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Einheit
als Programm
Rede
anläßlich des 60. Jahrestages der Gründung der SED (Teil I)
Von
Götz Dieckmann
Quelle:
jungeWelt
vom 5. Mai 2006
*
Wir dokumentieren im folgenden, leicht gekürzt, die Ansprache, die der
Historiker und stellvertretende Vorsitzende des RotFuchs-Fördervereins
e.V. Professor Götz Dieckmann am 22. April auf einer festlichen
Veranstaltung in Berlin gehalten hat. Dieckmann lehrte von 1968 bis 1990
an der Parteihochschule Karl Marx in Berlin und war von 1989 bis 1990
deren letzter Präsident. Zu der Veranstaltung, die unter dem Motto »Wie
die Arbeitereinheit vollzogen wurde« stand, luden neben der
Monatsschrift RotFuchs und der Tageszeitung junge Welt verschiedene
Organisationen aus DKP, Linkspartei.PDS und KPD ein.
Es
gibt historische Ereignisse, die uns die Wahrheit offenbaren, weil sie
Kulminationspunkte langfristiger gesellschaftlicher Prozesse sind. Die
Haltung zu solchen Ereignissen klärt, welche Stellung man im
politischen Leben bezieht, woher man kommt und wohin man zu gehen
beabsichtigt. Ein solcher Leuchtturm unserer Geschichte ist der
Vereinigungsparteitag, aus dem vor sechzig Jahren die Sozialistische
Einheitspartei Deutschlands hervorging.
Es
gibt auch Sätze, die man nicht so exakt an einem Datum festmachen kann,
die aber wie Blitze einschlagen und ebenfalls vielschichtige Probleme
der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem Kern enthüllen. Sie stammen
nicht nur von Marxisten. Nehmen wir den evangelischen Theologen und
Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, den die Faschisten vor
einundsechzig Jahren umbrachten und der fordernd und anklagend
formulierte: »Wer nicht mit den Juden schreit, darf nicht gregorianisch
singen!« Oder denken wir an Kurt Tucholskys Entlarvung reformistischer
Führer als »bescheidene Radieschen: außen rot und innen weiß«.
Und
natürlich gibt es solche Sätze von Karl Marx. So etwa seine
Feststellung, das Pariser Proletariat habe in der Revolution von 1848 »die
rote Fahne vor der trikoloren fallen« lassen.
Daran
mußte ich denken, als die Flagge der Sowjetunion auf dem Kreml in
Moskau eingeholt und die alte dreifarbige russische gehißt wurde. Jetzt
– das war klar – ist der Damm endgültig gebrochen. Jetzt wird die
Bourgeois-Orgie toben. So ist es gekommen, und die Konsequenzen sind vom
Pazifik bis zum Atlantik, in Afrika und anderswo zu besichtigen.
Kampfbereite
Tempelwache
In
der Zeit kurz vor dem Vereinigungsparteitag hat Otto Grotewohl vor
Funktionären der Berliner SPD Worte gefunden, in denen unter Leiden
erworbene Grunderfahrungen der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung
komprimiert sind: »Wir sind keine bürgerlichen Demokraten, deren
Denken sich in der formalen demokratischen Staatsform erschöpft,
sondern uns sind die wirtschaftlichen Einrichtungen wichtiger. Die
Entwicklung der Staatsform ist zweifellos für uns etwas Wichtiges, aber
sie ist nicht das Primäre, sonst wären wir keine Sozialisten. Wir sind
nicht bereit, wieder in einem demokratischen Tempel zu beten, in dem man
mit einem Leutnant und drei Mann die Träger des demokratischen Rechts
von ihrem Stuhl herabstoßen konnte. Dabei hilft uns keine neue
Vergoldung, sondern nur ein neues festes Fundament und eine
entschlossene kampfbereite Tempelwache, und das wird die Sozialistische
Einheitspartei Deutschlands sein.«
Man
kann den komplizierten, aus der Aktionseinheit gewachsenen Prozeß
ideologischer Klärung in seinem Kern kaum anschaulicher fassen: Im
Kampf gegen den Sozialreformismus, wie auch gegen linksradikales
Sektierertum wurde die Einheit errungen. Sie war getragen vom Willen der
großen Mehrheit der Mitglieder beider Arbeiterparteien. Sie folgte der
Vereinigung der Gewerkschaften. Sie erwuchs aus der Erkenntnis, daß die
Spaltung der Arbeiterklasse das Geheimnis der Macht des Großkapitals
ist. Das ist die Hauptlehre der Geschichte der deutschen
Arbeiterbewegung seit ihren Anfängen. Die Vereinigung löste das
gegenseitige Versprechen ein, zu dem sich deutsche Kommunisten und
Sozialdemokraten in der Nacht des Faschismus in den Zuchthäusern und
Konzentrationslagern durchgerungen hatten: Wir müssen einig sein, um
den Feind zu schlagen!
Vor
einigen Wochen habe ich gemeinsam mit dem Sohn von Albert Kuntz in
Frankfurt am Main ein Buch mit den Briefen seines Vaters aus der Haft
von 1933 bis zu seiner Ermordung im Januar 1945 im KZ Mittelbau-Dora
vorgestellt. Diese Veranstaltung fand im Haus des Deutschen
Gewerkschaftsbundes statt, und dort gibt es einen
Wilhelm-Leuschner-Saal. Leuschner war 1933 als rechter Sozialdemokrat
noch ein entschiedener Gegner der Aktionseinheit mit den Kommunisten.
Der Kampf gegen den Faschismus hat bewirkt, daß er seine Haltung änderte.
Als er Ende September 1944 zum Schafott geschleppt wurde, hat er seinen
Mitgefangenen mit fester Stimme zugerufen: »Schafft mir die Einheit!«
Diese Worte stehen in großen Lettern neben seinen Lebensdaten am
Eingang jenes Saales, und ich glaube, viel mehr muß ich über die
Triebkräfte der Vereinigung nicht sagen. Ein jeder von uns konnte in
seiner Familie oder im Bekanntenkreis erfahren, wie das damals war. Die
Feinde lügen, wenn sie diesen großen Aufbruch als »Zwangsvereinigung«
verunglimpfen. Er war getragen von einer Massenbewegung, die in schwerer
Zeit entschlossen die Tür zu einem neuen Kapitel der deutschen
Geschichte aufstieß. Meine Mutter, die Sozialdemokratin war –
Kommunisten gab es zu jener Zeit in meiner Familie noch nicht –, hat
mir diese Wahrheit vermittelt, und eingedenk dessen bin ich gegen solche
Verleumdungen immun.
Aber
wir wollen ruhig noch etwas verweilen bei der »Vereinigung auf den
Spitzen sowjetischer Bajonette«. Es wäre ja unsinnig zu bestreiten, daß
die sowjetische Militäradministration den Einigungsprozeß aktiv gefördert
hat. Wie hätte es denn auch sonst nach der bedingungslosen Kapitulation
Hitlerdeutschlands gehen sollen? Es gab damals keinen deutschen Staat.
