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Im
Gedenken an zwei großartige KommunistInnen:
Leo
Gabler zum 100. Geburtstag – Hedi Urach zum 65. Jahrestag ihrer
Hinrichtung
von
WILLI WEINERT
Aus:
NEUE VOLKSSTIMME /
KOMMUNISTISCHE ZEITUNG Wien, Juni 2008
Der
Gestapo-Tagesbericht Nr. 9 vom 20.10. – 21.10.1941 meldete, dass am
20.10.1941 der kommunistische Funktionär Leopold Gabler festgenommen
wurde. Er hat gestanden, „dass er im Frühjahr 1941 von dem Leiter der
Sektion Österreich des Mitteleuropäischen Büros der Komintern in
Moskau Koplenig den Auftrag erhalten habe, an der Reorganisation der KPÖ
in der Ostmark leitend mitzuarbeiten.
Er
habe sich daraufhin unter falschem Namen von Moskau mittels Flugzeuges
nach Sofia und von dort in das ehemalige Jugoslawien begeben...“.
Das
war der Anfang vom Ende eines kurzen, aber inhaltsreichen Lebens. Am
7.6.1944 sollte das 40 Kilogramm schwere Fallbeil des Schafotts im
Wiener Landesgericht I seinen Kopf vom Rumpf trennen. Man verscharrte
ihn in der Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof, wo ihm die GenossenInnen
nach 1945 eine Stein widmeten:
„Er
fiel im Kampf gegen den Faschismus und für die Freiheit Österreichs“,
ist darauf zu lesen. Er war das drittjüngste Mitglied des ZK der KPÖ,
das die Nazis ermordeten. Das jüngste ZK-Mitglied, das die Nazis
ermordeten, war Hedi Urach, mit der er eine Zeit lang befreundet war.
Sie wurde 16 Monate vor ihm verhaftet und erfuhr im Gefängnis von
seiner Verhaftung. In Kassibern ersuchte sie die Genossen, die noch
nicht verhaftet waren, alles zu tun, damit Gabler geholfen wird.
Vom
Taschnerlehrling zum Berufsrevolutionär
Die
GenossInnen, die ihn kennengelernt haben, mit ihm zusammengetroffen sind
und illegal politisch gearbeitet haben, sprachen nach 1945 voll großer
Achtung von ihm. Selbst Jugendlicher, gelang es ihm, fast Gleichaltrige
durch seine Persönlichkeit in den Bann zu ziehen, sie in der
politischen Arbeit mitzureißen. Heini, wie er seit seiner Zeit als
Sekretär und Vorsitzender des KJV von den GenossInnen genannt wurde,
war für sie ein leuchtendes Beispiel eines Kommunisten; klug, fesselnd
und ein eloquenter Propagandist des Marxismus, der bis zuletzt für die
Sache des Sozialismus kämpfte.
Friedl
Fürnberg, ein Genosse, der bereits die Anfangsphase des KJVÖ in Österreich
geprägt hat, erinnert sich: „Viele Jugendfunktionäre haben damals
Zeiten gehabt, in denen sie an der Möglichkeit der Gewinnung der
Arbeiterjugend verzweifelten. Heini Gabler hat durch sein Beispiel nicht
nur diese Jugendgenossen immer wieder aufgerichtet, sondern ihnen auch
gezeigt, wie man arbeiten muss, um Erfolg zu haben. Er lebte von der
Arbeitslosenunterstützung, aber materielle Schwierigkeiten, ja Not
haben ihm nie etwas anhaben können. Er gehörte zu den
aufopferungsvollen Genossen unserer Partei, die zu einer Versammlung in
die Provinz fuhren, ohne mehr in der Tasche zu haben, als die Fahrkarte
für die Hinfahrt.“ (»Volksstimme«, 7.6.1952)
Er
hatte „bloß“ Volks- und Bürgerschulbildung, eignete sich aber als
Funktionär der Gewerkschaftsjugend, der SAJ und des KJV in
Wien-Rudolfsheim beachtliches marxistisch-leninistisches Wissen an, das
ihn befähigte, wichtige Führungsfunktionen in KJV und KPÖ zu übernehmen.
