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Inhalt:

Egon Erwin Kisch: Bei Ford in Detroit, Aus: Egon Erwin Kisch, Paradies Amerika, S. 299-308 mehr

Egon Erwin Kisch: Audienz beim Katholikos der Armenier, entnommen: Egon Erwin Kisch: Zaren Popen Bolschewiken, Berlin 1927, S. 237 - 246 mehr


links: Handschrift Kischs

Egon Erwin Kisch

Bei Ford in Detroit

Aus: Egon Erwin Kisch, Paradies Amerika, S. 299-308

Beim ersten Besuch der Fordwerke fällt zuerst auf, daß fast alle Arbeiter geschwollene Wangen haben. Man fragt, woher das kommt. Erhält zur Antwort: »Ja, Mister Ford ist Nichtraucher.«

Das heißt, er duldet keine Raucher. Oh, nicht etwa bloß bei der Arbeit - der am Fließband Beschäftigte hat keine Zeit, einen Zug aus der Zigarette zu tun. Aber auch vor und nach Arbeitsantritt ist das Rauchen verboten; in den Werkstätten, die keinen feuergefährlichen Bestandteil enthalten und ohnehin voll von Staub oder Ofenglut sind, außerhalb der Hallen, in den Straßen, auf den Plätzen und an den Sümpfen zwischen den Fabriksgebäuden, an denen rauchende Eisenbahnwagen entlangfahren. Im Autobus, der die Fremden durch die besichtigungsreifen Teile der Betriebe führt, in der Cafeteria, wo Ingenieure und Beamten zu Mittag essen, darf nicht geraucht werden.

Um nun über das Fehlen der Zigarette hinwegzukommen, kaut die Belegschaft tagsüber Tabak, so daß man glaubt, alle hätten geschwollene Wangen. Von Zeit zu Zeit spucken sie den Priem aus, gleichgültig wohin. In der Eisengießerei zielen sie in das sodahaltige Wasser, das über glühendes Eisen läuft und den Kameraden ins Gesicht spritzt ...

Denn Mister Ford ist Nichtraucher.

***

Karren mit Nahrungsmitteln sind in den Werkstättenhallen aufgefahren. Fünfzehn Cent kostet ein Päckchen mit drei belegten Broten (zwei mit Fleisch, eins mit Marmelade). Aus dem Suppenkessel daneben wird für fünf Cent ein Papierbecher gefüllt. Für eine Flasche warmen Kaffees sind zehn Cent zu erlegen, doch erhält man fünf für die leere Flasche zurück. Vor den Karren und vor dem Suppenkessel stehen die Arbeiter in langer Reihe an.

Etwa acht Minuten dauert es, ehe man drankommt. Die Mittagspause in den Betrieben mit drei Schichten ist fünfzehn Minuten, in den anderen zwanzig Minuten. Demnach müssen die heißeSuppe im Papierbecher, die Brötchen, der Kaffee (der wird aus der Flasche getrunken) und allenfalls ein Apfel binnen sieben Minuten verzehrt werden. Stehend oder auf der Erde kauernd. Bänke oder Stühle gibt's nicht. Die Kantinen sind an drei Gesellschaften verpachtet, die ihre Rayons abgegrenzt, keine Konkurrenz zu fürchten haben und sich um die Bequemlichkeit ihrer Gäste nicht kümmern.

Denn Mister Ford ist nicht nur Nichtraucher, sondern er ist auch Nichtstammgast der Nahrungsmittelkarren.

***

In der Mitte jeder Halle ist eine Estrade, auf der die Arbeiter ihre Straßenkleider auf einen Bügel hängen können, wenn sie einen Kittel anziehen. Das tun nur die wenigsten. Sie gehen lieber im verschwitzten Hemd und im verschwitzten Anzug nach Hause, ohne Mantel, auch im Winter, weil bessere Kleidungsstücke gestohlen werden, falls man sie unversperrt aufbewahrt. Bei Ford vollzieht sich der dreimalige Schichtwechsel nicht so, daß Trupps einander ablösen, jeder Mann hat zu einer andern Stunde und Minute an seinem Platz zu sein. Wer also die Werkstatt verläßt, wo einige tausend Menschen fieberhaft mit ihren Griffen beschäftigt sind, kann unbeobachtet etwas mitgehen lassen.

Es gibt wenig Aborte, und man muß Schlange stehen.

Denn Mister Ford ist nicht nur Nichtraucher und Nichtstammgast der Karren, sondern auch Nichtkleiderableger und Nichtbenutzer der Aborte in seinen Werkstätten.

