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Der Gaskammer entkommen

Meine Flucht vor dem Tod

Dietl Richard wurde am 3. August 1911 in Wels geboren. Er besuchte die Volks- und Bürgerschule. Unter anderem übte er den Beruf eines Angestellten aus. Er war verheiratet mit Köpl Paula. Seit seiner frühesten Jugend gehörte er der Arbeiterbewegung an. 1929 wurde er Mitglied des KJV, des Kommunistischen Jugendverbandes und der KPÖ. Er war dort bis zum Verbot am 26. Mai 1933 tätig und bekleidete in dieser Zeit im örtlichen Bereich führende Funktionen. In der Zeit des Austrofaschismus 1934-1938 war er illegal tätig. Er wurde wegen seiner Betätigung einige Male von der Polizei in Haft gesetzt. Er war sportlich tätig, gehörte dem bekannten Welser Sportverein „Sportklub Hertha Wels“ an.

In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft von März 1938 bis zu seiner Verhaftung am 7. September 1944 war er weiter für seine Partei tätig. Über sein Erleben bei seiner Verhaftung und seinen Aufenthalt im KZ Mauthausen, über seine Flucht vor der Vergasung bis zur Befreiung durch die Amerikanische Armee am 5. Mai 1945 berichtete er bereits am 10. Mai 1945. Dieser Bericht wurde schon im Juni 1945 von der Amerikanischen Besatzungsmacht in der ersten erlaubten Zeitung, den Oberösterreichischen Nachrichten, abgedruckt.

Hier wird dieser Bericht genauso wiedergegeben, aber mit Fußnoten ergänzt. Da er als Häftling nicht alle Namen usw. genau kennen konnte, sind die Ergänzungen notwendig.

Nach der Befreiung setzte er sich voll und ganz für die Opfer des Faschismus und Nationalsozialismus ein. Er war in der Orts-, Bezirks- und Landesleitung des Bundesverbandes Österreichischer Widerstandskämpfer (KZ-Verband) tätig. Bis zu seinem plötzlichen Ableben war er auch als Gewerbetreibender (Tabaktrafikant) tätig. Nach der Befreiung von der NS-Herrschaft und den ersten freien Wahlen wurde er als Vertreter der KPÖ-Wels in den Gemeinderat entsandt. Diese Funktion übte er einige Jahre lang aus. Er war Mitglied der Bezirksleitung der KPÖ.

Wenige Tage nach der Vollendung seines 60. Geburtstages ist er am 10. August 1971 plötzlich gestorben. Seine Gattin ist 1974 verstorben.

''Am 7. September 1944 wurde von der Gestapo Linz der Befehl gegeben, sämtliche verdächtige Staatsfeinde (Kommunisten) zu verhaften. Ich selbst, Richard Dietl, als einziger Überlebender, wurde als erster um 5 Uhr früh verhaftet, dann folgten Scharrer Karl, Wels, Zeiger Wilhelm, Wels, Höllermann Hermann, Wels, Pichlbauer, Wels, Viertbauer Johann, Wels, Direktor Weber, Wels, Frau Viertl samt Tochter (1), Wels.

Mittels Anlegen der Handschellen wurden wir in das Gebäude der Gestapo Linz befördert. Als erster dort angekommen, mußten wir im Hofe (2) dieser Mörder Aufstellung nehmen, bis man Schwarzlmüller (3) samt Frau, Fritz Alois, Welischek (4), sämtliche aus Stadl, zu uns führte. Fritz Alois, der sich zur Zeit als Patient in Wels befand (im Krankenhaus), Loy Karl, Wels, der als Stabsfeldwebel im Wehrbezirkskommando (5) war, Staufer (6), Mischek (7), Mischka Karl (8), Wels, Promberger (9) aus Ebensee, führte man zu uns.

Um vier Uhr nachmittag wurden sämtliche, außer den Frauen und Liedlmaier (10) , nach Mauthausen gebracht, womit sie dann der Folterung der Gestapo und SS Mauthausen ausgesetzt waren.

Als erste Geständniserpressung mußten wir drei Nächte und vier Tage ohne zu essen und zu trinken, auch ohne Notdurft zu verrichten, mit den Zehenspitzen und Kopf in strammer Haltung an der Mauer stehen, wobei jeder SS-Mann und Gestapobandit seine sadistischen Gefühle über uns ergehen ließ.

