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„Wir
stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte
Schuldige vor den Richtern der Völker steht!“
Gedenkveranstaltung
auf dem Gelände des ehemaligen faschistischen Konzentrationslagers
Buchenwald am 5. April 2009 gegen 13:30 Uhr aus Anlass des Jjahrestags
der Selbsstbefreiung des Lagers
Am
11. April 1945 befreiten sich – unter Führung des Internationalen
Lagerkomitees – die Häftlinge des KZ Buchenwald von den
faschistischen Schergen.
Das
Gedenken an die Opfer des Faschismus und der Schwur von Buchenwald sowie
seine alljährlichen Erneuerung – wie seit 64 Jahren – sind auch in
diesem Jahr,
am
05. April 2009 gegen 13:30 Uhr,
gemeinsam
mit ehemaligen Häftlingen eine notwendige Aufgabe im Kampf gegen
Faschismus, Krieg und Barbarei, dieses Gelöbnis zu manifestieren:
„Wir
stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den
Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen
Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und
der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden
und ihren Angehörigen schuldig“
Diesen
Tag nehmen wir auch zum Anlass, an den großen Sohn der deutschen und
internationalen Arbeiterbewegung, den Kommunisten Ernst Thälmann, zu
erinnern.
Thälmann
führte die Kommunistische Partei Deutschlands unbeugsam und unbeirrt
als Marxist – Leninist im Kampf gegen Faschismus und Krieg, für eine
gerechte – von Ausbeutung freie - Zukunft.
Dafür
wurde Thälmann von seinen Henkern im KZ Buchenwald ermordet.
Einer
dieser Henker – Wolfgang Otto – konnte in der BRD als
Volksschullehrer arbeiten und seine faschistischen Gedanken ungestraft
weiter verbreiten – wie viele andere demokratisch gewendete Faschisten
auch.
SCHWUR
VON BUCHENWALD
Ansprache
in französischer, russischer, polnischer, englischer und
deutscher Sprache auf der Trauerkundgebung des Lagers Buchenwald
am 19. April 1945.
Kameraden!
Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren
der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazibestie
und ihrer Helfershelfer ermordeten 51.000 Gefangene!
51.000
erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt,
ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespitzt
51.000
Väter, Brüder, Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie
Kämpfer gegen das faschistische System waren.
51.000
Mütter und Frauen und hunderttausende Kinder klagen an!
Wir
lebend gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialitäten
sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen. Wenn uns
eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag
der Rache!
Heute
sind wir frei!
Wir
danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer,
Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt
Frieden und das Leben erkämpfen. Wir gedenken an dieser Stille
des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines
Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue
demokratische, friedliche Welt. F. D. Roosevelt - Ehre seinem
Andenken!
Wir
Buchenwalder,
Russen,
Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier,
Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer,
Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn
kämpften
gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für
unsere eigene Befreiung.
Uns
beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht - der Sieg muss
unser sein!
Wir
führten in vielen Sprachen den gleichen, harten,
erbarmungslosen, opferreichen Kampf und dieser Kampf ist noch
nicht zu Ende.
Wir
schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Apollplatz, an
dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir
stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor
den Richtern der Völker steht!
Die
Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung,
der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist
unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren
Angehörigen schuldig.
Zum
Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum
Schwur und sprecht mir nach:
WIR
SCHWÖREN! |
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Ein
historisches Urteil
Als
Sonderberichterstatter beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß.
