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18. März 1871:
Beginn der Pariser Kommune
Quelle: NVS
Kominform-Wien 18.03.2007
Der französische Premierminister Adolphe Thiers hatte nach der Niederlage
im deutsch-französischen Krieg in Versailles mit Deutschland einen
Waffenstillstand geschlossen, um revolutionäre Unruhen im eigenen Land
niederschlagen zu können. In der Nacht zum 18.3.1871 versuchte er die
verteidigungsbereite Nationalgarde von Paris zu entwaffnen. Dies war der
Anlass für den offenen Aufstand.
Der
gewählte Pariser Gemeinderat (franz. Commune) verkündete die allgemeine
Volksbewaffnung und ordnete die Verteidigung von Paris sowohl gegen die
vor den Toren stehenden deutschen als auch gegen die französischen
konterrevolutionären Truppen an. Der Rat der Kommune begann mit sozialen,
politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen zur Verbesserung der
Lebensbedingungen des Volkes. Ab dem 28.5.1871 wurde allerdings in der so
genannten „Blutwoche“ der Aufstand niedergeschlagen. Es wurden in den
Kämpfen und den folgenden Massenexekutionen ca. 30.000 Personen getötet.
Die Pariser Kommune, die gegen den Willen der Regierung nach
sozialistischen Vorstellungen Paris zu verwalten, gilt als der erste
Versuch einer sozialistischen Revolution.
In den folgenden Textpassagen von Karl
Marx wird die historische Bedeutung der Pariser Kommune für Revolutionäre
deutlich.
„Ihr
wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung der
Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die
aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische
Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“
Karl Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 342.
„Die
Kommune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen diese übernatürliche
Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war eine Wieder-belebung durch das Volk
und des eigenen gesellschaftlichen Lebens. Sie war nicht eine Revolution,
um die Staatsmacht von einer Fraktion der herrschenden Klassen an die
andere zu übertragen, sondern eine Revolution, um diese abscheuliche
Maschine der Klassenherrschaft selbst zu zerbrechen. ... Die Kommune war
die entschiedene Negation jener Staatsmacht und darum der Beginn der
sozialen Revolution des 19. Jahrhunderts. Was daher immer ihr Geschick in
Paris ist, sie wird ihren Weg um die Welt machen.“
MEW 17, 541f.
Die
Vorgeschichte der Pariser Kommune
„Am
4. September 1870, als die Pariser Arbeiter die Republik proklamierten,
der fast in demselben Augenblick ganz Frankreich ohne eine einzige Stimme
des Widerspruchs zujubelte – da nahm eine Kabale stellenjagender
Advokaten, mit Thiers als Staatsmann und Trochu als General, Besitz vom Hôtel
de Ville (Stadthaus).
...
Und dennoch, im Sturm der Überrumpelung, mit den wirklichen Führern der
Arbeiter noch in Bonapartes Gefängnissen und mit den Preußen schon im
vollen Marsch auf Paris, duldete Paris ihre Ergreifung der Staatsmacht;
aber nur auf die ausdrückliche Bedingung hin, dass diese Staatsmacht
dienen sollte einzig und allein zum Zweck der nationalen Verteidigung.
Paris aber war nicht zu verteidigen, ohne seine Arbeiterklasse zu
bewaffnen, sie in eine brauchbare Kriegsmacht zu verwandeln und ihre
Reihen durch den Krieg selbst einzuschulen. Aber Paris in Waffen, das war
die Revolution in Waffen. Ein Sieg von Paris über den preußischen
Angreifer wäre ein Sieg gewesen des französischen Arbeiters über den
französischen Kapitalisten und seine Staatsparasiten.
In
diesem Zwiespalt zwischen nationaler Pflicht und Klasseninteresse zauderte
die Regierung der nationalen Verteidigung keinen Augenblick sie
verwandelte sich in eine Regierung des nationalen Verrats.“
MEW 17, 319.
Die
Pariser Kommune - eine Arbeiterregierung
Organisationsform
der Kommune
„Am
Morgen des 18. März 1871 wurde Paris geweckt durch den Donnerruf: ,Es
lebe die Kommune!‘ Was ist die Kommune, diese Sphinx, die den
Bourgeoisverstand auf so harte Proben setzt?
,Die
Proletarier von Paris‘, sagte das Zentralkomitee in seinem Manifest vom
18. März, ,inmitten der Niederlagen und des Verrats der herrschenden
Klassen, haben begriffen, dass die Stunde geschlagen hat, wo sie die Lage
retten müssen, dadurch, dass sie die Leitung der öffentlichen
Angelegenheiten in ihre eigenen Hände nehmen ... Sie haben begriffen,
dass es ihre höchste Pflicht und ihr absolutes Recht ist, sich zu Herren
ihrer eigenen Geschicke zu machen und die Regierungsgewalt zu
ergreifen.‘
Aber
die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in
Besitz nehmen und diese für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen.
Die
zentralisierte Staatsmacht, mit ihren allgegenwärtigen Organen stehende
Armee, Polizei, Bürokratie, Geistlichkeit, Richterstand, Organe,
geschaffen nach dem Plan einer systematischen und hierarchischen Teilung
der Arbeit – stammt her aus den Zeiten der absoluten Monarchie, wo sie
der entstehenden Bourgeoisgesellschaft als eine mächtige Waffe in ihren Kämpfen
gegen den Feudalismus diente. Dennoch blieb ihre Entwicklung gehemmt durch
allerhand mittelalterlichen Schutt, grundherrliche und Adelsvorrechte,
Lokalprivilegien, städtische und Zunftmonopole und
Provinzial-verfassungen. Der riesige Besen der französischen Revolution
des 18. Jahrhunderts fegte alle diese Trümmer vergangener Zeiten weg und
reinigte so gleichzeitig den gesellschaftlichen Boden von den letzten
Hindernissen, die dem Überbau des modernen Staatsgebäudes im Wege
gestanden. Dies moderne Staatsgebäude erhob sich unter dem ersten
Kaisertum, das selbst wieder erzeugt worden war durch die Koalitionskriege
des alten halbfeudalen Europas gegen das moderne Frankreich. Während der
nachfolgenden Herrschaftsformen wurde die Regierung unter parlamentarische
Kontrolle gestellt, d. h. unter die direkte Kontrolle der besitzenden
Klassen. Einerseits entwickelte sie sich jetzt zu einem Treibhaus für
kolossale Staatsschulden und erdrückende Steuern und wurde vermöge der
unwiderstehlichen Anziehungskraft ihrer Amtsgewalt, ihrer Einkünfte und
ihrer Stellenvergebung der Zankapfel für die konkurrierenden Fraktionen
und Abenteurer der herrschenden Klassen – andererseits änderte sich ihr
politischer Charakter gleichzeitig mit den ökonomischen Veränderungen
der Gesellschaft. In dem Maß, wie der Fortschritt der modernen Industrie
den Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit entwickelte, erweiterte,
vertiefte, in demselben Maß erhielt die Staatsmacht mehr und mehr den
Charakter einer öffentlichen Gewalt zur Unterdrückung der
Arbeiterklasse, einer Maschine der Klassenherrschaft. Nach jeder
Revolution, die einen Fortschritt des Klassenkampfs bezeichnet, tritt der
rein unterdrückende Charakter der Staatsmacht offner und offner
hervor.“
MEW 17, 335f.
