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sozialdemokratischen
Parteien und die II. Internationale gelangten zu keiner
klaren, den Klassencharakter des Faschismus und seine Gefahr für
die gesamte Arbeiterbewegung erfassenden Definition des
Faschismus. Es gab in ihren Reihen eine Unzahl verschiedener
Definitionen, die den Faschismus bagatellisierten, ihn zu einer
„Revolution“ des Kleinbürgertums erklärten oder auf die
diktatorischen Gelüste einzelner „Führer“ reduzierten, unüberwindbare
Gegensätze faschistischer Bewegungen und Regimes zur
Bourgeoisie behaupteten, den fundamentalen Charakter des
Faschismus als Werkzeug der Monopolbourgeoisie leugneten.“ |
Sozialdemokratie
und Faschismus I
von
Josef Schleifstein
aus:
Die „Sozialfaschismus“ - These.
Zu ihrem geschichtlichen Hintergrund.
(Seite 39-52) Zusammengestellt für Kommunisten-online von
Reinhold Schramm (Berlin)
Zum
geschichtlichen Hintergrund der „Sozialfaschismus“-These gehört die
Stellung der sozialdemokratischen Parteien zu faschistischen Regimes und
Bewegungen in den verschiedenen Ländern. Diese Haltung bildete einen
nicht unwichtigen Teil der Erfahrungen der revolutionären Strömung der
Arbeiterbewegung, der Kommunistischen Parteien, mit der politischen
Praxis der rechten sozialdemokratischen Führungen. Am Beginn dieser
Erfahrungen stand die Tatsache, dass sich während des ersten
Weltkrieges in fast allen sozialdemokratischen Parteien der kriegführenden
Länder chauvinistische, den Imperialismus ihrer herrschenden Klassen
feiernde und unterstützende Strömungen herausgebildet hatten.
Mussolini
selbst war 1914 als Renegat des pazifistischen Sozialismus ein
fanatischer Anhänger des Kriegseintritts Italiens geworden und hatte
als Chauvinist die Losung „Krieg oder Republik“ ausgegeben. In einem
mit Ententegeld gegründeten Blatt, dem „Popolo d'Italia“, verkündete
er die Zukunft und Größe Italiens mit dem Krieg; den Klassenkampf der
Arbeiterbewegung lehnte er nunmehr wie die den Krieg bejahenden
sozialdemokratischen Führungen in anderen Ländern ab, weil er „die
Nation spalte und schwäche“. Auch der spätere militärische Diktator
Polens, Pilsudski, war aus dem rechten, nationalistischen Flügel der
polnischen Sozialdemokratie hervorgegangen. Die Ideologie des
sozialimperialistischen Flügels der sozialdemokratischen Parteien während
des ersten Weltkrieges – etwa Lensch und Cunow in Deutschland,
Hervé in Frankreich, Blatchford in England – weist eine frappierende
Ähnlichkeit mit der späteren Ideologie des Faschismus in den
verschiedenen Ländern auf.
Hinzu
kamen praktische Erfahrungen mit der Haltung sozialdemokratischer
Parteien zu faschistischen oder weißgardistischen konterrevolutionären
Regierungen, so in Ungarn, Bulgarien und Polen. Unter Führung des
Admirals Horthy wurde in Ungarn nach Niederschlagung der Räterepublik
im August 1919 eine offene Militärdiktatur errichtet. Mit diesem
konterrevolutionären Regime schloss die rechte Führung der ungarischen
Sozialdemokratischen Partei im Dezember 1921 einen Geheimvertrag ab, in
dem sie sich dem Premierminister Graf Bethlen gegenüber verpflichtete,
„aktive Propaganda für Ungarn“ bei ihren ausländischen
sozialdemokratischen Freunden zu treiben, mit dem ungarischen Außenministerium
zusammenzuarbeiten und in allererster Linie einen „magyarischen
Standpunkt“ einzunehmen. Zugleich gelobte sie die „Konsolidierung“
des Regimes zu unterstützen, politische Streiks zu verhindern und die
Kampagne für die Republik einzustellen. Sie verpflichtete sich ferner,
auf die Organisierung und Werbung unter den Landarbeitern, den
Eisenbahnern und Staatsangestellten zu verzichten. Wörtlich hieß es:
„Die Delegierten der ungarischen Sozialdemokratischen Partei erklären,
dass sie den vom Premierminister vorgetragenen Wünschen sowohl
hinsichtlich der Außen- wie der Innenpolitik zustimmen, und dass sie
versichern, diese Wünsche ihrerseits zu erfüllen. Sie ernennen einen
Vertreter, der die Verbindung zum Außenministerium aufrechterhalten
wird.“(46) Die
konterrevolutionäre Regierung garantierte unter diesen Bedingungen die
Legalität der Sozialdemokratischen Partei, in einer Periode, in der der
weiße Terror gegen die revolutionäre Arbeiterschaft wütete. Als der
Inhalt des Geheimabkommens drei Jahre später bekannt wurde und die
Zweite Internationale gezwungen war, eine Untersuchungskommission unter
Leitung Karl Kautskys einzusetzen, wurde der ungarischen
Sozialdemokratie bescheinigt, sie hätte „in gutem Glauben“
gehandelt und ihre Versicherung wurde akzeptiert, dass der Vertrag nicht
fortgesetzt werde.
Bulgarien
bietet ein noch schlimmeres Beispiel. Dort war 1923 nach einem Wahlsieg
der fortschrittlichen Bauernpartei unter Führung Stambuliskys (437.000
Stimmen) und der Kommunistischen Partei (219.000 Stimmen) - während der
Bürgerblock 219.000 und die Sozialdemokratische Partei 40.000 Stimmen
erhalten hatten - die Stambulisky-Regierung gebildet worden, die sich
eine Agrarreform, die Aburteilung der früheren Kriegsminister und
andere bei der Reaktion unbeliebte Maßnahmen zum Ziel gesetzt hatte.
Daraufhin führten die reaktionären Parteien im Juni 1923 einen militärischen
Staatsstreich durch, der von Armeeoffizieren organisiert war, stürzten
gewaltsam die Bauernregierung und ermordeten den Premierminister
Stambulisky. Ein weißes Terrorregime unter Leitung Zankoffs wurde
eingesetzt, das selbst nach dem Zeugnis des Vorsitzenden der II.
Internationale Emile Vandervelde binnen achtzehn Monaten 16.000
bulgarische Arbeiter und Bauern mordete. In der Zankoff-Regierung war
die Sozialdemokratische Partei, die offiziell der II. Internationale
angeschlossen war, durch ihren Minister Kasassoff vertreten, neben den
Repräsentanten der faschistischen Offiziersliga und der bürgerlichen
Parteien. (47)
Schließlich
kam der polnische Militärdiktator Marschall Pilsudski vom rechten
nationalistischen Flügel der polnischen Sozialisten (PPS), die eine
offizielle Sektion der II. Internationale bildeten. Als Pilsudski im Mai
1926 durch einen Staatsstreich an die Macht kam, waren zunächst
Illusionen über einen möglicherweise bäuerlich-kleinbürgerlichen
Charakter dieses Umsturzes in weiten Teilen der Arbeiterklasse
vorherrschend, und so konnte der Eintritt eines führenden Vertreters
der polnischen Sozialdemokraten, Moraczewski, in das Kabinett Pilsudkis
als entschuldbarer Irrtum angesehen werden. Aber selbst als nach kurzer
Zeit klar war, dass Pilsudski ein diktatorisches, halbfaschistisches
Regime aufzurichten im Begriff war, blieb Moraczewski in der Regierung.
(48)
In
Italien traten 1926 die sozialdemokratischen Führer der Gewerkschaften
(der Allgemeinen Konföderation der Arbeit) in die Dienste Mussolinis
und lösten ihre Organisationen auf, ein Vorbild, dem deutsche
sozialdemokratische Gewerkschaftsführer im Mai 1933 nachzueifern
suchten. Auch in Ländern mit einer starken und alten bürgerlich-parlamentarischen
Tradition, wie Großbritannien, kam der spätere Faschistenführer
Mosley vom rechten Flügel der Labour Party. Er war 1927 in die
Exekutive der Partei gewählt und 1929 zum Minister in der
Labour-Regierung Ramsey Mac Donalds ernannt worden; noch 1930 gehörte
er dem Exekutivkomitee der Labour Party an. Als er im Frühjahr 1931 mit
der Bildung der „New Party“ den ersten Schritt zur Formierung einer
faschistischen Bewegung tat, schlossen sich ihm sechs
Parlamentsabgeordnete der Labour Party an. (49)
Das sind nur einige der historischen Tatsachen, die eine
bedeutende Rolle bei der Einschätzung des Verhältnisses von
Sozialdemokratie und Faschismus durch die kommunistische Bewegung
spielten. Über die deutsche Entwicklung wird gesondert die Rede sein.
Die
sozialdemokratischen Parteien und die II. Internationale gelangten zu
keiner klaren, den Klassencharakter des Faschismus und seine Gefahr für
die gesamte Arbeiterbewegung erfassenden Definition des Faschismus. Es
gab in ihren Reihen eine Unzahl verschiedener Definitionen, die den
Faschismus bagatellisierten, ihn zu einer „Revolution“ des Kleinbürgertums
erklärten oder auf die diktatorischen Gelüste einzelner „Führer“
reduzierten, unüberwindbare Gegensätze faschistischer Bewegungen und
Regimes zur Bourgeoisie behaupteten, den fundamentalen Charakter des
Faschismus als Werkzeug der Monopolbourgeoisie leugneten. Zugleich wurde
schon seit der Errichtung der faschistischen Diktatur in Italien 1922
der Versuch deutlich, den Faschismus nicht etwa als Gegenoffensive des
Kapitals gegen die Arbeiterklasse zur Aufrechterhaltung seiner ökonomischen
und politischen Herrschaft, sondern als bloße „Reaktion“ auf den
Bolschewismus, auf revolutionäre Aktionen der Arbeiterbewegung zu
deuten. So sahen Hilferding, Crispien und andere sozialdemokratische Führer
als Ursache des faschistischen Sieges in Italien nicht die von den
reformistischen Partei- und Gewerkschaftsführern verhinderte gemeinsame
Abwehrfront der Arbeiterschaft, sondern eine „über ihre Kraft“
vorgestoßene Arbeiterklasse, die ihre Rechte und Errungenschaften zu
gering geachtet habe, ein Proletariat, das nicht gewusst habe, welches
Gut die Freiheit ist. (50) Der
Faschismus als soziale Erscheinung wurde nicht verbunden mit dem
Monopolkapital und seinem Drang nach reaktionären Herrschaftsformen,
nach der Beseitigung der Demokratie (eine Tendenz, die der Hilferding
des „Finanzkapital“ 1910 bekanntlich selbst hervorgehoben hatte),
sondern mit der Rückständigkeit der Entwicklung, dem Überwiegen der
Agrarbevölkerung, dem niedrigen Kulturniveau, der Psychologie eines
Mittelmeervolkes. Kautsky stellte die These auf, die Bedingungen des
Aufkommens des Faschismus seien auf „ein besonderes Land und auf einen
bestimmten Zeitpunkt beschränkt“ und würden sich „so leicht nicht
wiederholen“; in einem industriellen Land, schrieb Kautsky über die
faschistische Bewegung, die er als Bewegung von Deklassierten
kennzeichnete, „ist eine so große Zahl von Lumpen in den besten
Mannesjahren für kapitalistische Zwecke nicht aufzutreiben“. Der
Vorsitzende der II. Internationale Emile Vandervelde erklärte auf ihrem
3. Kongress 1928: „Überall, wo die Pferdekraft ist, da ist die
Demokratie, überall, wo das lebendige Pferd ist, dominiert Faschismus
und Absolutismus.“ (51)
Man
verstieg sich in der theoretischen Urheimat des antimarxistischen
Revisionismus, den „Sozialistischen Monatsheften“, zu wahren Lobgesängen
auf den Mussolini-Faschismus, erklärte Mussolini zum Sozialisten, wenn
auch nicht Marxscher, so doch „Blanquistischer oder Sorelscher Färbung“,
rühmte ihn als Vollstrecker der von den „Sozialistischen
Monatsheften“ seit langem propagierten Idee einer „Kammer der
Arbeit“ und folgerte: „Er hat gehandelt und hat manches geschaffen,
während der zerfahrend, unklar dogmatische Sozialismus nur zerstörend
gewirkt hat.“ Sogar der faschistische Terror wurde noch entschuldigt,
denn es bleibe „ein gewaltiger Unterschied, ob Gewalt zu guten oder
schlechten Zwecken angewandt wird“. (52)
Einer der späteren publizistischen Vorkämpfer der Anpassung der
Gewerkschaften an die faschistische Diktatur der Nazis, Walter Pahl,
nannte den Faschismus nicht nur antiliberal, sondern auch
antikapitalistisch, und erklärte, er sei seinem innersten Wesen „der
kapitalistischen Großindustrie
entgegengesetzt“. (53)
Rechtssozialdemokratische
Publizisten verstiegen sich bis zu offen rassistischen Argumenten, so
wenn Hermann Müller-Brandenburg in der „Neuen Zeit“ schrieb, der
Kampf gegen das Judentum erhalte unnötigerweise dadurch Nahrung,
„dass über die Reichsgrenzen im Osten seit Jahr und Tag Massen von
Ostjuden einströmten, deren wir uns erwehren sollten“; die Deutschen
hätten nicht die Möglichkeit, sich selbst notdürftig zu ernähren
„und haben keinen Anlass, anderen Staaten die Volksteile abzunehmen,
die sie abzustoßen versuchen“. (54) Stark verbreitet war die Überschätzung
des Einflusses der kleinbürgerlichen
Massenbasis der Nazipartei auf deren Politik, die man als Sturm
„gegen die hochkapitalistischen Elemente und Erscheinungsformen des
Kapitalismus“, als eine Rückkehr zu vorkapitalistischen oder doch
Vorkriegsverhältnissen deutete, als zugleich „antikapitalistisch und
antiproletarisch“, als „mißgeleitete Rebellion“ der
Mittelschichten. Selbst zum linken Flügel tendierende Sozialdemokraten
wie Alexander Schifrin, sahen im Faschismus weniger ein Werkzeug des
monopolistischen Kapitals als vielmehr „feudal-mittelständische
Reaktion“ und „Stoßtrupp des Großgrundbesitzes“. (55)
Sehr
wichtig für das Entstehen und die Anwendung der These vom
„Sozialfaschismus“ in den kommunistischen Parteien waren neben der
praktischen geschichtlichen Erfahrung mit der sozialdemokratischen
Regierungspolitik und ihrer Reaktion, die Konterrevolution und den
Faschismus nicht nur tolerierenden, sondern oft genug fördernden
Haltung (z. B. die Bewaffnung der Freikorps, der militärischen
Keimzelle des Faschismus, durch Noske) auch die theoretische und
publizistische Gleichsetzung von Faschismus und Bolschewismus, von
faschistischer und kommunistischer „Diktatur“, die bereits Mitte der
zwanziger Jahre in der gesamten sozialdemokratischen Presse besonders in
Deutschland zur täglichen Übung geworden war. Einer der Führer der österreichischen
Sozialdemokratie, Julius Deutsch, nannte den Faschismus einen
„Bolschewismus der Tat“; Arthur Crispien erklärte in seiner Eröffnungsansprache
auf dem Berliner Parteitag der SPD 1924: „Der Bolschewismus endet im
Faschismus. Das sehen wir in Ungarn, in Italien und auch in Russland, wo
im Grunde nichts anderes als der Faschismus wütet.“ (56) Im
März 1929 begründete der „Vorwärts“ die sozialdemokratische
Ablehnung, an dem unter dem Patronat des französischen
Schriftstellers und Antimilitaristen Henri Barbusse einberufenen
Internationalen Antifaschistischen Kongress teilzunehmen, u. a. mit dem
Satz: „Der Kampf gegen den Faschismus kann nicht in einer Front mit
den Vätern des Faschismus geführt werden.“ In dem gleichen Artikel
wurden die Kommunisten ideologisch als „die besten Stützen“ des
Faschismus bezeichnet. (57) Otto
Wels sagte in seiner Eröffnungsansprache auf dem SPD-Parteitag 1931 in
Leipzig: „Bolschewismus und Faschismus sind Brüder.“ (58)
Hinzu
kam eine geradezu selbstmörderische Unterschätzung der faschistischen
Gefahr, die bis in die letzten Jahre der Weimarer Republik
hineinreichte. Momentane Wahlerfolge, die kapitalistische Stabilisierung
in den Jahren nach 1924, vorübergehende Stimmeneinbußen der Nazis und
der Deutschnationalen genügten, um von einer endgültigen Niederlage
des Faschismus zu sprechen. Nicht einmal die Erfahrung des
Kapp-Putsches, der Morde an Rathenau und Erzberger, der Förderung
faschistischer Umtriebe durch die Bayrische Landesregierung und die
Reichswehr, der Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923 vermochten es, die
sozialdemokratischen Führer von ihrem leichtfertigen Optimismus
abzubringen. Als nach dem Mord an Rathenau der katholische Kanzler
Joseph Wirth ausrief: Der Feind steht rechts!, konnte selbst diese
Warnung die sozialdemokratischen Minister und Führer nicht zu einem
energischen Vorgehen gegen die faschistische, nationalistische und militärische
Reaktion veranlassen. Der frühere Sozialdemokrat und spätere bürgerliche
Republikaner Konrad Hänisch, ein Vertrauter Eberts, schrieb nach einer
längeren Unterhaltung mit ihm 1923, man müsse von der tiefen Tragik
sprechen, die „Ebert, den Erwählten der Revolution, nun auch zum Präsidenten
der immer stärker heraufziehenden Gegenrevolution hatte werden
lassen.“ (59)
Charakteristisch
für die kaum glaubliche Unterschätzung faschistischer Gefahren und
Tendenzen ist z. B. die Stellungnahme des sozialdemokratischen
Parteivorsitzenden Hermann Müller zum Ergebnis der Reichstagswahlen vom
Dezember 1924: „Der Kampf um die Diktatur ist in Deutschland ausgekämpft.
Die künftige Entwicklung der deutschen Republik wird sich auf dem Boden
des demokratischen Parlamentarismus vollziehen. Die Völkischen, die
behaupteten, eine Patentlösung für die Gesundung Deutschlands zu
haben, haben eine Niederlage erlitten.“ (60)
Selbst als Jahre später die Nazipartei bei den 1929 durchgeführten
Landtags- und Kommunalwahlen in einigen Ländern starke Stimmengewinne
verzeichnen konnte, sonnte sich der „Vorwärts“ im Oktober 1929 in
der selbstherrlichen Gewissheit, die SPD sei schon „mit ganz anderen
Gegnern fertig geworden“; diese rechtsradikalen Bewegungen glichen
Rinnsalen, die zu normalen Zeiten träge dahin schleichen, aber sich bei
schlechtem Wetter zu reißenden Großbächen verwandeln, die allerhand
Trümmer und Unrat mit sich fortschwemmen: „Dauernden Schaden haben
sie niemals anzurichten vermocht.“ (61)
In einem anderen
Kommentar hieß es: „Durch das Gespenst des Faschismus darf man sich
nicht einschüchtern lassen. Es sind in Deutschland Kräfte genug
vorhanden, die Demokratie durchzusetzen.“ (62)
Es blieb bei diesen Bekundungen der Selbstzufriedenheit. Sogar
als die Gefahr bereits tödlich war, weigerte man sich noch immer, diese
Kräfte ernsthaft zu mobilisieren und in den Kampf zu führen. Über
diese Haltung in den letzten Jahren der Weimarer Republik wird gesondert
zu sprechen sein.
Diese
und ähnliche Einschätzungen und Deutungen hingen vor allem damit
zusammen, dass die in der deutschen Sozialdemokratie dominierenden
Faschismusauffassungen den fundamentalen Zusammenhang zwischen
Faschismus und Monopolkapital, zwischen Faschismus und Imperialismus
negierten. Die deutsche faschistische Bewegung in Gestalt der Nazipartei
wurde nur von der Seite ihrer in den städtischen und agrarischen
Mittelschichten wurzelnden Massenbasis gesehen, ihre soziale und
antikapitalistische Demagogie wurde für bare Münze genommen. Dagegen
wurden die damals ständig an Bedeutung gewinnenden Beziehungen zu
einflussreichen großkapitalistischen Kreisen, ihre Finanzierung durch
diese Kreise, die Tatsache, dass die Nazipartei nach dem großen
Wahlerfolg vom September 1930 als chauvinistische und gegen die gesamte
Arbeiterbewegung mobil machende Rechtspartei für die inneren wie äußeren
Ziele und Interessen des monopolistischen Kapitals sprunghaft an
Attraktivität und Gewicht gewonnen hatte, geleugnet oder
bagatellisiert.