So kam er in engen Kontakt mit den Genossen Friedl Fürnberg, Friedrich
Hexmann, Erwin Zucker-Schilling und Johann Koplenig. Doch zuvor hatte
er, 1926, seine Taschnerlehre beendet, fand aber keinen Arbeitsplatz in
seinem Beruf, war Hilfsarbeiter, oft arbeitslos und – vor allem –
Organisator der Arbeiterjugend. Er trat der KPÖ bei und beteiligte sich
an der Seite der genannten Genossen an der Überwindung des
Fraktionismus in der KPÖ. Nach dem 15. Juli 1927 trat er aus dem
Schutzbund aus, um dem eben gegründeten „Roten Frontkämpferbund“
beizutreten. Neben alledem war er Leichtathlet, Mitglied des
Arbeiterturnvereins, mit dem er 1928 zur Spartakiade nach Moskau fuhr
und Mitglied der Naturfreunde.
Ein
eloquenter Propagandist
1929
wurde Leo im Zuge der Auseinandersetzungen um den so genannten „Marsch
auf Wien“ der Heimwehren verhaftet und wenig später wegen führender
Beteiligung an Arbeitslosen-Hungerdemonstrationen zu zwei und sechs
Monaten Haft verurteilt. Im gleichen Jahr wurde er ins ZK der KPÖ
kooptiert und 1931 ins ZK gewählt, später Mitglied des Sekretariats
des ZK. Der Mittelpunkt seiner Tätigkeit aber war der KJV, dessen
Sekretär er bis 1935 war um dann Hermann Köhler in der Funktion des
Leiters abzulösen. 1928 hatte er an dem 5. Kongress der Kommunistischen
Jugendinternationale (KJI) in Moskau als Vertreter des KJVÖ
teilgenommen, war bei mehreren Jugendkonferenzen.
Nach
1934, als auch viele Junggenossen aus der Sozialistischen Arbeiterjugend
(SAJ) zum KJV kamen, war ihnen Heini bald Vorbild, für Berta Brichacek
auch, die 1948 schrieb. „Heini zeigte immer wieder durch sein persönliches
Beispiel, dass wir nur siegen werden, wenn wir bereit sind, in jeder
Situation für die Ziele des Fortschritts einzutreten.“ (»Jugend und
Sozialismus « 2/1948, S. 15f)
Nach
Wien zurückgekehrt lebte Leo Gabler in großer Armut. Am 26.8.1934
wurde er verhaftet. Die Polizei fand bei ihm einen Aufruf „An die
revolutionäre Jugend Wiens“, der zum Widerstand gegen das Dollfußregime
und zu einer Demonstration am 1. September aufrief. Das gab ein Jahr Gefängnis
und anschließend Internierung im Anhaltelager Wöllersdorf. Erst im
Sommer 1936 kam er wieder frei, ging nach Prag zum Sitz der KPÖ-Führung,
dann „pendelte“ er zwischen Prag und Moskau. In den späten
1930er-Jahren war er Bildberichterstatter für die Zeitung »UdSSR im
Aufbau«. 1941 verließ er Moskau mit dem Auftrag, die durch die
Verhaftungen z e r r i s s e n e n Verbindungen wieder aufzubauen.
Ende
Februar 1941 reiste er via Sofia, Belgrad nach Agram, wo der
Parteifunktionär Julius Kornweitz eine Anlaufstelle eingerichtet hatte.
In Kärnten hatte er zum Parteifunktionär Josef Kompain kontakt, fuhr
nach Graz und dann nach Wien. Die führende KJV-Funktionärin Leopoldine
Kovarik verschaffte ihm eine Unterkunft, auch Lebensmittelmarken, sowie
Bargeld und Kontakt zu Genossen; desgleichen machte auch der ehemalige
Redakteur des Organs des KJV (»Die Proleraerjugend «) Fritz Hedrich.
Es gelang ihm, zahlreiche Kontakte, vor allem zu den JungkommunistInnen
im illegalen KJV zu knüpfen.
