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Im Gedenken an zwei großartige KommunistInnen:

Leo Gabler zum 100. Geburtstag – Hedi Urach zum 65. Jahrestag ihrer Hinrichtung

von WILLI WEINERT

Aus: NEUE VOLKSSTIMME / KOMMUNISTISCHE ZEITUNG Wien, Juni 2008

Der Gestapo-Tagesbericht Nr. 9 vom 20.10. – 21.10.1941 meldete, dass am 20.10.1941 der kommunistische Funktionär Leopold Gabler festgenommen wurde. Er hat gestanden, „dass er im Frühjahr 1941 von dem Leiter der Sektion Österreich des Mitteleuropäischen Büros der Komintern in Moskau Koplenig den Auftrag erhalten habe, an der Reorganisation der KPÖ in der Ostmark leitend mitzuarbeiten.

Er habe sich daraufhin unter falschem Namen von Moskau mittels Flugzeuges nach Sofia und von dort in das ehemalige Jugoslawien begeben...“.

Das war der Anfang vom Ende eines kurzen, aber inhaltsreichen Lebens. Am 7.6.1944 sollte das 40 Kilogramm schwere Fallbeil des Schafotts im Wiener Landesgericht I seinen Kopf vom Rumpf trennen. Man verscharrte ihn in der Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof, wo ihm die GenossenInnen nach 1945 eine Stein widmeten:

„Er fiel im Kampf gegen den Faschismus und für die Freiheit Österreichs“, ist darauf zu lesen. Er war das drittjüngste Mitglied des ZK der KPÖ, das die Nazis ermordeten. Das jüngste ZK-Mitglied, das die Nazis ermordeten, war Hedi Urach, mit der er eine Zeit lang befreundet war. Sie wurde 16 Monate vor ihm verhaftet und erfuhr im Gefängnis von seiner Verhaftung. In Kassibern ersuchte sie die Genossen, die noch nicht verhaftet waren, alles zu tun, damit Gabler geholfen wird.

Vom Taschnerlehrling zum Berufsrevolutionär

Die GenossInnen, die ihn kennengelernt haben, mit ihm zusammengetroffen sind und illegal politisch gearbeitet haben, sprachen nach 1945 voll großer Achtung von ihm. Selbst Jugendlicher, gelang es ihm, fast Gleichaltrige durch seine Persönlichkeit in den Bann zu ziehen, sie in der politischen Arbeit mitzureißen. Heini, wie er seit seiner Zeit als Sekretär und Vorsitzender des KJV von den GenossInnen genannt wurde, war für sie ein leuchtendes Beispiel eines Kommunisten; klug, fesselnd und ein eloquenter Propagandist des Marxismus, der bis zuletzt für die Sache des Sozialismus kämpfte.

Friedl Fürnberg, ein Genosse, der bereits die Anfangsphase des KJVÖ in Österreich geprägt hat, erinnert sich: „Viele Jugendfunktionäre haben damals Zeiten gehabt, in denen sie an der Möglichkeit der Gewinnung der Arbeiterjugend verzweifelten. Heini Gabler hat durch sein Beispiel nicht nur diese Jugendgenossen immer wieder aufgerichtet, sondern ihnen auch gezeigt, wie man arbeiten muss, um Erfolg zu haben. Er lebte von der Arbeitslosenunterstützung, aber materielle Schwierigkeiten, ja Not haben ihm nie etwas anhaben können. Er gehörte zu den aufopferungsvollen Genossen unserer Partei, die zu einer Versammlung in die Provinz fuhren, ohne mehr in der Tasche zu haben, als die Fahrkarte für die Hinfahrt.“ (»Volksstimme«, 7.6.1952)