„Der
gerade Gegensatz des Kaisertums war die Kommune. Der Ruf nach der
,sozialen Republik‘, womit das Pariser Proletariat die Februarrevolution
einführte, drückte nur das unbestimmte Verlangen aus nach einer
Republik, die nicht nur die monarchische Form der Klassenherrschaft
beseitigen sollte, sondern die Klassenherrschaft selbst. Die Kommune war
die bestimmte Form dieser Republik.
Paris,
der Mittelpunkt und Sitz der alten Regierungsmacht und gleichzeitig der
gesellschaftliche Schwerpunkt der französischen Arbeiterklasse, Paris
hatte sich in Waffen erhoben gegen den Versuch des Thiers und seiner
Krautjunker, diese ihnen vom Kaisertum überkommne alte Regierungsmacht
wiederherzustellen und zu verewigen. Paris konnte nur Widerstand leisten,
weil es infolge der Belagerung die Armee losgeworden war, an deren Stelle
es eine hauptsächlich aus Arbeitern bestehende Nationalgarde gesetzt
hatte. Diese Tatsache galt es jetzt in eine bleibende Einrichtung zu
verwandeln. Das erste Dekret der Kommune war daher die Unterdrückung des
stehenden Heeres und seine Ersetzung durch das bewaffnete Volk.“
MEW 17, 338.
„Die
Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den
verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren
verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand selbstredend
aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der Arbeiter-klasse. Die Kommune
sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft
sein, vollziehend und gesetzgebend zu gleicher Zeit. Die Polizei, bisher
das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller ihrer politischen
Eigenschaften entkleidet und in das verant-wortliche und jederzeit
absetzbare Werkzeug der Kommune verwandelt. Ebenso die Beamten aller
anderen Verwaltungszweige. Von den Mitgliedern der Kommune an abwärts,
musste der öffentliche Dienst für Arbeiterlohn besorgt werden. Die
erworbenen Anrechte und die Repräsentationsgelder der hohen Staatswürdenträger
verschwanden mit diesen Würdenträgern selbst. Die öffentlichen Ämter hörten
auf, das Privateigentum der Handlanger der Zentralregierung zu sein. Nicht
nur die städtische Verwaltung, sondern auch die ganze, bisher durch den
Staat ausgeübte Initiative wurde in die Hände der Kommune gelegt.“
MEW 17, 339.
„Die
Pariser Kommune sollte selbstverständlich allen großen gewerblichen
Mittelpunkten Frankreichs zum Muster dienen. Sobald die kommunale Ordnung
der Dinge einmal in Paris und den Mittelpunkten zweiten Ranges eingeführt
war, hätte die alte zentralisierte Regierung auch in den Provinzen der
Selbstregierung der Produzenten weichen müssen.“
MEW
17, 339.
„In
einer kurzen Skizze der nationalen Organisation, die die Kommune nicht die
Zeit hatte, weiter auszuarbeiten, heißt es ausdrücklich, dass die
Kommune die politische Form selbst des kleinsten Dorfs sein, und dass das
stehende Heer auf dem Lande durch eine Volksmiliz mit äußerst kurzer
Dienstzeit ersetzt werden sollte. Die Landgemeinden eines jeden Bezirks
sollten ihre gemeinsamen Angelegenheiten durch eine Versammlung von
Abgeordneten in der Bezirkshauptstadt verwalten, und diese
Bezirksversammlungen dann wieder Abgeordnete zur National-delegation in
Paris schicken; die Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an die
bestimmten Instruktionen ihrer Wähler gebunden sein. Die wenigen, aber
wichtigen Funktionen, welche dann noch für eine Zentralregierung übrig
blieben, sollten nicht, wie dies absichtlich gefälscht worden,
abgeschafft, sondern an kommunale, d. h. streng verantwortliche Beamte übertragen
werden. Die Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im
Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; sie sollte eine
Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht, welche sich für
die Verkörperung dieser Einheit ausgab, aber unabhängig und überlegen
sein wollte gegenüber der Nation, an deren Körper sie doch nur ein
Schmarotzerauswuchs war.
Während
es galt, die bloß unterdrückenden Organe der alten Regierungsmacht
abzuschneiden, sollten ihre berechtigten Funktionen einer Gewalt, die über
der Gesellschaft zu stehen beanspruchte, entrissen und den
verantwortlichen Dienern der Gesellschaft zurück-gegeben werden. Statt
einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der
herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte
das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk dienen, wie
das individuelle Stimmrecht jedem anderen Arbeitgeber dazu dient,
Arbeiter, Aufseher und Buchhalter in seinem Geschäft auszusuchen. Und es
ist bekannt genug, dass Gesellschaften ebenso gut wie einzelne, in
wirklichen Geschäftssachen gewöhnlich den rechten Mann zu finden und,
falls sie sich einmal täuschen, dies bald wieder gutzumachen wissen.
Andererseits aber konnte nichts dem Geist der Kommune fremder sein, als
das allgemeine Stimmrecht durch hierarchische Investitur zu ersetzen.“
MEW 17, 340.
„Das
bloße Bestehen der Kommune führte, als etwas Selbst-verständliches, die
lokale Selbstregierung mit sich, aber nun nicht mehr als Gegengewicht
gegen die, jetzt überflüssig gemachte, Staatsmacht.“
MEW 17, 341.
„Die
Kommune machte das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen – billige
Regierung – zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen,
die Armee und das Beamtentum, aufhob. Ihr bloßes Bestehen setzte das
Nichtbestehen der Monarchie voraus, die, wenigstens in Europa, der
regelrechte Ballast und der unentbehrliche Deckmantel der
Klassenherrschaft ist. Sie verschaffte der Republik die Grundlage wirklich
demokratischer Einrichtungen. Aber weder ,wohl-feile Regierung‘ noch die
,wahre Republik‘ war ihr Endziel; beide ergaben sich nebenbei und von
selbst.
Die
Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und die
Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden,
beweisen, dass sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form
war, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend
gewesen waren. Ihr wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine
Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden
gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter
der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.
Ohne
diese letzte Bedingung war die Kommunalverfassung eine Unmöglichkeit und
eine Täuschung. Die politische Herrschaft des Produzenten kann nicht
bestehen neben der Verewigung seiner gesellschaftlichen Knechtschaft. Die
Kommune sollte daher als Hebel dienen, um die ökonomischen Grundlagen
umzustürzen, auf denen der Bestand der Klassen und damit der
Klassenherrschaft ruht. Einmal die Arbeit emanzipiert, so wird jeder
Mensch ein Arbeiter, und produktive Arbeit hört auf, eine
Klasseneigenschaft zu sein.“
MEW 17, 341f.
Maßnahmen
der Kommune „Das stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der
materiellen Macht der alten Regierung einmal beseitigt, ging die Kommune
sofort darauf aus, das geistliche Unterdrückungswerkzeug, die
Pfaffenmacht, zu brechen; sie dekretierte die Auflösung und Enteignung
aller Kirchen, soweit sie besitzende Körperschaften waren. Die Pfaffen
wurden in die Stille des Privatlebens zurückgesandt, um dort, nach dem
Bilde ihrer Vorgänger, der Apostel, sich von dem Almosen der Gläubigen
zu nähren. Sämtliche Unterrichtsanstalten wurden dem Volk unentgeltlich
geöffnet und gleichzeitig von aller Einmischung des Staats und der Kirche
gereinigt. Damit war nicht nur die Schulbildung für jedermann zugänglich
gemacht, sondern auch die Wissenschaft selbst von den ihr durch das
Klassenvorurteil und die Regierungsgewalt auferlegten Fesseln befreit.
