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Otto
Bauer in der Kritik von links
Von PETER
GOLLER
Quelle:
Kominform
08.01.2007
„Austromarxismus-Wiederentdeckung“
als „linkes Missverständnis“
Otto
Bauers in den 1970er Jahren erfolgte „Renaissance“ im Zug von
„Drittem Weg“ und „Eurokommunismus“ /1/, der Versuch, seinen in
den „westintegrierten“ Sozialdemokratien nach 1945 erledigten
„integralen Sozialismus“ – parallel zu Antonio Gramsci/2/– für
einen diffus „linkssozialistischen Weg“ zu reaktivieren, wurde nicht
zuletzt von Theoretikern des revolutionären Sozialismus als ideologisches
Scheinmanöver erkannt.
Von
marxistischer Seite erhoben Hans-Jörg Sandkühler und Rafael de la Vega
mit ihrer Textsammlung „Austromarxismus“ 1970 früh Einspruch gegen
den Rückgriff auf Otto Bauer oder Max Adler. Die Austromarxisten sind nur
ein scheinbar linkes Theorieangebot, um in der Krise des Reformismus die
Binnenstabilität der Sozialdemokratie zu erhöhen. Eine „Kritik in
marxistisch-leninistischer Perspektive“ ist notwendig, um das
austromarxistische Angebot als ein revisionistisch antimaterialistisches
kenntlich zu machen. Der Austromarxismus zählt nach Sandkühler und de la
Vega zum „das bürgerliche System stabilisierenden Reformismus“. Der
Sammelband legt den „philosophischen Revisionismus des ‚Zurück-zu-Kant‘“
im Austromarxismus offen und erinnert an seine opportunistische Politik
vor dem Februar 1934: „Der Austromarxismus scheint sich mit seinem
Scheitern in den 30er Jahren sein Urteil gefällt zu haben. Er schien tot.
(…) Der Austromarxismus hat, beobachtet man den Buchmarkt, seine
Renaissance.“ Warum? Er ist keine Gefahr für die Sozialdemokratien
Godesberger Zuschnitts, in den meisten Punkten ist er assimilierbar, er
bindet wie das historische Vorbild potentielle Linksopposition und wirkt
demoralisierend innerhalb der kommunistischen Konkurrenz./3/
Im
Jahr 1972 – die österreichische Sozialdemokratie nahm gerade unter der
Ägide ehemaliger „Revolutionärer Sozialisten“ wie Manfred Ackermann,
Karl Czernetz oder Joseph T. Simon die neunbändige Bauer-Werkausgabe in
Planung – wurde in deutscher Übersetzung die aus Sicht eines
jugoslawischen Rätesozialismus vorgetragene Bauer-Kritik des Zagreber
Philosophen Predrag Vranicki zugänglich. Für Vranicki trägt schon die
„Nationalitätenfrage“ des jungen Bauer von 1907 „keinen
marxistischen Charakter“, da sie die Nation (als
„Schicksalsgemeinschaft“) nicht materialistisch, sondern in
psychologischen Begriffen fasst. Politisch bewertet führt dies – wie im
Fall Renners – dazu, dass auf das Prinzip der nationalen
Selbstbestimmung als einer Losung der sozialen Revolution verzichtet wird.