Deshalb hieß es in dem berühmten »Befehl Nr. 2« des Obersten Chefs
der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland«, Marschall
Shukow, vom 10. Juni 1945 über die Zulassung antifaschistischer
Parteien und Massenorganisationen: »Am 5. Juni wurde im Namen der
Regierungen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, der
Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritanniens und Frankreichs die
Deklaration über die Niederlage Deutschlands und über die Übernahme
der höchsten Autorität auf dem ganzen Territorium Deutschlands durch
die Regierungen der benannten Länder veröffentlicht«. Und nun folgt
einige Absätze weiter: »Zu Vorstehendem befehle ich: (...) 4. Es wird
bestimmt, daß für die ganze Zeit des Besatzungsregimes die Tätigkeit
aller in Punkt 1 und Punkt 2 genannten Organisationen unter der
Kontrolle der Sowjetischen Militärverwaltung und entsprechend den von
ihr gegebenen Instruktionen vor sich gehen wird.«
Antibolschewistische
Propaganda
So
war es, und in den westlichen Besatzungszonen war es nicht anders. Jede
Besatzungsmacht förderte oder bremste – je nach ihrer klassenmäßigen
Orientierung – Entwicklungen, die sich in ihrer Zone abzeichneten. Und
je mehr die Antihitlerkoalition zu bröckeln begann, desto gegensätzlicher
wurde die Richtung der Einflußnahme. Ich erspare es mir, die einschlägigen
Fakten aufzuzählen. Sie sind nachzulesen. Lediglich ein Aspekt sei
hervorgehoben: Gerade in der britischen Zone. deren Militärbehörde
seit Mitte 1945 einer Labour-Regierung unterstand, wurden
Vereinigungsbestrebungen beider Arbeiterparteien rigide unterbunden.
Deshalb war es kein Zufall, daß Kurt Schumacher seine Zelte in
Hannover, in der britischen Zone, aufschlug und von dort aus alle Minen
springen ließ, um die Einheitsbewegung zu sabotieren.
Wir
dürfen der SPD in dieser Hinsicht nichts schenken. Denn sie muß sich,
wie alle Parteien, daran messen lassen, ob ihre Einschätzungen die Prüfungen
der Geschichte bestanden haben. Was war also die wirkliche Funktion
ihrer damaligen Losung vom »Sozialismus als Tagesaufgabe«? Was
bedeutete Schumachers Behauptung, die KPD beginne »als Partei von
Kapitalismus, Unternehmertum und Privateigentum zu schwärmen«, und es
bestehe unter »dem Gesichtspunkt deutscher Politik kein zwingender
Grund für ihre Weiterexistenz«? Wie haltbar war seine Behauptung, die
Kapitalistenklasse in Deutschland sei nach dem Kriegsende nur noch »ein
zerschlagener und zertrümmerter Haufen«, woraus ja wohl folgte, daß
man diesen »Haufen« nicht mehr ernsthaft bekämpfen müsse? Wie steht
die SPD dazu, daß Schumacher und die Seinen im Kampf gegen das
Zusammengehen mit den Kommunisten Töne anschlugen, die selbst die
SPD-Historikerin Susanne Miller dazu veranlaßten, verschämt
einzugestehen, daß diese »häufig als Ausdruck eines neuen
Nationalismus angesehen worden« seien und daß so von Anbeginn die
westdeutsche SPD auf eine Richtung festgelegt wurde, mit der sie nur im
Westen auf Unterstützung rechnen konnte?
Was
hieß das im Jahre 1945, angesichts der nachwirkenden Verseuchung
breiter Kreise des deutschen Volkes mit faschistischer Ideologie?
Schumacher scheute sich nicht einmal, den von den Nazis gezüchteten
Antibolschewismus zu nutzen. Wem diese Einschätzung zu grob erscheint,
den verweise ich auf den französischen Historiker Joseph Rovan und
seine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie«, in der aufgezeigt
wird, daß damals eine Klaviatur bespielt wurde, die – so wörtlich
– »in den Augen vieler Deutscher die antibolschewistische Propaganda
der Nazis zu bestätigen« schien.
Korrekterweise
verwies Rovan darauf, daß es zunächst auch noch in den westlichen
Besatzungsbehörden linke Intellektuelle gegeben habe, »die den Ideen
eines in der Volksfrontpolitik verkörperten Antifaschismus treu
geblieben waren. In ihren Augen wurde diese Politik in den ðnationalen
FrontenÐ fortgesetzt, hinter denen die Kommunisten standen.«
Zur
Ehre dieser Leute muß man sagen, daß sie sich zumeist völlig klar
waren über den Klassencharakter der faschistischen Diktatur. So haben
die amerikanischen Ermittler ihrem Bericht zur Vorbereitung eines
Prozesses gegen die Dresdner Bank einen Brief der Filialdirektion
Krefeld vom 17.9.1943 an das Vorstandsmitglied jener Bank, Dr. Karl
Rasche, vorangestellt. »Wir hören aus unserem Kundenkreis«, heißt es
dort, »einen kleinen scherzhaften, für sie aber sehr schmeichelhaften
Vers: Wer marschiert hinter dem ersten Tank?/Das ist der Dr. Rasche von
der Dresdner Bank! Dieser nette Vers wurde (...) soeben anläßlich
einer Unterhaltung (...) über unsere Affiliationen, die einen außergewöhnlichen
Umfang angenommen haben, mitgeteilt.«
Jene
Angehörigen der amerikanischen Militärbehörde waren meilenweit
entfernt von den Fälschern, die uns heute einreden wollen, der
Faschismus sei allein Produkt des vom Antisemitismus besessenen »Führers«
und einer Gefolgschaft wildgewordener Kleinbürger gewesen. Es sollte
allerdings nicht lange wären, bis jene linken Intellektuellen in ihre
Heimatländer zurückkommandiert wurden. Jetzt hatten nur noch harte
Antikommunisten das Sagen, wie jener Major, der bereits am 15. April.
1945 die Zechenvertreter der Gelsenkirchener Bergwerks-AG kurz und bündig
mit dem Satz abfertigte: »Revolution wird nicht geduldet!«
Schumacher
und seine Gesinnungsfreunde balancierten zu jener Zeit hart am Rande der
direkten Konfrontation mit den Beschlüssen der Siegermächte auf der
Potsdamer Konferenz über die restlose Vernichtung des Faschismus. Daß
sie dann in dem Maße, wie die Antihitlerkoalition unterging und der
Kalte Krieg heraufzog, wachsende Deckung aus dem Westen erhielten,
versteht sich.
Schließlich
konnte es sich Schumacher sogar leisten, die Kommunisten als »rotlackierte
Faschisten« zu diffamieren, ohne daß ihm dafür im Machtbereich der
Westmächte auf die Finger geklopft worden wäre. Daß sowjetische
Sicherheitsorgane da angesichts des »Kommissarbefehls« und der
systematischen Ausrottung ihrer Genossen durch die Faschisten, aber auch
angesichts der großen Opfer ihrer deutschen kommunistischen Genossen
mit Schumacher-Gesandten nicht eben glimpflich umgingen, ist angesichts
der Verhältnisse kurz nach dem Krieg nachvollziehbar.
