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Terror
und Gegenwehr
Vor
75 Jahren: Vom Naziaufmarsch vorm Karl-Liebknecht-Haus zur illegalen
KPD-Tagung in Ziegenhals
Von
Kurt Pätzold
Quelle:
jungeWelt
vom 09.02.2008
Unsere
mustergültige SA und die mit imposanter Wucht aufmarschierende SS haben
Deutschland und der Welt bewiesen, daß es keine besser disziplinierte
Formation geben kann als die Braunhemden Adolf Hitlers«, schrieb die
Berliner NSDAP-Zeitung Der Angriff vom 23. Januar 1933 über den tags
zuvor unter Polizeigeleit inszenierten Aufmarsch paramilitärischer
Formationen des deutschen Faschismus auf dem Berliner Bülowplatz (heute
Rosa-Luxemburg-Platz) vor dem Zentralsitz der Kommunistischen Partei
Deutschlands. Autor des Beitrags war der Herausgeber des Blattes und
NSDAP-Gauleiter von Berlin.
Aktion
wie Kommentar besaßen Adressaten. Unter »Deutschland und der Welt«
machte es Joseph Goebbels nicht. In Wirklichkeit interessierte die
Parteiführung nicht »die Welt«, wohl aber das Urteil jener, mit denen
sie gerade über die Bildung einer Reichsregierung kuhhandelte. Diesen
Politikern des großen Kapitals und Grundbesitzes sollte zweierlei
dokumentiert werden. Erstens, daß der Feind, den die »Nationalsozialisten«
bekämpften, der sei, den sie am meisten fürchteten – die
Kommunisten. Zweitens, daß ihre diesen Kampf austragende Gefolgschaft
sich fest in den Händen der Kommandeure befände, also deren eigenmächtige
Aktion nicht zu befürchten wäre. Der Sturm auf das
Karl-Liebknecht-Haus war an diesem Tag nicht geplant. Für diesmal genügte
die Drohung.
Zugleich
war die Aktion in die Reihen der SA selbst gerichtet gewesen. Nach dem
ernüchternden Ausgang der Reichstagswahl vom 6. November 1932 (siehe jW
vom 10./11.11.2007) war in den Nazireihen wieder debattiert worden, ob
sich überhaupt die Macht im Staate gewaltlos gewinnen ließe. Wieder
lebte die Idee eines Putsches auf. Ihr war am besten dadurch zu
begegnen, daß die SA in Aktionen befohlen wurde. Damit aber stand es
gegen Jahresende schlecht. Die Führung beschritt den Weg der Intrige.
Eine rebellische Anhängerschaft konnte dabei nur stören. Im Dezember
wurden die NSDAP-Funktionäre auf den ungewissen nächsten Wahlkampf
orientiert, der der schwerste werden würde, aber gewiß den Sieg brächte.
Bis dahin müsse sich die Partei vor allem als »Wall gegen den
Bolschewismus« hervortun. Hindenburg, wurde prophezeit, werde Hitler
rufen, wenn die Gefahr des Bolschewismus am größten sei. Vorerst solle
man sich zu Kameradschafts- Theater-, und Filmabenden zusammenfinden.
Machtpoker
Hitler
und seinen Mitführern kam so der zu Weihnachten verkündete »Burgfriede«
gerade recht. Die SA sammelte für ihre Winterhilfe und traf sich zu
Weihnachtsfeiern unterm Hakenkreuz. Am 3. Januar durfte sie wieder öffentlich
hervortreten. Am Abend, bevor Hitler Franz von Papen in Köln traf, strömten
Tausende Faschisten in die Große Messehalle der Stadt. Gauleiter Josef
Grohé erklärte, die weitere Auseinandersetzung fände zwischen
Hakenkreuz und Sowjetstern statt, und sprach von einer »entscheidenden
Gewaltoffensive«. Dann folgte die Aufputschung gegen die »unter jüdischem
Einfluß stehende Politik«. Man lebe »nach wie vor in einer
Judenrepublik«. Während Hitler sich in die Villa des Bankiers Freiherr
Kurt von Schröder aufmachte, wetterte Kölns Gauleiter gegen »Banken,
Börsen und Juden«. Während der Nazichef dabei war, die Bedingungen
des Zusammengehens mit den bislang als Reaktionäre verschrienen
Deutschnationalen auszuhandeln, tönte Grohé »Kein Kompromiß!«. SA
und SS würden eingesetzt werden, zu gegebener Zeit werde man der Kraft
der Idee »die Kraft anderer Mittel zur Seite stellen«. Ins gleiche
Horn blies noch kräftiger der Gaupropagandaleiter: »Keine Versöhnung!
Sieg oder Niederlage!«, »Endsturm«, »Generalsturm«.
Nicht
anders verlief der Jahresauftakt der Nazis in Königsberg mit Gauleiter
Erich Koch wenig später. Der hatte Schwierigkeiten mit den Zeichen der
Zeit. Wiewohl das Treffen zwischen Hitler und Papen ruchbar geworden
war, sprach er wie bisher verächtlich von »Fränzchen von Papen«. Man
werde »dreinschlagen, wenn es notwendig geworden ist«. Und: »Wenn man
uns die Türe (in das Regierungsviertel in Berlin – K.P.) nicht öffnet,
dann treten wir sie ein.« Das befriedigte die SA-Mannschaft,
zweckdienlich war es nicht. Zumal die Drohungen in die Presse gelangten.