Bauer ist für Vranicki der Ideologe der „Schwierigkeiten“, der
„Hindernisse“, der „notwendig intermedialen Stadien“, sein „Zentrismus“
ist real rechter Opportunismus. Bauer ist nach Vranicki im Einklang mit
den Bernsteinschen Revisionisten auf die bürgerliche Idee der formalen
Mehrheit, am parlamentarischen Weg fixiert, der nur im Fall der bürgerlichen
Konterrevolution proletarische Gegengewalt defensiv in Aussicht stellt:
„Die Rolle der Gewalt wird zu einer rein defensiven, was bedeutet, dass
man die Taktik und den Kampf des Proletariats primär auf den
demokratischen Parlamentarismus ausrichtet und auf Wahlsiege hofft. Es ist
daher kein Wunder, dass in entscheidenden Augenblicken, wie sie zum
Beispiel 1934 in Österreich eintraten, die sozialistische Arbeiterpartei
trotz der Unterstützung durch die bewaffnete Organisation des
Schutzbundes ohnmächtig bleiben musste.“
Bauers
von aller revolutionären Haltung abgewandtes Denken, sein Unverständnis
gegenüber der von Marx und Engels an Hand der Pariser Kommune
beschriebenen Diktatur des Proletariats, im Sommer 1917 von Lenin in
„Staat und Revolution“ erneuert, zeigt sich nach Vranicki an Bauers
wenige Tage nach dem 12. Februar 1934 im „Aufstand der österreichischen
Arbeiter“ (Prag 1934) erhobener Klage, dass das Bürgertum das
beschwichtigende Verhalten der Sozialdemokratie gegenüber den revolutionären
Massen 1918/19 nicht dankt: „Ein revolutionärer Politiker der
Avantgarde der Arbeiterklasse hätte keinerlei Illusionen darüber haben dürfen,
wie die Besänftigung der Geister in einer revolutionären Situation und
die Rettung der Bourgeoisie von dieser schließlich honoriert wird. Ihr
Klasseninteresse war immer noch stark und entschlossen genug, den
Klassenfeind mit zynischer Dezimierung und vulgärsten Insinuationen zu
belohnen.“/4/
Um
1980 diente in Kreisen der so genannten bundesdeutschen „Eurolinken“,
vor allem in „linkssozialistischen“ Kreisen der SPD der Bauer’sche
„demokratische Weg zum Sozialismus“ als „Standortbestimmung für
marxistische Sozialdemokraten“. Ein Bauer-Gegner wie Christoph
Butterwegge erklärte hingegen: Bauer bietet keinen Ausweg aus der
ideologischen Krise der SPD, da er ja Exponent des real reformistischen
Austromarxismus war, da er die Grundbegriffe der marxistischen
Staatstheorie im Sinn bürgerlicher Staatsrechtslehre verändert hat, den
Staat also klassenneutral auffasste, der Diktatur des Proletariats
klassenabstrakt den Begriff der „Demokratie“ gegenüberstellte. Bauer
hat sich in sämtlichen Konflikten bis zum Jahr 1934 unter dem Titel der
„Parteinheit“ gegen die jeweiligen linksoppositionellen Gruppen
gestellt. Selbst die um Kurt Rosenfeld oder Max Seydewitz 1929 formierte
Opposition gegen den „Tolerierungskurs“ der SPD hat Bauer fallen
gelassen. Ein Vergleich zwischen dem „zentristischen“ Reformisten
Bauer und dem Revolutionär Gramsci ist unzulässig. Wirkungsgeschichtlich
verhindert Bauer’sches Denken den unabdingbaren Bruch mit der sich dem
„Neoliberalismus“ nähernden europäischen Sozialdemokratie der
Gegenwart./5/
Wichtige
Argumente gegen Bauer als brauchbaren Protagonisten einer „neuen
Eurolinken“ lieferte Peter Kulemann 1979 mit „Am Beispiel des
Austromarxismus“: Otto Bauer hat die revolutionäre Theorie von Marx in
ein Arsenal nachträglicher Legitimation des legalistischen Reformdenkens
der österreichischen Sozialdemokratie seit 1907 verwandelt. Der
Austromarxismus gilt Kulemann als „Legitimationsideologie post festum“,
als Theorie von der „Unvermeidlichkeit des Reformismus“, gleichgültig,
ob man Renners „Kriegsmarxismus“ oder Bauers Thesen vom
„Klassengleichgewicht“, von der unausweichlich reformistischen
Beendigung der „österreichischen Revolution“ 1918/19 betrachtet.
Bauer benützte Marx und Engels nur, um mit ihnen gelehrt den Rückzug der
österreichischen Sozialdemokratie 1918, 1927 oder 1934 zu
rechtfertigen./6/
Nicht
zuletzt in Reaktion auf verschiedene Otto-Bauer Tagungen österreichischer
und deutscher Jungsozialisten/7/ wurde die Bauer-Konjunktur in „Weg und
Ziel“ schon im Jänner 1980 im besten Fall als ideologische
Krisenerscheinung der „symbiotisch mit dem Kapital“ verwachsenen
westeuropäischen Sozialdemokratien interpretiert, als Symptom, dass der
seit der Wirtschaftskrise 1974/75 stagnierende „sozialdemokratische
Wohlfahrtsstaat“ nicht mehr ausschließlich mit Rückgriffen auf Keynes
oder auf Popper’schen „Kritischen Rationalismus“ rechtfertigbar ist.