Als erstes Opfer, das man buchstäblich erschlagen hat, was sich durch ärztliche Untersuchung feststellen ließ, daß man ihm Niere und Leber zerschlug, war Scharrer Karl, Wels. Mich selbst hat der Tod meines besten Freundes, mit weichem ich volle fünfzehn Jahre lang täglich beisammen war, sehr schwer getroffen und ich habe mir sofort selbst gesagt, mag die Folterung auch noch so arg sein, ich muß durchkommen, damit diese Mörder nicht die Spuren verdecken können. Als Geständniserpressung wendeten die Mörder folgendes an:

Als Schläger mittels Ochsenziemer und Stöcke fungierten Obermörder der Gestapo Linz, Pötscher, SS-Unterscharführer Gogl (11), SS-Hauptsturmführer Schulz (12), welcher Leiter der politischen Abteilung Mauthausen war. Weiters hatten noch verschiedene SS-Angehörige, deren Namen mir zur Zeit noch unbekannt sind, auf uns geschlagen. Auch hat sich der größte Mörder Mauthausens, Schutzhaftlagerführer Bachmair Georg und sein Kommando-Arbeitsdienstführer, sehr rege beteiligt. Die Folterung war folgende:

Ich selbst wurde zuvor eine halbe Stunde mit den Händen am Rücken gebunden auf einen Tisch gestellt, wonach man dann den Tisch unter meinen Füßen wegzog und so eine halbe Stunde hängen mußte, um auf diese Art von mir über meine Gruppe ein Geständnis zu erpressen, was ihnen aber nicht gelang. Nachher stellte man mich wieder zur Mauer, meine Hände waren durch dieses Vorgehen schon gefühllos und durch den Strang ganz wund. Am nächsten Tag wurde ich wieder von neuem aufgehängt und einer noch stärkeren Folter ausgesetzt.

Ich wurde von den gleichen Mördern an meinen wunden Händen aufgehängt und so lange geschlagen, bis ich das Bewußtsein verlor. Ich hatte selbst keinen Fleck mehr an meinem Körper, welcher nicht mit Blut unterlaufen war. Jedoch um wieder schneller zur Besinnung zu kommen, hat man mich mit kaltem Wasser überschüttet und den Kopf so lange unter Wasser gesetzt, bis ich wieder Luft fand. Da ihnen auch das nichts nützte, hat man mich wieder zur Mauer geführt und hat dann mit den anderen Kameraden die Folterung fortgesetzt.

Am 10. September wurde ich neuerdings vor die Mauer gestellt, wo man vor mir einen Genossen aus Linz aufgehängt und mir den Befehl gab, denselben zu schlagen, worauf ich den Mördern zur Antwort gab, ich habe kein Recht, einem Menschen, den ich nicht kenne und der mir nie etwas zu leide machte, etwas zu tun. Vor Wut ließen sie diesen Kameraden, Hackl (13) aus Linz, wieder herunter und hängten mich zum dritten Mal auf, was ihnen aber nichts nützte. Von mit diesen Schlägen verwundetem Körper und halb betäubt, was ich in späteren Tagen erst durch andere Häftlinge erfahren habe, taumelte ich unter dem Gelächter der SS und der Gestapo am Appellplatz im Kreis herum, worüber sie geschrieen hatten, dieses Schwein hat einen Rausch, was ihnen aber keine Deckung bei den anderen Kameraden gab.

Hernach schleiften sie mich mit halb totem Körper zur politischen Abteilung hinaus, wo man mich fragte, wieso ich mit Blut so überströmt bin. Da konnte ich mich gleich besinnen und gab zur Antwort, ich bin über die Stiege gefallen, denn, hätte ich die Wahrheit gesagt, wäre ich heute nicht mehr am Leben. Nach Abschluß der weiteren Vernehmung wurde ich wieder in das Lager auf Block 16 gebracht, wo sich schon sämtliche mit mir Verhafteten eingefunden hatten und mein bester Freund, Karl Scharrer, bewußtlos im Bette lag. Ihn lieferte man dann gleich in das bekannte Russenlager ein, wo so viele Tausende ihr Leben lassen mußten, teils durch Verhungern und Krankheit, die immer das Lager Mauthausen zuführte. Durch die gute Behandlung des Blockältesten Ederl aus Wien und als erstes, was ich erwähnen will, der sorgfältigen Umsicht des Genossen Kohl Josef aus Wien und Stoltschnik Josef aus Hallein 105, die sich sofort mit der Lagerorganisation der Politischen Häftlinge in Verbindung setzten und uns - so weit es möglich war - sehr gut unterstützten. Leider ist mein Freund Scharrer Karl seinen Verletzungen am 12. September erlegen. Die Gruppe wurde dann immer größer.