Nun
ist die Wahrheit immer konkret: Es ist im Einzelfall abzuwägen, ob
Strafmaß und Haftbedingungen immer in einem angemessenen Verhältnis
zum unmittelbaren Anlaß der Festnahme gestanden haben. Es ist auch
nicht abzustreiten, daß es tragische Fälle zu Unrecht Beschuldigter
gegeben hat. Wenn uns aber heute jeder, der damals einsaß, als
unschuldiges »Opfer des Stalinismus« präsentiert wird, dann handelt
es sich um nichts anderes als um Geschichtsklitterung. Es sei daran
erinnert, daß zum Beispiel im Herbst 1945 in der amerikanischen Zone
jeder verhaftet wurde, dessen Titel auf -rat endete, also Landräte ,
Posträte, Schulräte, Amtsräte usw. Bis Ende 1946 waren es fast eine
viertel Million Menschen, über die von westlichen Besatzungsmächten
der sogenannte »automatische Arrest« verhängt wurde. Am 5. März 1946
beschlossen die Amerikaner für ihre Zone ein »Gesetz zur Befreiung von
Nationalsozialismus und Militarismus«, in dem administrativ festgelegt
wurde, »Hauptschuldige« seien für zwei bis zu zehn Jahre, »Belastete«
bis zu fünf Jahre in Arbeitslager einzuweisen.
Daß
die sowjetische Militäradministration in Fällen offenen
Antisowjetismus berechtigt war, zu repressiven Maßnahmen zu greifen,
kann nicht in Abrede gestellt werden. Oder glaubt jemand im Ernst, daß
die Engländer, Franzosen und Amerikaner es damals hingenommen hätten,
wenn eine deutsche Partei die Melodie der faschistischen Hetze gegen das
»perfide Albion«, das »vernegerte Frankreich« oder das »verjudete
plutokratische Amerika« gespielt hätte?
Wir
erleben jetzt wieder in unseren Tagen, daß Antikommunismus und
Antisowjetismus pausenlos über uns ausgegossen werden. Es ist und
bleibt wahr, daß dort, wo Hetze gegen die Kommunisten systematisch
betrieben wird, die imperialistische Reaktion ihr Haupt erhebt. Wer sich
dem beugt, der entscheidet sich für den Sumpf, und es gehört keine
prophetische Gabe dazu, vorherzusagen, daß er letztlich in diesem Sumpf
untergehen wird.
Da
ist es allerdings sehr bedenklich, wenn wir in einer an sich zu begrüßenden
Erklärung der Linkspartei gegen die Gleichsetzung von Faschismus und
Kommunismus in der berüchtigten Resolution der Parlamentarischen
Versammlung des Europarats einen solchen Satz finden: »Wir haben
gelernt, sensibel zu unterscheiden zwischen Antikommunismus und der
kritischen Auseinandersetzung und der darauf begründeten Ablehnung
kommunistischer und sozialistischer Auffassungen«.
Jubel
für Händedruck
Den
sechzigsten Jahrestag der Vereinigung von KPD und SPD zur SED zu begehen
heißt, klar herauszustellen: Damals wurde der Grund gelegt für den
Sieg des Sozialismus in der DDR, für alles, was wir völlig zu Recht
als Errungenschaften der neuen Gesellschaft hochhalten. Als bei der Eröffnung
des Parteitages im Admiralspalast Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl sich
unter dem Jubel der Delegierten die Hände reichten, symbolisierten sie
mit voller Absicht das Vermächtnis der hundertjährigen Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung. Es sei daran erinnert, daß Otto Grotewohl
in den Wochen zuvor das Parteiabzeichen der SED entworfen hatte. Es
setzte die verschlungenen Hände aus dem Signet der »Arbeiterverbrüderung«
von 1848 vor die rote Fahne der Arbeiterklasse, die im Juni 1832
erstmals Pariser Proletarier im Aufstand vorantrugen. Unter diesen
Symbolen haben wir gekämpft. Sie sind uns wert und teuer. (...)
Gesiegt
haben wir auf der Linie der »Grundsätze und Ziele der SED«, die der
Vereinigungsparteitag beschloß und die bis zum VI. Parteitag 1963 unser
Parteiprogramm waren. Dieses Dokument hat unseren Aufstieg geprägt.
Dabei war es in den Wochen vor der Vereinigung keineswegs unumstritten.
Daß manche Sozialdemokraten Einwände erhoben, weil der Sozialismus
realistisch als nur Schritt um Schritt zu erringendes Ziel und nicht als
»Tagesaufgabe« charakterisiert wurde, kann nicht verwundern. Aber es
gab auch Kommunisten, die damals Vorbehalte hatten. Es ging vor allem um
die Formulierung in den »Grundsätzen und Zielen«: »Die
Sozialistische Einheitspartei Deutschlands erstrebt den demokratischen
Weg zum Sozialismus; sie wird aber zu revolutionären Mitteln greifen,
wenn die kapitalistische Klasse den Boden der Demokratie verläßt.«
(...)
Die
»Grundsätze und Ziele« wurden 1963 und dann 1976 durch neue
Parteiprogramme abgelöst. 1946 umfaßte unser Programm knapp sieben
Druckseiten. Jetzt hatten die Programme den Umfang kleiner Bücher. Sie
waren vom Standpunkt weltanschaulicher Eindeutigkeit ohne Fehl und
Tadel. Dennoch möchte ich im Rückblick anmerken, daß wachsender
Umfang und klassenmäßige Schärfe der Formulierung sich offenbar nicht
in ein entsprechendes qualitatives Wachstum der Kampfkraft der Partei
umgesetzt haben. Das müssen wir angesichts unserer Niederlage
eingestehen. Und das sollten wir im Auge haben, wenn manche unserer
Genossen heute glauben, mit der Ausarbeitung besonders prinzipieller
programmatischer Dokumente sei das Wichtigste zur Wiederherstellung der
Kampfbereitschaft der Massen bereits vollbracht.
Zum
Programm von 1976, das ich selbstverständlich immer mit Leidenschaft
und Überzeugung vertreten habe, ist aus der Sicht der Erfahrungen der
Jahre 1989 und 1990 noch eine Anmerkung nötig. Die »Grundsätze und
Ziele« sowie das unter der Federführung Walter Ulbrichts entstandene
Programm von 1963 hatten der nationalen Frage – mit entsprechend der
Lage verändertem Zuschnitt – größte Aufmerksamkeit gewidmet. Beide
Programme waren geprägt von der Erkenntnis, daß die SED die Losung des
Kampfes um die nationale Einheit Deutschlands – natürlich auf
antiimperialistischer und in der Tendenz sozialistischer Grundlage –
nicht aufgeben durfte. Im Programm von 1976 hieß es dagegen: »In der
Deutschen Demokratischen Republik entwickelt sich die sozialistische
deutsche Nation. Ihre Wesenszüge prägt die Arbeiterklasse.«
Wir
müssen wohl konstatieren, daß dies eine programmatische Flucht nach
vorn war, die sich als nicht realistisch erwies. Natürlich gab es
damals sehr handfeste Gründe für diese programmatische Schwenkung.
Doch sie ergab sich weniger aus bereits errungenen Fortschritten, denn
aus dem Faktum, daß es der imperialistischen Bourgeoisie, die einst
Deutschland unter der Losung Adenauers »Besser das halbe Deutschland
ganz, als das ganze Deutschland halb!« gespalten hatte, zunehmend
gelungen war, die nationale Karte zu ihrem Trumpf zu machen. Wir lernen
daraus, daß Programme die Realität exakt erfassen und die Richtung der
Entwicklung richtig umschreiben müssen. Sie müssen aber auch elastisch
genug sein, um an den wirklichen Bewußtseinsstand der Menschen anzuknüpfen.