Ernst
Wimmer erklärte die „Wiederentdeckung“ Bauers damit, dass in
verschiedenen sozialdemokratischen Gruppen und im „undogmatisch“
kommunistischen Lager Italiens, Frankreichs oder Spaniens, in denen mit
der Oktoberrevolution von 1917 auch die Kategorie „Diktatur des
Proletariats“ verpönt war, nach wenigstens zum Schein marxistischen
Theorien der legal sozialistischen Machtergreifung gesucht wurde. Solche
Theorien des „sanften, risikolosen Hinübergleitens in eine neue Ordnung
über Sechzehntel, Achtel, Viertel der Macht“ konnte man in Bauers
„Weg zum Sozialismus“ (1919), in Bauers „Kampf um die Macht“
(1924) oder in Bauers Erläuterungen zum Linzer Programm (1926) finden:
„Wer wäre reicher an solchen Theorien als der Austromarxismus, der sich
unter Bedingungen entwickelte, wo zuweilen die große Mehrheit der
Sozialisten die Machtergreifung für das Vordringlichste hielt, ja die
Sozialdemokratische Partei sogar im bürgerlichen Staat über einen
bewaffneten Arm verfügte: den Republikanischen Schutzbund. Kaum eine
Frage, welche auf dem Weg zur Macht auftauchen kann, die nicht im
Austromarxismus theoretisch angerissen wurde, freilich meist nur, um zu
‚beweisen‘, dass die Verhältnisse ‚noch nicht reif‘ seien, dass
ein ‚Abwarten des Reifeprozesses‘, dass der Rückzug in Permanenz, die
Flucht vor Entscheidungen das Ratsamste seien.“
In
der ideologisch-philosophischen Neutralität des Bauer’schen
Austromarxismus – er verpflichtet nicht auf den dialektischen
Materialismus, Bauer selbst sympathisierte etwa mit Ernst Machs
Positivismus –, in Bauers „gradualistisch“ sozialistischer
Transformation, in seinen in der „Gleichgewichtstheorie“ verankerten
Elementen eines klassenneutralen Staats, in Bauers steter Flucht zu den
Notwendigkeiten der Geschichte sieht Wimmer den Grund, warum der
Austromarxismus nach Jahrzehnten des Vergessenseins für eine
„Eurogramms Jänlinke“ wieder aktuell scheint: „So kann man bei
seinem ‚historischen Fatalismus‘ anknüpfen, bei der Vorstellung eines
automatischen Zusammenbruchs, eines ‚Weltgerichts‘, wo nicht die
Arbeiterklasse mit dem Gegner abzurechnen habe, sondern zuvorkommend die
Geschichte das höchst persönlich besorgen werde. (Etwa beim späten
Viktor Adler) Ebensogut kann man andere Fäden herauszupfen: diverse
Theorien des ,Gradualismus‘, des sanften Hineinwachsens in den
Sozialismus ohne qualitativen Sprung, ohne erbitterten Klassenkampf bis
zur Revolution; eine der zahllosen Spielarten, mit denen man das große
Loch zu stopfen versuchte, welches durch das natürliche Ausbleiben des
‚automatischen Zusammenbruchs‘ und die Ausklammerung der
Arbeiterklasse als geschichtsgestaltende Kraft in der Theorie entstehen
musste.“/8/
Bruno
Frei über den „integralen Sozialismus“
Bruno
Frei bezeichnete ebenfalls Anfang 1980 in „Weg und Ziel“ das
Wiederanknüpfen an Bauer als linkssozialistische Illusion. Frei erinnerte
daran, dass Bauer seinen „integralen Sozialismus“ 1936 organisatorisch
innerhalb der reformistisch sozialistischen Internationale angesiedelt
wissen wollte: „Es erweist sich also, dass der Integrale Sozialismus
nichts weiter ist, als die Liquidierung der kommunistischen Parteien und
der revolutionären Internationale, das Aufgehen dieser Organisationen im
Reformismus.“ Der „integrale Sozialismus“ ist für Frei nur eine an
die Bedingungen der faschistischen Periode, der Illegalisierung angepasste
Fortschreibung des Linzer Programms von 1926 mit seinem Konzept der
„defensiven Gewalt“, die Fortschreibung von Bauers Idee eines „neuen
Hainfeld“. Bauers „integraler Sozialismus“ beruht vor allem auf der
Verteidigung des Reformismus als einer notwendigen Entwicklungsstufe der
Arbeiterbewegung: Die Kritik am Reformismus, am Opportunismus fällt bei
Bauer auch 1936 deutlich nachsichtiger aus, als jene an der
„Demagogie“ der Kommunisten.
