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„Er
starb für Österreichs Freiheit“
Zur
65. Wiederkehr des Todes von Josef Angermann
[Vorabdruck
aus der neuesten nVs 1/2009]
Quelle:
Kominform-at
vom 14.01.2009
Vorm
Sommer 2008 berichtete ein Wiener Wochenmagazin über Archivfunde
betreffend Wiener Gestapobeamte. In diesem Zusammenhang kam auch die
Sprache auf Josef Angermann, einen Widerstandskämpfer, der am 8. Jänner
1944 in der Gestapohaft Selbstmord verübt hat.
Wer
war Josef Angermann?
In
Innsbruck am 25.10.1912 als erster Sohn von Josef (geb. am 16.3.1877
Seckau/Stmk.) und seiner Mutter Marie (geb. Hulik) – die beiden lebten
dort in der Gabelsbergerstr. 33 und hatten am 17.9.1910 geheiratet –,
kam er später mit seinen Eltern nach Wien, wo er das
Schriftsetzerhandwerk erlernte. Am 24.9.1918 wurde sein Bruder Otto
ebenfalls in Innsbruck geboren.
Politisch
wandte sich Josef Angermann jun. Anfang der 1930er-Jahren der KPÖ zu.
In den Polizeiunterlagen ist er bereits1933 „wegen Betätigung für
die KPÖ zu 14 Tagen Arrest verurteilt“ verzeichnet. Als Mitglied des
Republikanischen Schutzbundes beteiligte er sich an den Februarkämpfen
1934 und wird in deren Folge zu zehn Monaten Kerker verurteilt. Kaum
entlassen, erhält er wegen Betätigung für die KPÖ 1935 drei Monaten
Arrest und kommt im Oktober 1935 für zwei Monate ins Anhaltelager nach
Wöllersdorf.
Am
Jahresende verlässt er Österreich in Richtung CSR und geht von dort
1936 für ein Jahr an die Internationale Leninschule nach Moskau. Von
der Komintern betrieben, wurden an ihr kommunistische Kader ausgebildet,
die aus allen Teilen der Welt kommend, dort studierten. Danach holt ihn
die Parteiführung der KPÖ nach Paris, wohin sie nach der Besetzung der
CSR ihren Sitz verlegt hatte. Hier war er für die Redaktion der »Roten
Fahne« tätig, die auf illegalem Weg nach Österreich transportiert
wurde. Zweimal begibt er sich nach der Annexion 1938 als Instruktor nach
Wien und agierte unter den I-Namen „Leo Holzer“ u. „Karl Wendl“.
In Wien arbeitete er auch kurz bei der Firma Karl Rabek (8, Wickenburgg.
13) und wohnte gleichsam ums Eck als Untermieter in der Laudongasse
2/20. Die Gestapo, für die Angermann als Kommunist durch die von den
austrofaschistischen Behörden übernommenen Unterlagen bekannt war,
hatte bereits ein Arbeitsverbot über ihn in sogenannten „geschützten“,
d. h. kriegswichtigen Betrieben verfügt. Bei der Besetzung Frankreichs
durch Hitlerdeutschland war er in Paris und wurde interniert. Am 12./13.
Dezember 1940 wurde er von der deutschen Sicherheitspolizei in Metz
(Frankreich) verhaftet und in das KZ Dachau überstellt. Nach einem
halben Jahr hat man ihn am 10.6.1941 entlassen. Er wurde nach Wien überstellt,
wo ihn die Gestapo vom 28. 6. 1941 bis zum 18.10.1941 in Haft hielt und
erkennungsdienstlich erfasste, d.h. seine Fingerabdrücke abnahm und
Polizeifotos anfertigte.
Zur
Roten Armee übergelaufen
Bald
danach wurde er eingezogen und kam im April 1942 an die Ostfront, wo es
ihm im September 1942 gelang, zur Roten Armee überzulaufen. Es dauerte
nicht lange, bis die Parteileitung der KPÖ, die nach der Besetzung
Frankreichs ihren Sitz von Paris nach Moskau verlegt hatte, von seinem
Überlaufen Kenntnis erhielt. In Absprache mit Georgi Dimitroff, dem
Sekretär der Komintern, wurde Angermann für einen Einsatz in Österreich
akzeptiert. Im Mai 1943 sprang er mit einer Funkstation über Österreich
ab und hatte bei Genossen Hans Wultsch seine erste Anlaufstelle.