Ebenso
wurde der Umstand unterschätzt, dass die Nazipartei, infolge ihres
Wahlerfolgs, zum offiziellen und umworbenen Verbündeten der bis dahin
wichtigsten politischen Repräsentantin der deutschen Schwerindustrie
und des junkerlichen Großgrundbesitzes, der Deutschnationalen
Volkspartei, geworden war. Dieses Bündnis war im Oktober 1931 in Bad
Harzburg durch Bildung der „Harzburger Front“ formalisiert worden.
Um dieselbe Zeit hatte Reichspräsident von Hindenburg den
Nazichef Hitler erstmals in offizieller Audienz empfangen. Gleichfalls
Ende 1931/Anfang 1932 war das wachsende Interesse und die zunehmende
Sympathie führender monopolkapitalistischer
Kreise für die Nazis vor aller Öffentlichkeit demonstriert worden.
Am
9. Dezember 1931 war Hitler mit den Ruhrindustriellen Thyssen, Vögler
und Stinnes zusammengetroffen. Thyssen war der Nazipartei beigetreten, Vögler
war Mitglied des Keppler-Kreises (späterer Freundeskreis Reichsführer
SS Himmler), der wichtigsten Verbindungsstelle zwischen der Naziführung
und dem Großkapital geworden. Am 27. Januar 1932 schließlich hatte
Thyssen jene Zusammenkunft mit Hitler im Düsseldorfer Industriellenclub
arrangiert, an der die einflussreichsten und mächtigsten Männer des
deutschen Industrie- und Bankkapitals teilnahmen. Dort hatte Hitler sich
dem Kapital als der einzige Retter vor dem „asiatischen
Bolschewismus“ angepriesen und die „Ausrottung des Marxismus bis zur
letzten Wurzel“ versprochen. Dafür war er von den Konzernherren mit
enthusiastischem Beifall gefeiert worden, was sich bald in hohen
finanziellen Zuwendungen niederschlug.
Auch
diese an Deutlichkeit nicht mehr zu überbietenden Zeichen der
Entwicklung veränderten das herrschende Faschismusbild in der
sozialdemokratischen Führung kaum. Der Leipziger Parteitag der SPD
1931, auf dem das Thema des Faschismus zu einem besonderen
Tagesordnungspunkt gemacht worden war, brachte im Hinblick auf die
Kernfrage der faschistischen Gefahr keine wesentlichen
Erkenntnisfortschritte: dass nämlich die Nazipartei infolge ihrer
gewaltig gewachsenen Massenbasis für die reaktionären und
chauvinistischen Kräfte des Monopolkapitals nicht nur salonfähig,
sondern regierungsfähig geworden war, und dass nunmehr die stärksten
und einflussreichsten monopolkapitalistischen Kreise für ihre gegen die
Arbeiterbewegung im Innern und auf imperialistische Großmachtziele nach
außen gerichteten Bestrebungen auf die Naziführung und die Nazipartei
setzten und die faschistische Diktatur aktiv vorbereiteten.
Zwar
sprach Breitscheid auf dem Leipziger SPD-Parteitag davon, die Nazis
suchten vorsichtig „den Anschluss an die kapitalistische Klasse“,
aber er leugnete ausdrücklich, dass eine nazistische Verbrüderung mit
den Kapitalisten „unmittelbar bevorstehe“. Einer der führenden
sozialdemokratischen Publizisten des rechten Flügels, Ernst Heilmann,
schrieb noch im Herbst 1932, er könne sich eine Zusammenarbeit von
Nazis und Spätkapitalismus überhaupt nicht vorstellen. (63)
Wie Fritz Tarnow auf dem Leipziger Parteitag, so sahen die
meisten sozialdemokratischen Führer im Nazifaschismus eine, wenn auch
missgeleitete, Form der sozialen Rebellion der bürgerlichen
Zwischenschichten.
Ein
sehr wichtiges Merkmal der offiziellen sozialdemokratischen
Faschismusauffassung war auch die verhängnisvolle Unterschätzung der
Beziehungen zwischen Faschismus und Staatsapparat selbst noch in den
letzten Jahren der Weimarer Republik. Dies war um so seltsamer und
unvollständiger, als das Verhältnis großer Teile der staatlichen
Exekutive und des Justizapparats zur Republik seit ihren Anfängen als
äußerst zwiespältig und illoyal bekannt war. Dies galt sowohl für
die Reichswehr wie für die hohe Verwaltungsbürokratie, die Diplomatie,
die Justiz und bedeutende Teile der Polizei (mit teilweiser Ausnahme
Preußens und Sachsens). Als bei den Wahlen vom Herbst 1930 die Wähler
der bürgerlichen Rechts- und Mitteparteien in hellen Scharen zur
Nazipartei überliefen, bedeutete dies, dass die Faschisten jetzt auch
auf die Unterstützung eines wichtigen Teils des Staatsapparates und der
Beamtenschaft zählen konnten. Die sozialdemokratische Führung war so
sehr von illusionären, legalistischen Vorstellungen geblendet, dass sie
auch in dieser letzten Phase der Weimarer Republik annahm, der Reichspräsident
Hindenburg und die auf die Verfassung vereidigten Beamten des
Staatsapparates und der Justiz würden im Ernstfalle die Republik vor
dem Ansturm des Faschismus schützen.
Es
fanden sich in der Sozialdemokratie auch Gruppen, die diese gefährliche
Unterschätzung der faschistischen Bedrohung nicht teilten, die
erkannten, dass die ständige Unterwerfung unter die kapitalistischen
Interessen in der Koalition mit den bürgerlichen Parteien oder durch
die spätere Tolerierung der Brüningschen Notverordnungspolitik die
Arbeiterklasse und die Demokratie schwächen und der Faschisierung den
Weg öffnen musste. In den Jahren 1929/1930 bildete sich eine –
allerdings kleine – Linke heraus, die den Faschismus in seinen
Klassenwurzeln richtiger einschätzte und daher auch einsah, dass die
Arbeiterklasse ihn nur im energischen Kampf überwinden konnte. Diese
Richtung, die sich um die Zeitschrift „Klassenkampf“ gruppierte und
später die SAP gründete, gehörten u. a. Max Seydewitz, Kurt
Rosenfeld, Engelbert Graf an. Max Seydewitz wandte sich Anfang 1929
gegen die Koalitionspolitik der SPD in der Hermann-Müller-Regierung und
erklärte, dass diese Politik „zum Schaden der Sozialdemokratie und
der Arbeiterklasse ausschlägt und die faschistischen
Tendenzen in außerordentlicher Weise stärkt“. Er forderte den
Austritt der Sozialdemokratie aus der Koalition, weil nur das „der
Sozialdemokratie die reale Macht und Stärke gibt, einen wirksamen Damm
gegen die faschistische Gefahr aufzurichten und die proletarischen
Forderungen zu verwirklichen“. (64)
Nach
dem Ausscheiden der SPD-Minister aus der Regierung versuchten die
Linken, die SPD für eine entschiedene Haltung gegen den Faschismus zu
gewinnen. So kritisierten sie auf dem Leipziger Parteitag der SPD 1931
die offizielle Analyse des Faschismus und erklärten in einer
Resolution: „Der deutsche Nationalsozialismus ist bestimmt durch den
Monopolkapitalismus in einem Lande mit feudalkapitalistischer Tradition,
in dem der Faschismus
Kampfwaffe des herrschenden Monopolkapitalismus
gegen die Arbeiterklasse ist.“ Zugleich
verlangten sie, dass die Sozialdemokratische Partei ihre ganze Kraft
einsetze „für die Beseitigung der ökonomischen Ursachen des
Faschismus.“ (65) In ihrem
Organ, dem „Klassenkampf“, wandte sich der linke österreichische
Sozialdemokrat Max Adler gegen die Illusionen über den vom Großkapital
beherrschten bürgerlich-parlamentarischen Staat und schrieb: „Der
Reformismus sieht nicht ein oder will es nicht zugeben, dass die
politische Demokratie bisher gerade darin bestand, die Diktatur der
besitzenden Klassen auf demokratischem Wege auszuüben, und dass der
Faschismus heute einen solchen Anhang gewinnt, weil die
antiproletarischen Klassen die Sicherheit verlieren, ihre Diktatur auch
'demokratisch' zu behaupten.“ (66)
Aber
die Linken innerhalb der SPD waren keine einheitliche Gruppierung. Sie
konnten sich in ihrer Praxis auch nicht von zahlreichen
antikommunistischen Vorbehalten befreien. Ihre Rolle in der SPD sahen
sie als Retter der Einheit der Partei vor dem Abschwenken sich
radikalisierender und enttäuschter Anhänger und Wähler zu den
Kommunisten. Max Adler schrieb später in einem Aufsatz über „Die
historische Funktion der linken Opposition“: „... und wenn sich
immer größere Massen in der deutschen Sozialdemokratie infolge der
herrschenden Parteipolitik abgestoßen fühlten, so war es durchaus das
Verdienst der linken Richtung, wenn nicht alle schon längst die Partei
verlassen hatten. Je stärker die Linksrichtung innerhalb der
Sozialdemokratie ist, um so mehr erhält sie gerade die revolutionär
Lebendigen und vor allem die Jugend bei der Fahne
der Partei.“ (67)
46
R. Palme Dutt, Fascism and Social Revolution, S. 172, A History
of Hungary ed. by Ervin Palményi, Budapest 1973, S. 467 f.
47
Ebenda, S. 173.
48
Ebenda.
49
Ebenda, S. 267.
50
Die Ausführungen in diesem Abschnitt stützen sich weitgehend
auf die Habilitationsschrift von Helmut Arndt an der Karl-Marx-Universität
Leipzig - Oktober 1970: „Zum Faschismusbild der deutschen
Sozialdemokratie (1922-1939) - Eine ideengeschichtliche Abhandlung.“
Auch viele nachfolgende Zitate sind dieser Arbeit entnommen. Vgl. auch:
Protokoll des Kieler Parteitages der SPD 1927, S. 178, 238.
51
Karl Kautsky, Die materialistische Geschichtsauffassung, Bd. 2,
S. 478, Berlin 1927; 3. Kongress der SAI, Berichte und Verhandlungen 2.
Bd. (Abt. V-IX), Zürich 1928, S. VII/22.
52
Wally Zappler, Faschismus und Sozialismus in: Sozialistische
Monatshefte, 29. Jg., Bd. 60, 1923/Heft 9, S. 599.
53
Walter Pahl, Der italienische Fascismus und der internationale
Sozialismus, in: Sozialistische Monatshefte, 34. Jg., 66. Bd., 1928/Heft
6, S. 490 ff.
54
H. Müller-Brandenburg, Die deutsch-völkische Bewegung, Die Neue
Zeit, 42. Jg., Heft 18, 1923, S. 438.
55
Die Gesellschaft, VIII. Jg. 1931/Heft 5, S. 407.
56
Protokoll des Berliner Parteitages der SPD 1924, S. 49.
57
Vorwärts vom 29.3.1929.
58
Protokoll des Leipziger Parteitages der SPD 1931, S. 19.
59
K. Heanisch, Friedrich Ebert, zit. in: H. Arndt, a. a. O., S. 73.
60
Vorwärts vom 8.12.1924.
61
Ebenda vom 27.10.1929.
62
Die Gesellschaft, VI. Jg., 1929/Heft 4, S. 313.
63
Protokoll des Leipziger Parteitages der SPD 1931, S. 97, 99.
64
Der Klassenkampf, 4. Jg., 1930/Heft 1, S. 5; ebenda, Heft 3, S.
72.
65
Der Klassenkampf, Sonderheft 1931, Das Ergebnis des Leipziger
Parteitages, S. 29.
66
Der Kampf, Jg. 1932/Heft 2, S. 75.
67
Ebenda.
Quelle:
Josef Schleifstein. Die „Sozialfaschismus“-These, Zu ihrem
geschichtlichen Hintergrund. Verlag Marxistische
Blätter, Frankfurt am Main 1980.
Die Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe bezeichnet eine 1915
innerhalb der SPD entstandene nationalistische Strömung, die aus
ehemals der Parteilinken zugehörigen antirevisionistischen
Marxisten bestand, und versuchte, die Zustimmung der SPD-Mehrheit zu
den Kriegskrediten im August 1914 und die Burgfriedenspolitik der
SPD-Führung unter Friedrich Ebert marxistisch zu untermauern. Die
Protagonisten der Gruppe waren (mit ihren Funktionen in der SPD
1914):
-
Dr.
rer. pol. Paul Lensch, Abgeordneter des Reichstages
-
Heinrich
Cunow, Dozent an der Parteischule der SPD und Redakteur des
"Vorwärts"
-
Konrad
Haenisch, Abgeordneter des Preußischen Landtages (Anmerkung
Red. K-online) siehe
Ausgehend vom "Augusterlebnis" 1914, der
scheinbaren nationalen Einheit aller Parteien und gesellschaftlichen
Kräfte zu Kriegsbeginn, propagierte die Gruppe Begriffe wie
"Staatssozialismus", "Kriegssozialismus" und
"Volksgemeinschaft" und erhoffte sich von einem deutschen
Sieg im Ersten Weltkrieg die Errichtung einer sozialistischen
Gesellschaftsordnung in ganz Europa und die Befreiung der europäischen
Völker von zaristischer Unterdrückung und britischem und französischem
Imperialismus. (Anm. Red. K-online) siehe
|
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Sozialdemokratie
und Faschismus
II
Zur
Entwicklung in den letzten Jahren
der Weimarer Republik
von
Josef Schleifstein
Quellenauszug:
Die „Sozialfaschismus“ - These. Zu ihrem geschichtlichen Hintergrund
(K-online
vom 14.10.2008)
In
den entscheidenden letzten Jahren der Weimarer Republik erhielt die „Sozialfaschismus“-These
durch die Koalitionspolitik der sozialdemokratischen Führung und
insbesondere durch die Tolerierung der Brüningschen
Notverordnungsdiktatur, die den Faschismus den Weg ebnete, neue Nahrung.
Dabei spielten Erlebnisse, die tiefe emotionale Wirkungen hinterließen,
wie der Blutmai 1929 in Berlin, eine große Rolle. Das befestigte immer
wieder sektiererische Positionen in den Reihen der KPD. Aber obwohl an
einigen fehlerhaften strategisch-taktischen Positionen festgehalten
wurde, die eine Unterschätzung der faschistischen Gefahr zur Folge
hatten und die Herstellung einer antifaschistischen Einheitsfront
erschwerten, gingen von der KPD immer wieder und umso nachdrücklicher,
je größer die faschistische Gefahr wurde, Initiativen und praktische
Schritte für den gemeinsamen
antifaschistischen Kampf aus.
Die
KPD vertrat mit vollem Recht die Überzeugung, dass der Faschismus nur
im entschiedenen Kampf, durch entschlossene Aktionen, in der Abwehr der
Angriffe des Kapitals gegen die Arbeiterschaft, durch die Verteidigung
der demokratischen Rechte gegen die Verbotsmaßnahmen und Verfolgungen
der sich auf diktatorische Vollmachten stützenden Regierungspolitik zurückgeworfen
werden konnte. Die KPD erkannte auch klar den Feind, der die Nazipartei
gefördert und finanziert hatte, und der sie nun als sein
terroristisches Werkzeug gegen die Arbeiterklasse und gegen jede
Demokratie einsetzen wollte: die reaktionären und chauvinistischen
Kreise des Monopolkapitals. So war die gesamte historische Erfahrung und
alle politische Vernunft auf ihrer Seite, wenn sie davon ausging, dass
nicht die Tolerierung der schleichenden Faschisierung unter Brüning,
nicht der Kurs des Nachgebens und des Paktierens mit dem Kapital,
sondern nur das gemeinsame Handeln der Arbeiterklasse den Nazismus
besiegen und die Aufrichtung der offenen faschistischen Diktatur
verhindern konnte. Das war der Weg des entschlossenen Massenkampfes, der
Anwendung der außerparlamentarischen Kampfmittel, über die die
Arbeiterklasse verfügt und die bereits 1920 den Kapp-Putsch der
Reaktion und des Militarismus niedergeworfen hatten.
In
der Praxis des politischen Kampfes, angesichts der faschistischen
Bedrohung, überwand die KPD 1932 auch manche Hemmnisse sektiererischer
Art, wurde ihr Kurs der antifaschistischen Einheit mit den
Sozialdemokraten mehr und mehr befreit von (theoretisch und
publizistisch nach wie vor vorhandenen) belastenden Formeln. Das alles förderte
aber auf der anderen Seite, bei den sozialdemokratischen Führern,
keineswegs die Einsicht, dass nunmehr auch die bürgerliche Demokratie
von Weimar ohne die Aktionsgemeinschaft von Sozialdemokraten und
Kommunisten, die ihre Wirkung auch auf die kleinbürgerlichen Schichten
und bürgerlichen Demokraten nicht verfehlen konnte, nicht mehr zu
retten war. Selbst das geringste Zeichen eines positiven Eingehens auf
die zahlreichen kommunistischen Einheitsangebote durch die
sozialdemokratische Führung hätte - wie es später in Frankreich
geschah - die Atmosphäre, das Verhältnis zwischen den beiden Parteien
und ihren vielen Millionen Anhängern tiefgehend verändern können.
Aber ein solches Zeichen kam ernsthaft nicht einmal nach dem 30. Januar
1933. Hier liegt die Hauptursache für den Sieg des Faschismus in
Deutschland.
Zum
Verständnis sei die Entwicklung dieser Jahre in knappen Zügen
nachgezeichnet. Es wurde schon angedeutet, dass ein Ereignis wie der 1.
Mai 1929 unvermeidlich den Graben zwischen Kommunisten und offizieller
sozialdemokratischer Politik vertiefen mußte. Seit vierzig Jahren hatte
die deutsche Arbeiterklasse am 1. Mai demonstriert und nun hatte ein
sozialdemokratischer Polizeipräsident, Zörgiebel, die kommunistische
Maidemonstration für Berlin verboten. Als an die 200.000 Berliner
Arbeiter diesem Verbot trotzten und aus allen Stadtbezirken versuchten,
sich zur Demonstration zu sammeln, tötete die Polizei unter der
Befehlsgewalt des Sozialdemokraten Zörgiebel 31 der kommunistischen
Demonstranten und verletzte viele Hunderte. Ein damals unter Vorsitz
Carl von Ossietzkys gebildeter parteiloser Untersuchungsausschuss kam zu
dem Urteil: „Das Verbot der Straßendemonstration am 1. Mai war tatsächlich
weder in dem proletarischem Brauch noch in dem Wesen der Verfassung begründet.
Die Kommunistische Partei hat keine Toten gewollt und hat die
Arbeiterschaft nicht bewaffnet für Zusammenstöße. Die Kommunistische
Partei ist also nicht die Schuldige für die Toten am 1. Mai.
Das ist unsere feste und freie Überzeugung, und deshalb müssen
wir vom Untersuchungsausschuss die Schuld an diesen Unmenschlichkeiten
des furchtbaren Blutmai 1929 Herrn Zörgiebel zuschieben.“ (68)
Es
liegt auf der Hand, dass der Blutmai 1929 der „Sozialfaschismus“-These
neue Nahrung geben mußte. Einen wichtigen Einschnitt in der
Entwicklung, der die faschistische Gefahr mit einem Schlage in ihrer
ganzen Größe sichtbar machte, bildeten die Wahlen vom September 1930,
bei denen die Nazipartei ihre Stimmen sprunghaft hatte steigern können.