***

Die neue Anlage Rouge Plant, Rote Fabrik, heißt so, weil sie am River Rouge liegt, aber Mr. Henry will für den ganzen Bezirk den Namen »City of Fordson« einführen, wogegen die Vorstadtgemeinde Dearborn protestiert, deren Gebiet das ist.

Die ursprüngliche Fabrik, Highland Park, wird eben aufgelöst, das Gelände einer anderen Industrieunternehmung überlassen.

Tausende von Angestellten und Arbeitern hatten sich in der Nachbarschaft der Fabrik angesiedelt - nun erwachen sie eines Morgens zehn Meilen weit von ihr entfernt.

Zehntausende können die Wohnungsmiete in Detroit nicht erschwingen und fahren mehr als zwei Stunden nach Rouge Plant, meist stehend, da Autobusse, Straßenbahnen und Fähren überfüllt sind. Die außerhalb des Verkehrsnetzes wohnenden Arbeiter pflegen sich ein altes Kleinauto zu kaufen und holen täglich Kollegen gegen eine monatliche Vergütung ab - das sind die Arbeiterautos, die man vor den amerikanischen Fabriken in Massen parken sieht und als Beweis für den Wohlstand anführen hört.

Henry Ford aber, Nichtraucher, wohnt in Dearborn.

***

Durch Gespräche mit Arbeitern das zu ergänzen, was einem gezeigt wird, gelingt innerhalb der Ford-Werke nicht, erstens hat keiner Zeit, zweitens hat keiner Lust, sich den Mund zu verbrennen. Unmöglich ist es aber, irgendwo in oder um Detroit jemanden kennenzulernen, ohne daß die Rede auf Ford kommt. Jedermann hat dort begonnen oder arbeitet dort, aller Herren Länder sind in des einen Herrn Land vertreten - eine Fremdenlegion der Industrie. Die Leute sprechen wenig von Politik und wissen auch nicht, welcher Art der Landsmann ist, der sich für ihre Erzählungen vom Betrieb so sehr interessiert. Dennoch äußern sie nichts als Klagen.

***

Das Schlimmste sei das lay off.

Und es ist das Schlimmste.

Für einen Fehler bei der Arbeit, für ein geringfügiges Vergehen (wäre es nicht geringfügig, so würde ja der Arbeiter ohne weiteres entlassen) wird man »abgelegt«. Auf einen Tag oder länger, bis zu vierzehn Tagen. Über diese strafweise Einzelaussperrung findet man kein Wort in den Büchern, die Ford betreffen.

Auch in strafrechtlichen Werken steht nichts davon. In strafrechtlichen Werken steht, niemand dürfe seinem Richter entzogen werden, der nach den Paragraphen entscheiden soll und nach Anhörung von Zeugen und Sachverständigen und Plädoyers. Strafrecht, Strafgesetz und Strafvollzug sind bei Ford Motor Company einfacher geregelt. Wer in einen Streit gerät, während der Arbeitszeit einen Schluck Milch trinkt oder sonstwie dem General-Foreman, dem Werkmeister, Anlaß gibt, wird laid off. Bekäme - beispielsweise gesprochen - John D. Rockefeller wegen eines Fehlers an der Werkbank die gleiche Strafe, das heißt in der Höhe seines halben Monatseinkommens, so wäre das keineswegs die gleiche Geldstrafe, denn John D. Rockefeller könnte die eine Million Dollar von Ersparnissen bezahlen, der Fordarbeiter die sechzig Dollar nicht. Für diesen bedeuten vierzehn Tage lay off: Hunger samt Frau und Kind, Vorwürfe, unfreiwilliges Herumlungern daheim.

Zwar könnte er anderswo Arbeit suchen, es gibt in Detroit Automobilfabriken genug, ChrysIer-Dodge, General-Motors, Packard, Studebaker, aber bevor er eine neue Stellung findet, läuft die Karenz ab, und er kann zurückkehren zu Ford.

Bei der Wiedereinstellung wird sein Wochenlohn auf fünfundzwanzig Dollar gekürzt, wodurch der Strafende Nutzen hat. Oft, wie zum Beispiel im Frühjahr 1927, werden Zehntausende »aus betriebstechnischen Gründen« abgelegt, alsbald jedoch wieder aufgenommen, allerdings nicht zu dem längst erworbenen Lohn, sondern für fünf Dollar pro Tag. (Die Fordwoche hat nur fünf Arbeitstage.)