Mit
ihnen entwickelte er die so genannte „Soldatenarbeit“ und entwarf
mit ihnen Flugblätter und Zeitungen für die Soldaten an der Ostfront.
Im Herbst 1941 erschien unter seiner Anleitung Nummern der »Rote Fahne«
und »Weg und Ziel«. Kontakte wurden auch zur tschechischen Gruppe der
KPÖ, zu Leo Nemec, Jaroslaw Hospodka und Josef Poskocil hergestellt. In
der so genannten „Tschechischen Sektion der KPÖ“, wie die Gestapo
diese Gruppe nannte, gab es Tendenzen zu Sabotageaktionen, gegen die
sich Gabler wandte und Streiks für sinnvoll erachtete. Doch die Zeit für
die illegale Arbeit währte nicht lange, bis die Gestapo an die Türe
des Häuschen in der Nordrandsiedlung in Wien-Leopoldau klopfte, wo
Katherina Lauterbach wohnte, die Mutter des noch wenige Wochen vor der
Befreiung, am 7.2.1945 am Kagraner Schießplatz hingerichteten Karl.
„Nun
begann“, schreibt Bertl Lauscher, eine seiner Mitstreiterinnen aus der
Zeit des KJV, „die furchtbare Leidensweg unseres Genossen Leo Gabler.
Wer die Gestapokeller am Morzinplatz [Zentrale der Gestapo in Wien –
w.w.] nicht kennengelernt hat [Lauscher formuliert so, weil sie zu jenen
gehörte, die diese Erfahrungen gemacht hatte – w.w.] kann sich nicht
vorstellen, mit welcher Bestialität dort Menschen gequält wurden.
Sechzehn Monate lang war Heini in den Kellern der Gestapo
eingeschlossen. Monatelang lag er in Ketten, krummgebogen und
blutiggeschlagen. Sieben Monate wurde er täglich verhört, beschimpf
und verspottet, gepeitscht und gefoltert.“ (»Volksstimme «,
10.5.1959)
Aus
der Todeszelle schrieb er an seine Angehörigen: „Meine Lieben, ich
wurde am Freitag [14.4.1944 – w.w.] von Mauthausen nach Wien überstellt
und hatte am nächsten Tag gleich die Verhandlung. Ich wurde zum Tode
verurteilt und jetzt sitze ich und warte auf die Vollstreckung. Bitte,
meine Lieben, macht Euch um mich keinen großen Kummer – ich selbst
bin mit mir vollkommen im klaren. Ich habe für meine Lebensauffassung
gelebt und gearbeitet und jetzt heißt es halt auch dafür sterben.
Meine Lieben, ich war mit dem Inhalt meines Lebens mehr als zufrieden.
Auch mein persönliches Leben war schön ...Ich freue mich schon sehr,
Euch beim Besuch zu sehen – aber Ihr dürft nicht mit feuchten Augen
kommen, sondern mit frohem Herzen – ich selbst freue mich sehr, Eure
lieben Gesichter nach so langer Zeit wieder zu sehen.“
Gabler
sitzt in der Todeszelle und schreibt im Mai noch einmal an seine
„Lieben“. „Jetzt bin ich schon einen Monat lang ein Toter auf
Urlaub und jeder Tag läuft mit monotoner Gleichheit ab. Manchmal
besucht mich der evangelische Pfarrer, der ein sehr netter Mensch ist,
und wir plaudern ein wenig miteinander als Mensch zu Mensch.“
Am
7. Juni 1944 wird im vormittags mitgeteilt, dass er am Abend
hingerichtet wird. Er kommt von der Todeszelle in die dem
Hinrichtungsraum angeschlossene Armesünderzelle... Der Oberreichsanwalt
beim Volksgerichtshof teilte seiner Mutter Emilie Gabler mit: „Auf Ihr
Schreiben v. 20.7.1944 teile ich Ihnen mit, dass die Leiche des am 7.
Juni 1944 hingerichteten Leo Gablers amtlich bestattet worden ist. Nähere
Auskünfte zu geben, bin ich nicht in der Lage. Ob und welche
Habseligkeiten Ihr Stiefsohn hinterlassen hat, ist hier nicht bekannt.