Die Reaktion der sozialdemokratischen Führung war die der
Beschwichtigung und Selbstberuhigung. Der Parteivorsitzende Hermann Müller
erklärte: „In einer ähnlichen Zeit durch Not erzeugter
Begriffsverwirrung, im Mai 1924, eroberten die Deutschnationalen 106
Mandate und die völkischen Gruppen 36. Am 14. September (1930)
eroberten die Nazis 107
Mandate und die Deutschnationalen 41. Also fast das gleiche Volumen. Die
Mannen Hitlers haben die Mannen Hugenbergs aufgefressen und sind dadurch
stärker geworden.“ (69) Noch mehr als ein Jahr später schrieb
Friedrich Stampfer im „Vorwärts“: „Der Hakenkreuzbewegung steht
das Schicksal bevor, das bisher noch alle Bewegungen eines durch
Wirtschaftskrisen radikalisierten Mittelstandes gehabt haben: Enttäuschung
und Zerfall. Gelingt es, den Damm zu halten, bis die Sturzflut abzuebben
beginnt, ist alles gewonnen.“ (70) Fritz Tarnow erklärte auf dem
Leipziger SPD-Parteitag 1931 allen Ernstes, wenn die Nebel der
Wirtschaftskrise sich verzogen haben, dann werde sichtbar sein, dass
auch in dieser Zeit die sozialistischen Fundamente stärker, die
kapitalistischen „schwächer geworden sind.“ (71)
Bekanntlich
begründete die sozialdemokratische Führung ihre Tolerierungspolitik
gegenüber der Brüning-Regierung in den Jahren 1930 - 1932 mit der
Taktik des „kleineren Übels“. Sie behauptete, die Tolerierung der
Notverordnungen des Brüning-Kabinetts würde die parlamentarische
Demokratie retten, die Wirtschaftskrise durch drastische Sparmaßnahmen
überwinden helfen und so schließlich auch die faschistische Gefahr überwinden.
Aber die reale Entwicklung bewies das genaue Gegenteil. Brüning
regierte weitgehend auf dem Wege von Notverordnungen, die der Präsident
- Hindenburg - kraft Artikel 48 der Weimarer Verfassung erließ. Das
Parlament wurde fast völlig ausgeschaltet, demokratische Rechte und
Freiheiten wurden durch Verbots- und Verfolgungsmaßnahmen gegen die
kommunistische Bewegung außer Kraft gesetzt. Da sich der Sozial- und
Lohnabbau der Brüning-Regierung gegen die Arbeiterklasse und die übrigen
werktätigen Schichten richtete, die Wirtschaftskrise sich aber ständig
vertiefte und immer drückenderes Elend hervorrief, trug die
Tolerierungspolitik unvermeidlich dazu bei, die städtischen Kleinbürgermassen
und die Bauern in die Arme der Nazis zu treiben.
Die
Tolerierung der Brüningschen Notverordnungsmaßnahmen durch die SPD ermöglichte
es der Nazipartei und den Deutschnationalen, sich als „konsequente
Opposition“ gegen diese Maßnahmen zu gebärden und aus der
Unzufriedenheit der Werktätigen politischen Gewinn zu ziehen. Der
deutschnationale Führer Hugenberg, maßgeblicher Repräsentant der
Schwerindustrie und Beherrscher der größten Presse- und Filmkonzerne,
enthüllte diesen Mechanismus bereits in einer Rede im März 1932, als
er erklärte, durch die Wahl vom September 1930 sei die Sozialdemokratie
zur Verantwortung gezwungen worden: „Sie hat jede Notverordnung
genehmigt. Sie hat sich damit in ihrer ganzen abschreckenden Nacktheit,
Unwahrhaftigkeit und Schuldbeladenheit vor das deutsche Volk gestellt.
Durch den Auszug der Opposition (Nazis und Deutschnationale, J.Sch.) aus
dem Reichstag ist nachher der ganze entstandene Tatbestand bengalisch
beleuchtet worden. Die Wahl Hindenburgs durch die Sozialdemokratie
vollendet das Bild. Hätte ich im Sommer die Politik Brünings unterstützt,
dann wäre in den Augen der Jugend, der Frauen und aller nach der Idee
suchenden und damit den Lauf der Geschichte beeinflussenden Menschen
alles, was mit Bürgertum, Wirtschaft, Besitz zusammenhängt, verächtlich
geworden. Ein marxistischer Reichspräsident wäre so gut wie sicher.
Ebenso eine marxistische Mehrheit im Parlament.“ (72)
Die
sozialdemokratische Führung begründete die Tolerierung der Brüningschen
Notverordnungsdiktatur vor allem damit, dass nur so eine faschistische
Diktatur vereitelt, dass nur auf diese Weise eine Hineinnahme der
Nazipartei in die Regierung verhindert werden könne. Sie behauptete
ferner, nur so werde die Republik verteidigt und das parlamentarische
System gerettet. Niemand anders als Heinrich Brüning hat später in
seinen Memoiren dies Behauptung in allen nur wünschenswerten
Einzelheiten widerlegt und er hat obendrein bezeugt, dass die
sozialdemokratischen Führer über diese gegenteiligen Tatbestände
genau informiert waren. Brüning berichtet dort über seine ständigen Fühlungsnahmen
mit Führern der Nazipartei und über seine Absicht, zunächst in
einigen Ländern eine Koalition der Zentrumspartei mit den Nazis zu
bilden, um später die Nazipartei auch in die Reichsregierung zu nehmen.
So verhandelte er sowohl mit Deutschnationalen wie mit den Naziführern
über eine parlamentarische Amtsverlängerung der Präsidentschaft
Hindenburgs (um Präsidentenwahlen zu vermeiden). Darüber berichtet Brüning,
er habe Hugenberg erklärt, dass „wenn die beiden Rechtsparteien
(Deutschnationale und Nazipartei, J.Sch.) der parlamentarischen Amtsverlängerung
des Reichspräsidenten zustimmen würden, eine sofortige Heranziehung
dieser Rechtsparteien zu Regierung unausweichlich sein würde.“ (73)
Über seine gegen die Verfassung der Republik gerichteten
Staatsstreichpläne zur Wiedereinführung der Monarchie - die Präsidentschaft
sollte in eine Regentschaft des Hohenzollern-Kronprinzen umgewandelt
werden - verhandelte Brüning auch mit der sozialdemokratischen Führung.
Über ihre Reaktion hat er berichtet: „Sie ließen durchblicken, dass
für sie eine legale Weiterentwicklung bis zur Monarchie kein unüberwindliches
Hindernis sein würde. Es würde ihnen gelingen, ihre Massen
schrittweise an diesen Gedanken zu gewöhnen, falls die Alternative
gestellt würde: Nazidiktatur oder Monarchie.“ (74) Offizielle
Koalitionsverhandlungen zwischen dem katholischen Zentrum und der
Nazipartei fanden nach den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 statt.
Diese Gespräche wurden nach den Wahlen vom 6. November 1932 wieder
aufgenommen. Am Tage nach diesen Wahlen hatte der Parteivorsitzende des
Zentrums, Prälat Kaas, in einem Aufruf die Bildung „einer starken,
volksverbundenen Reichsregierung“ gefordert. Darüber konnte aber in
dieser Situation nur eine Koalition des Zentrums mit der Nazipartei
gemeint sein. Auf der Sitzung des SPD-Parteiausschusses am 10. November
1932 erwähnt der sozialdemokratische Parteivorsitzende Otto Wels den
Plan des Zentrums, „ein Notkabinett von Strasser bis Severing“ zu
bilden, was eine „Rechtsregierung von Nazis und Zentrum unter Duldung
der Sozialdemokraten“ bedeuten würde. (75)
Man
muss hinzufügen, dass die sozialdemokratischen Führer, die regelmäßig
mit Brüning verhandelten - Hilferding, Braun, Hermann Müller, Severing
-, ihre Anhänger in gefährlichen Illusionen wiegten, obwohl es
gelegentlich durchaus realistische Einschätzungen des Brüningschen
Notverordnungskabinetts in der sozialdemokratischen Presse gab. So
nannte beispielsweise der „Vorwärts“ am 12. September 1930 die Brüning-Regierung
einen „Schrittmacher des Faschismus“ und kam damit der Wahrheit und
der Auffassung der KPD sehr nahe. Einer der sozialdemokratischen
Vorsitzenden der Gewerkschaften (ADGB), Peter Graßmann, erklärte um
die gleiche Zeit, Brüning, Treviranus und andere volkskonservative
Politiker träumten davon, „die halbfaschistische Herrschaft
aufzubauen.“ (76) Aber die
Führer der SPD schlugen alle derartigen Warnungen in den Wind, unterdrückten
jede aktive Strömung des Widerstands gegen den Faschisierungsprozess
und suchten die Massen immer wieder mit der Beschwörungsformel zu besänftigen,
die Politik des „kleineren Übels“ sei das einzige Mittel, dem
Faschismus den Weg zur Macht zu versperren.
Dies
zeigte sich besonders drastisch an zwei Ereignissen des Jahres 1932, die
den Weg zur Aufrichtung der faschistischen Diktatur wesentlich
beschleunigten: das aktive Eintreten der SPD für die Kandidatur
Hindenburgs zum Reichspräsidenten im Frühjahr 1932 und das kampflose
Abdanken der sozialdemokratisch geführten Preußenregierung im
Zusammenhang mit dem Staatsstreich Papens am 20. Juli 1932. Es genügt,
einige der sozialdemokratischen Stimmen zur Hindenburgwahl anzuführen,
um die beispiellose politische Blindheit begreiflich zu machen, mit der
die SPD-Führung ihren Wählermassen zu suggerieren suchte, ein Bündnis
mit der „gemäßigten“ Rechten könne den Faschismus verhindern, während
in Wirklichkeit diese gemäßigte Rechte und ihre Symbolfigur Hindenburg
längst mit Deutschnationalen und Nazis kuhhandelten, um deren
Hineinnahme in die Regierung zu ermöglichen. So schrieb der „Vorwärts“
am 28. Februar 1932: „Wir sind es Friedrich Ebert schuldig, zu
verhindern, dass ein Adolf Hitler auf seinen Stuhl Platz nimmt. Und wenn
wir das nur verhindern können, indem wir Hindenburg wählen, dann wählen
wir eben Hindenburg!“ (77) Ernst Heilmann, einer der führenden
rechtssozialdemokratischen Publizisten, der später von den Nazis
ermordet wurde, feierte das Ja zur hindenburgkandidatur als „eine der
wichtigsten Zielsetzungen der Tolerierungspolitik“, als Ausdruck
staatsmännischer Klugheit und prophezeite: „... unterliegt der
faschistische Kandidat ..., dann haben die Nationalsozialisten in
Deutschland ihr Spiel endgültig verloren, dann ist ihr Plan des
Putsches von oben undurchführbar geworden.“ (78)
Kaum
zehn Monate später war es dieser sozialdemokratische Präsidentschaftskandidat
Hindenburg, der zum Vollstrecker eben dieses „Putsches von
oben“ wurde. Die sozialdemokratische Führung betrog ihre Millionen Wähler
und sich selbst, wenn sie die Verfassungstreue Hindenburgs rühmte, wenn
Heilmann schrieb, Hindenburg werde niemals „ein Reichspräsident des
nationalsozialistischen Verfassungsbruchs und Blutregiments“ sein.“
(79)
Selbst
nach dem Staatsstreich in Preußen, als die Pläne einer extrem reaktionären
Gruppierung der Schwerindustrie, des Bankkapitals und des Großgrundbesitzes,
den Reichspräsidenten Hindenburg zur Berufung Hitlers als Reichskanzler
zu drängen, vor aller Welt offenkundig waren, Ende Oktober 1932, wurde
in der offiziellen sozialdemokratischen Parteizeitschrift „Das freie
Wort“ die „unbedingte subjektive Verfassungstreue“ Hindenburgs als
Hindernis für die Staatsstreichler angepriesen. (80)
Sie
hätte es besser wissen müssen und besser wissen können. Das beweist
sogar das Urteil des damaligen Reichskanzlers und rechten
Zentrumspolitikers Heinrich Brüning, der aus dieser zeit der
Wahlkampagne für Hindenburg berichtet: „Keine Rede in der ganzen Zeit
ist mir so schwergefallen wie diese. Die Leute, die zum Teil ohne Mäntel
in entsetzlicher Armut und Not dort sassen, mußte ich für die
Stimmabgabe für den Reichspräsidenten gewinnen und ihnen beibringen,
dass er sie vor einem Verfassungsbruch behüten würde, während ich
wusste, dass der Reichspräsident sich gleich nach seiner Wahl gegen sie
wenden würde.“ (81)
Nach
dem zweiten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl, bei dem er knapp siegte,
hatte von Hindenburg die Regierung Papen-Schleicher berufen, die von
vornherein als ein Übergangskabinett zur Installierung der
offenen faschistischen Diktatur angesehen werden mußte. Papen beeilte
sich, die rechtmäßige Regierung des größten Landes im Deutschen
Reich, die sozialdemokratisch geführte Preußenregierung, auf dem Wege
des Staatsstreichs abzusetzen und einem von ihm ernannten
Staatskommissar die Regierungsvollmachten zu übertragen. Das war nicht
nur ein eklatanter Rechtsbruch (obgleich sich der von der SPD gewählte
Hindenburg ironischerweise den sozialdemokratischen Ministern gegenüber
auf den Sozialdemokraten Ebert berufen konnte, der 1923 als Reichspräsident
die ebenso rechtmäßigen linkssozialdemokratisch-kommunistischen Länderregierungen
in Sachsen und Thüringen durch die „Reichsexekutive“ hatte
auseinander treiben lassen), es war auch die bis dahin ernsteste
Warnung, dass die Reaktion entschlossen war, das parlamentarische System
und die bürgerliche Demokratie vollends zu beseitigen.
Der
20. Juli 1932 war somit ein entscheidender Knotenpunkt im Prozess der
Zerstörung der Weimarer Republik, an dem durchaus noch die reale Chance
bestand, durch eine vereinte Aktion aller Arbeiterorganisationen und bürgerlich-republikanischen
Kräfte die Aufrichtung der faschistischen Diktatur zu verhindern. Aber
selbst in dieser ernsten Situation lehnte die Führung der
Sozialdemokratie ebenso wie die sozialdemokratischen Führer der
Gewerkschaften den dringenden Appell des Zentralkomitees der
Kommunistischen Partei Deutschlands zum gemeinsamen Kampf, zur Durchführung
des Generalstreiks gegen den Staatsstreich und gegen die
Papen-Schleicher-Regierung ab. Die sozialdemokratische Führung mahnte
zu „Ruhe und Ordnung“, nannte den kommunistischen Aufruf zum
Generalstreik „provokatorisch“, vertröstete auf die Wahlen vom 31.
Juli und auf ein Urteil des Staatsgerichtshofes, den die preußische
Braun-Severing-Regierung angerufen hatte. Der SPD-Parteivorstand
billigte die Kapitulation der Preußenregierung und lehnte jede außerparlamentarische
Massenaktion gegen den Staatsstreich und den Ausnahmezustand ab. Obwohl
der „Vorwärts“ noch am 17. Juli prahlerisch gewarnt hatte, wenn
sich jemand einbilden sollte, „dass die Organisation der Eisernen
Front eine Aufhebung der republikanischen Verfassung des Deutschen
Reiches dulden würden, dann befände sich dieser Jemand in einem verhängnisvollen
Irrtum“, und obwohl er in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf den
Kapp-Putsch hingewiesen hatte, war nunmehr sein einziges Wort die Vertröstung
auf Staatsgerichtshof und Wahlen als die „zuständigen“ Instanzen.
(82)
Die
sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer reagierten ebenso. Sie mahnten
zur „Besonnenheit“, erklärten, noch sei die Lage in Preußen nicht
endgültig entschieden, und beschworen als Antwort die Wahlen. Den
Generalstreik lehnten sie mit der Begründung ab, man lasse sich „die
Stunde des Handels“ nicht „von Gegnern der Gewerkschaften“
vorschreiben. Die Berliner Gewerkschaftsleitung rief zu „Disziplin“
und gegen „Provokationen“ auf und wandte sich gegen eine von den
Kommunisten einberufene Betriebsrätekonferenz. Dabei mußte selbst der
„Vorwärts“ am Tage nach dem Staatsstreich Papens eingestehen: „In
den Versammlungen der ,Eisernen Front’, die gestern abend in allen
teilen Berlins abgehalten wurden, herrschte eine Kampfstimmung von
solcher Leidenschaftlichkeit und Entschlossenheit, wie wir sie selbst in
den letzten Wochen ... noch nicht erlebt haben.“ (83)
Man muss hinzufügen, dass in den sozialdemokratischen
Versammlungen nach dem 20. Juli 1932 jede Kritik an der Kapitulation der
Preußenregierung mit stürmischen Beifall bedacht wurde und dass
diejenigen, die die Haltung der Minister und des Parteivorstandes
verteidigten, oft genug auf heftigen Widerspruch stießen. (84)
Das historische Urteil über diese beispiellose Kapitulation
wurde damals in den Spalten der reaktionären Presse vorweggenommen. So
schrieb das blatt des deutsch-nationalen Führers Alfred Hugenberg, später
Minister der ersten Hitlerregierung, am 21. Juli: „... dass die
Sozialdemokratie ihre Leute bremst und auf den Wahltag vertröstet, ist
erfreulich“ und von der „Berliner Börsen Zeitung“ kam am gleichen
Tage das Eingeständnis, die „Hauptsorge war, ob Gewerkschaften und
Sozialdemokraten den Generalstreik proklamieren würden oder
nicht.“(85) Der „Vorwärts“
rühmte das Ergebnis sozialdemokratischer Kapitulationspolitik noch mit
den Sätzen: „Jawohl, in Berlin ist alles ruhig geblieben, aber sie mögen
sich nicht täuschen: Nur der Besonnenheit der sozialdemokratischen Führung
und ihrer Kaltblütigkeit . . . ist dies zu danken!“(86)
So
erwiesen sich die wiederholt von der sozialdemokratischen Führung
abgegebenen Versprechungen, man werde beim Versuch einer Zerstörung
„der Grundlagen der Demokratie“ auch die „letzten Mittel“
anwenden, als Schall und Rauch. Mancher sozialdemokratische Arbeiter mag
in jenen Tagen an die bombastische Erklärung von Otto Wels auf dem
Magdeburger Parteitag der SPD von 1929 gedacht haben: „Gelänge es
aber den Feinden der Republik, der Demokratie in Deutschland so schweren
Schaden zuzufügen, dass kein anderer Ausweg bliebe als die Diktatur,
dann sollen Stahlhelm, Nationalsozialisten und ihre kommunistischen Brüder
von Moskau wissen: Die Sozialdemokratie und Gewerkschaften . . . würden
auch sie zu handhaben wissen. Das Recht der Diktatur fiele ihnen zu und
niemand anderen.“(87) Nach
der Katastrophe der faschistischen Diktatur und des von ihr entfesselten
Weltkrieges schrieb einer der Befürworter jener Weimarer
rechtssozialdemokratischen Politik, Wilhelm Hoegner, die freie
Arbeiterbewegung wäre damals „nur noch mit dem Einsatz neuer,
gewagter und äußerster Mittel zu retten“ gewesen. (88) Aber das
waren genau die Mittel, die die Kommunistische Partei der
Sozialdemokratie und den Gewerkschaften vorgeschlagen hatte.
Den
Versuch der sozialdemokratischen Führung, den Papen-Staatsstreich so zu
interpretieren, als wenn man der Provokation durch Papen mit einem
besonders klugen Schachzug geantwortet habe, als die sozialdemokratisch
geleitete Preußenregierung kampflos abdankte und kapitulierte, hat der
damalige Reichstagsabgeordnete der SPD und spätere bayrische Ministerpräsident
Wilhelm Hoegner rückblickend so kommentiert: „Die Vorstände der
Sozialdemokratischen Partei und der freien Gewerkschaften suchten
vergebens ihre Ohnmacht und Entschlusslosigkeit zu bemänteln.“(89)
Die
Führung der SPD zog auch aus dem Wahlergebnis vom Juli 1932 - die
Nazipartei hatte in dieser Reichstagswahl die bürgerlichen Rechts- und
Mittelparteien, bis auf das katholische Zentrum, fast völlig aufgesogen
und die Zahl ihrer Mandate von 107 auf 230 gesteigert, die SPD war von
143 auf 133 Mandate zurückgegangen, die KPD hatte ihre Mandatszahl von
77 auf 89 erhöht - nicht die Schlussfolgerung, dass nun der Faschismus
nur noch durch einen gemeinsamen Kampf mit den Kommunisten aufgehalten
werden konnte. Nachdem sie jahrelang an der Spitze der Regierung
gestanden un keine einzige der viele Male versprochenen
Sozialisierungsmaßnahmen in die Tat umgesetzt hatte; nachdem sie dann
jahrelang jeden Lohn- und Sozialabbau der Brüningschen
Notverordnungsdiktatur toleriert und ihren Wählern als das „kleiner
Übel“ angepriesen hatte; nachdem schließlich einer ihrer
profiliertesten Wirtschaftspolitiker, Fritz Tarnow, auf dem Leipziger
Parteitag 1931 in einer berühmt-berüchtigten Rede begründet hatte,
warum Sozialdemokratie und Gewerkschaften in der Krise „Arzt am
Krankenbett des Kapitalismus“ zu sein hätten, entdeckte die
sozialdemokratische Führung im Sommer 1932, also am Tiefpunkt der
Wirtschaftskrise, plötzlich den Sozialismus und die Notwendigkeit von
Sozialisierungsmaßnahmen.