***

Zuzugeben ist, daß Mr. Henry Ford infolge der Konkurrenz, insbesondere jener der General Motors, das Geld nicht mehr so scheffeln kann. Seine Hartnäckigkeit ist schuld. Wie viele Unternehmer, die an die Verwertung einer neuen Erfindung gerieten und durch deren Konjunktur hochgekommen sind, betrachtete er sich als unfehlbar. In einem Prozeß, den Henry Ford gegen die »Chicago Tribune« anstrengte, weil sie ihm Unintelligenz vorgeworfen, bestand er die einfachste Bildungsprobe nicht, und die verklagte Zeitung veranstaltete nachher ein Preisausschreiben: achtjährige Schulkinder sollten die von Ford nicht gelösten Fragen beantworten. »Seine Bücher« hat er nicht geschrieben und später zum Teil desavouiert.

Eigensinnig hielt er an dem Automodell T fest, als es längst überholt und sogar lächerlich geworden war. Statt mit seinem titanischen Apparat die gesamte Erzeugung von Kleinautos in die Hand zu bekommen, blamierte er sich mit der Propagierung der Kleinflugzeuge (Fliver-Plans), die in Massen abstürzten, und mit anderen Projekten, bevor er sich zum A-Modell und zum achtzylindrigen Lincoln-Wagen entschloß. Inzwischen hat die Konkurrenz ihn vielfach überflügelt.

Nun spart er an Löhnen.

***

Wird ein Arbeiter verletzt, erhält er ärztliche Hilfe und muß an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Hat er den rechten Arm gebrochen, so wird ihm eine Tätigkeit zugewiesen, zu der er nur den linken Arm braucht; er ist einer der vielen Substandardmen geworden. 3595 Arten von Verrichtungen (insgesamt gibt es 7882 in den Fordwerken) können durch Erwerbsbeschränkte ausgeführt werden, davon 670 durch Beinlose, 2637 durch Einbeinige, 2 durch Armlose, 715 durch Einarmige und 10 durch Blinde. Sogar im Hospital sind Metallarbeiter tätig; ein schwarzes Wachstuch, über das Krankenbett gespannt, ist ihre Werkbank, auf der die Patienten Schrauben an Bolzen befestigen. Das klingt so unwahrscheinlich, daß man zitieren muß, was in dem Buch »Mein Leben und Werk« von Henry Ford über die Einführung der Krankenarbeit gesagt ist: »Die Insassen des Krankenhauses waren dazu genau so gut imstande wie die Leute in der Fabrik und verdienten auf diese Weise ihren regelmäßigen Lohn. Ja, ihre Produktion war 20% höher als die gewöhnliche Fabrikproduktion. Keiner wurde natürlich zu der Arbeit gezwungen, aber alle waren arbeitswillig. Die Arbeit half ihnen, die Zeit zu vertreiben, Schlaf und Appetit waren besser als zuvor, und die Erholung machte raschere Fortschritte.«

Wer nicht imstande ist, weiterzuarbeiten, bekommt keinen Lohn und auch keine Krankenunterstützung. Nur im Fall einer dauernden, im Betrieb erworbenen Invalidität wird man nach der Compensation bill entschädigt.

Im ersten Stockwerk des B-BuiIding zahlt man die Löhne aus. Es dauert durchschnittlich eine halbe Stunde, bevor der Einzelne vom paymaster seine Tüte erhält. Addieret das zu der mehrstündigen Fahrt von und zum Betrieb und zu der achtstündigen, fast pausenlosen Arbeitszeit!

***

Die Maschinenanlagen, an denen Besucher vorbeigeführt werden, strotzen von Reinheit. Es gibt wohl, nirgends in der Welt eine blitzblankere Metallwarenfabrik. Daß Fords Kraftwerk, die Glasöfen, die Papiermühle und die Lederfabrik so kristallklar sind, erscheint weniger verwunderlich, denn die Zahl der dort beschäftigten Menschen ist relativ gering. Aber auch die gefegten oder makadamisierten Straßen und die Plätze zwischen den achtschlotigen Werkstätten bilden einen angenehmen Kontrast zum übrigen Detroit, selbst die Sümpfe innerhalb des Werkbezirks haben gepflegte Ufer, und die Lokomotiven der Fordschen Eisenbahn Detroit-Toledo-Ironton sind spiegelglattes Nickel.

Unter den Drehbänken der Motorenwerkstätte liegt kaum ein Häufchen Eisenfeile, und das laufende Band funkelt wie ein Alpenbach.

***

Hart an hart stehen die Arbeiter, so daß sie unter dem Arm des Nachbars nach dem heranrollenden Bestandteil greifen, knapp vor dem Gesicht des linken Nachbars die Behandlung des Stückes in Angriff nehmen, unmittelbar vor dem Gesicht des rechten Nachbars vollenden müssen.

Buchstäblich haarscharf über den Köpfen, denn ihr Haar wird gestreift, rollt der Conveyor, an dem auf glitzernden Ketten verschiedene Dinge hängen, wie auf einem Christbaum die Gaben.

