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Stalin
und der Kampf für demokratische Reformen
Teil
1
Grover
Furr

Stalin
und der Kampf für demokratische Reformen
Teil
1
Grover
Furr
Deutsche
Übersetzung von Michael Kubi
(die
Meinung des Autors muss nicht 100%ig mit der Meinung des Übersetzers übereinstimmen)
(englisches
Original: http://eserver.org/clogic/2005/furr.html)
Quelle:
red-channal
auf
Kommunissten-online am 13. Mai 2011 -
EINLEITUNG
1.
Dieser Artikel umreißt die Versuche Josef Stalins, von 1930 bis zu
seinem Tod, die Regierung der Sowjetunion zu demokratisieren.
2.
Diese Aussage und dieser Artikel werden viele erstaunen und so manchen
empören. In der Tat veranlasste mich mein eigenes Erstaunen über die
Ergebnisse der Forschung diesen Artikel zu schreiben. Ich war schon seit
Längerem der Ansicht, dass die Version des Kalten Krieges über die
Sowjetunion einige ernste Fehler hatte. Noch war ich aber unvorbereitet
über den Umfang der Falschheiten die mir als Tatsachen unterrichtet
worden waren
3.
Diese Geschichte ist in Russland weit bekannt, wo Respekt oder gar
Bewunderung für Stalin üblich ist. Juri Shukow, der bekannteste
russische Historiker der an dem Paradigma „Stalin als Demokrat“
festhält und dessen Arbeiten für diesen Artikel die Hauptquelle sind,
ist die Hauptfigur, der mit der Akademie für Wissenschaften verbunden
wird.
4.
Allerdings sind die Geschichten und Fakten, welche diesen Artikel
durchziehen, außerhalb Russlands fast unbekannt, wo das Paradigma des
Kalten Krieges, des „Schurken Stalin“ das kontrolliert was veröffentlicht
wird, dass die Werke, die hier zitiert werden, kaum beachtet werden.
Deshalb sind die Primär- und Sekundärquellen, die für diesen Artikel
genutzt werden nur in Russland erhältlich. [1]
5.
Dieser Artikel informiert die Leser nicht einfach nur über neue Fakten,
neue Interpretationen über die Geschichte der UdSSR. Viel mehr ist es
ein Versuch nichtrussischen Lesern Ergebnisse neuer Forschung, basierend
auf Sowjetarchive, die Stalinzeit und Stalin selber zu vermitteln. Die
hier besprochenen Fakten sind vergleichbar mit einer Anzahl von
Paradigmen der sowjetischen Geschichte und helfen eine Anzahl anderer
Interpretationen zu widerlegen. Sie werden für jene, deren historische
und politische Perspektiven irrtümlich und ideologisch motiviert auf
den fiktiven Legenden des Kalten Krieges über den „sowjetischen
Totalitarismus“ und „stalinistischen Terror“ beruhen, vollkommen
unakzeptabel, in Fakt unverschämt sein.
[2]
6.
Die Chruschtschow-Interpretation von Stalin als machthungrigen Diktator,
des Verräters des Vermächtnis Lenins, wurde in den 1950ern kreiert um
die Bedürfnisse der Nomenklatura der Kommunistischen Partei anzupassen.
Aber es zeigt große Ähnlichkeiten und teilt viele Annahmen mit dem
kanonischen Diskurs über Stalin geerbt vom Kalten Krieg, der das
Verlangen der Kapitalistenklasse zu argumentieren, dass kommunistische Kämpfe,
oder allgemein Kämpfe für die Befreiung der Arbeiter, muss
unvermeidlich in eine Art des Horrors führen.
7.
Es passt auch zu den Bedürfnissen der Trotzkisten zu behaupten, dass
die Niederlage Trotzkis, des „wahren Revolutionären“, nur durch die
Hand eines Diktators kommen konnte, der, so wird behauptet, jedes
Prinzip der Revolution bekämpfte. Chruschtschowsche, antikommunistische
und trotzkistische Sichtweisen der sowjetischen Geschichte sind
vergleichbar in ihrer Abhängigkeit der virtuellen Dämonisierung
Stalins, seiner Führung und der UdSSR seiner Zeit.
8.
Die Sicht über Stalin, die in diesem Essay zur Geltung kommt, ist
vergleichbar mit einer Anzahl anderer widersprüchlicher historischer
Paradigmen. Antirevisionistische und postmaoistische Interpretationen
sehen in Stalin einen kreativen und logischen, wenn auch etwas
fehlerhaften, Erben des Vermächtnis Lenins. Inzwischen respektiert auch
ein Großteil der russischen Nationalisten Stalin als jene Figur der es
zu verdanken ist, dass Russland zu einer industriellen und militärischen
Großmacht wurde, sie Stalin kaum als einen Kommunisten sehen. Stalin
ist somit für beide eine fundamentale Figur, obgleich auf
unterschiedliche Art und Weise.
9.
Dieser Artikel ist kein Versuch Stalin zu rehabilitieren. Ich stimme mit
Juri Shukow überein, wenn er schreibt:
„
Ich kann ehrlich sagen, dass ich gegen eine Rehabilitierung Stalins bin,
weil ich grundsätzlich gegen Rehabilitierungen bin. Nichts und niemand
in der Geschichte sollte rehabilitiert werden – aber wir müssen die
Wahrheit aufdecken und aussprechen. Dennoch, sind seit Chruschtschows
Zeit die einzigen Opfer Stalins Repressionen, von denen man hört,
diese, die an ihnen selbst teilnahmen, oder die, die sie förderten oder
die, denen es misslang gegen sie zu sein.“ (Shukow, KP Nov. 21. 02)
Noch
möchte ich andeuten, wenn Stalin nur diesen Weg gehabt hatte, wurden
die vielfältigen Probleme des Aufbaus des Sozialismus und Kommunismus
gelöst.
10.
Während der Periode, die dieser Essay behandelt, war die Führung um
Stalin nicht nur daran interessiert die Demokratie in der
Regierungsgewalt, sondern auch die innerparteiliche Demokratie zu fördern.
Dieses wichtige und fachbezogene Thema erfordert eine getrennte Studie,
die in diesem Essay nicht Zentralthema sein wird. Wie auch immer der
Begriff „Demokratie“ verstanden wird, er hat wohl eine
unterschiedliche Bedeutung im Kontext einer
demokratisch-zentralistischen Partei freiwilliger Mitglieder als ein großer
Staat mit Bürgern, wo keine Basis politischer Übereinstimmung
vorausgesetzt werden kann. [3]
11.
Dieser Artikel beruft sich auf primäre Quellen, wo es auch möglich
ist. Aber er bezieht sich hauptsächlich auf wissenschaftliche Arbeiten
russischer Historiker, die Zugang zu nicht oder kürzlich veröffentlichen
sowjetischen Archivmaterial haben. Viele sowjetische Dokumente, die von
großer Bedeutung sind, sind nur Wissenschaftler zugänglich die
privilegierten Zugang zu den Archiven haben. Eine große Anzahl
verbleibender Archive sind vollkommen verschlossen oder „sortiert“,
inklusive Stalins persönliche Archive und die Forschungsmaterialien zu
den Moskauer Prozessen, den Säuberungen des Militärs, der
Tukchaschewsky-Affaire von 1937 und viele andere.
12.
Juri Shukow beschreibt die Situation folgendermaßen:
„Mit
dem Beginn der Perestroika, zu dessen Slogans auch „Glasnost“ gehörte
… waren die Kremlarchive, die vorher nur Forscher einsehen konnten,
beseitigt. Dessen Bestand wurde (in verschiedenen öffentlichen Archiven
– GF) verlagert. Dieser Prozess begann, wurde aber nie beendet. Ohne
jegliche Werbung und Erklärung wurden 1996 die wichtigsten, zentralen
Materialien wieder neu eingeteilt, geheimgehalten im Archiv des Präsidenten
der Russischen Förderation. Bald waren die Gründe für dieses geheime
Vorgehen bekannt; es erlaubte die Auferstehung eines der zwei schäbigsten
Mythen.“ (6)
Mit
diesen Mythen meinte Shukow „Stalin den Verbrecher“ und „Stalin
den Großen Führer“. Nur der erste Mythos ist der westlichen
antikommunistischen Geschichtsschreibung geläufig. Aber in Russland und
der GUS sind beide weit verbreitet.
13.
Eines von Shukows Büchern, und die Grundlage für diesen Artikel, ist
„Inoy Stalin“ „ein anderer Stalin“, anders in dem Sinne, dass er
frei von den Mythen, näher an der Realität betrachtet wird, gestützt
auf kürzlich geöffnetes Archivmaterial. Dessen Buchumschlag zeigt ein
Foto von Stalin, daneben das Negativ des gleichen Fotos: dessen
Gegenteil also. Nur kaum benutzt Shukow Quellen aus zweiter Hand. Zum größten
Teil zitiert er unveröffentlichtes Archivmaterial, oder Dokumente die kürzlich
geöffnet und veröffentlicht wurden. Das Bild des Politbüros und
dessen Politik von 1934 bis 1938, welches Shukow zeichnet, unterscheidet
sich von jenen „Mythen“, die er ablehnt.
14.
Shukows Einleitung endet mit folgenden Worten:
„Ich
mache keinen Anrecht auf Endgültigkeit und Unbestreitbarkeit. Ich wage
nur eine Aufgabe: beide vorgefassten Sichtweisen, beide Mythen zu
umgehen; versuchen die Vergangenheit zu rekonstruieren, die einmal sehr
bekannt war, heute absichtlich in Vergessenheit geraten ist, vorsätzlich
nicht erwähnt wird und von allen ignoriert wird.
Nach
Shukow, versucht dieser Artikel beide Mythen zu meiden.
15.
Unter solchen Bedingungen müssen alle Ergebnisse vorläufig verbleiben.
Ich habe versucht alle Materialien, sowohl primäre als auch sekundäre,
vernünftig zu gebrauchen. Um den text nicht zu unterbrechen, habe ich
die Quellenangaben hinter jeden Abschnitt gesetzt. Des Weiteren habe ich
nummerierte Fußboten eingesetzt, wo längere Erklärungen notwendig
sind.
16.
Die Forschung, die dieser Artikel zusammenfasst, hat wichtige
Konsequenzen für jene, die daran interessiert sind eine Klassenanalyse
der Geschichte fortzusetzen, einschließlich der Geschichte der
Sowjetunion.
17.
einer der besten Forscher der Stalinära, J. Arch Getty, nannte die
historische Forschung während des Kalten Krieges „das Ergebnis von
Propaganda“ – „Forschung“, bei der es keinen Sinn macht sie zu
kritisieren oder zu versuchen sie in Einzelstücken zu korrigieren, aber
die von Anfang an noch einmal von vorn gemacht werden muss. [4]
Ich stimme mit Getty überein, würde aber noch hinzufügen, dass diese
voreingenommene, politisch geladene und unehrliche „Forschung“
wieder aufgenommen wird.
18.
Das Paradigma des Kalten Krieges und der Chruschtschowianer war die
allgemein geltende Sicht über die Stalinzeit. Die Forschung, die hier
vorgetragen wird, kann zu „einer Reinigung der Grundlage“, zu einem
„Anfang des Anfangs“ führen. Die Wahrheit, die hier entsteht, wird
auch für Marxisten eine große Bedeutung haben um die Welt zu verstehen
und sie zu verändern um eine klassenlose Gesellschaft mit sozialer und
ökonomischer Gerechtigkeit zu gründen.
19.
Im Abschließenden Abschnitt des Essays habe ich einige Gebiete für
eine weitere Forschung umrissen, die von den Ergebnissen dieses Artikels
vorgeschlagen sind.
EINE
NEUE VERFASSUNG
20.
Im Dezember 1936 stimmte der 8. Außerordentliche Kongress der Sowjets
dem Entwurf einer neuen Verfassung zu. Diese stimmten für einen
geheimen Wahlgang und für Wahlen mit Gegenkandidaten. (Shukow, Inoy 307
-9)
21.
Es konnten nicht nur Mitglieder der Bolschewistischen Partei – damals
All-Unions Kommunistische Partei (Bolschewiki) genannt [5]
– sondern auch Kandidaten anderer Bürgerinitiativen, basierend auf
den Wohnsitz, Religionszugehörigkeit und Arbeitsgruppen. Diese letzte
Bestimmung wurde nie Wirklichkeit. Wahlen mit Gegenkandidaten sind nie
gehalten worden.
22.
Die demokratischen Aspekte der Verfassung wurden auf Verlangen Josef
Stalins eingeführt. Zusammen mit seinen engsten Unterstützern im
Politbüro der Bolschewistischen Partei kämpfte Stalin für den Erhalt
dieser Bestimmungen. (Getty „State“)
Er
und sie (Stalin und das Politbüro – M.K.), gaben nur nach, als sie
mit der kompletten Ablehnung des ZK der Partei und der panischen Atmosphäre
durch die Entdeckung feindlicher Komplotte, die mit dem japanischen und
deutschen Faschismus zusammen arbeiteten, um die Regierung zu stürzen,
konfrontiert waren
23.