Die
richterlichen Beamten verloren jene scheinbare Unabhängigkeit, die nur
dazu gedient hatte, ihre Unterwürfigkeit unter alle aufeinander folgenden
Regierungen zu verdecken, deren jeder sie, der Reihe nach, den Eid der
Treue geschworen und gebrochen hatten. Wie alle übrigen öffentlichen
Diener, sollten sie fernerhin gewählt, verantwortlich und absetzbar
sein.“
MEW 17, 339.
„Die
Kommune hatte vollständig Recht, als sie den Bauern zurief: ,Unser Sieg
ist eure Hoffnung!‘ Von allen den Lügen, die in Versailles ausgeheckt
und von den ruhmvollen europäischen Presseorganen weiterposaunt wurden,
war eine der ungeheuerlichsten die, dass die Krautjunker der
Nationalversammlung die Vertreter der französischen Bauern seien.“
MEW 17, 344.
„Die
Kommune dagegen erklärte gleich in einer ihrer ersten Proklamationen,
dass die wirklichen Urheber des Krieges auch dessen Kosten tragen müssten.
Die Kommune würde dem Bauer die Blutsteuer abgenommen, ihm eine wohlfeile
Regierung gegeben und seine Blutsauger, den Notar, den Advokaten, den
Gerichtsvollzieher und andere gerichtliche Vampire, in besoldete
Kommunalbeamte, von ihm selbst gewählt und ihm verantwortlich, verwandelt
haben. Sie würde ihn befreit haben von der Willkürherrschaft des Flurschützen,
des Gendarmen und des Präfekten; sie würde an Stelle der Verdummung
durch den Pfaffen die Aufklärung durch den Schullehrer gesetzt haben. Und
der französische Bauer ist vor allem ein Mann, der rechnet. Er würde es
äußerst vernünftig gefunden haben, dass die Bezahlung des Pfaffen,
statt von dem Steuereinnehmer eingetrieben zu werden, nur von der
freiwilligen Betätigung des Frömmigkeitstriebs seiner Gemeinde abhängen
solle.
Dies
waren die großen unmittelbaren Wohltaten, die die Herrschaft der Kommune
– und sie nur – den französischen Bauern in Aussicht stellte. Es ist
daher ganz überflüssig, hier näher einzugehen auf die verwickelteren
wirklichen Lebensfragen, die die Kommune allein fähig und gleichzeitig
gezwungen war, zugunsten des Bauern zu lösen – die Hypothekenschuld,
die wie ein Alb auf seiner Parzelle lastete, das ländliche Proletariat,
das täglich auf ihr heranwuchs, und seine eigene Enteignung von dieser
Parzelle, die mit stets wachsender Geschwin-digkeit durch die Entwicklung
der modernen Ackerbauwirtschaft und die Konkurrenz des kapitalistischen
Bodenbaus sich durchsetzte.“
MEW 17, 345.
„Die
Kommune ließ alle Fremden (Immigranten) zu zu der Ehre, für eine
unsterbliche Sache zu fallen. – Zwischen dem durch ihren Verrat
verlorenen auswärtigen Krieg und dem durch ihre Verschwörung mit dem
fremden Eroberer entzündeten Bürgerkrieg hatte die Bourgeoisie Zeit
gefunden, ihren Patriotismus durch die Organisation von Polizeijagden auf
die Deutschen in Frankreich zu betätigen. Die Kommune machte einen
Deutschen zu ihrem Arbeitsminister (Leo Frankel). ... Die Kommune ehrte
die Heldensöhne Polens, indem sie sie an die Spitze der Verteidigung von
Paris stellte (Jaroslaw Dombrowski und Walery Wróblewski). Und, um ganz
unverkennbar die neue geschichtliche Ära zu bezeichnen, die sie
einzuleiten sich bewusst war, warf die Kommune, unter den Augen, hier der
siegreichen Preußen, dort der von bonapartistischen Generalen geführten
bonapartistischen Armee, das kolossale Symbol des Kriegsruhmes nieder, die
Vendôme-Säule.“
MEW 17, 346f.
„Wenn
sonach die Kommune die wahre Vertreterin aller gesunden Elemente der französischen
Gesellschaft war, und daher die wahrhaft nationale Regierung, so war sie
gleichzeitig, als eine Arbeiterregierung, als der kühne Vorkämpfer der
Befreiung der Arbeit, im vollen Sinn des Worts international. Unter den
Augen der preußischen Armee, die zwei französische Provinzen an
Deutschland annektiert hatte, annektierte die Kommune die Arbeiter der
ganzen Welt an Frankreich.“
MEW 17, 346.
„Die
große soziale Maßregel der Kommune war ihr eigenes arbeitendes Dasein.
Ihre besondeen Maßregeln konnten nur die Richtung andeuten, in der eine
Regierung des Volks durch das Volk sich bewegt. Dahin gehören die
Abschaffung der Nachtarbeit der Bäckergesellen; das Verbot, bei Strafe,
der bei Arbeitgebern üblichen Praxis, den Lohn herabzudrücken durch
Auferlegung von Geldstrafen auf die Arbeiter unter allerlei Vorwänden –
ein Verfahren, wobei der Arbeitgeber in einer Person Gesetzgeber, Richter
und Vollstrecker ist und obendrein das Geld einsteckt. Eine andere Maßregel
dieser Art war die Auslieferung von allen geschlossenen Werkstätten und
Fabriken an Arbeitergenossenschaften, unter Vorbehalt der Entschädigung,
gleich-viel, ob der betreffende Kapitalist geflüchtet war oder aber
vorzog, die Arbeit einzustellen.
Die
finanziellen Maßregeln der Kommune, ausgezeichnet durch ihre Einsicht und
Mäßigung, konnten sich nur auf solche beschränken, die mit der Lage
einer belagerten Stadt verträglich waren. In Anbetracht der ungeheuren
Diebstähle, begangen an der Stadt Paris durch die großen Finanzkompanien
und Bauunternehmer unter Haussmanns Herrschaft, hätte die Kommune ein
weit größeres Recht gehabt, ihr Eigentum zu konfiszieren, als Louis
Bonaparte das der Familie Orléans.“
MEW 17, 347.
„Aber
in der Tat, die Kommune machte keinen Anspruch auf Unfehl-barkeit, wie
dies alle die alten Regierungen ohne Ausnahme tun. Sie veröffentlichte
alle Reden und Handlungen, sie weihte das Publikum ein in alle ihre
Unvollkommenheiten.