Mitte
Juni 1943 berichtete die Gestapo, „dass kommunistische Parteigänger
Quartiere für Fallschirmagenten suchen, die in Wehrmachtsuniform aus
sowjetrussischen Flugzeugen im Rücken der deutschen Linien abgesetzt
worden waren und in Wien zum Einsatz gelangen sollten. Im Zuge der
sofort durchgeführten umfangreichen Ermittlungen wurde festgestellt,
dass es sich bei den Fallschirmagenten um den Schriftsetzer Josef
Angermann [...] handelt.“ Nachdem er sich vorerst einer Verhaftung
entziehen konnte – sein ehemaliges Quartier in der Laudongasse hat er
nicht mehr betreten und auch die dortige Haussuchung blieb erfolglos,
wurde er am 15.6.1943 verhaftet. Er hat sich seiner Festnahme nach Kräften
widersetzt und von seiner Pistole Gebrauch gemacht, doch hat die Waffe,
anscheinend wegen eines Munitionsfehlers, versagt.
Zuvor
hatte die Gestapo bereits seinen Vater, einen alter sozialdemokratischer
Eisenbahner, der in Wien-Meidling, Eichenstraße 15/9 mit seiner zweiten
Frau Maria (geb. Groppenberger, 22.7.1887 Wien) wohnte, verhaftet. Man
hatte ihn in die „Lisl“ (Polizeigefangenenhaus auf der Roßauerlände
– bis 1920 „Elisabethpromenade“ – in Wien) gebracht, wo er bis
zum 13. Oktober zur Verfügung der Gestapo blieb. Dann schien der damals
schon 66jährige Mann für sie uninteressant geworden zu sein, und sie
deportierten ihn ins KZ Dachau. Er hat das Lager überlebt. Ende Mai
1945 schreibt der Rechtsanwalt Dr. Napoleon Bihary (13, Bossig.), aus
Deutschland kommend, an Frau Maria Angermann eine Postkarte, dass sie
ihr Mann herzlichst grüßt und „die schwere Zeit überstanden“ hat.
Wenige Wochen später, am 4. Juli 1945 kehrt er tatsächlich nach Wien
zurück, doch waren die Monate der Haft nicht spurlos an ihm vorüber
gegangen; er starb, wenige Tage nach seinem 69. Geburtstag, am 27. März
1946.
Die
Gruppe Sanitzer
Für
die sogenannten „Funk- u. Fallschirmagenten“ war in der Wiener
Gestapo die Abteilung IVA2 unter Sanitzer zuständig. Vor Angermann,
Anfang 1943, war u. a. schon das ZK-Mitglied Hermann Köhler, aus Moskau
kommend, über Österreich abgesprungen und im März von der Gruppe
Sanitzer verhaftet worden. Nach ihm kamen Gregor Kersche mit Hilde Mraz
und Aloisia Soucek, sowie auch Vater und Sohn Rakwetz, die beide den
Vornamen Theodor trugen (sie wurden, da sie sich Sanitzers Funkspielen
verweigerten, ins KZ Mauthausen gebracht und im Oktober 1944 ermordet).
Ihnen allen war nur eine kurze Zeitspanne beschieden, bevor sie von der
Gestapo in die Hände fielen.
Das
Interesse von Sanitzer war groß und sein Bestreben, die Genossen
„umzudrehen“ und für sogenannte „Funkspiele“ mit der Zentrale
in Moskau zu gewinnen, groß. Mittel waren ihm alle Recht und die Folter
gehörte dazu. Sie musste bei Angermann groß gewesen sein, denn er
entriss in den Gestapokeller am Morzinplatz einem Beamten sein Bajonett
und stieß es sich dreimal in den linken Halsbereich. An den
Verletzungen verstarb er am 8. Jänner 1944. Die Leiche wurde eingeäschert
und die Urne der Stiefmutter übergeben. Sie durfte die Urne in dem
Urnengrab der Familie, in dem die erste Frau Marie lag, beisetzen, doch
mit der Auflage, dies nicht auf der Gedenktafel zu verzeichnen. Auch in
den Aufzeichnungen der Friedhofsverwaltung wird unter dem
Beisetzungsdatums vom 1. Februar 1944 vermerkt: „N.N. – Urne aus
KZ?“. Bis zum heutigen Tag scheint Josef Angermann jun. namentlich
nicht in den Unterlagen des Friedhofs auf, wiewohl er in diesem auf
Friedhofsdauer gewidmeten Urnengrab beigesetzt wurde und sein Name auf
der Steinplatte festgehalten ist. Auch in dem erwähnten Buch
„Gedenken und Mahnen“ sucht man vergeblich nach dem Namen Angermann
und dem Hinweis auf sein Grab.
Seinen
Sohn Max, den er mit der ersten Frau von Erwin Zucker-Schilling während
seines Aufenthalts in Moskau gezeugt hat, hat er nie gesehen. Er lebt
unter dem Mädchennamen seiner Mutter in Wien. |