|
Zum Gedenken an
den österreichischen Kommunisten und Widerstandskämpfer Sepp Teufl
SeppTeufl (1904 -
1945)
von Franz Kain
Quelle:
Am
20. Mai 1944 besuchte Sepp Teufl, Landesobmann der KPÖ und Widerstandskämpfer
zusammen mit seiner Tochter eine Aufführung von Verdis „Requiem“ im
neuen Dom zu Linz. Im September 1944 wurde er verhaftet und am 29. April
1945 fünf Minuten vor der Morgenröte der Freiheit, wurde er auf ausdrücklichen
Befehl des Gauleiters Eigruber im Konzentrationslager Mauthausen
ermordet. Zwischen diesen Ereignissen stand er einmal vor dem
Radioapparat und lauschte andächtig einer Beethoven-Sonate.
Seine
Tochter, damals ein Mädchen in dem Alter, da die Wißbegierigkeit im
direkten Vorstoß bis auf den Grund kommen will, fragte ihn, was ihm
lieber wäre, hatte er die völlige Freiheit der Entscheidung: die Musik
oder die Politik. Er habe, so berichtet seine Tochter, auf diese Frage
eine kleine Weile übelegt. Dann habe er mit einem scherzhaften Lächeln
die Alternative dieser Frage zurückgewiesen und erklärt, daß der
politische Kampf Vorrang habe, solange die Unmenschlichkeit des
Faschismus die Macht ausübe.
Und
es ist von ihm ein erschütterndes Opfer der Solidarität und
Kameradschaft überliefert: Auf der Todesstiege in Mauthausen war ein
Kamerad, größer und stärker als er, unter der Last eines großen
Granitsteines zusammengebrochen. Er nahm den Stein des Genossen auf sich
und trug ihn hinauf über die granitene Höllenleiter. Als ihm im März
1944 ein Sohn geboren wurde, betrachtete er sinnend die Händchen des
Kleinen. Der Bub habe schöne, gerade Finger, sagte er, vielleicht könnte
er einmal ein ausübender Musiker werden. Und dafür, daß die Welt
freundlicher sei, ist er in Mauthausen in den Tod gegangen. Und Linz,
Oberösterreich und unser ganzes Land hätte ihn und die 42 Genossen,
die an 29. April 1945 ermordet wurden, bitter notwendig.
Sepp
Teufl wurde am 24. November 1904 in Wien geboren. Die Briefe, die er während
des ersten Weltkrieges an seine Mutter geschrieben hat, weisen ihn schon
als einen Knaben von ungemein scharfer Beobachtungsgabe aus. Er erzählt
von Bubenstreichen, fertig und exakt und seine Schrift ist ein strenges
und gewissenhaftes Bild. Diese Akuratesse blieb ihm sein ganzes Leben.
Auf Bescheide über abgewiesene Haftbeschwerden im Konzentrationslager Wöllersdorf
notierte er nicht nur den Tag, sondern auch die Stunde, da er sie
erhalten hat.
Er
erlernte das Handwerk eines Maschinenschlossers. Seine Zeugnisse der
Fortbildungsschule in der Staatsgewerbeschule vermerken sehr gute
Lernerfolge. Er muß jedoch schon damals ein unbotmäßiger Untertan
gewesen sein, es findet sich unter dem „vorzüglich“ und
„lobenswert“ eine Sittennote. Er ging durch die Schmieden der
revolutionären Arbeiterbewegung in Oberösterreich: durch die einstige
Lokomotivfabrik Krauss und Comp. und durch die Steyrwerke. Hier, in den
Steyrwerken, wo er von 1926 bis 1929 arbeitete, hat sich sein revolutionäres
Bewußtsein ausgebildet. Noch später erzählte er, wie schwierig es
war, den Arbeitskollegen verständlich zu machen, daß das Akkordsystem
eine besonders raffinierte Methode der Ausbeutung ist.
1929
trat er als Schlosser in den Dienst der Linzer Tabakfabrik ein. Er hatte
inzwischen geheiratet, seine Frau war eine Funktionärin der
Tabakarbeiterinnen und die Ehe wurde eine Lebensgemeinschaft auf Leben
und Sterben, zu einer Treue bis über den Tod hinaus.
