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BRIEF
AUS MELBOURNE:
„Wie
war tatsächlich der Anteil der Sowjetunion am Zweiten Wellkrieg?“
Zu
Beginn des Jahres 2005 erreichte den Spotless-Verlag folgender Brief:
Sehr
geehrte Damen und Herren,
wir
haben diesen Brief losgeschickt, ohne zu wissen, in wessen Hände er
landet. Deshalb sollte die umfängliche Vorgeschichte erwähnt werden.
„Wir“ steht für Studenten eines College in Melbourne, die sich in
einer linken Gruppe organisiert haben. Gemeinsam gehen wir Fragen nach,
die während des Studiums so gut wie nie erörtert wurden oder werde.
Wir haben immer Probleme damit, Menschen zu finden, die uns Antworten
geben können, die uns gültig und verlässlich erscheinen.
Früher
half uns oft ein Freund, Freddi Mills mit Namen und pensionierter
Hafenarbeiter, von dem alle wussten, dass er sich engagiert für die
politische Anerkennung der DDR durch Australien eingesetzt hatte. Sein
Motiv dürfte seine Vergangenheit gewesen sein. Von Geburt Jude, war er
als Kind während des Zweiten Weltkriegs nach Australien geraten, blieb
sein Leben lang ein erbitterter Feind des deutschen Faschismus und
besuchte auch einige Male die DDR. Als er überraschend für alle während
einer Reise nach Japan starb, verloren wir unseren Mentor und den Mann,
der uns Fragen beantworten konnte, auf die kaum in Australien eine
Antwort wusste. Freddi hinterließ uns einige Bücher, darunter auch
eines aus Ihrem Verlag, in dem die Methoden der sogenannten Treuhand bei
der Liquidierung der DDR behandelt wurden. Er hatte es uns
handschriftliche übersetzt.
Nun
wissen Sie, was uns bewog , unsere Frage an Sie zu richten, nämlich:
Wie war tatsächlich der Anteil der Sowjetunion am Zweiten Wellkrieg? Da
sich der 60. Jahrestag des Endes dieses Krieges nähert, in dem auch
Australier gegen den Faschismus kämpften, kam die Frage in unserer
Runde. Der letzte Anlaß war ein hiesiger Zeitungsartikel, in dem
behauptet wird, dass die Westmächte die Hauptlast des Zweiten
Weltkriegs trugen und alle gegenteiligen Ansichten kommunistische
Propaganda seien. Wir gerieten in Streit darüber, erinnerten uns an
Freddi, der uns einmal erzählt hatte, wie er seinen Hafenjob 1956 vorübergehend
aufgegeben hatte, um die Journalisten der DDR zu den Wettkampfstätten
der Olympischen Spiele zu chauffieren, erinnerten uns des Buches – und
schrieben Ihnen diesen Brief. Hoffentlich haben wir keine Fehlbitte
getan.
Die
Antwort von Karl Harm
s:
Ich
war sehr überrascht, eine Frage aus Australien zu erhalten und es
schien mir ein Beweis dafür, dass man sich weltweit mit diesem Problem
befasst. Ich glaube, dass für alle Kontinente gilt: Achtung und
Annerkennung gebührt allen am Krieg gegen Nazideutschland beteiligten
Staaten, Armeen und Widerstandsbewegungen. Auch der bescheidenste
Beitrag für den Sieg der Antihitlerkoalition zählt, darf nicht
vergessen werden und muss seine Würdigung finden.
Andrerseits
ist es für die Geschichtswissenschaft von größtem Interesse
festzustellen, welche entscheidenden Faktoren zur Niederlage des
Aggressors geführt haben und welchen
Beitrag die verschiedenen Armeen der Antihitlerkoalition zur
Zerschlagung der deutschen Wehrmacht
geleistet haben. Sehen wir uns dazu einige Fakten und Zahlen an.
Der
zweite Weltkrieg dauerte bekanntlich vom 1. September 1939 bis zum 8.
Mai 1945. Betrachtet man die Dauer der bedeutendsten Feldzüge dieses
Krieges, so ergibt sich folgendes Bild: Die Eroberung Polens durch die
deutsche Wehrmacht dauerte etwa einen Monat, die Eroberung Frankreichs
einen Monat und zwölf Tage, die Teilnahme deutscher Truppen an den Kämpfen
in Nordafrika etwa zwei Jahre (März 1941 - bis 13. Mai 1943), die Kämpfe
in Italien - nach der Landung englisch-amerikanischer Truppen auf
Sizilien am 9. Juli 1943 – fast zwei Jahre, die Befreiung Westeuropas,
nach der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 -
zehn Monate, die Kampfhandlungen an der deutsch- sowjetischer Front
knapp vier Jahre, nämlich drei Jahre, zehn Monate und 17 Tage. Der als
Blitzkrieg gegen die Sowjetunion geplante Feldzug übertraf also die
Dauer der Kampfhandlungen auf allen anderen Kriegschauplätzen um ein
Mehrfaches. Hinzu kam: Von allen Fronten des Zweiten Weltkrieges war die
deutsch-sowjetische Front ihren räumlichen Ausmaßen nach die größte
Landfront. Zum Zeitpunkt der Stalingrader Schlacht erstreckte sie sich
vom Kaukasus bis zur Barentssee, über eine Länge von über 3000 km.