Persönliche Erinnerungen und einige Lehren für heute
Von
Markus Wolf
Quelle:
jungeWelt vom
05.11.2005
*
gekürzte Fassung eines Vortrags im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum
Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß der Stiftung Topographie des
Terrors am 1. November in Berlin
Nach
dem Ende des schrecklichsten aller bisherigen Kriege und meiner Rückkehr
nach Deutschland in das zerstörte Berlin wurde die Teilnahme am Nürnberger
Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher zu einem bestimmenden Erlebnis für
mein weiteres Leben. Es übte großen Einfluß auf meine gesamte weitere
Tätigkeit aus. Als Sonderberichterstatter des Berliner Rundfunks habe
ich an dem Prozeß vom ersten Tag im November 1945 bis zur Urteilsverkündung
am 30. September und 1. Oktober 1946 teilgenommen. Die Erinnerung daran
hat sich in das Gedächtnis eingeprägt, als ob ich erst gestern das Gebäude
des Nürnberger Justizpalastes verlassen hätte.
In
meinem über alle deutschsprachigen Sender übertragenen Schlußkommentar
hatte ich die Hoffnung ausgesprochen, die Lehren des Prozesses würden
dazu führen, daß Aggressionen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen
die Menschlichkeit in Zukunft nicht mehr geduldet werden. Diese Hoffnung
hat sich nicht erfüllt. Das Blättern in den anläßlich früherer
Jahrestage notierten Erinnerungen beweist die leider nicht verblaßte
Aktualität der Lehren von Nürnberg.
Aufklärung
und Sühne
Der
Jeep und der alte Opel der Täglichen Rundschau quälen sich im dichten
Nebel der Novembernacht durch das Fichtelgebirge. Die Grenze zur
amerikanischen Zone ist passiert. Ein Schreiben des Intendanten Hans
Mahle und ein russischer Begleitbrief des Stellvertretenden
Oberkommandierenden der Sowjetischen Militäradministration in
Deutschland (SMAD), Armeegeneral Sokolowski, weisen mich, den Mitfahrer,
als Sonderberichterstatter des Berliner Rundfunks zum Nürnberger Prozeß
aus.
So
fahre ich, 22jährig, westwärts in Richtung meiner alten Heimat, um im
Gerichtssaal des Internationalen Militärtribunals den angeklagten
Hauptkriegsverbrechern gegenüberzusitzen. Meine Gefühle während des
Prozesses wurden durch meinen Lebensweg bestimmt: 1933 mußte ich mit
meinen Eltern und meinem Bruder Deutschland verlassen. Im Ausland sind
wir groß geworden. Die Sowjetunion wurde uns zur zweiten Heimat. Mit
ihren durch den Hitlerkrieg so schwer geprüften Menschen, mit unseren
russischen Freunden und Antifaschisten aus vielen Ländern hatten wir für
dieses Ende gekämpft und auch auf die Sühne für all die schrecklichen
Verbrechen gewartet. Wie soll ich das Gefühl beschreiben, als diese Männer
einer nach dem anderen in den Saal geführt wurden und auf der
Anklagebank Platz nahmen? Nun saß ich in einem Raum mit den Urhebern
der Schrecken und Verbrechen der elf Jahre Hitlerherrschaft, für die
wir uns so oft ein besonders schlimmes Ende ausgemalt hatten. Was war
von ihrem selbstherrlichen Größenwahn, dem aufgeblasenen Pomp und
protzigen Getue früherer Jahre geblieben? Es war fast enttäuschend zu
sehen, welch unscheinbare, in sich zusammengesunkene, um das verwirkte
Leben bangende Figuren von der Hitlerherrlichkeit übriggeblieben waren,
die für die Ideen und Taten der Nazipartei und des Hitlerstaates
einstehen sollten. So empfand ich das gleich zu Beginn. Der erste
Eindruck solcher Erbärmlichkeit verstärkte sich im Verlauf der späteren
Verhandlungen immer mehr.
Wie
anders sind da Frauen und Männer vor ihren Richtern erschienen, die
antifaschistischen Kämpfer so vieler Länder – erhobenen Hauptes,
wissend um die Gerechtigkeit ihrer Sache, für die sie kämpften und ihr
Leben gaben.
