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Eine
Dokumentation zur Lüge der bürgerlichen
Geschichtsschreibung:
Geschichtsfälscher
(eine
historische Feststellung)
Verlag
für Fremdsprachige Literatur Moskau
1948
Quelle:
Red
Channel
auf
Kommunisten-online am 8. April 2011
INHALT:
Einleitung
Wie
die Vorbereitung der deutschen Agression begann
Nicht
Kampf gegen die deutsche Aggression, sondern eine Politik der Isolierung
der UdSSR
Die
Isolierung der Sowjetunion. der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt
Die
Schaffung der „Ostfront“, der Überfall Deutschlands auf die UdSSR,
die Antihitlerkoalition und die Frage der interalliierten
Verpflichtungen
Einleitung:
ENDE
JANUAR veröffentlichte das Staatsdepartement der Vereinigten Staaten
von Amerika unter Mitwirkung des englischen und des französischen Außenministeriums
eine Sammlung von Berichten und verschiedenen Tagebuchauf- zeichnungen
diplomatischer Beamter Hitlers und versah sie mit der geheimnisvollen Überschrift
„Nazistisch-sowjetische Beziehungen 1939-1941“.
Wie
aus dem Vorwort zu diesem Sammelband hervor- geht, kamen die Regierungen
der USA, Großbritanniens und Frankreichs schon im Sommer 1946 überein,
die von den amerikanischen und englischen Militärbehörden in
Deutschland beschlagnahmten Archivmaterialien des deut- schen Auswärtigen
Amtes aus den Jahren 1918-1945 zu veröffentlichen. Dabei fällt der
Umstand auf, daß in die veröffentlichte Sammlüng nur Materialien
aufgenommen wurden, die sich auf die Jahre 1939-1941 beziehen. Dage- gen
hat das Staatsdepartement Materialien, die auf die vorhergehenden Jahre,
insbesondere auf die Münchener Periode Bezug haben, nicht in seinen
Sammelband aufge- nommen, also der Weltöffentlichkeit vorenthalten. Das
ist natürlich kein Zufall und geschieht in einer Absicht, die mit
objektiver und gewissenhafter Einstellung zur historischen Wahrheit
nichts gemein hat.
Um
die einseitige Veröffentlichung dieser Sammlung ungeprüfter und willkürlich
herausgegriffener Aufzeichnun- gen von Hitlerbeamten irgendwie vor der
Weltöffentlich keit zu rechtfertigen, bediente sich die englische und
ame- rikanische Presse der frei erfundenen Begründung, die Rus- sen hätten
„den Vorschlag des Westens, gemeinsam einen vollständigen Bericht über
die Nazidiplomatie zu veröffent- lichen, abgelehnt“.
Diese
Erklärung englischer und amerikanischer Kreise entspricht nicht den
Tatsachen.
In
Wirklichkeit verhielt sich die sache folgendermaßen. Als im Sommer 1945
in der Auslandspresse Meldungen auftauchten, in England werde mit
Vorbereitung zur Veröffentlichung in Deutschland erbeuteter Dokumente
begonnen, da wandte sich die Sowjetregierung an die Regierung Großbritanniens
und drang darauf, daß sowjetische Sachverständige zur gemeinsamen
Sichtung der von den englischen und amerikanischen Truppen erbeuteten
deutschen Dokumente hergezogen werden. Die Sowjetregierung erachtete die
Herausgabe solcher Dokumente ohne gemeinsame Koordinierung für unzulässig
und konnte außerdem
die
Verantwortung für die Veröffentlichung von Dokumenten ohne sorgfältige
und objektive Prüfung nicht übernehmen, da eine Publikation der erwähnten
Materia lien ohne diese elementare Voraussetzung die Beziehungen
zwischen den Mitgliedstaaten der Antihitlerkoalition nur verschlechtern
könnte. Das Foreign Office jedoch lehnte den Sowjetvorschlag ab, wobei
es sich darauf berief, die Sowjetregierung habe den Austausch von Kopien
der erbeu teten Nazidokumente verfrüht angeregt.
Bekannt
ist auch, daß die amerikanische Delegation im Politischen Direktorat
des Kontrollrats für Deutschland am 6. September 1945 einen Entwurf von
Direktiven für die Behandlung der deutschen Archive und Dokumente unter
breitete. Dieses Projekt sah vor, daß ein für ganz Deutsch land
einheitliches Verfahren bei der Sammlung und Kon- servierung der Archive
festgelegt werde, und daß die Vertre ter der UNO-Staaten das Recht
erhielten, Einblick in diese Archive zu nehmen. Es war auch die Möglichkeit
vorge- sehen, Kopien der Dokumente anzufertigen und sie zu veröffentlichen.