Um
es deutlich auszusprechen: Die Vereinigung von 1946 zu würdigen, kann
heute nicht bedeuten, nur die Siege, die daraus folgten, zu feiern. Wir
sind verpflichtet, zugleich die Ursachen der Niederlage aufzudecken. Dem
Jahr 1989 ging ein Niedergang der Kampfkraft der Partei voraus, der
schließlich zum Verlust der politischen Hegemonie geführt hat. Wir müssen
Position beziehen, zu allem, was gut und zu allem, was schlecht war. Die
Deutungshoheit über die Schwachstellen unserer Geschichte darf nicht
den Gegnern überlassen werden. Das ist in mancher Hinsicht schmerzhaft.
Zu
schlichte Erklärungsmuster sollten wir meiden. Ich will das an einem
Beispiel erläutern. Bei einem Vortrag mit anschließender Diskussion in
Dresden über die internationale Arbeiterklasse habe ich, was deren
quantitative Entwicklung betrifft, Zahlen verwendet, die von einer
Konferenz der Problemkommission für die multilaterale Zusammenarbeit
der Wissenschaftler der sozialistischen Länder in Moskau im Jahre 1972
zum Thema »Die Arbeiterklasse und der revolutionäre Weltprozeß«
stammen. Ein Genosse trat mir harsch entgegen, solche Zahlen dürften
schon deshalb nicht verwendet werden, weil 1972 ja bekanntlich der Höhepunkt
revisionistischer Verkommenheit gewesen sei.
Das
ist eine anfechtbare Behauptung, weil wir zu dieser Zeit drei Jahre vor
dem Sieg des vietnamesischen Volkes über die USA-Interventen standen.
Sie ist anfechtbar wegen der damaligen Hinwendung einer ganzen Reihe von
Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas zu verschiedenen Varianten
eines Entwicklungsweges mit sozialistischer Orientierung. Das alles wäre
ohne die aufopferungsvolle Hilfe der Sowjetunion und anderer
sozialistischer Länder unmöglich gewesen. Die These von der völligen
revisionistischen Versumpfung ist damit wohl kaum in Übereinstimmung zu
bringen.
Lösung
der Welträtsel
Doch
ich höre und lese so etwas jetzt öfter. Die Lösung der Welträtsel
klingt dabei ungefähr so: Beginnend mit der Anwerbung von Agenten aus
den Reihen der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg über
den von Allan Dulles in der Schweiz geführten Vorläufer der CIA und
namentlich seinen höchst erfolgreichen Agenten Noël Field seien
angesichts des voraussichtlichen Entstehens neuer sozialistischer
Staaten in Europa weitverzweigte imperialistische Agenturen zur
Zersetzung der revolutionären Bewegungen in diesen Ländern geschaffen
worden. Schlüsselfigur dabei sei Tito gewesen, mit dem wiederum
Chrustschow paktierte, von dem dann über Breshnew der direkte Weg zu
Gorbatschow führte. Damit sei die entscheidende Ursache für den
Untergang des Sozialismus in der Sowjetunion und den anderen
sozialistischen Staaten Europas aufgedeckt und eigentlich schon alles
geklärt. Bis zum März 1953 sei es unablässig aufwärts gegangen und
dann nur noch bergab ins revisionistische Desaster.
Um
nicht mißverstanden zu werden: Freilich waren imperialistische
Geheimdienste seit eh und je am Werk, um Einflußagenten zu werben und
aufzubauen. Es ist auch richtig, daß Spanien in den Jahren ab 1936
dabei ein besonderes Kampffeld gewesen ist. Natürlich haben diese
Dienste im Zweiten Weltkrieg und danach ihre konterrevolutionäre
Klassenlinie in konkrete Aktivitäten umgesetzt, und es ist ihnen dabei
auch gelungen, Agenten anzuwerben und Einbrüche zu erzielen. Wer das in
Frage stellt, redet einer höchst naiven Sicht auf den Kalten Krieg das
Wort. Nein, sie haben mit allen Mitteln gegen uns gekämpft und wir im
Umkehrschluß gegen sie, sie für ihre schlechte und wir für unsere
gute Sache. Es ist also völlig legitim, diese Fragen aufzuhellen, darüber
deutlich zu reden und zu schreiben.
Man
muß nur fragen, ob mit solchen meist keineswegs neuen Erkenntnissen die
komplexen Ursachen unseres Scheiterns hinlänglich aufgedeckt werden können.
Um nur einige Problemkreise zu nennen: Wie ist es zu erklären, daß in
der Sowjetunion und auch bei uns die Werktätigen ihr in Jahrzehnten
angespannter Arbeit geschaffenes sozialistisches Eigentum nicht
verteidigt haben, wenn ich einmal außer Betracht lasse, daß es bei uns
wenigstens bei den Bauern Ansätze der Verteidigung des
genossenschaftlichen Eigentums gab? Wie ist es zu erklären, daß die
Arbeiterklasse unseres Landes sich Ende 1989 widerstandslos entwaffnen
ließ? Wie kam es schließlich dazu, daß die
Betriebsparteiorganisationen, unser Stolz und unsere Bastionen in den
volkseigenen Betrieben, sich sang- und klanglos vertreiben ließen, und
wie war es möglich, daß ohne Stürme des Protestes das Vermögen des
Volkes nicht nur enteignet, sondern dem westdeutschen Kapital gewissermaßen
auf dem Tablett herübergereicht wurde? Warum erwies sich das Eigentümerbewußtsein
der Kapitalisten und des Kleinbürgertums nach Jahrzehnten
sozialistischer Entwicklung als stärker im Vergleich zum Bewußtsein
sozialistischer Eigentümer, das wir doch stets beschworen haben? Man
sollte auch darüber nachdenken, warum der Widerstand in Jugoslawien
vergleichsweise heftiger gewesen ist, wenn doch – wie gesagt wird –
dieses Land seit den Zeiten des Partisanenkrieges von einer
Agentenclique mit einem »Marschall der Verräter« an der Spitze geführt
worden sein soll, die angeblich kein anderes Ziel hatte als die
Vernichtung des Sozialismus.
Und
vor allem: Wie verhielt es sich mit der Arbeitsproduktivität? Wir
wissen doch, daß Lenin die höhere Produktivität der Arbeit das
letztlich für den Sieg des Sozialismus entscheidende Kriterium genannt
hat. Wir müssen also allseitig analysieren, warum und ab wann es dem
Sozialismus nicht mehr gelang, aufzuholen, um auf diesem entscheidenden
Feld in die Vorhand zu kommen.
Ich
will es dabei belassen, weil schon diese Aufreihung verdeutlicht, was
auf theoretischem Gebiet zu leisten ist, damit wir über solide
Grundlagen für das Ringen um den gesellschaftlichen Fortschritt im 21.
Jahrhundert verfügen. Angesichts einschneidend veränderter Bedingungen
kommt es darauf an, daß wir uns so auf die Höhe von Marx und Lenin
begeben, wie sich Lenin seinerzeit auf die Höhe von Marx erhob. Von
diesem Ziel sind wir noch ein gehöriges Stück entfernt. Hier helfen
uns eingeschränkte Sichtweisen wenig. Es war schon immer ein Irrtum zu
glauben, einäugig beherrsche man das räumliche Sehen besser.