Als
der Saal sich füllte, die Ankläger an vier Tischen vor den
Pressereihen Platz nahmen und die Richter vor den Fahnen der Siegermächte
erschienen, stellte sich bei mir gleichzeitig das Gefühl ein, Zeuge
eines bedeutenden historischen Ereignisses zu sein. In atemloser Stille
wurde die Anklageschrift verlesen. Die Angeklagten waren als
Hauptverantwortliche darin genannt. Der Aufbau der Anklageschrift und
die Systematik beim Vortragen der Beweise klangen für mich so überzeugend,
daß ich mir ihre rasche Verbreitung sehr wünschte und darin meine
erste journalistische Aufgabe sah. Kamen sie doch der Notwendigkeit sehr
entgegen, vielen meiner deutschen Landsleute überhaupt erst einmal die
Augen für die Ursachen dieses unheilvollen Weges zu öffnen, der zum
katastrophalen Zusammenbruch und einige der Hauptverantwortlichen vor
das Gericht der Völker geführt hat. Es war für den Neubeginn so
ungeheuer wichtig zu beweisen, daß es an dem System, den Machtverhältnissen
in der Gesellschaft lag, daß ein solcher Abschaum an die Spitze des
Staates gelangen konnte.
Dazu
mußte aber ein immenser Stoff vorbereitet, geordnet, ausgewählt und in
die knappe Form meiner zwei täglichen Sonderberichte gebracht werden.
Das wurde im weiteren Prozeßverlauf nicht einfacher. Die Protokolle über
die im Laufe von zehn Monaten vorgetragene Beweisführung der
Anklagevertreter, die 403 öffentlichen Sitzungen, rund 240
Zeugenvernehmungen, die Plädoyers usw. füllen 16 000 eng bedruckte
Seiten. In jeder Verhandlung wurden aus vielen der 5.300 vorgelegten
Dokumente, die den Journalisten im Wortlaut im Press Room zur Verfügung
standen, meist in englischer Sprache, nur einzelne Sätze zitiert. In
jedem Dokument ging es um große historische Zusammenhänge, um das
Geschick von Millionen Menschen, aber auch um herzzerreißende
Einzelschicksale. Die schrecklichen Filmstreifen über die abscheulichen
Massenmorde, oft von Sadisten aufgenommen, die sich als Filmamateure betätigten,
sorgten von Zeit zu Zeit dafür, daß man bei der nüchternen
Sachlichkeit der Gerichtsatmosphäre nicht die Bilder vergaß, bei denen
wir uns geschworen hatten, dafür zu sorgen, daß sich all das nie
wiederholt.
Konfrontation
mit dem Grauen
Ein
großer Teil meiner Hörer, das wußte ich, wollte von diesen Dingen
nichts mehr wissen, zumal die Schutzbehauptung allgegenwärtig war, »nichts
gewußt, geahnt, gesehen, gehört« zu haben. Die unmittelbar nach der
Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald mit der Ausgabe der
Lebensmittelkarten befohlene Besichtigung des Lagers durch Einwohner
Weimars erzielte bei ihnen keine bleibende Wirkung. (...) Das Konzept
der »Erziehung durch Greuel und Schrecken« hatte nicht den von den
Amerikanern erwarteten Effekt. Selbst bei den Angeklagten im
Gerichtssaal war das Wegschauen festzustellen, als die schwer zu
ertragenden Filmdokumente vorgeführt wurden. Im verdunkelten Saal waren
ihre Gesichter beleuchtet, und als ich den abgewandten Göring sah,
hatte ich das dringende Bedürfnis, seinen Kopf mit Gewalt der Leinwand
zuzuwenden.
