich dem Zustand des Verbrauchtseins nähern, dass wir uns in der
absteigenden Linie befinden, während der Kräfteeinsatz der Gegner noch
einer erheblichen Steigerung fähig ist.” (57)
Um
dies den Generalen recht nachdrücklich vor Augen zu führen, gab
Goerdeler eine drastische Schilderung des allgemeinen Niedergangs auf
innenpolitischem, wirtschaftlichem und militärischem Gebiet, der nur in
einem völligen Zusammenbruch, noch schlimmer als der von 1918, enden könne,
wenn er nicht durch eine entscheidende Tat aufgehalten werde.
Bezeichnend ist dabei, dass Goerdeler offenbar als eines der
wirkungsvollsten Argumente die Behauptung betrachtete, durch Hitlers Führung
werde „unser Vaterland nicht nur wirtschaftlich, sondern sittlich allmählich
bolschewisiert.” (58) Zum anderen reibt er den Generalen die
zahlreichen Demütigungen unter die Nase, die sie sich von Hitler hatten
gefallen lassen müssen: Hitler sei kein Feldherr, das Feldherrntum sei
ihm nur durch Propaganda angedichtet worden; die wirklichen Feldherren
aber habe er „abgefunden, wie es ihm passte, hier mit Beförderungen,
dort mit vorschnellen Entlassungen, ja mit Bestrafungen. Er hat sich nie
gescheut, ihnen die Verantwortung für das Unglück von Moskau (Winter
1941/42) zuzuschieben und verbreiten zu lassen, dass es nur seinem persönlichen
Eingreifen auf dem Schlachtfeld (er habe Generalen die Schulterstücke
abgerissen, er habe Verwundeten die Pelze der Offiziere gegeben und sie
verbunden!!) gelungen sei, die Katastrophe zu wenden.” (59)
Als
Fazit seiner Lagebeurteilung forderte Goerdeler, „rechtzeitig
die Folgerungen zu ziehen, die allein das heranrückende Unheil abwenden
können”. An die Stelle des militärischen Tuns müsse man nun, da man
den Krieg nicht mehr gewinnen und eine günstigere Situation für
Verhandlungen nicht mehr herbeiführen könne, das politische Tun
setzen. Das sei mit der gegenwärtigen Staatsführung nicht möglich,
deshalb müsse sie „weichen”. Die Lage sei noch zu retten „durch
Zusammenwirken anständiger und verständiger politischer und militärischer
Führung.” Es stünden geschulte politische Köpfe in genügender
Anzahl in Deutschland zur Verfügung, „allerdings zur Zeit nicht an
offiziellen Stellen.” (60)
Nachdem
Goerdeler derart die Notwendigkeit zum Staatsstreich begründet hatte,
legte er seinen Adressaten dar, welches die positivsten Ziele sein müssten,
und begründete, weshalb und unter welchen Voraussetzungen diese Ziele
noch erreichbar seien. Diesen Passagen gebührt das größere Interesse,
weil aus ihnen der imperialistische Charakter des Goerdeler-Programms am
unverhülltesten hervortritt.
Als
Ziele, die noch durch richtiges Handeln erreichbar seien, nannte
Goerdeler an erster Stelle den „Bestand des Reiches in den Grenzen von
1914, vermehrt um Österreich und Sudetenland”. Mit den Franzosen müsse
man sich im Hinblick auf eine künftige europäische Politik, bei der
„rechtzeitige Schonung von Empfindlichkeiten gewaltige Früchte
bringen” könne, vielleicht auf eine Sprachgrenze einigen.
Als
zweites noch erreichbares Ziel nannte Goerdeler „die führende
Stellung Deutschlands auf dem Kontinent”, als drittes die
Wiedergewinnung Südtirols. Dazu meinte er, die Westmächte würden
„es heute mit Vergnügen an Deutschland zurückfallen lassen, wenn wir
selbst fähig sind, es zu besetzen.”(!)
Hinsichtlich
der Kolonien fand Goerdeler, der Zeitpunkt, „Kolonien jetzt zu
erwerben” sei verpasst. Dagegen sei noch zu erreichen, sich mit den
Siegermächten nach einiger Zeit über eine Beteiligung Deutschlands
„an Verwaltung und Besitz von Kolonien ... zu verständigen. ...Allmählich
lässt sich bei energischer und geschickter Zielverfolgung koloniale Betätigung
Deutschlands erreichen.” (61)
Goerdeler
sah sich dann veranlasst, die Realisierbarkeit dieser
verwegen-optimistischen Zielansprüche zu begründen. Diese Ziele, so führte
er aus, seien noch erreichbar wegen der Interessenübereinstimmung der
angelsächsischen Mächte mit Deutschland:
„a)
England und USA haben dasselbe Lebensinteresse wie Deutschland, dass
Europa so bald wie möglich zur Ruhe kommt, um ihnen die überquellenden
Rohstoffe und Nahrungsmittel abtauschen zu können. ...Ein solches
geordnetes, friedlich arbeitendes Europa ist aber nur zu haben, wenn
sein Zentrum Deutschland befriedet und befriedigt ist. (Hervorhebung von
mir, K.G.)
b)
Die beiden angelsächsischen Weltreiche haben wie Deutschland ein
Lebensinteresse daran, dass der Bolschewismus nicht weiter nach Westen
vordringt. Nur Deutschland kann den Bolschewismus aufhalten. Wenn
Deutschland durch Kriegsverlust und ungünstigen Frieden geschwächt
wird, dann findet der Bolschewismus leichteren, vielleicht allzu
leichten Weg nach dem Westen.
c)
England hat ein Lebensinteresse daran, dass kein starkes Russland aus
diesem Kriege hervorgeht, denn dieses Russland kann als einzige Macht
England auch ohne Flotte ... empfindlich treffen.”
Die
Engländer würden sehr klar sehen, „dass Frankreich kein Damm mehr
auf dem Festland sein kann”, weshalb sie „nunmehr entschlossen sein
müssen, ein neues Gleichgewicht zu erstreben, das da etwa lautet:
Europa mit deutscher Stärke gegen Russland”.
Goerdeler
beschloss die Darlegung der Gründe für die Erreichbarkeit der von ihm
genannten Ziele mit der Feststellung, nach der notwendigen Änderung in
der Führungsspitze des Reiches könnten die nächsten Schritte „dann
einer Entspannung mit den Westmächten gewidmet sein, die es ermöglichen,
alle Kriegskräfte des deutschen Volkes auf den Osten zu
konzentrieren.” (62)
Voraussetzungen
für all dies sei aber:
„a)
Unsere Wehrmacht darf noch nicht unfähig erscheinen, weiter Krieg zu führen;
der Sieg darf dem Gegner noch nicht in der Nähe winken. Insbesondere
muss die deutsche Wehrmacht fähig bleiben, die Ostfront nicht weiter
westlich als die alte Ostgrenze Polens zu halten. Dies ist wichtig, weil
wir dann sowohl den Polen wie den Angelsachsen gegenüber den Schlüssel
für das Geschick Polens in den Händen halten.
b)
Unser Rüstungspotential darf nicht weiter durch Zerstörung und durch
Unsachlichkeit vermindert werden.
c)
Deutschland muss eine anständige, sachkundige Führung erhalten.”
Kennzeichnend
für den Charakter des Goerdeler’schen Programms sind auch seine
Vorstellungen über die Zukunft Polens. „Die Eingliederung Polens in
Deutschland wäre auch für uns kein Segen. Ein selbständiges, richtig
behandeltes Polen wird ganz von selbst wirtschaftlich und politisch
Anschluss an Deutschland suchen müssen.” (63)
Um
die Bedenken der Generale gegen den geforderten Staatsstreich aus dem
Wege zu räumen, führte Goerdeler zusätzlich noch zwei weitere
Argumente ins Feld, nämlich erstens, „dass man sich auch in führenden
Parteikreisen darüber klar geworden ist, dass es weder persönlich noch
sachlich so weitergeht”, woraus sich für die Wehrmacht die Möglichkeit
ergebe, „mit diesen Kräften der Partei zusammenzugehen”, und
zweitens, dass in der Arbeiterschaft ein Prozess der Radikalisierung im
Gange sei, der, wenn man ihn durch Untätigkeit weiter fortschreiten
lasse, „sehr viel schlimmere Folgen annehmen (wird) als 1918.” (64)
Wir
haben aus den Goerdeler-Denkschriften so ausführlich zitiert, um den
Nachweis zu führen, dass die in ihnen niedergelegte Zielsetzung exakt
dem entspricht, was wir als zweite Variante einer imperialistischen
Haltung gegenüber der drohenden Niederlage skizzierten.
Eine
wichtige Frage ist die nach dem Verhältnis zwischen Variante eins und
Variante zwei.