Er hatte „bloß“ Volks- und Bürgerschulbildung, eignete sich aber als Funktionär der Gewerkschaftsjugend, der SAJ und des KJV in Wien-Rudolfsheim beachtliches marxistisch-leninistisches Wissen an, das ihn befähigte, wichtige Führungsfunktionen in KJV und KPÖ zu übernehmen. So kam er in engen Kontakt mit den Genossen Friedl Fürnberg, Friedrich Hexmann, Erwin Zucker-Schilling und Johann Koplenig. Doch zuvor hatte er, 1926, seine Taschnerlehre beendet, fand aber keinen Arbeitsplatz in seinem Beruf, war Hilfsarbeiter, oft arbeitslos und – vor allem – Organisator der Arbeiterjugend. Er trat der KPÖ bei und beteiligte sich an der Seite der genannten Genossen an der Überwindung des Fraktionismus in der KPÖ. Nach dem 15. Juli 1927 trat er aus dem Schutzbund aus, um dem eben gegründeten „Roten Frontkämpferbund“ beizutreten. Neben alledem war er Leichtathlet, Mitglied des Arbeiterturnvereins, mit dem er 1928 zur Spartakiade nach Moskau fuhr und Mitglied der Naturfreunde.

Ein eloquenter Propagandist

1929 wurde Leo im Zuge der Auseinandersetzungen um den so genannten „Marsch auf Wien“ der Heimwehren verhaftet und wenig später wegen führender Beteiligung an Arbeitslosen-Hungerdemonstrationen zu zwei und sechs Monaten Haft verurteilt. Im gleichen Jahr wurde er ins ZK der KPÖ kooptiert und 1931 ins ZK gewählt, später Mitglied des Sekretariats des ZK. Der Mittelpunkt seiner Tätigkeit aber war der KJV, dessen Sekretär er bis 1935 war um dann Hermann Köhler in der Funktion des Leiters abzulösen. 1928 hatte er an dem 5. Kongress der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) in Moskau als Vertreter des KJVÖ teilgenommen, war bei mehreren Jugendkonferenzen.

Nach 1934, als auch viele Junggenossen aus der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) zum KJV kamen, war ihnen Heini bald Vorbild, für Berta Brichacek auch, die 1948 schrieb. „Heini zeigte immer wieder durch sein persönliches Beispiel, dass wir nur siegen werden, wenn wir bereit sind, in jeder Situation für die Ziele des Fortschritts einzutreten.“ (»Jugend und Sozialismus « 2/1948, S. 15f)

Nach Wien zurückgekehrt lebte Leo Gabler in großer Armut. Am 26.8.1934 wurde er verhaftet. Die Polizei fand bei ihm einen Aufruf „An die revolutionäre Jugend Wiens“, der zum Widerstand gegen das Dollfußregime und zu einer Demonstration am 1. September aufrief. Das gab ein Jahr Gefängnis und anschließend Internierung im Anhaltelager Wöllersdorf. Erst im Sommer 1936 kam er wieder frei, ging nach Prag zum Sitz der KPÖ-Führung, dann „pendelte“ er zwischen Prag und Moskau. In den späten 1930er-Jahren war er Bildberichterstatter für die Zeitung »UdSSR im Aufbau«. 1941 verließ er Moskau mit dem Auftrag, die durch die Verhaftungen z e r r i s s e n e n Verbindungen wieder aufzubauen.

Ende Februar 1941 reiste er via Sofia, Belgrad nach Agram, wo der Parteifunktionär Julius Kornweitz eine Anlaufstelle eingerichtet hatte. In Kärnten hatte er zum Parteifunktionär Josef Kompain kontakt, fuhr nach Graz und dann nach Wien. Die führende KJV-Funktionärin Leopoldine Kovarik verschaffte ihm eine Unterkunft, auch Lebensmittelmarken, sowie Bargeld und Kontakt zu Genossen; desgleichen machte auch der ehemalige Redakteur des Organs des KJV (»Die Proleraerjugend «) Fritz Hedrich. Es gelang ihm, zahlreiche Kontakte, vor allem zu den JungkommunistInnen im illegalen KJV zu knüpfen.

Mit ihnen entwickelte er die so genannte „Soldatenarbeit“ und entwarf mit ihnen Flugblätter und Zeitungen für die Soldaten an der Ostfront. Im Herbst 1941 erschien unter seiner Anleitung Nummern der »Rote Fahne« und »Weg und Ziel«. Kontakte wurden auch zur tschechischen Gruppe der KPÖ, zu Leo Nemec, Jaroslaw Hospodka und Josef Poskocil hergestellt. In der so genannten „Tschechischen Sektion der KPÖ“, wie die Gestapo diese Gruppe nannte, gab es Tendenzen zu Sabotageaktionen, gegen die sich Gabler wandte und Streiks für sinnvoll erachtete. Doch die Zeit für die illegale Arbeit währte nicht lange, bis die Gestapo an die Türe des Häuschen in der Nordrandsiedlung in Wien-Leopoldau klopfte, wo Katherina Lauterbach wohnte, die Mutter des noch wenige Wochen vor der Befreiung, am 7.2.1945 am Kagraner Schießplatz hingerichteten Karl.