Mit
Gewalt war bei meinen Zuhörern nichts zu erreichen, sie waren
inzwischen mit den alltäglichen Sorgen um das Überleben so beschäftigt,
daß für das Verfolgen des Prozeßgeschehens kein Nerv mehr blieb. Für
die Berichterstattung mußte also eine solche Verbindung vom
Gesamtablauf der Verhandlungen mit besonders charakteristischen und
ergreifenden Einzelfakten gefunden werden, die den Weg zu den Hirnen und
Herzen der deutschen Menschen öffnete. Ich versuchte also, die Szenerie
bei der Vorführung der KZ-Dokumente meinen Hörern lebhaft zu
schildern, dabei auch die Amateuraufnahmen von Teilnehmern der Eschießungskommandos
zu beschreiben, die mich besonders erschüttert hatten. Den
Massenerschießungen stellte ich ein Nazidokument gegenüber, in dem
beschrieben wurde, wie sowjetische kriegsgefangene Invaliden, die Gräben
zu ihrer Hinrichtung ausheben sollten, sich mit Spaten und Picken auf
das Hinrichtungskommando stürzten und dieses in die Flucht schlugen.
Das Dokument war das Protokoll einer Kriegsgerichtsverhandlung gegen die
Offiziere des Kommandos wegen Feigheit vor dem Feind.
Aus
der Vielzahl der Zeugen aus verschiedenen Ländern suchte ich mir für
den Bericht jeweils einen heraus, dessen Geschichte ein Mosaiksteinchen
der Naziverbrechen an den Völkern Europas darstellte. Unter ihnen war
die mir aus der Zeit der Emigration persönlich bekannte französische
Zeugin Marie-Claude Vaillant-Couturier. Sie und ihr Mann hatten uns auf
der bretonischen Insel Bréhat ihr Ferienhäuschen zur Verfügung
gestellt, als wir in Frankreich kein Asyl fanden. Dort schrieb mein
Vater das weltberühmt gewordene Drama »Professor Mamlock«, das erste
Werk aus deutscher Feder über die einsetzende Judenverfolgung in
Deutschland. Marie-Claude war nach der Besetzung Frankreichs in die Fänge
der Gestapo geraten, deportiert und in das Frauen-KZ Ravensbrück
eingeliefert worden. Sie hatte überlebt und schilderte nun als Zeugin
das Grauen dieses Todeslagers. Bei ihrer Aussage hätte man jede
Stecknadel fallen hören.
Restaurative
Tendenzen
Im
Laufe der Zeit bildeten sich auf der Anklagebank zwei Hauptgruppen
heraus, die auch in den Pausen zusammenstanden. Das waren einmal die
Altnazis um Hermann Göring, der Nummer eins auf der Anklagebank, die
darauf spekulierten, daß die Alliierten untereinander in Konflikt
geraten würden. Andere glaubten, sich in einer besseren Situation zu
befinden, weil sie sich die Hände nicht selbst blutig gemacht hatten,
und schlossen sich um den früheren Reichsbankpräsidenten, Hjalmar
Schacht, den Steigbügelhalter Hitlers, zusammen. Als der Prozeß nach
monatelanger Bestandsaufnahme der Verbrechen des Hitlerstaates, der
Nazipartei und ihrer Formationen, der Wehrmacht und ihres Generalstabes
schließlich auch zur persönlichen Schuld der einzelnen Angeklagten
kam, da wurden sie alle zu kleinen Befehlsempfängern, nichts war
geblieben von ihrem martialischen Getue auf den Reichsparteitagen, nicht
einmal monströs und satanisch wirkten sie, sondern klein, häßlich und
widerwärtig.
Das
gilt auch für Hermann Göring. Gewiß versuchte er durch Starallüren,
die Nummer eins auf der Anklagebank darzustellen. Doch im Zeugenstand in
eigener Sache war er keineswegs, wie in jüngster Zeit in Medien
dargestellt, dem Kreuzverhör des amerikanischen Anklägers Jackson
gewachsen. Auch er wurde zum kleinen Befehlsempfänger, der von allem
nichts gewußt haben wollte. Er sei bei Hitler in Ungnade gefallen und
habe versucht, einen jüdischen Arzt zu retten.
