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Helmut Lucas

Ein kleines Buch zum 8. Mai, das schon durch seine Unaufgeregtheit besticht

Das Ende

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes

Selten hat ein Verlag treffender ein von ihm selbst vorgelegtes Buch beschrieben:  

Der Titel lässt keine Zweifel aufkommen: Es geht um das Finale des Zweiten Weltkriegs.  

Unendlich viel wurde darüber geschrieben und geredet, Treffendes und viel mehr Unzutreffendes. Herausgeber Karl Harms legt eine imponierende Sammlung an Dokumenten und Meinungen vor.  

Sie reicht vom Hitler-Befehl: „Der Bolschewist... muss... vor der Hauptstadt des Deutschen Reiches verbluten“ über Thomas Manns Rundfunkappell an die Deutschen – „Die Fortsetzung des Krieges durch Deutschland... hat nichts mit Heroismus zu tun, sondern ist in der Tat ein Verbrechen, begangen am deutschen Volk.“ – bis zur Beschreibung des Augenblicks, da sich Keitel, den Marschallstab in der Hand, zur Kapitulation begibt.  

All das Unzutreffende, das über das Ende verbreitet wurde, soll das Vergessen befördern. Dieses Taschenbuch will das Gegenteil erreichen!

Klare und deutliche Worte, fernab von all dem Geschwätz und der Heuchelei mit dem sich Politiker zu Gedenktagen gern vor ihrem Wahlvolk aufblasen. Dieses Buch räumt auch mit Legenden auf. Besonders wichtig war mir hier die Frage der Hauptlast des Krieges. Da geht immer noch der Spuk um, Deutschland sei von den Amerikanern und den Briten befreit worden. Die Rolle der Sowjetunion wir eher kleingeredet. Der Verlag war so freundlich und hat uns gestattet, den „Brief aus Melbourne“ und die Antwort darauf  unseren Leserinnen und Lesern vorzulegen.

Helmut Lucas, 5.5.05

Karl Harms (Hrgb)

Das Ende

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes

Spotless-Reihe 172, ISBN – 3 – 937943 – 06 – 4, Preis 5,10 Euro

www.spotless.de

SPOTLESS-VERLAG

Postfach: 28 830 - 10131 Berlin

Weydinger Straße 14-16 - 10178 Berlin

Telefon (0 30) 24 00 94 01 - Telefax (0 30) 24 00 94 01

Kto- 720 012 988 - BLZ 100 500 00 - Berliner Sparkasse

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BRIEF AUS MELBOURNE:

„Wie war tatsächlich der Anteil der Sowjetunion am Zweiten Wellkrieg?“

Zu Beginn des Jahres 2005 erreichte den Spotless-Verlag folgender Brief:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben diesen Brief losgeschickt, ohne zu wissen, in wessen Hände er landet. Deshalb sollte die umfängliche Vorgeschichte erwähnt werden. „Wir“ steht für Studenten eines College in Melbourne, die sich in einer linken Gruppe organisiert haben. Gemeinsam gehen wir Fragen nach, die während des Studiums so gut wie nie erörtert wurden oder werde. Wir haben immer Probleme damit, Menschen zu finden, die uns Antworten geben können, die uns gültig und verlässlich erscheinen.

Früher half uns oft ein Freund, Freddi Mills mit Namen und pensionierter Hafenarbeiter, von dem alle wussten, dass er sich engagiert für die politische Anerkennung der DDR durch Australien eingesetzt hatte. Sein Motiv dürfte seine Vergangenheit gewesen sein. Von Geburt Jude, war er als Kind während des Zweiten Weltkriegs nach Australien geraten, blieb sein Leben lang ein erbitterter Feind des deutschen Faschismus und besuchte auch einige Male die DDR. Als er überraschend für alle während einer Reise nach Japan starb, verloren wir unseren Mentor und den Mann, der uns Fragen beantworten konnte, auf die kaum in Australien eine Antwort wusste. Freddi hinterließ uns einige Bücher, darunter auch eines aus Ihrem Verlag, in dem die Methoden der sogenannten Treuhand bei der Liquidierung der DDR behandelt wurden. Er hatte es uns handschriftliche übersetzt.