Zweifellos
besteht ein großer Unterschied zwischen einer Haltung, die aus Furcht
vor der Revolution es vorzieht, mit Hitler durch Dick und Dünn zu gehen
in der vagen Hoffnung, die Antihitlerkoalition werde noch vor der
eigenen totalen Niederlage auseinander fallen, und der durch Goerdeler
repräsentierten Haltung, den Bruch der Antihitlerkoalition aktiv zu
beschleunigen durch einen Staatsstreich gegen Hitler und
„Modernisierung” des Regimes.
Eine
Suche nach den Motiven dieser unterschiedlichen Haltungen wird
feststellen können, dass im ersten Falle die Furcht vor den
unvorhersehbaren Folgen des Verschwindens der Integrationswirkung des Führermythos
größer ist als die Furcht vor den Folgen der Niederlage und der
bedingungslosen Kapitulation. Oder positiv ausgedrückt: im ersten Falle
ist das Vertrauen in die Wirksamkeit der Klassensolidarität der
imperialistischen Sieger mit dem imperialistischen Verlierer größer
als das Vertrauen in die Möglichkeit eines Staatsstreiches hinter dem Rücken
des Volkes, eines Staatsstreiches ohne das Risiko der Auslösung von
Bewegungen von unten bis hin zum Bürgerkrieg. Bei der zweiten Variante
liegen die Dinge nahezu umgekehrt.
Es
liegt nahe, an solche Feststellungen Betrachtungen darüber anzuknüpfen,
ob hinter solch unterschiedlichen Verhaltensweisen nicht
unterschiedliche ökonomische Interessen oder Beziehungen zu vermuten
sind, etwa derart, dass die erstgenannte Haltung kennzeichnend sei für
solche Unternehmen und ihre Leiter, die während des ganzen Krieges
hindurch ihre Geschäftsverbindungen zum US-Kapital aufrechterhalten
konnten und die deshalb selbst von einem totalen Zusammenbruch nicht so
hart betroffen werden würden wie andere.
Die
Schwierigkeit besteht indessen darin, dass alle derartigen Vermutungen
pure Spekulation bleiben müssen aus Mangel an beweiskräftigen
Unterlagen. Wohl kennen wir einige Namen von Monopolherren, die mit
Sicherheit Goerdelers Pläne kannten, vielleicht sogar zu deren
Inspiratoren gehörten. Aber damit wissen wir noch gar nichts über die
Haltung all der anderen, ob sie diese Pläne kannten und wenn ja, wie
sie zu ihnen standen.
Mit
Bestimmtheit können wir nur sagen, dass es sicherlich keinen einzigen
deutschen Wirtschaftskapitän gab, der angesichts der abzusehenden militärischen
Niederlage nicht Überlegungen darüber angestellt hätte, welchen
politischen Ausweg es aus der militärischen ausweglosen Lage geben könnte,
und der dabei nicht seine Hoffnungen auf die Westmächte gesetzt hätte,
genauer, auf die Ausnutzung des Wunsches der Westmächte, den Vormarsch
der Roten Armee so weit wie möglich im Osten zum Halten zu bringen. Ob
jedoch die Mehrheit der deutschen Monopolherren die erste oder die
zweite der genannten Varianten eines imperialistischen Ausweges
bevorzugte - das lässt sich kaum mit Bestimmtheit sagen. Gewiss, vieles
scheint dafür zu sprechen, dass das Gros der deutschen Wirtschaftsführer
sich hinter die erste Variante stellte. Aber es kann genauso gut auch
anders gewesen sein, denn die Option für eine der beiden Varianten
brauchte für das praktische Handeln keinerlei Auswirkungen zu haben,
und zwar aus folgenden Gründen:
Erstens
aufgrund der bereits erwähnten Arbeitsteilung zwischen Wirtschaftsführern,
Politikern und Militärs. Auch für den Monopolherren, der auf einen
Staatsstreich setzte und zu dessen Initiatoren gehörte, blieb es Sache
der Politiker und der Militärs, das Unternehmen vorzubereiten und
durchzuführen; sein eigener Anteil konnte sich auf eine mehr oder
weniger diskrete Förderung beschränken.
Zweitens:
Ob Option für Variante I oder II - für ihr ureigenstes Tätigkeitsgebiet
stand vor den Wirtschaftsführern in beiden Fällen - wie wir bereits
gesehen haben - die gleiche Aufgabe, nämlich die höchste Leistungsfähigkeit
der deutschen Kriegswirtschaft zu sichern.
Ähnlich
stand es auch um die Nachkriegsplanung. Die Überlegungen darüber, mit
welcher Strategie die deutsche Wirtschaft (i.e. das deutsche
Monopolkapital) möglichst ungeschoren aus dem Kriege hervorgehen und möglichst
rasch die unvermeidlichen Verluste kompensieren könnte, waren gegenüber
der Art und Weise, wie der Krieg zu Ende ging und wann, weitgehend
neutral. Dadurch, dass der Putsch fehlschlug, die Planungen aber natürlich
weitergingen und immer konkretere Gestalt annahmen, erscheint es
hinterher so, als hätten alle an diesen Planungen Beteiligten - also
fast alle maßgeblichen Kreise der deutschen Monopolbourgeoisie - an
einen Staatsstreich überhaupt nicht gedacht, als hätten sie allesamt
nur die erste Variante in Betracht gezogen. Doch ist dies eine
Retrospektive, die über den wahren Sachverhalt durchaus täuschen kann.
Drittens:
Etwa bis Frühjahr 1944 galt als unbedingte Voraussetzung für eine
volle, aktive Unterstützung eines Staatsstreiches gegen Hitler selbst
im Kreise der Verschwörer, erst recht bei den monopolistischen
Sympathisanten, die Zusicherung durch die Westmächte, im Falle der
Beseitigung Hitlers mit seinen Nachfolgern einen Sonderfrieden zu für
Deutschland günstigsten Bedingungen abzuschließen. (65) Die
Festlegungen Roosevelts und Churchills in Casablanca im Januar 1943, den
Krieg bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und Japans zu führen,
waren ein harter Schlag für alle Hoffnungen, eine solche Zusicherung zu
erhalten. Von jetzt ab bestand die Hauptaufgabe der Verschwörer vom
Standpunkt der sie unterstützenden Monopolherren darin, in den
zahlreichen Verhandlungen mit den Mittelsmännern und Politikern der
Westmächte die Zurücknahme der Casablanca-Formel zu erreichen. (66) Da
diese Bemühungen erfolglos blieben - und erfolglos bleiben mussten,
weil der Krieg längst ein Krieg der Völker gegen die faschistischen Mächte
geworden war -, blieben auch die monopolistischen Sympathisanten den
Verschwörern gegenüber in einer zurückhaltenden Abwartestellung.
Bei
Goerdeler selbst und anderen Teilnehmern der Verschwörung führte
jedoch die Ergebnislosigkeit der Versuche, die erhoffte Zurücknahme der
Forderung nach „unconditional surrender”, nach der bedingungslosen
Kapitulation, zu erreichen, zur Annäherung an die dritte
Variante.
Diese
dritte Variante war die so genannte „Westlösung”. Sie sah
vor, die Front im Westen zu öffnen, um den Truppen der Westalliierten
den raschen, ungehinderten Vormarsch nach Osten zu erlauben, damit sie
bei der Besetzung Deutschlands und vor allem Berlins der Roten Armee
zuvorkamen. (67) Ihrem Wesen nach bedeutete diese „Lösung” die
unerklärte bedingungslose Kapitulation den Westmächten gegenüber, bei
verstärkter Weiterführung des Krieges gegen die Sowjetunion. Diese
Variante wurde im Kreise der Verschwörer von Schacht und dessen
Vertrauten, dem Doppelagenten Hans Bernd Gisevius, verfochten. Gisevius,
1935 unterlegener Rivale Rudolf Diels’ als Leiter von Görings preußischer
Geheimer Staatspolizei, war seit 1943 Vizekonsul und Abwehragent beim
deutschen Generalkonsulat in Zürich und zugleich Agent des
amerikanischen Office of Strategie Service (OSS), das von Allan Dulles
geleitet wurde. Dulles, der seit Ende 1942 in der Schweiz, in Bern,
residierte, um von dort aus ein Agentennetz in Europa knüpfen zu können,
benutzte Gisevius, um die Verschwörer für die „Westlösung” zu
gewinnen. (68)
Diese
Lösung erschien Goerdeler und anderen im Juli 1944 als einzig mögliche
übrig geblichen zu sein. Gerhard Ritter schrieb dazu: „Die
Oppositionsführer waren jetzt nahezu bereit, die Formel
‘bedingungslose Unterwerfung’ den Westmächten gegenüber anzunehmen
- freilich immer noch im Vertrauen darauf, dass in deren Lager doch
zuletzt nüchterne Staatsraison über den nackten Vernichtungswillen
siegen, dass gemeinsame Interessen an der Erhaltung der abendländischen
Kultur sich durchsetzen und den deutschen Staat vor dem Schicksal
totaler Vernichtung retten würden. Offensichtlich war nicht nur an
einen Waffenstillstand mit Verkürzung der Westfront ... gedacht,
sondern an eine Art Vereinigung deutscher und angelsächsischer Streitkräfte
- zum mindesten an eine sofortige Besetzung ganz Deutschlands von Westen
her, ehe die Roten Armeen auch noch Polen überrannt und die östlichen
Reichsgrenzen erreicht hätten.” (69)
Der
imperialistische, klassenegoistische Charakter auch dieser Konzeption,
der das Leben der Soldaten, die im weiterführenden Krieg gegen die
Sowjetunion verheizt werden sollten, völlig gleichgültig war, weil ihr
alleiniger Richtpunkt in der Erhaltung des kapitalistischen Eigentums
bestand, springt in die Augen. (70) Dennoch entsprach diese Variante am
allerwenigsten von allen Dreien dem, was die meisten deutschen
Monopolisten zu diesem Zeitpunkt für zweckmäßig erachteten. Sie waren
nicht bereit, alle Faustpfänder an besetzten Gebieten und militärischer
Macht ohne jede Gegenleistung aus der Hand zu geben; selbst im Kreise
der Verschwörer wurden Schacht und Gisevius wegen ihrer Propagierung
der Auslieferung auf Gedeih und Verderb an die Amerikaner mit Argwohn
und Misstrauen betrachtet und vom Kern der Verschwörung ferngehalten.