Paul
Löbe sollte im September 1932 im Reichstag (durch dessen Auflösung kam
es nicht dazu, das Programm wurde aber breit publiziert) eine Erklärung
abgeben, in der die Sozialdemokratie „die Verstaatlichung der maßgeblichen
und beherrschenden Industrien sowie der Geldinstitute“ forderte,
„damit die deutsche Wirtschaft planmäßig zum Wohle der Allgemeinheit
arbeiten kann.“(90) Wilhelm Hoegner schreibt später über diese Anträge:
„Die von den wissenschaftlichen Hilfsarbeitern der Reichstagsfraktion
ausgearbeiteten Anträge auf Sozialisierung der Kraftquellen und Schlüsselindustrien
wurden aus den Schubladen hervorgeholt un im Reichstag eingebracht. Sie
wären im Jahre 1919 mit Begeisterung aufgenommen worden, jetzt aber
wirken sie wie Versteinerungen in einem Raritätenkabinett. Niemand
traute der jetzt politisch ziemlich einflusslosen Sozialdemokratie den
ernsten Willen zu einer Sozialisierung zu, die sie nicht einmal auf dem
Gipfel ihrer macht, im Winter 1918/19, durchgeführt hatte.“(91) Einer
der Urheber dieser „sozialistischen Aktion“, Friedrich Stampfer, hat
in seinen Memoiren ihren rein demagogischen und gegen die Kommunistische
Partei gerichteten Sinn enthüllt: „Vom Standpunkt der allgemeinen
Politik aus kam es mir, aufrichtig gestanden, in diesem besonderen Fall
mehr auf die Fixigkeit als auf die Richtigkeit an. Besseres als die
Nazis oder die Kommunisten, so dachte ich, würden unsere Sachverständigen
schon zusammenbringen. . . Der . . . Plan sollte aber noch eine andere
Wirkung haben. Er sollte der Sozialdemokratie gegenüber der
Kommunistischen Partei die Führung in der politischen Arbeiterbewegung
sichern. Gelang es, die Massen für den Plan ins Feuer zu bringen, dann
blieb der KPD nur die Rolle des Mitläufers oder die des unfruchtbaren
Kritikasters.“(92) In
Fortsetzung dieser Aktion kündigte der Parteivorsitzende Wels in der
Sitzung des SPD-Parteiausschusses vom 16. Dezember 1932, also sechs
Wochen vor der Aufrichtung der faschistischen Diktatur, allen Ernstes
an, der für März 1933 geplante SPD-Parteitag solle als „Parteitag
des sozialistischen Aufbaus“ abgehalten werden.(93)
So
unglaublich es klingen mag, die sozialdemokratische Führung meinte nach
den Wahlen vom 6. November 1932, als die Nazipartei zwei Millionen
Stimmen verlor und ihr Höhepunkt überschritten schien, ebenso wie im
Zusammenhang mit der Berufung des Vertreters der Reichswehrführung
General von Schleicher zum Reichskanzler, mit dem die
sozialdemokratische Gewerkschaftsführung eine Kooperation anstrebte,
die Aufrichtung der Hitlerkandidatur verhindern zu können. Sie stimmte
bereits Jubellieder an, nun sei die nazistische Gefahr gebannt. So
schriebRudolf Hilferding, einer der Hauptarchitekten der
Tolerierungspolitik gegenüber dem Brüning-Kabinett und des kampflosen
Rückzugs vor jedem reaktionären Angriff, an der Jahreswende 1932 bis
1933: „Die faschistische Bewegung ist in Deutschland aus der
Staatsmacht, deren Ergreifung so unmittelbar bevorzustehen schien,
ferngehalten worden dank der Taktik der Sozialdemokratie, die durch ihre
Tolerierungspolitik den Zusammenschluss des Bürgertums zu einer
reaktionären Masse unter faschistischer Führung vermieden und den
Eintritt der Faschisten in die Regierung während des Aufstiegs
verhindert hat.“ Der Wahn, die Nazipartei sei nunmehr „in die
Legalität“ gebannt, und diese „Legalität“, die längst
durchbrochen und ausgehöhlt war, könne nicht als Werkzeug der
Errichtung einer offenen faschistischen Diktatur dienen, war so stark,
dass Hilferding in dem gleichen Artikel die folgende Prognose stellte:
„Die Nationalsozialisten aber sind in die Legalität gebannt, die
ihnen nur die Wahl lässt, als dienendes Glied in einem Bürgerblock den
beginnenden Abstieg zu beschleunigen oder ihm in einer Opposition erst
recht nicht zu entgehen, die ihre ungeduldig auf Rettung wartenden Anhänger
enttäuscht.“(94)
Auf
diese Weise wurden die Ergebnisse der Reichstagswahlen vom 6. November
1932 von der sozialdemokratischen Parteiführung in erschreckender
Verkennung der faschistischen Gefahr missdeutet. Denn der Wahlausgang,
mit seinen schweren Verlusten für die Nazipartei - sie hatte zwei
Millionen Stimmen und 34 Mandate verloren - musste vielmehr für die zur
Aufrichtung der faschistischen Diktatur entschlossenen Kreise des
Monopolkapitals ein Warnsignal sein, ihre Anstrengungen zu
vervielfachen. Er hätte ein Signal auch für die Arbeiterbewegung sein
müssen, alles zu tun, um trotz der bestehenden
Meinungsverschiedenheiten, ein gemeinsames Vorgehen zu erreichen.
Die
sozialdemokratische Geschichtsschreibung führt zur Rechtfertigung der
Tatsache, dass die sozialdemokratische Parteiführung und die
sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer alle kommunistischen Angebote
zu gemeinsamer Aktion auch in der letzten Phase der Weimarer Republik
ablehnte, mit Vorliebe die Haltung der KPD beim preußischen
Volksentscheid im Sommer 1931 und den Berliner Verkehrsarbeiterstreik
vom November 1932 an - als Beispiel für ein angebliches Zusammengehen
der Kommunisten mit den Nazis. Nun war die Stellung der KPD beim preußischen
Volksentscheid 1931 tatsächlich ein schwerwiegender Fehler, der durch
den Einfluss der sektiererischen Gruppe um Neumann im Zentralkomitee und
durch führende Vertreter der Kommunistischen Internationale (Stalin,
Molotow) zustandekam. Die KPD hatte sich zunächst entschieden gegen das
von Deutschnationalen und Nazis eingeleitete Volksbegehren und gegen den
Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtags gewandt. Paul
Schwenk und andere kommunistische Abgeordnete waren im preußischen
Landtag gegen das Manöver der Rechtsparteien aufgetreten. Die Exekutive
der Kommunistischen Internationale setzte gegen die vom Politbüro des
Zentralkomitees der KPD bereits beschlossene Ablehnung der Teilnahme am
Volksentscheid die Änderung dieses Beschlusses durch. Die gesamte
sozialdemokratische und bürgerliche Geschichtsschreibung verschweigt
aber, und dies muss hinzugefügt werden, dass die KPD vor der
Abstimmung einen Brief an die sozialdemokratisch geführte Preußenregierung
richtete, in dem sie vier Forderungen zum Kampfe gegen den Faschismus
und im Interesse des arbeitenden Volkes vorschlug, von deren
Beantwortung sie ihre Entscheidung für oder gegen den Volksentscheid
abhängig machte. Der sozialdemokratische Innenminister Carl Severing
lehnte es im Namen der preußischen Regierung ab, auf „Bedingungen“
auch nur einzugehen.
Ganz
anders aber verhält es sich im Falle des Berliner
Verkehrsarbeiter-Streiks. Der in diesem Zusammenhang erhobene Vorwurf
eines „Zusammengehens“ der Kommunisten mit den Nazis, der unzählige
Male wiederholt wurde, kann keiner ernsthaften Prüfung der historischen
Tatsachen standhalten, und er ist obendrein seit 1975, seitdem nämlich
die Protokolle der Beratungen leitender Gremien der SPD 1932-1933 veröffentlicht
wurden, durch die zeitgenössischen sozialdemokratischen Zeugnisse
selbst ad absurdum geführt worden.
Am
2. November 1932 hatte sich durch Urabstimmung eine große Mehrheit der
Berliner Verkehrsarbeiter für den Streik gegen den bereits mehrfach
erfolgten Lohnabbau ausgesprochen. Um nicht jeden Einfluss unter den
Arbeitern zu verlieren, schlossen sich die Nazis dem Streik aus rein
demagogischen Gründen an. Die Kommunisten gingen mit vollem Recht davon
aus, dass die Einbeziehung aller Verkehrsarbeiter am besten
geeignet sein würde, vor den Nazianhängern die soziale Demagogie der
Naziführung zu entlarven. Dem Streikkomitee gehörten auch
sozialdemokratische Arbeiter an. Die Beratungen des Parteiausschusses
der SPD vom 10. November 1932 beweisen, dass auch unter den Führern der
SPD die Berechtigung des Streiks anerkannt, eine Beteiligung der in den
sozialdemokratisch geführten Gewerkschaften organisierten
Verkehrsarbeiter begrüßt, also die Haltung dieser Gewerkschaften
verurteilt wurde. Auf der erwähnten Sitzung äußerten sich mehrere
sozialdemokratische Führer - Litke (Berlin), Lipinski (Leipzig),
Dietrich (Weimar) - in diesem Sinne. Carl Litke führte u. a. aus:
„Wir sind der Meinung, dass das Berliner Wahlresultat“ (in Berlin
hatten bei der Wahl am 6. November die KPD - 37,7 %, die SPD - 23,5 %,
die Nazipartei - 22,5 % der Stimmen erhalten, J.Sch.) „allein beeinflußt
wurde durch den Berliner Verkehrsarbeiterstreik. ... Es ist eine
Urabstimmung gewesen und der Gesamtverband konnte ihr nicht Folge
leisten, weil nicht 3/4-Mehrheit vorhanden war. Der Gesamtverband wusste
doch, dass von 21.000 Mann Belegschaft nur 6.000 freigewerkschaftlich
organisiert waren, dann hätte er seine Mitglieder selbst zusammen
berufen und sie selbständig abstimmen lassen sollen. Nachdem sich überhaupt
66 % für den Streik erklärt hatten, hätten sie bestimmt für den
Streik gestimmt, und dann wäre eine klare Entscheidung da gewesen. ...
Es wäre durch einen sozialdemokratischen Antrag die Möglichkeit
vorhanden gewesen, dass der Zwei-Pfennig-Lohnabzug nicht vorgenommen
wurde. ... Genossen, die Pfeile getragen haben“ (das Abzeichen der
sozialdemokratischen ,Eisernen Front’, J.Sch.) „sind als
Streikbrecher angesehen worden und die Genossen, die an Bahnhöfen
wohnen, haben ihre Fahnen hereingenommen. Wir haben doch die
Parole in die Massen hineingetragen: Schluss mit den Lohnabzügen!“
Im
gleichen Sinne äußerte sich auf derselben Beratung der thüringische
Vertreter Dietrich (Weimar), der u. a. erklärte: „Lipinski möchte
ich sagen, dass wir so etwas wie den Verkehrsstreik nicht mehr ertragen
können. Eine Gewerkschaft muss aber in solchen Fällen einen Weg
finden. Es geht nicht an, dass weil 150 Stimmen an der vorgeschriebenen
Zahl fehlen“ (bei der Streikurabstimmung, J.Sch.) „wir uns die ganze
Sache aus der hand nehmen lassen. ... Es ist notwendig zu sagen, dass
wir uns damit vertraut machen müssen, dass wir auf irgendeine Weise aus
der Schlichtungsmaschine heraus müssen. Wir können unseren Kollegen
nicht zumuten, die Streikbrecher zu machen, das liefert unsere Partei
der Vernichtung aus.“(95)
Von
der sozialdemokratischen Geschichtsschreibung ist geltend gemacht
worden, es habe ja auch von Seiten der SPD in den letzten Monaten der
Weimarer Republik Bemühungen um eine Einheitsfront gegeben. In der Tat
hatte Friedrich Stampfer, der Chefredakteur des „Vorwärts“ vor den
Wahlen vom 6. November einen offensichtlich nur wahlpropagandistisch und
rhetorisch gemeinten Versuchsballon zu diesem Thema steigen lassen. Auf
einer Wahlkundgebung hatte er erklärt: „Die Einheitsfront, von der
die Kommunisten sprechen, kann erst nach Jahren kommen, wir aber
brauchen die Einheitsfront des Proletariats hier und heute. Ich erkläre
vor aller Öffentlichkeit, dass wir uns nach dem 6. November“ (dem
Wahltag) „an die Kommunisten mit der Frage wenden werden: Erklärt
Euch, was Ihr tun wollt, um die wahre Einheitsfront zum Schutze der
sozialen und politischen Errungenschaften des Proletariats und zur
Wiedereroberung verlorener Positionen zu schaffen und kämpfend zum Ziel
des Sozialismus vorzumarschieren!“ (96) Aber die sozialdemokratische
Parteiführung hat weder nach dem 6. November noch vor oder nach dem 30.
Januar 1933, als Hitler zum Reichskanzler berufen wurde, der
Kommunistischen Partei irgendein offizielles Angebot gemacht, sie hat
sich immer darauf beschränkt, die kommunistischen Angebote zum
gemeinsamen Kampf schroff zurückzuweisen und sie als „Provokation“
zu denunzieren.
In
der Beratung des Parteiausschusses der SPD vom 10. November wurde
Stampfer wegen seiner Äußerungen auf der Wahlversammlung von
zahlreichen Rednern angegriffen, so von Hilferding, Crispien, Mathilde
Wurm. Zwar mussten nicht wenige der Sitzungsteilnehmer eingestehen, dass
„die Genossen im Lande draußen“ den „Wunsch nach einer
Einheitsfront sehr lebhaft“ äußern. (97) Aber sie blieben bei der
Ablehnung aller praktischen einheitsfrontbestrebungen, und der
Parteivorsitzende Wels ließ in seinem Schlusswort darin nicht den
geringsten Zweifel, als er u. a. erklärte: „Die Einheitsfront wird
wieder proklamiert. Ich habe in der letzten Sitzung schon gesagt, die
Einheitsfront von den Kommunisten ist eine Täuschung der
Arbeiterklasse. ... Wir ringen um die Seele des Arbeiters. Dazu brauchen
wir nicht einen Kampf um die Einheitsfront zu proklamieren; wir sagen
das, was wir immer gesagt haben.“ (98)
Selbst
auf den Beratungen der Führungsgremien, die bereits nach Aufrichtung
der faschistischen Diktatur stattfanden (am 31. Januar und Anfang
Februar 1933), und auf denen führende sozialdemokratische Funktionäre
sich, wenn auch in vorsichtiger Form, positiver zur Idee der
Einheitsfront mit den Kommunisten äußerten, so die Berliner Führer Künstler
und Litke, wurden solche Auffassungen strikt abgelehnt. Zu einem
Vorschlag Stampfers, der KPD ein Angebot zu machen, erklärte Hilferding,
man solle doch endlich „von der fixen Idee der Einheitsfront
abkommen.“ (99)
Das
Bild wäre aber nicht vollständig, wenn man nicht hinzufügen würde,
dass die sozialdemokratische Führung nicht nur die Angebote der
Kommunistischen Partei zu gemeinsamer
Aktion ablehnte, sondern, dass sie ihrerseits, trotz vieler
gegenteiliger Versprechungen und Proklamationen, jeden eigenen Aufruf
zu außerparlamentarischen Aktionen an den entscheidenden Knotenpunkten
der Weimarer Entwicklung unterließ. So hatte der „Vorwärts“ wenige
Tage vor dem Staatsstreich vom 20. Juli in einem Leitartikel
verlautbart: „Damit jedermann weiß, woran er ist, möchten wir auch
davor warnen, die Aufrufe der KPD zu Protest- und Gewaltstreiks von mehr
oder weniger kurzer Dauer aus irgendeinem Anlass ernst zu nehmen. Wir
lassen diese letzte entscheidende Waffe des Proletariats nicht durch
Pfuscher abstumpfen. Ob und wann sie einzusetzen ist, darüber
entscheiden allein die verantwortlichen Organisationen. Sie werden, wenn
es um die Lebens- und Grundrechte der Arbeiter geht, ohne zu zaudern mit
der vollen Wucht der Organisation zuschlagen.“ (100)
Aber diese, in Worten so radikalen „Meister“, dachten in
keinem Augenblick daran, diese Mittel einzusetzen oder überhaupt zum außerparlamentarischen
Widerstand in irgendeiner Form aufzurufen.
Weder
nach dem 20. Juli 1932 noch nach dem 30. Januar 1933 ging vom
Parteivorstand der SPD und von
den sozialdemokratisch geleiteten freien Gewerkschaften auch nur die
geringste Initiative in dieser Richtung aus. Wo in den Führungsgremien
einzelne Stimmen laut wurden (Aufhäuser, Sender, Litke), die wenigstens
die Frage aufwarfen, ob man denn in einer so ernsten Situation nicht
doch zu außerparlamentarischen Mitteln greifen müsse, wurden sie von
den einflußreichen Führern - Wels, Hilferding, Leipart - zurückgewiesen
oder auf eine unbestimmte Zukunft vertröstet, wobei stets die
verfassungsrechtlichen Illusionen und die selbstmörderische Unterschätzung
der faschistischen Gefahr als Begründung dienten. In der Beratung des
Parteiausschusses vom 10. November 1932 fragt die Abgeordnete Toni
Sender verzweifelt: „Ihr habt doch schon so oft, auch auf dem
Parteitag, von außerparlamentarischen Aktionen geredet, habt Ihr Euch
denn dabei gar nichts gedacht?“ (101)
Der
Parteivorsitzende Wels hatte in derselben Beratung, also zweieinhalb
Monate vor Aufrichtung der faschistischen Diktatur, die Antwort mit
nicht mehr glaubhafter Beschwichtigung und Selbstberuhigung gegeben:
„Vorderhand haben wir noch den rein verfassungsmäßigen
Zustand.“... „Wir stehen nicht am Ende der Demokratie. Die Kämpfe,
die die Leute fünfmal an die Wahlurne gerufen haben, sagen uns, dass
wir am Anfang der Demokratie stehen.“ ... „Wir haben dann im Laufe
der Jahre fünf Schlachten geschlagen unter dem Rufe: Schlagt Hitler!