Vermutlich
waren den Angeklagten jene Erscheinungen nicht verborgen geblieben, die
das Abgehen maßgebender Kreise der Westmächte von den Zielen der
antifaschistischen Koalition und den Beginn des Kalten Krieges
signalisierten. Diese Entwicklung war zunächst widersprüchlich und in
den Konsequenzen nicht immer einfach zu durchschauen. Die für diesen Übergang
programmatischen Reden von Winston Churchill in Zürich und Fulton und
die Rede des US-Außenministers Byrnes in Stuttgart, die einen gewissen
Abschluß dieser Phase bedeuteten, fielen in die Zeit des Nürnberger
Prozesses.
Dem
Prozeßbeobachter fiel auf, daß großbürgerliche Zeitungen nach den
ausführlichen Berichten und Schlagzeilen der ersten Tage sich bald nur
noch mit Äußerlichkeiten und kleinen »Sensationen« beschäftigten,
dem roten Schal Hermann Görings, rührenden Schilderungen über seine
Frau Emmy und das Töchterlein Edda. Schließlich verdrängten die neuen
Wellen des Antikommunismus den Nürnberger Prozeß ganz von den
Titelseiten. An die Stelle der Korrespondenten der ersten Wochen, die während
des Krieges von der vordersten Front des Kampfes gegen den Faschismus
berichtet hatten, kamen auf die neue Linie eingestellte Journalisten.
Was
hinter der Kulisse der amerikanischen Anklagebehörde vor sich ging,
wurde damals nur gerüchteweise bekannt, ist aber später in zahlreichen
Memoiren beschrieben und in dem Film Stanley Kramers »Urteil von Nürnberg«
recht anschaulich dargestellt worden. Mit den Querschüssen gegen den
Prozeß wurde die Politik der Sabotage des Potsdamer Abkommens, der Weg
in die Wiederaufrüstung und Wiederherstellung der Macht der Großindustrie
eingeleitet.
Den
Wechsel von der Entnazifizierung zur Restaurierung des imperialistischen
Systems, zur Wiedereinsetzung seiner Träger in der bayrischen
Hauptstadt München schilderte mir in seiner drastischen Art Herbert Geßner,
den ich während des Prozesses in Nürnberg kennenlernte. Er war damals
noch Kommentator bei Radio München. So wurde uns vor dem Hintergrund
des Prozesses immer mehr bewußt, daß der Kampf weitergehen wird.
Die
hier kurz geschilderten Tendenzen des Wirksamwerdens des
kapitalistischen »Rates der Götter« konnten den erfolgreichen Abschluß
des Nürnberger Prozesses nicht verhindern. Dazu trugen der übereinstimmende
Wille der Völker und der antifaschistische Grundkonsens im
Internationalen Militärtribunal bei, die Konsequenz der sowjetischen
Ankläger und Richter, insbesondere aber auch der amerikanischen
Hauptankläger Robert Jackson und seines Vertreters Telford Taylor.
Das
historische Urteil wurde gefällt: Nach einer längeren Prozeßpause zur
Urteilsfindung durch das Gericht traf ich wieder in Nürnberg ein. Auf
Beschluß der vier Besatzungsmächte wurde nach einem abgestimmten Plan
die zwei Tage dauernde Urteilsverkündung in einer Ringsendung über
alle deutschsprachigen Sender gemäß einheitlicher Festlegungen übertragen.
Jede Besatzungszone stellte dafür einen Reporter, die Sendezeiten für
die Berichte, Reportagen und den Abschlußkommentar waren genau
aufgeteilt.