Seine
Arbeitskollegen berichten, daß mit dem 25jährigen ein frischer Wind in
die Tabakfabrik eingezogen sei. Im Gewerkschaftsausschuß setzte er eine
Protestresolution gegen den Justizmord an Sacco und Vanzetti durch. Die
„Hofpartie“ wählte ihn, den hochqualifizierten Arbeiter zum
Betriebsrat. Hier lernte er auch den späteren „Betriebsobmann“ der
Tabakfabrik, Hausleitner, kennen, der später eine so schändliche Rolle
spielte. Daneben wuchs sein Weltbild. Auf die Rückseite einer kleinen
Photographie notierte er Buchtitel „Der stille Don“ von Scholochow
und „Zement“ von Gladkow.
Er
war Mitglied des Schutzbundes und bereitete den Boden dafür vor, daß
die besten Kämpfer des Schutzbundes später zur kommunistischen Partei
kamen. In den berühmten Versammlungen Otto Bauers Ende 1933 trat er als
unbarmherziger Warner auf, leidenschaftlich fordernd, daß man
rechtzeitig kämpfen müsse. Im Februar 1934 war er dabei bis zum
bitteren Ende. Einem der Führer des Aufstandes, Richard Bernaschek,
sollte er dereinst in tragischer Stunde wieder begegnen. Bei der
Neuorganisierung der KPÖ wurde er zum Obmann der Landesorganisation
Oberösterreich gewählt. Es folgten Verhaftungen und zähe und
umsichtige illegale Tätigkeit. Die Direktion der Tabakfabrik warf ihn
auf die Straße.
Er
kam nach Wöllersdorf, wo er mit den Genossen Fürnberg und Honner
zusammen inhaftiert war. Eine Haftbeschwerde lehnte der damalige
Sicherheitsdirektion „Graf“ Peter Revertera mit der Begründung ab,
er, Teufl, habe sich der „Nachsicht nicht würdig erwiesen“. Die
„Nachsicht“ bestand darin, daß er nach Verbüßung einer Strafe
freigelassen worden war. „Graf“ Revertera vergaß auch nicht, auszuführen,
daß dem Staat durch die Überstellung nach Wöllersdorf Kosten in der Höhe
von S 50.50 entstanden seien. Teufl reklamierte gegen den Bescheid, da
er, im Lager Wöllersdorf inhaftiert, „keinen Verdienst“ habe. Er
brachte aus dem österreichischen KZ eine selbstgebastelte Mandoline mit
und eine Schmuckkassette in Einlegearbeit für seine Tochter.
Die
Mandoline war überhaupt in diesen Jahren ein wichtiges politisches
Handwerkszeug. Bei den illegalen Zusammenkünften war sie eine
unschuldige und romantische Tarnkappe. Aber Sepp Teufl betrieb die Musik
auch ernst. Sein Sohn, der Violine spielte, berichtete, wie ihn sein
Vater beim Stimmenschreiben und beim Üben „gemartert“ habe.
1938
wurde Teufl zusammen mit anderen Gemaßregelten wieder in die
Tabakfabrik eingestellt. Die NS-Gewaltigen begannen mit einem zähen
Liebeswerben um den bekannten Arbeiterfunktionär, der inzwischen
Mitglied des illegalen Zentralkomitees der KPÖ geworden war. Gauleiter
Eigruber bemühte sich höchstpersönlich, Sepp Teufl herüberzuziehen.
Die Abfuhr, die er sich dabei geholt hat, scheint er nicht vergessen zu
haben, wie spätere Äußerungen Eigrubers im Konzentrationslager
Mauthausen beweisen.
Teufl
und seine Mitkämpfer begannen wieder, vorsichtig das Netz der
Verbindungen zu knüpfen. In der Tabakfabrik war Sepp Teufl ein hoch
angesehener Kollege und die „Deutsche Arbeitsfront“ setzte alles in
Bewegung, den Einfluß des Arbeiterführers für sie nutzbar zu machen.
Sie legte ihm eine große Bitternis auf, indes sie ihn nach Winniza
schickten, damit er angebliche „bolschewistische Greuel“ bezeuge.
Massenmorde der SS sollten den sowjetischen Truppen in die Schuhe
geschoben werden. Teufl mußte in Vorträgen über seine Eindrücke
berichten. Zeugen seiner Vorträge berichten, daß er stets
Redewendungen gebrauchte, wie: „Man hat mir gesagt, die Greueltaten
seien von der Roten Armee verübt worden“.