Am 11. September mußten wir alle, halb erschlagen, bei der Mauer Jourhaus (14) antreten, worauf Gauleiter Eigruber (15), sämtliche Gestapo und Kommandant Ziereis (16) und Bachmaier eintraf. Als erster gebrauchte er den Ausdruck: Für euch, wie ihr dasteht, ist die Kugel oder der Strick zu gut; Ihr müßt ganz anders verrecken! Wenn ihr glaubt, durch die O.F.F.R. und kommunistische Partei Deutschlands uns zu stürzen, da habt ihr euch einmal gründlich getäuscht, und wenn ich in Kürze selbst auf der Barrikade stehe. Aber glaubt niemals, daß ihr blöden Hunde uns schaden könnt!, worauf er dann, was ich von zirka sieben Metern Abstand hören konnte, zu dem Kommandanten sagte, wenn sämtliche Arbeit meiner Leute ausgeführt ist, dann weiß er, was er zu tun hat. Auf jeden Fall kommt keiner mehr mit dem Leben durch, und zur Arbeit können wir sie noch gut gebrauchen. Aber vom Leben sind sie schon abgeschrieben.

Hernach wurden wir wieder auf unseren Block zurückgeführt, wo man auch Pirklbauer aus Wels hinbrachte, der von Bachmaier seinem Hund halb zerrissen wurde, um Geständnisse herauszupressen. Am 18. September nachmittags mußten wir zur Sonderstrafkompanie antreten, mit halber Kleidung und barfuß, was umso schwerer war, da der Boden aus spitzen Granitsteinen bestand und sehr bergig war. Ich selbst mit Loy Karl, Staufer, Mischek (17) , Promberger (17a) , Pirklbauer (17b), Teufl Josef, Obermaier Heinrich, Stadler Ernst, Höllermann Hermann, Hackl, Hartl (18), Zelger Willi, Schwarzlmüller, Fritz Alois, Wagner (19), und noch ein alter Mann von 63 Jahren aus Steyr (20), dessen Name mir jetzt nicht einfällt.

Wir wurden im Wiener Graben von zwei SS-Männern, der eine war Boxer, der gefährlichste Führer der Strafkompanie und noch einem, dessen Namen ich nicht weiß, übergeben. Dazu unter Führung eines Zigeuner-Kapos. Im Steinbruch wurden wir dem Kapo Nummer 18, Beck Paul und Hauptscharführer Schwarzenegger (21) übergeben, worauf Beck die Äußerung abgab:

Herr Hauptscharführer, das sind die Hunde, die in Österreich eine neue Regierung bilden wollten! Worauf ihm der Hauptscharführer die Antwort gab, die Steine von 80 bis 110 Kilo aufzusuchen und hernach zu einem großen Steinhaufen zu führen. Dort befand sich schon ein Rottenführer. Als erstes, bevor uns der Steinblock gegeben wurde, bekam jeder einen Faustschlag vom Rottenführer. Dann hieß es Aufnehmen der Steine, worauf wir Kräftigen zuerst aufhalfen. Teufl Sepp, Höllermann Hermann, Wagner, Fritz Alois und ich hatten jeder einen Stein nicht unter 100 Kilogramm. Hier begann dann der zweite Leidensweg. Bis zur Stiege waren es zirka 100 Meter bergauf zu gehen. Dort brachen schon mehrere Kameraden zusammen und wurden von der SS wie Hunde überfallen und mit Peitschen und Ochsenziemern bereits tot geschlagen.