Januar 1935 unterzeichnete das Politbüro die Aufgabe des Entwurfs des
Inhalts der Verfassung an Avel Jenukidse [6]
der, einige Monate später, mit einem Vorschlag für offene Wahlen ohne
Gegenkandidaten zurückkam. Fast zeitgleich, am 25. Januar 1935, drückte
Stalin seine Meinungsverschiedenheit mit Jenukidse zu verdeutlichen,
bestehend auf geheime Wahlen. (Shukow, Inoy 116-21)
24.
Stalin machte seine Differenz auf eine dramatische Weise im März 1936
bei einem Interview bei dem Zeitungs-Großindustriellen Roy Howard öffentlich.
Stalin erklärte, dass bei der neuen Verfassung die geheimen Wahlen
garantiert werden. Wahlen werden auf gleicher Grundlage abgehalten, bei
der die Stimme eines Bauern genauso viel zählt wie die eines Arbeiters.
[7], auf
territorialer Grundlage, wie im Westen, eher als nach der Stellung (wie
zu Zarenzeiten) oder dem Einsatzort; und direkt – alle Sowjets werden
von den Bürgern selbst gewählt, nicht indirekt durch Repräsentanten.
(Stalin- Howard Interview, Shukow „Repressi“ 5-6)
Stalin:
Wir werden unsere neue Verfassung wahrscheinlich am Ende des Jahres
annehmen. Die Kommission, die ausgewählt wurde zu Verfassung
anzufertigen, arbeitet und sollte ihre Arbeiten bald beenden. Wie schon
bekannt gegeben, werden die Wahlen, nach der neuen Verfassung,
universell, gleich, direkt und geheim sein. (Stalin-Howard-Interview, S.
13)
25.
Das wichtigste ist, dass Stalin erklärte, dass es Wahlen mit
Gegenkandidaten geben wird.
Sie
sind von der Tatsache verwirrt gewesen, dass nur eine Partei bei den
Wahlen hervortreten wird. Sie verstehen nicht, wie Wahlen mit
Gegenkandidaten unter solchen Bedingungen stattfinden können. Eindeutig
können Kandidaten sowohl von der Kommunistischen Partei, als auch von
allen möglichen öffentlichen, parteilosen Organisationen aufgestellt
werden. Und wir haben hunderte von ihnen. Wir haben keine gegnerischen
Parteien mehr, genauso wie wir keine Kapitalistenklasse haben, die im
Widerstreit zur Arbeiterklasse steht und diese ausbeutet. Unsere
Gesellschaft besteht nur aus freien Arbeitern in Stadt und Land –
Arbeitern, Bauern und Intellektuellen. Jede dieser Schichten kann
unterschiedliche Interessen haben und diese in vielen verschiedenen öffentlichen
Organisationen ausdrücken (13-14)
Diese
öffentlichen Organisationen können ihre eigenen Kandidaten aufstellen,
die gegen die Kandidaten der Kommunistischen Partei konkurrieren. Stalin
sagte Howard, dass Bürger die Namen aller Kandidaten durchstreichen außer
jenen den sie zur Wahl wünschen.
26.
Er betonte auch die Wichtigkeit dieser Form der Wahlen bei dem Kampf
gegen Bürokratie.
Sie
behaupten, dass es keine Wahlkämpfe geben wird. Aber es wird welche
geben, ich persönlich sehe aktive Wahlkämpfe voraus. Bei uns zulande
gibt es einige Organisationen, die sehr schlecht arbeiten. Es gibt Fälle,
dass diese oder jene lokale Regierung die vielfältigen und immer
wachsenden Bedürfnisse der Arbeiter in der Stadt und auf dem Land nicht
befriedigen. Haben sie gute Schulen gebaut oder nicht? Haben sie die
Wohnungssituation verbessert? Sind sie ein Bürokrat? Haben sie geholfen
unsere Arbeit effektiver und unser Leben kulturell wertvoller zu machen?
Das werden Kriterien sein, mit denen Millionen von Wählern die Fähigkeiten
der Kandidaten prüfen werden, die Unfähigen abwählen, ihre Namen aus
der Liste der Kandidaten streichen und die besten unterstützen und
nominieren. Ja, Wahlkämpfe werden lebhaft, sie werden von vielen
durchgeführt, sehr akute Probleme, besonders von praktischer Natur, als
erste Klassenbedeutung für die Menschen. Unser neues Wahlsystem wird
alle Institutionen und Organisationen verschärfen und sie zwingen, ihre
Arbeit zu verbessern. Universelles, gleiches, direktes und geheimes
Stimmrecht in der UdSSR wird eine Peitsche in den Händen der Menschen
gegen die Regierungsorgane sein, die schlecht arbeiten. Unsere neue
sowjetische Verfassung wird meines Erachtens die demokratischste
Verfassung der Welt sein. (15)
27.
Von diesem Zeitpunkt an, sprachen Stalin und seine engsten Mitstreiter
Wjatscheslaw Molotow und Andrej Schdanow für Wahlen mit Gegenkandidaten
in allen Parteidiskussionen. (Shukow, Inoy 207-10,
Stalin-Howard-Inteview)
28.
Stalin war auch daran interessiert, dass diejenigen die ihrer Bürgerrechte
beraubt wurden, diese wieder erhalten. Dies zog die Mitglieder der
ehemaligen Ausbeuterklassen wie frühere Gutsherren, sowie diejenigen
die gegen die Bolschewiki während des Bürgerkrieges 1918-1921 kämpften,
sogenannte „Weißgardisten“ und jene die für Verbrechen verurteilt
wurden (wie in den USA heute) mit ein. Die Wichtigsten und wohl
zahlreichsten der lishentsy („Beraubte“) waren zwei Gruppen: „Kulaken“,
die Hauptzielscheibe während der Kollektivierung einige Jahre zuvor und
jene die gegen das 1932 durchgeführte „Gesetz der drei Ohren“ [8]
verstießen, die häufig Staatseigentum, zumeist Getreide, stahlen um
dem Hunger zu entgehen. (Shukow, Inoy 187)
29.
Diese Wahlreformen wären unnötig gewesen, außer wenn die
Stalin-Regierung die Art und Weise ändern wollte, wie Sowjetunion
regiert wurde. Sie wollte die Kommunistische Partei aus der Pflicht
nehmen, direkt die Sowjetunion zu leiten.
30.
Während der russischen Revolution und der darauffolgenden, kritischen
Jahre, wurde die UdSSR gesetzesmäßig regiert von einer gewählten
Hierarchie von Sowjets (=“RÄTE“), von der lokalen bis zur
nationalen Stufe, mit dem Obersten Sowjet als das nationale legislative
Staatsorgan, dem Rat der Volkskommissare als das Führungsgremium und
dem Vorsitzenden dieses Rates als das Staatsoberhaupt. Aber in der
Realität war die Wahl dieser Staatsorgane, auf jedem Level, in den Händen
der Bolschewistischen Partei gewesen. Wahlen wurden gehalten, aber
direkte Nominierungen durch Parteiführer, sogenannte
„Kooptationen“, waren auch geläufig. Selbst die Wahlen wurden von
der Partei kontrolliert, da niemand für ein Staatsorgan kandidieren
konnte, außer wenn die Parteiführer zustimmten.
31.
Für die Bolschewiki machte dies Sinn. Dies war die Form der Machtausübung,
die die Diktatur des Proletariats unter der spezifischen revolutionären
und nachrevolutionären Situation in der Sowjetunion anwandte. Unter der
Neuen Ökonomischen Politik, der NEP [9],
war es notwendig, die Arbeit und die Fähigkeiten der ehemaligen
Ausbeuter auszunutzen. Jedoch mussten sie der Diktatur des Proletariats
– des Sozialismus – dienen. Es war ihnen weder gestattet,
kapitalistische Verhältnisse über gewisse Grenzen wiederherzustellen,
noch sich politisch zu organisieren.
32.
Während der 20er und frühen 30er Jahre warb die Bolschewistische
Partei kämpferisch unter der Arbeiterklasse für Mitglieder. Ende der
20er waren die meisten Mitglieder aus der Arbeiterklasse und ein höherer
Anteil der Arbeiter trat in die Partei ein. Die massive Werbung und der
riesige Versuch politischer Erziehung fanden gleichzeitig mit den
enormen Umbrüchen des ersten Fünfjahresplans und der forcierten
Kollektivierung der Bauernhöfe in Kollekivfarmen (Kolchosen) und
Staatsfarmen (Sowchosen) statt. Die Bolschewistische Führung war sowohl
aufrichtig in dem Versuch ihre Partei zu „proletarisieren“ und
erfolgreich in ihrem Ergebnis. (Rigby, 167-8; 184; 199)
33.
Stalin und seine Unterstützer im Politbüro gaben mehrere Gründe an,
die Sowjetunion zu demokratisieren. Diese Gründe spiegelten den Glauben
der Führerschaft um Stalin wider, dass ein neuer Zustand des
Sozialismus erreicht wurde.
34.
Die meisten Bauern waren in Kollektivfarmen organisiert. Mit der jeden
Monat abnehmenden Zahl der Kleinbauern, waren Stalin und seine Anhängerschaft
der Ansicht, dass die Bauern, objektiv gesehen, keine eigene sozioökonomische
Klasse darstellen. Die Bauern waren mehr wie Arbeiter, als dass sie sich
von ihnen unterschieden.
35.
Stalin behauptete, dass mit dem schnellen Wachstum der sowjetischen
Industrie, und besonders durch die Machtausübung der Arbeiterklasse
durch die Bolschewistische Partei, das Wort „Proletariat“ nicht mehr
genau war. Das „Proletariat“, so Stalin, bezieht sich auf die
Arbeiterklasse unter kapitalistischer Ausbeutung, oder auf Arbeit unter
kapitalismustypischen Produktionsverhältnissen während der ersten
dutzend Jahre der Sowjetunion, besonders während der NEP. Da aber die
Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten aufgehoben wurde,
sollte die Arbeiterklasse nicht „Proletarier“ genannt werden.
36.
Nach dieser Sichtweise existieren Ausbeuter der Arbeit nicht mehr.
Arbeiter folgen, vertreten durch die Bolschewistische Partei, in diesem
Staat ihren eigenen Interessen. Deswegen war die Diktatur des
Proletariats kein angemessenes Konzept. Die neuen Bedingungen verlangten
eine neue Art von Staat. (Shukow, Inoy 231, 292; Stalin, „Draft“,
800 – 1)
DER
KAMPF GEGEN DIE BÜROKRATIE
37.
Die Führung um Stalin war auch besorgt um die Rolle der Partei in
dieser neuen Stufe des Sozialismus. Stalin selbst eröffnete den Kampf
gegen die „Bürokratie“ mit großem Elan genauso früh wie sein
Bericht am 17. Parteitag im Januar 1934. [10]
Stalin, Molotow und andere nannten das neue Wahlsystem eine „Waffe
gegen bürokratische Entartungen“.
38.
Die Parteiführer kontrollierten sowohl die Regierungsgewalt, wenn sie
entschieden, wer in die Sowjets gewählt werden darf, als auch bei der
Verwaltung verschiedener Formulare zur Übersicht und Überprüfung über
die Tätigkeit der einzelnen Regierungsministerien. Bei seiner Rede auf
dem 7. Kongress der Sowjets, 6. Februar 1935, sagte Molotow, dass die
geheimen Wahlen „mit großer Kraft gegen bürokratische Elemente wie
ein Blitz einschlagen und ihnen einen großen Schock bereiten werden.“
In Jenukidses Bericht wurden geheime Wahlen und die Erweiterung des
Stimmrechts weder befürwortet, noch erwähnt. (Stalin, Bericht auf dem
17. Parteikongress; Shukow, Inoy 124)
39.
Die Regierungsminister und ihr Personal mussten etwas über die
Angelegenheiten wissen, die sie leiteten, wenn sie effektiv in der
Produktion sein wollten. Das bedeutete Ausbildung, speziell technische
Ausbildung, in ihren Bereichen. Aber Parteiführer machten alleine mit
Beförderung durch Parteipositionen Karriere. Für diese Art der Beförderung
war keine technische Sachkenntnis notwendig. Politische Karrieren wurden
eher gebraucht. Diese Parteibehörden übten Kontrolle aus, aber das
technische Wissen fehlte ihnen oft selbst, das sie bei der Überwachung
theoretisch geschickt machen könnte. (Stalin-Howard-Interview; Shukow,
Inoy 305; Shukow, „Repressi“, 6)
40.
Das ist es, was die stalinsche Führung unter „Bürokratie“
verstand. Obwohl sie es als Gefahr sahen, wie alle Marxisten, glaubten
sie, es war nicht unvermeidlich. Sie glaubten eher, dass es überwunden
werden könnte, wenn man die Rolle der Partei in der sozialistischen
Gesellschaft ändert.
41.
Der Demokratiebegriff, den Stalin und seine Anhänger in der Sowjetunion
ins Leben rufen wollten, würde eine qualitative Änderung der sozialen
Rolle der Bolschewistischen Partei bringen.
Die
Dokumente, die für Forscher zugänglich waren, ermöglichte uns zu
verstehen …, dass schon Ende der 30er entschiedene Versuche übernommen
wurden, die Partei vom Staat zu trennen und die Rolle der Partei im
Leben des Landes wesentlichen einzuschränken. (Shukow, Tayny, 8)
Stalin
und seine Anhänger führten, immer konsequent aber mit zurückgehenden
Erfolgen für einen Sieg, den Kampf gegen die Opposition in der
Bolschewistischen Partei fort, bis Stalin im März 1953 starb.
