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Der
Reichstagsbrand:
Neue Aktenfunde entlarven die Nazi-Täter
siehe
Die Hitler-Regierung war gerade vier Wochen alt; am 5. März 1933 sollten
Reichstagswahlen über ihren Fortbestand entscheiden. Der NSDAP war die
Parlamentsmehrheit keineswegs sicher, und so lief die Nazi-Propagandamaschine
auf Hochtouren. In kaum einer deutschen Stadt verging ein Tag ohne die
einpeitschenden Reden der NS-Führer. Doch als in den Abendstunden des 27.
Februar 1933 das Berliner Reichstagsgebäude in Flammen aufging, waren Hitler, Göring
und Goebbels binnen Minuten zur Stelle; ihr Terminkalender für diesen Abend war
leer. (...)
Wenige
Stunden nach dem Brand unterschrieb Reichspräsident v. Hindenburg die
„Notverordnung
zum Schutze von Volk und Staat“
Darin
heißt es:
„Es sind
daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung
einschließlich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts,
Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen und Fernsprechgeheimnis, Anordnungen
von Haussuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkungen des Eigentums
auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig.“
Extrablätter
der Rechtspresse behaupteten, die Kommunisten hätten den Reichstag angezündet,
„dem Reichstagsbrand sollten Aufstand und Bürgerkrieg folgen! Die
Kommunisten wollten Eure Frauen schänden, Eure Kinder ermorden, das Wasser der
Brunnen, die Speisen in den Restaurants und Speisehallen vergiften.“ (aus:
Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror, Basel 1933, S. 69 f).
Die
lächerlichste Lüge war den Faschisten noch gut genug, um ihren Terror zu
rechtfertigen.
Aber
schon das Blatt der Schwerindustrie, die „Deutsche Allgemeine Zeitung“
bezweifelte, dass Kommunisten die Brandstifter seien: „Politisch ist an dem
Brand im Reichstag nur eines völlig unbegreiflich: dass ein Kommunist gefunden
werden konnte, der so töricht war, das Verbrechen zu begehen. (...) Wir fürchten,
dass eine geanue Nachprüfung (...) die Unhaltbarkeit der Vorwürfe beweisen
wird. Wenn das der Fall ist, wäre es besser gewesen, ihn gar nicht zu
erheben.“ (Deutsche Allgemeine Zeitung vom 2. März 1933, aus: (Braunbuch über
Reichstagsbrand und Hitlerterror, Basel 1933, S. 100)
Der
Strafprozess vor dem Reichsgericht gegen die Kommunisten Ernst
Torgler (Vorsitzender der KPD-Reichstagsfraktion), Georgi Dimitroff (Leiter des
Westeuropäischen Büros des Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale
(EKKI)), und die bulgarischen Kommunisten Popoff und Tannef, sowie gegen den
Marius van der Lubbe sollte ein
Schauprozess und ein Triumph der Nazis über die kommunistische Bewegung werden.
Das Gegenteil trat ein!
Georgi
Dimitroff drehte den Spieß während des Prozesses um und führte Göring vor.
Dimitroff verhört Göring förmlich:
Dimitroff:
Der Zeuge ist Ministerpräsident, Innenminister und Reichstagspräsident und
der Minister trägt die Verantwortung für die Polizei?
Göring:
Jawohl!
Dimitroff:
Ich frage: Was hat der Herr Innenminister am 28. und 29.Februar oder an den nächstfolgenden
Tagen getan, damit durch die polizeiliche Untersuchung der Weg von van der
Lubbe von Berlin nach Hennigsdorf, sein Aufenthalt im Asyl in Hennigsdorf,
seine Bekanntschaft mit zwei anderen Leuten dort festgestellt und so die wahren
Komplicen ausfindig gemacht werden?
Göring:
Ich habe mich selbstverständlich als Minister nicht wie ein Detektiv auf die
Spuren begeben, sondern ich habe meine Polizei.