Jeder hat nach der für ihn bestimmten Gabe zu haschen, sonst fährt sie unweigerlich von dannen, und das gäbe eine schöne Bescherung.

Warum aber ist kein Platz? Sahen wir nicht ungeheure Flächen innerhalb der Anlage, sind die Hallen nicht hoch genug, um das Gleitband mit seinem stählernen Behang in weniger gefährlicher Kopfnähe laufen zu lassen?

Oh! Entfernung ist Zeitverlust.

Und Zeit ist Arbeitslohn. Dies der Grund für das Gedränge, der Grund dafür, daß keine Bänke oder Tische fürs Mittagessen da sind, keine Kammern, wo man Kleider wechseln könnte, wenig Aborte und Waschräume, der Grund fürs Rauchverbot.

Nicht eine Sekunde vom Arbeitslohn geht verloren, Tag und Nacht rollt das Band, an das Menschen geflochten sind.

***

Ein Griff nach der Kette, Auflegen der Schraubenmutter, ein Griff nach der Kette, Einstecken der Schraube, ein Griff nach der Kette, zwei Hammerschläge, ein Griff nach der Kette, Ansetzen des autogenen Bohrers, Funken stieben, ein Griff nach der Kette, Befestigung der Bleilamelle, Paraffinpappe, eine Hälse, ein Bündel Kerzen, eine Kurbelwelle, und immer dazwischen ein Griff nach der Kette, ein Griff nach der Kette, Handbewegung und Ergebnis, Körperhaltung und Einsatz, Mensch und Maschine, immerfort gleich. Die Motoren, fertig, rattern an Probeständen.

»Final Assembly Line«, das letzte der laufenden Bänder, ist kein Bach mehr, sondern ein Strom, 268 Meter lang, mit vielen Nebenflüssen. Aus dem Bottich mit Emaillack taucht die Hinterachse empor und rollt heran, die Räder, schon bereift, münden, Kotflügel schwingen sich über sie, das Chassis kommt, dem Rahmen aufmontiert wird der Motor, Kühler spannen sich vor, die Lackierer spritzen Farbe auf, die Karosserie mit Ledersitzen und Fensterscheiben und Laternen stülpt sich als ein Ganzes übers Ganze, nur festzuschrauben ist sie noch.

Jetzt zeigt sich, daß das Fließband das Tempo der Arbeit bestimmt, nicht aber die Arbeit das Tempo des Bandes. Nur wenige Arbeiter bleiben an seinem Ufer stehen, viele fahren mit dem Stück weiter, sitzend auf Wägelchen von kaum dreißig Zentimeter Höhe, wie fußlose Bettler sie verwenden; hier auf dem Boden schleifen die Beine des Arbeiters, der seinem Stück nachjagen muß, um es abzudichten und es abzufeilen, es fahrend behandeln.

Mehr und mehr nähert sich die Summe der Bestandteile dem Begriff Automobil. Und plötzlich schwingt sich ein Mann auf den Chauffeursitz, drückt auf die Hupe, Schrei eines Neugeborenen, und auf dem stark geneigten Band, das läuft, läuft schneller ein lebendes Wesen, reißt sich los von der rollenden Nabelschnur, läuft in eine Halle, die A-A heißt.

Acht Inspektoren befühlen und begucken das Auto. Türklinken werden geprüft, Fensterscheiben, Kühler, Räderwerk. 550 Autos kommen hier täglich zur Welt. Händler und ihre Angestellten, die Autonummer in der Hand, warten, lassen Benzin einpumpen und fahren auf neugeborenen Wagen heimwärts.

***

In Dearborn, dort, wo es auch Ford »Dearborn« nennen muß, ist ein Flugfeld und seine Flugzeugfabrik. Ein Hangar und zwei andere, die aber Werkstätten sind. Nichts von Conveyor, nichts von Tailorismus, nichts von Fordismus ist hier zu beobachten, der metallene Ford-Tri-Motor, Stout-Type, Fassungsraum für vierzehn Passagiere, Preis 65 000 Dollar, wird nach den Methoden jeder Flugzeugfabrik erzeugt.

Trotzdem dient das als Ziel einer Sightseeing, und so sind auch einige Museumsobjekte da, der Aeroplan »Pride of Detroit«, der in 193 Stunden um die Welt flog, der Aeroplan der arktischen Expedition von Capt. Byrd, eine Kopie des Doppeldeckers, mit dem Blériot 1909 den Ärmelkanal überquerte ...

Weshalb aber Sightseeing? Die Besucher werden von den Führern eindringlich bewogen, einen Aufstieg über Detroit zu unternehmen, Preis acht Dollar.