In
jeder Revolution drängen sich, neben ihren wirklichen Vertretern, Leute
anderen Gepräges vor. Einige sind die Überlebenden früherer
Revolutionen, mit denen sie verwachsen sind; ohne Einsicht in die gegenwärtige
Bewegung, aber noch im Besitz großen Einflusses auf das Volk durch ihren
bekannten Mut und Charakter oder auch durch bloße Tradition. Andere sind
bloße Schreier, die, jahrelang dieselben ständigen Deklamationen gegen
die Regierung des Tages wiederholend, sich in den Ruf von Revolutionären
des reinsten Wassers eingeschlichen haben. Auch nach dem 18. März kamen
solche Leute zum Vorschein und spielten sogar in einigen Fällen eine
hervorragende Rolle. Soweit ihre Macht ging, hemmten sie die wirkliche
Aktion der Arbeiterklasse, wie sie die volle Entwicklung jeder früheren
Revolution gehemmt haben. Sie sind ein unvermeidliches Übel; mit der Zeit
schüttelt man sie ab; aber gerade diese Zeit wurde der Kommune nicht
gelassen.“
MEW 17, 348.
Politische
Reaktionen auf die Kommune
„Die
aristokratischen Krautjunker – dies war in der Tat ihre Haupt-befürchtung
– wussten, dass drei Monate freien Verkehrs zwischen dem kommunalen
Paris und den Provinzen einen allgemeinen Bauernaufstand zuwege bringen würden.
Daher ihre ängstliche Eile, Paris mit einer Polizeiblockade zu umgeben
und die Verbreitung der Rinderpest zu hemmen.“
MEW 17, 346.
„Es
ist eine eigentümliche Tatsache: Trotz all des großen Geredes und der
unermesslichen Literatur der letzten sechzig Jahre über Emanzipation der
Arbeiter – kaum nehmen die Arbeiter irgendwo die Sache in ihre eigenen Hände,
so ertönen auch sofort wieder die apologetischen Redensarten der Fürsprecher
der jetzigen Gesellschaft mit ihren beiden Polen: Kapital und
Lohnsklaverei (der Grundbesitzer ist jetzt nur noch der stille
Gesellschafter des Kapitalisten), als lebte die kapitalistische
Gesellschaft noch im Stande reinster jungfräulicher Unschuld, alle ihre
Grundsätze noch unentwickelt, alle ihre Selbst-täuschungen noch unenthüllt,
alle ihre prostituierte Wirklichkeit noch nicht bloßgelegt!
Die
Kommune, rufen sie aus, will das Eigentum, die Grundlage aller
Zivilisation, abschaffen! Jawohl, meine Herren, die Kommune wollte jenes
Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum der
wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner. Sie
wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die
Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem die
Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloße Werkzeuge der
freien und assoziierten Arbeit verwandelt.“
MEW 17, 342.
„Aber
dies ist der Kommunismus, der ,unmögliche‘ Kommunismus! Nun, diejenigen
Leute aus den herrschenden Klassen, die verständig genug sind, die Unmöglichkeit
der Fortdauer des jetzigen Systems einzusehen und deren gibt es viele –,
haben sich zu zudringlichen und großmäuligen Aposteln der
genossenschaftlichen Produktion aufgeworfen. Wenn aber die
genossenschaftliche Produktion nicht eitel Schein und Schwindel bleiben,
wenn sie das kapitalistische System verdrängen, wenn die Gesamtheit der
Genossenschaften die nationale Produktion nach einem gemeinsamen Plan
regeln, sie damit unter ihre eigene Leitung nehmen und der beständigen
Anarchie und den periodisch wiederkehrenden Konvulsionen, welche das
unvermeidliche Schicksal der kapitalistischen Produktion sind, ein Ende
machen soll – was wäre das anderes, meine Herren, als der Kommunismus,
der ,mögliche‘ Kommunismus?
Die
Arbeiterklasse verlangte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix
und fertigen Utopien durch Volksbeschluss einzuführen. Sie weiß, dass,
um ihre eigene Befreiung und mit ihr jene höhere Lebensform
hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigene ökonomische
Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, dass sie, die Arbeiterklasse,
lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen
hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt
werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente
der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß
der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben. Im vollen
Bewusstsein ihrer geschichtlichen Sendung und mit dem Heldenentschluss,
ihrer würdig zu handeln, kann die Arbeiterklasse sich begnügen, zu lächeln
gegenüber den plumpen Schimpfereien der Lakaien von der Presse wie gegenüber
der lehrhaften Protektion wohlmeinender Bourgeoisdoktrinäre, die ihre
unwissenden Gemeinplätze und Sektierer-marotten im Orakelton
wissenschaftlicher Unfehlbarkeit abpredigen.“
MEW 17, 343.
„Als
die Pariser Kommune die Leitung der Revolution in ihre eigene Hand nahm;
als einfache Arbeiter zum ersten Mal es wagten, das Regierungsprivilegium
ihrer ,natürlichen Obern‘, der Besitzenden, anzutasten, und, unter Umständen
von beispielloser Schwierigkeit, ihre Arbeit bescheiden, gewissenhaft und
wirksam verrichteten – sie verrichteten für Gehalte, deren höchstes
kaum ein Fünftel von dem war, was nach einem hohen wissenschaftlichen Gewährsmann
(Professor Huxley) das geringste ist für einen Sekretär des Londoner
Schulrats –, da wand sich die alte Welt in Wutkrämpfen beim Anblick der
roten Fahne, die, das Symbol der Republik der Arbeit über dem Stadthause
wehte.
Und
doch war dies die erste Revolution, in der die Arbeiterklasse offen
anerkannt wurde als die einzige Klasse, die noch einer gesellschaftlichen
Initiative fähig war; anerkannt selbst durch die große Masse der Pariser
Mittelklasse – Kleinhändler, Handwerker, Kaufleute –, die reichen
Kapitalisten allein ausgenommen. Die Kommune hatte sie gerettet durch eine
weise Erledigung jener immer wiederkehrenden Ursache des Streits unter der
Mittelklasse selbst, der Frage zwischen Schuldnern und Gläubigern.
Derselbe
Teil der Mittelklasse hatte sich 1848 bei der Unterdrückung des
Arbeiteraufstandes vom Juni beteiligt; und unmittelbar darauf war er durch
die konstituierende Versammlung ohne alle Umstände seinen Gläubigern zum
Opfer gebracht worden. Aber dies war nicht der einzige Grund, weswegen er
sich jetzt an die Arbeiter anschloss. Er fühlte, dass es nur noch eine
Wahl gab: die Kommune oder das Kaisertum, gleich-viel unter welchem Namen.
Das
Kaisertum hatte diese Mittelklasse ökonomisch ruiniert durch seine
Verschleuderung des öffentlichen Reichtums, durch den von ihm großgezogenen
Finanzschwindel, durch seine Beihülfe zur künstlich beschleunigten
Zentralisation des Kapitals und die dadurch bedingte Enteignung eines großen
Teils dieser Mittelklasse. Es hatte sie politisch unterdrückt, sie
sittlich entrüstet durch seine Orgien, es hatte ihren Voltairianismus
beleidigt durch Überlieferung der Erziehung ihrer Kinder an die
,unwissenden Brüderlein‘, es hatte ihr Nationalgefühl als Franzosen
empört, indem es sie kopfüber in einen Krieg stürzte, der für alle die
Verwüstung, die er anrichtete, nur einen Ersatz ließ – die Vernichtung
des Kaisertums.“
MEW 17, 343f.