Dimitroff:
Nachdem Sie als Ministerpräsident und Innenminister die Erklärung abgegeben
hatten, daß Kommunisten die Brandstifter seien, daß die Kommunistische Partei
Deutschlands mit Hilfe von van der Lubbe, als ausländischem Kommunisten, das
gemacht habe, mußte da nicht diese Ihre Einstellung für die polizeiliche
Untersuchung und weiterhin für die richterliche Untersuchung die bestimmte
Richtung festlegen und die Möglichkeit ausschalten, andere Wege zu suchen und
die richtigen Reichstagsbrandstifter ausfindig zu machen?
Göring:
Gesetzlich ist für die Kriminalpolizei von vornherein die Anweisung
festgelegt, daß sie bei allen Verbrechen ihre Untersuchungen in jeder
Richtung voranzutreiben hat, gleichgültig, wohin sie führen, überall, wo
Spuren sichtbar werden. Ich selbst aber bin nicht Kriminalbeamter, sondern
verantwortlicher Minister und für mich war es deshalb nicht so wichtig, den
einzelnen kleinen Strolch festzustellen, sondern die Partei, die Weltanschauung,
die dafür verantwortlich war. Die Kriminalpolizei wird allen Spuren
nachgehen, beruhigen Sie sich. Ich hatte nur festzustellen: Ist das Verbrechen
außerhalb der politischen Sphäre begangen worden oder ist es ein politisches
Verbrechen. Für mich war es ein politisches Verbrechen und ebenso war es
meine Uberzeugung, daß die Verbrecher in Ihrer (zu Dimitroff) Partei zu suchen
sind. (Schüttelt die Fäuste gegen Dimitroff und schreit) Ihre Partei ist eine
Partei von Verbrechern, die man vernichten muß! Und wenn die richterliche Untersuchung
sich in dieser Richtung hat beeinflussen lassen, so hat sie nur in der
richtigen Spur gesucht.
Dimitroff:
Ist dem Herrn Ministerpräsidenten bekannt, daß diese Partei, die ,man
vernichten muß, den sechsten Teil der Erde regiert, nämlich die Sowjetunion,
daß diese Sowjetunion diplomatische, politische und wirtschaftliche
Beziehungen mit Deutschland unterhält und daß ihre wirtschaftlichen
Bestellungen Hunderttausenden von deutschen Arbeitern zugute kommen?
Vorsitzender
(zu
Dimitroff): Ich verbiete Ihnen, hier kommunistische Propaganda zu betreiben!
Dimitroff:
Herr Göring betreibt hier nationalsozialistische Propaganda! (Wendet sich
sodann zu Göring) Diese bolschewistische Weltanschauung herrscht in der Sowjetunion,
in dem größten und besten Lande der Welt, und hat hier, in Deutschland,
Millionen Anhänger in Person der besten Söhne des deutschen Volkes. Ist das
bekannt.
Göring
(brüllend): Ich will Ihnen sagen, was
im deutschen Volke bekannt ist. Bekannt ist dem deutschen Volke, daß Sie sich
hier unverschämt benehmen, daß Sie hierhergelaufen sind, um den Reichstag
anzustecken. Aber ich bin hier nicht dazu da, um mich von Ihnen wie von einem
Richter vernehmen und mir Vorwürfe machen zu lassen! Sie sind in meinen Augen
ein Gauner, der direkt an den Galgen gehört.
Präsident:
Dimitroff, ich habe Ihnen bereits gesagt, daß Sie hier keine kommunistische
Propaganda zu treiben haben. Sie dürfen sich dann nicht wundern, wenn der
Herr Zeuge derartig aufbraust! Ich untersage Ihnen diese Propaganda auf das
strengste. Sie haben rein sachliche Fragen zu stellen.
Dimitroff:
Ich bin sehr zufrieden mit der Antwort des Herrn Ministerpräsidenten.
Präsident:
Ob Sie zufrieden sind, ist mir gleichgültig. Ich entziehe Ihnen jetzt das Wort.