Frei
bestreitet 1980 mit Recht, dass sich die Ideologen des „Dritten Weges“
auf das Erbe der Volksfront von 1935 berufen können: „Ist es richtig,
die vom 7. Weltkongress der Komintern entworfene Strategie der Einheits-
und Volksfront mit dem ‚Eurokommunismus‘ oder mit dem integralen
Sozialismus gleichzusetzen?“
Bruno
Frei, der nach Mitgliedschaft zur österreichischen Sozialdemokratie 1934
in die KPD aufgenommen wurde, stellt 1980 fest, dass jemand, der in den
zwanziger Jahren Anhänger Bauers war, damals die Niederlage des
Austromarxismus miterlebt hat, der gesehen hat, wie erledigt Bauer in der
SPÖ nach 1945 war, über die Kurzlebigkeit der Bauer- Konjunktur vorab
Bescheid weiß: „Für einen österreichischen Kommunisten, der die
‚Zeit zwischen zwei Weltkriegen‘ tätig miterlebt hat, ist der Versuch
einer Rehabilitierung des Austromarxismus nicht nachvollziehbar.“/9/
In
seiner 1972 veröffentlichten Autobiographie beschreibt Frei, dass er bis
in die frühen dreißiger Jahre geglaubt hat, dass sich die österreichische
Partei von der deutschen Sozialdemokratie unterscheidet: „Immer noch war
ich überzeugt, in meiner Heimat sei es anders als in Deutschland, Otto
Bauer sei nicht Hermann Müller, Renner nicht Ebert.“ Am Linzer
Parteitag 1926 nahm Frei als begeisterter Anhänger von Otto Bauer teil,
von dem er auch als „Fechter mit dem Wort dialektische Funken
schlagend“ spricht: „Soll der Erzähler den atemlos an den Lippen des
Meisters hängenden Gefolgsmann beschreiben, der bereit war, in der berühmten
Formel‚ demokratisch solange wir können, Diktatur nur, wenn man uns
zwingt und soweit man uns zwingt‘, ein Versprechen zu sehen, das die
Schranken der bürgerlichen Demokratie sprengte? Soll er für das
Herzklopfen des Jüngers Verständnis erbitten, das einen befiel, als die
Botschaft von der unmittelbar bevorstehenden Eroberung der Macht in Österreich
verkündet wurde?“ Noch Ende 1933 habe er im persönlichen Gespräch
Otto Bauers Versicherung, die österreichische Partei wird nicht das Jännerschicksal
der SPD erleiden, zur Kenntnis genommen: „,Das kann in Österreich nicht
passieren; wir haben vorgesorgt.‘ [so Otto Bauer – Anm.] (…) Wenige
Wochen später, im Geschützfeuer auf den Karl-Marx-Hof, hatten diese
Worte keine Gültigkeit mehr.“/10/
Möglicherweise
waren Frei auch zeitgenössische Kritiken an Otto Bauer bekannt, wie jene
von Karl Kraus, der Bauer1930 in dem Gedicht „Der Führer“ vorwarf,
die Handlungsunfähigkeit und Apathie der Sozialdemokratie hinter einem
historischen Determinismus, hinter scheinradikalen Phrasen zu verbergen,
jede politische Niederlage fast metaphysisch in einen Fortschritt
umzuinterpretieren: „Wie wir haben in der Hand die Massen, / ja da kann
der Gegner sich verstecken: / blind gehorchen sie, wenn wir sie lassen /
stracks und imposant die Waffen strecken.“/11/
Möglicherweise
kannten Bauer-Kritiker wie Frei auch jenen Abschnitt aus Oskar Maria Grafs
1936 veröffentlichtem Zeitroman „Der Abgrund“ mit jener Tage vor dem
12. Februar 1934 angesiedelten Szene, in der Wiener kampfbereite Wiener
Genossen darüber verzweifeln, dass Otto Bauer im „Kampf“ und in der
„Arbeiterzeitung“ mit gelehrter Textphilologie marxistische Elemente
aus der dem Austrofaschismus dienenden päpstlichen Enzyklika „Quadragesimo
Anno“ destillieren will. Graf stellt den Otto Bauer vom Ende 1933 als
verzweifelten, bildungsbürgerlichen Grübler über dem ‚Quadragesimo
Anno‘-Text hin und stellt ihm den in Leipzig angeklagten Georg Dimitroff
entgegen: „Otto Bauer dagegen grübelte darüber nach, wie die päpstliche