Die
Niederschlagung der Kommune
Blutbad
an den Pariser Arbeitern
„Der
erste Versuch der Sklavenhalterverschwörung zur Unterwerfung von Paris,
wonach die Preußen es besetzen sollten, scheiterte an Bismarcks
Weigerung. Der zweite Versuch, am 18. März, endigte mit der Niederlage
der Armee und der Flucht der Regierung nach Versailles, wohin ihr die
gesamte Verwaltungsmaschinerie folgen musste. Durch Vorspieglung von
Friedensunterhandlungen mit Paris gewann Thiers jetzt die Zeit, den Krieg
gegen Paris vorzubereiten. Aber woher eine Armee nehmen? Die Überbleibsel
der Linienregimenter waren schwach an Zahl und unsicher von Stimmung.
Seine dringenden Anrufe an die Provinzen, Versailles mit ihren
Nationalgarden und Freiwilligen zu Hülfe zu eilen, stießen auf offene
Weigerung. Nur die Bretagne sandte eine Handvoll Chouans, die unter der
weißen Fahne fochten, jeder mit dem Herzen Jesu in weißem Linnen auf der
Brust, und deren Schlachtruf war: Vive le Roi! (Es lebe der König!).
Thiers
blieb also darauf angewiesen, in aller Eile eine buntscheckige Bande
zusammenzutrommeln, Matrosen, Seesoldaten, päpstliche Zuaven, Valentins
Gendarmen, Piétris Stadtsergeanten und Mouchards (Spitzel). Diese Armee wäre
jedoch bis zur Lächerlichkeit ungenügend gewesen ohne die nach und nach
eintreffenden imperialistischen Kriegsgefangnen, die Bismarck in
Abschlagszahlungen losließ, hinrei-chend einerseits, den Bürgerkrieg in
Gang und andererseits Versailles in kriechender Abhängigkeit von Preußen
zu halten. Im Verlauf dieses Kriegs selbst hatte die Versailler Polizei
der Versailler Armee aufzupassen, während die Gendarmen diese Armee mit
sich fortreißen mussten, indem sie sich überall an den gefährlichsten
Posten zuerst aussetzten. Die Forts, welche fielen, wurden nicht genommen,
sondern gekauft.
Der
Heldenmut der Kommunalisten überzeugte Thiers, dass der Widerstand vor
Paris nicht durch sein eigenes strategisches Genie und die ihm verfügbaren
Bajonette zu brechen war.“
MEW 17, 350f.
„Sobald
Mac-Mahon imstande war, zu versprechen, dass er bald in Paris einrücken könne,
erklärte Thiers der Nationalversammlung, er ,werde in Paris einziehen mit
dem Gesetz in der Hand und volle Sühne verlangen von den Elenden, die das
Leben von Soldaten geopfert und öffentliche Denkmäler zerstört hätten‘.
Als
der Augenblick der Entscheidung heranrückte, sagte er zur
National-versammlung: ,Ich werde ohne Barmherzigkeit sein‘; zu Paris,
sein Urteil sei gesprochen; und zu seinen bonapartistischen Banditen, sie
hätten Staatserlaubnis, an Paris ihre Rache nach Herzenslust auszuüben.“
MEW 17, 355.
„Die
Zivilisation und Gerechtigkeit der Bourgeoisordnung tritt hervor in ihrem
wahren, gewitterschwangern Licht, sobald die Sklaven in dieser Ordnung
sich gegen ihre Herren empören. Dann stellt sich diese Zivilisation und
Gerechtigkeit dar als unverhüllte Wildheit und gesetzlose Rache. Jede
neue Krise im Klassenkampf zwischen dem Aneigner und dem Hervorbringer des
Reichtums bringt diese Tatsache greller zum Vorschein. Selbst die Scheußlichkeiten
der Bourgeois vom Juni 1848 verschwinden vor der unsagbaren Niedertracht
von 1871.“
MEW 17, 355.
„Der
selbstopfernde Heldenmut, womit das Pariser Volk – Männer, Weiber und
Kinder – acht Tage lang nach dem Einrücken der Versailler fortkämpften,
strahlt ebenso sehr zurück die Größe ihrer Sache, wie die höllischen
Taten der Soldateska zurückstrahlen den eingeborenen Geist jener
Zivilisation, deren gemietete Vorkämpfer und Rächer sie sind. Eine
ruhmvolle Zivilisation in der Tat, deren Lebensfrage darin besteht: wie
die Haufen von Leichen loswerden, die sie mordete, nachdem der Kampf vorüber
war!
Um
ein Seitenstück zu finden für das Benehmen des Thiers und seiner
Bluthunde, müssen wir zurückgehen zu den Zeiten des Sulla und der beiden
römischen Triumvirate. Dieselbe massenweise Schlächterei bei kaltem
Blut; dieselbe Missachtung, beim Morden, von Alter und Geschlecht;
dasselbe System, Gefangne zu martern; dieselben Ächtungen, aber diesmal
gegen eine ganze Klasse; dieselbe wilde Jagd nach den versteckten Führern,
damit auch nicht einer entkomme; dieselbe Angeberei gegen politische und
Privatfeinde; dieselbe Gleichgültigkeit bei der Niedermetzlung von dem
Kampf ganz fremden Leuten. Nur der eine Unterschied ist da, dass die Römer
noch keine Granatwerfer hatten, um die Geächteten schockweise abzutun,
und dass sie nicht ‘in ihren Händen das Gesetz’ trugen, noch auf
ihren Lippen den Ruf der ,Zivilisation‘.
Und
nach diesen Schandtaten, seht jetzt auf die andere, noch ekelhaftere Seite
dieser Bourgeoiszivilisation, beschrieben durch ihre eigene Presse!
,Während‘,
schreibt der Pariser Korrespondent eines Londoner Tory-Blattes, ,während
noch einzelne Schüsse in der Ferne ertönen und unverpflegte Verwundete
zwischen den Grabsteinen des Père-Lachaise verenden, während 6.000
erschreckte Insurgenten im Todeskampf der Verzweiflung in den Irrgängen
der Katakomben sich verloren haben und man Unglückliche noch durch die
Straßen treiben sieht, um von den Granatwerfern schockweise
niedergeschossen zu werden – ist es empörend, die Cafés gefüllt zu
sehen mit Absinthtrinkern, Billard- und Dominospielern; zu sehen, wie
weibliche Verworfenheit sich auf den Boulevards breit macht, und zu hören,
wie der laute Schall der Schwelgerei aus den Privatzimmerchen vornehmer
Restaurants die Nachtruhe stört.‘„
MEW 17, 356.
„Die
Verschwörung der herrschenden Klasse zum Umsturz der Revolution durch
einen unter dem Schutz des fremden Eroberers geführten Bürgerkrieg –
eine Verschwörung, deren Spuren wir gefolgt sind vom September bis herab
zum Einmarsch der Mac-Mahonschen Prätorianer durch das St. Clouder Tor
– gipfelte in dem Blutbade von Paris.