Soviel zu den drei Varianten einer imperialistischen Antwort auf die
drohende Niederlage.
Im
Kreise der Verschwörer existierten aber bekanntlich auch andere als
imperialistische Bestrebungen und Vorstellungen, solche nämlich, denen
es nicht vorrangig um die Erhaltung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse,
sondern um die Beseitigung eines Regimes des Verbrechens, um die
rascheste Beendigung des Krieges und um die Schaffung einer neuen,
sozial gerechteren und humanen - wenngleich natürlich bürgerlichen -
Nachkriegsordnung in Deutschland ging. Diese Richtungen, die mit dem
Offizierskreis um den Obersten Claus Graf Schenk von Stauffenberg und
mit dem Kreisauer Kreis umrissen werden können, sind durch mehrere Veröffentlichungen
bekannt, so dass es nicht notwendig ist, ihr Konzept im einzelnen
darzulegen. (71) Um den grundlegenden Unterschied ihrer Position zu der
des Goerdeler-Kreises zu unterstreichen, sei lediglich auf folgende
Fakten hingewiesen:
Während
für Goerdeler angesichts der Unmöglichkeit, zu einer Verständigung
mit den Westmächten zu gemeinsamem Vorgehen gegen die Sowjetunion zu
gelangen, das Hauptmotiv für ein Vorgehen gegen Hitler entfallen war
und er die Meinung vertrat, nunmehr müsse man die Dinge eben treiben
lassen (72), trat einer solchen Auffassung der Mitstreiter
Stauffenbergs, Generalmajor Henning von Tresckow, mit folgenden Worten
entgegen: „Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es
nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es
kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die
deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den
entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.”
(73)
Während
durch den Goerdeler-Kreis Kontaktaufnahme mit der sowjetischen Seite nur
als Druckmittel gegenüber den Westmächten projektiert wurde (74), trat
die Stauffenberg-Gruppe für echte Verhandlungen über
Friedensbedingungen mit beiden Seiten, mit den Westmächten und der
Sowjetunion, ein. (75) Bezeichnenderweise kam eine Einigung darüber, künftige
Verhandlungen nicht nur mit dem Westen, sondern auch mit der Sowjetunion
zu führen, erst am 16. Juli, in einer Zusammenkunft in der Wohnung
Stauffenbergs, zustande, bei der Goerdeler nicht anwesend war. (76)
Während
für die Goerdeler-Gruppe unverrückbares Ziel der einseitige
Sonderfriede mit den Westmächten und Weiterführung des Krieges gegen
die Sowjetunion blieb, trat die Stauffenberg-Gruppe für die sofortige
Beendigung des Krieges an allen Fronten ein.
Obwohl
Stauffenberg und seine engsten Freunde in den Wochen und Tagen vor dem
20. Juli und beim Attentat selbst Motor und Seele der Aktion waren, trug
die Anlage des Staatsstreiches doch unverkennbar den Stempel der großbürgerlich-imperialistischen
Teilnehmer an der Verschwörung. Das schwierigste Problem bestand für
sie darin, wie bei einer Beseitigung Hitlers eine Erschütterung der
Massenbasis zu vermeiden und eine Kompensation für den Wegfall der
Wirkung des Hitlermythos zu schaffen wäre, um jede selbständige
Bewegung von unten auszuschließen. Im Gegensatz dazu hätte eine
konsequent demokratisch-antifaschistische Aktion gegen Hitler daran
interessiert sein müssen, den Erfolg durch Mobilisierung aller
Hitlergegner im Lande sichern zu helfen. Gerade die Mobilisierung der
Massen fürchteten Goerdeler und seine Gruppe jedoch am meisten. Deshalb
waren sie entschieden dagegen, dass die Basis der Aktion gegen Hitler
durch Einbeziehung auch der Kommunisten erweitert werden würde. Und der
eigentlich nahe liegende Gedanke, über die Kirchenobrigkeit sofort nach
der Aktion an die Masse der Gläubigen heranzutreten und sie zur Unterstützung
der Aktion aufzurufen, wurde nicht einmal erwogen.
Von
der Furcht vor den Massen waren auch andere Planungen und Entscheidungen
bestimmt.
Lange
Zeit war umstritten, auf welche Weise Hitler auszuschalten wäre, durch
Verhaftung oder durch ein Attentat. Den Ausschlag für das Attentat gab
die Überlegung, einerseits sei Hitler im Volk und in der Armee noch so
populär, dass man so lange er noch am Leben sei, mit
Befehlsverweigerung bei jenen Offizieren und Mannschaften rechnen
musste, die gegen ihn und die Naziführung aufgeboten werden würden;
andererseits aber könnte die Absetzung und Verhaftung Hitlers zu einer
unerwünschten Verstärkung der Aktivität der antifaschistischen Kräfte
führen, insgesamt also zu einer Polarisierung im Volke und in der Armee
und zur Gefahr des Bürgerkrieges. Dies alles würde durch ein Attentat
umgangen, weil dadurch ein Loyalitätskonflikt in der Armee und Zweifel
und Unsicherheiten über die Rechtmäßigkeit der neuen Regierung in der
Bevölkerung vermieden würden.
Hier
ließe sich einwenden, dass unter den damaligen Verhältnissen ein
Vorgehen gegen Hitler gar nicht anders als streng konspirativ
vorbereitet werden konnte, und dass es in der Tat keine andere Möglichkeit
gab, einen Umschwung herbeizuführen, als durch die Ermordung Hitlers.
Beides
trifft für den Zeitpunkt des Attentats zu; jedoch die „damaligen Verhältnisse”
waren nur deshalb so, weil die Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft
sie so gestaltet hatten, sie waren jedoch keineswegs unantastbar und
unerschütterlich. Es bestand für verschiedene gesellschaftliche Führungskräfte
durchaus die Möglichkeit, mit anderen als konspirativen Mitteln die auf
den Massen lastende lähmende Furcht vor dem Terror in Mut zum
Widerstand zu verwandeln und die Wirkungskraft des Hitlermythos zu
brechen, wenn sie daran interessiert gewesen wären. Wäre es z.B. den
Oberen beider Kirchen nicht möglich gewesen, sich darüber zu verständigen,
das zu tun, was heute in lateinamerikanischen Diktaturen fast
selbstverständlich ist, nämlich vor den eigenen Gläubigen und vor
aller Welt gegen die Verletzung der Normen christlicher Gebote
aufzutreten? Was anders hat sie stärker daran gehindert als die Furcht,
damit das Regime, dessen Sieg über den atheistischen Bolschewismus sie
herbeiwünschten, in seiner Kampfkraft zu schwächen?
Und
wäre es etwa den Feldmarschällen und Generälen nicht möglich gewesen
- sogar ohne Gefahr für Leib und Leben -, geschlossen gegen Hitlers
militärisch sinnlose Durchhaltebefehle aufzutreten oder sie einfach zu
ignorieren? Was anders hat sie stärker daran gehindert als die Furcht,
durch einen solchen Schritt nicht nur die Autorität Hitlers in Frage zu
stellen, sondern auch das reibungslose Funktionieren der deutschen
Kriegsmaschinerie, die Furcht davor, dadurch die Fähigkeit zu
verlieren, den Krieg gegen die Sowjetunion weiterzuführen und die
zusammen geraubten Länder wenigstens als Faustpfänder festzuhalten?
Bereits
das bisher Gesagte widerlegt alle Auffassungen, denen zufolge das
Scheitern des Versuches, Hitler zu stürzen, ein Beweis sei für dessen
diktatorische Allmacht, der auch die ökonomisch Mächtigen unterworfen
gewesen seien. Denn erstens kann keine Rede davon sein, dass die gesamte
Monopolbourgeoisie sich in dem Willen einig gewesen sei, Hitler zu stürzen.