*
Der zweite Teil der Rede folgt in der morgigen Ausgabe
Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2006/05-08/001.php
(c)
Junge Welt 2006
http://www.jungewelt.de
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Hartnäckige
Tatsachen
Rede
anläßlich des 60. Jahrestages der Gründung der SED (Teil II und Schluß)
Von
Götz Dieckmann
Quelle:
jungeWelt vom
9. Mai 2006
Wir
dokumentieren, leicht gekürzt, die Ansprache die der Historiker und
stellvertretende Vorsitzende des RotFuchs-Fördervereins e.V. Professor
Götz Dieckmann am 22. April auf einer festlichen Veranstaltung in
Berlin gehalten hat. Dieckmann lehrte von 1968 bis 1990 an der
Parteihochschule Karl Marx in Berlin und war von 1989 bis 1990 deren
letzter Präsident. Zu der Veranstaltung, die unter dem Motto »Wie die
Arbeitereinheit vollzogen wurde« stand, luden neben der Monatsschrift
RotFuchs und der Tageszeitung junge Welt verschiedene Organisationen aus
DKP und Linkspartei.PDS sowie die KPD ein.
Angesichts
unserer jetzigen Lage sollten wir beherzigen, was Friedrich Engels
vereinfachenden Deutern der Niederlage der Revolution von 1848 ins
Stammbuch geschrieben hat. Gleich zu Beginn seines Werks »Revolution
und Konterrevolution in Deutschland« heißt es: »Eine schwerere
Niederlage als die, welche die Revolutionspartei – oder besser die
Revolutionsparteien – auf dem Kontinent an allen Punkten der
Kampflinie erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was will das besagen?
... Sind wir also einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun,
als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrscheinlich nur sehr kurze
Zeit, die uns zwischen dem Schluß des ersten und dem Anfang des zweiten
Aktes der Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück die Zeit für ein
sehr notwendiges Stück Arbeit: für die Untersuchung der Ursachen, die
unweigerlich sowohl zu der letzten Erhebung wie zu ihrem Mißlingen führten;
Ursachen, die nicht in den zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern,
Irrtümern und Verrätereien einiger Führer zu suchen sind, sondern in
dem allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und den Lebensbedingungen
einer jeden, von Erschütterungen betroffenen Nation. ... wenn man aber
nach den Ursachen der Konterrevolution forscht, so erhält man von allen
Seiten die bequeme Antwort, Herr X oder Bürger Y habe das Volk
›verraten‹. Diese Antwort mag zutreffen oder auch nicht, je nach den
Umständen, aber unter keinen Umständen erklärt sie auch nur das
Geringste, ja sie macht nicht einmal verständlich, wie es kam, daß das
›Volk‹ sich derart verraten ließ. Und wie jämmerlich sind die
Aussichten einer politischen Partei, deren ganzes politisches Inventar
in der Kenntnis der einen Tatsache besteht, daß dem Bürger Soundso
nicht zu trauen ist.«
Und
Engels fügte hinzu, es gehe darum, »vernunftgemäße, auf unleugbaren
Fakten beruhende Ursachen zu finden, die die wichtigsten Ereignisse, die
entscheidenden Wendepunkte jener Bewegung erklären und uns Aufschluß
über die Richtung geben, in die der nächste, vielleicht gar nicht so
ferne Ausbruch das deutsche Volk lenken wird«.
Historische
Lehren
Das
historische Ereignis, dessentwegen wir uns heute hier getroffen haben,
ist so wichtig, weil gerade die deutsche Arbeiterbewegung über einen
unvergleichlichen Reichtum an Erfahrungen sowohl mit Spaltungen als auch
Vereinigungen verfügt. Wir können daraus aktuelle Schlüsse für unser
Ringen um die Wiederherstellung der Kampffähigkeit ziehen: Der Bund der
Kommunisten, die Wiege der deutschen und der internationalen
Arbeiterbewegung, wurde 1852 auf Antrag von Karl Marx nicht etwa deshalb
aufgelöst, weil sich unter seinen Mitgliedern Leute befanden, die in
der Folge zum Klassenfeind überliefen. Solche gab es. Einige von ihnen
saßen später im Reichstag, aber nicht bei den Sozialdemokraten,
sondern rechts: Johannes Miquel, Mitbegründer des Deutschen
Nationalvereins, hat es über die Oberbürgermeisterposten der Städte
Osnabrück und Frankfurt am Main zum preußischen Finanzminister und führenden
Vertreter der Disconto-Gesellschaft gebracht. Er gehörte zu denen, die
das Sozialistengesetz beschlossen. Karl Wallau, der sogar Mitglied der
Zentralbehörde des Kommunistenbundes war, ging später zu den Liberalen
und wurde Oberbürgermeister von Mainz. Herrmann Becker, genannt der »rote
Becker«, war einer der Hauptangeklagten im Kölner Kommunistenprozeß.
Er endete als Mitglied der Nationalliberalen Partei und Oberbürgermeister
von Dortmund und Köln. Heinrich Bürgers, schon 1847 im Brüsseler
Kommunistischen Korrespondenzkomitee ein enger Mitstreiter von Marx und
Engels, später Mitglied der Zentralbehörde des Bundes, war gar zu
sechs Jahren Festung verurteilt. Am Ende saß er für die Deutsche
Fortschrittspartei im Reichstag.
Auch
Lothar Bucher will ich erwähnen, zwar kein Mitglied des Bundes der
Kommunisten, aber in der Londoner Emigration ein guter Bekannter von
Marx. Er war ab 1864 engster Mitarbeiter Bismarcks. Bucher hat in dessen
Auftrag 1865 Karl Marx, dem es damals sehr schlecht ging, das Angebot
unterbreitet, er solle in London ökonomischer Kolumnist für den Königlich
Preußischen Staats-Anzeiger werden, mit der Zusicherung, daß seine
Artikel gut honoriert und nicht zensiert würden. Wenn wir schließlich
noch erwägen, daß in den fünfziger Jahren der äußerst reaktionäre
preußische Innenminister Otto Wilhelm von Westfalen hieß und der
Schwager von Karl Marx war, dann wären damit wohl jenen, die Geschichte
auf Verschwörungen zurückführen, alle nur denkbaren Vorlagen
geliefert. Aber es ist eben nicht entscheidend, wer wann mit wem gefrühstückt
hat oder sich in einem Treppenhaus begegnete. Das kann natürlich sehr
spannend sein. Aber als Erklärung für Aufstieg oder Niedergang der
Arbeiterbewegung vermittelt es uns wenig.
Der
Bund der Kommunisten löste sich auf, weil die – wie wir heute sagen würden
– »ultralinke« Willich-Schapper-Fraktion ihn auf eine
voluntaristische Linie festzulegen drohte. Vor allem aber löste er sich
auf, wie auch später die I. Internationale nach der Auseinandersetzung
mit den anarchistischen Bakunisten, weil die Kampfbedingungen sich so
einschneidend verändert hatten, daß die historischen Möglichkeiten
beider Organisationen sich erschöpften.
