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Das war keine Romantik

Buchenwald am 11. April 1945 – Selbstbefreiung oder kommunistische Mär? Die Überlebenden des Konzentrationslagers führen keinen Vokabelstreit, sondern kämpfen um ihre Würde

Hans Daniel

Quelle: jungeWelt vom 09.04.2005

(Siehe auch jW-Interview mit Otto Grube)

Eine Festveranstaltung im Weimarer Nationaltheater bildet am Sonntag den Auftakt zum offiziellen Gedenken an den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Der Kanzler wird eine Rede halten, auch der Vorsitzende des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, Romani Rose, ist nun, nach erfolgreichen Protesten gegen seine ursprünglich geplante Ausgrenzung, auf die Rednerliste gesetzt worden. Überlebende des faschistischen Terrors werden zu Gast sein – hier und am Nachmittag bei der Gedenkveranstaltung des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora auf dem Appellplatz des ehemaligen Konzentrationslagers. Da allerdings wird der Titel der Gedenkstunde anderes klingen: Es wird des 60. Jahrestages der Selbstbefreiung des Lagers durch die Häftlinge gedacht werden.

Delegitimierung der DDR

Die überlebenden Häftlinge und ihre Organisationen führen keinen Streit um Vokabeln, wenn sie auf der Anerkennung der Selbstbefreiung bestehen. Es geht um ihre Würde, um den ihnen verweigerten Respekt, wenn ihre Tat in den Apriltagen des Jahres 1945 geleugnet und geschmäht wird. Der größten Mahn- und Gedenkstätte der DDR auf dem Ettersberg bei Weimar hat nach der sogenannten Wende die ganz besondere Aufmerksamkeit derjenigen gegolten, die sich im Zuge der Niedermachung der DDR nachdrücklich der Delegitimierung des Antifaschismus dieses Staates annahmen. Eine Waffe zur Diskreditierung des kommunistischen Widerstandes sollten die »Roten Kapos« sein. Eine andere, die auch in diesen Tagen wieder anzutreffende systematische Infragestellung des großen Anteils der geschundenen Häftlinge an der Befreiung des Lagers durch den bewaffneten Aufstand am 11. April 1945. Vom »Mythos der Selbstbefreiung« wurde eben wieder in der ARD-Reihe »Befreiung« gesprochen. Von »Legende« und der »Mär der Selbstbefreiung« ist die Rede und im Deutschen Historischen Museum von »der Geschichte um die sogenannte Selbstbefreiung« als »einer der Gründungsmythen«. Der Historiker Manfred Oversch bezeichnete die Selbstbefreiung nicht nur als »Legende«, er verhöhnte die Vorbereitungen zum Aufstand auch noch als »Pfadfinderromantik«. Sein Kollege Lutz Niethammer, einer der Väter der »Roten Kapos«, relativiert und fand die Formel, daß »die Selbstbefreiung erst begann, als die Amerikaner in der Nähe waren«.

»Um nicht zu verrecken«

Keine Frage, daß die anrückenden amerikanischen Truppen den Aufstand der Häftlinge zeitlich begünstigt haben. Tatsache ist aber auch, was amerikanische Aufklärer am 12. April an das Hauptquartier der 4. Gepanzerten Division der Patton-Armee in dem »G-2 Journal« berichteten: »... Vor unserer Ankunft waren die Wachtürme erobert und 125 SS-Männer gefangen genommen worden, die noch im Gewahrsam des Lagers sind. Die Leitung des Lagers befindet sich in der Hand eines gut organisierten Komitees, das alle im Lager vorhandenen Nationalitäten umfaßt.«

»Es war nicht Verdun oder Stalingrad« sagte Pierre Durand, der langjährige Präsident des Internationalen Buchenwald-Komitees, einmal bei der Darlegung der Beweggründe des ja in der Tat waghalsigen Aufstandes. »Das war keine Romantik. Wir taten das, um nicht zu verrecken.« Der spanische Schriftsteller Jorge Semprum beharrt bei aller Distanz, die er mittlerweile zu seiner kommunistischen Geschichte einnimmt, nachdrücklich auf der »vor allem politischen und moralischen Bedeutung« der von ihm nur als »Selbstbefreiung« bezeichneten Aktion vom 11. April 1945. »Das Wichtigste war, wenn auch nur für wenige Stunden, aus der Fatalität der Knechtschaft und der Unterwerfung auszubrechen«. An diesem Tag, so Semprum bei Betonung des herausragenden Anteils deutscher Kommunisten, ist es nicht um Macht, sondern um die Würde gegangen.

Es ist unwahrscheinlich, daß der Kanzler am Sonntag bei seiner Rede im Weimarer Nationaltheater neben Worten der verbalen Trauer um die mehr als 60 000 in Buchenwald Ermordeten auch ein Wort des Respekts vor den todesmutigen Aufständischen findet, ihnen ihre Würde wiedergibt und das Wort Selbstbefreiung ausspricht. Denn das könnte zu sehr in die Gegenwart führen. Weil die Selbstbefreiung, so sagte es das frühere Mitglied des IG-Metall-Vorstandes Horst Schmitthenner auf der Buchenwald-Gedenkfeier 2003, mehr war als nur ein organisierter militärisch-taktischer Schlag gegen das Regime. »Die Selbstbefreiung ist für die Nachgeborenen ein bleibendes Zeichen der Courage, der Selbstbehauptung und des Selbstbewußtseins, kurz der Verteidigung des Menschseins sogar.«

(Siehe auch Interview mit Otto Grube)

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