Es wird Ihnen anheimgestellt, sich diesbezüglich an den Herrn Vorstand
der Untersuchungshaftanstalt Wien VII. Landesgericht zu wenden.“
*
Der
folgende Text stammt aus dem ersten Buch über das KZ Mauthausen (Hans
Marsalek, Mauthausen mahnt! Kampf hinter Stacheldraht. Wien [1952], S.
55-59)
Ein
heißer Juninachmittag des Jahres 1943; unbarmherzig brennt die Sonne
hernieder. Ein Haufen von Häftlingen, ausgehungert und in Lumpen gehüllt,
ist mit Seilen vor eine verrostete Straßenwalze gespannt und schleppt,
fächerartig auseinanderstrebend, das schwere Ungeheuer über den leeren
Appellplatz. Es herrscht völlige Ruhe, die Mehrzahl der SS-Leute hält
ihren „wohlverdienten“ Mittagsschlaf. Die schneebedeckten
Alpengipfel, die gleich riesigen glitzernden Eiskristallen von fernher
herüberschimmern, scheinen in der Mittagshitze immer näher an das
Lager heranzurücken, trügerisch und verführerisch, denn fast sieht es
so aus, als würde ein Sprung aus dem Lager genügen – und schon müsse
man sich in der sicheren Geborgenheit dieser Alpenhöhen befinden. Die
Freiheit lockt – und sie scheint so nahe; wer wagt den Sprung?
Aus
dem Stammlager Mauthausen sind bis jetzt nur drei Häftlinge entsprungen
– und sie alle wurden binnen weniger Tage wieder eingefangen und
sofort hingerichtet. Erst vor wenigen Tagen entsprang ein Häftling vom
Gärtnerkommando; nach einer wilden Hetzjagd wurde er in einem Wald nahe
der Stadt Steyr von Hunden zur Strecke gebracht. Der zerfetzte Körper
wurde gleich an Ort und Stelle aufgehängt, und noch für die
Einlieferung des toten Häftlings ins Lager wusste sich die Bestie
Ziereis ein besonderes Schauspiel auszudenken: Er ließ die Leiche, im
Sarg stehend und mit einer Tafel mit der Inschrift „Ich bin schon
wieder da!“ versehen, vor dem Haupttor aufstellen; die heimkehrenden Häftlinge
mussten beim Einrücken ins Lager barhäuptig an ihrem toten Kameraden
vorbeidefilieren. Nach dem Abendappell erging an die Lagerkapelle der
Auftrag auszurücken, und auf Ziereis’ Befehl musste der Foxtrott
„Komm zurück ...“ gespielt werden; ein schauriger Faschingszug,
voran die musizierende Kapelle, hinterher die Häftlingsleichenträger
und danach die vor Lachen sich krümmende SS-Meute, bewegte sich durch
die Reihen der aufstöhnenden Häftlinge vom Haupttor langsam zum
Krematorium. Die Häftlinge standen mit entblößtem Kopf, ihre Blicke
wanderten weit hinaus, dorthin, wo die lockenden Alpengipfel aufragten
– das Reich der Freiheit...
Das
Terrain ist für eine Flucht verhältnismäßig günstig; ungünstig,
unbarmherzig hingegen sind die Bauern in der Umgebung des Lagers: Sie
gewähren keine Hilfe, sie verraten jeden Flüchtenden an die nächste
Gendarmeriestation oder Parteidienststelle. Freilich, für Geschäfte
mit den Häftlingen – etwa gegen ein Stückchen Brot eine goldene
Taschenuhr einzutauschen – dazu sind sie bereit: aber einen Geflüchteten
zu unterstützen, das wäre eines „deutschen“ Bauern unwürdig. Und
überdies – das eigene schlechte Gewissen muss beschwichtigt werden!