***

Rechts und links vom Eingang zum Fordschen Riesenkomplex ist je eine eiserne Hügelwelle aufgeschichtet, Reste von vierhundert Kriegsschiffen, »Eagle Boats«, vom U. S. A. Shipping Board, dem Mr. Ford zur Abwrackung übergeben; ein Teil wird zur Erzeugung von Vanadiumstahl für Autos verwendet, der Rest als Autotransportschiffe auf dem River Rouge und dem Detroit River.

Hat man diesen rostroten Damm passiert, ist Fords engerer Hoheitsbezirk zu Ende. Man darf sich im Auto oder während man auf die Straßenbahn wartet, eine Zigarette anzünden und nach Hause fahren durch den Osten Detroits, der Stadt, die mehr Verbrechen aufweist als Chicago, mehr Morde, Totschläge und Raubüberfälle aufweist als irgendeine andere Stadt des Erdballs. Mister Ford aber ist Nichtraucher. 

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Egon Erwin Kisch: 

Audienz beim Katholikos der Armenier

entnommen: Egon Erwin Kisch: Zaren Popen Bolschewiken, Berlin 1927, S. 237 - 246

Das Auto steht bereit, aber etwas am Kühler ist nicht in Ordnung, der Chauffeur macht sich daran zu schaffen.

Und der Himmel öffnete seine Schleusen, und es regnete vierzig Tage und vierzig Nächte, und die Arche Noahs stieg immer höher und höher.

Endlich rattert der Motor, es geht durch das Morgengetriebe von Eriwan, an Moschee und Festung und orientalischen Weingärten vorbei, über den Sangafluß, durch kahle Landschaft.

Und am siebzehnten Tage des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf das Gebirge Ararat. Es regnet in Strömen, wir fahren zwischen Allahgoes, dem Gottesauge, und Ararat, dessen zwei spitzen Firne leuchten, als hätte niemals ein lebendiges Wesen sie betreten, und doch war von jedem Getier ein Pärchen da, ein Männlein und ein Fräulein, dieweil Noahs Kasten oben landete. Ochsenfuhren kommen des Weges und Eselreiter und Kamelkarawanen und ein Wagen, dem ein Pferd vorgespannt ist; alle Tiere scheuen vor dem Automobil, sie haben so etwas noch nicht erlebt und wissen nicht, was das für eine Arche ist, die auf dem Lande fährt, oder vielleicht protestieren sie dagegen, daß eine Neuerung sich hier vollzieht, hier, angesichts des Ararat, von dem die Taube hinunterflatterte und mit einem Ölblatt zurückkehrte.

Es regnet noch immer, ganz gut könnten die Pfützen sich zu einer Sintflut auswachsen. Die Häuser am Wege, sie sahen vor fünftausend Jahren kaum anders aus: müde Lehmhütten, ein Loch ist das Tor, das horizontale Dach ist von Steinen beschwert, damit der Orkan nicht alles wegfege; nackte Kinder; altersgraue Eselchen, die lange suchen können, bis sie einen Grashalm finden, ein Schöpfbrunnen, an dem irgendeine Rebekka Kamele tränkt; hie und da der grüne Fleck eines Weingartens, eben noch fruchtbar genug, daß Noah sich dort betrinke und mit entblößter Scham umfalle. Daraufhin kam, wenn man recht berichtet ist, die große Wassernot; rechts am Straßenrand starrt eine Säule, möglicherweise ein armenisches Grabmal, weshalb aber nicht der salzige Rückstand von Frau Lot, die sich damals umgewendet hat? Das Auto watet vorbei, ohne sich umzuwenden. Ruinen alter Kirchen. Links vom Wege liegt ein ganzes Pompeji, schöner als das italienische, nicht nur, weil keine Reisegesellschaften samt Baedeker, Lorgnon und vorgeschriebenem Entzücken es durchstöbern, sondern auch, weil es voll ist von merkwürdigen Ornamenten, Kapitellen, Säulen, Podesten und Arkaden, weil es mehr ist als Pompeji: Pompeji und Forum Romanum zugleich, mit Resten alter Gerichtsstuben, Kerkerzellen und Richtstätten, mit Bädern und Kemenaten — wer weiß, aus welchem Jahrhundert des frühen Altertums die Unterlage stammt, wer weiß, ob Zuartnots ein Kloster war oder eine Zitadelle.