Und nach der fünften war er geschlagen.“ Noch anderthalb Monate vor
der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, in der Beratung des
SPD-Parteiausschusses vom 16. Dezember 1932 erklärt Wels: „Ich habe
bereits vorhin gesagt, dass ich in bezug auf die weitere Entwicklung der
Geschehnisse optimistisch bin, trotzdem ich ein Abflauen der
Wirtschaftskrise nicht sehe. Ich sehe aber die Katastrophe nicht vor der
Tür stehen.“ (102)
Charakteristisch
für den Inhalt der aus dieser Zeit bekannt gewordenen Beratungen in den
sozialdemokratischen Leitungsgremien ist nicht nur diese schon
gespenstische Unterschätzung der Gefahr des Faschismus, sondern auch
die Tatsache, dass im Bewusstsein dieser Führer - nach den
reichstagswahlen vom November 1932 - die „Gefahr“, die Kommunisten könnten
die Sozialdemokratie an Wählerstimmen überholen, fast eine größere
Rolle spielte, als die Überlegungen, wie die faschistische Bedrohung
abzuwenden sei. In der Parteiausschusssitzung vom 10. November spricht
Breitscheid davon, dass das Anwachsen der kommunistischen Stimmen der
SPD „den stärksten Grund zum Nachdenken“ gebe und dass man alles
tun müsse, „um ein weiteres Anwachsen der Kommunisten zu
verhindern“. Künstler, der Vorsitzende der SPD in Berlin, erklärt,
in den Arbeiterbezirken ginge die SPD von Wahl zu Wahl zurück, während
ein Anwachsen der KPD zu beobachten sei; das läge daran, „dass wir
die bessergestellten Schichten bei uns behalten und die Arbeiterschaft,
die früher unser Kraftreservoir war, abgestoßen wird.“ Böchel aus
Chemnitz sieht sich zu der dramatischen Warnung veranlasst: „Wir sind
im Endspurt mit den Kommunisten. Wir brauchen nur noch ein Dutzend
Mandate verlieren, dann sind die Kommunisten stärker als wir. Wisst
ihr, was das bedeutet? Das wäre der berühmte psychologische Moment für
die kommunistische Agitation.“ Und der Parteivorsitzende Wels fasst
diese angesichts der Situation makaber anmutenden Ängste in dem Satz
zusammen: „Wir haben festgestellt, dass wir in einem riesenhaften
Kampf des Vertrauens den Einzelnen wiedererobern müssen, und wir haben
hierbei nur einen wirklich großen Konkurrenten: Das sind die
Kommunisten. ...“ (103)
Zu
einer Zeit, da bereits intensive Verhandlungen der einflussreichen Kräfte
des Monopolkapitals und Großgrundbesitzes mit Hitler im Gange waren und
als der Druck dieser Kreise zur Berufung Hitlers auf hindenburg ständig
zunahm, sah die sozialdemokratische Führung eine neue Gutwetterperiode
angebrochen und die Gewerkschaftsführer kooperierten mehr oder weniger
offen mit General v. Schleicher. Diese vollständige Verkennung der
realen Konstellation der Klassenkräfte und der wahren Absichten der
reaktionären Kräfte des Monopolkapitals formulierte der „Vorwärts“
noch in seiner Neujahrsbetrachtung 1933 in dem Satz: „Bei der
Hochfinanz, bei Schwerindustrie und Großgrundbesitz hat der Hitlerismus
schon seit längerer Zeit abgewirtschaftet.“(104) Das waren die Tage,
da in den Villen des Bankiers von Schröder und des Schwerindustriellen
Kirdorf die entscheidenden letzten Vorbereitungen für die Berufung
Hitlers zum Kanzler getroffen wurden. Und selbst aus der
kapitalistischen Presse hätte die SPD-Führung erfahren können, was
wirklich gespielt wurde, denn das Sprachrohr der Großindustrie, die
„Deutsche Allgemeine Zeitung“, hatte bereits am 15. Dezember 1932
geschrieben: „Der Sinn des Kabinetts Schleicher ist, der deutschen
Politik eine Atempause von zwölf Wochen zu verschaffen ..., in der
zwischen den Inhabern der Gewalt und Hitler verhandelt werden
kann.“(105)
Doch
die offenkundigen Tatsachen und die hinter den Kulissen sich
vollziehenden Vorgänge übten keine Wirkung auf die sozialdemokratische
Führung aus. Der Gewerkschaftsführer Leipart erklärte in einem
Interview, das Kabinett Schleicher solle „in seiner politischen Tätigkeit
nicht durch den Widerstand der Arbeiterschaft gehemmt werden“. Er rühmte
Schleicher als „sozialen General“, der „einen Teil unserer
Forderungen zu erfüllen“ versuche. (106)
Dass die Schleicher-Regierung, wie Ernst Thälmann damals sagte,
als bloßes „Platzhalterkabinett“ anzusehen war, als ein Kabinett
zur „Vorbereitung einer Hitlerkoalition beziehungsweise
Hitlerregierung“, das konnten oder wollten die sozialdemokratischen Führer
nicht sehen.
Daraus
resultierte dann auch in logischer Konsequenz ihre Haltung, als der von
ihnen als „Garant der Verfassung“ gerühmte Hindenburg am 30. Januar
1933 Hitler zum Reichskanzler berief. Selbst in dieser äußersten
historischen Krise, angesichts des schwersten Schlages gegen die
deutsche Arbeiterbewegung seit ihrem Bestehen, war die
sozialdemokratische Führung nicht bereit, ihre legalistischen,
verfassungsrechtlichen Illusionen aufzugeben und das kommunistische
Angebot, den machtantritt Hitlers mit dem Generalstreik zu beantworten,
zu akzeptieren. Nicht einmal der zaghafteste Versuch der Mobilisierung
der Arbeitermassen und der sozialdemokratisch geführten Gewerkschaften
wurde unternommen. Auch jetzt warnte die Führung der SPD vor jeder außerparlamentarischen
Aktion, riet sie den Millionen ihrer Mitglieder und Wähler,
stillzuhalten und abzuwarten
und verspielte so die letzte Chance einer erfolgreichen Gegenwehr.
Breitscheid brachte am 31. Januar auf der Sitzung des Parteiausschusses
der SPD die Meinung der Parteivorstandsmehrheit zu Ausdruck, als er erklärte:
„Wenn Hitler den Weg der Verfassung beschreitet, steht er an der
Spitze einer Rechtsregierung, die wir bekämpfen können und müssen,
mehr noch als die früheren; aber es ist dann eben eine verfassungsmäßige
Rechtsregierung. ... Es wäre töricht, wenn die Sozialdemokratische
Partei und wenn die Arbeiterschaft überhaupt durch irgendwelche ungestümen
und voreiligen Aktionen eine Entwicklung, die sich innerhalb der
Regierung vollziehen muss, hindern und hemmen würde, wenn sie dazu
beitrüge, diese einander widerstrebenden Kräfte zusammenzuschweißen.“(107)
Die
rechtssozialdemokratische Zeitschrift „Freies Wort“ schrieb im
gleichen Sinne: „... und wer gegen die Regierung Hitler-Papen zur
Anwendung nicht verfassungsmäßiger Mittel riete, würde sich moralisch
ins Unrecht setzen.“(108) Noch einen Schritt weiter ging Friedrich
Stampfer, langjähriger Chefredakteur des „Vorwärts“, der nach den
bereits vom blutigen Terror gegen die Kommunisten begleiteten Wahlen vom
5. März 1933 schrieb: „Sie brauchen nur eine legale Regierung zu
sein, dann sind wir selbstverständlich auch eine legale Opposition. Möge
sie (die Hitler-Regierung, J.Sch.) Von ihrer Mehrheit beschließen
lassen, was immer im rahmen der Verfassung beschlossen werden kann, wir
werden uns auf die Rolle des sachlichen Kritikers beschränken, solange,
bis uns das Volk eines Tages zu einer anderen Rolle beruft.“(109)
Diese
Haltung kam auch auf den internen Beratungen der leitenden Parteigremien
der SPD am 30. Und 31. Januar 1933 zum Ausdruck. Auch jetzt noch, in
dieser äußersten Krise der deutschen Arbeiterbewegung, wurde „vor
ungestümen und voreiligen Aktionen“ gewarnt, wurde betont, die Zeit
außerparlamentarische Aktionen sei nicht gekommen, man dürfte Hitler
nicht „den Anlass geben, die Verfassung zu brechen“. Der
Gewerkschaftsführer Graßmann warnte in der gemeinsamen Sitzung des
SPD-Parteiausschusses mit Vertretern der Reichstagsfraktion und der
Eisernen Front am 31. Januar davor, „sich jetzt zu verfrühtem
unzweckmäßigem politischen oder gewerkschaftlichen Vorprellen“
bereitzufinden, weil man dann „die Gewerkschaften selbst antasten und
ihre Führer in Schutzhaft nehmen würde.“ Selbst auf der Sitzung des
sozialdemokratischen Parteivorstands mit den Führern der Gewerkschaften
(ADGB) am 5. Februar 1933 erklärte der Gewerkschaftsvorsitzende
Leipart, man müsse abwarten „bis ein offener Verfassungsbruch
vorliege.“ Der bereits
zitierte Gewerkschaftsführer Graßmann sagte in derselben Beratung, was
sich „jetzt politisch ereignet habe, sei immer noch kein Grund zum
Losschlagen“: „Wir dürften das nicht verfrüht tun, wir befänden
uns doch jetzt in einer Situation wie etwa im Juli.“ (1932, zur zeit
des Papen-Staatsstreichs gegen die preußische Regierung, J.Sch.).
„Wir müßten uns jetzt zunächst für die Wahl einsetzen. Das ewige
Gerede, dass wir mit den Kommunisten wegen der Einheitsfront verhandeln
sollten, macht unsere Leute nur irre.“(110) Rudolf Breitscheid hat
sich später an diese Sitzung erinnert und in einem Brief an Wilhelm
Hoegner den folgenden im Protokoll nicht verzeichneten Ausspruch Graßmanns
mitgeteilt: „Graßmann sprach damals das stolze Wort: ,Wir brauchen
nur auf den Knopf drücken, dann steht alles still.’ Ich habe diesen
Satz in den nächsten Tagen noch mehrfach gehört, aber - es ist eben
nicht auf den Knopf gedrückt worden.“(111)
Das
alles gehörte zu den Erfahrungen, die die Mitglieder und Anhänger der
Kommunistischen Partei in den letzten Jahren der Weimarer Republik mit
der sozialdemokratischen Politik gegenüber Reaktion und Faschismus
machen mußten. Es kann die Fehler sektiererischer Art, die die KPD
beging, nicht entschuldigen. Es vermag sie aber zu erklären und
begreiflich zu machen, warum die „Sozialfaschismus“-These auch in
diesen Jahren publizistisch noch aufrechterhalten wurde, obwohl in der
politischen Praxis der kommunistischen Partei längst die
energischsten und hartnäckigsten Bemühungen dominierten, eine kämpfende
Aktionsgemeinschaft aller Strömungen der Arbeiterklasse und der
Arbeiterbewegung gegen die faschistische Bewegung und gegen die
Errichtung der offenen faschistischen Diktatur herbeizuführen. Der
heutige Leser muss dabei beachten, dass die Wirtschaftskrise eine
wesentliche Veränderung in der sozialen Zusammensetzung der KPD
herbeigeführt hatte, weil die Kommunisten als die aktivsten und
opferbereitesten Vertreter der Arbeiterinteressen zuerst von den
Unternehmern entlassen worden waren, die sich damit zugleich das
Wohlverhalten und Stillhalten der Belegschaften zu sichern suchten.
Eine
erfolgreiche Abwehr der faschistischen Gefahr, etwa ein Generalstreik
nach dem 20. Juli 1932 oder am 30. Januar 1933, hätte vor allem
getragen werden müssen von den noch in Arbeit stehenden, in den großen
Betrieben, Verkehrseinrichtungen, Elektrizitätswerken, Büros usw. tätigen
Arbeitern und Angestellten. So hing jede Aktion entscheidend von der den
sozialdemokratischen Führern folgenden Betriebsarbeiterschaft ab. Nur gemeinsam
hätten Kommunisten und Sozialdemokraten (und ihnen wären Millionen
parteiloser und christlicher Werktätiger gefolgt) einen politischen
Massen- und Generalstreik realisieren können. Die KPD allein war dazu
nicht imstande, da insbesondere ihr Einfluss in den Belegschaften vieler
Großbetriebe durch die Massenarbeitslosigkeit sehr geschwächt worden
war. Im Oktober 1930 war nur jedes dritte Mitglied der KPD im Betrieb tätig,
im März 1931 nur noch jedes vierte und Ende 1932 gar nur noch jedes
neunte, während 1928 noch 55 Prozent der Parteimitglieder in Betrieben
gearbeitet hatten.(112) Das ist der wichtigste Grund , warum für den
Erfolg machtvoller antifaschistischer Aktionen buchstäblich alles von
den sozialdemokratisch beeinflußten Teilen der Arbeiterklasse abhing.
Deren Handeln aber wurde bestimmt durch die Haltung der Führer von SPD
und Gewerkschaften. Daher war unter den konkreten geschichtlichen und
soziologischen Bedingungen die Verantwortung der sozialdemokratischen Führung
so groß.
Dass
die KPD ihre Einheitsfrontangebote an die Sozialdemokratie zum
gemeinsamen antifaschistischen Kampf ehrlich meinte, ist unwiderlegbar
und wird vor allem durch zahlreiche, bisher leider viel zu wenig von der
Lokalgeschichtsschreibung untersuchte, gemeinsame Aktionen insbesondere
in der unmittelbaren Abwehr terroristischer Überfälle von SA und SS in
Arbeitervierteln bewiesen. Ernst Thälmann sagte dazu in einer
Unterredung mit sozialdemokratischen Arbeitern am 8. Juli 1932: „Täglich
mordet die braune Pest unsere Genossen, schlägt unsere besten Kämpfer
nieder, unternimmt provokatorische Angriffe auf unsere Parteihäuser; in
den Gefängnissen schmachten Tausende unserer Genossen, die den
wehrhaften Kampf gegen das faschistische Verbrechertum führten. Das
Hitlerische Offiziers- und Prinzenpack hat erklärt, dass es die
kommunistische Bewegung, das sind viele Millionen revolutionäre Männer
und Frauen, ausrotten, hängen, köpfen und rädern will. Und angesichts
dieser Tatsache, angesichts der drohenden Gefahr, dass aus Deutschland
ein Land des Galgens und des Scheiterhaufens wird, sollten wir
Kommunisten die antifaschistische, proletarische Einheitsfront nicht
ehrlich meinen?“(113)
Seit
dem April und Mai 1932, seit Bildung der „Antifaschistischen
Aktion“, war die KPD praktisch bestrebt, die sozialdemokratischen
Werktätigen - als Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei - für den
gemeinsamen Kampf zu gewinnen und auch zu einer Zusammenarbeit
mit den sozialdemokratischen Organisationen zu kommen. Das fand in außerparlamentarischen
Abwehraktionen, aber auch im Verhalten der kommunistischen Fraktionen in
den Parlamenten seinen Ausdruck. So stimmte die KPD-Fraktion nach der
Neuwahl des preußischen Landtags zusammen mit der Sozialdemokratie und
den bürgerlich-demokratischen Parteien alle Anträge der Nazis und
Deutschnationalen nieder. Die kommunistische Fraktion bemühte sich, die
Wahl eines Nazis zum preußischen Landtagspräsidenten zu verhindern und
erklärte sich bereit, für ein Präsidium aus Abgeordneten der
Sozialdemokratie und des Zentrums zu stimmen und selbst auf die
Beteiligung am Präsidium zu verzichten, wen die SPD und Zentrum keinen
Nazi oder Deutschnationalen ins Präsidium wählen würden. Es war das
Zentrum, das die Wahl des Nazis Hanns Kerrl zum Landtagspräsidenten ermöglichte.
Im Juli 1932 forderte die KPD im preußischen Landtag, das von der
Reichsregierung ausgesprochene Verbot des sozialdemokratischen „Vorwärts“
und des Zentrumblattes „Kölner Volkszeitung“ durch die Preußenregierung
nicht auszuführen. Aber SPD und Zentrum beteiligten sich nicht einmal
an den Abstimmungen zum Schutze ihrer eigenen Zeitungen. (114)
Im
Lagebericht des Reichsministeriums des Innern vom 16. Juli 1932 - also
noch vor dem Papen-Staatsstreich gegen die Preußenregierung - besitzen
wir ein unfreiwilliges Zeugnis dafür, wie ernst es die Kommunisten mit
den Angeboten zu gemeinsamer Aktion gegen den Faschismus meinten, und
wie von unten her auch in den sozialdemokratischen Organisationen die
Stimmung für ein Zusammengehen im Kampf anwuchs. „Im ganzen
Reiche“, heißt es da, „gehen die praktischen Einheitsfrontaktionen
weiter. SPD-Betriebsräte erscheinen als Delegierte ihrer Kameraden in
kommunistischen Versammlungen; in Duisburg erörterten Funktionäre der
Eisernen Front im Parteibüro der KPD Einheitsfrontmaßnahmen.
Gemeinsame Sargwachen und Beteiligungen bei Beerdigungen sind
schon überall die Regel, ebenso wie bei oder nach
nationalsozialistischen Aufmärschen regelmäßig wirklich überparteiliche
Demonstrationen veranstaltet werden. Sozialdemokraten erscheinen bei den
vielerorts veranstalteten antifaschistischen Kongressen der KPD, wenn
auch noch nicht in der von der KPD erhofften Zahl; Gewerkschaftsfunktionäre
erklären, dass man die entgegengehaltene Bruderhand der KPD nicht zurückweisen
dürfe, und äußern Kritik an der Politik von SPD und ADGB. Die
Duisburger ,Volksstimme’, SPD-Organ; begrüßte das Zustandekommen der
Einheitsfront, die spontan von unten her kommen würde. Hilferding rühmte
in einer Essener Rede, dass bei der Demonstration im Berliner Lustgarten
die Kommunisten in ,vorbildlicher Disziplin’ mit marschiert seien
usw.usw.“(115) Die
Appelle zum gemeinsamen Kampf und zum Generalstreik, die die
Kommunistische Partei am 20. Juli 1932 und am 30. Januar 1933 an die
Sozialdemokratische Partei und an den Allgemeinen Deutschen
Gewerkschaftsbund richtete, enthielten keinerlei Bedingungen, ihre
Forderungen waren rein antifaschistischer und allgemein demokratischer
Natur. Dennoch wurden sie von den Führungen beider Organisationen
abgelehnt, womit die Geschicke nicht nur des deutschen Volkes, sondern
ganz Europas für die folgenden zwölf Jahre in die Richtung der
furchtbarsten Barbarei und des mörderischsten Krieges der
Menschheitsgeschichte gelenkt wurden.
Bekanntlich
gelang es innerhalb der KPD auch nach der Aufrichtung der faschistischen
Diktatur nicht sofort, das Zusammengehen mit den sozialdemokratischen
Gruppen und einzelnen Sozialdemokraten in der Illegalität dadurch zu
erleichtern, dass Formeln wie die von der Sozialdemokratie als
„soziale Hauptstütze der Bourgeoisie“ oder selbst die „Sozialfaschismus“-These
überwunden wurden. Das war ein ernster Fehler, der vom VII.
Weltkongress der Komintern und vom Brüsseler Parteitag einer rücksichtslosen
Selbstkritik unterzogen wurde, wie wir bereits gesehen haben. Doch
vermag auch hier der geschichtliche Hintergrund manches zu erklären. Es
wurde gezeigt, mit welchen legalistischen Illusionen die Führer der
Sozialdemokratie und der Gewerkschaften die Aufrichtung der
faschistischen Diktatur begleiteten, wie sie ihre Mitglieder und Anhänger
zum Stillhalten aufriefen. Aber das war nicht alles. Nicht wenige der
sozialdemokratischen Führer glaubten allen Ernstes, sich der
Nazidiktatur anpassen zu können und dadurch die Existenz ihrer
Organisationen zu retten. Am 20. März 1933 erklärte Leipart, der
sozialdemokratische Vorsitzende des Allgemeinen
DeutschenGewerkschaftsbundes, in einer an Hitler gesandten Denkschrift
die grundsätzliche Bereitschaft, in faschistischen Staat mitzuarbeiten.
Der Vorstand des ADGB gab eine ähnliche Erklärung an. In einem Brief
vom 29. März bot Leipart der Hitlerregierung an, die Verbindung der
Gewerkschaften zur SPD aufzugeben, nichtmehr auf die Politik des Staates
einwirken zu wollen und mit den Unternehmern „zwecks Lösung sozialer
Fragen“ zusammenzuarbeiten. In einem Aufruf vom 19. April begrüßte
der sozialdemokratische Vorstand des ADGB den demagogischen Betrug der
Naziregierung, den 1. Mai zum „Tag der nationalen Arbeit“ zu machen
und empfahl seinen Mitgliedern an den faschistischen Maifeiern
teilzunehmen. (116)
Im
Organ des Bundesvorstandes der Gewerkschaften, der
„Gewerkschaftszeitung“, erschien am 29. April 1933 ein von Walter
Pahl gezeichneter Artikel „Der Feiertag der Arbeit und die
sozialistische Arbeiterschaft“, in dem es u. a. hieß: „Vom
Nationalsozialismus unterschied uns keine andere Rangordnung der Werte
Nation und Sozialismus, sondern lediglich eine andere Prioritätsordnung.