„Nun begann“, schreibt Bertl Lauscher, eine seiner Mitstreiterinnen aus der Zeit des KJV, „die furchtbare Leidensweg unseres Genossen Leo Gabler. Wer die Gestapokeller am Morzinplatz [Zentrale der Gestapo in Wien – w.w.] nicht kennengelernt hat [Lauscher formuliert so, weil sie zu jenen gehörte, die diese Erfahrungen gemacht hatte – w.w.] kann sich nicht vorstellen, mit welcher Bestialität dort Menschen gequält wurden. Sechzehn Monate lang war Heini in den Kellern der Gestapo eingeschlossen. Monatelang lag er in Ketten, krummgebogen und blutiggeschlagen. Sieben Monate wurde er täglich verhört, beschimpf und verspottet, gepeitscht und gefoltert.“ (»Volksstimme «, 10.5.1959)

Aus der Todeszelle schrieb er an seine Angehörigen: „Meine Lieben, ich wurde am Freitag [14.4.1944 – w.w.] von Mauthausen nach Wien überstellt und hatte am nächsten Tag gleich die Verhandlung. Ich wurde zum Tode verurteilt und jetzt sitze ich und warte auf die Vollstreckung. Bitte, meine Lieben, macht Euch um mich keinen großen Kummer – ich selbst bin mit mir vollkommen im klaren. Ich habe für meine Lebensauffassung gelebt und gearbeitet und jetzt heißt es halt auch dafür sterben. Meine Lieben, ich war mit dem Inhalt meines Lebens mehr als zufrieden. Auch mein persönliches Leben war schön ...Ich freue mich schon sehr, Euch beim Besuch zu sehen – aber Ihr dürft nicht mit feuchten Augen kommen, sondern mit frohem Herzen – ich selbst freue mich sehr, Eure lieben Gesichter nach so langer Zeit wieder zu sehen.“

Gabler sitzt in der Todeszelle und schreibt im Mai noch einmal an seine „Lieben“. „Jetzt bin ich schon einen Monat lang ein Toter auf Urlaub und jeder Tag läuft mit monotoner Gleichheit ab. Manchmal besucht mich der evangelische Pfarrer, der ein sehr netter Mensch ist, und wir plaudern ein wenig miteinander als Mensch zu Mensch.“

Am 7. Juni 1944 wird im vormittags mitgeteilt, dass er am Abend hingerichtet wird. Er kommt von der Todeszelle in die dem Hinrichtungsraum angeschlossene Armesünderzelle... Der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof teilte seiner Mutter Emilie Gabler mit: „Auf Ihr Schreiben v. 20.7.1944 teile ich Ihnen mit, dass die Leiche des am 7. Juni 1944 hingerichteten Leo Gablers amtlich bestattet worden ist. Nähere Auskünfte zu geben, bin ich nicht in der Lage. Ob und welche Habseligkeiten Ihr Stiefsohn hinterlassen hat, ist hier nicht bekannt. Es wird Ihnen anheimgestellt, sich diesbezüglich an den Herrn Vorstand der Untersuchungshaftanstalt Wien VII. Landesgericht zu wenden.“

*

Der folgende Text stammt aus dem ersten Buch über das KZ Mauthausen (Hans Marsalek, Mauthausen mahnt! Kampf hinter Stacheldraht. Wien [1952], S. 55-59)

Ein heißer Juninachmittag des Jahres 1943; unbarmherzig brennt die Sonne hernieder. Ein Haufen von Häftlingen, ausgehungert und in Lumpen gehüllt, ist mit Seilen vor eine verrostete Straßenwalze gespannt und schleppt, fächerartig auseinanderstrebend, das schwere Ungeheuer über den leeren Appellplatz. Es herrscht völlige Ruhe, die Mehrzahl der SS-Leute hält ihren „wohlverdienten“ Mittagsschlaf. Die schneebedeckten Alpengipfel, die gleich riesigen glitzernden Eiskristallen von fernher herüberschimmern, scheinen in der Mittagshitze immer näher an das Lager heranzurücken, trügerisch und verführerisch, denn fast sieht es so aus, als würde ein Sprung aus dem Lager genügen – und schon müsse man sich in der sicheren Geborgenheit dieser Alpenhöhen befinden. Die Freiheit lockt – und sie scheint so nahe; wer wagt den Sprung?