Der Regen besprengt das verfallene Gemäuer, glasiert es, wie alle ändern Häuser, die das Auto mit Kot bespritzt, wie die Friedhöfe und quadratischen und runden Kirchenruinen mit ihren geborstenen oder vor tausend Jahren renovierten Kuppeln. Endlich ein Dorf, Wagarschapat, gleichfalls mit Lehmhütten, aber zwischen ihnen steht schon eine Baumwollfabrik, und auf einem einstöckigen Haus besagt die Tafel: Sowjet der Arbeiter und Bauern. Eine Karawane schaukelt im Gänsemarsch, an einem Gittertor hängen Photos als Reklame für ein Kino, wir fahren ein.

Das große Haus war einmal die geistliche Akademie, das Dschemaran der Armenier, und über der roten Kuppel ragte wohl ein Kreuz; der weltliche rote Stern mit fünf Zacken war jedenfalls vorher nicht da. In den weitläufigen Gebäuden, von denen die Kathedrale im Oblong umgeben ist, sind Museum und Priesterwohnungen untergebracht. Das ist der Vatikan der armenischen Kirche seit sechzehn Jahrhunderten, hier residiert seit sechzehn Jahrhunderten Seine Heiligkeit der Papst. Jetzt ist es Georg V., armenisch Geworg Hinkerort, mit seinem bürgerlichen Namen Surenian, der über die Millionen der armenischen Kirche als Katholikos regiert. Wir treten ein in den langen Audienzsaal, an dessen Längswänden Stühle stehen und oben ein prächtiger Thronsessel für den Statthalter Gottes auf Erden, auf armenischen Erden. Die Decke Stalaktitengewölbe, an den Wänden Gemälde, Gobelins und Holzschnitzereien, alle mit den Sujets der benachbarten Landschaft, die gleichzeitig ein religiöses Symbol ist: die beiden gezackten Eisdome des Ararat von einer Gloriole umleuchtet und vom Regen schräg gestrichelt; am Bergesgipfel ist mitten in den schiefen Linien ein Schiff vertäut, Noahs Arche; warum sollte ein Schiff bei ewigem Regen im ewigen Schnee nicht landen können, dreieckig strahlt ja das Auge Gottes herab. Intimer Audienzsaal für intime Empfänge; Gobelin mit dem Kloster Etschmiadsin, zwei Fahnen, die Stange der einen endigt als Kreuz, die andere als Inful. Aber für einen einzelnen Audienzwerber braucht man nicht einmal das kleine Empfangszimmer zu bemühen, er durchschreitet nur die offiziellen Säle; an dem Schlafzimmer vorbei, dessen Türe offen steht, so daß man sehen kann, Seine Heiligkeit benützt ein einfaches Messingbett, kommt man in ein Arbeitskabinett, in dem der Katholikos sitzt.

Georg V. ist ein rüstiger Greis von achtzig Jahren, Hüne von Gestalt, und sein Bart, der sich nach vorn wölbt, weist noch braune Fäden auf. Auf den Scheitel gedrückt: eine runde Kappe. Der Katholikos spricht keine europäische Sprache, aber der Erzbischof neben ihm, Dr. Garigin Howespian, hat an der Leipziger Universität seine archäologischen Studien beendet und dort das Doktorat gemacht; er übersetzt, geht über sein Amt als Dolmetsch hinaus, mit Wärme erklärt er und fügt aus eigenem hinzu, wenn der freundliche Papst Erläuterungen gegeben hat. Und schweift das Gespräch aus Altertum und Mittelalter In die neueste Neuzeit, nicht in die des Weltkrieges, über den sich Georg V. auch vor dem fremden Besucher mit unverhohlener Erbitterung äußert, sondern in die bolschewistische Gegenwart, die eine gewisse Reserve erfordert, dann überläßt der Papst mit einem kurzen Blick seinem weniger verantwortlichen Erzbischof das Wort. Während der Unterhaltung fällt draußen der Regen noch immer herab, klatscht auf die Scheiben, trocken bleibt der Doppelgipfel des Ararat, und seine Weiße durchdringt, ein Naturspiel, die Nebelschwaden, unten aber trieft alles, die Kreuze und Kirchen und der rote Stern auf dem ehemaligen Seminar.