Enzyklika ‚Quadragesimo anno‘ nun eigentlich im Sinne des
Klassenkampfes auszulegen sei. (…) Ihr Grundsatz war eine
patriarchalische Wohltätergesinnung gegenüber der Arbeiterschaft. ‚Wer
Knecht ist, soll Knecht bleiben!‘, sagt das berühmt gewordene Wort
eines Kölner Bischofs. Und die göttliche Vorsehung herrscht. (…) Der
durch sein bürgerliches Verantwortungsbewusstsein gehemmte
sozialdemokratische Führer Otto Bauer verabsäumte nicht, sein
umfassendes Wissen aufzubieten, um den revolutionär erregten Arbeitern
noch einmal nachzuweisen, wie sie sich auch in diesen Rahmen eingliedern
und sich dennoch ‚marxistisch‘ betätigen könnten. Der Kampf um die
Auslegung der Enzyklika, meinte er, sei im Grunde genommen die gegebene
Form des Klassenkampfes in der heutigen Situation. ‚Jetzt weiß ich
nimmer, solln wir jetzt Betbrüder werden oder Kommunisten?‘ sagte der
Dicknasige [Vertrauensmann – Anm.] aus dem ‚Karl-Marx-Hof‘ zu Peter
und schüttelte verwirrt den Kopf. ‚Ich glaub bald, die vom
Parteivorstand gehen jeden Tag in die Kirch und lesen bloß noch heimlich
den Marx …‘“/12/
Sogar
Leopold Spira, Mitherausgeber des „Wiener Tagebuch“, der Zeitschrift
der „KPÖ-Dissidenten“ des Jahres 1969 – gestand 1992 widerwillig,
dass nicht erst nach der Enttäuschung über die französische
Linksregierung von 1981 der Rückgriff auf den Austromarxismus, damit auch
die ganze „Otto Bauer-Renaissance“ ein enttäuschendes Alibi für den
zerfallenden „Eurokommunismus“ war und schon gar keinen Platz in den
sich schon abzeichnenden „neuen Sozialdemokratien“ all der Vranitzky,
Blair oder Schröder haben wird./13/
Die
Kritik des jungen Ernst Fischer
Der
historische Otto Bauer selbst war ein ständiger Gegner der
innerparteilichen revolutionären Option. Über ein Vierteljahrhundert –
einsetzend nach den Wahlrechtskämpfen 1907 bis hin zur Februarniederlage
1934 – nahm Bauer an allen Schnittstellen der Geschichte 1914, 1918,
1927 oder 1933 gegen jede sich innerhalb der SDAP im Ansatz formulierende
Linksopposition Stellung. In der Otto-Bauer-Rezeption der 1970er Jahre
blieb dies – da störend – unbeachtet und heute wird dies von den
Ideologen einer „neuen europäischen Linken“ übersehen, die auch alle
Kritik am „Menschewisten“ Bauer von Seite Lenins oder Trotzkis
ignorieren, so wenn Lenin 1920 mit Spott auf Bauers Modell „sozialer
Machtfaktoren“, das den proletarischen Klassenkampf in eine bürgerlich
empirische Soziologie auflöst, reagiert hat,/14/ oder wenn Trotzki bis
1933 Bauer als Theoretiker „ohne politischen Willen“ analysiert, der
nur „in dem Kampfe gegen den revolutionären Flügel – in der Anhäufung
von Gründen und Tatsachen, sowie Zitaten gegen eine revolutionäre
Aktion“ auffällt. Im Mai 1933 empfahl Trotzki der „Opposition in der
SPÖ“ den Bruch mit der Partei, nicht nur mit Otto Bauer, sondern auch
mit der „Halbopposition“ Max Adlers, von dem Trotzki schon im
Zusammenhang mit der Kritik an der deutschen Parteiabspaltung
„Sozialistische Arbeiterpartei (SAP)“ gemeint hatte, dass ein
„verzweifelter Sozialdemokrat“ noch lange kein Revolutionär ist:
„Die sozialdemokratischen Massen vor politischer Zersetzung,
Verseuchung, Verfaulung retten ist unmöglich, ohne Bauer und Co. unversöhnlichenKampf
anzusagen. Dieser Kampf muss unvermeidlich zur Spaltung führen.“ Die
Aufgabe der Linksopposition ist der Bruch mit der austromarxistischen
Tradition. Gegenüber den in der Sozialdemokratie organisierten
Arbeitermassen muss die Linksopposition „das Wort ‚Verrat‘“
aussprechen: „Man muss erklären, dass Bauer, Danneberg, Seitz und Co.