Die
Arbeiter verstanden ihn. Aber auch die NS-Machthaber. Im Lager
Glasenbach wurden die „Verdrehungen“ des roten Teufl mit grimmiger
Anerkennung besprochen und die Tatsache, daß es nicht gelungen sei, den
„Hund“ zu biegen. Zu Hause sprach Teufl in dieser Zeit oft von der
entsetzlichen Gewissenspein, die ihm diese Vorträge bereiteten. An
seinem ernsten Verhalten erkannte die Familie, daß Teufl wieder mitten
in der gefahrvollen illegalen Arbeit stand. Teufl las in dieser Zeit
sehr viel, er war Stammgast im Antiquariat Neugebauer und trug Werke über
Beethoven, Mozart und Bruckner zusammen. Er verband seine revolutionäre
Gesinnung mit der großen Kulturtradition.
Im
September 1944 schlug die Gestapo zu. Von vornherein ging es offenbar
darum, die führenden Köpfe des Widerstandes unschädlich zu machen,
denn auch das blutbefleckte Regime wußte, daß seine Tage gezählt
waren. In Konzentrationslager Mauthausen ließ Gauleiter Eigruber die 43
Verhafteten antreten und hielt dabei eine zynische Rede. Da habe man ja
nun die „neuösterreichische Regierung“ beisammen, brüllte er und
nannte die Antifaschisten Trottel und Idioten. Und dann kam die
Morddrohung: „Wir brauchen euch noch zur Arbeit“ sagte Eigruber,
„aber euer Leben ist abgeschlossen.“
Bei
der Verhaftung Teufls war Betriebsobmann Hausleitner in voller
SA-Uniform zugegen. Insgesamt waren vier Arbeiter festgenommen und bei
einem der Verhaftung folgenden „Betriebsappell“ rief Hausleitner
aus: „Für die Schädlinge ist der Strick schon gedreht, sie werden
nicht wiederkommen“. Hausleitners Schwiegersohn war der berüchtigte
Gestapo-Schläger Pötscher, der „Sachbearbeiter 32“ in der Linzer
Polizeidirektion. Er ist 1945 verschwunden und die Gerüchte verstummen
nicht, daß er verschiedentlich in Italien gesehen worden sei. Aber die
Staatspolizei scheint kein besonderes Interesse an dem Fall zu haben. Pötscher
hat ja „nur“ Kommunisten malträtiert.
In
der Tabakfabrik herrschte nach der Verhaftung Teufls und seiner Genossen
tiefe Niedergeschlagenheit. Für Teufl selbst begann nun der mörderische
Kampf auf Leben und Tod mit der entfesselten Bestie. Seine Briefe aus
den letzten Monaten setzen ihm ein Denkmal menschlicher Größe und
Standhaftigkeit. Weihnachten 1944 erhielt die Familie die erste
offizielle Nachricht von ihm. In dem Brief heißt es: „Für die
Feiertage wünsche ich mir nur von Euch, daß Ihr selbst sie nicht mit
Tränen feiert, sondern mit Hoffnung und fester Zuversicht in die
Zukunft seht.“ So schreibt ein Mann, der schwere Granitsteine über
die Todesstieg trägt. Das Wort: Seht, welch ein Mensch! drängt sich
einem auf.
Im
Jänner 1945 schreibt er: „Diese Zeit aber schmiedet uns noch fester
zusammen.“ Sepp Teufl arbeitete in einem Rüstungsbetrieb im „Wiener
Graben“. Dort konnte er eine Verbindung zur Außenwelt herstellen und
eine Reihe von illegalen Briefen haben seine Frau erreicht. Ganz in der
Nähe des Todes geschrieben, enthalten diese Briefe nicht einen einzigen
Hinweis auf die Martern, denen der Briefschreiber ausgesetzt war.
Lediglich der lange Speisezettel wird einmal aufgeführt und die
Tatsache, daß aus Auschwitz und Ravensbrück Frauen nach Mauthauses
gekommen sind. „Welch ein trauriger Zug!“ schreibt Sepp Teufl. In
einem Brief ersucht er um eine kleine Karte von Deutschland. Und Sepp
Teufl, täglich die Gaskammer vor Augen, tröstet seine Frau, damit sie
es leichter ertrage, daß vom Sohn an der Front keine Post kommt. Einmal
bemerkte er, daß er „zuwider“ ist, weil er nichts zu rauchen hat.