Bismarck
schaut mit vergnügten Sinnen auf die Trümmer von Paris, in denen er
vielleicht die ,erste Rate‘ jener allgemeinen Zerstörung der großen Städte
sah, die er bereits erfleht hatte, als er noch ein einfacher Landadeliger
in der preußischen Ständekammer von 1849 war. Er schaut zufrieden auf
die Leichen des Pariser Proletariats. Für ihn ist dies nicht nur die
Austilgung der Revolution, sondern zugleich die Austilgung Frankreichs,
das jetzt in Wirklichkeit enthauptet ist, und durch die französische
Regierung obendrein. Mit der allen erfolgreichen Staatsmännern eigenen
Seichtigkeit sieht er nur die Oberfläche dieses ungeheuren
geschichtlichen Ereignisses.
Wo
hat je vorher die Geschichte das Schauspiel vorgeführt eines Siegers, der
seinen Sieg damit krönt, dass er sich nicht nur zum Gendarmen, sondern
auch zum gemieteten Söldner der besiegten Regierung hergibt? Zwischen
Preußen und der Kommune von Paris war kein Krieg. Im Gegenteil, die
Kommune hatte die Friedenspräliminarien angenommen, und Preußen hatte
seine Neutralität erklärt. Preußen war also keine kriegführende
Partei.“
MEW 17, 360.
„Nach
Pfingstsonntag 1871 kann es keinen Frieden und keine Waffenruhe mehr geben
zwischen den Arbeitern Frankreichs und den Aneignern ihrer
Arbeitserzeugnisse. Die eiserne Hand einer gemieteten Soldateska mag beide
Klassen, für eine Zeitlang, in gemeinsamer Unterdrückung niederhalten.
Aber der Kampf muss aber und abermals ausbrechen, in stets wachsender
Ausbreitung, und es kann kein Zweifel sein, wer der endliche Sieger sein
wird – die wenigen Aneigner oder die ungeheure arbeitende Majorität.
Und die französischen Arbeiter bilden nur die Vorhut des ganzen modernen
Proletariats.“
MEW 17, 361.
„Das
Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der
ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind
eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger
hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie
zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind.“
MEW 17, 362.
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Die
Pariser Kommune und die österreichische
Arbeiterbewegung
Von
Franz Strobl
Quelle:
Kominform
Wien
[Aus:
»WEG und ZIEL«, Nummer 3, März 1956]
Am 18. März jährt sich der Tag des Beginns des heroischen Aufstands der
Pariser Arbeiter, der unter dem Namen der "Pariser Kommune" in
die Geschichte eingegangen ist. Angesichts einer Regierung der
Bourgeoisie, die das Land nicht nur in eine soziale, sondern auch in eine
nationale Katastrophe gestürzt hatte, erhob sich vor 85 [inzwischen 135]
Jahren das arbeitende Volk von Paris und errichtete - zum ersten Mal in
der Geschichte und unter denkbar schwersten Bedingungen - eine Staatsmacht
der Arbeiterklasse.
Die
Pariser Kommune, die erste Regierung der Geschichte, die „wesentlich
eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der
hervorbringenden gegen die aneignende Klasse" war, dieser
"ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft" (Marx), weckte in
der internationalen Arbeiterbewegung ein gewaltiges Echo - vergleichbar
nur mit jenem, das später die großen russischen Revolutionen in der Welt
hervorriefen.
Zur
Zeit der Pariser Kommune und der sie unmittelbar vorbereitenden Ereignisse
war die Arbeiterbewegung in Österreich noch blutjung. Als organisierte
Bewegung einer größeren Zahl von Arbeitern bestand sie damals kaum drei,
vier Jahre. Um so eindrucksvoller sind die Dokumente und Tatsachen, welche
von dem hohen Stand des Klassenbewusstseins und von der erstaunlichen
politischen Reife der damaligen Arbeiterbewegung Zeugnis geben.
Wie
die uns überlieferten historischen Dokumente beweisen, ist dieses hohe
politische Niveau der jungen österreichischen Arbeiterbewegung, ihre
rasche Entwicklung und ihr verhältnismäßig früher Kontakt mit
bestimmten marxistischen Auffassungen zu einem bedeutenden Teil das
Ergebnis des tiefen und oft bestimmenden Einflusses, den die von Marx
geleitete I. Internationale, die berühmte "Internationale
Arbeiterassoziation", auf die noch in ihren Kinderschuhen steckende
österreichische Arbeiterbewegung nahm.
Der
»Volkswille« - war damals faktisch das Zentralorgan der österreichischen
Arbeiterbewegung - in einer entschiedenen Erklärung gegen den Krieg, enthüllte
seine reaktionären, dynastischen Hintergründe und zeigte die große
Gefahr, die er für ganz Europa bedeutete. Die österreichischen Arbeiter
wurden aufgefordert, überall Protestkundgebungen gegen den Krieg durchzuführen
und ihre Stimme für seine sofortige Beendigung zu erheben. Am 13. August
erschien im »Volkswillen« in ihrem vollen Wortlaut die berühmte, von
Marx verfasste "Erste Adresse des Generalrats (der Internationale) über
den Deutsch-Französischen Krieg", welche eine klare, marxistische
Analyse dieses Krieges gab und der Arbeiterbewegung damit eine
einheitliche Ausrichtung ermöglichte. In vielen Gebieten Österreichs, wo
das Versammlungsrecht nicht völlig aufgehoben war, fanden
Massenversammlungen statt, auf denen die Kriegsschuldigen beider Seiten
angeprangert und zu einer sofortigen Beendigung des Gemetzels aufgerufen
wurde.
Der
Sturz Napoleons III. und die Ersetzung der französischen Monarchie durch
eine Republik erhöhte die Aktivität der österreichischen Arbeiter im
Kampf gegen diesen Krieg, der sich aus einem Angriffskrieg Frankreichs in
einen brutalen Raubkrieg Preußens verwandelt hatte. Angesichts der
besonderen Verantwortung, die nun auf die deutsche Arbeiterschaft fiel,
beschlossen die Wiener Arbeiterorganisationen am 10. September 1870 einen
von ihren bekanntesten Funktionären unterzeichneten Aufruf "An die
Arbeiter Deutschlands!", in dem es hieß: "Durch die
Proklamierung der Republik und die Gefangennahme des Despoten, der das
französische Volk in den unheilvollen Krieg mit Deutschland stürzte, hat
sich die Sachlage wesentlich verändert. Deutschland steht nicht mehr dem
napoleonischen Kaisertum, das fortwährend Europa bedrohte, sondern dem
französischen Volk gegenüber, und an Euch, deutsche Arbeiter, ist es
jetzt, mit ganzer Kraft d e r a n t i -nationalen Verblendung
entgegenzutreten, welche die Demütigung Frankreichs, die Abtretung von
Elsass und Lothringen, welche den verderblichen und kulturfeindlichen
Nationalhass aufs Neue entflammen müsste, als Friedensbedingungen fordert
...
Arbeiter!
Sorgt dafür, dass die furchtbaren schweren Opfer nicht durch den
Siegesrausch des deutschen Volkes der Reaktion, der Kastenherrschaft
zugute kommen, sondern dass neben der französischen Republik, welche
sich, wie wir sehnlichst wünschen, zu einer freiheitlichen, sozialen
entwickeln wird, ein freies Deutschland erstehe, in welchem das Volk seine
Geschicke selbst bestimmt ... Wahret das Selbstbestimmungsrecht des
Volkes! Hoch die Arbeit!"