Am
Abend vor der Urteilsverkündung suchte ich Entspannung bei einem
Spaziergang durch die Einsamkeit der Straßen in der total zerstörten
Altstadt beiderseits der Pegnitz. Das Bild dieser unvorstellbaren Trümmerlandschaft
wird immer vor meinen Augen stehen. Nur am Luftschutzbunker, der Flüchtlingen
als Behausung diente, sah ich schemenhafte Gestalten ihre zum Trocknen
aufgehängte Wäsche bewachen. Die gespenstischen Überreste der einst
so herrlichen Baudenkmäler des »Schatzkästleins Deutschlands« waren
stumme Anklagen gegen die Nazigrößen. Durch dieses alte Nürnberg
waren sie während ihrer Reichsparteitage marschiert, dünkten sich als
Herrscher der Welt. Nun war nichts mehr geblieben als Trümmer und ein
kleines Häuflein Erbärmlichkeit, das in den Zellen auf das Urteil
wartete.
Kein
Schlußstrich
Als
am 30. September 1946 die Hauptfiguren des Prozesses durch die schmale Tür
hinter der Anklagebank in den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal
im zweiten Stock des Justizpalasts in der Fürther Straße 110 hereingeführt
wurden, war nichts mehr von der nüchternen Atmosphäre und der
Arbeitsroutine der früheren Monate zu spüren. Alle Beteiligten
empfanden die Bedeutung der Stunde. Ich war mir dabei meiner Mission als
Reporter des deutschen demokratischen Rundfunks bewußt.
Auch
bei den Reportagen über die Urteilsverkündung zeichneten sich die
Unterschiede zwischen den Besatzungszonen sehr deutlich ab. Während der
Kommentator des Rundfunks in der amerikanischen Zone vom Schlußstrich
sprach und für das persönliche Schicksal der nun Abgeurteilten rührselige
Worte fand, sprach ich vom Anfang des Weges, der von Nürnberg aus von
allen Antifaschisten gegangen werden muß. Ich war bemüht, aus der
Urteilsverkündung besonders die historischen Ursachen und Zusammenhänge
darzustellen, einschließlich der Schuld des deutschen Monopolkapitals.
Deshalb protestierte ich für alle deutschen Antifaschisten gegen den
Freispruch von Schacht, Fritzsche und von Papen.
Zwei
Tage lang berichtete ich gemeinsam mit je einem Rundfunkreporter aller
damaligen Besatzungszonen über die Urteilsverkündung. Es war nicht
leicht, die Eindrücke eines ganzen Jahres mit der Würdigung des
Urteils in einem Artikel zusammenzufassen; in meinem Abschlußkommentar
heißt es:
»Das
Weltgericht hat sein Urteil gefällt. Gegen 24 Männer, Vertreter der
Staatsführung, Politiker, Militärs, Vertreter der Wirtschaft, die mehr
als ein Jahrzehnt Deutschland beherrschten, war vor einem Jahr Anklage
erhoben worden. Nicht nur sie – ihr Regime, ein ganzes System, das die
Welt mit Schrecken und Unheil überzogen hatte und alle Errungenschaften
der Menschheit, die gesamte Zivilisation zu vernichten drohte, war
angeklagt. Das Schuldkonto dieses Systems und seiner Repräsentanten
wird eröffnet durch schwere Vergehen gegen ihr eigenes Volk. Doch hatte
das deutsche Volk nicht die Einsicht und später auch nicht die Kraft,
sich selbst von seinem Übel zu befreien. Daher fällte dieses Gericht
nach internationalem Recht sein Urteil für die gegenüber den anderen Völkern
begangenen Verbrechen; den Völkern, die erst zu den Waffen greifen
mußten,
um ihr Leben, ihre Existenz zu verteidigen und das braune Ungeheuer, das
im Namen Deutschlands wütete, unschädlich zu machen ...
Heute
haben wir sein Urteil vernommen: zwölf Todesurteile, sieben Gefängnisstrafen
und drei Freisprechungen. Ein Angeklagter war selbst in den Tod
geflohen. Der Fall des Angeklagten Krupp von Bohlen und Halbach wurde
unter Berücksichtigung seines Gesundheitszustandes für einen späteren
Prozeß zurückgestellt. Die wichtigsten Stützen des Regimes sind zu
verbrecherischen Organisationen gestempelt worden ... Nicht die
Auswirkungen des Nationalsozialismus, sondern der Nationalsozialismus
als Ganzes ist verurteilt worden ...