Von den drei imperialistischen Auswegsvarianten sah nur eine die
Beseitigung Hitlers als zwingend vor. Zum Zweiten lässt der Übergang
Goerdelers auf die Position der Westlösung in den Tagen unmittelbar vor
dem Attentat darauf schließen, dass auch seine industriellen Freunde
und Mentoren angesichts der Wahrscheinlichkeit, mit den Westmächten
selbst nach einem Sturz Hitlers keinen Sonderfrieden zu erreichen, in
einem Attentat keinen Sinn mehr zu sehen vermochten bzw. zu der Überzeugung
kamen, unter diesen Umständen lohne sich das Risiko eines Umsturzes
nicht.
Im
Unterschied zu Goerdeler drängten jedoch die militärischen Teilnehmer
der Verschwörung - und hier vor allem Stauffenberg und seine Freunde -
nach der Landung der Alliierten in Frankreich noch energischer zur Tat,
ohne länger auf Ergebnisse von Verhandlungen mit den Westmächten zu
warten. (77) Die mutige Tat des 20. Juli ist in erster Linie ihr Werk.
Dass
es mit einem Misserfolg endete, weil Hitler am Leben blieb, war ein
Zufall. Dass damit jedoch das ganze Unternehmen gescheitert war - das
war kein Zufall, sondern die unvermeidliche Folge einer Planung, die das
Unternehmen hinter dem Rücken des Volkes durchführen wollte und
deshalb für den Fall, dass das Attentat misslang, keinerlei
Vorkehrungen getroffen hatte, dies deshalb nicht, weil man vor den
Konsequenzen des Entstehens zweier konkurrierender Machtzentren zurückschreckte.
Wie
sehr die reaktionäre, volksferne Konzeption des Goerdeler-Kreises dem
ganzen Unternehmen seinen Stempel aufdrückte, geht mit eindringlicher
Deutlichkeit auch aus den vorbereiteten Aufrufen der Verschwörer
hervor, ganz besonders aus dem Entwurf einer Regierungserklärung, die
ein kaum für möglich zu haltendes Beispiel einer die Lebensinteressen
der Massen rigoros missachtenden bürokratischen Beamtenproklamation
darstellt. (78)
Die
brennendste Frage für das deutsche Volk, die Frage, was die Regierung
zu tun beabsichtige, um den Krieg zu beenden, steht in dieser Erklärung
nicht nur nicht an erster Stelle - sie wurde überhaupt nicht für wert
erachtet, in einem eigenen Abschnitt behandelt zu werden. Lediglich
unter der Überschrift „Die Währung sichern” wird auf diese
dringendste aller Fragen eingegangen - um beiläufig wissen zu lassen,
dass man den Krieg weiter zu führen beabsichtige: „Aber noch ist
Krieg. In ihm gebührt unser aller Arbeit, Opfer und Liebe den Männern,
die das Vaterland an der Front verteidigen. Ihnen haben wir alles an
seelischen und materiellen Werten zuzuführen, was wir irgend schaffen können.
Mit ihnen stehen wir in Reih und Glied, aber nunmehr alle wissend, dass
nur die zur Verteidigung des Vaterlandes und zum Wohle des Volkes
notwendigen, nicht aber die Eroberungssucht und dem Prestigebedürfnis
eines Wahnsinnigen dienenden Opfer verlangt werden, und dass wir diesen
Krieg bis zum Erlangen eines gerechten Friedens fernerhin mit reinen Händen,
im Anstand, mit der Ehrenhaftigkeit, die jeden braven Soldaten
auszeichnet, führen werden.” (79)
Man
vergleiche damit das ein Jahr früher verfasste Manifest des
Nationalkomitees Freies Deutschland, mit dem sich dieses an die
Wehrmacht und an das deutsche Volk wandte, und in dem der Weg zur
sofortigen Beendigung des Krieges gewiesen wurde: „Eine solche
Regierung muss den Krieg sofort abbrechen, die deutschen Truppen an die
Reichsgrenzen zurückführen und Friedensverhandlungen einleiten, unter
Verzicht auf alle eroberten Gebiete.” (80)
Das
Manifest des NKFD hatte auch den einzig gangbaren Weg zum Sieg über
Hitler gewiesen: „Sie (die neue Regierung, K.G.) kann nur aus dem
Freiheitskampf aller Volksschichten hervorgehen, gestützt auf
Kampfgruppen, die sich zum Sturz Hitlers zusammenschließen. Die volks-
und vaterlandstreuen Kräfte in der Armee müssen dabei eine
entscheidende Rolle spielen.”
Auf
die Verhältnisse des 20. Juli übertragen, hätte das bedeutet, unabhängig
vom Ergebnis des Attentats schon bei der Planung des Putsches
vorzusehen, durch zuverlässige Truppen die SS zu entwaffnen und mit
diesen Waffen die Antifaschisten, die freizulassenden politischen
Gefangenen und KZ-Häftlinge, die illegalen Kämpfer, die ausländischen
Zwangsarbeiter zu bewaffnen.
Natürlich
wäre der Sieg über Hitler nicht ohne Kämpfe und Blutvergießen zu
erringen gewesen. Dazu hieß es im Manifest des NKFD: „Wir wissen:
Opfer sind unvermeidlich. Aber sie werden um so geringer sein, je
entschlossener der Kampf gegen Hitler geführt wird. Die Opfer im Kampf
um Deutschlands Befreiung werden tausendfach geringer sein als die
sinnlosen Opfer, die eine Fortsetzung des Krieges erfordert.”
Der
Entwurf der Goerdeler’schen Regierungserklärung macht dagegen
deutlich, dass beabsichtigt war, die Deutschen weiterhin als Untertanen
zu behandeln, die geduldig auf die Anordnungen ihrer Oberen zu warten
und ihnen widerspruchslos zu folgen, jedenfalls auf jede eigene
Initiative im Kampf gegen den Nazismus zu verzichten hatten. Deshalb
handelte der erste Abschnitt der Regierungserklärung von der
„Wiederherstellung des Rechts”, worunter ebenso sehr, wenn nicht
noch mehr, die Sicherung der Autorität des Staates als die Beseitigung
nazistischen Unrechts verstanden wurde. Dort hieß es nämlich auch:
„Die Konzentrationslager werden sobald wie möglich (!) aufgelöst,
die Unschuldigen entlassen, Schuldige dem ordentlichen Gerichtsverfahren
zugeführt werden.” Und weiter: „Aber ebenso erwarten wir, dass
niemand Lynchjustiz vollzieht. Wenn wir die Majestät des Rechts
wiederherstellen wollen, müssen wir alle Energie gegen persönliche
Vergeltung aufwenden, die aus dem Erleiden von Unrecht und aus der
Verwundung der Seele menschlich nur zu begreiflich ist. Wer irgend etwas
auf dem Herzen hat, erstatte Anzeige, an welcher öffentlichen Stelle er
will. Seine Anzeige wird an die richtige Stelle weitergeleitet werden.
Die Schuldigen wird unerbittliche Strafe treffen. Aber die Anzeige muss
wahr sein. Wahrheitswidrige Anzeigen werden bestraft, anonyme Anzeigen
wandern in den Papierkorb.” (81)
Dass
die Hauptsorge der Inspiratoren dieser Regierungserklärung nicht die
Liquidierung des Naziregimes, sondern die Fortführung des Krieges war,
wird in der folgenden Passage sichtbar: „Alle Deutschen, die deutsch fühlen
und handeln, gehören zusammen. Die einzige Scheidung, die zu vollziehen
ist, liegt zwischen Verbrechen und Gewissenlosigkeit auf der einen und
Anstand und Sauberkeit auf der anderen Seite. Auf dieser Grundlage
wollen wir die innere Aussöhnung des Volkes mit allen Kräften
betreiben. Denn nur wenn wir einig bleiben, auf der Grundlage von Recht
und Anstand, können wir den Schicksalskampf bestehen, in den Gott unser
Volk stellt.” (82)
Diese
und die anderen Proklamationen, die für einen erfolgreichen
Staatsstreich vorbereitet waren, tragen deutlich die Handschrift der
Goerdeler-Gruppe. Dass Stauffenberg und seine Freunde nicht darauf drängten,
in diese programmatischen Dokumente mehr von ihren Ideen einfließen zu
lassen, mag mehrere Gründe gehabt haben; zum einen, dass ihr
Hauptaugenmerk der Vorbereitung des Attentats und der Gewinnung
potentieller Mitwirkender unter den Kommandeuren galt und sie damit alle
Hände voll zu tun hatten; aber wahrscheinlich auch den, dass auch sie
noch in der Vorstellung befangen waren, es müsse eine Elite sein, die
dem Volke von oben seine Befreiung bringt, und ferner, dass auch sie der
Gedanke an die Möglichkeit einer Aufspaltung des deutschen Volkes in
zwei sich bekämpfende Lager zurückschrecken ließ.
In
seinem Hauptreferat auf der eingangs erwähnten Konferenz zum 40.