... Wir brauchen wahrhaftig nicht ,umzufallen’, um zu bekennen, dass
der Sieg des Nationalsozialismus, obwohl er gegen eine Partei errungen
wurde, die uns als Träger der sozialistischen Idee galt, auch unser
Sieg ist, insofern die sozialistische Aufgabe heute der ganzen Nation
gestellt ist. Der 1. Mai 1933 findet die Besiegten aufrecht und in dem
stolzen Bewusstsein, dass die Sieger den Tag, den sie bisher in
proletarischer Verbannung feiern mußten, zum Tag der Nation erhoben
haben.“ (117)
Natürlich
konnten diese Bekundungen eines bis zur Selbstaufgabe getriebenen
Opportunismus die Nazis nicht überzeugen. Am 2. Mai wurden die
Gewerkschaftshäuser von SA-Trupps besetzt, das Eigentum beschlagnahmt,
viele Gewerkschaftsfunktionäre in die Konzentrationslager geworfen, in
denen bereits Hunderte Kommunisten und Sozialdemokraten ermordet und
Zehntausende gefoltert worden waren. Aber selbst das hinderte einen großen
Teil der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion nicht daran, sich der
faschistischen Diktatur in ähnlicher Weise anzubiedern, beschämende
Vorgänge, die die sozialdemokratische Geschichtsschreibung weitgehend
bemüht gewesen ist, herunterzuspielen.
Am
23. März 1933 hatte der Reichstag mit den Stimmen aller bürgerlichen
Parteien das Hitlersche Ermächtigungsgesetz beschlossen, das einer Außerkraftsetzung
der Weimarer Verfassung gleichkam, da es der Hitlerregierung ermöglichte,
ohne Zustimmung des Reichstages Gesetze zu erlassen, das Staatsbudget
ohne das Parlament zu verabschieden, jederzeit selbst Gesetze
verfassungsändernden Charakters zu verkünden. Die sozialdemokratische
Fraktion stimmte gegen das Ermächtigungsgesetz, zweifellos eine mutige
Tat. Aber zugleich bekannte sich Otto Wels als Sprecher der
sozialdemokratischen Fraktion zur Hitlerschen These von der
„Gleichberechtigung“ Deutschlands und wandte sich gegen „Übertreibungen“
der ausländischen Presse in ihrer Berichterstattung über den
Naziterror, obwohl er und seine Fraktionskollegen genau wussten, dass
die Forderung nach „Gleichberechtigung“ im Munde Hitlers reine
Demagogie war, die der Verhüllung seiner Kriegspläne diente. Wels fand
auch kein Wort des Protestes gegen das verfassungswidrige Verbot der
Kommunistischen Partei und gegen den gesetzwidrigen Raub der
kommunistischen Reichstagsmandate, ganz zu schweigen von einem Protest
gegen den nazistischen Terror, dem bereits viele Kommunisten und
Sozialdemokraten zum Opfer gefallen waren.
Die
Rede von Wels enthielt das offizielle Angebot einer loyalen Mitarbeit
der Sozialdemokratischen Partei, ein Angebot, auf das sich später der
Teil der Reichstagsfraktion unter Führung Paul Löbes zu stützen
suchte, der die Anpassung und Unterwerfung noch weiter treiben wollte,
weil er allen Ernstes glaubte, so die legale Existenz der
Sozialdemokratie unter dem Hitlerfaschismus retten zu können. Man muss
aber auch anführen, dass der Parteivorsitzende Wels selbst in einer
internen Beratung des sozialdemokratischen Parteiausschusses am 14. März
es für möglich hielt, die Sozialdemokratie den braunen Machthabern
gegenüber als „Aktivposten jeder deutschen Regierung im Auslande“
anzupreisen und hinzuzufügen: „Es fragt sich nur, ob die neue
Regierung den Aktivposten für sich nutzbar machen wird.“(118)
Am
10. Mai 1933 war dann auch das gesamte sozialdemokratische Parteivermögen
beschlagnahmt worden, alle sozialdemokratischen Zeitungen waren
verboten, die sozialdemokratischen Abgeordneten verfügten bereits über
die Erfahrung der Gleichschaltung der Gewerkschaften, viele ihrer
Fraktionskollegen waren verhaftet oder hatten emigrieren müssen. Obwohl
sie all dies wussten, versuchte ein beträchtlicher teil der
sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, sich dem faschistischen
Regime einzuordnen und ihm seine Loyalität zu bekunden. In der
Reichstagssitzung am 17. Mai 1933 stimmten alle anwesenden 65
sozialdemokratischen Parlamentsabgeordneten - ebenso wie die
Abgeordneten der bürgerlichen Parteien - dem von Hitler vorgetragenen
außenpolitischen Programm ohne Diskussion zu, obwohl sie sich völlig
darüber klar sein mußten, dass sie nur dem Ausland gegenüber als
Feigenblatt dafür hatten herhalten müssen, Hitlers und
Nazideutschlands „friedliche“ Absichten zu bezeugen und die längst
entwickelten Pläne zur Aufrüstung und Vorbereitung eines Krieges durch
die Forderung nach „Gleichberechtigung“ zu tarnen. (119)
Aber
selbst das war noch nicht alles. Am 19. Juni 1933 wurden auf Betreiben
Paul Löbes alle jüdischen Mitglieder aus dem sozialdemokratischen
Parteivorstand abgewählt. Die Gruppe um Löbe distanzierte sich von den
nach Prag emigrierten Mitgliedern des SPD-Parteivorstandes. Als
Friedrich Stampfer versuchte, die Empörung der internationalen Öffentlichkeit
und insbesondere der ausländischen sozialdemokratischen Parteien mit
dem Argument zu besänftigen, die Abstimmung der 65 sozialdemokratischen
Parlamentsabgeordneten sei nur „unter dem sichtbaren und fühlbaren
Nahen einer neuen Terrorwelle“ erfolgt, wurde dies durch Löbe ausdrücklich
zurückgewiesen. Paul Löbe versicherte im preußischen
Innenministerium, „dass er als Verhandlungsleiter der Fraktionssitzung
der SPD diese Veröffentlichung Stampfers nicht billige und erklärte,
dass die Entschließung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion ohne
Zwang aus sachlichen Erwägungen erfolgt sei. Ausschlaggebend sei die
Erwägung gewesen, dass die Regierung der nationalen Erhebung sich für
einen unbedingten Friedenswillen, für eine Gleichberechtigung
Deutschlands und für eine allgemeine Abrüstung unserer Gegner
eingesetzt habe. Löbe legte auch eine am 17. Mai gedruckte Erklärung
des Fraktionsvorstandes der SPD vor, die damals schon die Zustimmung der
Fraktion aus den gleichen Erwägungen begründete.“(120)
In
den Begründungen, die der emigrierte Teil des sozialdemokratischen
Parteivorstandes und der Reichstagsabgeordneten für die Ablehnung
dieser Stellung der in Deutschland gebliebenen Abgeordneten gab, spielte
der Antikommunismus nach wie vor eine hervorragende Rolle. In dem
Memorandum des Prager Parteivorstands vom 3. Juni 1933 hieß es u. a.:
„Wir sind der Überzeugung, dass die Partei nicht länger im Stadium
des Zögerns und Stillhaltens verharren darf, wenn sie nicht der
Vernichtung ihrer organisatorischen Grundlagen durch den Faschismus ihre
politische Abdankung im Bewusstsein der Arbeiter und der Weltöffentlichkeit
folgen und den Kampf gegen den Faschismus ausschließlich den
Kommunisten überlassen will.“ Wenige Tage später sagte Wels in einer
Besprechung mit Vertretern des Berliner Parteivorstands und der
Gruppenvertrauensleute in Prag: „Jetzt sehe man in Europa nur eine
kommunistische Opposition in Deutschland.“(121)
Nach
der Katastrophe hat der sozialdemokratische Parteivorsitzende Wels vor
der Konferenz der Sozialistischen Arbeiter-Internationale in Paris im
August 1933 allein die Ungunst der inneren und äußeren Bedingungen für
den Sieg des Faschismus verantwortlich gemacht. Derselbe Wels, der sich
bis in die letzten Wochen vor der faschistischen Diktatur so
„optimistisch“ geäußert hatte, der erklärt hatte, man stehe erst
„am Anfang der Demokratie“, der vor wenigen Jahren triumphierend
verkündet hatte, wenn es notwendig sein sollte, würde der
Sozialdemokratie das „Recht auf die Diktatur“ zufallen, er erklärte
nun vor der Weltöffentlichkeit: „Wir waren getrieben durch den Zwang
der Verhältnisse in stärkerem Maße als die Parteien irgend eines
anderen Landes. Wir waren wirklich nur Objekt der
Entwicklung.“(122) (Hervorhebung vom Autor, J.Sch.) Es war eine
der furchtbarsten Bankrotterklärungen in der Geschichte der
Arbeiterbewegung. Wohlgemerkt, eine Partei, die jahrelang an der
Regierung gewesen war, die Regierung geführt hatte - war „nur Objekt
der Entwicklung.“ Unbewusst war die Antwort auf einer der Beratungen
des sozialdemokratischen Parteiausschusses ein dreiviertel Jahr vorher
von einem anderen führenden Sozialdemokraten - Lehmann aus Breslau -
vorweggenommen worden. Auf dieser Sitzung am 10. November 1932 hatte
Rudolf Hilferding erklärt: „Wenn wir wieder mal die Macht bekommen,
dann muss es wirklich Macht sein.“ Und Lehmann hatte ihm geantwortet
und damit den Kern der gesamten Weimarer Entwicklung der
Sozialdemokratie getroffen: „Unsere Wähler werden sagen: Ihr habt ja
doch einmal die Macht besessen, und wenn wir ihnen nun erklären würden:
,Wenn wir wieder mal an die Macht kommen, dann ...’, dann wird sofort
der Einwand kommen: ,Warum habt Ihr sie nicht gebraucht, als Ihr sie
hattet?'„(123)
Man
muss alle diese Tatsachen kennen, um zu wissen, warum es selbst nach der
Aufrichtung der faschistischen Diktatur nicht leicht war, die tief
eingewurzelten Vorbehalte gegen die sozialdemokratischen Führer in den
Reihen der KPD zu überwinden. Nur auf diesem Hintergrund wird die „Sozialfaschismus“-These
überhaupt verständlich. Sie hat zweifellos die Herstellung einer
gemeinsamen Front gegen den Faschismus erschwert. Aber sie war nicht die
Ursache, sondern die Reaktion auf die sozialdemokratische Politik seit
dem August 1914 und seit der Novemberrevolution 1918. Sie war falsch und
schädlich, weil sie die Differenzierung zwischen den Kräften des
Faschismus und der bürgerlichen Demokratie erschwerte, weil sie die in
der Arbeiterklasse wurzelnde soziale Basis der Sozialdemokratie
verkannte und weil sie es den rechten sozialdemokratischen Führern
erleichtern mußte, ihre Politik der Klassenzusammenarbeit und des
kampflosen Rückzugs vor Reaktion und Faschismus vor ihren eigenen Anhängern
zu verschleiern und zu entschuldigen. Dieser Fehler wurde in der Praxis
der KPD bereits seit der Proklamation der „Antifaschistischen
Aktion“ im Frühjahr 1932 überwunden und gehörte seit der Zeit der
Vorbereitung des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale
1934 endgültig der Vergangenheit an.<
____________________________________
68
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd. 4, Dok. 61, S. 510
ff.
69
Jahrbuch der deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1930, S.
IV.
70
Vorwärts vom 3.12.1931
71
Protokoll des Leipziger Parteitages der SPD 1931, S. 50.
72
Berliner Lokalanzeiger vom 2.3.1932.
73
Heinrich Brüning, Memoiren 1918-1934, S. 460 ff, S. 504,
Stuttgart 1970.
74
Ebenda, S. 461-462.
75
Hagen Schulze, Anpassung oder Widerstand?, Bonn-Bad-Godesberg
1975, S. 17, S. 25.
76
Vorwärts vom 20.7.1930.
77
Ebenda vom 28.2.1932.
78
Das freie Wort, Jg. 1932/Heft 1, S. 3-4.
79
„Eiserne Front“ vom 7.2.1932, zit. in: Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung Bd. 4,
Dokument 85, S. 565 f.
80
Zit. in: Hagen Schulze, a. a. O., S. 55.
81
Heinrich Brüning, a. a. O., S. 537.
82
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd. 4, Dok. 99, S. 585
f.
83
Ebenda, S. 358-359.
84
Hagen Schulze, a. a. O., S. 18, Fußnote.
85
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd. 4, S. 358-359.
86
Ebenda.
87
Otto Wels auf dem Magdeburger Parteitag der SPD 1929, zit.
in:
Die
Internationale, Jg. 1929/S. 354
88
Wilhelm Hoegner, Die verratene Republik, S. 330 München 1958.
89
Wilhelm Hoegner, Flucht vor Hitler, S. 33, München 1977.
90
Hagen Schulze, a. a. O., S. 39-40.
91
Wilhelm Hoegner, flucht vor Hitler, S. 39-40.
92
F. Stampfer, Die 14 Jahre der ersten deutschen Republik,
Offenbach 1947, S. 99.
93
Hagen Schulze, a. a. O., S. 99.
94
R. Hilferding: Zwischen den Entscheidungen, in: Die Gesellschaft,
X. Jg., 1933/Heft 1, S. 8-9.
95
Hagen Schulze, a. a. O., S. 67-68, S. 41-42.
96
Vorwärts vom 1.11.1932.
97
Hagen Schulze, a. a. O., S. 44
98
Ebenda, S. 163.
99
Vorwärts vom 17.7.1932.
100
Hagen Schulze, a. a. O., S. 57.
101
Ebenda, S. 22, 28, 71, 98.
102
Ebenda, S. 45, 52, 55, 91.
103
Ebenda, S. 98 f.
104
Vorwärts vom 1.1.1933.
105
Deutsche Allgemeine Zeitung, Berlin, 15.12.1932.
106
Schleichers Ziel und Chancen, in „Rote Revue“, Monatsschrift
der
Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, 12 Jg./Heft 5, Januar 1933,
S.
183, zit. in: H. Arndt, a. a. O.
107
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 5, S. 18.
108
Das freie Wort, Jg. 1933/Heft 2, zit. in: H. Arndt, a. a. O..
109
Hagen Schulze, a. a. O., S. 142, S. 145, S. 149, S. 162.
110
Wilhelm Hoegner, Der schwierige Außenseiter, München 1959, S.
154.
111
Internationale Information Nr. 14, 11.3.1933, S. 113.
112
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd. 4, S. 271.
113
Ebenda, S. 342-343.
114
Ebenda, S. 347.
115
Ebenda, Dok. 97, S. 584.
116
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd. 5, S. 31-32.
117
Die Gewerkschaftszeitung, Organ des Bundesvorstandes des ADGB,
Nr. 17, 29.4.1933.
118
Hagen Schulze, a. a. O., S. 170.
119
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd. 5, S. 34-35.
120
Frankfurter Zeitung vom 7.6.1933, zit. in: H. Arndt, a. a. O..
121
Hagen Schulze, a. a. O., S. 185, S. 189.
122
Otto Wels auf der Konferenz der SAI in Paris im August 1933,
abgedruckt
in: Bärbel Hebel-Kunze: SPD und Faschismus,
Frankfurt/M.
1977, S. 241.
123
Hagen Schulze, a. a. O., S. 57.
Quelle:
Josef Schleifstein. Die „Sozialfaschismus“-These, Zu ihrem
geschichtlichen Hintergrund.
Verlag
Marxistische Blätter, Frankfurt am main 1980.
14.10.2008
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20.10.2008
Sozialdemokratie
und Faschismus
III
Die
Stellung der Kommunistischen Internationale zum Faschismus
(S.17-37)
von
Josef Schleifstein
Die
Kommunistische Internationale war schon bald nach dem Siege des
Faschismus in Italien 1922 und nach der Errichtung faschistischer oder
dem Faschismus nahe verwandter reaktionär-militärischer Diktaturen in
Ungarn, Bulgarien und Polen bemüht, eine Analyse des Klassencharakters,
der sozialen Massenbasis, der ökonomischen und politischen Ziele, der
Ideologie, der staatlichen Herrschaftsform des Faschismus und seiner
verschiedenen Spielarten zu erarbeiten. In dem Bericht, den Clara Zetkin
im Juni 1923 auf dem erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der KI gab,
wurden folgende Aspekt des Faschismus und der faschistischen
Massenbewegungen unterstrichen: der Faschismus als der stärkste,
konzentrierteste Ausdruck „der Generaloffensive der Weltbourgeoisie“
gegen die Arbeiterklasse und die Revolution: Faschismus nicht nur als
gewalttätiger bürgerlicher Terror, sondern als konterrevolutionäre
Bewegung mit einer sozialen Basis in den breiten kleinbürgerlichen
Massen; Faschismus als Ausdruck des Zerfalls und der Zerrüttung der
kapitalistischen Wirtschaft und der Auflösung des bürgerlichen
Staates; Faschismus als Ausdruck der Verelendung, der Not, der
Proletarisierung, der Existenzunsicherheit der kleinbürgerlichen
Schichten in Stadt und Land: Faschismus als Ergebnis der Enttäuschung
breiter Massen durch die bürgerliche Demokratie und den
Sozialreformismus; Faschismus als „Strafe“ für die Verzögerung der
revolutionären Entwicklung, dafür, dass infolge des Verrats der
sozialdemokratischen Führer die in Russland eingeleitete Revolution
nicht weitergeführt werden konnte. (9)
Clara
Zetkin schlussfolgerte, dass die Bourgeoisie für den Wiederaufbau der
kapitalistischen Wirtschaft nach dem Kriege, für die Erhaltung der
kapitalistischen Klassenherrschaft die Ausbeutung und Unterdrückung des
Proletariats steigern, und dass sie unter diesen Bedingungen damit
rechnen müsse, dass der Sozialreformismus seine Wirkung auf das
Proletariat verlieren werde: „Sie rechnet damit, das sie das
Proletariat nur noch mit Hilfe von Gewaltmitteln unterwerfen und
ausbeuten kann. . . . Die Bourgeoisie kann die Sicherheit ihrer
Klassenherrschaft nicht mehr von den regulären Machtmitteln ihres
Staates allein erwarten. Sie braucht dafür eine außerlegale, außerstaatliche
Machtorganisation. Eine solche wird ihr gestellt durch den bunt
zusammengewürfelten Gewalthaufen des Faschismus.“ Bei aller
Verschiedenheit der Charakterzüge in den einzelnen Ländern hob Clara
Zetkin zwei Wesenszüge des Faschismus hervor, „ein scheinrevolutionäres
Programm, das außerordentlich geschickt an die Stimmungen, Interessen
und Forderungen breitester Massen anknüpft, dazu die Anwendung des
brutalsten, gewalttätigsten Terrors“.(10) Sie betonte ferner, dass
der Kampf gegen den Faschismus „Sache des ganzen Proletariats“ sein
müsse und dass „die ideologische und politische Überwindung des
Faschismus“, die Gewinnung der ihm verfallenen Massen eine äußerst
wichtige Aufgabe sei.(11)
Diese
Analyse der Kommunistischen Internationale wurde in den folgenden Jahren
sowohl von der Komintern selbst als auch von einzelnen kommunistischen
Parteien vertieft, erweitert, konkretisiert. In dem Referat, das auf dem
V. Weltkongress der KI über den Faschismus gehalten wurde, kam vor
allem der Klassencharakter des Faschismus an der Macht ebenso wie die
Spezifik der faschistischen Bewegung im Unterschied zu den
konservativ-reaktionären bürgerlichen Parteien schärfer zum Ausdruck.
Dort hieß es u. a., dass der Faschismus seinem äußeren Anschein nach
den Eindruck erwecke, als handle es sich nicht um ein Instrument der Großgrundbesitzer
und der kapitalistischen Großbourgeoisie, sondern „um eine Bewegung
des Mittelstandes, der Kriegsteilnehmer, der Intellektuellen. . . . In
Wirklichkeit handelt es sich um eine Mobilisierung des Mittelstandes auf
Initiative und unter Führung der konservativen Mächte der Großbourgeoisie,
unter Mithilfe des Staatsapparates. Deshalb das doppelte Gesicht des
Faschismus: In erster Linie handelt es sich um die Verteidigung der großbürgerlichen
Interessen, d. h. der Interessen der Oberklasse, und in zweiter Linie um
eine Mobilisierung des Mittelstandes, d. h. der bedeutsamen sozialen Kräfte
der Mittelschichten zur Verteidigung jener Interessen. . . . Der
Faschismus ist keine revolutionäre Bewegung, es handelt sich um eine
rein konservative Bewegung zur Verteidigung der bestehenden bürgerlichen
Ordnung. . . . Aber er führt einen neuen Faktor ins Feld, der den alten
Parteien vollständig abging: einen gewaltigen Kampfapparat, gewaltig
sowohl als politische wie als militärische Organisation. . . . Der
Faschismus ist seiner Natur nach eine antisozialistische und damit
antiproletarische Organisation. Vom ersten bis zum letzten Augenblick
tritt er auf als Zerstörer selbst der geringfügigsten Errungenschaften
der Arbeiterklasse. Dennoch ist der Faschismus nicht ohne weiteres
gleichzusetzen mit der früheren Reaktion der äußersten Rechten: mit
ihrem Belagerungszustand, ihrem Terror, ihren Ausnahmegesetzen und ihrem
Verbot der revolutionären Organisationen.