Wichtig
sind die Lehren der Vereinigung von Lassalleanern und Eisenachern. Als
sie sich 1875 infolge der Aktionseinheit und des rasant gewachsenen
Einheitswillens zusammenschlossen, nahmen sie ein theoretisch falsches
Programm an. Wir alle kennen die berühmte Kritik von Marx am Gothaer
Programm, und es ist uns bewußt, daß sie für jedes marxistische
Parteiprogramm grundlegend ist. Auf die Hauptpunkte dieser Kritik muß
ich in diesem Kreis nicht eingehen. Festhalten will ich aber, daß die
deutsche Sozialdemokratie trotz dieses falschen Programms sich zur stärksten
revolutionären Arbeiterpartei im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
entwickelte und zu Recht an der Spitze der internationalen
Arbeiterbewegung stand. Das dann folgende Erfurter Programm von 1891,
dem Lenin marxistische Prinzipientreue bescheinigte, hat nicht den
Zusammenbruch von 1914 verhindert. Um wiederum Mißverständnissen
vorzubeugen: Parteiprogramme sind von großem Gewicht. Aber Programme an
sich kämpfen nicht. Es sind immer Menschen, die von programmatisch gefaßten
Ideen erfüllt, tatkräftig in die Speichen der geschichtlichen Bewegung
greifen.
Prinzipienfragen
Nach
dem Übertritt der rechten SPD-Führer auf die Positionen der
imperialistischen Bourgeoisie zu Beginn des Ersten Weltkrieges mußten
die Linken sich abspalten. Sie haben das eher zu spät als zu früh
getan. Als dann im Feuer der Novemberrevolution die KPD entstand, war
sie noch keine Massenpartei, und die Delegierten des Gründungsparteitages
überstimmten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die sich für die
Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung einsetzten. Dieser
Boykottbeschluß zeugte zwar von Klarheit hinsichtlich des Wesens und
der Begrenztheit des bürgerlichen Parlamentarismus, aber er war
eindeutig falsch. Es ist immer falsch anzunehmen, die Massen hätten
bereits die Erkenntnisse der Vorhut verinnerlicht, nur deshalb, weil die
Vorhut das so sehnlichst wünscht. Sowohl Clara Zetkin als auch Ernst Thälmann
sind deshalb zunächst Mitglieder der USPD geblieben, weil sie
erkannten, daß der Weg zur revolutionären Massenpartei nur erfolgreich
beschritten werden konnte, wenn die Mehrheit der 1919 noch der USPD
angehörenden klassenbewußten Arbeiter sich mit der KPD vereinigen würde,
was im Jahr darauf dann geschah.
Es
sei auch erwähnt, daß 1931 eine nicht unbeträchtliche Zahl
marxistisch gebildeter SPD-Mitglieder, guter und aufrichtiger Genossen,
erst zur KPD wechselte, nachdem Fritz Tarnow in Leipzig seine schändliche
Rede vom »Arzt am Krankenbett des Kapitalismus« gehalten hatte. Sie
hatten bis dahin gemeint, sie müßten der »alten Mutter SPD« die
Treue halten. Es ist nicht angebracht, ein solches Gefühl der
Treuepflicht gegenüber einer Partei, der man seit langem angehört,
geringzuschätzen.
Ziehen
wir deshalb einen Schluß hinsichtlich des Verhältnisses von
prinzipieller Auseinandersetzung um programmatische Fragen einerseits
und des Kampfes um die Formierung einer revolutionären Massenbewegung
andererseits: Es kommt nicht nur darauf an, recht zu haben. Es kommt
darauf an, einer großen Zahl von Menschen anhand ihrer eigenen
lebendigen Erfahrungen Klarheit über die zwingenden Erfordernisse des
Kampfes zu vermitteln und so Schritt um Schritt zu erreichen, daß dem
Kapital erfolgreich Paroli geboten wird. Geduld kann sich in dieser
Hinsicht als eine revolutionäre Eigenschaft erweisen.
Die
Praxis ist das Kriterium der Wahrheit und die Geschichte ist der
Richter. Es ist also geboten, die programmatischen Festlegungen an den
Ergebnissen zu messen, die sie zeitigten. Schon ein Jahrzehnt nach dem
Vereinigungsparteitag lagen die Dinge klar: Im Osten Deutschlands ist
die Schlacht auf der Linie der »Grundsätze und Ziele« für den
Sozialismus entschieden. Die Deutsche Demokratische Republik feiert
ihren 7. Jahrestag. Die Völker beginnen zur Kenntnis zu nehmen, daß
ein Staat die Bühne der Geschichte betreten hat, der sich offenbar von
jenen deutschen Staaten unterscheidet, deren Vertreter, meist in
Uniform, sie seit Kaiser Wilhelms Zeiten in noch so frischer und so
schrecklicher Erinnerung haben. Etwas Unerhörtes: ein deutscher »Linksstaat«
ist entstanden. Und dieser Staat ist sichtlich dem proletarischen
Internationalismus verpflichtet. Die DDR ist ein Land der Solidarität
im Inneren, wie nach außen, und es sind nicht etwa Brosamen, die von
den noch keineswegs reich gedeckten Tischen fallen. Die Völker
Griechenlands, Koreas, Vietnams, Chiles, Moçambiques, Angolas und viele
a das und bewahren es in ihren Herzen.
Wessen
Streitkräfte?
Auch
eine neue deutsche Armee ist dort im Osten im Werden, eine Armee, die,
solange es sie geben wird, nur einen Auftrag hat: alles zu tun, damit
von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht. In dieser unserer
Nationalen Volksarmee habe ich als Freiwilliger gedient. Dafür wird
mir, wie den meisten von euch, heute von der Bundesrepublik bescheinigt,
ich hätte »Dienst in fremden Streitkräften« geleistet. Das kann man
als Beleidigung auffassen, muß man aber nicht. Solange uns ein Bild von
»deutscher Soldatenehre« präsentiert wird, in dessen Tradition solche
»eigenen« Streitkräfte wie die Wehrmacht und selbst die Divisionen
der Waffen-SS stehen, werde ich immer klarstellen: Meine Ehre und meine
Traditionen sind nicht die euren! Ich will nicht von Leuten herablassend
als »Kamerad« angesprochen werden, deren Wehrmachtsvorbilder erklärten,
der Russe sei weder vorher noch nachher ein Kamerad, sondern ein
Untermensch. Auf das Konto der Wehrmacht gehen die mehr als zwei
Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die planmäßig durch Hunger
umgebracht wurden. Und schon gar nicht möchte ich in die Nähe jener
gerückt werden, die als Angehörige der lettischen Waffen-SS Juden und
Kommunisten abschlachteten und die sich heute jährlich in Riga zum
Appell treffen, nicht ohne sich in aller Öffentlichkeit bei der
Regierung der Bundesrepublik Deutschland für die pünktliche Zahlung
der Renten für ihre Dienstzeit in diesen »eigenen deutschen Streitkräften«
zu bedanken. Nein, solange das so ist, bin ich mit dem Vermerk hinter
meinem Namen: »Gedient in fremden Streitkräften« einverstanden.