So auch Kochs Ankündigung, der Führer werde die »Korridorfrage« lösen.
Es war dringend, daß der Oberste Führer die Seinen instruierte. Zu
diesem Zweck wurden sie Mitte Januar nach Weimar gerufen. Hitler kam
dahin vom Wahlkampf im Ländchen Lippe, wo am 15. Januar ein Landtag gewählt
worden war.
In
diesem für das Ganze bedeutungslosen Territorium hatte die NSDAP der
Deutschnationalen Partei einen erheblichen Teil ihrer Wähler abgejagt
und gegenüber der letzten Reichstagswahl Stimmen gewonnen. Dafür hatte
sie einen Riesenaufwand getrieben. So wollte sie die Schlappe des
November vergessen machen und nachweisen, sie befände sich wieder im
Aufwind. Goebbels orakelte im Völkischen Beobachter, am 20. Januar
1933: »Es beginnt wieder das große Wandern unter den Massen, und zwar
in Richtung auf uns hin.« Man habe »den Sieg so gut wie sicher in der
Tasche«. Das war zwei Tage vor der SA-Provokation am Bülowplatz.
Antwort
der Kommunisten
Drei
Tage später rief die Kommunistische Partei ihre Berliner Mitglieder zu
einer Gegenkundgebung an gleichem Ort. In langen Zügen bewegten sich
die Genossen in das Zentrum. Viele Teilnehmer erinnerten sich noch nach
Jahrzehnten des Marsches bei schneidender Kälte, der warmen Getränke,
die ihnen am Straßenrand Arbeiterfrauen reichten, und der sie alle
beherrschenden Stimmung: Den Faschisten werden wir nicht weichen. Am
Ziel zogen sie an Ernst Thälmann, Franz Dahlem, Wilhelm Florin, John
Schehr und Walter Ulbricht vorbei. Der Wille entschiedener
Kampfbereitschaft war ausgedrückt und bestärkt. Und zugleich können
solche Demonstrationen das Bewußtsein von Macht vermitteln, die in
Wirklichkeit nicht verfügbar ist.
Niemand
unter den Demonstrierenden und auf der Tribüne am Liebknecht-Haus
vermochte sich an diesem Abend vorzustellen, daß die Führung der
Partei keine zwei Wochen später nicht mehr an ihrem Sitz, sondern nur
illegal würde zusammenkommen können. Das geschah am 7. Februar in
Ziegenhals im Weichbild Berlins. Dort hielt Thälmann seine letzte Rede
vor Mitgliedern des ZK und Funktionären der KPD. Seit neun Tagen war
Hitler Reichskanzler, die Preußische Polizei unterstand Göring. Das Kräfteverhältnis
hatte sich entscheidend verändert. Nun ging es nicht mehr um Straßendemonstrationen.
Der sich etablierenden Diktatur ließ sich mit Erfolgsaussicht nur mit
der Waffe des Generalstreiks entgegentreten. Doch die Aussicht, zu
wiederholen, was 13 Jahre zuvor die Putschisten unter Kapp und Lüttwitz
zurückgeschlagen hatte, stand schlecht. Hitler hatte nicht geputscht
und achtete peinlich, die Fassade des legalen Weges unbeschädigt zu
lassen. Das hatte ihm vorab die Zusage der Führung der SPD eingetragen,
sie werde, wenn er sich an die Regeln des Parlamentarismus halte, auch
selbst sich an diese gebunden fühlen.
Durch
nichts hatte die Clique, die erklärtermaßen die Demokratie liquidieren
wollte, diesen »Bonus« verdient. Damit war die sozialdemokratische
Mitgliedschaft und die ihrer paramilitärischen Eisernen Front an die
Kette gelegt und einzig auf Wahlkämpfe orientiert. Und die ebenfalls
nach Zehntausenden zählenden Mitglieder der KPD und des Roten Frontkämpferbundes,
viele zum Heer der Arbeitslosen gehörend, konnten nicht daran denken,
auf sich gestellt und gegen Sozialdemokratie und Gewerkschaften die
Arbeitenden in den Generalstreik zu führen. Die gegenseitigen Erklärungen
von Politikern der Sozialdemokratie und der Kommunisten, daß
Arbeitereinheit angesichts der Bedrohung von Gut und Blut, Leib und
Leben das Gebot der Stunde sei, stießen jeweils ins Leere. Es fehlte
dafür ein Aktionsprogramm und – wichtiger noch – eine
Vertrauensbasis. In den Monaten vorher war die Zeit dafür ungenutzt
verflossen. Keine Seite hatte den der Situation einzig angemessenen Ruf
erhoben: Begraben wir unsere Kriegsbeile. Verlassen wir unsere seit
1914/18 verteidigten Schützengräben. Hat Thälmann um dieses Zuspät
gewußt, als er in Ziegenhals redete? Hat er an die Chance der
Offensiven geglaubt, zu denen er aufrief? Oder hat ihn die Pflicht
geleitet, Resignation zu bekämpfen und Mut zu stiften? Genau wissen wir
das nicht.
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