Aus dem Stammlager Mauthausen sind bis jetzt nur drei Häftlinge entsprungen – und sie alle wurden binnen weniger Tage wieder eingefangen und sofort hingerichtet. Erst vor wenigen Tagen entsprang ein Häftling vom Gärtnerkommando; nach einer wilden Hetzjagd wurde er in einem Wald nahe der Stadt Steyr von Hunden zur Strecke gebracht. Der zerfetzte Körper wurde gleich an Ort und Stelle aufgehängt, und noch für die Einlieferung des toten Häftlings ins Lager wusste sich die Bestie Ziereis ein besonderes Schauspiel auszudenken: Er ließ die Leiche, im Sarg stehend und mit einer Tafel mit der Inschrift „Ich bin schon wieder da!“ versehen, vor dem Haupttor aufstellen; die heimkehrenden Häftlinge mussten beim Einrücken ins Lager barhäuptig an ihrem toten Kameraden vorbeidefilieren. Nach dem Abendappell erging an die Lagerkapelle der Auftrag auszurücken, und auf Ziereis’ Befehl musste der Foxtrott „Komm zurück ...“ gespielt werden; ein schauriger Faschingszug, voran die musizierende Kapelle, hinterher die Häftlingsleichenträger und danach die vor Lachen sich krümmende SS-Meute, bewegte sich durch die Reihen der aufstöhnenden Häftlinge vom Haupttor langsam zum Krematorium. Die Häftlinge standen mit entblößtem Kopf, ihre Blicke wanderten weit hinaus, dorthin, wo die lockenden Alpengipfel aufragten – das Reich der Freiheit...

Das Terrain ist für eine Flucht verhältnismäßig günstig; ungünstig, unbarmherzig hingegen sind die Bauern in der Umgebung des Lagers: Sie gewähren keine Hilfe, sie verraten jeden Flüchtenden an die nächste Gendarmeriestation oder Parteidienststelle. Freilich, für Geschäfte mit den Häftlingen – etwa gegen ein Stückchen Brot eine goldene Taschenuhr einzutauschen – dazu sind sie bereit: aber einen Geflüchteten zu unterstützen, das wäre eines „deutschen“ Bauern unwürdig. Und überdies – das eigene schlechte Gewissen muss beschwichtigt werden! – sind alle KZIer ja ohnehin Schwerverbrecher

An diesem heißen Juninachmittag, es ist ein Donnerstag, steht links vom Haupttor, als Abgang bereit, der Heini. Schon beim Abendappell wird er nicht mehr im Häftlingsstand geführt werden, denn er fährt mit dem Nachmittagszug in seine geliebte Heimatstadt Wien zurück. Im Jourhaus liegt der Transportzettel auf, und auf diesem ist vermerkt, dass der politische Häftling Nr. [5179] Leo Gabler , geb. am [11.5.1908] in Wien, nach Wien rücküberstellt und seine ordnungsgemäße Übergabe sowie ordnungsgemäße Übernahme bestätigt wird. Heini, wie Leo Gabler von den Kameraden genannt wird, ist im Begriffe, eine mit allen Schikanen faschistischer Brutalität ausgestattete Todesfabrik des Dritten Reiches zu verlassen – und ist dennoch tief traurig.

Denn Heini fährt nicht in die Freiheit, sondern zur Verhandlung ins Landesgericht Wien, und das Urteil steht schon im vorhinein fest: es lautet auf Tod durch die Guillotine. Gabler gibt sich keinerlei Hoffnungen auf ein mildes Urteil hin, wirklichkeitsfremde Träumereien kennt er nicht – dafür hat seine Vergangenheit ausgiebig gesorgt.