Lavrenti
Berias Entschlossenheit denselben Kampf weiterzuführen, scheint wohl
der wahre Grund zu sein, weshalb Chruschtschow und Konsorten, in einem
inszenierten Prozess im Dezember 1953 – oder, wenn diese Beweise
stimmen sollten, im Juni desselben Jahres – ihn haben hinrichten
lassen.
42.
Artikel 3 der Verfassung sagt aus: „Alle Macht in der UdSSR gehört
den Werktätigen in Stadt und Land in Gestalt der Sowjets der
Deputierten der Werktätigen“. Die Kommunistische Partei wird in
Artikel 126 als „der Vortrupp der Werktätigen in ihrem Kampf für den
Aufbau der kommunistischen Gesellschaft ist und den leitenden Kern aller
Organisationen der Werktätigen, der gesellschaftlichen sowohl wie der
staatlichen“ bezeichnet. Das heißt, dass die Partei die
Organisationen führen, sie war aber nicht das legislative oder
gesetzgebende Staatsorgan. (Verfassung der SU von 1936; Shukow, Tayny,
29-30)
43.
Stalin glaubte wohl, dass sobald die Partei keine direkte Kontrolle über
die Gesellschaft hat, sollte ihre Rolle auf Agitation und Propaganda
beschränkt sein, als auch bei der Teilnahme an der Auswahl der Kader.
Was würde das bedeuten? Vielleicht ungefähr das:
-
Die Partei würde zu ihrer ursprünglichen Funktion zurückkehren, die
Menschen von den Idealen des Kommunismus zu überzeugen.
-
Das würde das Ende der ruhigen Posten-Jobs sein und eine Rückkehr zu
dem Ideal eines hart arbeitenden, selbstlosen Bolschewiken führen, wie
man sie aus der Zarenzeit, der Revolution, des Bürgerkriegs, der NEP
und der Kollektivierung und Industrialisierung kennt. Während dieser
Zeit bedeutete für die meisten Parteimitglied sein, harte Arbeit und
große Opfer, häufig waren parteilose den Bolschewiki feindlich gegenübergestellt.
Es bedurfte einer Notwendigkeit einer soliden Basis unter den Massen. (Shukow,
KP Nov. 13 02; Mukhin, Ubiystvo)
44.
Stalin betonte, dass Kommunisten hart arbeitende, gebildete Leute sein
sollten, die einen wahren Beitrag zur Bildung einer Kommunistischen
Gesellschaft leisten sollen. Stalin selber war ein unermüdlicher Schüler.
[11]
45.
Zusammenfassend kann man feststellen, dass Stalin beabsichtigte, das
neue Wahlsystem mit folgenden Zielen zu erfüllen:
-
Sicher gehen, dass nur technisch ausgebildete Leute die Produktion und
auch die sowjetische Gesellschaft leiten
-
Die Entartung der Bolschewistischen Partei aufhalten und
Parteimitglieder, besonders Parteiführer zu ihrer eigentlichen Funktion
zurückführen: für den Rest der Gesellschaft, durch Argumente und Überzeugung,
eine politische und moralische Fürhung sein.
-
Die Parteiarbeit unter den Massen verstärken
-
Die Massen zur Unterstützung der Regierung gewinnen
-
Die Basis für eine klassenlose, kommunistische Gesellschaft schaffen
STALINS
NIEDERLAGE
46.
1935, unter der Schirmherrschaft des Chefanklägers der UdSSR, Andrej
Wyschinski, wurden viele Bürger, die verbannt, gefangen wurden und –
besonders kennzeichnend für unser Thema – denen das Wahlrecht
genommen wurde, rehabilitiert. Hunderttausende ehemaliger Kulaken,
reiche Bauern, die Hauptzielscheibe während der Kollektivierung waren
und jene die gefangen genommen oder verbannt wurden, weil sie Diebstahl
am Kollektiveigentum begannen, kamen frei. Wyschinski kritisierte das
NKWD hart, weil diese nach der Ermordung Sergej Kirows 1934 über 12 000
Menschen aus Leningrad verbannten. Er erklärte, dass das NKWD nicht
mehr befugt ist, Leute ohne ein frühzeitiges Einverständnis des Anklägers
zu verhaften. Die Zahl der wahlberechtigten Bevölkerung ist um einige
hunderttausend gewachsen, die Grund genug hatten, zu fühlen, dass der
Staat und die Partei sie unfair behandelt hatten. (Thurston 6-9; Shukow,
KP Nov. 14 & Nov. 19 02;
Shukow, Inoy 187; Shukow,
"Repressii" 7)
47.
Stalins ursprünglicher Vorschlag für die neue Verfassung beinhaltete
keine gegnerischen Wahlen als Thema. Er gab dies zuerst im Interview mit
Roy Howard, März 1936 bekannt. Im Plenum des ZK, Juni 1937 sagte
Jakowlew, – einer der ZK-Mitglieder, der am meisten mit Stalin am
Entwurf einer Verfassung gearbeitet hat (Shukow, Inoy 223) – dass der
Vorschlag für Wahlen mit Gegenkandidaten ein Vorschlag Stalins war.
Dieser Vorschlag schien auf weit verbreitete, wenngleich
stillschweigende, Opposition der regionalen Parteiführern, den ersten
Sekretären getroffen zu haben. Nach dem Howardinterview waren in den
wichtigsten Zeitungen – diese waren unter der direkten Kontrolle des
Politbüros – keine nominellen Lobpreisungen oder Unterstützungen für
Stalins Vorschlag, Wahlen mit Gegenkandidaten einzuführen, zu lesen. Am
10. März brachte diesbezüglich die Prawda nur einen Artikel, bei dem
aber die Wahlen mit Gegenkandidaten nicht erwähnt wurden.
48.
Shukow schließt hieraus:
Dies
konnte nur eines bedeuten. Nicht nur die „untere Führungsschicht“
(die ersten Sekretäre), sondern auch ein Teil des ZKs, deren Agitprop
unter Stetskii und Tal' stand, war gegen Stalins Neuerung, wollten dem
sogar in einer ausschließlich formalen Weise den Wahlen mit
Gegenkandidaten nicht zustimmen, welche, gefährlich für viele, wenn
man den Worten Stalins in der Prawda folgt, direkt die Positionen und
die wahre Macht der Ersten Sekretäre – die ZKs der Kommunistischen
Parteien der nationalen Republiken, die Regional-, Oblast-, Stadt- und
Gebietskomitees gefährden. (Inoy 211)
49.
Die Ersten Parteisekretäre verwalteten die Parteiministerien, von denen
sie bei Niederlagen in irgendwelchen Wahlen zu den Sowjets, für die sie
antraten, nicht entfernt werden konnten. Aber die riesige lokale Macht,
die sie hielten, ging hauptsächlich auf die Kontrolle der Partei über
jeden Bereich der Wirtschaft und des Staatsapparates zurück –
Kolchosen, Fabriken, Erziehung, Militär. Das neue Wahlsystem würde die
Ersten Sekretäre von der automatischen Position als Delegierter eines
Sowjets berauben, und von ihrer Möglichkeit, die anderen Delegierten
einfach auszusuchen. Ihre eigene Niederlage oder die „ihrer“
Kandidaten (der Parteikandidaten) in den Wahlen für die Sowjets, wäre
das Referendum ihrer Arbeit. Ein Erster Sekretär, dessen Kandidaten bei
den Abstimmungen von Nicht-Parteimitgliedern besiegt würden, würde als
einer, der wenig Bindung zu den Massen hat bloßgestellt werden. Während
des Wahlkampfes waren Oppositionskandidaten sicher, Kampagnen gegen
Korruption, Autoritarismus oder irgendwelche Inkompetenz, die sie unter
den Parteibehörden entdeckt haben, zu machen. Besiegte Kandidaten würden
entlarvt werden, dass sie ernste Schwächen als Kommunisten haben, und
das würde wohl dazu führen, dass diese ersetzt werden. (Shukow KP
Nov. 13 02; Inoy 226; Getty,
"Excesses" 122-3)
50.
Ältere Parteiführer waren üblicherweise über lange Jahre standhafte
Parteimitglieder, Veteranen der gefährlichen Zarenzeit, der Revolution,
des Bürgerkriegs und der Kollektivierung, als es risikoreich und gefährlich
war Kommunist sein. Viele hatten wenig formelle Erziehung. Im Gegensatz
zu Stalin, Kirow und Beria, schien es wohl so gewesen zu sein, dass
viele von ihnen nicht in der Lage waren sich durch Selbsterziehung
„selbst zu erneuern“. (Mukhin, Ubiystvo
37; Dimitroff 33-4; Stalin, Zastol'nye
235-6).
51.
All diese Männer, waren lange Zeit Unterstützer Stalins Politik. Sie führten
die harte Kollektivierung der Bauernschaft durch, von denen viele während
der Zeit deportiert wurden. Während 1932-33, starben viele Menschen,
vielleicht 3 Mio., durch eine Hungersnot, die eher echt war, als „künstlich
hervorgerufen“, aber einige machten die Kollektivierung und Enteignung
des Getreides der Bauern schonungsloser um die Arbeiter in der Stadt zu
ernähren, oder in bewaffneten Bauernaufständen (bei der viele
Bolschewiki getötet wurden). Diese Parteiführer hatten die
Verantwortung für die Industrialisierung, wieder unter harten
Bedingungen, wie schlechter Wohnraummöglichkeiten, mangelnder
Nahrungsmittel und medizinischer Versorgung, geringer Bezahlung und
wenig Waren, die man kaufen konnte. (Tauger; Anderson & Silver;
Shukow, KP Nov. 13 02).
52.
Sie standen jetzt Wahlen gegenüber, in denen jene das Wahlrecht
bekamen, denen es entzogen wurde, weil sie auf der falschen Seite der
sowjetischen Politik standen. Es war gut möglich, dass diese gegen ihre
Kandidaten, oder gar gegen jeden Bolschewiken wählen würden. Wenn es
so wäre, könnten sie degradiert werden, oder schlimmer. Sie würden
nur noch eine Parteiposition, oder – was am schlimmsten wäre –
irgendeinen Job bekommen. Die neue „Stalin“- Verfassung garantiert
jedem Bürger das recht auf Arbeit, medizinische Versorgung, Rente,
Bildung etc. Aber jene Männer (es waren fast nur Männer), die die
Macht und Privilegien hatten, waren durch die Niederlage ihrer
Kandidaten bei den Abstimmungen bedroht. (Shukow, KP
Nov. 13 02; Verfassung von 1936., Kap. X; Getty, "Excesses"
125,)
PROZESSE,
VERSCHWÖRUNGEN, REPRESSIONEN
53.
Die Pläne für eine neue Verfassung und Wahlen wurden im Plenum des ZK
vom Juni 1936 entworfen. Die Delegierten stimmten einstimmig dem Entwurf
der Verfassung zu. Aber keiner von ihnen sprach sich zu deren Gunsten
aus. Das Versäumnis einem Empfehlungsentwurf Stalins wenigstens ein
Lippenbekenntnis zu geben, deutete allerdings „eine latente Opposition
in der unteren Führungsschicht“ an, ein demonstrativer Mangel zur
Sorge. (Shukow, Inoy 232,
236; "Repressii" 10-11)
54.
Während des 8. All-Russischen Kongresses der Sowjets im
November-Dezember 1936, betonten Stalin und Molotow die Erweiterung der
Wahlberechtigung und der geheimen Wahl mit Gegenkandidaten. In Bezug auf
Stalins Interview mit Howard, betonte Molotow den nützlichen Effekt für
die Partei, Nicht-Parteimitglieder zu den Wahlen zuzulassen:
„Dieses
System … kann nicht außer gegen jene, verbürokratisierte, von den
Massen entfremdete stoßen … wird die Beförderung neuer Kräfte
erleichtern … entfremdete und verbürokratisierte Elemente abzulösen.
Unter der neuen Form der Wahlen ist es auch möglich, dass feindliche
Elemente gewählt werden können. Aber sogar diese Gefahr muss letztlich
dienen, muss uns zur Hilfe dienen, insofern als das dies ein Zeichen für
jene Organisationen ist, die es brauchen und Parteiarbeiter, die bei
ihrer Arbeit einschliefen. (Shukow, "Repressii" 15).
55.
Stalin betonte dies sogar stärker:
Einige
sagen, es sei gefährlich, dass Elemente, die feindlich der Sowjetmacht
gegenüberstehen, sich in die höchsten Behörden einschleichen können,
solche wie ehemalige Weißgardisten, Kulaken, Priester usw, nur wovor müssen
wir uns fürchten? Wenn du Angst vor Wölfen hast, geh nicht in den
Wald. Auf der einen Seite sind nicht alle Kulaken, Weißgardisten und
Priester der Sowjetmacht feindlich gesinnt, zum anderen, wenn unsere Bürger
feindliche Elemente wählen, kann dies nur bedeuten, dass unsere
Arbeiten schwach organisiert sind und dass wir diese Schande verdienen.
(Shukow, Inoy 293; Stalin,
"Draft").
56.
