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Ein
Schuß, ein Toter
von
Henk
Verheyen
JungeWelt
vom 14.10.2009
Vorabdruck:
Ausschnitte aus »Promenade im Land von Nacht und Nebel« (1986)
Henk
Verheyen: »Wer nicht weiterkonnte, wurde abgeknallt, manchmal mit einem
Dumdum-Geschoß, das den Schädel aufriß und das Gesicht bis zur
Unkenntlichkeit entstellte« (erschossener KZ-Häftling irgendwo in
Nazideutschland) Foto: jW-Archiv
*
Hierzulande ist das Schicksal der »Nacht und Nebel«-Gefangenen aus Belgien,
Frankreich und den Niederlanden kaum bekannt. Ihren Namen erhielten sie
nach dem »Nacht-und-Nebel-Erlaß« des Chefs des Oberkommandos der
Wehrmacht, Wilhelm Keitel, vom 7.12.1941. Dieser diente zur Abschreckung
und härtesten Bestrafung des westeuropäischen Widerstands. Ungefähr
2700 dieser Häftlinge wurden in die Strafgefangenenlager Esterwegen und
Börgermoor im Emsland deportiert. Von dort aus kamen sie in
verschiedene andere KZ des faschistischen Lagersystems. Für den Belgier
Henk Verheyen, heute 84 Jahre alt, war es das KZ Flossenbürg in Bayern,
von wo aus er, knapp 20jährig, im April 1945 einen Todesmarsch in
Richtung KZ Dachau antreten mußte.
Über
»Promenade in Het Land van Nacht und Nebel« (1986)
Nicht
mehr lange wird es Zeugen geben, die die Greuel der Konzentrationslager
am eigenen Leib erfahren haben. Sie sterben einer nach dem anderen, und
der letzte wird gestorben sein, bevor sich jemand dessen wirklich bewußt
wird. Darum will ich noch einige Momentaufnahmen zu Papier bringen,
bevor ich an der Reihe bin.
Das
Trauma, das zwei Jahre Konzentrationslager in meine Seele gebrannt
haben, kann nicht in Worte gefaßt werden. Es soll genügen zu sagen, daß
ich noch zehn Jahre nach der Befreiung wiederholt nachts aufgeschreckt
bin, manchmal schweißgebadet, manchmal zitternd, manchmal mit einem
rauhen Aufschrei, zu Tode erschöpft. Ich danke darum meiner Frau, die
durch das Teilen des gemeinsamen Bettes auch des durchstandenen Leides
teilhaftig wurde. Durch ihr Verständnis, ihre Geduld und ihre Liebe hat
sie es mir ermöglicht, immer wieder Ruhe und Frieden zu finden. Die
Wunden sind geheilt, die Narben jedoch bleiben. Ich hege keinen Groll,
keinen Haß.
Ich
hatte eine Art »Decamerone« mit hundert Geschichten schreiben wollen,
aber in meinem Gedächtnis sind zu viele schwarze Löcher, Erinnerungen,
die ich nicht mehr aufrufen kann, weil sie wegen ihrer Grausamkeit allzu
tief in mein Unterbewußtsein verdrängt sind. So habe ich mich in
diesem Büchlein auf einige Momentaufnahmen aus meinem Leben als »Nacht-und-Nebel-Gefangener«
beschränkt. Es ist eine Art Dia-Reihe geworden, in der neben vielem
Leid auch Platz ist für ein Fünkchen Humor und – wenn auch bittere
– Freude.
So
wie Tacitus seine »Annales« »sine ira et studio« schrieb, so habe
ich diese Momentaufnahmen geschrieben »ohne Verbitterung und
Voreingenommenheit«. Ich möchte ein warnender Zeuge sein … auf daß
so etwas nie wieder geschehe. (...)
Ordnung
Im
Laufe eines jeden Tages mußte mindestens ein paar Mal »angetreten«
werden. War es nicht beim Verteilen der Suppe oder des Brotes, dann für
den einen oder anderen »Appell«. Eines Tages war bei solch einem
Antreten doch etwas aus dem Ruder gelaufen, was öfter einmal vorkam bei
tausend aufgescheuchten Männern, die vor ihrer Baracke aneinander
vorbeidrängelten.