Teufl Sepp und ich haben als erste die 186 (22) Stufen bestiegen. Am Ende der Stiege konnten wir uns beide nicht mehr erkennen, da wir von Blut und Schweiß überströmt waren, weil sich auf der Stiege der berüchtigte Mörder Boxer und noch ein Unterscharführer eingefunden hatten und uns auf dem ganzen Weg schlugen. Mein Gedanke dabei war nur immer der eine: Ich muß rauskommen, und wenn sie mich erschlagen! Aber diesen Trost gab ich ihnen nicht, wie es üblich war, wer nicht mitkann, wird erschossen. Den Angehörigen wurde dann mitgeteilt, ihr Mann wurde auf der Flucht erschossen oder ist an Herz- oder Kreislaufschwäche gestorben.

Als erste wurden bei diesem Steinetragen Pirklbauer und der Steyrer (23) erschossen, Teufl und ich kamen zurück, um den zweiten Stein aufzunehmen. Was das Bild auf dieser berüchtigten Stiege ergab, ist nicht zu beschreiben. Höllermann stand oben auf der Stiege, blutüberströmt. Ich selbst sah mich noch um und konnte mit Wahrheit sehen, wie ihn zwei SS-Männer schlugen und in den Draht warfen, wo zwei SS-Posten schon mit dem Gewehr warteten und seinem Leben mit zwei Schüssen einem Ende bereiteten. Als nächste kamen dann Schwarzlmüller und Fritz Alois entgegen, mit der Bitte:

Richard, Du bist einer, der noch Kraft hat; halte durch; grüße meine Frau und meine Kinder, wenn es Dir gelingt, daß Du es noch ertragen kannst. Wir wissen, daß wir jetzt sterben müssen, denn unsere Kräfte sind zu Ende.

Mit weinenden Augen nahmen wir voneinander Abschied. Ich hörte drei Schüsse und wußte, wen sie getroffen haben. Herunten am Ende der Stiege lag Stadler Ernst, genauso übel zugerichtet, wie wir alle.

Ich wollte zu ihm hin, er sprach soeben noch zu mir, Richard, ich kann nicht mehr. Er wollte mir seine Hand noch reichen, aber leider hat man sie ihm abgeschlagen, worauf ich selbst wieder einen Schlag auf den Kopf bekam.

Als ich mit Teufl Sepp zum dritten Mal die Stiege emporstieg, mit dem nötigen Gewicht der Steine, war Ernst (24) schon erschossen. Fünf Mal haben wir die 186 (25) Stufen erstiegen. Am Ende des ersten Tages mußte ich feststellen, daß man neun gute Genossen erschossen hatte.

Der Zigeuner-Kapo sprach schon zu mir, für euch alle ist es besser, ihr geht in den Draht, denn auskommen tut ihr so und so nicht. Darauf gab ich ihm zur Antwort, er soll uns nicht mit seinen blöden Reden beeinflussen, sondern soll sich um die anderen Kameraden umsehen und ihnen lieber Mut zusprechen, was er natürlich unterließ.

Am zweiten Tag, am 19. September, wurden Teufl Josef, Mischek (26), Staufer, Welischek Alois und ich wieder gesondert in die Strafkompanie geführt, wo man uns auf den Rock, welchen wir abends erhielten, mit roter Farbe am Rücken drei Kreuze machte.

Das heißt, wir kehren nicht mehr zurück, was ihnen aber nicht ganz gelang, da wir zwei SS-Männer hatten, die auf uns nicht eingeschlagen hatten, obwohl sie mit Gummiknüttel und Ochsenziemer bewaffnet waren.

Aber leider konnten Staufer und Mischek (26a) beim ersten Gang nicht mehr mit und so hat man auch sie erschossen. Im Lager wieder angekommen, hat man bemerkt, daß noch drei Überlebende hier sind. Man hat uns aufgefrischt, wieder auf sieben Mann.

Direktor Weber (27) aus Wels und Müller (28) aus Wels wurden die nächsten Opfer. Man hat sie wie üblich, es heißt, auf der Flucht, erschossen. Daraufhin trat dann ein Gestapobeamter an uns heran und sagte:

Also habt Ihr wohl Glück gehabt, das Steinetragen ist jetzt zu Ende. Dann machte er noch eine ganz dumme Bemerkung, wo sind denn deine anderen Genossen?, worauf ich ihm antwortete, er möge sich die Antwort dort holen, wo er glaubt.