Wieder einmal zeigten die Ersten Sekretäre ihre stillschweigende
Gegnerschaft. Auf dem Plenum des ZK, 4. Dezember 1936, dessen Sitzung
sich mit dem Kongress überschnitt, wurde kaum über den Entwurf der
neuen Verfassung gesprochen. Jeschows Bericht „Über trotzkistische
und rechte antisowjetische Organisationen“ war für die Mitglieder des
ZK von größerem Interesse. ("Fragmenty" 4-5; Shukow, Inoy
310-11).
57.
Am 5. Dezember 1936 stimmte der Kongress dem Entwurf der neuen
Verfassung zu. Aber es gab dort kaum rege Diskussionen. Stattdessen
hatten die Delegierten – Parteiführer – Gefahren durch ausländische
und innere Feinde hervorgehoben. Eher als den Reden über die neue
Verfassung zuzustimmen, die das Hauptthema der Reden Stalins, Molotows,
Schdanows, Litwinows und Wyschinskis waren, hatten die Delegierten diese
fast ignoriert. Eine Kommission zur Förderung des Studiums der
Verfassung wurde aufgestellt, ohne aber sich auf Wahlen mit
Gegenkandidaten zu fixieren. (Shukow, Inoy
294; 298; 309)
58.
Die internationale Situation war ziemlich angespannt. Der Sieg des
Faschismus im Spanischen Bürgerkrieg war nur noch eine Frage der Zeit.
Die Sowjetunion war umzingelt von feindlichen Mächten. In der zweiten Hälfte
der 30er waren diese Staaten äußerst autoritäre, militaristische,
antikommunistische und antisowjetische Regime. Im Oktober 1936 hatte
Finnland über dem sowjetischen Grenzgebiet Schüsse abgegeben. Zur
selben Zeit wurde die „Achse Berlin-Rom“ von Hitler und Mussolini
gegründet. Einen Monat später traten Japan, Nazideutschland und das
faschistische Italien in den „Antikomintern-Pakt“ ein. Sowjetische
Versuche mit den Westmächten Militärbündnisse zu schließen, um eine
Allianz gegen Hitler zu bilden, wurden von jenen abgelehnt oder
ignoriert. (Shukow, Inoy
285-309).
59.
Während der Kongress die neue Verfassung behandelte, befand sich die
sowjetische Führung zwischen den ersten und zweiten Moskauer Prozess.
Sinowjew und Kamenew waren im August 1936 mit einigen anderen unter
Anklage gestellt. Der zweite Prozess im Januar 1937 involvierte einige
der wichtigsten Anhänger Trotzkis, geführt von Juri Pjatakow, der
Stellvertretender Kommissar der Schwerindustrie war. [12]
60.
Das Januar-März-Plenum des ZK der KPdSU von 1937 dramatisierte den
Widerspruch innerhalb der Parteiführung: der Kampf gegen innere Feinde
und die Notwendigkeit der Vorbereitung geheimer Wahlen mit
Gegenkandidaten unter der neuen Verfassung zum Ende des Jahres. Die allmähliche
Entdeckung von mehr und mehr Gruppen, die die sowjetische Führung stürzen
wollten, verlangte das schnelle Vorgehen der Polizei. Aber die
Vorbereitung wahrhaft demokratischer Wahlen und die Verbesserung
innerparteilicher Demokratie – dieses Thema wurde von Stalin und
seinen Unterstützern im Politbüro immer wieder betont – verlangte
das Gegenteil: Aufgeschlossenheit für Kritik und Selbstkritik, geheime
Wahlen der Führer durch die Parteibasis und ein Ende der
„Kooptation“ durch die Ersten Sekretäre.
61.
Dieses Plenum, das längste, das jemals in der Geschichte der UdSSR
gehalten wurde, zog sich über zwei Wochen. Bis 1992 war von diesem
Plenum fast nichts bekannt, als die große Abschrift des Plenums in
Voprosy Istorii veröffentlich wurde – ein Prozess für den die
Zeitschrift fast 4 Jahre brauchte um es zu vollenden.
62.
Der Bericht Jeschows über die Untersuchungen der Verschwörungen im
Land wurde von Nikolaj Bucharin überschattet, der sich, in redseligen
Versuchen vergangene Fehler einzugestehen, von ehemaligen Kollegen
distanzierte und jedem seine gegenwärtige Loyalität versicherte, zu
Wege gebracht sich selbst zu belasten. (Thurston, 40-42; Getty and
Naumov stimmen überein, 563)
63.
Nach 3 ganzen Tagen, sprach Schdanow über die Notwendigkeit für mehr
Demokratie, sowohl im ganzen Land als auch in der Partei, über den
Kampf gegen Bürokratie und der Notwendigkeit einer engeren Bindung mit
den Massen, sowohl denen, die in der Partei sind, als auch den
parteilosen.
Das
neue Wahlsystem wird einen kraftvollen Stoß zur Verbesserung der Arbeit
sowjetischer Organe geben, bürokratische Mängel und Deformierungen der
Tätigkeit unserer Sowjetorganisationen liquidieren. Und diese Mängel
sind, wie ihr wisst, sehr beträchtlich. Unsere Parteiorgane müssen für
den Wahlkampf gewappnet sein. Bei den Wahlen werden wir mit feindlicher
Tätigkeit und feindlichen Kandidaten zu tun haben. (Shukow, Inoy
343)
64.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Schdanow, stellvertretend für
die Stalinsche Führung, echte Wahlkämpfe mit parteilosen Kandidaten
voraussah, die ernsthaft den sowjetischen Entwicklungen entgegentraten.
Allein diese Tatsache ist vollkommen unvereinbar mit Kalter-Krieg- und
Chruschtschow-Darstellungen.
65.
Schdanow betonte auch ausführlich die Notwendigkeit demokratischer
Normen in der Partei.
„Wenn
wir den Respekt unserer Sowjet- und Parteiarbeiter und der Massen für
unsere neue Verfassung gewinnen wollen, dann müssen wir den Umbau der
Parteiarbeit an der Basis auf einer unzweifelhaften und vollen Durchführung
innerparteilicher Demokratie garantieren, die in den Verordnungen
unserer Partei beschreiben sind.“
Und
er zählte die essentiellen Maßnahmen auf, die schon im Entschließungsentwurf
zu seinem Bericht enthalten waren: die Eliminierung der
„Kooptationen“; eine Garantie „des unbegrenzten Rechts der
Parteimitglieder die ernannten Kandidaten beiseite zu schaffen und vom
unbegrenzten Recht diese Kandidaten zu kritisieren. (Shukow, Inoy
345)
66.
Aber Schdanows Report wurde durch Diskussionen zu anderen Themen,
speziell den Feinden im eigenen Land, geradezu ertränkt. Eine Anzahl
von Ersten Sekretären reagierten alarmierend damit, dass jene die am
gewissenhaftesten die Wahlen Vorbereiten, oder jene von denen man es
erwarten kann, die Gegner der Sowjetmacht waren: Sozialrevolutionäre,
die Geistlichkeit und andere „Feinde“. [13]
67.
Molotow antwortete damit, dass er die „Entwicklung und Verstärkung
von Selbstkritik wiederholt betonte und gegen die Suche nach
„Feinden“ opponierte.
Genossen,
es gibt keinen Grund dafür nach Leuten zu suchen um sie als Volksfeinde
zu verleumden. Wenn ihr das befürwortet, können wir hier uns alle als
solche verleumden, beginnend mit den zentralen Parteiinstitutionen und
endend mit den niedrigsten Parteiorganisationen.
68.
Aber Molotows Bericht wurde im Podium von den Delegierten ignoriert und
ritten auf der Notwendigkeit nach der „Suche nach ‚Feinden’, der
Aufdeckung von ‚Zerstörern’ und der Entlarvung von ‚Zerstörungen’“
(352). Als er wieder sprach, wunderte sich Molotow über die mangelnde
Aufmerksamkeit der Substanz seines Berichtes, die er, nach der ersten
Zusammenfassung was schon gegen Volksfeinde getan wurde, wiederholte.
69.
Stalins Rede am 3. März war gleichfalls getrennt, mit der wiederholten
Betonung am Ende der Notwendigkeit die Parteiarbeit zu verbessern unfähige
Parteimitglieder zu entfernen und durch neue zu ersetzen. Wie Molotows,
so wurde auch Stalins Bericht fast ignoriert.
Vom
Beginn der Diskussion an, waren Stalins Ängste verständlich. Es
schient so als würde er mit einer Mauer sprechen, mit uninteressierten
ZK-Mitgliedern, die bei seinem Bericht nur das hörten, was sie hören
wollten. Von den 24 Personen, die an der Diskussion teilnahmen, sprachen
15 hauptsächlich über „Volksfeinde“, den Trotzkisten. Sie sprachen
mit Überzeugung, aggressiv, ebenso nach den Berichten von Schdanow und
Molotow. Die reduzierten alles auf ein Hauptproblem: der Suche nach
Volksfeinden. Und praktisch keiner von ihnen sprach Stalins Hauptpunkt
an: die Mängel in der Parteiarbeit und die Vorbereitung der Wahlen zum
Obersten Sowjet. (Shukow, Inoy
357)
70.
Die Stalinsche Führung begann damit die Ersten Sekretäre anzugreifen.
Jakowlew kritisierte unter anderem den Moskauer Parteichef
Chruschtschow, wegen ungerechter Ausweisung von Parteimitgliedern;
Malenkow unterstütze seine Kritik der Parteisekretäre wegen ihrer
undifferenzierten Haltung zur Parteibasis. Dies schien der Grund zu
sein, weshalb die ZK-Mitglieder nicht mehr über die Suche nach
„Volksfeinden“ sprachen, wohl aber eher um sich selber zu
verteidigen. Es war immer noch keine Reaktion auf Stalins Bericht. (Shukow,
Inoy 358-60)
71.
Auf seiner Schlussrede am 5. März, dem Abschlusstag des Plenums,
reduzierte Stalin die Notwendigkeit „Volksfeinde“ zu jagen auf ein
Mindestmaß, sogar bei Trotzkisten, von denen sich viele wieder zur
Partei wandten. Sein Hauptthema war, dass die Parteibehörden nicht
ausschließlich jeden Bereich der Wirtschaft verwalteten, die Bürokratie
zu bekämpfen und das politische Niveau der Parteibehörden zu erhöhen.
In anderen Worten wollte Stalin den Einsatz der Kritik an den Ersten
Sekretären erhöhen.
„Einige
Genossen denken, nur weil sie ein Narkom (=Volkskommissar) sind, wüssten
sie alles. Sie glauben, dass ein durch den Besitz eines Ranges einem
sehr großes, fast unerschöpfliches Wissen verleiht wird. Oder sie
denken: wenn ich Mitglied des ZKs bin, dann nicht einer durch ein
Versehen, dann weiß ich alles. Das ist aber nicht der Fall. (Stalin,
Zakliuchitel'noe; Shukow, Inoy
360-1)
72.
Am meisten bedrohlich war für die Parteibehörden, inklusive der Ersten
Sekretäre, dass Stalin ihnen vortrug, dass jeder von ihnen zwei Kader
aussuchen sollte, die ihren Posten für eine Zeit übernehmen, während
sie (die Ersten Sekretäre) einen politischen Weiterbildungskurs
besuchen, der sechs Monate dauert. Mit dem Austausch der Parteisekretäre,
hätten so manche allen Grund Angst zu haben während dieser Zeit
ersetzt zu werden und die Rückenstärkung ihrer „Familien“
(Parteibehörden, die ihnen unterstanden) zu verlieren, ein Hauptgrund für
Bürokratie. (Shukow, Inoy
362)
73.
Thurston charakterisiert Stalins Rede als „erheblich milder“,
betonte „die Notwendigkeit von den Massen zu lernen und auf Kritik von
untern zu achten“. Selbst die Resolution, verabschiedet auf der Basis
von Stalins Report, berührte das Thema „Volksfeinde“ nur kaum. Nach
Shukow, der aus dieser unveröffentlichten Resolution zitiert, beschäftigte
sich keiner der 25 Punkte ausführlich mit dem Thema „Volksfeinde“.
(Thurston, 48-9; Shukow, Inoy
362-4) [14]
74.
Nach dem Plenum inszenierten die Ersten Sekretäre eine virtuelle
Rebellion. Erst sendete Stalin, dann das Politbüro, Nachrichten aus,
die die Notwendigkeit der Durchführung geheimer Wahlen und der
innerparteilichen Demokratie nicht hervorhoben. Die Ersten Sekretäre
gingen ihrer gewohnten Arbeit nach, trotz der Resolutionen des Plenums.
75.
Während der nächsten paar Monate versuchten Stalin und seine engsten
Mitarbeiter von der Jagd nach Volksfeinden – der Hauptsorge der
ZK-Mitglieder – abzukehren und wieder zum Kampf gegen die Bürokratie
in der Partei und den bevorstehenden Wahlen zurückzukehren. Währenddessen
„versuchten lokale Parteiführer alles mögliche zu tun um innerhalb
der Grenzen der Parteidisziplin (und manchmal außerhalb dieser) die
Wahlen zu blockieren oder zu ändern.“ (Getty, "Excesses"
126; Shukow, Inoy 367-71)
76.