(sie alle muss man beim Namen nennen) das österreichische Proletariat
verraten haben wie Wels und Co. das Proletariat Deutschlands verraten
haben.“/15/
Vergessen
ist neben der von Rosa Luxemburg oder Georg Lukács geübten Abrechnung
mit den opportunistischen Tendenzen des „Proudhonisten“ Otto Bauer/16/
auch – da nicht in Legenden passend – die Kritik des jungen Ernst
Fischer an Otto Bauers „integralem Sozialismus“, einem Modell, dem
nicht erst von „linken Erneuerern“ der Gegenwart vergeblich Leben
einzuhauchen versucht wurde. Mitte 1936 bringt Ernst Fischer in „Weg und
Ziel“ Bauers Verbindung von reformistischem und revolutionärem
Sozialismus im Zeichen der Volksfrontlosung des VII. Weltkongresses der
Kommunistischen Internationale Verständnis entgegen. Fischer sieht in
Bauers „integralem Sozialismus“ aber doch nur modifizierten
Austromarxismus, zumal die Spaltung der Arbeiterbewegung im
organisatorischen Rahmen der sozialdemokratischen Internationale überwunden
werden soll.
Über
Bauers – vor siebzig Jahren – im Februar 1936 in Druck gegebenes Werk
„Zwischen zwei Weltkriegen?“ heißt es bei Fischer, dass es
ideologischer Ausdruck der „tiefen Krise der II. Internationale“ ist:
„Otto Bauer rechtfertigt nicht nur den Reformismus, verkündet nicht nur
die fatalistische Auffassung ‚Alles musste so kommen, wie es kam, es gab
keine andre Möglichkeit!‘, verschleiert nicht nur die Notwendigkeit der
klaren Wahl zwischen revolutionärem und reformistischem Sozialismus –
er vermeidet es auch, den sozialdemokratischen Arbeitern zu sagen, was zu
tun ist, um die Einheitsfront auszubauen und die Einigung der
Arbeiterklasse herbeizuführen; er gibt ihnen nur den Rat, innerhalb der
II. Internationale eine ‚Synthese zwischen Reformismus und revolutionärem
Sozialismus‘ zu propagieren und der geschichtlichen Entwicklung zu
vertrauen.“ Fischer wirft Bauer vor, das alte zentristische „Einerseits-andererseits“-Zaudern
nicht überwinden zu können. Otto Bauer wird nicht klar, dass es kein Zurück
zur Ideologie des „Linzer Programms“ von 1926 gibt. Mit seinem
„integralen Sozialismus“ will Bauer aus der Sicht des 1934 zur KPÖ übergegangenen
Redakteurs der „Arbeiterzeitung“ Fischer primär verhindern, dass die
illegalen Kader der Revolutionären Sozialisten den Weg zum
Marxismus-Leninismus nehmen. Besonders scharf weist Fischer deshalb Bauers
Formulierung: „Der integrale Sozialismus kann sich heute nur innerhalb
der Sozialistischen Arbeiter-Internationale entwickeln“ /17/ zurück:
„Der ‚integrale Sozialismus‘ war schon einmal vorhanden – in der
österreichischen Sozialdemokratie; er ist in einer neuen Situation der
alte Austromarxismus.“ Bauer will eigentlich die alte
„Parteieinheit“ retten, wäre es nach ihm gegangen, wären selbst eine
Rosa Luxemburg, ein Karl Liebknecht in der Partei Gustav Noskes geblieben.
Nach Fischer gibt es keine akademisch abstrakte Synthese von Reformismus
und Bolschewismus, es gibt nur den offenen Weg zum Marxismus-Leninismus.
Den „integralen Sozialismus“ lehnt Fischer ab: „Es gibt keine
Synthese zwischen Reformismus und Kommunismus, wohl aber gibt es eine
Verständigung, eine Vereinigung auf revolutionärer Grundlage.“
Fischer
gesteht Bauer zu, in Fragen der Volksfront, der Verteidigung der bürgerlichen
Demokratie einem Dimitroff nahe zu kommen. Außerdem zählt Bauer zu jenen
wenigen Theoretikern der Sozialdemokratie, die den sozialistischen Aufbau
in der Sowjetunion anerkennen. Allerdings verkennt auch der späte Bauer
nach Fischer die konterrevolutionären Gefahren in der Sowjetunion, vor
allem hält es Fischer für unakzeptabel, dass Bauer weitgehend auf eine
totalitarismustheoretische Einschätzung zurückfällt. Fischer wirft
Bauer eine „gewaltsame und unaufrichtige Gleichsetzung der fascistischen
und der proletarischen Diktatur“ vor: „Gleichzeitig denunziert [Otto
Bauer] die Diktatur des Proletariats als ‚Diktatur einer allmächtigen
Parteibürokratie‘“.