Jahrestag des 20. Juli stellte Kurt Finker die Frage: „War die Verschwörung
des 20. Juli eine Bewegung innerhalb der herrschenden Klasse, einen
Ausweg aus dem verlorenen Aggressionskrieg zu suchen oder war sie der
Versuch einer Gruppe innerhalb der herrschenden Klasse, konsequent mit
der selbstmörderischen Kriegspolitik zu brechen und damit auch Möglichkeiten
eines Bündnisses mit antifaschistischen Volkskräften zu eröffnen?”
(83) Finker selbst gab auf diese Eingangsfrage keine explizite Antwort.
Diese
Frage kann auch nicht als Entweder-Oder-Frage beantwortet werden,
sondern nur mit: sowohl als auch. Die Verschwörung trug keinen
einheitlichen Charakter; von Seiten der Goerdeler-Gruppe war sie
allerdings als Versuch eines imperialistischen, antisowjetischen,
revolutionsverhindernden Auswegs gedacht und angelegt (84), von den
patriotischen Kräften um Stauffenberg und des Kreisauer Kreises
indessen als Versuch der Rettung Deutschlands vor der Katastrophe durch
seine Befreiung von der Hitlerclique und dem Naziregime mit dem Ziel der
Beendigung des Krieges und der Errichtung eines erneuerten, sozial
gerechten, humanistischen Nachkriegsdeutschland.
Ob
dieses zwiespältigen Charakters der Verschwörung ist es unmöglich,
eine sichere Aussage darüber zu treffen, welche Konzeption - die des
Goerdeler-Kreises oder die der progressiv-patriotischen Kräfte - sich
zunächst nach einem geglückten Attentat durchgesetzt hätte.
Eines
allerdings darf mit Sicherheit angenommen werden: die aufrüttelnde
Wirkung der Tötung Hitlers hätte die durch Terror und Hitlergläubigkeit
gleichermaßen bewirkte Lähmung des politischen Denkens und Handelns
der Masse des deutschen Volkes entkrampft, hätte den antifaschistischen
Kämpfern günstigere Bedingungen für die Aufklärung und für die
Mobilisierung der Massen zum Kampf um die sofortige Beendigung des
Krieges und um die konsequente Abrechnung mit den faschistischen
Verbrechern geboten und somit Voraussetzungen geschaffen für bisher
blockierte Entwicklungen.
Aus
diesem Grunde wurde die mutige Tat des 20. Juli von der Führung der
Kommunistischen Partei, vom Nationalkomitee Freies Deutschland, von
allen Antifaschisten sofort begrüßt in der Hoffnung, sie möge der
Auftakt für den Kampf des deutschen Volkes gegen das Naziregime sein.
Und aus diesem Grunde würdigen auch wir Heutigen diese Tat, ohne jedoch
darauf zu verzichten, die Sonde wissenschaftlicher Analyse an sie zu
legen und ihre Widersprüchlichkeit und Inkonsequenzen aufzudecken.
Für
nicht wenige Menschen ist der Hinweis auf die grausam-blutige Abrechnung
des Regimes mit den Verschwörern ein beeindruckendes Argument für die
Behauptung, der 20. Juli beweise, dass Hitler eine unumschränkte
Diktatur allen Bevölkerungsschichten gegenüber ausgeübt habe. Bei näherem
Hinsehen erweist sich aber auch dieses Argument als nicht stichhaltig.
Zum
ersten: Es wurde schon eingangs gezeigt, dass die Willkür des Terrors
von Himmlers schwarzen Häschern und Folterknechten ihre sehr bestimmten
Grenzen hatte, durch die die Repräsentanten des großen Kapitals ihrem
Zugriff entzogen waren.
Zum
zweiten aber: Die Terrorwelle, die nach dem Attentat über Deutschland
hinwegrollte und gewöhnlich allein als Ausfluss des Hitler’schen
Rachedurstes, allenfalls auch noch als Himmlers Wüten dargestellt wird,
diente in Wirklichkeit dem, was gerade den Monopolherren am meisten am
Herzen lag: der Verhinderung dessen, dass die durch das Attentat ausgelöste
Aufrüttelung des Volkes zum Ausgangspunkt einer Erschütterung des
Regimes, zu einem Durchbruch der Machtsicherungdämme werden könnte.
Denn
angesichts der erfolgreichen Eröffnung der zweiten Front und des
weiteren Vormarsches der Roten Armee musste das Attentat in weiten
Kreisen des deutschen Volkes als Eingeständnis der unausweichlichen
Niederlage erkannt werden, bestand die akute Gefahr des Zusammenbruchs
der „Durchhaltemoral”, die Gefahr einer Verbreiterung des
Widerstandes gegen die Fortführung des Krieges, kurz: des Beginns einer
Entwicklung, wie sie 1917 in der Armee und im Hinterland eingesetzt und
im November 1918 ihren Höhepunkt gefunden hatte.
Von
dieser Gefahr war nicht nur die Naziclique bedroht. Eine Revolution in
Deutschland würde - so mussten die Herrschenden befürchten -
angesichts der Stärke und Nähe der Roten Armee nicht mehr wie 1918 mit
einer Niederlage der Arbeiter enden, sondern die kapitalistische Ordnung
in Deutschland ein für allemal liquidieren. Dieser Gefahr konnte in der
entstandenen Situation nur durch die äußerste Steigerung des Einsatzes
genau derjenigen Mittel entgegnet werden, die schon vor dem Attentat
sich als am wirkungsvollsten erwiesen hatten - durch den Terror und den
Hitlermythos.
Es
entsprach deshalb den Interessen der deutschen Imperialisten ebenso wie
denen der Naziclique, dass dem Volk erzählt wurde, die Verschwörer
seien nur ein kleines Häuflein ehrloser Vaterlandsverräter und
Verbrecher, und dass man an ihnen ein grausames Exempel statuierte, um
damit ein Höchstmaß an Einschüchterung und Abschreckung zu erzielen.
Es hatte ja im übrigen gar nicht erst der Mordbefehle Hitlers und
Himmlers bedurft, um die Verschwörer zu liquidieren; ihre
„Kameraden” begannen damit aus eigener Initiative. Noch bevor
Himmler am Abend des 20. Juli in Berlin eingetroffen war, hatte der
Vorgesetzte Stauffenbergs, der Befehlshaber des Ersatzheeres General
Fromm, den Generalobersten Bock, den Obersten Mertz von Quirnheim,
General Olbricht, Leutnant von Haeften und den Obersten Stauffenberg
verhaften lassen und die letztgenannten vier in aller Eile in Hofe des
Bendlerblockes erschießen lassen, während er Beck eine Pistole in die
Hand drückte, damit dieser seinem Leben selbst ein Ende mache. Die
Wehrmachtsführung gab dann ebenso, wie sie 1934 die Ermordung der
Generale v. Schleicher und v. Bredow gebilligt hatte, jetzt die an der
Verschwörung beteiligten Offiziere dem Freisler’schen Blutgericht
preis, indem sie ein „Ehrengericht” bilden ließ, das die
Betreffenden aus der Wehrmacht ausstieß.
Der
deutlichste Beweis dafür, dass es sich bei der Terrorwelle keineswegs
nur um einen Rachefeldzug gegen die Verschwörer, sondern um eine Aktion
mit systemsichernder Absicht handelte, gezielt vor allem auf die
Enthauptung der Arbeiterbewegung, war die Verhaftungs- und Mordwelle vom
Juli und August 1944 mit ihrem Höhepunkt am 22. August, der „Aktion
Gewitter” (85) Dass man sich jetzt nicht damit begnügte, die Führer
der Kommunistischen Partei - allen voran Ernst Thälmann, weiter
Bernhard Bästlein, Anton Saefkow, Franz Jacob, Theodor Neubauer, Ernst
Schneller, Albert Kuntz und viele andere - hinter Zuchthausmauern und
Stacheldraht zu bringen, sondern sie systematisch physisch liquidierte,
zeigt am deutlichsten, dass es sich nicht nur darum handelte, das
Naziregime vor seinen unerbittlichsten Feinden abzusichern, sondern
darum, Vorsorge zu treffen für die Zeit nach Hitler.
Die
Kehrseite des gesteigerten Terrors war die Anfachung des irrationalen
Glaubens an den wunderwirkenden Führer.
Die
Aufruf-Entwürfe der Goerdeler-Gruppe lassen erkennen, dass vorgesehen
war, im Falle des Gelingens des Staatsstreiches Hitler zum
Alleinschuldigen für den Weg in die Niederlage, für die Verbrechen der
SS, aber auch der Wehrmacht, zu erklären. Es war also nicht vorgesehen,
dem Volke die ganze Wahrheit darüber zu sagen, in wessen Auftrag und
Interesse dieser Krieg vom Zaune gebrochen worden war, es sollte der
Hitlermythos nicht entzaubert, er sollte nur umgestülpt werden, um
weiter die gleiche Wirkung zu tun: die Massen gefügig zu halten im
Vertrauen auf die Führung; das Volk daran zu hindern, sich auf seine
eigenen Interessen und seine eigene Kraft zu besinnen.