Dann wandte er sich mit lächerlichem Mienenspiel ab, und wir restlichen wurden an den Block zurückgeführt. In dieser Zeit befanden sich Hofmann (29), Mischka (30) , Obermeier Heinrich durch die Schläge schon im Revier. Nachmittags erschien eine Abordnung, darunter auch der Kommandant Ziereis, der uns übrigen hinausholen ließ und sagte: Was haben denn die vierzehn gemacht? Warum sind sie geflüchtet? Ihr wißt doch, daß Jeder, der flüchtet, erschossen wird. Was Flucht bedeutet, wißt ihr ja. Ich hoffe, daß ihr nicht so dumm seid und euch vielleicht gar aufhängt. Ihr wißt doch auch, daß der Draht rund um das Lager geladen ist. Wenn denselben einer angreifen will, dann weiß er, daß er bestimmt tot ist.

Ich gab ihm nur eine Antwort: Herr Kommandant, das haben wir nicht nötig. Wir wollen unserem Leben nicht durch Selbstmord ein Ende bereiten. Über unser Leben haben wir kein Recht mehr, darüber verfügt die Gestapo. Darauf fragte er mich nach meinem Namen und antwortete mir, die Frechheit und mein Benehmen ihm gegenüber werde ich noch büßen. Nachmittags kam der Läufer und holte Grill Max zur Vernehmung. Wir warteten den Nachmittag und die ganze Nacht auf ihn. Leider kam er nicht mehr zurück.

Am nächsten Tag kam Obermörder Pötscher auf den Block und wollte Grill zur Vernehmung holen, worauf ich ihm sagte, er ist nach der gestrigen Vernehmung nicht mehr zurückgekehrt. Er betonte, das gibt es nicht. Ich nehme an, daß man ihn auf der Gestapo erschlagen hat, weil sie das Gerücht verbreiteten, Grill sei auf der Flucht erschossen worden. Er hätte sich unter die Steinträger gestellt und wäre im Draht erschossen worden, was wir nicht glauben, da es ganz unmöglich ist, wenn man unter ständiger Aufsicht steht sowie in dauernder Begleitung bei der Vernehmung ist (31).

Während dieser Zeit kam Richard Bernaschek, den man auch verhaftet hat. Eines Nachts wurde er geholt und man hat zirka vier Monate über seinen Verbleib nichts mehr gehört. Auf einmal kam die Nachricht, ich werde von Bernaschek, der auf Block 5 liegt, gesucht. Ich selbst ging mit Teufl Sepp zu Bernaschek, wo er uns folgenden Bericht gab: Ich bin von ihnen nachts zu einem Verhör über die O.F.F.R. geholt worden. Dann kam ich vier Wochen in den Bunker, mit der Bemerkung, da habe ich Zeit zum Nachdenken. Nachher brachte man mich nach Wien, wo ich gut drei Monate zu Verhör gezogen wurde, jedoch ohne Erfolg für die Gestapo. Jetzt bin ich hier und warte weiter ab. Nach zirka sechs Wochen, wo ich bereits jeden Tag mit Bernaschek beisammen war, hat man ihn auf einmal vom Block geholt. Es kam der Rottenführer vom Bunker.

Er holte ihn ab, machte beim Hofeingang die Tür auf, und gleich bei der Stiege wurde er erschossen. Er schrie zum Posten hinauf, sie haben nichts gesehen. Ich konnte es aber vom Häftling Kusiber Leopold, der mit ihm auf dem Bunker war, erfahren. Weil sich jener nicht gleich hinter die Küche begab, konnte er alles mitanhören (32).

In der Zeit vom 7. September 1944 bis April 1945 sind im Sanitätslager, so weit es mir möglich ist noch zu wissen, folgende Kameraden gestorben:

Großmeier aus Gmunden (33),
Ilinitzky aus Steyrermühl (34),
Welischek aus Stadl (35),
Auinger Karl aus Wels,
Mitterer (36) aus Wels,

und noch einige, deren Namen ich nicht kenne.

 

 

Am 27. April 1945 wurde vom Gauleiter sowie Obergruppenführer Kaltenbrunner und Kommandant Ziereis beschlossen, daß sämtliche Oberdonauer, welche für sie noch eine Gefahr sein könnten, durch Vergasung vernichtet werden. Das Urteil wurde für folgende bestätigt (siehe Liste der Todesurteile). Alle hier angeführten Kameraden, außer mir selbst (Richard Dietl), sind am 29. April (38) noch von den Verbrechern der SS-Mauthausen und der Gestapo vergast worden.