Die
Bewacher waren nervös, sie brüllten und schlugen. Ein Gefangener muß
wohl für einen kurzen Moment in Panik geraten sein, denn in der Eile,
sich in die Reihe zu stellen, stieß er plötzlich gegen eine schwarze
Uniform.
Die
Reaktion des Nazis war prompt. Er ergriff einen Spaten, der gegen die hölzerne
Wand der Baracke gelehnt stand, und schmetterte den messerscharfen Stahl
mit kräftigem Schwung in den Schädel des armen Teufels. Dessen Kopf
sprang entzwei, abscheulich spritzten Hirn und Blut.
Unordnung
konnten diese Leute auf den Tod nicht ausstehen.
Tagein,
tagaus qualmte die Esse des Verbrennungsofens, neben dem Haufen von
Leichen lagen.
Die
Evakuierung
Im KZ
Flossenbürg war im April 1945 bereits die weiße Flagge gehißt worden,
da organisierte die SS den Todesmarsch für die 2000 Häftlinge
Weiße
Fahnen flatterten über den Baracken des Lagers von Flossenbürg. Die
Amerikaner waren im Anmarsch. Das Lager, so hieß es, war für neutral
erklärt worden, und die Gefangenen hatten sich nur an die Befehle des
Ordnungsdienstes zu halten. In der Ferne erklang Geschützdonner.
Während
wir uns die Hände gaben, auf die Schultern klopften und uns gegenseitig
beglückwünschten, waren SS-Leute fieberhaft damit beschäftigt,
Dokumente zu verbrennen.
Aber
es geschah doch noch, was nicht mehr für möglich gehalten wurde. Plötzlich
standen die schwarzen Uniformen wieder mitten unter uns. Sie schrieen
ihre Befehle, schlugen und traten. Die Fahnen mußten entfernt werden.
»Antreten!«
Kolonnen wurden gebildet, die Kranken zusammengetrieben.
Erneut
befiel uns die Angst.
Unsere
Kolonne von zweitausend Gefangenen verließ das Lager am 20. April 1945
gegen 15.30 Uhr.1 Die Räumung des zu diesem Zeitpunkt noch etwa 22000
Mann zählenden Konzentrationslagers war in vollem Gange.
Wir
waren etwa zwanzig Belgier in einer Menge von Russen, Polen, Tschechen,
Franzosen und Norwegern. Es sollte ein Fußmarsch von drei Tagen und
drei Nächten werden, zirka 80 Kilometer, der später bekannt werden
sollte als der »Todesmarsch von Flossenbürg«.
In
Fünferreihen marschierten wir los. Die SS hielt das Tempo hoch.
Ich
hatte ein Stück Brot, schätzungsweise 500 Gramm, erhalten und es
umgehend aufgegessen. So konnte es mir nicht mehr gestohlen werden.
Es
würde gleichwohl die einzige Nahrung sein, die ich während dieses
Marsches zwischen die Zähne kriegen würde.
Meinen
»Napf« trug ich unter meinem Hemd vor dem Bauch, einen Löffel in
einem Knopfloch und eine aufgerollte Decke schräg über die Schulter
gehängt.
Vor
und hinter mir gingen Marcel Rodts († 21. April),
Jozef Deroulou († 22. April), Xavier Gigot († 22. April), Louis
Smolders († 22. April), Felix Verbist († 22. April).
Anfangs
folgte uns ein Leichenwagen auf dem Fuße. Als man die Bergung der
vielen Leichen nicht mehr bewältigen konnte, blieben die entstellten
Kadaver am Wegrand zurück.
Eine
Blutspur …
Mörder
Abends,
nach Riks Tod2, durften wir uns ein paar Stunden lang auf einer Weide
hinlegen. Dort aß ich Löwenzahn und auch junge Birkenblätter. Die
kleinen, frisch gesprossenen Blättchen wurden mit den Fingern von einem
Zweig abgestreift und blieben dann in der Handfläche liegen. Sie
schmeckten bitter.