Zuerst gibt Georg V. dem Gast eine historische Lektion. Die armenische Kirche ist die älteste der Erde, wenn man dem Eusebius von Cäsarea glauben darf, standen bereits in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts armenische Bischöfe mit dem alexandrinischen Bischof Dionysios in Korrespondenz. Die Organisation der Kirche ist am Ende des dritten und anfangs des vierten Jahrhunderts durch Gregorius Illuminator durchgeführt worden; hier vor dem Fenster, wo sich jetzt, vom Regen gepeitscht, die Kathedrale erhebt, ist dem heiligen Gregorius der Sohn Gottes erschienen — Etschmiadsin heißt: „Der Eingeborene ist herabgekommen!" — und hat ihn sozusagen zum ersten Katholikos gesalbt. Solches begab sich jedoch bloß das eine Mal. Seither wird das Oberhaupt der armenischen Kirche von der ganzen Nation gewählt, von den russischen, türkischen, persischen und nun auch von den armenischen Armeniern. Die Geistlichen werden von der Gemeinde, die Bischöfe von den Eparchien und Diözesen, und der Katholikos von den Vertretern aller armenischen Gläubigen aus der Türkei, aus Europa und aus Amerika gewählt, die je einen Geistlichen, den Bischof und einen Laienvertreter aus jeder der sechzig Eparchien zum Konzil entsenden. So ist auch der jetzige Katholikos zu seinem Amte gekommen, aber über seinen Nachfolger werden bereits weniger Wahlmänner abstimmen, denn Türkisch-Armenien existiert nicht mehr. Der fünfte Georg erzählt von dem unmenschlichen Leid, das die Armenier in der Türkei zu erdulden hatten, und da er merkt, wie wenig der Besucher darüber unterrichtet ist, wird er noch offener, ja: davon wußte man in Deutschland und Österreich nichts, man durfte nicht erfahren, daß der türkische Bundesgenosse einen Massenmord beging, wie ihn die Geschichte nicht kennt. Die türkischen Armenier wurden verfolgt, weil der Großteil ihrer Glaubensgenossen in „Feindesland" lebte. Sie wollten nach Mesopotamien auswandern, aber man drangsalierte sie unterwegs derart, daß Hunderttausende und aber Hunderttausende, Männer, Frauen und Kinder vor Hunger und Durst und Entkräftung gestorben sind. Der Rest wurde zu Tode gemartert oder, in Säcke genäht, ins Meer geworfen. Jetzt gibt es fast keinen Armenier mehr in der Türkei. Vor dem Kriege zählte die armenische Kirche insgesamt vier Millionen Seelen, jetzt nur drei, eine Million ist ermordet worden.

Der Katholikos von Etschmiadsin ist das Haupt der Kirche, in Beirut residiert noch ein zweiter Katholikos und in Konstantinopel und Jerusalem je ein Patriarch, aber sie unterwerfen sich in allen Fragen dem Heiligen Vater auf heiligem Boden, trotzdem jahrelang jeder Verkehr unterbunden gewesen ist. Seit zwei Jahren tauschen die kirchlichen Behörden des Auslands von neuem Briete mit dem Heiligen Stuhl, fordern Gutachten ein und sein Urteil in kirchlichen Streitfragen, und das oberste Konzil „Geraguin Chorurt" kann wieder zusammentreten. In der Sowjetunion wirken acht Bischöfe, außerdem einer in Boston, zwei in Persien, einer in Paris, dem die Kirchen von London, Berlin und Wien unterstehen, je einer in Rumänien, Griechenland, Ägypten und Bulgarien.

Das Schrifttum der armenischen Kirche reicht bis zum Anfang des fünften Jahrhunderts zurück, es gibt nicht nur Übersetzungen der gesamten biblischen Literatur, die in den Urtexten erhalten ist, sondern auch solche, deren griechische oder syrische Niederschritten verlorengegangen sind. Armenische Pergamente von allgemein wissenschaftlicher und künstlerischer Bedeutung sind vorhanden, theologische, poetische und historische Werke, die sich vor allem auf Persien, Syrien, den Kaukasus, Kleinasien und Byzanz beziehen.

In der Sakralbaukunst existieren kaum ältere Denkmäler, als sie die Armenier aufzuweisen haben, Ruinen aus dem fünften, sechsten und siebenten Jahrhundert, in welcher Zeit die Kirche der Gregorianer ihre erste Blüte erlebte. Damals wurden auf basilikale Gebäude armenisch-iranische Kuppeln gestülpt, der eigentliche armenische Ekklesiastil geschaffen. Vom Ende des neunten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts kommt während der Bagratidenherrschaft die zweite, und unter der Regierung der Sachariden die dritte große Epoche der Architektur. Ungemein entwickelt war auch die Miniaturmalerei und die Buchkunst. Unten im Museum sind Porträts der Fürsten, der Könige und der Heiligen und Szenen aus der Heiligen Schrift zu sehen, Gebetbücher, kostbare Evangeliare und Memoria aus dem zehnten Jahrhundert, mit reichgeschmückten geschnitzten Elfenbeineinbänden, goldenen und silbernen Initialen — Schätze in wissenschaftlicher Obhut, wie man sie hier an der Grenze Asiens kaum vermuten würde. Archiv und Museum sind gegenwärtig nicht mehr unter der Verwaltung des Heiligen Stuhles, sondern Staatseigentum.