Die plötzliche Aufdeckung breiter Verschwörungen in Armee und Polizei
im April, Mai und Anfang Juni, stiftete die Regierung an mit Panik zu
reagieren. Genrich Jagoda, Chef der Sicherheitspolizei und Kommissar für
Innere Angelegenheiten, wurde März 1937 festgenommen und gestand im
April desselben Jahres. Im May und Anfang Juni bekannten sich hohe Militärkommandeure
schuldig, sich mit der Deutschen Wehrmacht und dem Deutschen Generalstab
gegen die Sowjetunion verschworen zu haben, um die Rote Armee bei einer
Invasion in die Sowjetunion zu besiegen; außerdem gaben sie zu
Komplotte mit politischen Persönlichkeiten geschlossen zu haben, von
denen viele hohe Ämter inne hatten. (Getty, "Excesses" 115,
135; Thurston, 70, 90, 101-2; Genrich
Jagoda) [15]
77.
Diese Situation war weitaus ernster, als es sich die Sowjetregierung
vorgestellt hatte. Im Fall der Moskauer Prozesse 1936 und 1937, nahm
sich die sowjetische Regierung die Zeit, die Fälle gut vorzubereiten
und Prozesse einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Beim Militärkomplott
war es aber anders. Etwas mehr als drei Wochen vergingen zwischen der
Festnahme Marschall Tukchaschewskys Anfang Mai und dem Prozess und der
Hinrichtung von Tukchaschewsky und sieben weiteren hohen Militärkommandeuren
am 11. und 12. Juni. Während dieser Zeit wurden viele hohe Militärs
nach Moskau gerufen um die Beweise gegen ihre Kollegen – für die
Meisten waren es ihre Vorgesetzten – und hörten den alarmierenden
Analysen von Stalin und Woroschilow, dem Volkskommissar für
Verteidigung und Obersten Militärkommandeur im Land, zu.
78.
Zur Zeit des Februar-März-Plenums wurden weder Jagoda, noch
Tukchaschewsky verhaftet. Stalin und das Politbüro bestimmten, dass die
Verfassung Hauptthema sein wird und mussten in die Defensive gehen bei
dem Fakt, dass die meisten Mitglieder des ZK dieses Thema ignorierten
und die Suche nach Volksfeinden hervorhoben. Das Politbüro plante, dass
das Hauptthema des kommenden Juni-Plenums von 1937 ebenfalls die Veränderungen
der Verfassung sein werden. Aber im Juni war die Situation anders
geworden. Die Entdeckung von Komplotten im NKWD und bei den bekanntesten
Militärkommandeuren, die Regierung zu stürzen und ihre Mitglieder
umzubringen änderte die politische Atmosphäre.
79.
Stalin war in der Defensive. In seiner Rede am 2. Juni über die Sitzung
des Militärsowjets (die von 1. – 4. Juni stattfand) portraitierte er
eine Serie kürzlich entdeckter [16]
Komplotte als eingegrenzt und erfolgreich behandelt. Auch auf dem
Februar-März-Plenum minimierten er und sein Politbüro, die übertriebenen
Besorgnisse der Ersten Sekretäre nach Volksfeinden Ausschau zu halten.
Aber, so notiert Shukow, die Situation geriet ihm (Stalin) langsam aber
sicher außer Kontrolle. (Stalin, "Vystuplenie"; Shukow, Inoy
Ch. 16, passim; 411).
80.
Das Juni-Plenum des ZK von 1937 [17]
begann mit den Vorschlägen, erstens, 7 Mitglieder und Kandidaten des
ZKs wegen „Fehlens politischer Glaubwürdigkeit“ zu entlassen und
zweitens, weitere 19 Mitglieder und Kandidaten wegen „Landesverrat und
aktiver konterrevolutionärer Tätigkeit“ auszuschließen. Diese 19
wurden vom NKWD verhaftet. Inklusive der zehn Mitglieder, die wegen ähnlicher
Gründe aus dem ZK bei einer Abstimmung der ZK-Mitglieder ausgeschlossen
wurden (inklusive jener Militärkommandeure, welche schon verurteilt und
hingerichtet wurden), das bedeutet, dass 36 der 120 ZK-Mitglieder und
Kandidaten des 1. Mai entfernt wurden.
81.
Jakowlew und Molotow kritisierten die Versäumnis der Parteiführer
unabhängige Wahlen der Sowjets zu organisieren. Molotow betonte sogar,
dass selbst verdiente Revolutionäre weichen müssen, wenn sie sich
nicht auf die Themen des Tages vorbereiten. Er hob hervor, dass die
Sowjetorganisationen keine „Arbeiter Zweiter Klasse“ seinen. Parteiführer
behandeln sie aber als solche.
82.
Jakowlew belichtete und kritisierte das Versäumnis der Ersten Sekretäre,
geheime Wahlen für die Parteiposten abzuhalten, anstatt auf Ernennungen
(Kooptationen) aufzubauen. Er hob hervor, dass Parteimitglieder, die gewählte
Delegierte des Sowjets waren, nicht der Parteidisziplin außerhalb der
Sowjets unterstellt sind und denen man erzählen müsste wie man wählt.
Ihnen wurde nicht erzählt, wie man ihre Parteivorgesetzten, wie die
Ersten Sekretäre, wählen muss. Sie müssen von ihnen unabhängig sein.
Und Jakowlew verwies sehr stark auf die Notwendigkeit „von der
gewaltigen Reserve neuer Kader zu schöpfen und jene zu ersetzen, die
korrupt und bürokratisiert wurden.“ All diese Aussagen waren ein
expliziter Angriff auf die Ersten Sekretäre. (Shukow, Inoy
424-7; Tayny, 39-40, zitiert
aus Archivdokumenten.)
83.
Die Verfassung wurde schließlich entworfen und das Datum der ersten
Wahlen wurde auf den 12. Dezember festgelegt. Die Stalinführung
befasste sich verstärkt mit dem Kampf gegen die Bürokratie und der
Bindung der Partei mit den Massen. Gleichwohl – um es zu wiederholen
– geschah die parallel mit dem beispiellosen Ausschluss von 26
ZK-Mitgliedern, von denen 19 wegen konterrevolutionärer Tätigkeit
entlassen wurden. (Shukow, Inoy
430)
84.
Am vielleicht aufschlussreichsten ist Stalins folgende Bemerkung, wie
Shukow zitiert:
Am
Ende der Diskussion, dessen Thema die Suche nach einer unparteiischeren
Methode des Auszählens der Stimmzettel war, erwähnte (Stalin), dass
dieses Problem im Westen, dank eines Mehrparteiensystems nicht
existiert. Sofort nachher äußerte er plötzlich einen Satz, der in
einer Sitzung dieser Art sehr merkwürdig klang: „Wir haben keine
unterschiedlichen Parteien. Glücklicherweise oder leider
haben wir nur eine.“ (Shukows Betonung). Und dann
schlug er, nur als vorübergehende Maßnahme, vor, dass man für das
Vorhaben unparteiischer Überwachung aller Wahlrepräsentanten alle
bestehenden gesellschaftlichen Organisationen außer der
Bolschewistischen Partei zu verwenden… Der Angriff auf die
Parteiautokratie wurde erteilt. (Shukow, Inoy
430-1; Hervorhebungen zitiert aus Tayny
38)
85.
Die Bolschewistische Partei befand sich in einer rigorosen Krise und es
unmöglich zu erwarten, dass die Ereignisse glatt verlaufen würden. Es
war die denkbar schlechteste Atmosphäre, als man die – geheimen,
allgemeinen und gegnerischen – Wahlen vorbereitete. Stalins Plan, die
sowjetische Regierung zu reformieren, wurde verurteilt.
86.
Am Ende des Plenums traf sich Robert Eikhe, Erster Sekretär im
Westsibirischen Krai (Region der Russischen Republik), privat mit
Stalin. Dann trafen sich einige andere Erste Sekretäre mit ihm. Sie
forderten vielleicht die schrecklichen Machtbefugnisse, die ihnen kurz
danach garantiert wurden: die Berechtigung Troikas, Gruppen von 3
Beamten zu bilden, die in ihrem Bereich weitverbreitete Komplotte in
ihrer Gegend bekämpfen sollen. [18]
Diese Troikas hatten die Berechtigung, Menschen ohne Rechtsbefehl
hinzurichten. Des weiteren wurde den Troikas die Befugnis gegeben Quoten
aufzustellen, die besagten wie viele hingerichtet und wie viele ins Gefängnis
gesteckt werden sollten. Wenn diese Quoten erfüllt wurden, baten die
Ersten Sekretäre dafür, höhere Quoten aufstellen zu können und
bekamen diese. Shukow geht davon aus, dass Eikhe im Namen einer
inoffiziellen Gruppe von Ersten Sekretären sprach. (Getty, "Excesses"
129; Shukow, Inoy 435)
87.
Wer waren die Ziele der Troikas? Shukow glaubt, dass es vor allem die
lishentsy sind, also jene die ihr Wahlrecht wieder bekommen haben und
diese somit eine große Hauptgefahr für die Ersten Sekretäre
darstellen können. Shukow bezweifelt die Existenz großer Komplotte.
Aber Archivdaten, die kürzlich in Russland veröffentlicht wurden,
verdeutlichen, dass wenigstens die zentrale Führung ständig sehr
glaubwürdige Polizeiberichte empfing, inklusive Abschriften von Geständnissen.
Zweifellos glaubten Stalin und andere in Moskau an die Existenz dieser
Komplotte. Meine Meinung diesbezüglich ist, dass einige angebliche
Komplotte wirklich existierten und dass die Ersten Sekretäre an sie
glaubten. (Shukow, KP Nov. 13
02; Inoy, Ch. 18; "Repressii"
23; Lubianka B)
88.
Eine weitere Hypothese ist, dass jemand der irgendeiner oppositionellen
Bewegung ist oder jemals war, als „Feind“ angesehen werden konnte
und vom NKWD verhaftet werden konnte, von denen immer einer Mitglied
einer Troika war. Die andere Gruppe waren jene, die öffentliches
Misstrauen oder Hass gegenüber dem Sowjetregime als solches zeigten.
Thurston zitiert Beweise, dass solche Leute sofort verhaftet wurden.
Allerdings wurden jene, die einfache Kritik an lokalen Parteiführern
ausübten, speziell bei Treffen die für so was gedacht waren, nicht
verhaftet wurden, während jene welchen von ihnen kritisiert werden,
inklusive des Parteiführers, verhaftet wurden. (Thurston, 94-5)
89.
Wider jenen, die behaupten, dass die Komplotte Produkte Stalins
paranoider Fantasie sind, oder schlimmer, Lügen, die seinen größenwahnsinnig
Machthunger festigen sollen, gibt es eine Reihe von Beweisen, dass es
echte Komplotte gab. Berichte von Verschwörern, die später aus der
Sowjetunion emigrieren konnten, bestätigen dies. Das bloße Volumen der
Polizeiunterlagen hinsichtlich solcher Verschwörungen, von denen nur
wenige veröffentlicht sind, lassen daran zweifeln, dass all diese
fabriziert gewesen sind. Außerdem machen Anmerkungen Stalins auf diesen
Dokumenten klar, dass er sie für sorgfältig hielt. (Getty, "Excesses"
131-4; Lubianka B)
90.
Getty fasst diesen hoffnungslosen Widerspruch wie folgt zusammen:
„
Stalin war noch nicht willig, die Wahlen mit Gegenkandidaten zurückzuziehen
und am 2. Juli 1937 veröffentlichte die Prawda einen Artikel über die
Einsetzung neuer Wahlregeln, die die Regionalen Sekretäre zweifelsohne
enttäuschten. Aber Stalin bot einen Kompromiss an. Am selben Tag wurden
die Wahlgesetze veröffentlicht, das Politbüro genehmigte eine
Massenaktion gegen genau diese Elemente zu starten über die sich die
lokalen Parteiführer beklagt hatten und einige Stunden später sendete
Stalin sein Telegramm an die Provinzleiter eine Kampagne gegen die
Kulaken zu starten. Es ist hart das Ergebnis zu vermeiden, dass als
Gegenleistung, dass die lokalen Parteiführer gezwungen werden, Wahlen
abzuhalten, Stalin ihnen half zu gewinnen, indem er es ihnen gestattete
hunderttausende von „gefährlichen Elementen“ zu töten oder zu
deportieren. ("Excesses" 126)
91.
Was immer die Gründe für diese Säuberung, außergerichtliche
Exekutierungen und Deportationen waren, Stalin glaubte, dass sie die
Wahlen mit Gegenkandidaten vorbereiten. Dennoch haben diese Aktivitäten
jede Möglichkeit für solche Wahlen sabotiert.
92.
Das Politbüro versuchte zuerst diese Kampagne der Repressionen zu
begrenzen und befahl diese in 5 Tagen zu beenden. Etwas überzeugte oder
zwang sie wohl, dem NKWD zu erlauben, diese Kampagne auf 4 Monate zu
verlängern – vom 5.-15. August zum 5.-15. Dezember. War es die große
Zahl jener, die verhaftet wurden? Die Überzeugung, dass die Partei mit
weit verbreiteten Komplotten und großen internen Drohungen konfrontiert
war? Wir kennen nicht die Einzelheiten wie und warum sich diese
Massenrepressionen ausbreiten konnten.
93.
Das war genau diese Zeit, in der die Wahlkampagne stattfand. Obwohl das
Politbüro die Vorbereitungen für die Wahlen fortführte,
kontrollierten die lokalen Behörden die Repressionen. Sie konnten
bestimmen welche Opposition, wenn überhaupt eine zugelassen, gegen die
Partei – oder mehr gegen sie selbst, als „loyal“ gilt und welche
Opposition unterdrückt, gefangen genommen oder gar hingerichtet wird.