Dimitroff:
Ich habe noch eine sachliche Frage zu stellen.
Präsident
(noch
schärfer): Ich entziehe Ihnen jetzt das Wort.
Göring
(brüllt): Hinaus mit Ihnen, Sie Schuft!
Präsident
(zu den Polizisten): Führt ihn hinaus!
Dimitroff
(den die Polizisten bereits gepackt hatten): Sie haben wohl Angst vor
meinen Fragen, Herr Ministerpräsident?
Göring
(Dimitroff nachrufend): Warten Sie nur, bis wir Sie außerhalb der
Rechtsmacht dieses Gerichtshofes haben werden! Sie Schuft, Sie!"
Der
Prozess sollte ein Schauprozess werden, die Kommunisten sollten vor aller Welt
als Verbrecher dastehen. Deshalb hatte die Propagandamaschine der Nazis breit
berichtet und der Rundfunk den Prozess live übertragen. Aber mit Dimitroffs
Auftreten gegen Göring wandelte sich das:
Nicht die Kommunisten, die Nazis
waren jetzt die Angeklagten.
Die Rundfunkübertragungen wurden eingestellt und
die Presseberichterstattung auf ein Minimum herunter gefahren.
Nachdem
der Reichstagsbrandprozess schon fast drei Monate gedauert hatte, begannen am
13. Dezember 1933 die Plädoyers, nämlich die Reden des Oberreichsanwalts, der
Rechtsanwälte und die Schlussworte der Angeklagten. Am 16. Dezember wurde
Georgi Dimitroff das "Schlusswort des Angeklagten" erteilt.
Aus
dem Schlussworts, das auch jetzt fortwährend vom Präsidenten des
Reichsgerichts unterbrochen wurde, sollen folgende Abschnitte zitiert werden:
"Präsident:
Wann beabsichtigen Sie, Ihre Rede zu beenden?
Dimitroff:
Ich möchte noch eine halbe Stunde sprechen.
Präsident:
Sie können nicht endlos sprechen.
Dimitroff:
Während der drei Monate, die der Prozeß gedauert hat, haben Sie, Herr Präsident,
mir unzählige Male mit der Versicherung, daß ich am Schlusse des Prozesses ausführlich
zu meiner Verteidigung sprechen könnte, Schweigen auferlegt. Das Ende ist nun
gekommen, aber entgegen Ihren Versprechungen beschränken Sie mich in meinem
Recht, zu sprechen. Ich habe das Recht, meine Vorschläge für die Urteilsfällung
vorzubringen und zu begründen. Der Oberreichsanwalt betrachtete in seiner Rede
alle Zeugenaussagen von Kommunisten als nicht glaubwürdig. Ich stelle mich
nicht auf einen solchen Standpunkt. Ich kann zum Beispiel nicht behaupten, daß
alle nationalsozialistischen Zeugen Lügner sind. Ich glaube, daß es unter den
Millionen von Nationalsozialisten auch ehrliche Leute gibt.
Der
Herr Oberreichsanwalt hat beantragt, die bulgarischen Angeklagten wegen Mangel
an Beweisen freizusprechen, Damit aber bin ich gar nicht zufrieden. So einfach
ist die Sache nicht. Das würde den Verdacht nicht beseitigen. Nein, während
des Prozesses wurde bewiesen, daß wir mit der Reichstagsbrandstiftung nichts
gemein haben, und deshalb gibt es keinen Platz für irgendeinen Verdacht. Wir
Bulgaren sowie Torgler müssen freigesprochen werden, nicht wegen Mangel an
Beweisen, sondern weil wir als Kommunnisten mit dieser antikommunistischen Tat
nichts zu tun haben und nichts zu tun haben konnten.