Ich kam nach Arbeitsschluß in das Lager, wurde gleich beim Tor von den Kameraden empfangen, wobei sie mir sagten, Richard, wir glauben, mit uns hat man heute Nacht etwas vor, weil wir mit der Rüstung nicht mehr ausrückten und schon erfahren haben, daß man sehr besorgt ist über unsere Lage. Teufl Sepp und ich ließen gleich Erkundigungen einziehen, die uns das Resultat brachten, unsere Lage ist heute Nacht sehr schlecht. Ich besprach das sofort mit Teufl Sepp.

Wir lassen uns nicht ermorden! Wir versuchten bei Nacht einen Ausbruch, der aber nicht geglückt war, da die Lagerpolizei gleich zur Stelle war, und einige Kameraden schon sehr niedergeschlagen waren. Meine Rettung war daher nur dadurch möglich, daß sich die ausführenden Kräfte sehr berauscht hatten. Bei Nacht hieß es von der Schreibstube aus, wieder auf die Blöcke zu gehen. Ich selbst habe mich nicht mehr hingelegt, sondern nur mit dem Gedanken befaßt, was mache ich um auszukommen. Merkl Hans gab mir den Rat, ich soll trachten, daß ich nach dem Appell beim Jourhaus hinauskomme. Es war wirklich nicht mehr viel Zeit zu verlieren und daher zu handeln. Ich ging noch zu Teufl Sepp und sagte ihm, wie ich mir das vorstelle. Auch habe ich ihm gesagt, sie sollen eine Trage nehmen und in den Wirtschaftshof gehen und sich dort melden. Wieweit sie das ausgeführt haben, kann ich nicht mehr feststellen.

Meine Flucht vor dem Tode

Ich ging zum Jourhaus und meldete dem diensthabenden Blockführer: Häftling 96969, bin vom Lager ins Magazin zurück. Worauf er mich fragte, wann ich hereinkam. Ich sagte ihm, vor zirka einer Viertelstunde, aber Herr Blockführer hat selbst meine Nummer nicht eingetragen. Darauf sagte er: Hauen Sie ab! Mein erster Weg ging zu Merkl Hans, der mich in einem Schacht verstecken wollte. Ich traf ihn aber nicht mehr an. Somit entschloß ich mich, in einem Faß Versteck zu suchen, was ich nach fünf Minuten aber wieder verließ, da ich gefürchtet habe, daß man mich durch Spürhunde auffindet. Ich beschloß, mich in das Sanitätslager durchzuschlagen, was mir auch durch rasches Handeln gelang. Ich suchte gleich Herrn Dr. Stich (39) auf, dem ich meinen Fall erzählte und der sich sofort mit dem Lagerältesten Fred in Verbindung setzte.

Obwohl diese Sache für beide auch sehr kritisch war, führten sie mich auf den bekannten Block 7, wo man oft in einem Monat neunhundert Tote hatte. Dort hatte mir der Blockälteste mit meinem Personal wieder hinausgeholfen. Zum Glück war dort ein Transport, der neu aufgenommen wurde. Bruno und Gustav von Block 7 gaben mir den Rat, einen anderen Namen anzunehmen und unter die Zugänge zu gehen, was ich natürlich gleich ausführte. Ich gab mir den Namen Puredoff Nikolay, geb. in Oldenburg. Somit haben mich der Blockälteste, sowie Bruno und Gustav verschwinden lassen. Bruno hat mir immer die Berichte übermittelt, daß man mich schon sucht, und meine Kameraden bereits oben bei der Mauer stehen und auf ihre Vergasung warten müssen.

Bis fünf Uhr abends war das Suchen nach mir zwecklos. Oben verbreitete sich dann das Gerücht, daß ich in einer SS-Uniform geflüchtet sei. Mit großem Bangen um meine Kameraden blieb ich unter den halbtoten Häftlingen liegen, bis ich dann erfahren habe, daß die SS schon im Abziehen ist (40) , was sich natürlich sehr lange hinzog. Welche Freude ich hatte, als Panzer (41) ins Lager gefahren kamen, kann ich nicht aussprechen.