Das
Scheitern des Putsches verhinderte die Umstülpung des Hitler-Mythos.
Dafür wurde er nun in seiner ursprünglichen Gestalt zur höchsten
Wirksamkeit gebracht. Um den Stoß, den der „Endsieg”-Glaube durch
das Attentat erhalten hatte, aufzufangen, wurde das Misslingen des
Anschlages dazu benutzt, den Hitler-Mythos noch stärker als zuvor für
die Weiterführung des Krieges wirksam zu machen. Hitlers angeblich
„wunderbare” Rettung wurde von der Propaganda als sichtbarer Beweis
dafür ausgegeben, dass die „Vorsehung” Hitler noch für große
Dinge ausersehen habe. Wer auf solch wunderbare Weise dem Tode entgangen
sei, dem müsse man auch zutrauen, eine scheinbar hoffnungslose militärische
Situation zum Besseren zu wenden und dem deutschen Volke noch in letzter
Minute den Sieg zu erringen.
Kein
anderer als Goerdeler bestätigte durch seine Haltung, dass eine
derartige Deutung des Ausganges des Attentats nicht nur den Interessen
der Hitlerclique entsprach, sondern denen der imperialistischen
Bourgeoisie, deren klassenbewusster Repräsentant er war. In einer
Eingabe an Hitler, geschrieben kurz nach seiner Einlieferung ins Gefängnis,
im August 1944, schrieb er: „Wenn wir das Vaterland über alles
stellen, was doch unser Glaube ist, so haben wir den 20. Juli als ein
endgültiges Gottesurteil zu achten. Der Führer ist vor fast sicherem
Tode bewahrt. Gott hat nicht gewollt, dass Deutschlands Bestand, um
dessen willen ich mich beteiligen wollte und beteiligt habe, mit einer
Bluttat erkauft wird; er hat auch dem Führer diese Aufgabe neu
anvertraut. Das ist alte deutsche Auffassung. Jeder Deutsche in der
Reihe der Umsturzbewegung ist nunmehr verpflichtet, hinter den von Gott
geretteten Führer zu treten, auch die Mittel, die einer neuen Regierung
zur Verfügung gestellt werden sollten, rückhaltlos ihm zu geben; ob er
sie nützen will, für brauchbar hält, entscheidet er.” (86) Mit
dieser Begründung bot Goerdeler Hitler an, nunmehr nicht mehr für die
Opposition, sondern für Hitler mit der westlichen Diplomatie zu
verhandeln. An diesem Angebot hielt Goerdeler auch nach seiner
Verurteilung zum Tode fest. Er erklärte sich einem Abgesandten Walter
Schellenbergs (Leiter des Amtes VI - Auslandsnachrichtendienst - des
Reichssicherheitshauptamtes) gegenüber bereit, über seinen
schwedischen Freund Wallenberg mit dem „größten Feind der
Kommunisten”, Churchill, Verbindung aufzunehmen.
Goerdelers
Auffassungen mochten sich - wie Kurt Finker in seinem Referat bemerkte
(87) - in mancherlei Hinsicht unter dem Druck der Ereignisse
weiterentwickelt haben; unverändert blieb jedoch - wie die genannten
und andere ungenannte Zeugnisse belegen - auch in seiner Gefängniszelle,
den Tod täglich vor Augen, der Antikommunismus die Grundlage seiner
Anschauungen und Handlungen.
IV
Wenn
wir den 20. Juli 1944 unter faschismustheoretischem Aspekt untersuchen,
dann müssen wir davon ausgehen, dass wir es mit einem Ereignis der
Endphase des deutschen Faschismus unter extremen Bedingungen, dass wir
es mit der Suche des deutschen Imperialismus nach einem Wege aus der
Niederlage zum Überleben zu tun haben. (88)
Worin
diese Extrembedingungen genau bestanden, das wird vielleicht am
deutlichsten, wenn wir diese Endphase des deutschen Faschismus mit der
des italienischen Faschismus, die Bedingungen des Ausweges für den
deutschen mit denen des italienischen Imperialismus vergleichen.
Gewöhnlich
wird die verblüffende Leichtigkeit, mit der der italienische „Führer”,
Mussolini, entmachtet werden konnte, damit erklärt, dass er über sich
noch den König hatte, dem das Recht zustand, den Ministerpräsidenten
zu berufen und abzusetzen. Doch Verfassungsfragen sind bekanntlich
Machtfragen. Hätte der König nicht den Machtfaktor Armee hinter sich
gehabt, so hätte ihm sein verfassungsmäßiges Recht sehr wenig genützt.
Und umgekehrt: Wären die deutschen militärischen Führer im gleichen
Maße wie ihre italienischen Kollegen davon überzeugt gewesen, dass der
Diktator weg musste, dann hätten sie mit dem „Führer” genau so
verfahren können wie jene mit dem „Duce”.
Man
muss also schon tiefer loten, will man den Ursachen für den
unterschiedlichen Verlauf der Endphase des deutschen und des
italienischen Faschismus auf den Grund kommen.
An
erster Stelle sind hier die Unterschiede in der ökonomischen,
politischen und militärischen Stärke des deutschen und des
italienischen Imperialismus zu nennen, sowie die unterschiedliche
Situation, aus der heraus jeder von ihnen den Faschismus an die Macht
brachte.
Der
italienische Imperialismus - der Imperialismus einer Mittelmacht, deren
Expansionsbestrebungen nur regionale Ausmaße annehmen konnten - brachte
den Faschismus im Oktober 1922 an die Macht, um aus seiner krisenhaften
Nachkriegsschwäche herauszukommen.
Der
deutsche Imperialismus brachte den Faschismus an die Macht, nachdem er
seine Nachkriegsschwäche in der Weimarer Republik überwunden, ökonomisch
wieder die Nummer Zwei in der Welt des Kapitals geworden war und nun
danach strebte, durch einen neuerlichen, besser vorbereiteten Waffengang
in jeder Hinsicht die Nummer Eins zu werden. Sein Expansionsdrang war
also global, was bedeutet, dass die Diskrepanz zwischen Ziel und Möglichkeiten
bei ihm viel größer war als beim italienischen. In Deutschland hatte
der Faschismus deshalb in viel größerem Maße als in Italien die
Aufgabe, diese Kluft zwischen Können und Wollen zu überbrücken durch
brutale Ausschaltung aller Widerstände gegen Kriegsvorbereitung und
Krieg sowie durch die rücksichtslose Konzentration aller Kraftquellen
der Nation auf dieses eine Ziel: rascheste Vorbereitung auf den Krieg,
maximaler Einsatz aller nationalen Potenzen für den Krieg. Dies war der
entscheidende Grund dafür, dass in keinem Land des Faschismus der
Terror so extrem, grausam und effektiv praktiziert und der Führerkult
als Massenmanipulierungs- und Mobilisierungsmittel so maßlos bis zur
Vergottung des Mannes an der Spitze getrieben wurde wie in Deutschland.
Die
italienische Monopolbourgeoisie hatte es aber nicht nur nicht nötig,
Mussolini zur übermenschlichen Messiasfigur aufzubauen; es wäre ihr
dies auch gar nicht möglich gewesen, falls sie es gewollte hätte. Dafür
war Mussolini zu früh an die Macht gekommen. Als die
Weltwirtschaftskrise auch über Italien hereinbrach, wälzten die
Faschisten nicht anders als die bürgerlichen Regierungen in allen
anderen Ländern die Krisenlasten im Interesse des Kapitals rücksichtslos
auf die Werktätigen ab. Dieselbe Weltwirtschaftskrise, die Hitlers
Aufstieg zum Hoffnungsträger von vielen Millionen Deutschen ermöglichte,
zerstörte bei Millionen Italienern die Illusionen über Mussolini und
seine Partei als Schöpfer einer neuen, gerechten Ordnung. Mussolini
konnte deshalb auch im Krieg für die italienische Monopolbourgeoisie
nicht die gleiche Rolle spielen wie Hitler für die deutsche.
Als
sich - spätestens nach Stalingrad - für sie herausgestellt hatte, dass
sie wieder einmal den falschen Verbündeten gewählt hatte, gab es für
sie bei weitem weniger Grund für Hemmungen vor einer Kapitulation als für
die deutschen Imperialisten. Italien war in diesem Krieg nicht der
Hauptgegner, sondern nur Juniorpartner des Hauptgegners der Antihitlermächte,
ein Juniorpartner, der, je länger desto mehr auf die Stufe des bloßen
Vasallen herabgesunken war. Obwohl natürlich auch ihm gegenüber die
Forderung nach bedingungsloser Kapitulation erhoben wurde, konnte er
doch auf Belohnung rechnen, falls er noch rechtzeitig mit
Hitlerdeutschland brach und die Front wechselte.