– sind alle KZIer ja ohnehin Schwerverbrecher
An
diesem heißen Juninachmittag, es ist ein Donnerstag, steht links vom
Haupttor, als Abgang bereit, der Heini. Schon beim Abendappell wird er
nicht mehr im Häftlingsstand geführt werden, denn er fährt mit dem
Nachmittagszug in seine geliebte Heimatstadt Wien zurück. Im Jourhaus
liegt der Transportzettel auf, und auf diesem ist vermerkt, dass der
politische Häftling Nr. [5179] Leo Gabler , geb. am [11.5.1908] in
Wien, nach Wien rücküberstellt und seine ordnungsgemäße Übergabe
sowie ordnungsgemäße Übernahme bestätigt wird. Heini, wie Leo Gabler
von den Kameraden genannt wird, ist im Begriffe, eine mit allen
Schikanen faschistischer Brutalität ausgestattete Todesfabrik des
Dritten Reiches zu verlassen – und ist dennoch tief traurig.
Denn
Heini fährt nicht in die Freiheit, sondern zur Verhandlung ins
Landesgericht Wien, und das Urteil steht schon im vorhinein fest: es
lautet auf Tod durch die Guillotine. Gabler gibt sich keinerlei
Hoffnungen auf ein mildes Urteil hin, wirklichkeitsfremde Träumereien
kennt er nicht – dafür hat seine Vergangenheit ausgiebig gesorgt.
1908
als Sohn einer Wiener Arbeiterfamilie geboren, seit dem Jahre 1920
Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, hat er früh erkannt, dass
er von seinen Feinden, den Unterdrückern seiner Klasse, nichts als
unbarmherzige Verfolgung erwarten darf. Mehrmalige Verhaftung durch die
Schober- Polizei, vielfache Misshandlung durch die Heimwehrfaschisten,
nach der Errichtung der Dollfuß-Diktatur ein jahrelanger Leidensweg
durch österreichische Gefängnisse und Konzentrationslager – das war
Heinis Jugend. Lange Zeit war er Sekretär des Kommunistischen
Jugendverbandes und kannte nichts anderes als Arbeit und Kampf für die
edlen Ziele der Menschheit, für den Fortschritt der Arbeiterklasse. Als
er im Jahre 1937 amnestiert wurde und in die Sowjetunion gelangte, wurde
er dort in das Exekutivkomitee der Kommunistischen Jugendinternationale
gewählt. In der Sowjetunion verbrachte er, wie er seinen Kameraden in
nimmermüder Begeisterung erzählte, die schönste Zeit seines Lebens.
Im Mai 1940 kehrte er illegal nach Österreich zurück, um aktiv an der
Bekämpfung des Nationalsozialismus und an der Befreiung seiner unterdrückten
Heimat teilnehmen zu können.
Es
folgten Opfer, Entbehrungen und Gefahren des illegalen Kampfes. Von den
Häschern der Gestapo gehetzt und gejagt, wurde er schließlich durch
die Provokateurin Grete Kahane verraten und von einer mit
Maschinenpistolen bewaffneten Horde von Gestapobeamten überfallen, überrumpelt
und in ein Auto geschleppt. Es folgten sechzehn Monate Gestapokeller,
Zelle 5, stets bei rotem Licht; als Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ
war er besonders viehischen Torturen ausgesetzt. Monatelang an den
hochgezogenen Armen am Gitter angebunden, in Hunderten Verhören
tausendmal misshandelt und gemartert – aber stets standhaft und
unbeugsam: das war Gablers Leidensweg bei der Gestapo. Schließlich
wurde er nach einem kurzen Aufenthalt im Polizeigefangenenhaus Rossauerlände
in das KZ Mauthausen überstellt.