Nun wissen Sie, was uns bewog , unsere Frage an Sie zu richten, nämlich: Wie war tatsächlich der Anteil der Sowjetunion am Zweiten Wellkrieg? Da sich der 60. Jahrestag des Endes dieses Krieges nähert, in dem auch Australier gegen den Faschismus kämpften, kam die Frage in unserer Runde. Der letzte Anlaß war ein hiesiger Zeitungsartikel, in dem behauptet wird, dass die Westmächte die Hauptlast des Zweiten Weltkriegs trugen und alle gegenteiligen Ansichten kommunistische Propaganda seien. Wir gerieten in Streit darüber, erinnerten uns an Freddi, der uns einmal erzählt hatte, wie er seinen Hafenjob 1956 vorübergehend aufgegeben hatte, um die Journalisten der DDR zu den Wettkampfstätten der Olympischen Spiele zu chauffieren, erinnerten uns des Buches – und schrieben Ihnen diesen Brief. Hoffentlich haben wir keine Fehlbitte getan.

Die Antwort von Karl Harm s:

Ich war sehr überrascht, eine Frage aus Australien zu erhalten und es schien mir ein Beweis dafür, dass man sich weltweit mit diesem Problem befasst. Ich glaube, dass für alle Kontinente gilt: Achtung und Annerkennung gebührt allen am Krieg gegen Nazideutschland beteiligten Staaten, Armeen und Widerstandsbewegungen. Auch der bescheidenste Beitrag für den Sieg der Antihitlerkoalition zählt, darf nicht vergessen werden und muss seine Würdigung finden.

Andrerseits ist es für die Geschichtswissenschaft von größtem Interesse festzustellen, welche entscheidenden Faktoren zur Niederlage des Aggressors geführt haben und  welchen Beitrag die verschiedenen Armeen der Antihitlerkoalition zur Zerschlagung der deutschen Wehrmacht  geleistet haben. Sehen wir uns dazu einige Fakten und Zahlen an.

Der zweite Weltkrieg dauerte bekanntlich vom 1. September 1939 bis zum 8. Mai 1945. Betrachtet man die Dauer der bedeutendsten Feldzüge dieses Krieges, so ergibt sich folgendes Bild: Die Eroberung Polens durch die deutsche Wehrmacht dauerte etwa einen Monat, die Eroberung Frankreichs einen Monat und zwölf Tage, die Teilnahme deutscher Truppen an den Kämpfen in Nordafrika etwa zwei Jahre (März 1941 - bis 13. Mai 1943), die Kämpfe in Italien - nach der Landung englisch-amerikanischer Truppen auf Sizilien am 9. Juli 1943 – fast zwei Jahre, die Befreiung Westeuropas, nach der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 - zehn Monate, die Kampfhandlungen an der deutsch- sowjetischer Front knapp vier Jahre, nämlich drei Jahre, zehn Monate und 17 Tage. Der als Blitzkrieg gegen die Sowjetunion geplante Feldzug übertraf also die Dauer der Kampfhandlungen auf allen anderen Kriegschauplätzen um ein Mehrfaches. Hinzu kam: Von allen Fronten des Zweiten Weltkrieges war die deutsch-sowjetische Front ihren räumlichen Ausmaßen nach die größte Landfront. Zum Zeitpunkt der Stalingrader Schlacht erstreckte sie sich vom Kaukasus bis zur Barentssee, über eine Länge von über 3000 km. Nach den verlorenen Grenz­schlachten des Sommers 1941 wich die Rote Armee, – kämpfend - bis etwa auf die Linie Leningrad, Moskau, Rostow am Don; später bis Stalingrad und zum Nordkaukasus, zurück. Der Rückzug von der ursprünglichen Staatsgrenze der UdSSR vollzog sich somit bis in eine Tiefe von 700 bis 1800 km in das Innere des Landes. Doch mit der Zeit verblutete die Wehrmacht in den Weiten des Raumes gegen einen Feind, der trotz schwerer zurückschlug. Ab 1943 begann schließlich der unaufhaltsame Vormarsch der Roten Armee. Nach einer Vielzahl erfolgreicher Angriffsoperationen erreichte sie schließlich deutsches Territorium und beendete den Krieg an der Elbe. Das waren von Stalingrad aus gerechnet etwa 2300 km. Fazit: Eine feuerspeiende, aus hunderten von Einzelgefechten bestehende Kampffront wälzte sich im Verlaufe von etwa vier Jahren über eine Gesamtstrecke (Rückzug und Vormarsch) von etwa 2500 bis 6000 km. Das ist einmalig in der Geschichte der Kriegsgeschichte. 