Kaum
waren wir wieder auf den Beinen, begann es zu regnen. Um uns vor dem
Regen zu schützen, schlugen wir uns unsere doppelt gefalteten Decken über
den Kopf und die Schultern.
Wer
nicht weiterkonnte, wurde niedergeknallt, manchmal mit einem
Dumdum-Geschoß, das den Schädel aufriß und das Gesicht bis zur
Unkenntlichkeit entstellte. Des Nachts feuerten die SS-Wachleute
zuweilen Leuchtkugeln über der Kolonne ab, um besser sehen zu können,
ob es Gefangene gab, die versuchten zu entwischen. Der fahle Lichtschein
erzeugte ein unheimliches Bild verzerrter Gestalten.
Den
Bürgern, die uns mitleidig ansahen und uns manchmal eine Scheibe Brot
geben wollten, sagte die SS, wir seien Mörder, Banditen und
Terroristen.
»Darf
ich auch einen abschießen?«, fragte ein 14jähriger Hitlerjunge, der
ein Weilchen mit unseren Bewachern mitging.
Neben
mir lief ein SS-Mann, der rohe Eier schlürfte. Einmal konnte ich mich
der fortgeworfenen Eierschale bemächtigen, mit dem Risiko, daß meine
Finger von dem eisenbeschlagenen Stiefel gebrochen würden. Solches
geschah einem Gefangenen, der einen Zigarettenstummel aufheben wollte.
Die
Eierschale kaute ich zu einem kalkartigen Brei, bevor ich sie
hinunterschlang. Calcium, dachte ich.
Stundenlang
marschierten wir, ab und an gab es eine fünf- bis zehnminütige
Ruhepause.
Es
geschah nach einem solchen kurzen Halt. Es wurde »Zurück in Kolonne!«
gerufen.
Alle
beeilten sich, dem Befehl Folge zu leisten.
Marcel
Rodts reagierte jedoch etwas langsamer und kassierte einen brutalen
Schlag. Er taumelte in den Graben am Wegrand. Ein Scharführer trat auf
ihn zu und feixte: »Sie können nicht mehr weiterlaufen, was!«. Er
richtete sein Gewehr auf Marcel.
»Jawohl,
Herr Wachtmeister«, rief ich und griff nach der Hand meines Kameraden,
um ihn aus dem Graben zu ziehen.
Der
Schuß fiel. Ich fühlte die Hitze auf meinem Handrücken.
Ein
grauenerregender Schrei. Er war nicht tot, nicht sofort.
Ich
ließ ihn los. Um mein Leben fürchtend, flüchtete ich der Kolonne
hinterher und verbarg mich in ihren Reihen.
Ein
zweiter Schuß; Marcel war nicht mehr.
Weiter!

Henk
Verheyen im KZ Esterwegen (Zeichnung von F. van Horen, 11.1.1944)
»Los,
los, weiter!« Und wieder zogen wir weiter durch die ostbayrische
Landschaft, die Decken über unsere Köpfe gezogen, gegen das schlechte
Wetter. Wenn jemand zusammensackte, wurde sofort nachgesehen, ob er
besseres Schuhwerk trug, seine Jacke noch trockener oder wärmer war.
Und war dies der Fall, so wurde dem Ärmsten das Kleidungsstück
abgenommen, noch bevor der Gnadenschuß ihn traf.
Die
bessere Kleidung brauchte er doch nicht mehr, so war der logische
Gedankengang desjenigen, der in diesem Augenblick noch denken konnte.
Ich
mußte dringend Wasser lassen, aber sich neben die Kolonne zu stellen,
bedeutete den sicheren Tod. Also knöpfte ich meine Hose auf und
pinkelte im Gehen. Der Urinstrahl bewegte sich im Rhythmus des Marsches
und schwappte gegen meine Hosenbeine. Jemand sagte, ich müsse
aufpassen, daß ich mir keinen Leistenbruch zuziehe.
Regen,
Hagel und Wind. Ächzende, stöhnende Menschen. Mitten auf dem Weg
kniete ein polnischer Gefangener, seine Arme baumelten neben seinem Körper.
Ein Unterscharführer stellte sich vor ihn und richtete den Lauf seines
Gewehrs auf die Stirn des Mannes.