Am
8. Oktober 1870 veröffentlichte der „Volkswille" auf eineinhalb
Seiten auch den vollständigen Text der "Zweiten Adresse des
Generalrats" der Internationale über den Deutsch-Französischen
Krieg, die Marx geschrieben hatte. Einige Wochen später, am 5. November
1870, erschien im »Volkswillen«, wieder eine ganze Seite einnehmend, der
in London beschlossene internationale Aufruf "An das französische
Volk! An das deutsche Volk!", den neben Karl Marx, Friedrich Engels,
August Bebel, Wilhelm Liebknecht und anderen hervorragenden Funktionären
der internationalen Arbeiterbewegung auch viele namhafte Friedensfreunde
aus Frankreich und Deutschland unterzeichnet hatten. Zitate aus diesen
Dokumenten sowie Erklärungen und Stellungnahmen deutscher und französischer
Arbeiterführer wurden im »Volkswillen« laufend wiedergegeben.
Zur
selben Zeit ging eine sich über den ganzen Herbst und Winter 1870/71
erstreckende Welle gut organisierter Antikriegsversammlungen und
Demonstrationskundgebungen gegen die preußischen Landräuber durch Österreich.
Die großartigste dieser Versammlungen war jene vom 5. Dezember 1870 beim
Schwender in Wien, zu der sich über 6000 Arbeiter eingefunden hatten. Die
scharfen Angriffe der Redner dieser Versammlung gegen den preußischen
Militarismus und ihre Bekenntnisse zum gemeinsamen Vorgehen der
internationalen Arbeiterschaft gegen reaktionäre, kriegslüsterne
Regierungen führten zu wiederholtem Einschreiten des anwesenden
Regierungskommissars, dessen Einsprüche aber doch nicht verhindern
konnten, dass die Kundgebung mit einem mehrfachen Hoch auf die französische
Republik und mit dem Absingen der "Marseillaise" abgeschlossen
wurde.
"Bürgerliche"
und "soziale" Republik
Die
Bekenntnisse der österreichischen Arbeiterschaft gegen den preußischen
Absolutismus und für die französische Republik bedeuteten nicht, dass
sich die Arbeiter über den Klassencharakter dieser Republik besondere
Illusionen gemacht hätten. Im Gegenteil. Schon am 10. September 1870
betonte der »Volkswille« in einem Leitartikel über "Die Republik
Frankreich": "Das Wort Republik hat seinen bezaubernden,
begeisternden Klang längst verloren. Der Glaube, dass Freiheit und
Republik identisch seien, ist im Volk längst erloschen ... nur in der
sozialen Republik werden Freiheit und Gleichheit aller Staatsbürger ihren
Sitz aufschlagen ..." Schon mit den ersten Nachrichten über den
Sieg der Arbeiter in Paris wurden im »Volkswillen« eine Reihe von
Aufrufen und Proklamationen des Zentralkomitees der Nationalgarden, meist
im vollen Wortlaut, veröffentlicht und begeistert über die ersten Beschlüsse
der Pariser Revolution berichtet: Durchführung von Wahlen in die Kommune;
Abschaffung des alten Heeres und Ersetzung durch die Nationalgarde;
Eintreibung der Kriegskosten bei den für den Krieg Verantwortlichen;
Verkaufsverbot für versetzte Gegenstände; Kündigungsschutz für die in
Zahlungsrückstand gekommenen Mieter usw. "Die Zeit für die
Emanzipation der Proletarier ist gekommen", schrieb der »Volkswille«,
ein Dokument der Pariser Revolution zitierend, und knüpfte daran die
Hoffnung, "dass die Pariser Bewegung mehr und mehr um sich
greife".
In
einem Aufsatz, betitelt "Der ,Volkswille' und die Wiener Presse"
hat das offizielle Organ der Pariser Kommune später ihre Solidarität mit
der Zeitung der österreichischen Arbeiterbildungsvereine erklärt, die
mit der Pariser Arbeitermacht auch dadurch besonders eng verbunden war,
dass Leo F r a n k e l, der aus Ungarn stammende Arbeitsminister der
Kommune und spätere korrespondierende Sekretär des Generalrates der I.
Internationale, schon seit 1869 ein regelmäßiger Mitarbeiter der »Volksstimme«
und seines Nachfolgers, des »Volkswillens«, gewesen war.
Die
mit den Nachrichten aus Paris täglich anschwellende Begeisterung der österreichischen
Arbeiter über die Kommune schien der österreichischen Regierung so gefährlich,
dass sie ihren Druck auf die Arbeiterbewegung bedeutend verstärkte und
dazu überging, in dieser kritischen Zeit möglichst alle Versammlungen
und Kundgebungen zu verbieten. Dennoch kamen in den verschiedensten Teilen
Österreichs großartige Solidaritätskundgebungen mit der Kommune
zustande und sprach man, wo immer Arbeiter zusammenkamen, über die
welthistorischen Ereignisse in Paris. Vor allem der »Volkswille« war
einem unerhörten behördlichen Druck ausgesetzt. In den vorhandenen
Nummern finden wir während der Dauer der Kommune immer wieder die
Pflichtveröffentlichungen von Konfiskationsurteilen mit Formulierungen
wie:
"Die
bezeichneten Artikel bilden ihrem ganzen Inhalt nach den Tatbestand des §
..., weil in denselben die von der Pariser Umsturzpartei begangenen
Freveltaten, durch welche der Empörungskampf gegen die gesetzliche und
anerkannte Regierung geschändet ist, angepriesen, gerechtfertigt, ja
geradezu verherrlicht werden."
Die
Konfiskationspraxis ging so weit, dass von den Ende Mai bis Ende Juni 1871
gedruckten fünf Nummern des »Volkswillens« vier beschlagnahmt wurden
und das Erscheinen der Zeitung zeitweilig überhaupt fraglich war, weil
die Polizei nicht nur die gedruckten Exemplare, sondern den ganzen
Drucksatz beschlagnahmte. Unter diesen Umständen und angesichts der
Tatsache, dass schon seit Anfang 1871 kein normaler Verkauf und keine
Kolportage des »Volkswillens« erlaubt, sondern nur Abonnements
zugelassen waren, deren Besteller sich dem Druck der Behörden offen
auslieferten, ist es erstaunlich, dass der »Volkswille« in diesen Wochen
eine Auflage von 6000 Exemplaren erreichte. Auch hierin äußerte sich der
starke Auftrieb und die zunehmende Politisierung, welche die österreichische
Arbeiterbewegung der Pariser Kommune verdankte. Mit sicherem Instinkt
begriff die österreichische Arbeiterbewegung, welche gewaltige Bedeutung
die Kommune nicht nur für Frankreich, sondern auch für Österreich und für
die ganze Welt hatte. So schrieb der »Volkswille« am 15. April 1871 über
den Heldenkampf der Kommunarden: "Tage und Nächte hindurch kämpfen
sie - und bis jetzt mit Erfolg! Die Frauen sogar nehmen die Gewehre zur
Hand, und man berichtet, dass sie Wunder an Tapferkeit tun. Das ist ein
Volk aus Eisenguss! Immer deutlicher zeigt es sich, dass, wie auch die Würfel
fallen mögen, der Kampf, den dermalen das Pariser Volk im Interesse der
gesamten Menschheit führt, nicht fruchtlos sein wird."