(Getty, "Excesses," passim.;
Shukow, Inoy 435)
94.
Primäre Dokumente zeigen, dass Stalin und das zentrale Politbüro davon
überzeugt waren, dass es antisowjetische Tätigkeiten im Land gab und
man sich mit diesen beschäftigen muss. Dies ist das, was die regionalen
Parteiführer während des Februar-März-Plenums verteidigt haben. Zu
diesem Zeitpunkt hatte die Stalinsche Fürhung diese Gefahr verharmlost,
sich auf die Verfassung und die Vorbereitung neuer Wahlen und auf das
Ersetzen der „bürokratisierten“ und alten Führungsschicht durch
eine neue konzentriert.
95.
Während des Juniplenums vertraten die Ersten Sekretäre folgendes:
„Wir haben es euch gesagt. Wir waren im Recht und ihr habt falsche
gelegen. Des Weiteren haben wir immer noch Recht – gefährliche
Verschwörer sind immer noch am aktiv, bereit die Wahlen für ihren
Versuch, eine Revolte gegen die Sowjetunion zu verursachen, zu
missbrauchen.“ Geschah dies ungefähr so? es scheint plausibel zu
sein. Aber wir können nicht sicher sein.
96.
Die Stalinsche Fürhung war sich nicht sicher, wie weit diese Komplotte
gingen. Sie wussten nicht was Nazideutschland und Japan tun würden. Am
2. Juni erklärte Stalin dem großen Treffen des Militärsowjets, dass
die Tukchaschewsky-Gruppe Nazideutschland Pläne der Roten Armee überreicht
hat. Das bedeutet, dass auch die Japaner, die Mitglied des
Antikominternpaktes (einem wahren anti-sowjetischen Pakt) sind und somit
auch Zugang zu diesen Plänen haben, genauso wie das faschistische
Italien, das ebenfalls Mitglied dieses Paktes ist.
97.
Stalin erklärte den Kommandeuren, dass die Verschwörer die UdSSR zu
einem „anderen Spanien“ machen wollten – das heißt durch eine Fünfte
Kolonne im Staat mit Verbindungen zu den feindlichen Mächten. Bei
dieser schlimmen Gefahr, war die sowjetische Führung entschlossen mit
brutaler Entschlossenheit zu reagieren. (Stalin, "Vystuplenie")
98.
Es gibt viele Beweise dafür, dass zu selben Zeit die Stalinregierung
sowohl die Repressionen durch die Troikas, die von den Ersten Sekretären
geführt wurden, einzuschränken und die Realisierung der Wahlen auf
Basis der neuen Verfassung zu vollenden. Vom 5. bis 11. Juli folgten die
meisten Sekretäre Eikhes Vorbild und stellten genaue Quoten auf wie
viele unterdrückt werden sollten: Exekution (Kategorie 1) oder
Gefangenschaft (Kategorie 2). Dann aber schickte der Stellvertretende
NKWD-Chef M. P. Frinowsky ein dringendes Telegramm an die lokalen
Polizeibehörden: „ Fangt nicht mit der Repression ehemaliger Kulaken
an. Ich wiederhole: Fangt damit nicht an.“ (Getty, "Excesses"
127-8)
99.
Die Lokalen NKWD-Chefs wurden nach Moskau gerufen um Konferenzen
abzuhalten, bei denen der Befehl Nr. 00447 erlassen wurde. Dieser sehr
lange und detaillierte Befehl erweiterte die Kategorien der Menschen,
die unter die Repressionen fielen (zum Beispiel Priester, diese die
vorher gegen die Sowjetmacht waren und Kriminelle) und die „Quoten“,
die von den Ersten Sekretären angefordert wurden, zu senken. [19]
All diese Schwankungen deuteten Meinungsverschiedenheiten und Kämpfe
zwischen dem „Zentrum“ – Stalin und das Politbüro – und den
Ersten Sekretären der Provinzen an. Stalin war da eindeutig nicht
federführend. (Order No. 00447; Getty, "Excesses" 126-9).
100.
Das Zentrale Plenum vom Oktober 1937 sah die abschließende Annullierung
des Planes für die Wahlen mit Gegenkandidaten. Ein Musterstimmzettel,
der einige Kandidaten zeigte, wurde schon angefertigt; verschiedene von
denen hatten in den Archiven überdauert. [20]
Stattdessen wurden die sowjetischen Wahlen vom Dezember 1937 auf der
Grundlage durchgeführt, dass neben den Parteimitgliedern 20 – 25%
parteilose kandidierten durften– in anderen Worten in einer Allianz
aber ohne Wahlwettstreit. Shukow kriegte es hin in den Archiven das
bedeutende Dokument ausfindig zu machen, der am 11. Oktober um 18 Uhr
unterzeichnet wurde, in dem die Wahlen mit Gegenkandidaten annulliert
wurden. Dies stellte einen großen aber unvermeidlichen Rückzuck
Stalins und seiner Mitstreiter im Politbüro dar. (Shukow, KP
19 Nov. 02; Shukow, Tayny.
41; Inoy 443)
101.
Es war auch auf dem Oktober-Plenum, als die ersten Proteste gegen die
Repressionen vom Ersten Sekretär von Kursk, Peskarow, geäußert
wurden.
„
Sie (das NKWD? die Troikas? – G. F.) verurteilten die Leute –
illegal – wegen geringster Vergehen, und als
wir … diesen strittigen Punkt an das ZK schickten, eilten uns Genosse
Stalin und Molotow zur Hilfe und sendeten eine Brigade von Arbeitern des
Gerichtshofes und der Staatsanwaltschaft um diese Fälle zu überprüfen.
Und nach drei Wochen, in der diese Brigade arbeitet, stellte sich
heraus, dass sich 56% der Urteile in 16 Rayons als illegal
herausstellten und rückgängig gemacht wurden. Was schlimmer ist: 45%
der Urteile lag überhaupt kein Beweis vor, dass ein Verbrechen
stattfand. (Shukow, Tayny, 43
Hervorhebungen hinzugefügt)
102.
Auf dem Januar-Plenum von 1938 lieferte Malenkow eine heftige Kritik über
die hohe Zahl der ausgeschlossenen Parteimitglieder und verurteilten Bürger
ab, ohne sogar eine Liste dieser Personen abzuliefern, sondern nur eine
Liste mit Zahlen! Postyschew, erster Sekretär von Kuibyschew, wurde als
Kandidatenmitglied des Politbüros für die Unterstellung, dass es
„kein einziges ehrliches Mitglied in allen Parteiorganisationen
gibt“ abgesetzt.
103.
Es schien wohl so, dass das NKWD außer Kontrolle geriet. Zweifellos
waren es die Ersten Sekretäre auch. (Shukow, KP
19 Nov. 02; Tayny, pp. 47-51;
Thurston 101-2; 112)
Dennoch
war die Führung im Politbüro überzeugt, dass es echte Komplotte gab
und dass diese behandelt werden müssen. Der ganze Umfang des
Missbrauchs durch das NKWD wurde nicht erkannt. Wie Shukow anmerkt,
folgten nach Malenkows Bericht, der die Karrieristen in der Partei wegen
der Massensäuberungen und –verhaftungen tadelte, die Berichte
Kaganowitschs und Schdanows, die den Kampf gegen die Volksfeinde
betonten und nur wenig Aufmerksamkeit der „Naivität und
Unwissenheit“ der Arbeit „ehrlicher Bolschewiki“ schenkten.
104.
Die Prawda, die unter der direkten Steuerung der Stalin-Führung stand,
verlangte immer noch das Entfernen der Partei von der direkten Kontrolle
ökonomischer Angelegenheiten und die Notwendigkeit, parteilose Leute in
führende Rollen zu befördern. (Shukow, Tayny
51-2)
Währenddessen
wurde Nikita Chruschtschow, der 1937, als er Parteichef in Moskau war,
die Exekution von 20.000 Leuten forderte, wurde in die Ukraine versetzt,
wo er, innerhalb eines Monats, um die Erlaubnis bat 30.000 Menschen zu
unterdrücken. (Shukov, Tayny
64, und siehe Fußnote Nr. 23)
105.
Nikolai Jeschow, der 1936 die Führung des NKWDs übernahm, nachdem
Genrich Jagoda abgesetzt wurde, schien wohl in einem engen Bündnis mit
den Ersten Sekretären gewesen zu sein. [21]
Die Massenrepressionen von 1937 und 1938 waren wohl so von ihm
beeinflusst gewesen zu sein, dass man diese Zeit Jeschowschina nannte.
Am 23. September 1938 kam zur Diskussion, dass Jeschow abtreten sollte [22]
und im November 1938 wurde dieser erfolgreich von Lawrenti Beria
geschlagen.
106.
Unter Beria wurden viele NKWD-Offiziere und Ersten Sekretäre, die für
tausende Hinrichtungen und Deportationen verantwortlich waren, angeklagt
und häufig selber hingerichtet, weil sie unschuldige Menschen
hinrichteten oder diese folterten. Von einigen Prozessen gibt es
Abschriften über solche Polizeimänner, die Folter anwendeten, die veröffentlicht
wurden. Viele die verurteilt, gefangen, deportiert oder in Lagerhaft
gesteckt wurden, kamen frei. Angeblich soll Beria später gesagt haben,
er hatte den Auftrag „die Jeschowschina zu liquidieren“. Stalin erzählte
dem Flugzeugkonstrukteur Jakowlew, dass Jeschow hingerichtet wurde, weil
er viele unschuldige Menschen umgebracht hatte. (Lubianka
B, Nos. 344; 363; 375; Mukhin, Ubiystvo
637; Jakowlew)
107.
Nicht abzuschätzende Schäden wurden der sowjetischen Gesellschaft, der
sowjetischen Regierung und der bolschewistischen Partei angerichtet.
Dies war natürlich lange bekannt. Was bis jetzt nicht
bekannt war, ist, dass die Bildung der „Troikas“, die hohen Quoten für
Hinrichtungen und Deportationen wurde auf Verlangen der Ersten Sekretäre
eingeleitet, nicht auf das Stalins. Shukow glaubt, dass der enge
Zusammenhang zwischen dem oben Genannten und der Gefahr der Durchführung
von Wahlen mit Gegenkandidaten und der Fakt, dass das ZK Erfolg hatte
die Stalinregierung zu zwingen, die Wahlen mit Gegenkandidaten zu
annullieren, andeutet, dass das Abschaffen der „Gefahr“ durch Wahlen
mit Gegenkandidaten ein Hauptgrund für die Massenverhaftungen und
Hinrichtungen der „Jeschowschina“ gewesen sein kann. [23]
(Shukow, KP)
108.
Nichts kann Stalin und seine Unterstützer von einer großen
Mitverantwortung für die Exekutionen – eindeutig einige
hunderttausend [24]
– freisprechen. Wenn diese Leute eingesperrt worden wären, anstatt
hingerichtet, würden die meisten noch leben. Viele Fälle würden noch
mal überprüft und neu aufgerollt werden. Unsere Schlüsselfrage ist
aber: Warum gab Stalin dem Verlangen Ersten Sekretären nach und lies
sie die „Leben-oder-Tod-Troikas“ errichten? Obwohl es dafür keine
Entschuldigungen gibt, gab es zweifellos Gründe.
109.
Keine Regierung kann auf einen Hochverrat durch die Obersten Militärkommandeure,
durch höhere Regierungsmitglieder, sowohl auf nationaler und lokaler
Ebene und durch höhere Sicherheits- und Grenzpolizisten vorbereitet
sein.
110.
Eine ganze Reihe von Verschwörungen gegenwärtiger und ehemaliger hoher
Parteimitglieder, die Verbindungen im ganzen Land hatten, wurde gerade
entdeckt. Am bedrohlichsten war die Verwicklung einiger hoher Militärkader
mit der Freigabe geheimer militärischer Pläne an das faschistische
Deutschland. Die militärischen Verschwörer hatten ebenfalls Kontakte
über die gesamte UdSSR. In diese Komplotte waren auch hohe Mitglieder
des NKWD verwickelt, inklusive Genrich Jagoda, der 1934 bis 1936 Chef
und einige Jahre vor 1934 stellvertretender Chef des NKWD war. Es konnte
nicht einfach bekannt, wie weit verbreitet die Verschwörung war und
wieviele Leute daran beteiligt waren. Der umsichtige Verlauf sollte das
schlechteste vermuten. [25]
111.
Das Politbüro und Stalin waren an der Spitze zweier Hierarchien, sowohl
von der Bolschewistischen Partei als auch der sowjetischen Regierung.
Was sie über die Vorgänge im Staat wussten, haben sie von ihren
Untergeordneten erfahren. Im Verlauf der weiteren 12 Monate wurden viele
der Ersten Sekretäre Einhalt geboten, über die Hälfte von diesen
wurde festgenommen. Großteils mussten die die exakten Anklagepunkte
gegen die meisten dieser Männer und die Unterlagen ihrer Verhöre
freigegeben werden, selbst im postsowjetischen, antikommunistischen
Russland. Aber wir haben jetzt genug dieser Untersuchungsbeweise, die
Stalin und das Politbüro erreichten, um eine Vorstellung zu haben mit
welcher alarmierenden Situation sie gegenüberstanden. (Lubianka
B)
112.