1908 als Sohn einer Wiener Arbeiterfamilie geboren, seit dem Jahre 1920 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, hat er früh erkannt, dass er von seinen Feinden, den Unterdrückern seiner Klasse, nichts als unbarmherzige Verfolgung erwarten darf. Mehrmalige Verhaftung durch die Schober- Polizei, vielfache Misshandlung durch die Heimwehrfaschisten, nach der Errichtung der Dollfuß-Diktatur ein jahrelanger Leidensweg durch österreichische Gefängnisse und Konzentrationslager – das war Heinis Jugend. Lange Zeit war er Sekretär des Kommunistischen Jugendverbandes und kannte nichts anderes als Arbeit und Kampf für die edlen Ziele der Menschheit, für den Fortschritt der Arbeiterklasse. Als er im Jahre 1937 amnestiert wurde und in die Sowjetunion gelangte, wurde er dort in das Exekutivkomitee der Kommunistischen Jugendinternationale gewählt. In der Sowjetunion verbrachte er, wie er seinen Kameraden in nimmermüder Begeisterung erzählte, die schönste Zeit seines Lebens. Im Mai 1940 kehrte er illegal nach Österreich zurück, um aktiv an der Bekämpfung des Nationalsozialismus und an der Befreiung seiner unterdrückten Heimat teilnehmen zu können.

Es folgten Opfer, Entbehrungen und Gefahren des illegalen Kampfes. Von den Häschern der Gestapo gehetzt und gejagt, wurde er schließlich durch die Provokateurin Grete Kahane verraten und von einer mit Maschinenpistolen bewaffneten Horde von Gestapobeamten überfallen, überrumpelt und in ein Auto geschleppt. Es folgten sechzehn Monate Gestapokeller, Zelle 5, stets bei rotem Licht; als Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ war er besonders viehischen Torturen ausgesetzt. Monatelang an den hochgezogenen Armen am Gitter angebunden, in Hunderten Verhören tausendmal misshandelt und gemartert – aber stets standhaft und unbeugsam: das war Gablers Leidensweg bei der Gestapo. Schließlich wurde er nach einem kurzen Aufenthalt im Polizeigefangenenhaus Rossauerlände in das KZ Mauthausen überstellt.

Unmittelbar nach seinem Eintreffen im Lager suchte und fand Gabler Anschluss an die österreichischen Antifaschisten und wurde alsbald Mitbegründer und leitender Kopf der Widerstandsgruppe im KZ Mauthausen. Er war es, der den ideologischen Kampf gegen die großdeutsche Phraseologie gewisser im Lager befindlicher deutscher und österreichischer Sozialdemokraten führte und leitete. Er entwarf Lehrbriefe über die österreichische nationale Frage, über das Wesen des Nationalsozialismus und des Faschismus überhaupt; täglich und stündlich war er an der Arbeit, politische Häftlinge aller Nationalitäten von der Notwendigkeit einer Einheitsfront aller fortschrittlichen Kräfte gegen den Faschismus zu überzeugen. Es war Heini, der im KZ Mauthausen schon im Frühjahr 1943 in flammenden Reden die unweigerliche militärische Niederlage der Achsenmächte verkündete und darauf verwies, dass die Rote Armee unaufhaltsam bis nach Österreich vormarschieren werde. Und trotz dieser unermüdlichen Aufklärungsarbeit war Heini stets ein freundlicher, lebensfroher Kamerad. Er war es, der gemeinsam mit seinem Kameraden Kohl zur Zeit der schrecklichsten SS-Verfolgungen seine Mithäftlinge kräftigte und der Niedergeschlagenheit entriss, durch optimistische Erzählungen und fortschrittliche Lieder ihren Lebensmut erneuerte. Meisterhaft verstand Heini die gesenkten Stirnen der Lebensmüden wieder zu heben. Und er, überhäuft mit Arbeit für andere, vergaß darüber völlig sich selbst. Niemals erzählte er den Kameraden von dem bevorstehenden Prozess, von der tödlichen Gefahr, in der er schwebte. Wenn man ihn fragte, so antwortete er stets ausweichend und brachte das Gespräch gleich wieder auf die Sorgen der anderen. Sein sonst so reicher Wortschatz kannte das Wörtchen „ich“ nicht.

