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Unter roter Flagge

Vor 100 Jahren meuterten vor Odessa die Matrosen des Kriegsschiffs »Potemkin« – Aufschwung des revolutionären Kampfes in Rußland

Gerd Fesser

Quelle: jungeWelt vom 11.06.2005

In der Mitte des Jahres 1905 befanden sich die Regierenden des russischen Zarenreiches in großer Bedrängnis. Zum einen begann sich im Krieg gegen Japan die Niederlage abzuzeichnen: Am 27./28. Mai vernichteten die japanischen Seestreitkräfte bei Tsushima die russische Ostseeflotte, die um ganz Afrika herum nach dem Fernen Osten gefahren war. Zum anderen hatte der »Blutsonntag« in St. Petersburg am 22. Januar, bei dem 150 bis 200 friedlich demonstrierende Arbeiter, Frauen und Kinder von zaristischem Militär niedergemetzelt worden waren, die erste russische Revolution ausgelöst. Damals begann eine Serie machtvoller Streiks und Demonstrationen. In vielen Gebieten entfaltete sich eine Bauernbewegung, in einigen brachen Aufstände aus. Zahlreiche Schlösser und Herrenhäuser besonders verhaßter Gutsbesitzer gingen in Flammen auf. An den politischen Streiks anläßlich des 1. Mai nahmen rund 220000 Menschen teil. Die Revolution von 1905 war keineswegs das Werk der Bolschewiki, die damals noch eine politische Splittergruppe waren. Vielmehr handelte es sich um das spontane Aufbegehren von Arbeitern und Bauern, die in unsäglicher Not lebten.
Befehlsverweigerung

Am 14. Juni begann eines der denkwürdigsten Ereignisse des Revolutionsjahres. Am Morgen diese Tages lag das Schlachtschiff »Fürst Potemkin von Taurien« nahe der Hafenstadt Odessa vor der Insel Tendra, um Schießübungen durchzuführen. Die Stimmung an Bord war überaus angespannt. Auf den Schiffen der russischen Marine unterschieden sich die Lebensbedingungen der Offiziere und Mannschaften in besonders krasser Weise: Die Marineoffiziere bewohnten regelrechte Luxuskabinen und schlemmten in den Offiziersmessen, während die Mannschaften zusammengepfercht waren und jämmerliche Kost vorgesetzt bekamen. Darüber hinaus herrschte unter den Matrosen Empörung über das unmenschliche Verhalten und die Brutalität der Befehlshaber.

An diesem Morgen waren auf dem Oberdeck der »Potemkin« Rinderhälften aufgehängt, die für die Mannschaftssuppe gekocht werden sollten. Die Matrosen stellten fest, daß das Fleisch faulig roch und von Maden durchsetzt war. Sie riefen den Schiffsarzt Smirnow herbei – und der befand, das Fleisch sei in Ordnung, es brauche lediglich mit Salzwasser abgewaschen zu werden. Als die Schiffsglocke zur Mittagspause läutete, erschien nicht ein einziger der 600 Matrosen zur Essensausgabe. Kapitän Golikow sah darin eine Meuterei. Er befahl alle Mann an Deck und ließ etwa 30 Matrosen an die Bordwand stellen. Dann rief er die bewaffnete Wache herbei, und der 1. Offizier gab den Befehl, die abgedrängten Matrosen zu erschießen. Als die Männer der Wache sich weigerten zu feuern, kam es zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf die Matrosen den Schiffsarzt und mehrere Offiziere über Bord warfen. Der Wortführer der Matrosen, Wakulentschuk, wurde tödlich verwundet, der Kapitän und der 1. Offizier von den rebellierenden Matrosen erschossen. Die Aufständischen hißten auf dem Schiff die rote Flagge, und die »Potemkin« ging noch am Abend des 14. Juni – in Begleitung des Torpedobootes Nr. 267, das sich ihm angeschlossen hatte – auf der Reede von Odessa vor Anker.
Warnung für Herrschende