Der Faschismus geht darüber hinaus, er ist eine modernere,
raffiniertere Bewegung, er versucht gleichzeitig unter den
proletarischen Massen Einfluss zu gewinnen.“(12)
In
dem auf dem VI. Weltkongress der KI 1928 angenommenen Programm wurde die
Erklärung der Herausbildung faschistischer Bewegungen und der
faschistischen Herrschaftsmethoden der Bourgeoisie verknüpft mit der in
der imperialistischen Epoche und seit dem ersten Weltkrieg eingetretenen
Verschärfung des Klassenkampfes und der Zerrüttung des bürgerlichen
Parlamentarismus. Es wurde betont, dass er mit der „Offensive der bürgerlich-imperialistischen
Reaktion“ zusammenhängt; als soziale Bedingungen für die Entstehung
des Faschismus wurden die Labilität der kapitalistischen Beziehungen,
das Vorhandensein breiter sozial deklassierter Elemente, die Verarmung
des städtischen- und ländlichen Kleinbürgertums, die Gefahr
proletarischer Massenaktionen genannt. „Um ihrer macht größere
Stetigkeit und Festigkeit zu sichern“, hieß es im Programm, „ist
die Bourgeoisie in steigendem Maße gezwungen, vom parlamentarischen
System zur faschistischen Methode überzugehen, die von Beziehungen und
Kombinationen zwischen den Parteien unabhängig ist. Der Faschismus ist
eine Methode der unmittelbaren Diktatur der Bourgeoisie, ideologisch
verkleidet mit der Idee der „Volksgemeinschaft“ und der Vertretung
nach „Berufsständen“ (d. h. eigentlich der Vertretung verschiedener
Gruppen der herrschenden Klasse). Er ist eine Methode, die durch eine
eigenartige soziale Demagogie (Antisemitismus, gelegentliche Ausfälle
gegen das Wucherkapital, Entrüstung über die parlamentarische
,Schwatzbude’) die Unzufriedenheit der Massen des Kleinbürgertums,
der Intellektuellen u. a. ausnutzt. Er ist eine Methode der Korruption
durch den Aufbau einer geschlossenen, besoldeten Hierarchie der
faschistischen Kampfverbände, des faschistischen Parteiapparates und
der faschistischen Bürokratie. Dabei sucht der Faschismus durch die
Gewinnung ihrer rückständigsten Schichten auch in die Reihen der
Arbeiterschaft einzudringen, indem er ihre Unzufriedenheit, die Passivität
der Sozialdemokraten usw. ausnützt. Die Hauptaufgabe des Faschismus ist
die Vernichtung der revolutionären Vorhut der Arbeiterklasse, d. h. der
kommunistischen Schichten des Proletariats und ihrer führenden Kader.
Die Verquickung von sozialer Demagogie und Korruption mit dem aktiven
weißen Terror sowie die zum äußersten gesteigerte imperialistische
Aggressivität der Außenpolitik sind charakteristische Züge des
Faschismus. In Zeiten, die für die Bourgeoisie besonders kritisch sind,
bedient sich der Faschismus einer antikapitalistischen
Phraseologie; sobald er aber seine Macht gesichert sieht, erweist er
sich immer mehr als terroristische Diktatur des Großkapitals und wirft
den antikapitalistischen Plunder von sich.“(13)
Schon
auf dem VI. Kongress hatte sich gezeigt, dass in der Kommunistischen
Internationale - bei der
zweifellos klaren Herausarbeitung vieler grundlegender Züge des
Faschismus als Staatsmacht und der faschistischen Bewegung und Parteien
- die Tendenz zunahm, den Faschismus nur als eine andere
Regierungsmethode, nicht aber als eine grundverschiedene Staatsform bürgerlicher
Klassenherrschaft im Verhältnis zu den bürgerlich-parlamentarischen
Regimen anzusehen. So wurde die für den praktischen Kampf und für die
strategische Zielsetzung sehr wichtige Differenzierung zwischen den
politischen Herrschaftsformen des Kapitals mehr und mehr verdrängt.
Schon auf dem VI. Weltkongress wandte sich eine Reihe von Delegierten
dagegen, den Begriff des Faschismus für jede Art reaktionärer Politik
zu gebrauchen und ihn als einzige Form der kapitalistischen Reaktion
anzusehen. So polemisierte der französische Vertreter P. Sémard gegen
die Tendenz, die „eine genaue Analyse der tatsächlichen politischen
Situation unterlässt und sie durch eine automatische Klassifizierung
ersetzt. Sozialfaschismus, faschistischer Linksblock, faschistische
Regierung usw. Alles war faschistisch.“(14)
Das
war ein besonders ernster Fehler im Zusammenhang mit der Analyse der
Rolle und der Einschätzung der Politik der sozialdemokratischen
Parteien, die in den meisten kapitalistischen Ländern noch immer die
Mehrheit der Arbeiterklasse hinter sich hatten. Stalin hatte 1924
erstmals davon gesprochen, dass die Sozialdemokratie „objektiv den gemäßigten
Flügel des Faschismus“ darstelle. Später war dann vom
„Zwillingsbruder“ des Faschismus die Rede. Im Programm der KI 1928
hieß es zum Verhältnis von Faschismus und Sozialdemokratie:
„Entsprechend der jeweiligen politischen Konjunktur bedient sich die
Bourgeoisie sowohl der faschistischen Methoden als auch der Methoden der
Koalition mit der Sozialdemokratie, wobei die Sozialdemokratie selbst,
besonders in für den Kapitalismus kritischen Zeiten, eine faschistische
Rolle spielt. Die Sozialdemokratie zeigt im Laufe der Entwicklung
faschistische Tendenzen, was sie jedoch nicht hindert, im Falle einer Änderung
der politischen Konjunktur gegen die bürgerliche Regierung als
oppositionelle Partei aufzutreten. Faschismus und Koalition mit der
Sozialdemokratie sind beide für den normalen Kapitalismus ungewöhnliche
Methoden. Sie sind Anzeichen für das Bestehen einer allgemeinen Krise
des Kapitalismus und werden von der Bourgeoisie benützt, um den
Vormarsch der Revolution zu hemmen.“(15)
Es
soll an anderer Stelle auf die historische Tatsache näher eingegangen
werden, die die realen Anhaltspunkte für eine solche Einschätzung
boten. Was den größeren geschichtlichen Zusammenhang betrifft, so gründete
sich diese Analyse auf eine Reihe erstmals nach dem ersten Weltkriege
und nach den revolutionären Entwicklungen in seinem Gefolge sichtbar
gewordenen Prozessen. Es hatte sich gezeigt, dass die wirtschaftliche
Macht des Kapitals, dass kapitalistische Produktions- und bürgerliche
politische Herrschaftsverhältnisse in Perioden tiefer krisenhafter
Erschütterung nicht mehr allein von den „alten“, klassischen bürgerlich-konservativen
und bürgerlich-liberalen Parteien erhalten und gesichert werden
konnten, weil diese Parteien nicht imstande waren, die notwendige
Massen- und Wählerbasis aufrechtzuerhalten. Die Entwicklung hatte
demonstriert, dass - nachdem sie während des ersten Weltkrieges ihre
grundsätzlich gegnerische Stellung zum kapitalistischen System
aufgegeben und zu einer Politik der Klassenzusammenarbeit mit der
Bourgeoisie im Zeichen des „Burgfriedens“ übergegangen waren - die
sozialdemokratischen Parteien und ihre Führer durchaus bereit waren,
die soziale Massenbasis für die Aufrechterhaltung der ökonomischen und
politischen macht des Kapitals bereitzustellen und aktiv, auch in der
Regierung, sich an der Rettung der bürgerlichen Klassenherrschaft zu
beteiligen. Das war in Deutschland, Österreich und anderen Ländern
praktiziert worden, und keineswegs nur mit friedlich-parlamentarischen
mitteln, wie die blutige Niederschlagung der revolutionären Arbeiter
durch die vom sozialdemokratischen Minister Noske mobilisierten
Freikorps gezeigt hatte.
Auf
der anderen Seite war in einigen Ländern deutlich geworden, dass dort,
wo entweder die von der rechten Sozialdemokratie abgegebene Massenbasis
nicht mehr ausreichte, oder wo die Kapitalherrschaft mit
parlamentarischen mitteln nicht mehr zu sichern war, das große Kapital
und die Großgrundbesitzer sich auf die faschistischen Bewegungen und
Herrschaftsformen zu stützen suchten. Das waren reale
geschichtliche Erfahrungen, die für die Mitglieder und Anhänger der
Kommunistischen Parteien um so größere Bedeutung erlangten, je mehr
sich besonders in Deutschland zeigte, dass das bürgerlich-parlamentarische
Regime, das von der sozialdemokratischen Führung als der
„organische“ Weg gepriesen worden war, auf dem man in den
Sozialismus „hineinwachsen“ werde, die militaristischen und
faschistischen Kräfte nicht geschlagen, sondern geduldet und ermutigt
hatte. Ganz besonders die Tolerierung der Notverordnungsdiktatur Brünings
durch die sozialdemokratische Führung und die Erfahrungen, die die
kommunistischen Arbeiter mit der sozialdemokratischen Preußenregierung
am 1. Mai 1929 und danach machen mußten, gaben der „Sozialfaschismus“-These
eine starke emotionale Grundlage. Akzentuiert wurde diese Tendenz in der
kommunistischen Bewegung noch dadurch, dass mit dem Einsetzen der
Wirtschaftskrise 1929 sich die Klassengegensätze und der Klassenkampf
zuspitzten, so dass eine stärkere Revolutionierung der arbeitenden
Massen erwartet werden konnte. In der Praxis und Theorie der
sozialdemokratischen Führungen sah man den Gegner, der einer solchen
Revolutionierung vor allem im Wege stand. Unmittelbarer als in den
Jahren der relativen Stabilisierung des Kapitalismus rückte die
Notwendigkeit der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft, der
proletarischen Volksrevolution in den Vordergrund der Betrachtungen,
obwohl dies nicht den Bedingungen und dem subjektiven Reifegrad der
Arbeiterbewegung entsprach.
Im
Hinblick auf das Verhältnis zu den sozialdemokratischen Parteien fanden
diese Tendenzen ihren krassesten Ausdruck in den Beschlüssen des XI.
Plenums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale vom
April 1931, wo die Entwicklung der Sozialdemokratie als „ein
ununterbrochener Evolutionsprozess zum Faschismus“ bezeichnet wurde.
Dies wurde durch die Schlussfolgerung ergänzt, dass man mit der
„Konstruierung eines Gegensatzes zwischen Faschismus und der bürgerlichen
Demokratie sowie zwischen den parlamentarischen Formen der Diktatur der
Bourgeoisie und den offenen faschistischen Formen“ aufhören müsse.
(16) Es ist klar, dass dies nicht nur die Herstellung der Einheitsfront
mit den sozialdemokratischen Massen gegen die faschistische Gefahr
erschweren, sondern auch zu einer Unterschätzung dieser Gefahr führen
mußte. So wurde der für die Kampfbedingungen der Arbeiterklasse
bedeutsame Unterschied zwischen bürgerlich-parlamentarischen und
faschistischen Herrschaftsmethoden der Bourgeoisie negiert, was z.B. in
der praktischen Politik in Deutschland zur Folge hatte, dass bürgerlich-autoritäre,
der Faschisierung den Weg ebnende Regimes, wie die Brüningsche
Notverordnungsdiktatur, bereits als Formen der faschistischen Diktatur
angesehen wurden.
Es
wird im Zusammenhang mit der Politik der KPD in den letzten Jahren der
Weimarer Republik zu zeigen sein, dass die seit 1930 äußerst schnell
gewachsene faschistische Gefahr in Deutschland in der Praxis zur Überwindung
mancher dieser Thesen führte und die unmittelbaren Schritte zur
Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Arbeitern gegen den
Nazifaschismus immer stärker in den Vordergrund rückten, lange bevor
sie theoretisch und in offiziellen Beschlüssen kritisiert und
fallengelassen wurden.
Nach
der Aufrichtung der offenen faschistischen Diktatur in Deutschland, die
nicht nur die schwerste Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung
bedeutete, sondern auch im internationalen Maßstab den ernstesten Rückschlag
für die gesamte Arbeiterbewegung und alle progressiven Kräfte
darstellte, und die zugleich die Gefahr einer imperialistischen
Aggression gegen das erste sozialistische Land, die Sowjetunion, außerordentlich
erhöht hatte, setzte eine intensive Diskussion über die Ursachen des
Sieges des Faschismus ein. Die Tatsache, dass es vor allem die reaktionärsten
und am stärksten zu einem neuen imperialistischen Kriegsabenteuer drängenden
Kräfte des Monopolkapitals gewesen waren, die in den letzten Monaten
der Weimarer Republik die Aufrichtung der Hitler-Diktatur betrieben
hatten, die Differenzen, die dabei zwischen verschiedenen Gruppen der
Großbourgeoisie aufgetreten waren, führten auf dem XIII. Plenum des
Exekutivkomitees der KI im Dezember 1933 zu einer vertieften Analyse des
Klassencharakters der faschistischen Diktatur. Eugen Varga hatte bereits
in seinem Bericht „Wirtschaft und Wirtschaftspolitik im 2. Vierteljahr
1932“ darauf aufmerksam gemacht, dass vor allem die Monopole der
Schwerindustrie auf die Errichtung einer offenen faschistischen Diktatur
drängten, während die monopolistischen Gruppen besonders der Konsumgüterindustrie
und des Handels für die Beibehaltung der bisherigen Herrschaftsmethoden
plädierten. Er schrieb, dass die Teile der deutschen Bourgeoisie, die
hinter der Politik des Zentrums und der Sozialdemokratie standen, noch
daran zweifelten, „ob dieser gewaltsame Weg der Junker und des
Monopolkapitals der einzig richtige ist und ob man die eigenen
besonderen Interessen den Interessen der Schwerindustrie und des
Junkertums opfern solle. (17)
Das
XIII. Plenum des Exekutivkomitees der KI charakterisiert in seiner
Analyse den Faschismus als „die offene terroristische Diktatur der am
meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente
des Finanzkapitals“.(18) Bekanntlich wurde diese Definition des Klassencharakters
der faschistischen Diktatur vom VII. Weltkongress der KI übernommen.
Das bedeutet aber keineswegs, dass nicht auch die anderen Aspekte des
Faschismus und der faschistischen Bewegungen - die soziale Massenbasis,
die Ideologie, die soziale und nationale Demagogie, die
Herrschaftsmethoden usw. - untersucht worden wären.
Wilhelm Pieck unterstrich in seinen Ausführungen auf dem XIII.
Plenum, dass der Klasseninhalt der faschistischen Diktatur in
Deutschland durch die Zusammensetzung des „Generalrats der
Wirtschaft“ demonstriert werde; von den 16 Personen „dieser
eigentlichen Regierung über Deutschland“ seien 9 Großindustrielle
(fast ausschließlich Vertreter des Monopolkapitalismus), 4 Bankfürsten
und 2 Großagrarier. (19) Er hob ferner hervor, dass die Nazipartei als
Partei des Monopolkapitals versuche, sich „durch die
,Gleichschaltung’ aller bürgerlichen Parteien, aller bürgerlichen Länderregierungen
und aller bürgerlichen Organisationen ein politisches Monopol zu
verschaffen und mit Hilfe der so genannten ,Alleinherrschaft’ die
Gegensätze im Lager der Bourgeoisie zu überwinden.“(20)
Auch
Manuilski betonte, dass die faschistische Diktatur der Bourgeoisie vorübergehend
gestatte, „die Interessen der verschiedenen Gruppen zu überbrücken,
diese Gruppen zu einer gepanzerten faust gegen die Arbeiterklasse
zusammenzufassen.“ (21) Was die internationalen Auswirkungen der
Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland betraf, so sah das
Plenum darin auch den ausdruck der Veränderung des Kräfteverhältnisses
in der Welt, wodurch „die Kapitalisten nicht mehr imstande sind, ihre
Diktatur mit den alten Methoden des Parlamentarismus und der bürgerlichen
Demokratie im allgemeinen zu behaupten“ und infolgedessen gezwungen
seien, „zur offenen terroristischen Diktatur innerhalb des Landes und
zum schrankenlosen Chauvinismus in der Außenpolitik überzugehen, der
eine direkte Vorbereitung zu imperialistischen Kriegen ist“.(22) Für
den Kampf gegen den Faschismus in anderen Ländern war es bedeutsam,
dass sich die Tagung gegen die Behauptung einer Unvermeidlichkeit des
Faschismus wandte. In den Thesen wurde ausdrücklich festgestellt, dass
„die faschistische Diktatur keine unvermeidliche Etappe der Diktatur
der Bourgeoisie in allen Ländern“ bilde: „Die Möglichkeit ihrer
Abwendung hängt von den Kräften des kämpfenden Proletariats ab, die
am meisten durch den zersetzenden Einfluss der Sozialdemokratie gelähmt
werden“.(23)
Aber
noch ging das XIII. Plenum in einigen wichtigen Punkten der Beschlüsse
von einer nicht den realen Bedingungen entsprechenden Einschätzung der
Lage und von einem unmittelbar bevorstehenden revolutionären Aufschwung
aus. Ausmaß und Tiefe der faschistischen Offensive, die zeitweise
Stabilisierung des Naziregimes in Deutschland wurden unterschätzt; die
Sozialdemokratie wurde weiterhin als „soziale Hauptstütze“ der
Bourgeoisie bezeichnet; als unmittelbares strategisches Ziel der
kommunistischen Bewegung in den kapitalistischen Ländern wurde nach wie
vor die direkte Vorbereitung der sozialistischen Revolution angesehen;
die Taktik der antifaschistischen Einheitsfront von unten wurde einer
Einheitsfront von oben schematisch entgegengestellt. (24)
Die
politische Neuorientierung der Kommunistischen Internationale und
der kommunistischen Parteien erfolgte insbesondere unter dem Einfluss
der praktischen Entwicklung der antifaschistischen Einheitsfront
in Frankreich, Spanien und anderen Ländern. In Frankreich gelang es im
Februar 1934 durch einen von Kommunisten und Sozialisten gemeinsam
durchgeführten Generalstreik, an dem viereinhalb Millionen Werktätige
teilnahmen, den Angriff der faschistischen „Feuerkreuzler“ zurückzuschlagen.
Auf der Grundlage dieser Erfahrungen wurde von den französischen
Kommunisten eine breite Politik der Arbeitereinheitsfront und der
Volksfront im Kampfe gegen den Faschismus, zur Verteidigung der
demokratischen Rechte und Freiheiten, für die sozialen Tagesinteressen
der Arbeiterschaft und der anderen Werktätigen entwickelt.
Die KPF wandte sich beharrlich an die örtlichen und zentralen Körperschaften
der französischen Sozialisten mit Vorschlägen zum einheitlichen Kampf,
die unter dem Druck der Mitgliedschaft die Führung der Sozialistischen
Partei Frankreichs zwangen, im Juli 1934 einen Pakt zur Aktionseinheit
beider Parteien für den Kampf gegen den Faschismus abzuschließen.
Diese praktischen Erfahrungen gaben der theoretischen und der
strategisch-taktischen Diskussion in der gesamten Komintern wesentlichen
Auftrieb.