Ein
bisher nur auf überlieferten Einrichtungen, Abkommen und Verträgen
beruhendes internationales Recht wurde zum Gesetz erhoben. Die Feinde
des friedlichen Zusammenlebens der Völker müssen jetzt wissen, daß
sie sich nicht mehr der Verantwortung entziehen werden können, unabhängig
ob sie Staatsoberhäupter, führende Beamte, Militärs oder sonst etwas
waren ...
Das
Urteil des internationalen Militärtribunals bildet den Abschluß des
dunkelsten und schmachvollsten Kapitels in der Geschichte Deutschlands.
Wenn jedoch ein anderes Deutschland, sein Neuaufstieg zu den Höhen des
Geistes, der Humanität, der Freiheit, zur Anerkennung und Achtung durch
die anderen Völker folgen soll, dann dürfen wir noch nicht ruhen, dann
gilt es, die Lehren aus diesem Prozeß zu ziehen, die Ursachen und
Wurzeln des Unheils zu erkennen und unschädlich zu machen ...«
Gegen
das Vergessen
Das
Nürnberger Urteil hatte einen enormen Widerhall. In Berlin und
zahlreichen anderen deutschen Städten fanden große Kundgebungen statt.
Viele bekannte Persönlichkeiten aus allen Bereichen äußerten sich
dazu. (...)
60
Jahre nach dem Nürnberger Prozeß genügt ein Blick in die Welt, um die
große Aktualität seiner Lehren zu erkennen. Jeder der in jüngster
Zeit trotz entgegenstehender Beschlüsse der Vereinten Nationen
geplanten und geführten Kriege verletzt das in Nürnberg zum Gesetz
erhobene Recht. Planung und Vorbereitung der Aggression, Provokationen,
Kriegspropaganda, dazu dienende Täuschung der öffentlichen Meinung,
alle Verletzungen der Menschenrechte stehen im Widerspruch zum
Buchstaben und Geist des Nürnberger Völkerrechts. Wenn man die in Nürnberg
so ausführlich behandelten und bewiesenen Szenarien der Vorbereitung
und Durchführung der Angriffe auf die Souveränität anderer Staaten,
ihre territoriale Integrität und die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen
mit den Militäraktionen der jüngsten Zeit vergleicht, wird man
frappierende Ähnlichkeiten feststellen. Die Begleitmusik zur Hochrüstung,
nachdem der Terrorismus die vermeintliche Bedrohung aus dem Osten
ersetzt hat, erinnert oft peinlich an die Kriegspropaganda des »Dritten
Reichs«. So gesehen bleibt die klare Beweisführung in Nürnberg über
die eigentlichen Hintermänner, die an Kriegsvorbereitung und Rüstung
interessierten Vertreter des militärindustriellen Komplexes, den »Rat
der Götter«, von hoher Aktualität.