Man
kann diese Briefe nur mit den Gefühl tiefer Erschütterung lesen, so
voll tiefen Herztönen sind sie. In seinem letzten Brief vom 30. März
1945 schreibt er: „Besonders freuen mich Deine Beschreibungen vom
Sepperls Entwicklung. Also, wenn er schon so heftig zum Tanz auffordert,
wenn die entsprechende Musik erklingt, kann ich doch rechnen, daß er
musikalisch wird.“ Und in tiefem Vaterstolz fügt er hinzu: „Das
habe ich ja auch nie bezweifelt, aber es dreht sich um die überdurchschnittliche
Begabung. Trag ihn für mich auf den Armen.“
Die
Todesnähe, gepaart mit der Überzeugung von einer besseren Zukunft hat
Sepp Teufl in seinen letzten Tagen die Gewalt des Wortes verliehen. Da
liest man: „Ich denke ja immer an Dich und besonders abends, wenn das
Licht ausgedreht wird, beginnt meine schönste Stunde. Da male ich
unsere schöne Vergangenheit und träume von unserer schönen Zukunft,
in der wir ganz gewiß wieder alle glücklich beisammen sind. Es ist das
allerletzte Tief, das wir noch zu überwinden haben. Weine Dir nicht
Deine Augen trübe, denn ich will mich bald darin wiederspiegeln. Herze
meinen Sepperl für mich und wenn Du den Brief gelesen hast, dann mußt
Du statt meiner einmal mit ihm tanzen, damit er auch eine Freude hat.“
In diesem letzten Brief steht auch der Satz: „Meine Rechnung geht
jetzt bis zum 1. Mai!“
Die
Ereignisse überstürzten sich. Sepp Teufl wirkte an der
Widerstandsbewegung im Lager mit und hatte enge Verbindung mit Richard
Bernaschek, bis dieser linke Arbeiterführer am 18. April von den
SS-Unterscharführer Niedermaier erschossen wurde. Am 28. April traf in
Mauthausen ein Funkbefehl Eigrubers ein. Heinrich Rau, der spätere Außenhandelsminister
der DDR, der in der Leitung des illegalen Lagerkomitees arbeitete,
informierte die oberösterreichischen Genossen darüber. Der Befehl
lautete: „Ich ordne an, daß sämtliche Linzer und Welser Kommunisten,
die am 7. September 1944 verhaftet wurden, sofort zu liquidieren sind,
denn im vorübergehenden Falle eines Einbruches der Alliierten konnten
sie diesen von guten Diensten sein.“
Die
österreichischen Häftlinge erhielten vom Lagerkomitee drei Pistolen
und sechs Handgranaten. Ein Ausbruchsversuch in der Nacht zum 29. April
schlug fehl. Um 23 Uhr wurden die Gefangenen auf den Appellplatz
getrieben. Sepp Teufl konnte einem anderen Häftling, Richard Dietl aus
Wels zuflüstern, daß der heutige Tag gewonnen sei, weil die Vergasung
nicht vorgenommen werden könne, da das betreffende SS-Kommando sinnlos
betrunken sei. Am Morgen des 29. April wurde vereinbart, daß jetzt nur
noch Einzelaktionen möglich sind.
Richard
Dietl konnte in einen anderen Block entkommen und von dort ins
Russenlager. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß sich auch Sepp
Teufl hätte retten können, aber offenbar wollte er sich von seinen
Kameraden nicht trennen.
Am
Morgen des 29. April wurden 42 Häftlinge zusammengetrieben, der 43.,
Richard Dietl fehlte und er ist als einziger der Gruppe dem Tode
entronnen. Es war ein Samstag und die Häftlinge, unter ihnen Sepp Teufl,
mußten bis am späten Nachmittag stehen. Sie wußten, was kommen würde,
aber es gab keine Möglichkeit mehr, den Tod abzuwenden. Gegen Abend
wurden sie in die Gaskammer getrieben. Erst nach der Befreiung erfuhr
Linz von der Ermordung Sepp Teufls und seiner Genossen.
Der
ehemalige „Betriebsobmann“ Hausleitner bezog später eine Pension
der Tabak-Werke AG, vormals Tabakregie. Ordnung muß sein. Für Sepp
Teufl und seine Genossen aber wurde im Werk nicht einmal eine Tafel
angebracht. |