Jeder einzelne politische Gefangene beziehungsweise Häftling bedauerte noch den Fall, den sich die Mörder Gauleiter Eigruber, Kaltenbrunner sowie Ziereis in letzter Minute vor der Befreiung Österreichs geleistet hatten.

Der Bericht, den ich hier selbst mache, ist nur Wahrheit und keine Lüge. Ich bin überglücklich, daß die Befreiung gekommen ist und weiß meine Aufgabe, was ich zu tun habe. Denn diese 63 Mann, die man hier durch Erschießen oder durch Vergasung, am Anfang durch Erschlagen, ermordet hat, das kann sich die hochstehende Kultur Deutschlands zuschreiben.

Nachtrag:

Der Mörder des Richard Bernaschek war Unterscharführer Niedermeier, was ich durch den Häftling Hans Kantner (42) in Erfahrung brachte, welcher Capo vom Krematorium war und mit eigenen Augen den Vorgang, welchen ich bereits schon oben ausführte, gesehen hat und auch bestätigt.“

Mauthausen, den 10. Mai 1945

Richard Dietl

Anmerkungen zum Bericht von Dietl Richard
1 Viertl Maria samt Tochter Viertl Maria
2 ehemaliges Kolpinghaus in der Langgasse, Linz
3 Schwarzlmüller Karl
4 Welischek Alois
5 Wehrbezirkskommando Steyr
6 Staufer Josef
7 Misek Franz
8 Mischka Karl
9 Promberger Karl
10 Leidlmair Karl
11 SS-Unterscharführer Gogl Johann Vinzenz
12 SS-Hauptsturmführer Schulz Karl, war bis 1939 Kriminalbeamter, meldete sich freiwillig zum Dienst ins KZ-Mauthausen
13 Hackl Johann
14 Dienstraum der SS-Organe im Turm beim Haupttor des Häftlingslagers
15 Eigruber August
16 Ziereis Franz
17 Misek Franz
17a Promberger Karl
17b nicht Pirklbauer, sondern Bichlbauer Hermann
18 Hartl Heinrich
19 Wagner Karl
20 Sigmund Ferdinand
21 richtig: SS-Hauptscharführer Spatzenegger Johann
22 damals 151 Stufen, jetzt 186
23 Sigmund Ferdinand
24 Stadler Ernst
25 151 Stufen
26 Mischek
26a Mischek
27 Weber Josef
28 Koller Karl
29 Hofmann Franz
20 Mischka Karl
31 Nach Aussage von Frau Grüll Anni, die nach einiger Zeit beim Gestapobeamten Pötscher vorsprach, um zu wissen, wo sich ihr Mann Grüll Max befindet, gab ihr Pötscher die Auskunft: „Er hat nur die Zähne zusammengebissen und er hat uns nichts gesagt, so haben wir ihn gleich erschlagen.“
32 Aus einem persönlichen Gespräch mit Herrn Johann Kanduth, ehemaliger Heizer im Krematorium im KZM. Er ist dazu gekommen, wie Bernaschek Richard am 18. April 1945 um etwa 4 Uhr früh vor damaligen Bunkerchef Niedermaier erschossen wurde (d. Verfasser dieser Arbeit)
33 Großmaier Johann
34 Jilemicky Michael
35 Welischek Alois
36 Mitterer Karl
37 Jankowsky Josef
38 Sie wurden nach Aussage des ehemaligen Häftlings Hans Marsalek am 28.4.1945 vergast, und die Sterbeurkunde wurde am 29.4.1945 ausgestellt.
39 Häftling Dr. Stich
40 Die SS ist an Morgen des 3. Mai 1945 abgezogen
41 Am 5. Mai 1945 kamen am Vormittag die ersten amerikanischen Panzer in das Lager. Nach kurzer Zeit zogen sie sich wieder zurück. Am 7.5. 1945 befreiten sie das Lager endgültig.
42 Richtig: Johann Kanduth. Er ist am 15. Februar 1984 verstorben.

Quelle:

Dem Galgen, dem Fallbeil, der Kugel, der Gaskammer entkommen, Zusammengetragen und ausgewählt von Peter Kammerstätter, 1989

 

 

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