Ich beantrage folgenden Beschluß:
1.
daß das Reichsgericht unsere Unschuld an dieser
Tat und die Anklage als unberechtigte Anklage anerkennt; das bezieht sich auf
alle, auch auf Torgler, Popoff und Taneff;
2.
van der Lubbe als mißbrauchtes Werkzeug der
Feinde der Arbeiterklasse zu betrachten;
3.
die Schuldigen an der unberechtigten Anklage
gegen uns zur Verantwortung zu ziehen;
4.
uns auf Rechnung dieser Schuldigen die
entsprechende Entschädigung für die verlorene Zeit, für die geschädigte
Gesundheit und für die ertragenen Leiden zuzuerkennen.
Präsident:
Diese Ihre sogenannten Anträge wird das Gericht bei der Beratung des Urteils
berücksichtigen.
Dimitroff:
Es kommt eine Zeit, wo diese Anträge mit Zinsen durchgeführt werden. Was die
volle Klärung des Reichstagsbrandes betrifft und die Feststellung der
wirklichen Brandstifter, so bleibt dies natürlich dem Volksgericht der zukünftigen
proletarischen Diktatur vorbehalten. Im 17. Jahrhundert stand der Begründer der
Physik, Galileo Galilei, vor dem strengen Inquisitionsgericht und sollte als
Ketzer zum Tode verurteilt werden. Er hat mit tiefster Überzeugung und
Entschlossenheit ausgerufen: ´Trotzdem, sie, die Erde - dreht sich doch!´ Und
diese wissenschaftliche These wurde später zum Gemeingut der ganzen
Menschheit.
(Der
Präsident unterbricht Dimitroff schroff, steht auf, nimmt die Akten und will
gehen).
Dimitroff
(fährt
fort): Wir Kommunisten können heute nicht weniger entschlossen als der alte
Galilei sagen: und dennoch dreht sie sich! das Rad der Geschichte dreht sich
nach vorwärts - nach einem Sowjeteuropa, nach einem Weltbund der
Sowjetrepubliken!
Und dieses Rad, getrieben durch das Proletariat unter Führung der
Kommunistischen Internationale, wird durch keine Ausrottungsmaßnahmen, durch
keine Zuchthausstrafen und Todesurteile aufgehalten werden; es dreht sich und
wird sich drehen bis zum endgültigen Siege des Kommunismus.
(Die
Polizei packt Dimitroff und setzt ihn mit Gewalt auf die Anklagebank. Das
Gericht zieht sich zur Beratung zurück, ob Dimitroff weitersprechen darf. Es
erscheint, um zu verkünden, daß Dimitroff das Wort endgültig entzogen
wird.)"
Dimitroff,
Popoff und Taneff sowie Torgler mussten freigesprochen werden. Van der Lubbe
wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet.
In
seiner Schlussrede zitiert Dimitroff die Worte Goethes::
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„Lerne
zeitig klüger sein,
Auf des Glückes großer Waage
Steht die Zunge selten ein;
Du musst steigen oder sinken,
Du musst herrschen und gewinnen
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren
Amboß oder Hammer sein.“
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Noch
aber schwebte über Dimitroff die Drohung Görings. Das internationale Aufsehen,
das das mutige Auftreten Dimitroffs erregt hatte, verhinderte, dass die
Faschisten ihn einfach in irgendein KZ verschleppen und dort ohne Aufsehen
ermorden konnten.
Am
15. Februar 1934 verlieh die Regierung der UdSSR den Bulgarischen Kommunisten
Georgi Dimitroff, Blagej Popoff und Vasil Taneff die sowjetische Staatsbürgerschaft.
Am 27. Februar 1934 trifft Dimitroff mit dem Flugzeug in Moskau ein. Zum
Abschluss seiner Ankunftsrede in Moskau sagte er:
„Ich
bin Soldat der proletarischen Revolution, Soldat der Kommunisten. In diesem
Sinne bin ich auch vor Gericht aufgetreten. Hier werde ich meine Pflicht als
solcher Soldat erfüllen, ich werde sie weiter und bis zum letzten Atemzuge erfüllen.“
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