Schon
jetzt ist den Kommunarden „unsterblicher Ruhm" sicher, denn ihr
Kampf ist „der Vorkampf für die Freiheit der Welt"; unter allen
Umständen wird ihnen das Verdienst bleiben, der Welt gezeigt zu haben,
auf welche Weise der Augiasstall der Reaktion gereinigt werden kann"
- so und so ähnlich schrieb der „Volkswille" in seinen Kommentaren
und berichteten die Arbeiterfunktionäre auf den Versammlungen über die
Ereignisse in Frankreich. Wenn die offizielle österreichische Presse
immer wieder Krokodilstränen über die angebliche Grausamkeit der
Arbeitermacht in Paris vergoss, so bewies der „Volkswille"
seinerseits immer wieder, dass man den Kommunarden nicht Grausamkeit,
sondern vielmehr allzu große Zurückhaltung, übertriebene Mäßigung und
oft gefährliche Nachsicht vorwerfen konnte — eine Sanftheit, die man
anderswo "im gleichen Fall schwerlich nachmachen" werde. Das
Geheul der Regierungspresse über die Erschießung zweier Generäle, die
ihr Leben infolge ihrer konterrevolutionären Schandtaten hundertfach
verwirkt hatten, beantwortete der »Volkswille« mit der Feststellung:
"Wie im Jahre 1848 nennt man auch heute wieder Räuber und Mörder
die Männer, welche die höchsten Interessen der französischen Nation
verteidigen ... Es ist lächerlich, die Hinrichtung von gemeinschädlichen
Subjekten, die auf wehrloses Volk schießen ließen, als Mord zu
bezeichnen." (1. April 1871.)
Nach
langem Zuwarten die reaktionäre Presse verbot und ihre Macher hinter
Schloss und Riegel setzte, schrieb dazu der »Volkswille«: "Die
Kommune hat endlich auch die in Paris im Dienste der Versailler Regierung
arbeitenden Blätter unterdrückt. Sie handelte viel zu nachsichtig, indem
sie, während sie sich im Krieg befand, die Organe der Feinde bestehen ließ.
Auch jetzt hat die Kommune noch Mäßigung gezeigt, da kein einziger der
betreffenden Zeitungseigentümer erschossen wurde." (13. Mai
1871.)
Kein
Wunder, dass angesichts solcher Aussichten die Aufregung der
arbeiterfeindlichen österreichischen Presse noch zunahm und einer ihrer
Vertreter, der unter "Hans Jörgel" schreibende so genannte
Wiener Volksschriftsteller Anton Langer, die Regierung beschwörte, sie möge
doch dafür sorgen, dass die Wiener Arbeiter "nicht das Beispiel von
Paris nachahmen".
Treue
auch zur gefallenen Kommune
So
wie der siegreichen, so hielten die österreichischen Arbeiter auch der
von der Übermacht erwürgten Kommune die Treue. In den letzten Tagen, da
der Fall der Kommune schon nur mehr eine Frage von Stunden war, widmete
ihr der »Volkswille« einen ergreifenden Nachruf. Unter dem Titel
"Der Entscheidungskampf in Paris" schrieb das von der Zensur
aufs ärgste schikanierte Arbeiterblatt: "Was wir in dem
Augenblick fühlen, wo wir dies niederschreiben - wir können, wir dürfen
es nicht sagen. Wir müssen uns auf trockenes Referieren beschränken, da,
wo wir dem Heldenmute der Pariser Republikaner unseren Beifall spenden,
da, wo wir dem Schmerz über die Leiden dieser Tapferen und dem Zorn über
die Niederträchtigkeit ihrer Feinde Ausdruck geben sollten ... Das Blut
der Pariser Arbeiter wird nicht umsonst geflossen sein ... Hut ab vor
diesen Heroen des 19. Jahrhunderts!" (27. Mai 1871.)
Die
nächste Nummer des »Volkswillens« brachte dann schmerzliche Gewissheit,
dass die Kommune dem Druck der vereinigten französischen und preußischen
Bajonette erlegen war. Die zwei großen Artikel, in denen der »Volkswille«
darüber berichtete (3. Juni 1871) erschienen im schwarzen Trauerrand.
Beide
Nummern des »Volkswillens« wurden von der Polizei sofort konfisziert,
doch die Herausgeber verstanden es, tausende Zeitungen dennoch in die Hände
ihrer Leser zu bringen. Allen Schwierigkeiten und Unterdrückungsmaßnahmen
zum Trotz ging die österreichische Arbeiterschaft nun daran, an den
wichtigsten Punkten der Monarchie Solidaritätskundgebungen für die Opfer
der rasenden Konterrevolution durchzuführen. Bei einer der zu diesem
Zweck unternommenen Reisen wurde Andreas Scheu - seit seiner
Haftentlassung im Februar wieder der aktivste Führer der österreichischen
Arbeiterbewegung - zusammen mit vier anderen bekannten Funktionären in
Budapest verhaftet, wo er auf einer Gedenkversammlung zu Ehren der
gefallenen Kommune gesprochen und einen Trauerzug ins Stadtwäldchen
organisiert hatte (21. Juni 1871).
Wenige
Tage später fand auch ein groß aufgezogener Presseprozess gegen Andreas
Scheu statt, welcher für die der Pariser Kommune gewidmeten Nummern des
»Volkswillens« verantwortlich gezeichnet hatte. Es war klar, dass Scheu
mit einer empfindlichen Strafe zu rechnen hatte, wenn er sich nicht
herausredete. Aber Scheu, sich als Sprecher der ganzen österreichischen
Arbeiterklasse fühlend, wich nicht aus, bekannte sich stolz zur Kommune
und rief dem Gericht zu: "Ich bestreite der österreichischen
Staatsbehörde das Recht, darüber zu entscheiden, was in diesem Kampfe,
der alle Elemente entfesselte, gesetzlich oder ungesetzlich war. Die
Kommunarden waren eine Krieg führende Partei. Die Kommune repräsentierte
die Intelligenz der Pariser Bevölkerung und war mit entschiedener Majorität
aus freier Wahl des Volkes hervorgegangen. Es ist Tatsache, dass derjenige
die Gesetze diktiert, der die Gewalt in Händen hat ... Ich protestiere
dagegen, dass man die Handlungen der Kommune als Mordbrennereien
bezeichnet, während man die gleichen Handlungen der Versailler Regierung
als legale Hinrichtungen ansieht!"
Nach
einer langen Rede des Staatsanwalts, die - wie Scheu nachwies — nicht
aus Argumenten, sondern aus Beschimpfungen der Pariser Kommunarden
bestand, wurde Andreas Scheu zu 4 Monaten, der »Volkswille« zu 200
Gulden Kautionsverlust verurteilt.
*
Der Fall der Pariser Kommune leitete eine schwere Zeit auch für die österreichische
Arbeiterbewegung ein. Aber unausrottbar waren die Wurzeln, welche die
Arbeiterbewegung in Österreich bereits gefasst hatte. Nach einem
Jahrzehnt großer Schwierigkeiten und Rückschläge begann Mitte der
achtziger Jahre ihr neuer Aufschwung, erstand sie organisierter,
zielbewusster und mächtiger.
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