Aber
dazu war nötig, Mussolini und seine Schwarzhemden zu entmachten. Anders
als in Deutschland standen dem in Italien keine gewichtigen Bedenken im
Wege. Im Gegensatz zu Hitler war Mussolini für die italienische
Monopolbourgeoisie in jeder Hinsicht - nicht nur außen-, sondern auch
innenpolitisch - eine Belastung geworden. Er war kein Faktor der
Verminderung der Revolutionsgefahr mehr, sondern das Gegenteil davon:
solange er an der Spitze stand, würden die Forderungen der Massen nach
Umsturz der Machtverhältnisse nur immer dringender und drohender
erhoben werden.
Andererseits
brauchte die italienische Bourgeoisie eine Ausbreitung der
Widerstandsbewegung weit weniger zu fürchten als die deutsche: hier gab
es keine Möglichkeit, dass sie von der Roten Armee Unterstützung
erhalten würde, sondern sie würde es nur mit den Westmächten als
siegreicher Besatzungsmacht zu tun haben, und die würden mit Sicherheit
dafür sorgen, dass es zu keiner kommunistischen Machtübernahme kommen
würde - selbst wenn die Italienische Kommunistische Partei die überwältigende
Mehrheit aller Italiener hinter sich hätte.
Diese
vergleichende Betrachtung erhärtet die bisherigen Ergebnisse der
Untersuchung:
Erstens:
Hitler und seine Partei waren und blieben auch in der Endphase der
faschistischen Diktatur ein Instrument der deutschen Imperialisten und
nicht etwa deren Beherrscher.
Zweitens:
Dieses Instrument war - im Unterschied zu Italien - nur in einer, in außenpolitischer
Hinsicht, stumpf und sogar hinderlich geworden; es erfüllte dagegen
noch immer in unersetzlicher Weise seine wichtigste, die innenpolitische
Funktion des Hintanhaltens der Gefahr eines revolutionären
Durchbruches.
Drittens:
Da die deutsche imperialistische Bourgeoisie mit gutem Grund die
Revolution mehr als die Niederlage fürchtete, blieb sie in der Frage
der Beseitigung Hitlers unentschlossen, schwankte zwischen verschiedenen
Möglichkeiten, so dass die wirkliche Entschlossenheit zum Vorgehen
gegen Hitler auf den relativ kleinen Kreis der Verschwörer beschränkt
blieb, die ihrerseits allein gelassen wurden von ihrer Klasse und
isoliert waren und blieben von den antifaschistischen Kräften im Volk.
Hierin
- und nicht in der von der bürgerlichen Geschichtsschreibung
behaupteten „Allmacht Hitlers” lag die wirkliche Ursache für das
Scheitern der Verschwörung des 20. Juli.
Erschienen
in „Streitbarer Materialismus“, Nr. 19 (Dezember 1994), S. 25-82
Anmerkungen:
(1)
Die Referate und Diskussionsbeiträge dieses Kolloquiums sind publiziert
in „Wissenschaftliche Mitteilungen” der Historiker-Gesellschaft der
Deutschen Demokratischen Republik. 1985/I-II
(2)
Ebenda, S. 13
(3)
Ebenda, S. 24 f.
(4)
Kurt Gossweiler, Der 20 Juli und die Faschismustheorie, in: Demokratie,
Antifaschismus und Sozialismus in der deutschen Geschichte, Berlin 1988
(5)
Spiegelbild einer Verschwörung. Die Kaltenbrunner-Berichte an Bormann
und Hitler über das Attentat vom 20. Juli 1944. Geheime Dokumente aus
dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt. Hg. vom Archiv Peter für
historische und zeitgeschichtliche Dokumentation, Stuttgart 1961 (künftig:
Kaltenbrunner-Berichte), S. 232
(6)
Gerhard Ritter, Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung,
Stuttgart 1956. S. 417
(7)
ebenda. S. 391
(8)
Theodor Heuss, Robert Bosch. Leben und Leistung, Stuttgart und Tübingen,
1946, S. 707
(9)
Kaltenbrunner-Berichte, S. 550f.
(10)
ebenda, S. 558 f.
(11)
ZStAP, Deutsche Bank-Akten 5961/35
(12)
Aus der Anweisung des Gestapochefs Müller v. 12. 6. 1942, zit. nach:
20. Juli 1944, hg. von der Bundeszentrale für Heimatdienst. 4. Aufl.,
Bonn 1961, S. 197
(13)
Siehe Olaf Groehler, 1944: Die Krise des deutschen Faschismus.
Faschistische Agonie und Nachkriegsplanung, in: ZfG 7/1984, S. 588
(14)
ebenda. Dort auch Angaben über weitere Literatur zur Nachkriegsplanung.
(15)
Joachim Petzold, Die Absetzung Wilhelm II., in: Zeitschrift für Militärgeschichte,
3/1967, S. 298 ff.
(16)
zit. nach Eugen Schiffer, Ein Leben für den Liberalismus,
Berlin-Grunewald, 1951, S. 136f.
(17)
Am Beginn der letzten Phase des Krieges. Ein neues, bedeutsames Dokument
aus dem illegalen Kampf in Deutschland, in: BzG 3/1979. S. 410. Siehe
auch: Deutschland im Zweiten Weltkrieg, von einem Autorenkollektiv unter
Leitung von Wolfgang Schumann. Bd. 6, Berlin 1985. S. 290
(18)
Ritter, Goerdeler, S. 428
(19)
ebenda, S. 615
(20)
So behauptete Goerdeler in dem gleichen Brief: „Heute noch kann ich
erklären, dass ich Ihnen, Herr Generalfeldmarschall, und jedem anderen
zum notwendigen Handeln entschlossenen General die erdrückende Mehrheit
der deutschen Arbeiterschaft, der deutschen Beamten und der deutschen
Wehrmacht zuführen kann.” (ebenda)
(21)
zit. nach: Dokumente zur deutschen Geschichte 1929 - 1933, hg. von
Wolfgang Ruge und Wolfgang Schumann, Berlin 1975, S. 83 f.
(22)
Dazu ausführlich bei: Wolfgang Ruge, Das Ende von Weimar.
Monopolkapital und Hitler, Berlin 1983, und Kurt Gossweiler, Kapital,
Reichswehr und NSDAP, Berlin 1982
(23)
Hermann Rauschning (Gespräche mit Hitler, Zürich/Wien/New York 1940,
S. 198) führt Hitlers Äußerung an: „In der Kunst der
Massenbeeinflussung ist mir keiner gewachsen, auch Goebbels nicht.”
Und vor den Wehr-machtbefehlshabern begründete Hitler am 22.8.1939 die
Notwendigkeit, jetzt loszuschlagen, u.a. mit folgenden Erwägungen:
„Wesentlich hängt es von mir ab, von meinem Dasein, wegen meiner
politischen Fähigkeiten. Dann die Tatsache, dass wohl niemand wieder so
wie ich das Vertrauen des ganzen deutschen Volkes hat. In der Zukunft
wird es wohl niemals wieder einen Mann geben, der mehr Autorität hat
als ich. Mein Dasein ist also ein großer Wert-Faktor.” (Der Prozeß
gegen die Hauptkriegs-verbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof
Nürnberg, 14. November 1945 bis 1. Oktober 1946 (amtlicher Text in
deutscher Sprache (künftig IMT), Bd. XXVI, S. 338 ff., Dok. 798-PS.)
(24)
Karl Dietrich Bracher/Wolfgang Sauer/Gerhard Schulz, Die
nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des
totalitären Herrschaltssystems in Deutschland 1933/34, Köln und
Opladen 1960, S. 914 ff.; Kurt Gossweiler, Die Röhm-Affäre. Hintergründe
- Zusammenhänge - Auswirkungen, Köln 1983, S. 512 f.
(25)
Gossweiler, Röhm-Affäre, S. 470, 513; Hermann Foertsch, Schuld und
Verhängnis. Die Fritsch-Krise im Frühjahr 1938 als Wendepunkt in der
Geschichte der nationalsozialistischen Zeit, Stuttgart 1951, S. 64
(26)
ebenda
(27)
Ausgewählte Briefe von Generalmajor Helmuth Stieff, in: VfZ 3/1954, S.
298
(28)
Ausführlich dazu: Hans Bern Gisevius, Bis zum bittern Ende,
Stauffenberg und der 20. Juli 1944, Berlin, 6. überarb. Auflage, 1984.
S. 60 f.
(29)
Friedrich Hossbach, Zwischen Wehrmacht und Hitler, Hamburg 1949, S. 9;
Hossbach, S. 44, 74
(30)
Siehe Hjalmar Schacht, Abrechnung mit Hitler. Hamburg 1949, S. 9;
Hossbach, S. 44, 74
(31)
Gossweiler, Röhm-Affäre, S. 44
(32)
Wortlaut in: VfZ 2/1955; auszugsweise in: Anatomie des Krieges. Neue
Dokumente über die Rolle des deutschen Monopolkapitals bei der
Vorbereitung und Durchführung des Zweiten Weltkrieges, hg. und eingel.
von Dietrich Eichholtz und Wolfgang Schumann, Berlin 1969, S. 144 ff.