Unmittelbar
nach seinem Eintreffen im Lager suchte und fand Gabler Anschluss an die
österreichischen Antifaschisten und wurde alsbald Mitbegründer und
leitender Kopf der Widerstandsgruppe im KZ Mauthausen. Er war es, der
den ideologischen Kampf gegen die großdeutsche Phraseologie gewisser im
Lager befindlicher deutscher und österreichischer Sozialdemokraten führte
und leitete. Er entwarf Lehrbriefe über die österreichische nationale
Frage, über das Wesen des Nationalsozialismus und des Faschismus überhaupt;
täglich und stündlich war er an der Arbeit, politische Häftlinge
aller Nationalitäten von der Notwendigkeit einer Einheitsfront aller
fortschrittlichen Kräfte gegen den Faschismus zu überzeugen. Es war
Heini, der im KZ Mauthausen schon im Frühjahr 1943 in flammenden Reden
die unweigerliche militärische Niederlage der Achsenmächte verkündete
und darauf verwies, dass die Rote Armee unaufhaltsam bis nach Österreich
vormarschieren werde. Und trotz dieser unermüdlichen Aufklärungsarbeit
war Heini stets ein freundlicher, lebensfroher Kamerad. Er war es, der
gemeinsam mit seinem Kameraden Kohl zur Zeit der schrecklichsten
SS-Verfolgungen seine Mithäftlinge kräftigte und der
Niedergeschlagenheit entriss, durch optimistische Erzählungen und
fortschrittliche Lieder ihren Lebensmut erneuerte. Meisterhaft verstand
Heini die gesenkten Stirnen der Lebensmüden wieder zu heben. Und er, überhäuft
mit Arbeit für andere, vergaß darüber völlig sich selbst. Niemals
erzählte er den Kameraden von dem bevorstehenden Prozess, von der tödlichen
Gefahr, in der er schwebte. Wenn man ihn fragte, so antwortete er stets
ausweichend und brachte das Gespräch gleich wieder auf die Sorgen der
anderen. Sein sonst so reicher Wortschatz kannte das Wörtchen „ich“
nicht.
Als
Leo Gabler am Mittwoch, den 2. Juni 1943, plötzlich den Auftrag
erhielt, sich am darauffolgenden Tag um 14 Uhr beim Haupttor zur Fahrt
nach Wien bereitzustellen, da ahnte jeder, dass der Abschied von ihm
endgültig sein, dass er niemals zurückkehren werde. Jetzt noch Maßnahmen
zu seiner Rettung zu treffen, war unmöglich, denn er durfte das Lager
nicht mehr verlassen, und nur im nahen Sanitätslager wäre ein
Rettungsversuch zu bewerkstelligen gewesen.
In
den Nachtstunden bereitete er seine Verteidigungsrede vor – sie sollte
eine Anklagerede gegen den deutschen Faschismus werden. Erst in den frühen
Morgenstunden fand er ein wenig Schlaf. Der folgende Vormittag verging
in der Effektenkammer und im Bad sowie mit kurzen Vorsprachen in der
Politischen Abteilung. Und dann wurde es 14 Uhr. Noch ein Händedruck,
ein kurzer Abschied von dem engsten Kreis seiner Kameraden: „Genossen,
grüßt mir Wien und die Wiener, vor allem die Genossen in Wien und in
Moskau. Ich fürchte mich nicht vor dem Tod, nur bin ich traurig, dass
ich gerade jetzt – jetzt, wo es zu Ende geht – aus der Welt scheiden
muss. Ich hätte gern die Freiheit noch erleben mögen – aber macht
nichts, andere werden sie erleben, und das macht mich stark ... Glaubt
mir, ich bleibe stark!“
Heini
steht an der Mauer, unweit der Halskette. Da kommt zufällig die Bestie
Ziereis ins Lager. Schlaftrunken springt der Posten auf und meldet:
„Ein Abgang beim Tor bereit!” Der schwammige Körper des
Lagerkommandanten wälzt sich an dem Gefangenen vorbei, dann aber macht
Ziereis doch noch einmal kehrt, mustert den Häftling und fragt
gelassen: „Was ist mit dir, wo gehst du hin – in die Freiheit?“
– „In die Freiheit – zum Prozess“, antwortet Gabler. Bösartiges
Lachen entstellt das Gesicht des Kommandanten, und er fragt noch kurz:
„Was für ein Landsmann?“ Da, noch ehe die eben hinzugetretenen
SS-Leute melden können, dass sie den Häftling holen kommen, der zur
Verhandlung nach Wien soll, schallt laut und sieghaft die Antwort des
unbeugsamen Kämpfers über den Appellplatz: „Österreicher!“
Anmerkung:
[...] unsere Ergänzungen. Fehler wurden stillschweigend berichtigt. –
w.w. |