Im
Westen mußten zehn Jahre nach den Ereignissen, über die wir heute
sprechen, jene, die unter der Losung vom »Sozialismus als Tagesaufgabe«
angetreten waren, konstatieren, nichts anderes erreicht zu haben, als
die völlige Restauration der Macht des deutschen Monopolkapitals. Die
Nazirichter sitzen auf ihren Stühlen. FDJ und Kommunistische Partei
Deutschlands sind verboten. Die Bestien der Gestapo gelten als gefragte
Fachleute der Kriminalpolizei, Nazigeneräle befehligen die Bundeswehr,
und der gesamte Beamtenapparat vom Auswärtigen Amt bis zu den Kommunen
ist mit »bewährten Kräften« aus der Zeit vor 1945 bestückt. Vor
allem aber haben jene Konzernherren und »Wehrwirtschaftsführer«, die
auch die Westmächte kurz nach dem Krieg als Kriegsschuldige
abzuurteilen beabsichtigten, nun mit deren Billigung längst wieder ihre
Werke in Besitz genommen und ihre Plätze in den Vorständen und
Aufsichtsräten inne. Die BRD gehört zur NATO und der Weg der SPD zum
Godesberger Programm und schließlich zur völligen Aufgabe jedes
sozialistischen Ziels ist freigeschossen. Ein »Rechtsstaat« also in
des Wortes buchstäblicher Bedeutung, wie gehabt.
Notwendige
Bilanz
Im
Lichte dieser Erfahrungen ist es erlaubt, mehr als anderthalb Jahrzehnte
nach den Ereignissen von 1989 auch die programmatischen Grundlagen vor
den Richterstuhl der Geschichte zu bitten, unter denen die PDS
seinerzeit angetreten ist. Wie wurde der »demokratische Sozialismus«
definiert? Haben sich die Absagen an den Klassencharakter der Partei und
des Staates, an die Revolution, die Aufgabe des Volkseigentums, und die
Aufnahme Bernsteins und des späten Kautsky in die Reihe der
theoretischen Ahnen ausgezahlt?
Man
durfte doch erwarten, daß nach zehn oder fünfzehn Jahren diesbezüglich
Bilanz gezogen wird, um festzustellen, was sich bewährte und was zu
verwerfen sei. Nicht nur die Mitglieder der PDS, sondern auch ihre viel
zahlreicheren Wähler haben ein Recht, das zu erfahren, um zu sehen,
wohin die Reise gehen soll. Die Führung der PDS hat sich vor einer
solchen Inventur gedrückt. Wenigstens hat Michael Brie das heikle
Problem benannt. Da es sehr selten ist, daß ich mit ihm übereinstimme,
möchte ich ihn zitieren: »Die Utopie des demokratischen Sozialismus
erwies sich in der Stunde der Wahrheit als ›leer‹: Sie hatte keinen
institutionellen Kern. Ihr lagen keine tragfähigen und nachhaltigen
Vorstellungen über die zu schaffenden neuen Verhältnisse, die den
Staatsparteisozialismus ablösen sollten, zugrunde, soweit sie über die
von Marktwirtschaft und parlamentarischer Demokratie hinausgehen oder zu
diesen alternativ sein sollten. Zugleich konnte sie auch keinen neuen
›historischen Block‹ konstituieren. Weder war sie mit der Vision
einer dem Kapitalismus überlegenen Produktivität noch mit einer tragfähigen
alternativen Interessenkoalition verbunden. Die Vision verlor deshalb
ihre Ausstrahlungskraft in gleichem Maße, wie die Zerstörung des
Staatsparteisozialismus voranschritt.«
Stoßen
wir uns einmal nicht an der Formulierung »Staatsparteisozialismus«.
Denn in der Sache ist hier etwas Richtiges ausgesprochen. Wir wollen
deshalb den sich als »Utopie« oder »Vision« verkleidenden und so
immer weniger greifbaren »demokratischen Sozialismus« nach seinem Kern
befragen. Das ist nicht so einfach, denn es herrscht bei seinen
Protagonisten eine absichtsvolle Scheu, sich festzulegen. Doch auf dem
Dezemberparteitag 1989, dem Gründungsakt der PDS, hat Dieter Klein eine
Definition geliefert, an die wir uns halten können: »Es geht nicht so«,
führte er aus, »wie wir früher dachten, daß immer mehr Länder vom
Kapitalismus vermittels einer explosiven Revolution in das Lager des
Sozialismus hinüber zu wechseln haben, weil das der objektive
Geschichtsverlauf so vorsieht, sondern bei Strafe des Untergangs muß in
den Ländern des Kapitals ein tiefgreifender Reformprozeß die neue
Entwicklungslogik der Menschheit durchsetzen, ein Reformprozeß, der so
fundamental den Profit als Maß aller Dinge zurückdrängen wird, daß
sich als Fortschrittsrichtung die neue Entwicklungslogik der Menschheit
auch dort durchsetzen muß: demokratischer Sozialismus, ein anderer Weg
als der, der vom Profit diktiert wird.«
Hier
ist alles vereint: Die Absage an historische Gesetzmäßigkeiten, die
Leugnung des Klassenkampfes, die Absage an die Revolution, die Hoffnung
auf »Einsicht« des Monopolkapitals, seinen Verzicht auf Profit sowie
sein »Umschwenken« auf einen doch soviel weniger konfliktreichen Weg
der Reformen. Dieter Kleins Definition entsprang nun keineswegs etwa nur
der trüben Quelle von Gorbatschows »Umgestaltung und neues Denken für
unser Land und für die ganze Welt« aus dem Jahre 1987, wie man
vielleicht meinen könnte. Ich erinnerte mich damals sofort an ein Forum
der FDJ der Historiker der Humboldt-Universität Anfang 1965, zu dem ich
Klein und seinen Mitstreiter Wagner eingeladen hatte und dessen Thema
lautete: »Möglichkeiten und Grenzen des staatsmonopolistischen
Kapitalismus«. Dieter Klein hat damals ausgeführt, der zeitgenössische
Kapitalismus sei ein »kybernetisches System, in dem andere Regulatoren
zur Herstellung des Gleichgewichts eingebaut sind als die Krisen«. Es
sei falsch, von einem deformierten Krisenzyklus zu sprechen; es gebe überhaupt
keinen Zyklus mehr.
Diese
der Ideenwelt Kautskys und seiner Theorie vom »Ultraimperialismus«
entlehnte Weisheit ist 1989 zu einer der theoretischen Grundlagen des »demokratischen
Sozialismus« erhoben worden.
Mehr
als anderthalb Jahrzehnte später kann jeder erkennen, was daraus
geworden ist. Man sollte die Herren Hundt, Ackermann und wie sie alle
heißen einmal befragen, ob sie die Botschaft inzwischen erreicht hat,
daß sie sich von der »Profitlogik« abkehren müßten. Diese Herren
werden sich vor Lachen die Bäuche halten. Sie werden die große
Botschaft unseres Zivilisationstheoretikers für schlichten Blödsinn
erklären, und zwar nicht einmal für »höheren«, sondern für einen
im tiefsten Flachland angesiedelten Blödsinn. Es würde einem
schwerfallen, ihnen diesbezüglich zu widersprechen.