 Das Ausmaß der Kamphandlungen auf den unterschiedlichen Kriegsschauplätzen wird nicht nur nach Dauer und räumlichen Dimensionen beurteilt, sondern auch nach ihrem spezifischen Gewicht innerhalb des gesamten Kriegsgeschehens. Eines der wichtigsten Kriterien dafür ist die an der jeweiligen  Front gebundene Menge der Truppen des Aggressors und der ihm im Kampf zugefügten Verluste. Die folgenden Zahlen verdeutlichen die gravierenden Unterschiede damaliger Kriegsschauplätze anhand einiger Beispiele.

Kampfbestand der deutschen Heeresverbände (in tausend Mann):[1]

Am                  im Westen                 im Osten

520                          2.635

746                          3.138

1.7.1944                  892                         2.160

Verteilung der deutschen Divisionen

Anfang Januar 1945[2]

Osten und Südosten                               180

Westen                                                      69

Italien                                                        24  

Norwegen/Dänemark                                16  

Deutschland                                              10

Die Verluste des deutschen Feldheeres

Bericht des Heeresamtes des OKH vom 26. April 1945[3]:

(Die Fußnotenlücke ist durch eine Tabellenformatierung entstanden und wird von Wiljo hoffentlich geschlossen werden können).

Gefallen insgesamt                 1.211.222

im Osten                                         1.005.413

in Finnland                                           16.395

im Westen                                          109.046

im Bereich OB Südwest (Italien)          48.750

im Bereich OB Südost                         22.370

 

Verwundete insgesamt           4.708.977

im Osten                                         3.992.062

in Finnland                                           60.515

im Westen                                          382.776

im Bereich OB Südwest                     174.734

im Bereich OB Südost                         70.064

 

Vermisste insgesamt              2.394.751

im Osten                                         1.369.174

in Finnland                                             6.852

im Westen                                          772.460

im Bereich OB Südwest                     215.525

im Bereich OB Südost                         24.620

1) Nach Müller-Hildebrand, „Das Heer 1933-1945) Bd.III, Kap 13, Tab 66

2) Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Bd iV, S. 1346

3) Additionsfehler übernommen

Man  könnte noch eine Menge anderer Fakten und Zahlen auflisten: die Verluste an Panzern, Flugzeugen und Geschützen, die Opfer unter der Zivilbevölkerung, den Ausstoß der Rüstungsindustrie. Doch schon das bisher Geschilderte beweist: Den Hauptanteil an der Zerschlagung des Hitlerfaschismus leistete die Streitmacht der Sowjetunion. Die Hissung ihrer Flagge auf dem Berliner Reichstag war die symbolische Bestätigung dieser Tatsache.

Bliebe noch die auch von den australischen Collegestudenten gestellte Frage, wer ein Interesse an der Verschleierung dieser historischen Wahrheit hat und welches das Motiv dafür ist. Für Deutschland gelten aus meiner Sicht zwei Gründe, die den Ausgangspunkt für diese Geisteshaltung und ihre Folgen liefern.

Zunächst wäre da die Verachtung des deutschen Spießers gegenüber dem russischen „Iwan“ zu nennen. Dass ausgerechnet dieser „Iwan“ dann auch noch gesiegt hat, bildlich gesprochen dem Spießer die Faust vors Gesicht hielt und ihn dann zu Boden zwang, ließ eine Variante von Schmach entstehen, die sich in unterschiedlicher Form von Generation zu Generation vererbte. Eine andere Gruppe der Gegner der historischen Wahrheit rekrutiert sich aus notorischen Antikommunisten. Ein sozialistischer Staat hatte gesiegt und nicht nur das. Er hatte den unumstritten bedeutendsten Beitrag für diesen Sieg geleistet. Derlei will man der jungen Generation nicht kommentarlos mitteilen. Deshalb werden die zweifellos beachtlichen Kampferfolge der anderen Antihitlerarmeeen  aufgewertet, die der Russen kleingeredet oder fast beiläufig diffamiert. Beispiel dafür gibt es zur Genüge, in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit, aber auch in Deutschland einig Vaterland.  

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