Die Bolschewistische Partei wurde auf der Grundlage des demokratischen
Zentralismus errichtet. Ungeachtet seines Status und seiner Beliebtheit
im Volk, konnte Stalin (wie jeder Parteiführer) von der Mehrheit des
ZKs abgewählt werden. So konnte er nicht die Interessen eines Großteils
der ZK-Mitglieder ignorieren.
113.
Um Stalins Unvermögen, die Ersten Sekretäre zu stoppen, die Prinzipien
demokratischer Wahlen zu verspotten, zu illustrieren, zitiert Shukow
einen Vorfall der Abschrift, des immer noch nicht veröffentlichten
Oktober-Plenums von 1937.
I.
A. Krawtsow, Erster Sekretär von Krasnodar Kraikom (Regionalkomitee),
war der einzige, der detailliert zugab, was seine Kollegen schon seit
einigen Wochen heimlich getan hatten. Er schilderte, dass nur jene
Kandidaten zum Deputierten des Obersten Sowjet der UdSSR ausgesucht
wurden, die den Interessen der „breiten Führung“ entsprachen.
„Wir
machten die Kandidaten zum Obersten Sowjet öffentlich bekannt“,
berichtete Krawtsow. „Wer sind diese Genossen? 8 sind
Parteimitglieder, 2 sind parteilos oder Mitglied des Komsomols. Auf
diese Weise hielten wir uns an den Entwurf des ZK, die Zahl der
parteilosen anzugeben. Seitens der Beschäftigung werden diese Genossen
so eingeteilt: vier Parteiangestellte, zwei sowjetische Angestellte, ein
Kolchos-Vorsitzender, ein Mähdrescherfahrer, ein Traktorfahrer, ein Ölarbeiter.
. .
Stalin:
Wer sonst, neben Mähdrescherfahrern?
Krawtsow:
Unter den 10 ist Jakowlew, der Erste Sekretär des Kraikom, [und] der
Vorsitzende des Krai-Vollzugsausschusses.
Stalin:
Wer empfahl ihnen das zu tun?
Krawtsow:
Ich muss sagen, Genosse Stalin, man empfahl es mir hier, im ZK
Stalin:
Wer?
Krawtsow:
Ich kann es nicht sagen, ich weiß es nicht.
Stalin:
Es ist eine Schande, dass sie nicht gesagt haben, dass sie falsch
unterrichtet wurden. (Shukow, Inoy
486-7)
114.
Offenbar taten die Ersten Sekretäre das, was Krawtsow öffentlich angab
– die Prinzipien der geheimen Wahlen zu ignorieren, ein Prinzip, nach
dem sie selbst in den vorherigen Plena gewählt wurden, aber eindeutig
niemals zustimmten. Dies kennzeichnet Stalins Niederlage in der Frage,
die Verfassungs- und Wahlreformen durchzuführen, die er und seine
Zentrale Führung für über zwei Jahre vertreten haben.
115.
Die demokratischen Reformen wurden zunichte gemacht. Das alte politische
System blieb am Platz. Stalins Plan für Wahlen mit Gegenkandidaten
wurde nicht mehr durchgeführt. „Folglich endete der Versuch Stalins
und seiner Gruppe das politische System der Sowjetunion zu reformieren
in ein totales Fiasko.“ (Shukow, Inoy
491)
116.
Shukow glaubt, dass wenn Stalin den Forderungen der Ersten Sekretäre
„Troikas“ zu errichten nicht nachgeben würde, er selber abgewählt,
als Konterrevolutionär verhaftet und hingerichtet worden wäre.
„Heute könnte Stalin zu den Opfern der Unterdrückung von 1937 gezählt
werden und 'Memorial' und die Kommission von A. N. Jakowlew würden seit
langem für seine Rehabilitation eintreten. (Shukow, KP
16 Nov. 02)
117.
November 1938 löste Lawrenti Beria Nikolai Jeschow erfolgreich als Chef
des NKWD ab. Die „Troikas“ wurden verboten. Außergerichtliche
Hinrichtungen wurden verboten und jene, die verantwortlich für die
vielen schrecklichen Vorgänge waren, wurden selber verurteilt und
hingerichtet oder wurden ins Gefängnis gesteckt. [26]
Aber ein Krieg stand bevor. Die französische Regierung weigerte sich
selbst die schwache Version des sowjetisch-französischen Bündnisses zu
verlängern (die Sowjetunion war an einem stärkeren Bündnis
interessiert). Die Alliierten lieferten kampflos stückweise die
Tschechoslowakei Hitler und den polnischen Faschisten aus.
Nazideutschland hatte mit Polen ein militärisches Bündnis mit dem Ziel
eines Angriffes auf die Sowjetunion gegründet. Der Spanische Bürgerkrieg,
den die Sowjetunion stark unterstützte, war verloren. Italien
marschierte in Äthiopien ein und der Völkerbund tat nichts. Frankreich
und Großbritannien ermutigten Hitler, der weite Teile Osteuropas hinter
sich hatte, die Sowjetunion zu überfallen. (Lubianka
B, No. 365; Leibowitz)
118.
Japan, Italien und Deutschland hatten einen gegenseitigen
Verteidigungsvertrag und einen „Antikomintern-Pakt“, beide richteten
sich ausdrücklich gegen die Sowjetunion. Alle europäischen
Grenzstaaten – Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Finnland, Estland,
Lettland und Litauen – waren pro-faschistische Militärdiktaturen. Ein
Angriff der Japaner an der „See Khasan“ –Küste kostete 1000
Rotarmisten das Leben. Im nächsten Jahr startete Japan einen weitaus
ernsteren Angriff, der von der Roten Armee bei Khalkin-Gol abgewehrt
wurde. Die Sowjetunion hatte einen Verlust von 17000 Männern, inklusive
fast 5500 Toter – kein kleiner Krieg. Als heraus kam, dass der Krieg
entschieden war, versuchten die Japaner sich nie wieder mit den Sowjets
zu messen. Aber die Sowjetunion konnte dies vorab nicht wissen. (Rossiia
I SSSR v Voynakh)
119.
Nach 1938 versuchte die Stalin-Regierung das demokratische Wahlsystem
nicht mehr zu realisieren. Reflektierte dieser Fehlschlag einen
anhaltenden Stillstand zwischen der Stalin-Führung und den Ersten
Sekretären auf dem ZK? Oder eine Einschätzung, dass wenn der Krieg
sich schnell nähert, weitere Bemühungen in Richtung Demokratie man auf
ruhigere Zeiten warten muss? Der Beweis, der bis jetzt vorhanden ist,
ermöglicht keine feste Zusammenfassung.
120.
Indessen, als Beria Jeschow als Chef des NKWD ersetzte (formell im
Dezember 1938, in der Praxis vielleicht einige Wochen früher), kam es
zu einer Welle von Rehabilitierungen. Beria befreite über 100.000
Gefangene aus den Lagern und Gefängnissen. Es folgten Prozesse gegen
NKWD-Männer, die Folter und außergerichtliche Hinrichtungen durchführten.
(Thurston 128-9)
ENDE
VON TEIL 1
Fußn0ten
Trotzkis
Version sowjetischer Geschichte ging der Chruschtschows voraus und hat
diese verbunden als eine Art „linke“ der jetzigen, allerdings von
wenigen außerhalb der trotzkistischen Kreisen vertrauten, Version.
Sowohl die trotzkistische als auch die chruschtschowsche Version stellen
Stalin äußerst negativ dar; das Wort „dämonisieren“ wäre kaum
eine Übertreibung. Über Trotzki, siehe McNeal.
Der
weitverbreitete Begriff des „Terrors“ wird verwendet, um die Periode
der sowjetischen Geschichte, vor allem von Mitte 1937 bis 1939/40 zu
charakterisieren, kann auf das unkritisch hingenommene und das tendenziös
unzuverlässige Werk von Robert Conquest The Great Terror von 1973 zurückgeführt
werden. Die Bezeichnung ist sowohl ungenau als auch polemisch. Siehe
Robert W. Thurston, "Fear and Belief in the USSR's 'Great Terror':
Response To Arrest, 1935-1939." Slavic
Review 45
(1986), 213-234. Thurston antwortete und kritisierte Conquest Bestrebung
seine Auffassung zu verteidigen in: "On Desk-Bound Parochialism,
Commonsense Perspectives, and Lousy Evidence: A Reply to Robert Conquest."
Slavic
Review 45
(1986), 238-244. Siehe ebenfalls Thurston "Social Dimensions of
Stalinist Rule: Humor and Terror in the USSR, 1935-1941." Journal
of Social History 24, No. 3 (1991) 541-562; Life
and Terror Ch. 5, 137-163.
Marxisten-Leninisten
sehen in der kapitalistischen „repräsentativen Demokratie“ im
Wesentlichen ein Tarnmanöver für die Kontrolle der Elite. Viele
nicht-marxistische politische Denker stimmen hier überein. Siehe zum
Beispiel Lewis H. Lapham (editor of Harper's
Magazine), "Lights, Camera, Democracy! On
the conventions of a make-believe republic," Harper's
Magazine,
August 1996, 33-38.
zitiert
nach Juri Shukow: "Zhupel Stalina," Komsomolskaia
Pravda Nov. 5 2002. Professor Getty bestätigte es in einer
E-Mail an mich.
Der
Parteiname wurde 1952 in Kommunistische Partei der Sowjetunion
umbenannt.
Jenukidse,
ein alter Revolutionär, georgischer Genosse und Stalins Freund, hatte
lange Zeit hohe Posten in der Regierung inne und wurde niemals mit einer
oppositionellen Gruppe der 20er in Verbindung gebracht. Zu dieser zeit
war er auch für die Sicherheit des Kremls verantwortlich. Innerhalb
einiger Monate war er einer der ersten, die in Verdacht gerieten einen
„Palastputsch“ gegen die Stalin-Regierung zu führen. Shukow
notiert, dass dies Stalin besonders aus der Fassung gebracht haben soll.
(KP 14 Nov. 02)
Teil
2, Kapitel 3, Artikel 9 der Verfassung von 1924, also jene die zu der
Zeit geltend war, sagte aus, gab Stadtbewohnern einen viel größeren
Einfluss auf die Gesellschaft – ein Delegierter für 25000
Stadtbewohner, und ein Delegiertet für 125000 Landbewohner. Dies war
weitgehend übereinstimmend mit der Unterstützung des Sozialismus durch
die Arbeiter und passte in das marxistische Bild der Diktatur des
Proletariats.
In
Wirklichkeit ist dies kein Gesetz, sondern ein „Beschluss des
Zentralen Exekutivkomitees und des Rats der Volkskommissare“ – das
heißt, ein Beschluss der exekutiven und legislativen Abteilungen der
Regierung. Die Tatsache, dass dieser Beschluss sogar in
wissenschaftlichen Arbeiten als ein Gesetz aufgefasst wird, zeigt
einfach, dass jene, die sich auf diesen Beschluss beziehen, ihn nicht gründlich
gelesen haben. Es ist gedruckt in Tragediia
Sovetskoy Derevni. Kollektivizatsiia I Raskulachivanie. Documenty
I Materialy. 1927-1939. Tom 3. Konets 1930-1933
( Moscow: ROSSPEN, 2001), No. 160, pp. 453-4, und in Sobranie
zakonov i rasporiazhenii Raboche-Krest'ianskogo Pravitel'stva SSSR,
chast' I, 1932,
pp. 583-584. Meinen Dank an Garbor T. Rittersporn für die letzte
Literaturstelle.
Um
so schnell wie möglich die Wirtschaft nach der verheerenden Zerstörung
durch den Bürgerkrieg und der nachfolgenden Hungersnot aufzubauen,
machten die Bolschewiki den Kapitalismus in einigen Wirtschaftsbereichen
Zugeständnisse und ließen ihn dort florieren, allerdings unter der
Kontrolle der Regierung. Die wurde als Neue Ökonomische Politik
bezeichnet.
Stalin,
"Report to 17th P.C.," 704, 705, 706, 716, 728, 733, 752, 753,
754, 756, 758.