Nach den verlorenen Grenzschlachten des Sommers 1941 wich die Rote
Armee, – kämpfend - bis etwa auf die Linie Leningrad, Moskau, Rostow
am Don; später bis Stalingrad und zum Nordkaukasus, zurück. Der Rückzug
von der ursprünglichen Staatsgrenze der UdSSR vollzog sich somit bis in
eine Tiefe von 700 bis 1800 km in das Innere des Landes. Doch mit der
Zeit verblutete die Wehrmacht in den Weiten des Raumes gegen einen
Feind, der trotz schwerer zurückschlug. Ab 1943 begann schließlich der
unaufhaltsame Vormarsch der Roten Armee. Nach einer Vielzahl
erfolgreicher Angriffsoperationen erreichte sie schließlich deutsches
Territorium und beendete den Krieg an der Elbe. Das waren von Stalingrad
aus gerechnet etwa 2300 km. Fazit: Eine feuerspeiende, aus hunderten von
Einzelgefechten bestehende Kampffront wälzte sich im Verlaufe von etwa
vier Jahren über eine Gesamtstrecke (Rückzug und Vormarsch) von etwa
2500 bis 6000 km. Das ist einmalig in der Geschichte der
Kriegsgeschichte.
Das
Ausmaß der Kamphandlungen auf den unterschiedlichen Kriegsschauplätzen
wird nicht nur nach Dauer und räumlichen Dimensionen beurteilt, sondern
auch nach ihrem spezifischen Gewicht innerhalb des gesamten
Kriegsgeschehens. Eines der wichtigsten Kriterien dafür ist die an der
jeweiligen Front gebundene
Menge der Truppen des Aggressors und der ihm im Kampf zugefügten
Verluste. Die folgenden Zahlen verdeutlichen die gravierenden
Unterschiede damaliger Kriegsschauplätze anhand einiger Beispiele.
Kampfbestand
der deutschen Heeresverbände
(in tausend Mann):
Am
im Westen
im Osten
520
2.635
746
3.138
1.7.1944
892
2.160
Verteilung
der deutschen Divisionen
Anfang
Januar 1945
Osten
und Südosten
180
Westen
69
Italien
24
Norwegen/Dänemark
16
Deutschland
10
Die
Verluste des deutschen Feldheeres
Bericht des Heeresamtes des OKH vom 26.
April 1945:
(Die Fußnotenlücke ist durch eine
Tabellenformatierung entstanden und wird von Wiljo hoffentlich
geschlossen werden können).
Gefallen
insgesamt
1.211.222
im
Osten
1.005.413
in
Finnland
16.395
im
Westen
109.046
im
Bereich OB Südwest (Italien)
48.750
im
Bereich OB Südost
22.370
Verwundete
insgesamt
4.708.977
im
Osten
3.992.062
in
Finnland
60.515
im
Westen
382.776
im
Bereich OB Südwest
174.734
im
Bereich OB Südost
70.064
Vermisste
insgesamt
2.394.751
im
Osten
1.369.174
in
Finnland
6.852
im
Westen
772.460
im
Bereich OB Südwest
215.525
im
Bereich OB Südost
24.620
1)
Nach Müller-Hildebrand, „Das Heer 1933-1945) Bd.III, Kap 13, Tab 66
2)
Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Bd iV, S. 1346
3)
Additionsfehler übernommen
Man
könnte noch eine Menge anderer Fakten und Zahlen auflisten: die
Verluste an Panzern, Flugzeugen und Geschützen, die Opfer unter der
Zivilbevölkerung, den Ausstoß der Rüstungsindustrie. Doch schon das
bisher Geschilderte beweist: Den Hauptanteil an der Zerschlagung des
Hitlerfaschismus leistete die Streitmacht der Sowjetunion. Die Hissung
ihrer Flagge auf dem Berliner Reichstag
war die symbolische Bestätigung dieser Tatsache.
Bliebe
noch die auch von den australischen Collegestudenten gestellte Frage,
wer ein Interesse an der Verschleierung dieser historischen Wahrheit hat
und welches das Motiv dafür ist. Für Deutschland gelten aus meiner
Sicht zwei Gründe, die den Ausgangspunkt für diese Geisteshaltung und
ihre Folgen liefern.
Zunächst
wäre da die Verachtung des deutschen Spießers gegenüber dem
russischen „Iwan“ zu nennen. Dass ausgerechnet dieser „Iwan“
dann auch noch gesiegt hat, bildlich gesprochen dem Spießer die Faust
vors Gesicht hielt und ihn dann zu Boden zwang, ließ eine Variante von
Schmach entstehen, die sich in unterschiedlicher Form von Generation zu
Generation vererbte. Eine andere Gruppe der Gegner der historischen
Wahrheit rekrutiert sich aus notorischen Antikommunisten. Ein
sozialistischer Staat hatte gesiegt und nicht nur das. Er hatte den
unumstritten bedeutendsten Beitrag für diesen Sieg geleistet. Derlei
will man der jungen Generation nicht kommentarlos mitteilen. Deshalb
werden die zweifellos beachtlichen Kampferfolge der anderen
Antihitlerarmeeen aufgewertet,
die der Russen kleingeredet oder fast beiläufig diffamiert. Beispiel
dafür gibt es zur Genüge, in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit,
aber auch in Deutschland einig Vaterland.
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