Doch
auch und gerade in Deutschland bleiben die Lehren, auch die Materialien
des Nürnberger Prozesses von großer aktueller Bedeutung. Zu vieles
geriet zu schnell in Vergessenheit, blieb auch in der DDR nur als
Erinnerung bei Kundgebungen und Feiern zu Jahrestagen. Das wurde mir
besonders bewußt, als in diesem Jahr aus Anlaß des 60. Jahrestages des
8. Mai ein Disput einsetzte, ob dieser Tag des Kriegsendes als Tag der
Befreiung verstanden werden könne. So wie unmittelbar nach der
Befreiung der Konzentrationslager bei vielen Menschen auch der
unmittelbar angrenzenden Orte und Siedlungen das Gefühl der Mitschuld
verdrängt wurde, zeigte sich schon bald nach dem Urteil von Nürnberg
die Neigung, Ursache und Wirkung zu vertauschen. 60 Jahre nach
Kriegsende zielten bis in führende Medien hinein gerade in diesem Jahr
populäre Filme, Fernseh- und Zeitschriftenserien über den Bombenkrieg
gegen Deutschland, den Einmarsch der Roten Armee, die Vertreibung
deutscher Zivilbevölkerung aus Osteuropa bei und nach Kriegsende darauf
ab, die deutschen Leiden und Opfer in den Vordergrund der
Geschichtsbetrachtung zu stellen. Dazu kommt eine seltsame
Hitlernostalgie. Natürlich wurde der Einmarsch der Siegermächte von
der Mehrzahl der Deutschen damals nicht als Befreiung empfunden. Ich
wende mich aber dagegen, wenn die Rolle der eigentlichen Urheber des
Vernichtungskrieges und die Schuld an seinen Folgen geleugnet werden. Zu
simple Vergleiche des Wesens der braunen Diktatur mit der Realität der
deutschen Nachkriegsgeschichte lassen die wichtigen Lehren des Nürnberger
Urteils in den Hintergrund geraten. Erst wenn man zu diesen Lehren
unserer Geschichte steht, wird man den 8. Mai, so wie Altbundespräsident
von Weizsäcker, als Tag der Befreiung begreifen. Dies bedarf der echten
und ehrlichen Bereitschaft.
Dazu
vielleicht noch eine Äußerung des Vaters, dessen bereits 1933
geschriebenen Drama »Professor Mamlock« auf deutschen Bühnen gerade
zum ersten mal aufgeführt worden war. Nach Kriegsende war er sehr bedrückt
und besorgt wegen der mangelnden Bereitschaft vieler Deutscher,
Ursachen, Schuld und Mitschuld zu begreifen. Dazu schloß er eine längere
Feststellung 1947 mit den Worten: »Unsere lieben Landsleute wissen im
Unter- oder Oberbewußtsein ziemlich genau, was geschehen ist. Sie könnten
also ganz gut eine innere Reinigung vornehmen. Aber sie wollen nicht!
Sie wollen nicht! Das ist des Rätsels Lösung.« 1)
Dies
trifft in dieser Form, insbesondere auf die jüngeren Generationen nicht
mehr so unbedingt zu. Das Interesse für die wahren Ursachen und
Hintergründe der Geschichte hat zugenommen. Davon zeugen ernst zu
nehmende Publikationen und auch der Besuch von Ausstellungen, die
kritisch mit der eigenen Geschichte umgehen. Erfreulich war für mich,
auf der von Topographie der Terrors veranstalteten Ausstellung zum Nürnberger
Prozeß viele junge Menschen anzutreffen. Das macht Mut.
Dennoch
setzt allzuvieles, dem wir fast täglich begegnen – Ausländerfeindlichkeit,
Antisemitismus, nationale Überheblichkeit, die an den alten schlimmen
Spruch erinnert: »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen« –, immer
wieder deutliche Zeichen, daß wir mit der Vergangenheit noch lange
nicht fertig sind. Dem Nürnberger Prozeß und seinen Lehren Geltung zu
verschaffen, bleibt eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart, in
Deutschland, aber auch international.
Zugegeben,
es ist schwer, an die Kraft der Vernunft zu glauben. Wir dürfen uns
aber nicht entmutigen lassen; wir haben mit den Kräften der Vernunft
und des Friedens auch die Lehren und das Völkerrecht von Nürnberg auf
unserer Seite.
1)
Friedrich Wolf: »Sie wollen einfach nicht!«, Unveröffentlichter Text
vom 17. 7. 1948. (FWA Mappe 130/5)
*
Teil 2 der Serie des Historikers Kurt Pätzold zum Nürnberger
Kriegsverbrecherprozeß erscheint am 14. November |