(33)
Dietrich Eichholtz/Kurt Gossweiler, Noch einmal: Politik und Wirtschaft
1933 - 1945, in: Das Argument. Berliner Hefte für Probleme der
Gesellschaft, Nr. 47 (3/1968), S. 221 f.
(34)
Dietrich Eichholtz, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 -
1945, Bd. I, Berlin 1969, S. 16, 36 ff.
(35)
IMT, Bd. XXXVI, S. 522 ff., Dok. 450 EC. - dieses Gespräch, das wie
kaum ein anderes Dokument Schacht als Einpeitscher der Hitlerpolitik
kennzeichnet, hat erstaunlicherweise bisher in der Literatur kaum
Beachtung gefunden: (vgl. aber George F.W. Hallgarten/Joachim Radkau,
Deutsche Industrie und Politik von Bismarck bis heute, Frankfurt/M.-Köln
1974. S. 304)
(36)
IMT, Bd. XII, S. 598
(37)
Im Rechenschaftsbericht an den 18. Parteitag der KPdSU führte Stalin am
10. März 1938 aus: „In der Politik der Nichteinmischung macht sich
das Bestreben geltend, die Aggressoren bei der Ausführung ihres dunklen
Werkes nicht zu hindern, ...zum Beispiel Deutschland nicht zu hindern,
...sich in einen Krieg gegen die Sowjetunion einzulassen, alle
Kriegsteilnehmer tief in den Morast des Krieges versinken zu lassen, sie
im stillen dazu anzuspornen, dazu zu bringen, dass sie einander schwächen
und erschöpfen, dann aber, wenn sie genügend geschwächt sind, mit
frischen Kräften auf dem Schauplatz zu erscheinen und, natürlich ‘im
Interesse des Friedens’ aufzutreten, um den geschwächten
Kriegsteilnehmern ihre Bedingungen zu diktieren.” (J. Stalin, Fragen
des Leninismus. Moskau 1947, S. 687 f.)
(38)
Reinhard Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln
1975, S. 296
(39)
Generalmajor Georg Thomas, Chef des Wehrwirtschaftsstabes des OKW
(40)
Ullrich v. Hassell, bis 1937 Botschafter in Rom, Mitverschworener
Goerdelers und dessen Kandidat als Außenminister
(41)
Finker/Busse. Stauffenberg, S. 61 ff.
(42)
Eichholtz/Gossweiler, Argument Nr. 47, S. 222; Eichholtz, Geschichte der
Kriegswirtschaft, S. 50,61
(43)
Der deutsche Geschäftsträger in London, der zur Goerdeler-Gruppe gehörte,
gab dem englischen Außenminister Halifax am 7. September 1938 eine mündliche
Erklärung ab, in der es hieß: „Nach unserer genauen Kenntnis plant
Hitler einen Angriff auf die Tschechoslowakei und nimmt an, dass der
daraus entstehende Krieg lokalisiert werden könnte... Hitler und
Ribbentrop werden wahrscheinlich gar nicht wagen, einen Krieg zu
beginnen, wenn eine offene britische Erklärung dem deutschen Volk klar
vor Augen führt, dass ein Krieg mit Großbritannien im Falle eines
Angriffs auf die Tschechoslowakei unvermeidlich ist. ...Wenn die
erbetene Erklärung gegeben wird, sind die Führer der Armee bereit,
gegen Hitlers Politik mit Waffengewalt aufzutreten. Eine diplomatische
Niederlage würde einen sehr ernst zu nehmenden politischen Rückschlag
für Hitler in Deutschland nach sich ziehen und würde praktisch das
Ende des nationalsozialistischen Regimes bedeuten.” (Erich Kordt,
Nicht aus den Akten... Die Wilhelmstraße in Frieden und Krieg.
Erlebnisse, Begegnungen und Eindrücke 1928-1945, Stuttgart (1950), S.
279 ff.)
(44)
Fritz Thyssen, I paid Hitler,
London
1941, S. 47
(45)
Ullrich von Hassell, Vom andern Deutschland, 3. Aufl., Zürich 1947, S.
86 ff.; s.a. Ritter, Goerdeler, S. 239
(46)
Vgl. dazu auch die Einschätzung der Landesleitung der KPD in ihrem
bereits erwähnten Aufruf (Anm. 17); s.a. Finker/Busse, Stauffenberg, S.
171 f.
(47)
siehe Olaf Groehler, 1944
(48)
Finker/Busse, Stauffenberg, S. 68
(49)
ebenda, S. 69
(50)
Ritter, Goerdeler, S. 585 ff.
(51)
Über solche Versicherungen der Regierung Chamberlain berichtet Ritter
(S. 258 ff. seines Goerdeler-Buches)
(52)
Ritter, Goerdeler, S. 586 ff.
(53)
zit. nach: Dokumente zur deutschen Geschichte, 1917-1919, Berlin 1975,
S. 43
(54)
Von Wilhelm II. ist überliefert, dass er noch am 3. November 1918 erklärte:
„Das Kriegsende habe (durch den Ausbruch der Revolution) ein ganz
anderes Aussehen erhalten. Es gehe jetzt um den Kampf gegen den
Bolschewismus. Es sei nicht ausgeschlossen, „dass die Engländer mir
Truppen gegen Russland anbieten.” (Sigurd von Ilsemann, Der Kaiser in
Holland. Aufzeichnungen des letzten Flügeladjutanten Kaiser Wilhelm
II., hg. von Harald v. Koenigswald, Bd. l: Amerongen und Doorn
1918-1923, München 1967, S. 35)
(55)
Ritter, Goerdeler, S. 593
(56)
ebenda, S. 593 f.
(57)
ebenda
(58)
ebenda, S. 595
(59)
ebenda, S. 596
(60)
ebenda, S. 602 f.
(61)
ebenda, S. 603 f.
(62)
ebenda, S. 604 ff., Hervorhebung von mir, K.G.
(63)
ebenda, S. 606
(64)
ebenda, S. 609 f.
(65)
ebenda, S. 392 f.
(66)
ebenda, S. 257 ff.
(67)
ebenda, S. 393 f.
(68)
Hans Bernd Gisevius, Bis zum bittern Ende, Bd. 2, Hamburg 1947, S. 234
ff.; Allan Welsh Dulles, Verschwörung in Deutschland, Zürich 1948
(69)
Ritter, Goerdeler, S. 394; s.a. ebenda, S. 407
(70)
Ritter versucht diese Seite der Goerdeler-Konzeption vergeblich zu
verwischen und dessen Einschwenken auf die auch vom bürgerlich-patriotischen
Standpunkt aus verwerfliche „Westlösung” moralisch zu
rechtfertigen, indem er auf der gleichen Seite (S. 394) behauptet,
Goerdeler habe es als Verbrechen empfunden, nachdem der Krieg
aussichtslos geworden sei, „auch nur noch das Leben eines einzigen
deutschen Soldaten zu opfern.”
(71)
Hier seien nur genannt: Finker/Busse, Stauffenberg; Kurt Finker, Graf
Moltke und der Kreisauer Kreis, Berlin 1978
(72)
Ritter, Goerdeler, S. 551
(73)
ebenda, S. 396; Finker/Busse, Stauffenberg, S. 213
(74)
Ritter, Goerdeler, S. 388
(75)
Finker/Busse, Stauffenberg; S. 187 f.
(76)
Ritter, Goerdeler, S. 408
(77)
Ritter, Goerdeler, S. 407
(78)
20. Juli 1944, (s. Anweisung des Gestapochefs Müller vom 12.6.1942,
a.a.O.), S. 174 ff.
(79)
ebenda, S. 179
(80)
Zur Geschichte der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung 1933
bis 1945. Eine Auswahl von Materialien, Berichten und Dokumenten, Berlin
1957, S. 233 ff.
(81)
20. Juli 1944, S. 174
(82)
ebenda, S. 175
(83)
Kurt Finker, Der Platz des 20. Juli 1944 in der Geschichte des deutschen
antifaschistischen Widerstandskampfes, in: Wissenschaftliche
Mitteilungen der Historiker-Gesellschaft der Deutschen Demokratischen
Republik 1985/I-II, S. 6
(84)
Deutschland im zweiten Weltkrieg, Bd. 6, Berlin 1985. S. 284 f.
(85)
ebenda, S. 295
(86)
Olaf Groehler/Wolfgang Schuhmann, Vom Krieg zum Nachkrieg. Probleme der
Militärstrategie und Politik des faschistischen deutschen Imperialismus
in der Endphase des zweiten Weltkrieges, in: Jahrbuch für Geschichte
26, Studien zur Geschichte des Faschismus und des antifaschistischen
Widerstandes (l), hg. Dietrich Eichholtz/Klaus Mammach, Berlin 1982, S.
276
(87)
Finker, Der Platz des 20. Juli 1944, S. 13
(88)
Groehler/Schuhmann, Berlin 1982, S. 276 a.a.O.
|