Unverändert
sieht Fischer bei Bauer 1936 auch dessen lebenslange Verwandlung des
historischen Materialismus in ein System schicksalhaft objektiver Gesetzmäßigkeiten
beibehalten, so wenn Bauer die reformistische Periode der Arbeiterbewegung
als notwendig geschichtliche Stufe legitimiert. Bauer verwandelt nach
Fischer die materialistische Geschichtsauffassung in einen apologetischen
„historischen Fatalismus“, der ein revolutionäres Handeln in Lenins
Sinn unmöglich macht. Bei Otto Bauer ist der Weg von der Analyse des
Reformismus zu seiner Anerkennung und sogar Verteidigung ein sehr
kurzer:18 „Dieser historische Fatalismus ist die tiefe, die tödliche
Schwäche aller geschichtlichen und politischen Konzeptionen Otto Bauers;
stets geneigt, die objektiven Schwierigkeiten und damit den Gegner zu überschätzen,
die Kraft der Arbeiterklasse, die Bedeutung führender Parteien und führender
Männer zu unterschätzen, übersieht Otto Bauer, dass in entscheidenden
geschichtlichen Situationen die Entwicklungsmöglichkeiten durchaus nicht
eindeutig vorausbestimmt sind, dass das Ergebnis solcher Situationen nicht
nur von historischen ‚Naturgesetzen‘, sondern in hohem Maße von dem
Scharfblick, der Entschlossenheit, der Aktivität der handelnden Kräfte
abhängt.“
Wenn
Otto Bauer das Scheitern der deutschen Novemberrevolution als historisch
unausweichlich darlegt, so dient das nach Fischer nur dazu, die subjektive
Rolle der rechtssozialdemokratischen Kreise um Ebert, Scheidemann oder
Noske übersehen zu können. Fischer fällt an Bauer vor allem die
„passive Form der Darstellung“ auf, so Wendungen wie „der Streik,
der Aufstand … wurde niedergeworfen“. Bauer stellt sich zu selten die
Frage, wer niedergeworfen hat, so etwa im Fall des „Kapp-Putsches“
1920:/19/ „Wer hat die gewaltigen revolutionären Energien, die der
Kapp-Putsch entfesselte, wieder abgewürgt? Die sozialdemokratische
Parteiführung. Der Geschichtsschreiber mag die Beweggründe der
Sozialdemokratie erklären, aber er darf die Schuld der Sozialdemokratie
nicht einfach verschweigen, er darf nicht so tun, als sei die Revolution
nichts anderes als ein Naturprozess, in dem etwas geschieht, gleichgültig,
durch wen es geschieht.“/20/
In
den 1969 veröffentlichten Erinnerungen zitiert Fischer seinen Angriff auf
Otto Bauer in der Zeitschrift „Kommunistische Internationale“ aus dem
Jahr 1934. Fischer schildert Bauer dort als einen Theoretiker der
Arbeiterklasse, der sich nie aus dem „Netz seiner enormen bürgerlichen
Bildung“ lösen konnte und deshalb einerseits die Welt des Kapitalismus
als „riesengroß“, die Kräfte des Proletariats als unterlegen einschätzte./21/
Der nun „undogmatische“ Ernst Fischer ist Ende der 1960er Jahre aber
nicht zufällig bemüht, die seit 1933 zerstörte Harmonie mit Bauer im
Zeichen des heranreifenden so genannten „Eurokommunismus“ wieder
herzustellen.
Anmerkungen:
1/
Vgl. Stichwort „Austromarxismus“, in: Marxistisch-leninistisches Wörterbuch
der Philosophie 1, hrg. von Georg Klaus und Manfred Buhr, Reinbek 1972,
179–181.
2/
Vgl. etwa Detlev Albers: Versuch über Otto Bauer und Antonio Gramsci,
Berlin 1983.
3/
Vgl. Hans-Jörg Sandkühler und Rafael de la Vega: Einleitung, in:
Austromarxismus. Texte zu „Ideologie und Klassenkampf“ von Otto Bauer,
Max Adler, Karl Renner, etc., Frankfurt 1970, 6–47.
4/
Vgl. Predrag Vranicki: Geschichte des Marxismus I, Frankfurt 1972,
372–384.
5/
Vgl. Einleitung zu Christoph Butterwegge: Austromarxismus und Staat.
Politiktheorie und Praxis der österreichischen Sozialdemokratie zwischen
den beiden Weltkriegen, Marburg 1991.
6/
Vgl. Peter Kulemann: Am Beispiel des Austromarxismus. Sozialdemokratische
Arbeiterbewegung in Österreich von Hainfeld bis zur Dollfuß- Diktatur,
zweite Auflage, Hamburg 1982, 31–38, 231–237.