Die Arbeiter der Stadt befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Generalstreik. Die Matrosen der »Potemkin« versäumten es jedoch, eine bewaffnete Landegruppe zur Unterstützung der Streikenden zu entsenden. So konnte zaristisches Militär den Streik blutig niederschlagen. Unterdessen hatte fast die gesamte russische Schwarzmeerflotte Kurs auf Odessa genommen, um die »Potemkin« zu stellen oder zu versenken. Das Schiff verließ daraufhin den Hafen und begegnete auf hoher See dem großen Flottenaufgebot. Die Geschützbedienungen dieser schwimmenden Festungen weigerten sich indes, auf die »Potemkin« zu schießen, Teile ihrer Besatzungen grüßten offen die Aufständischen. Das Schiff lief nun den rumänischen Hafen Konstanza an, wo es festgesetzt wurde. Die Matrosen emigrierten in verschiedene Länder.

Die Meuterei auf der »Potemkin« war für die Regierenden in St. Petersburg ein sehr ernstes Alarmzeichen, zeigte es doch, daß sie sich nicht mehr hundertprozentig auf die Streitkräfte verlassen konnten.

Erst 1907 gelang es den Herrschenden, die Revolution endgültig niederzuwerfen. Wenige ihrer Errungenschaften hatten Bestand. Einige demokratische Grundrechte (Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit) wurden beibehalten. Der Zar mußte ein Parlament (die Duma) wählen lassen, dessen Befugnisse freilich eng begrenzt waren. In der Grundlinie aber regierte die um den Zaren gescharte Herrenschicht weiter wie bisher. Zehn Jahre später setzte die Oktoberrevolution ihrer Herrschaft gewaltsam ein Ende. Acht Jahre darauf schuf Sergej Eisenstein sein unsterbliches Filmwerk über die Meuterei auf der »Potemkin«.

(Der Film ist im jW-Shop erhältlich)
Quellentext: W. I. Lenin, »Revolutionäre Armee und revolutionäre Regierung«

(...) Die gewaltige Bedeutung der letzten Ereignisse in Odessa besteht gerade darin, daß hier zum erstenmal eine große Einheit der Streitkräfte des Zarismus, ein ganzer Panzerkreuzer, offen auf die Seite der Revolution übergetreten ist. Die Regierung machte wütende Anstrengungen und wandte alle möglichen Schliche an, um dem Volk dieses Ereignis zu verheimlichen, um den Aufstand der Matrosen im Keim zu ersticken. Nichts hat geholfen. Die gegen den revolutionären Panzerkreuzer »Potemkin« entsandten Kriegsschiffe verweigerten den Einsatz gegen ihre Kameraden. Die absolutistische Regierung verbreitete in Europa Nachrichten über die Kapitulation des »Potemkin«, über den Befehl des Zaren, den revolutionären Panzerkreuzer zu versenken und hat sich damit nur vollends vor der ganzen Welt blamiert. Das Geschwader ist nach Sewastopol zurückgekehrt, die Regierung beeilt sich, die Matrosen nach Hause zu schicken, die Kriegsschiffe zu entwaffnen; es zirkulieren Gerüchte über Massenverabschiedungen von Offizieren der Schwarzmeerflotte; auf dem Panzerkreuzer »Georgi Pobedonossez«, der kapituliert hatte, haben wieder Meutereien begonnen. In Libau und Kronstadt erheben sich die Matrosen ebenfalls; es häufen sich die Zusammenstöße mit dem Militär; es ist (in Libau) zum Barrikadenkampf der Matrosen und Arbeiter gegen die Soldaten gekommen. Die ausländische Presse berichtet über Meutereien auf einer ganzen Reihe anderer Kriegsschiffe (»Minin«, »Alexander der Zweite« usw.). Die zaristische Regierung hat keine Flotte mehr. Das Höchste, was sie vorläufig erreichen konnte, ist, die Flotte vom aktiven Übertritt auf die Seite der Revolution zurückzuhalten. Der Panzerkreuzer »Potemkin« aber war und ist ein unbesiegtes Territorium der Revolution, und wir haben, welches immer sein Schicksal sein mag, eine unzweifelhafte und höchst bedeutsame Tatsache zu verzeichnen: den Versuch zur Bildung des Kerns einer revolutionären Armee. (...)

* Erstdruck: Proletari Nr. 7, 10. Juli (27. Juni) 1905, zit. n. Lenin Werke Bd. 8, S. 564f.)

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