Das Gespräch zwischen dem Katholikos, seinem Erzbischof und dem Besucher wendet sich jetzt von Altertum und Mittelalter der Neuzeit zu, und die kirchlichen Würdenträger sprechen über die Stellung der armenischen Kirche in Rußland. In der Zarenzeit wurde die armenische Kirche mit allen Machtmitteln unterdrückt. Von der Förderung, die die griechisch-katholische Kirche als Staatsreligion erfuhr, war natürlich für die armenische keine Rede. Aber darüber hinaus versuchte der Prokurator viele Schulen unter allerhand Vorwänden zu schließen, sämtliche religiösen Schriften mußten der Zensur vorgelegt werden, und der orthodoxe Zensor in Tiflis waltete orthodox seines Amtes. Es war schon in der kaiserlichen Ära ganz klar, wenn es auch nicht ausgesprochen werden durfte, daß die großen Pogrome, welche die Tataren in Baku, in Achitschewan, in Tschutscha und in zahllosen Dörfern gegen die Armenier verübten, von der Regierung geduldet und von ihren Organen unterstützt wurden. Viele Armenier kamen hierbei ums Leben; als Fürst Galizin kaiserlicher Statthalter im Kaukasus war, nahmen diese inszenierten Ausschreitungen sehr überhand und wurden wiederholt zu regelrechten Massakers.

Seitdem die Bolschewiki die Herrschaft ausüben, besitzt die armenische Kirche kein Eigentum mehr außer einigen Weinbergen, etwa vierzig Desjatinen für die Landwirtschaft, und die Kirchengebäude und die Wohnungen der Geistlichen, obwohl auch hier Grund und Boden Eigentum des Staates sind. Während viele griechisch-katholische Kirchen im Kaukasus, wo sie von Staats wegen ohne besonderes Bedürfnis aufgebaut worden waren, von den Kommunisten geschlossen und andern Zwecken dienstbar gemacht sind, ist dieses Schicksal den armenischen Kirchen fast nirgends widerfahren. Allerdings haben wir dem Staat keinerlei Anlaß zum Einschreiten gegen uns gegeben. Wir haben von dem Augenblick an, da das kommunistische Regime platzgriff, uns positiv dazu gestellt und haben in unseren Kirchen in diesem Sinne gepredigt. Tatsächlich führte unsere loyale Haltung dazu, daß man uns im großen und ganzen ungeschoren läßt. Anfangs wurde die Kirche von Anhängern der antireligiösen Bewegung, den Besboschniki, verhöhnt; jetzt hat diese Art der Propaganda bei uns jeden Boden verloren. Schmerzlich ist nur, daß wir kein geistliches Seminar besitzen, aber wir erhielten bereits die Versicherung, die Regierung habe im Prinzip nichts dagegen, wenn wir eine geistliche Hochschule eröffnen, die wissenschaftlichen Zwecken dient. Das Recht, die Schuljugend zu erziehen, ist uns von den Sowjetgesetzen genommen worden, aber nach dem siebzehnten und achtzehnten Lebensjahr darf jeder lernen, was ihm beliebt, und es kann uns daher nicht verwehrt sein, Jünglinge dieses Alters, die die Mittelschule absolviert haben, in unsern Spezialschulen für den geistlichen Beruf vorzubereiten. Wenn man uns gestattet, unsere Kirche zu haben, so muß man uns selbstverständlich auch erlauben, Seelsorger für diese Kirche heranzubilden.

Dieses war das Gespräch im Vatikan von Etschmiadsin. Der Papst reicht dem Gast zum Abschied die Hand und entzieht sie ihm, bevor dieser den Versuch machen kann, sie — sich dem strengen Rituale unterwerfend — zu küssen. Wir passieren den Audienzsaal, an dessen Wänden man die gemalten Spitzen des Ararat von Regensträhnen schraffiert aus der Sintflut emporragen sieht, wir gehen über den Hof, den noch immer der wirkliche Regen peitscht, wir bestaunen die Schätze des Museums, die Pergamente des Archivs und die Wände der Bibliothek, wir treten wieder hinaus und steigen in das Auto, dieweil der Himmel die Landschaft übergießt, als wollte er sie ertränken. Der Besucher, im Fond des Wagens sitzend, notiert sich einiges von den Mitteilungen des armenischen Papstes und seines Erzbischofs, denn - denkt er wenn selbst die Sintflut kommt, das Interview ließe sich auch nachher verwerten - könnte die Arche des zwanzigsten Jahrhunderts nicht ein Automobil sein?

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