7/
Vgl. Otto Bauer und der „dritte“ Weg. Die Wiederentdeckung des
Austromarxismus durch Linkssozialismus und Eurokommunismus, hrg. von
Detlev Albers, Josef Hindels und Lucio Lombardo Radice, Frankfurt 1979.
8/
Ernst Wimmer: Rückgriffe auf den Austromarxismus, in: Weg und Ziel 1980,
71–74.
9/
Bruno Frei: Eine Otto-Bauer-Renaissance?, in: Weg und Ziel 1980, 7–9 –
Ähnliche Ablehnung einer Bauer-“Neuentdeckung“ deutete neben Arnold
Reisberg („Februar 1934“, Wien 1974) auch Leopold Hornik an. Vgl. etwa
Leopold Hornik: Otto Bauer über die Ursachen und Lehren des Februar 1934,
in: Arbeiterbewegung und Faschismus. Internationale Tagung der Historiker
der Arbeiterbewegung Linz, 10. bis 14. September 1974. (=ITH-Tagungsberichte
9), Wien 1976, 346–352. 10/ Bruno Frei: Der Papiersäbel.
Autobiographie, Frankfurt 1972, 83, 106–109.
11/
Vgl. u.a. Karl Kraus: Die Dritte Walpurgisnacht (1933), München 1967,
212–223.
12/
Oskar Maria Graf: Der Abgrund. Ein Zeitroman (1936), München 1994, 419f.
13/
Vgl. Leopold Spira: Kommunismus adieu. Eine ideologische Biographie,
Wien–Zürich 1992, 132–134.
14/
W.I. Lenin: Referat über die internationale Lage der Kommunistischen
Internationale (II. Kongress der Kommunistischen Internationale, 19. Juli
1920), in: ders.: Werke 31, Berlin 1959, 203–222.
15/
Leo Trotzki: Terrorismus und Kommunismus. Anti-Kautsky (1920), Berlin
1990, 163, 165 oder u.a. Leo Trotzki: Was muss die Opposition in der SPÖ
tun? Antwort an die österreichischen Linken Sozialdemokraten, Prinkipo 3.
Mai 1933, in: ders.: Schriften über Deutschland II, Frankfurt 1971,
531–534.
16/
Vgl. Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals oder was die Epigonen
aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik (Leipzig 1921),
in: dies.: Gesammelte Werke 5, Berlin 1990, 413–523 oder Georg Lukács:
Rosa Luxemburg als Marxist (Januar 1921), in: derselbe: Geschichte und
Klassenbewusstsein [1923]. (=Lukács-Werke 2), Neuwied–Berlin 1968,
199–217.
17/
Otto Bauer: Zwischen zwei Weltkriegen?, Bratislava 1936, 335.
18/
Fischer bezieht sich hier auf Otto Bauer, ebenda 1936, 258f., also auf
Formulierungen in Bauers „Zwischen zwei Weltkriegen?“ wie: „Der
Reformismus war keine bloße Verirrung. Er war nicht, wie Lenin (in ‚Was
tun?‘ – Anm.) sagte, ‚die ideologische Versklavung der Arbeiter
durch die Bourgeoisie‘. Er war die Taktik und Ideologie der
Arbeiterklasse selbst in einer historischen Situation, in der einerseits
eine proletarische Revolution aussichtslos erschien, in der andererseits
dem Proletariat eine breite Möglichkeit gegeben war, seine Interessen
innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft mit gesetzlichen Mitteln
erfolgreich zu vertreten. Die geschichtliche Leistung der reformistischen
Praxis des Klassenkampfes war gewaltig. (…) Er war und ist eine
unvermeidliche und eine fruchtbare Entwicklungsphase zwischen dem
revolutionären Sozialismus des Zeitalters der bürgerlichen Revolution
der Vergangenheit und dem revolutionären Sozialismus des Zeitalters der
proletarischen Revolution der Zukunft.“
19/
Fischer bezieht sich hier auf Otto Bauer, ebenda 1936, 290.
20/
Vgl. Ernst Fischer: Kommunismus oder „Integraler Sozialismus“?, in:
Weg und Ziel 1936 [DÖW Wien].
21/
Ernst Fischer: Erinnerungen und Reflexionen, Reinbek 1969, 314f.,
340–349. – Auch Ernst Fischer: Ein Gespräch mit Otto Bauer. Zum 30.
Todestag Otto Bauers, in: Weg und Ziel (1968), 374–378.
[Quelle:
www.klahrgesellschaft.at] |