Dies
ist wenig bekannt, noch ist seine Bedeutung verstanden worden. Unser
Bild von Stalin ist von jenen geprägt worden, die ihn hassen (McNeal
87). Stalin war ein ausgezeichneter Schüler während seines Studiums in
Tiflis, Georgien, wo ihn seine Mutter hinschickte. Von seinen jungen
Lebensjahren an, widmete Stalin seine Zeit der revolutionären
Arbeiterbewegung und hatte somit nicht die Möglichkeit für eine höhere
Ausbildung. Aber er war sehr intelligent und ein unersättlicher Leser,
dessen Kenntnisse von der Philosophie bis zu technischen Sachen wie
Metallurgie reichten. Zeitgenössische Aufzeichnungen bezeugen seine
Aufmerksamkeit zu Details und seinem vollständigen Wissen über viele
technische Bereiche. Ein russischer Wissenschaftler, der Stalins
Bibliothek erforschte, gibt beeindruckende Zahlen: 20000 Bände in
Stalins Datscha nach dem Krieg, viele der 5500 nach seinem Tod in das
Institut für Marxismus-Leninismus gebrachten Bücher sind kommentiert
und unterstrichen (Ilizarov). Roy Medwedew, der Stalin hasst, gibt nur
ungern Stalins Begeisterung fürs Lesen zu. (Medwedew, "Lichnaia")
Viele Leute, die er zu seinen engsten Mitarbeitern machte, zeigten
denselben Einsatz zur Selbstverbesserung auf. Sergej Kirow, Leningrads
Parteichef und enger Verbündeter Stalins, der 1934 ermordet wurde, war
bekannt für seine große Belesenheit. (Kirilina 175). „Als Kirow getötet
wurde, fotografierten Experten der Untersuchungskommission alles,
einschließlich der Oberseite von Kirows Schreibtisch, das die
Untersuchung unterstützen könnte. Rechts lag H¸tte's
Ingenieurhandbuch, links ein Stapel wissenschaftlicher und technischer
Zeitschriften. Die Interessen dieses Parteiarbeiters waren vielseitig
– wie bei Stalin.“ (Mukhin Ubiystvo
625). 1924 schrieb Lawrenti Beria, kurz nach seiner gefährlichen
revolutionären Untergrundarbeit als bolschewistischer Eindringling in
gewalttätigen, antikommunistischen, nationalistischen Gruppen im
Kaukasus, seine Partei-Autobiographie. Seine Absicht bei der Auflistung
seiner Taten – ihm wurde im Alter von 20 Jahren der Rang eines
Generales zugesprochen – war nicht für einen bequemen Job zu plädieren,
wie viele „alte Bolschewiki“ dies verlangten und für gewöhnlich
bekamen, sondern ihm zu erlauben, sein Ingenieurstudium wieder
aufzunehmen, so dass er einen Beitrag für den Aufbau einer
kommunistischen Gesellschaft leisten kann. (Beria:
Konets Kar'ery, 320-325)
Thurston,
Kapitel 2 bis 4, ist die beste Zusammenfassung der Beweise für die
Moskauer Prozesse, seit den frühen 90ern. Dieser Artikel beschäftigt
sich nicht direkt mit diesen Prozessen, dem Prozess gegen Marschall
Tukchaschewsky und anderer hoher Militärs und deren Hinrichtung, oder
dem Zusammenhang zwischen den einzelnen Antisowjetischen Komplotten. Die
Dokumente aus den Archiven machten klar, dass Stalin und seine Anhänger
überzeugt waren, dass solche Komplotte herrschten und die Moskauer
Prozesse sowie der Prozess gegen die hohen Militärs waren großteils
richtig.
Getty
bemerkt, dass die ZK-Mitglieder es demonstrativ ablehnten auf Schdanows
Bericht einzugehen, brachten den Vorsitzenden Andrejew durcheinander
("Excesses"124). Shukow legt weniger Nachdruck auf dies, weil
Eikhe und andere Erste Sekretäre auf der nächsten Sitzung erwiderten,
indem sie den Kampf gegen „Volksfeinde“ betonten. (Inoy
345)
Über
die Resolution siehe: Shukow Inoy 362-3; Stalin, Zakliuchitel'noe. Wie
die Resolution (die unveröffentlicht ist), geht Stalin bei seiner Rede
nur wenig auf die „Volksfeinde“ ein und warte das ZK sogar davor,
jeden, der Trotzkist war, zu „besiegen“. Stalin hob hervor, dass es
„herausragende Persönlichkeiten“ unter den ehemaligen Trotzkisten
gibt, insbesondere Felix Dserschinski.
Das
Buch (Genrich Jagoda) besteht hauptsächlich aus Befragungen der
Untersuchungskommissionen an Jagoda und einiger seiner Anhänger und
Geständnissen Jagodas der Miteinbeziehung in der Verschwörung um einen
Putsch gegen die sowjetische Regierung durchzuführen; Trotzkis Führung
bei der Verschwörung und im Allgemeinen, das, was Jagoda im Prozess von
1938 zugab. Es gibt kein Indiz dafür, dass Geständnisse unglaubhaft
sind. Die Verfasser des Buches leugnen, dass die Fakten, die in den
Befragungen zitiert sind, echt sind, und bezeichnen die Befragungen
selbst als „gefälscht“. Aber sie führen dafür keine Beweise auf.
Jansen und Petrow, die Gegner Stalins sind zitieren dieses Buch als
Beweis für die Falschheit ohne irgendeinen Kommentar abzugeben (p. 226
n. 9). Des Weiteren gibt es aber reichlich Beweise, dass dies Fakt ist
– das diese Komplotte existierten, dass die Geständnisse, die in den
öffentlichen Prozessen gemacht wurden eher echt als gefälscht sind und
dass die Hauptprozesse gegen die Angeklagten richtig waren. Ein anderes
großes Buch mit primären Dokumenten wurde 2004 veröffentlicht, das
eine Menge NKWD-Berichte über Komplotte und Befragungen enthält (siehe
Lubianka B). Die plausibelste
Erklärung für die Existenz dieser Beweise ist, dass mindestens einige
von ihnen echt sind.
in
dieser Zeit von den NKWD-Fahndern und heute von einigen russischen
Historikern „ klubok “ oder „Wirrwarr“ genannt.
Vom
Juni-Plenum von 1937 wurde niemals eine Abschrift veröffentlicht.
Einige Autoren behaupten, kann keine Abschrift aufbewahrt wurde.
Allerdings zitiert Shukow ausgiebig von einigen archivarischen
Abschriften, die für andere nicht verfügbar sind.
Der
Befehl für die Aufstellung von „Troikas“ in der Westsibirischen
Region, wo Eikhe Erster Sekretär war, existiert. Eikhes Antrag wurde
noch nicht gefunden, aber er musste so einen Antrag – entweder
schriftlich oder mündlich – gemacht haben. Siehe Shukow, "Repressii"
23, n. 60; Getty, "Excesses" 127, n. 64.
Getty,
Excesses 131-134 bespricht einige Statistiken über dies. Siehe Befehl
No.00447.
Der
Musterstimmzettel ist in Shukow, Inoy, Abbildung 6, abgedruckt.
Am
1. Februar 1956, weniger als 4 Wochen vor seiner Geheimrede auf dem 20.
Parteitag der KPdSU, erwähnte Chruschtschow in Bezug auf Jeschow:
„zweifellos nicht zu tadeln, ein ehrlicher Mann“.
Reabilitatsia: Kak Eto Bylo. Mart 1953-Febral' 1956 (Moscow,
2000), p. 308.
Sein
Rücktritt war formell bis zum 25. November 1938 nicht angenommen; siehe
Lubianka B Nos. 344 und 364.
Chruschtschow
bat darum „20000 Leute hinzurichten“ Shukow, KP
3 Dez. 02. Jakowlews Kritik an Chruschtschows Massensäuberungen ist
oben zitiert. Eikhe wurde im Oktober 1938 verhaftet, verhört, angeklagt
und im Februar 1940 hingerichtet. Laut Chruschtschow, wies Eikhe sein
Geständnis zurück, sagte er habe es gegeben, nachdem er besiegt wurde
(d. h. gefoltert). Shukows Analyse deutet an, dass der wahre Grund für
Eikhes Tod seine führende Rolle während der Massenhinrichtungen
1937-38 gewesen sein kann. Siehe Jansen und Petrow, 91-2. das Politbüro
und das Januar-Plenum von 1938 begannen die Ersten Sekretäre
anzugreifen, die Parteibasis schikaniert haben(Getty, Origins
187-8). Das gesamte Protokoll von Eikhes Befragung und Prozess ist immer
noch nicht veröffentlicht. Das Verlangen die Aufmerksamkeit und das
Verschulden von sich und seinen gleichgestellten Ersten Sekretären
seiner Zeit abzulenken ist eines der Grundsätze der Lügen
Chruschtschows in seiner „Geheimrede“.
Getty
(„Excesses" 132) bringt den Beweis, dass 236000 Hinrichtungen von
„Moskau“, also von der Stalinregierung autorisiert wurden, aber 160%
dieser Hinrichtungen, also 387000 Menschen, Tatsächlich hingerichtet
wurden.
Im
Moskauer Prozess von 1938 bekannte sich Jagoda schuldig, in einem Putsch
gegen die sowjetische Regierung verwickelt zu sein, Maxim Gorki und
seinen Sohn ermordet zu haben und andere abscheuliche Verbrechen
begangen zu haben, aber er wies die Anschuldigung des Staatsanwaltes in
Sachen Spionage schuldig zu sein, energisch zurück. Aber der Fakt, dass
die Anklagen gegen Spionage, ein Jahr nach Jagodas Verhaftung,
anstiegen, zeigt zumindest, dass die sowjetische Regierung dachte, dass
er solche Informationen an ausländische Feinde übergab (Deutschland,
Japan, Polen). Als Chef des Ministeriums für Inneres, inklusive der
Sicherheits- und Grenzpolizei, hätte Jagoda die Möglichkeit der
sowjetischen Sicherheit nicht abzuschätzenden Schaden hinzufügen zu können,
wenn er ausländischen Regierungen Informationen gegeben hätte.
Thurston
hat diesbezüglich die beste Erörterung in englischer Sprache in Life
and Terror 128 ff.
ERGÄNZENDE
ANMERKUNGEN
Anmerkung
zur Arbeit von Juri Shukow:
Bis
heute gab es einen ausgedehnten wissenschaftlichen Angriff auf Shukows
These – der kam von Prof. Irina V. Pawlowa, "1937: Vybory kak
mistifikatsiia, terror kak real'nost'," Voprosy
Istorii 10, 2003 19-36. Pawlowa ist eine strikte
Antikommunistin der „Totalitarismus“-Schule, deren ideologische
Feindschaft zum Kommunismus in ihrer historischen Arbeit unterminiert
wird. Zum Beispiel verbreitete sie Lügen über Gettys
Geschichtsforschung um ihn zu diskreditieren. Was Pawlowa schreibt ist
Propaganda, keine Geschichte.
Pawlowa
bezieht sich nur auf Shukows Artikel in „KP“; sie schreib es vor der
Veröffentlichung von „Inoy Stalin“. Pawlowas Kritik baut auf der
Annahme auf, dass die Moskauer Prozesse und der Prozess gegen
Tukchaschewsky usw. Komplotte waren und die gesamten Kampagnen über die
Verfassung und über die Wahlen nur ein „Mantel“ für Repressionen
waren.
Pawlowa
behauptet dies, weil der Oberste Sowjet 1936 keine wirkliche politische
Macht hatte, Wahlen mit Gegenkandidaten würden ihm keine Macht geben.
Wenn Pawlowa unter „Macht“ die Möglichkeit sieht, die
Bolschewistische Partei als führende Kraft in der UdSSR abzusetzen, hat
sie eindeutig recht: natürlich hatte Stalin nicht die Absicht,
konterrevolutionäre Gruppen zuzulassen, die gegen die Verfassung
arbeiten. Dies ist aber in jeden bourgeoisen demokratischen Staaten
verboten. Aber wenn sie mit „Macht“ meint, staatliche Politik
beeinflussen zu können, in der Sozialpolitik, oder in der
Bolschewistischen Partei selbst maßvoll Druck auszuüben, – das ist
die Art von Macht, die bei Wahlen in bourgeoisen Demokratien bestimmt
wird – dann ist sie im Unrecht.
Anmerkung
zu Iuri Mukhin, Ubiystvo
Stalina i Beriia:
Dieses
Buch von Mukhin wird oft von jenen verworfen, die seine Ergebnisse
unsympathisch finden, mit der Begründung, dass er Anmerkungen macht,
die antisemitisch sein sollen. Es sollte bemerkt werden, dass Mukhin im
gleichen Buch Anmerkungen macht, die verdeutlichen, dass er gegen
Antisemitismus ist. Dieses Schriftstück greift nicht auf Passagen zurück,
auf denen antisemitische Aussagen angegeben werden.
Mukhin
nahm bei einigen Themen auch einige abenteuerliche Positionen, die in
seinem Buch nicht behandelt werden. Ich greife nicht auf irgendeine
solcher Arbeiten zurück.
Das
Selbe kann und soll gesagt werden, wenn man antikommunistische Autoren
zitiert – das Fakt das sie antikommunistische Vorurteile haben, heißt
nicht gleich, dass sie gelegentlich nicht nur unbrauchbare Informationen
haben. Und natürlich wird Antikommunismus oft mit Antisemitismus in
Verbindung gebracht. Weder Kommunist noch Jude, ist Mukhin gegenüber
beiden etwas feindlich gesinnt, aber er ist weder ein üblicher
Antikommunist noch ein üblicher Antisemitist.
Mukhins
Analyse primärer und sekundärer Quellen ist oft deutlich und ich
zitierte sie, dort wo ich sie für hilfreich hielt. Zitate von Mukhins
Analysen, von denen der Autor denkt, dass sie nützlich sind, bedeutet
natürlich nicht keine Übereinstimmung bei Teilen seiner Analyse, die
nicht zitiert wurden.
Ich
habe jede Literatur- und Quellenangabe bei Mukhin und anderen
Wissenschaftlern, die ich hier zitiert habe, geprüft, mit Ausnahme
jener primären Quellen, die nur für jene zugänglich sind, die in den
Archiven arbeiten.
Bibliography
(I
have included URLs to online versions of the texts cited whenever I have
been able to locate them -- GF.)
Alikhanov,
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