Ein
Bilanzstrich muß gezogen werden. (...) So oder so! Die Alternativen
lauten: Verklärung des nur leicht mit Reformistenöl gesalbten
Kapitalismus oder Formierung der Kräfte zum Kampf gegen das Großkapital
mit dem Ziel einer sozialistischen Gesellschaft. Bei letzterem reicht es
natürlich nicht, sich nur über das Endziel zu verständigen. Es
bedurfte immer ebenso der Minimalprogramme zur Verwirklichung von
Teilschritten noch auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung.
Teilschritte sind aber stets daran zu orientieren, mehr Menschen zu größerer
Klarheit über die Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus zu
verhelfen.
Das
Monopolkapital ist zu sozialen Zugeständnissen nur im Zustand der
Furcht vor der Arbeiterbewegung bereit. Selbst was im »rheinischen
Kapitalismus« oder der vielgerühmten »sozialen Marktwirtschaft« dem
Kapital abgerungen wurde, war wesentlich der Existenz des Sozialismus
und dieser Furcht geschuldet. Natürlich ist alles zu verteidigen, was
die soziale Lage der Werktätigen verbesserte. Wir sehen, was zu tun
ist. Wir müssen uns mit dem Abwehrkampf der Gewerkschaften
solidarisieren. Da darf es kein Schwanken geben, auch wenn man weiß, daß
die Grundideen der Konzeption der »sozialen Marktwirtschaft« einst
unter dem Patronat eines Massenmörders als Mittel des Kampfes gegen
eine »Bolschewisierung Europas« angesichts der unabwendbaren
Niederlage Hitlerdeutschlands erdacht wurden. Der Beschützer Ludwig
Erhards ab Herbst 1944 hieß Otto Ohlendorf, war SS-Obergruppenführer
und Chef des SD-Inland. Da er im Krieg eine der berüchtigten »Einsatzgruppen«
befehligt hatte, haben die Amerikaner ihn als Kriegsverbrecher gehenkt.
Eingangs
habe ich gesagt, daß es Ereignisse von so herausragender Bedeutung in
der Geschichte gibt, daß sie Leuchttürme ganzer Epochen sind. Als die
Bourgeoisie noch eine fortschrittliche Klasse war, galt das
unzweifelhaft für die Französische Revolution von 1789 bis 1793. Seit
1917 ist der Orientierungspunkt, an dem sich nach wie vor die Geister
scheiden, die Große Sozialistische Oktoberrevolution. Was unsere
deutsche Geschichte betrifft, hat das Ereignis, dessen wir heute
gedenken, einen ähnlichen Rang. Es gilt: »Sage mir, wie du zur
revolutionären Einheit der Arbeiterklasse stehst, und ich sage dir, wer
du bist!« Das hilft, im oft unübersichtlichen Gewimmel der
Tagesauseinandersetzungen die Orientierung zu behalten.
Die
Vereinigung von 1946 war die Mutter unserer Siege. Daraus folgt: Nicht
immer erweisen sich erst die späteren Schlachten auf dem langen Marsch
der Emanzipation der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten als die
entscheidenden. Wer angesichts unserer Niederlage nur darauf setzt, die
Enkel würden es einmal besser ausfechten, der darf sich zwar rühmen,
auf die Zukunft zu bauen. Aber angesichts dessen, was heute zu tun ist,
ist das zu wenig.
Geschlagen,
aber nicht geflohen
In
den neunziger Jahren war fast nichts anderes zu hören, als das
Triumphgeschrei der Kapitalisten, nie wieder könnten der Marxismus, die
Sozialisten und Kommunisten, ihr Haupt erheben. Warum – so muß man
fragen – beschließen sie dann heute so wutentbrannte Resolutionen zur
Verdammung des Kommunismus? Warum nimmt das Europäische Parlament eine
die kubanische Revolution verunglimpfende Erklärung an, der schändlicherweise
auch noch Abgeordnete der PDS zustimmen? Warum werden wir in kurzen Abständen
mit immer neuen Hetzkampagnen überzogen, wenn wir doch angeblich
erledigt sind?
Wir
wurden geschlagen, aber wir sind nicht geflohen. Das ist wohl einer der
Gründe, warum das oberste Gericht der BRD den Neofaschisten
bescheinigte, es sei ihnen erlaubt, unter der Parole »Ruhm und Ehre der
Waffen-SS« zu demonstrieren, mit der schlimmen »Begründung,« es
handele sich dabei ja nicht um einen Slogan, den die SS oder eine andere
»Gliederung der NSDAP« damals verwandt hätten. Die Nazis werden
offenbar noch gebraucht. Es deutet einiges darauf hin, daß die Klügeren
unter unseren Oberen damit rechnen, der Deckel könne irgendwann
hochgehen. Sie fürchten, William Shakespeares Satz werde sich an ihnen
bewahrheiten:
»Nun
treffen fremde Macht und heim'scher Unmut
Auf
einen Punkt, und die Verheerung wartet,
So
wie der Rab' auf ein erkranktes Vieh,
Auf
nahen Fall des abgerungnen Prunks.«
(»King
John«, Vierter Aufzug, Dritte Szene)
So
erkennen wir den Maßstab unserer Verantwortung. Wir sind geschwächt,
wer dürfte das leugnen? Aber nichts ist hartnäckiger als Tatsachen.
Ihnen kann auch der Gegner nicht ausweichen. Wenn Ideologen der
Kapitalistenklasse nicht gerade salbungsvolle Sonntagsreden halten,
sprechen sie hier und da schon zur Sache. Zur Sache heißt, daß sie
darauf verweisen, die Verwertungsgesetze des Kapitals zwängen sie nun
einmal zur Verschärfung der Ausbeutung, also des Klassenkampfes von
oben, da sie nicht im Strudel der Gobalisierung untergehen wollten. Mehr
noch: Sie stünden vor dem Problem, daß ein rasch wachsender Teil der
Bevölkerung schon heute weder als Produzent gebraucht, noch – mangels
Kaufkraft – als Konsument von Nutzen sei. Solche Leute seien überflüssig.
Mehr noch, sie seien unter dem Gesichtspunkt der realen Zwänge des
Wirtschaftens, wenn man sie alimentieren müsse, sogar schädliche
Kapitalvernichter.
Vom
Monopolistenstandpunkt aus betrachtet, darf eine solche Sicht
realistisch genannt werden. Aus unserer Sicht bedeutet das: Die sich
steigernde Unmenschlichkeit des Kapitalismus, die sich in
handgreiflichen Tatsachen manifestiert, wird die heute weit verbreiteten
sozialreformistischen Illusionen zerstören. Das können und müssen wir
durch Aufklärung beschleunigen; ursächlich leistet aber diese Arbeit
das Kapital selbst. So ist die Lage. Seien wir uns immer dessen bewußt:
Die Wahrheit marschiert in unseren Reihen und nicht auf seiten des
Gegners. Deshalb laßt uns das Notwendige tun. Laßt uns um die Einigung
ringen. Laßt uns in dieser Richtung vorwärtsgehen mit Augenmaß und
Beharrlichkeit.
Was
unseren Widerpart betrifft, sind wir nicht verpflichtet, über jeden
Stock zu springen, der uns hingehalten wird. Oft ist mit souveräner
Verachtung oder auch mit Heiterkeit dem Gegner besser beizukommen. Kämpfen
soll doch auch Spaß machen!
Teil
I erschien in der gestrigen Ausgabe
Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2006/05-09/014.php
(c)
Junge Welt 2006
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