Als Leo Gabler am Mittwoch, den 2. Juni 1943, plötzlich den Auftrag erhielt, sich am darauffolgenden Tag um 14 Uhr beim Haupttor zur Fahrt nach Wien bereitzustellen, da ahnte jeder, dass der Abschied von ihm endgültig sein, dass er niemals zurückkehren werde. Jetzt noch Maßnahmen zu seiner Rettung zu treffen, war unmöglich, denn er durfte das Lager nicht mehr verlassen, und nur im nahen Sanitätslager wäre ein Rettungsversuch zu bewerkstelligen gewesen.

In den Nachtstunden bereitete er seine Verteidigungsrede vor – sie sollte eine Anklagerede gegen den deutschen Faschismus werden. Erst in den frühen Morgenstunden fand er ein wenig Schlaf. Der folgende Vormittag verging in der Effektenkammer und im Bad sowie mit kurzen Vorsprachen in der Politischen Abteilung. Und dann wurde es 14 Uhr. Noch ein Händedruck, ein kurzer Abschied von dem engsten Kreis seiner Kameraden: „Genossen, grüßt mir Wien und die Wiener, vor allem die Genossen in Wien und in Moskau. Ich fürchte mich nicht vor dem Tod, nur bin ich traurig, dass ich gerade jetzt – jetzt, wo es zu Ende geht – aus der Welt scheiden muss. Ich hätte gern die Freiheit noch erleben mögen – aber macht nichts, andere werden sie erleben, und das macht mich stark ... Glaubt mir, ich bleibe stark!“

Heini steht an der Mauer, unweit der Halskette. Da kommt zufällig die Bestie Ziereis ins Lager. Schlaftrunken springt der Posten auf und meldet: „Ein Abgang beim Tor bereit!” Der schwammige Körper des Lagerkommandanten wälzt sich an dem Gefangenen vorbei, dann aber macht Ziereis doch noch einmal kehrt, mustert den Häftling und fragt gelassen: „Was ist mit dir, wo gehst du hin – in die Freiheit?“ – „In die Freiheit – zum Prozess“, antwortet Gabler. Bösartiges Lachen entstellt das Gesicht des Kommandanten, und er fragt noch kurz: „Was für ein Landsmann?“ Da, noch ehe die eben hinzugetretenen SS-Leute melden können, dass sie den Häftling holen kommen, der zur Verhandlung nach Wien soll, schallt laut und sieghaft die Antwort des unbeugsamen Kämpfers über den Appellplatz: „Österreicher!“

Anmerkung: [...] unsere Ergänzungen. Fehler wurden stillschweigend berichtigt. – w.w. 

Urach Hedwig: 20.8.1910 Wien – 17.5.1943 Wien; („Hedy“);

Wien 13; Schneiderin; war bei d. Kinderfreunden; dann KJV; 1931 besuchte sie die Internationale Lenin-Schule in Moskau; 10.1932 zurück n. Österr.; Mtgl. d. ZK des KJV; nach 1934 dessen Sekräterin; 1935 Delegierte des 6. Kongresses der KJI in Moskau; vh. 3.1937 u. für vier Monate inhaftiert; nach der Annexion erneut vh. u. für vier Monate inhaftiert; 5.1939 nach Belgien, wurde nach dem Einmarsch der Deutschen interniert; im selben Jahr Rückkehr nach Österr.; hier gehörte sie d. dritten LtgGr. d. KPÖ an; vh. 17.6.1941, vu. 17.8.1942 in Krems; Ende 1942 ins LG I Wien überstellt, wo sie ein halbes Jahr i. d. Todeszelle verbrachte; aus ihrem Abschiedsbrief an die Eltern: „Ich bin ein Kind der Arbeiterklasse, ein Teil von jener wundervollen Schichte des Volkes, von der alles Leben kommt.“ ; rote Plakate in Wien verkündeten am 17.5.1943 ihre Hinrichtung (s. Buchumschlag); in Wien 13 ist eine Gasse nach ihr benannt; ihr Name findet sich auf der 1947 enthüllten Gedenktafel am Straßenbahn-Betriebsbhf. Speising (Wien 13, Hetzendorfer Str. 188); ebenso auf der Gedenktafel f. d. zwölf Zentralkomiteemitglieder, die 1948 im Haus des ZK d. KPÖ (Wien 9, Wasag. 10) enthüllt wurde, sich dann im Haus der KPÖ Wien 10 (Wielandschule) befand und nach dem Verkauf des Hauses verschwunden ist.

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