»Wenn
Sie nicht weitergehen, zerschieße ich Ihren Kopf!«, erklang es
zynisch.
Mit
äußerster Anspannung sprang der Pole auf. Schwankend lief er noch 30
Meter weiter. Dann brach er zusammen, die Arme vor sich ausgestreckt,
das Gesicht auf der Erde, den Genickschuß erwartend. Keine Klage kam über
seine Lippen. Ohne ein Wort stellte sich ein SS-Mann neben ihn. Gefühllos
drückte er den Abzug. Ein Schuß, ein Toter.
Den
ganzen Tag über wiederholte sich dieses Wagnerianische Schauspiel: ein
Schuß, ein Toter. Ein Schuß, ein Toter …
Wo
sind sie geblieben?
Die
Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, zu einem Grüppchen
Gleichgesinnter, zu ein paar Freunden war uns Gefangenen eine Stütze.
In dem kleinen Universum konnten wir wieder einigermaßen wir selbst
sein, wieder Mensch werden. Dort verfügten wir über die gemeinsame
harte Schale, die uns von der barbarischen Wirklichkeit trennte; dort
brauchte sich unsere Seele auch nicht gleich einer Muschelschale zu
schließen wie beim Kontakt mit fremden Mitgefangenen und besonders mit
den Nazis.
Und
ich darf mit Bestimmtheit behaupten, daß alle unsere Antwerpener
Freunde, gemeinsam mit vielen anderen, woher auch immer sie aus unserem
Land kamen, eine unerschütterliche Solidarität unter Beweis stellten.
In
seinem Buch »Der SS-Staat« schreibt Eugen Kogon in dem Kapitel »Psychologie
der KL-Gefangenen« zu Recht: »Hinter dem schützenden Seelenpanzer
entwickelte sich jedoch bei nicht wenigen eine Sensibilisierung, in
manchen Fällen von außerordentlicher Höhe. Sittliches Bewußtsein und
echte Religiosität, die ihren Sitz im innersten Persönlichkeitskern
haben, sind durch die enormen alltäglichen Belastungen und
Unmenschlichkeiten eines Konzentrationslagers, sofern ein Mensch überhaupt
sittlich und religiös war, eher gefördert worden.«3
Vor
allem gab es das brüderliche Teilen.
Es
gab solche, die sich gegenseitig tagelang fürsorglich pflegten, Stunden
an einem Krankenbett saßen, ihr Hemd in Stücke rissen für einen
Verband. Es gab solche, die andere unterstützten bis sie selbst dabei
umfielen …
»Am
heilsten blieb die anima candida«, schreibt Kogon außerdem, »die
leuchtend-reine Seele, die alles so gut zu machen trachtete, als es eben
ging, nirgendwo Ärgernis nahm, was immer ihr begegnen mochte, und
unentwegt das Schlechte von sich abtat. Solche Menschen hat es in den
Lagern gegeben, und man darf von ihnen mit einem Worte des Evangeliums
sagen: Pertransierunt benefaciendo – ihr Wandel war Wohltat und Licht
…«4
Ich
habe viele solcher Menschen gekannt. Leider sind so wenige zurückgekehrt.
1)
Meine Erklärung bei der Polizei von Berchem-Antwerpen am 24. August
1946 muß korrigiert werden. »Am 20. April 1945 gegen 3.30 Uhr
nachmittags brach unsere Abteilung auf …« muß heißen »Am 20. April
1945, mittags, brach …«. Auf einer unlängst wiedergefundenen
Postkarte (auf der Vorderseite die Abbildung der ›Feierhalle« im
Studentenhaus von Würzburg) ist auf der Rückseite u.a. diese Tatsache
festgehalten. Die Angaben auf der Postkarte muß ich am 1. oder 2. Mai
1945 notiert haben.
2)
Gemeint ist Verheyens Antwerpener Freund Rik Wauters, der auf dem
Todesmarsch erschossen wurde – d.Red.
3)
Eugen Kogon, Der SS-Staat. Hier: München 1974, S. 370
4)
Ebd., S. 371
Quelle:
Junge Welt; 14.10.2009 |