Das
fand vor allem seinen Niederschlag in der Vorbereitungsarbeit für den
VII. Weltkongress der KI. An dem im Sommer und Herbst 1934 in den
Vorbereitungskommissionen für den Kongress geführten umfassenden
Meinungsaustausch nahm auch Eugen Varga aktiven Anteil. Dieser
Kommission gehörten u. a. G. Dimitroff, O. Kuusinen, D. S. Manuilski,
W. Pieck, P. Togliatti, B. Kun, F. Heckert an Vertreter anderer Parteien
wurden oft hinzugezogen, darunter M. Thorez, Klement Gottwald, R. Palme
Dutt und andere. Die gesamte Strategie und Taktik der kommunistischen
Parteien in den letzten Jahren wurde einer gründlichen Überprüfung
unterzogen. Einen wichtigen Ausgangspunkt dieser Diskussionen bildete
die in der Vorbereitungskommission von Georgij Dimitroff vorgelegte
Disposition für das Referat „Die Offensive des Faschismus und die
Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit
der Arbeiterklasse gegen den Faschismus“. Dimitroff hatte u.a. die
Fragen aufgeworfen, ob es richtig sei, „die Sozialdemokratie in Bausch
und Bogen als Sozialfaschismus zu qualifizieren“; ob es richtig sei,
die Sozialdemokratie unter allen Umständen als „soziale Hauptstütze
der Bourgeoisie“ zu bezeichnen; ob es richtig sei, die linken
Gruppierungen in der Sozialdemokratie als Hauptgefahr zu betrachten.
(25)
Dimitroff
forderte eine kühne Revision veralterter taktischer Festlegungen, übte
scharfe Kritik an den sektiererischen Fehlern der Kommunistischen
Parteien und wandte sich gegen die Einschätzung der Sozialdemokratie
als Sozialfaschismus. Er verlangte die Überwindung der These, dass die
Arbeitereinheitsfront nur von unten hergestellt werden könne und sagte,
die Einheitsfront müsse man „in einen wirksamen Faktor der Entfaltung
des Massenkampfes gegen die Offensive des Faschismus“ verwandeln.
Scharf kritisierte er die Schablonenhaftigkeit und den Schematismus, die
oft eine marxistische Analyse der Wirklichkeit ersetzt und die
kommunistischen Parteien daran gehindert hätten, zu wirklichen
Organisatoren und Führern des antifaschistischen Kampfes zu werden.
(26) O. W. Kuusinen betonte in diesen Diskussionen, dass es notwendig
sei, von der neuen Lage auszugehen und ihre Auswirkungen auf die
Sozialdemokratie zu untersuchen; man müsse beachten, dass die
sozialdemokratischen Parteien in einigen Ländern von den Faschisten
zerschlagen worden seien und ein großer Teil der Sozialdemokraten gegen
den Faschismus kämpfte, deshalb sei der Begriff „Sozialfaschismus“
für die ganze Sozialdemokratie „falsch und Schädlich“.(27)
Während
des Meinungsaustausches forderte Eugen Varga eine tiefergehende Analyse
des deutschen Faschismus, seines Weges zu Macht und der Methoden zur
Gewinnung seiner Massenbasis, ebenso der Prozesse, die sich nach der
Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland vollzogen hatten;
es bestünde zwar Klarheit über den Klassencharakter des Faschismus,
aber es sei notwendig, „allseitiger seine Wirkung auf die
verschiedenen Schichten des Volkes und seinen Machtmechanismus konkret
in den einzelnen Ländern zu untersuchen, um die Ursachen für die
Behauptung seiner Macht aufzudecken.“(28) Varga betonte, dass der
Faschismus die Behandlung bestimmter sozialer Fragen verknüpfe „mit
solchen individualistischen und nationalistischen Argumenten, wodurch er
seine besten Erfolge innerhalb der Mittelschichten“ erziele. (29)
Sehr
bedeutsam waren auch die Schlussfolgerungen, die in diesem
Meinungsaustausch bei den Vorbereitungsarbeiten für den VII.
Weltkongress der KI zur Gesamtstrategie der kommunistischen Parteien
gezogen wurden. So hob D. S. Manuilski hervor, dass die Losung
„Diktatur des Proletariats“ zu abstrakt gewesen sei und nicht den
konkreten Bedingungen entsprochen habe. „Wir müssen ein konkretes
Kampfprogramm haben“, sagte Manuilski, „nicht proletarische Diktatur
nicht Sozialismus, sondern ein Programm, das die Massen an den Kampf für
die proletarische Diktatur und den Sozialismus heranführt“.(30) Im
Oktober 1934 hatten die französischen Kommunisten in dieser Richtung
bereits erklärt, dass zwischen dem Faschismus und der Rätemacht Raum
sei „für eine Volkspolitik, die imstande ist, die Demokratie
umzugestalten“. Im gleichen Monat hatte Maurice Thorez auf einer
Kundgebung in Nantes zum ersten Male das Programm zur Schaffung einer
Volksfront im Kampfe gegen den Faschismus verkündet. (31)
In
der Vorbereitung des Kongresses hatte es später auch eine intensive
Diskussion darüber gegeben, ob es nicht notwendig sei, zur präzisen
Charakterisierung des Faschismus und seiner Unterscheidung von anderen
Formen reaktionärer kapitalistischen Diktaturen, in die Definition des
Faschismus die Frage seiner sozialen Massenbasis unmittelbar
einzubeziehen: So vertrat R. Palme Dutt die Auffassung, dass in der auf
dem XIII. Plenum erarbeiteten Definition zwar richtig der Charakter des
Faschismus als reaktionär-terroristische Diktatur des Finanzkapitals
hervorgehoben worden sei, dass aber der wesentliche Unterschied des
Faschismus von der konterrevolutionären Diktatur und der weißgardistischen
Diktatur nicht deutlich werde. R. P. Dutt erklärte, der spezifische Zug
des Faschismus bestehe „nicht im Grad seiner Reaktion, seines Terrors,
seines Chauvinismus, sondern in dem besonderen sozialpolitischen
Mechanismus zur Durchsetzung dieses Terrors, d.h. in dem besonderen
System sozialer Demagogie, das den Zweck verfolgt, auf der Grundlage der
allgemeinen Krise des Kapitalismus, der Verelendung und Enttäuschung
des Kleinbürgertums und anderer Bevölkerungsschichten sowie der Enttäuschung
durch den Reformismus eine ,reaktionäre Massenbewegung’ (Thesen des
VI. Kongresses) zu schaffen“. Dutt plädierte dafür, die Frage der
Massenbasis „mit der grundlegenden Definition des Faschismus“
unmittelbar zu verknüpfen. (32)
Alle
diese Erkenntnisse, Erfahrungen und Diskussionen wurden auf dem VII.
Weltkongress der KI zusammengefasst und in einer strategischen
Neuorientierung systematisiert, die als ein tiefer Einschnitt,
ein Wendepunkt in der Geschichte der kommunistischen Weltbewegung
anzusehen ist. Der ganze Reichtum des Leninismus, insbesondere die
Lehren, die Lenin zum Verhältnis von bürgerlich-demokratischer und
sozialistischer Revolution; des Kampfes um Demokratie zum Kampf um den
Sozialismus; der Übergangslösungen, des Heranführens der Massen an
den Kampf um den Sozialismus; der Einheitsfront der Arbeiterklasse; der
Bündnispolitik mit den kleinbürgerlichen Massen entwickelt hatte,
wurden jetzt für die Strategie und Taktik der kommunistischen Parteien
unter den veränderten geschichtlichen Bedingungen nutzbar gemacht. Die
grundsätzliche Einschätzung des Klassencharakters des Faschismus, wie
sie vom XIII. EKKI-Plenum gegeben worden war, wurde beibehalten. Aber
das Verhältnis von faschistischen zu bürgerlich-parlamentarischen
Herrschaftsformen des Kapitals, die Stellung zur Verteidigung der bürgerlichen-demokratischen
Rechte, das Verhältnis zur Sozialdemokratie und besonders zum linken Flügel
in den sozialdemokratischen Parteien, die Einheitsfrontpolitik, die
Fragen eines breiten antifaschistischen Bündnisses in Gestalt der
Volksfront, die strategische Zielsetzung im Kampfe gegen den Faschismus,
die Übergangsformen im Kampfe um die politische Macht der
Arbeiterklasse und den Sozialismus, das Verhältnis zu den reformistisch
beherrschten Gewerkschaften usw. wurden neu bestimmt. So wurden in einer
ersten kritischen Überprüfung der Ursachen für den Sieg des
Faschismus die notwendigen historischen Lehren gezogen.
Eine
wichtige Schlussfolgerung war die Kritik an der ungenügenden
Differenzierung der bürgerlichen Herrschaftsformen in der Periode
zwischen 1918 und 1933 durch die KI.
Dimitroff sagte auf dem VII. Weltkongress: „Der Machtantritt
des Faschismus ist nicht die einfache Ersetzung einer bürgerlichen
Regierung durch eine andere, sondern die Ablösung einer
Staatsform der Klassenherrschaft der Bourgeoisie, der bürgerlichen
Demokratie, durch eine andere, durch die offene terroristische
Diktatur.“(33) Maurice Thorez unterstrich in seiner Rede auf dem
Kongress, dass viele Schwächen im antifaschistischen Kampf „ihren
Ursprung . . . in einer Unklarheit über den spezifischen Inhalt des
Faschismus gegenüber der Demokratie“ hatten. (34) Und Wilhelm Pieck
betonte, dass solange die bürgerliche Demokratie nicht durch die
proletarische Demokratie ersetzt werden kann, das Proletariat „an
jedem Fetzen bürgerlicher Demokratie interessiert“ sei, „um sie zur
Vorbereitung der Massen auf den Sturz der Macht des Kapitals, zur
Eroberung der proletarischen Demokratie auszunutzen“.(35)
Dimitroff
erklärte mit einem Blick auf die geschichtliche Entwicklung, es sei
richtig gewesen, dass die KPD in den Jahren 1918 bis 1920 ihr Hauptfeuer
gegen die bürgerliche Demokratie gerichtet habe, weil sich damals um
das Banner der Weimarer Republik „die ganze deutsche
Konterrevolution“ scharte; aber die Haltung hätte sich grundsätzlich
ändern müssen, als die faschistische Konterrevolution die bürgerliche
Demokratie angriff und sich anschickte, „ein Regime der barbarischen
Ausbeutung und Unterdrückung der Werktätigen aufzurichten“.(36)
In diesem Zusammenhang sagte Dimitroff, gegenwärtig hätten die
werktätigen Massen in einer Reihe von kapitalistischen Ländern nicht
zu wählen zwischen proletarischer Diktatur und bürgerlicher
Demokratie, sondern zwischen bürgerlicher Demokratie und
Faschismus“.(37)
Die
ungenügende Differenzierung zwischen den bürgerlichen
Herrschaftsformen, zwischen bürgerlichem Parlamentarismus und
Faschismus hatte auch dazu geführt, dass die faschistische Gefahr, wie
Dimitroff sagte, „in unzulässiger Weise unterschätzt“ worden sei,
dass es Anschauungen gab wie „Deutschland ist nicht Italien“, der
Faschismus habe wohl „in Italien siegen können, aber in Deutschland,
einem industriell und kulturell hochentwickelten Land mit einer vierzigjährigen
Tradition der Arbeiterbewegung sei der Faschismus unmöglich“. (38)
Wilhelm Pieck ergänzte diese Feststellung auf der Brüsseler Konferenz
der KPD im Oktober 1935 wie folgt: „Da wir selbst die faschistische
Gefahr unterschätzten und sie der Arbeiterschaft nicht genügend
signalisierten, im Gegenteil nach wie vor unseren Hauptstoß gegen die
Sozialdemokratie und gegen die bürgerliche Demokratie richteten, so
konnte es nicht ausbleiben, dass wir nicht vermochten, die
Arbeiterklasse für den Kampf gegen den Faschismus zu
mobilisieren“.(39)
Sehr
bedeutsam waren auch die Lehren, die für die Politik der
Arbeitereinheitsfront gegen Faschismus und Reaktion gezogen wurden. Die
fehlende Aktionsgemeinschaft der Arbeiterklasse war die wichtigste
historische Ursache für den Sieg des Faschismus gewesen. Ihre Quelle
war die Spaltungspolitik der sozialdemokratischen Führungen, deren
Weigerung, gemeinsam mit den Kommunistischen Parteien der faschistischen
Gefahr entgegenzutreten. „Der Faschismus konnte vor allem zur Macht
kommen“, sagte Dimitroff, „weil die Arbeiterklasse durch die Politik
der Arbeitsgemeinschaft mit der Bourgeoisie, die von den Führern der
Sozialdemokratie betrieben wurde, gespalten, gegenüber der angreifenden
Bourgeoisie politisch und organisatorisch entwaffnet war. Die
kommunistischen Parteien aber waren nicht stark genug, um ohne und gegen
die Sozialdemokratie die Massen in Bewegung zu bringen und in den
entscheidenden Kampf gegen den Faschismus zu führen.“(40)
Wilhelm
Pieck betonte auf der Brüsseler Konferenz der KPD, dass die Unterschätzung
der faschistischen Gefahr die Partei daran gehindert habe, alle Möglichkeiten
zur Erreichung der Aktionsgemeinschaft mit den sozialdemokratischen
Massen und Organisationen zu nutzen. Zwar habe Thälmann wiederholt die
Einheitsfrontpolitik als „Hauptkettenglied der proletarischen
Politik“ in Deutschland bezeichnet, aber „es fehlte bei dieser
Einstellung die Linie auf ein Herantreten an die sozialdemokratischen
Organisationen, es überwog mehr der Versuch zur Gewinnung der
sozialdemokratischen Arbeiter für die Partei. Vor allem verhinderte
aber das in der Partei tief eingewurzelte Sektierertum, das sich in der
Politik Neumanns widerspiegelte, ein wirklich ernstes Herangehen an die
sozialdemokratische Arbeiterschaft, um die Einheitsfront zustande zu
bringen oder wenigstens Verständnis bei ihr für die Losungen und die
Politik der Partei zu erwecken.“(41)
Wilhelm
Pieck wies ferner darauf hin, dass die KPD angesichts der wachsenden
faschistischen Gefahr um und nach dem 20. Juli 1932 eine andere
strategisch-taktische Orientierung hätte entwickeln müssen, die auch
ein verändertes Verhältnis zur Sozialdemokratie erfordert hätte. Die
Partei hätte verstehen müssen, sagte er, „dass ihre alte taktische
Orientierung eine falsche war und dass sie ihre Taktik auf den
gemeinsamen Kampf mit der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften gegen
die faschistische Gefahr hätte umstellen müssen, dass sie von ihrem
Kampfe gegen die bürgerliche Demokratie zum Kampfe um die Verteidigung
der demokratischen Rechte und Freiheiten hätte übergehen müssen.“(42)
Eine
hemmende Rolle bei der Entwicklung der Einheitsfrontpolitik der
kommunistischen Parteien vor 1933 spielte die Gegenüberstellung der
„Einheitsfront von unten“ und der „Einheitsfront von oben“.
„Wir haben diese beiden Formen,“ sagte Wilhelm Pieck, „lange zeit
schematisch gegenübergestellt und sie sogar als gegensätzlich
betrachtet. Als wir uns von diesem Fehler befreiten, haben wir zwar
beide Aufgaben gleichzeitig gestellt, aber sie doch nicht in einen
dialektischen Zusammenhang gebracht, sondern mehr als ein gesondertes
herantreten an die sozialdemokratischen Arbeiter und ein gesondertes
Herantreten an die Organisationen praktiziert.“(43) Als eines der
wichtigsten Hindernisse für das Zustandekommen einer Einheitsfront
nannte Wilhelm Pieck „das starre Festhalten an der Kennzeichnung der
Sozialdemokratie als soziale Hauptstütze der Bourgeoisie“ und die
falsche Einstellung zu den Linken in der Sozialdemokratie, die als
besonders gefährlich angesehen wurden. (44)
Der
Hauptfehler in der strategisch-taktischenOrientierung der KPD in den
letzten Jahren vor der Aufrichtung der faschistischen Diktatur war, so
Wilhelm Pieck auf der Brüsseler Konferenz, die unrichtige Einschätzung
der Lage und der Klassenkräfte sowie die fehlerhafte Bestimmung des
Hauptstoßes im Klassenkampf. „So notwendig es war“, sagte er,
„dass wir den schärfsten Kampf führten gegen die Politik der
Klassenzusammenarbeit der Sozialdemokratie mit der Bourgeoisie, gegen
die Preisgabe der Interessen der Arbeiterklasse zugunsten der
Aufrechterhaltung der kapitalistischen Klassenherrschaft, gegen den
Terror, den die Sozialdemokratie als Regierungsmacht gegen die
revolutionären Arbeiter zur Unterdrückung ihrer Bewegung anwandte,
also den Hauptstoß gegen diese Politik richteten, so hätten wir doch
bei einer richtigen Analyse der Lage und der Klassenkräfte die Veränderungen
bemerken müssen, die in dieser zeit vor sich gingen, in der die
faschistische Gefahr immer stärker in den Vordergrund trat. Wir hätten
also unseren Kampf gegen die Sozialdemokratie in ein richtiges Verhältnis
zu dem Kampf gegen den angreifenden Faschismus bringen müssen. Das ist
nicht geschehen, und darin liegt unser schwerster Fehler bei der
Ausarbeitung unserer politischen Linie. . . . Eine Taktik, die zu einer
bestimmten Zeit richtig war, wurde auch dann fortgesetzt, als die
Bedingungen des Kampfes andere wurden. Wir richteten unseren
Hauptangriff gegen die Sozialdemokratie noch in einer Zeit, in der wir
den Hauptangriff gegen die faschistische Bewegung hätten richten müssen.“(45)
Die
harte Selbstkritik, die die KPD an ihren eigenen Fehlern in den letzten
Jahren der Weimarer Republik geübt hat, kann aber die historische
Schuld der sozialdemokratischen Führung an der Gesamtentwicklung
der Weimarer Republik - in der sie an wichtigen Knotenpunkten
mehrfach die Regierung führte oder ihr angehörte, in der sie,
insbesondere in der Wirtschaftskrise, über den entscheidenden Einfluss
unter der Betriebsarbeiterschaft verfügte, in der sie
Verantwortung trug für starke Polizeikräfte, z. B. in Preußen, in der
sie alle Angebote der Kommunistischen Partei zum gemeinsamen Kampf gegen
den Faschismus zurückwies - nicht mindern.
9
Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. II.
Berlin/DDR 1960, S 689 ff.
10
Ebenda, S. 699.
11
Ebenda, S. 723.
12
Protokoll, Fünfter Kongress der Kommunistischen Internationale,
Bd. II, S. 717/718, Reprint Erlangen 1973.
13
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 4, Dok. 54, S.
493.
14
Die Kommunistische Internationale, Kurzer historischer Abriss,
Institut für Marxismus-Leninismus b. ZK der KPDSU, S. 332/333,
Berlin/DDR 1970.
15
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 4, Dok. 54, S.
493/494.16 Die Kommunistische Internationale, Kurzer Historischer Abriss
. . ., S. 378.
17
Zitt. in: Elfriede Lewerenz, Die Analyse des Faschismus durch die
Kommunistische Internationale, S. 24/25, Frankfurt/M. 1975.
18
Ebenda.
19
Ebenda, S. 26.
20
Ebenda, S. 27.
21
Ebenda.
22
Ebenda, S. 31.
23
Ebenda, S. 29.
24
Die Kommunistische Internationale, Kurzer Historischer Abriss . .
., S. 373 ff.
25
Elfriede Lewerenz, a. a. O., S. 91.
26
Die Kommunistische Internationale, kurzer Historischer Abriss . .
., S. 434/435.
27
Elfriede Lewerenz, a. a. O., S. 92.
28
Ebenda, S. 97.
29
Ebenda, S. 100.
30
Ebenda, S. 115.
31
Ebenda, S. 116.
32
Ebenda, S. 131.
33
VII. Kongress der Kommunistischen Internationale, Referate und
Resolutionen, S. 94, Frankfurt/M. 1975.
34
Elfriede Lewerenz, a. a. O., S. 142.
35
Ebenda, S. 143.
36
G. Dimitroff, Ausgewählte Schriften, Bd. 2, S. 645.
37
Ebenda, S. 645/646.
38
VII. Kongress der Kommunistischen Internationale . . ., S. 104.
39
Die Brüsseler Konferenz der Kommunistischen Partei Deutschlands
3.-15. Oktober 1935, S. 78, Frankfurt/M. 1975.
40
VII. Kongress der Kommunistischen Internationale . . ., S. 100.
41
Die Brüsseler Konferenz . . ., a. a. O., S. 100.
42
Ebenda, S. 83.
43
Ebenda, S. 90.
44
Ebenda, S. 91.
45
Ebenda, S. 76/77.
Quelle:
Josef Schleifstein. Die „Sozialfaschismus“-These, Zu ihrem
geschichtlichen Hintergrund.
Verlag
Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1980.
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