Dieser Antrag wurde in vier Sitzungen des Politischen Direktorats erörtert,
aber auf Ersuchen der Engländer und Amerikaner zurückgestellt unter
dem Vor wand, sie hätten keine Anweisungen. Nachdem dann der
amerikanische Vertreter erklärt hatte, die USA-Regierung arbeite an
einem neuen Vorschlag und bitte, das ein gereichte Projekt als ungültig
zu betrachten, wurde die Frage von der Tagesordnung des Politischen
Direktorats ab gesetzt.
4
Die Behauptung, die Sowjetregierung habe eine Beteili gung an den
Vorbereitungen zur Veröffentlichung der deutschen Archivmaterialien
abgelehnt, ist demnach eine Unwahrheit.
Gleichzeitig
mit der Veröffentlichung der erwähnten Sammlung setzte in den USA und
den von ihnen abhängi gen Ländern wie auf ein Zauberwort eine neue
Hetze und zügellose Verleumdungskampagne ein anläßlich des 1939 von
der Sowjetunion und Deutschland abgeschlossenen Nichtangriffspaktes, der
sich angeblich gegen die West mächte gerichtet hatte.
Somit
gibt es keinerlei Zweifel in bezug auf den wahren Zweck der in den
Vereinigten Staaten vorgenommenen Ver öffentlichung des Sammelbandes über
die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland in den Jahren
1939-1941. Der Zweck besteht nicht darin, die historischen Ereignisse
objektiv darzustellen, sondern darin, das wirkli che Bild der Ereignisse
zu entstellen, Lügen und Verleum dungen über die Sowjetunion zu
verbreiten und den in ternationalen Einfluß zu schwächen, den die
Sowjetunion als wahrhaft demokratischer und aufrechter Kämpfer gegen
die aggressiven und antidemokratischen Kräfte ge nießt.
Diese
perfide Haltung entspricht Anschauungen über den Charakter der interallüerten
Beziehungen, wie sie für die regierenden Kreise der
englisch-amerikanischen Länder typisch sind. Diesen Anschauungen gemäß
wird, anstatt ehrliche und aufrichtige Beziehungen zwischen den Ver bündeten
zu pflegen, anstatt gegenseitiges Vertrauen zu hegen und einander
Beistand zu leisten, eine Politik betrie ben, in deren Rahmen alle
Mittel einschließlich der Ver leumdung angewandt werden, um seinen
Bundesgenossen zu schwächen, ihn für enge egoistische Interessen auszu
nutzen und die eigene Position auf seine Kosten zu stärken.
Nicht
unbeachtet bleiben darf auch das Bestreben der regierenden USA-Kreise,
mit Hilfe ihrer Verleumdungs kampagne gegen die Sowjetunion den Einfluß
der progres siven Elemente im eigenen Lande, die für eine Verbesserung
der Beziehungen zur Sowjetunion eintreten, zu untergra ben. Der gegen
die progressiven Elemente in den USA ge führte Schlag hat zweifellos
auch den Zweck, ihren Ein fluß im Hinblick auf die im Herbst d. j.
bevorstehenden Präsidentenwahlen zu schwächen.
Die
Sammlung enthält eine Fülle von Dokumenten, die von den diplomatischen
Beamten Hitlers im Gewirr der deutschen diplomatischen Kanzleien
fabriziert wurden.
Allein
schon dieser Umstand hätte eine Warnung sein müs sen vor einer
einseitigen Verwendung und Veröffentlichung dieser Dokumente, die
selbst höchst einseitig und tenden ziös sind, die Ereignisse vom
Standpunkt der Hitlerregie rung darstellen und den Zweck haben, diese
Ereignisse m einem für die Hitlerfaschisten günstigen Licht erscheinen
zu lassen. Darum eben war die Sowjetregierung seinerzeit gegen eine
einseitige Veröffentlichung der deutschen Beutedokumente ohne
vorhergehende und sorgfältige ge meinsame Prüfung. Selbst die amtliche
französische Presse agentur France Presse muß zugeben, daß die Art
und Weise, wie die Materialien von den drei Regierungen ohne Wissen der
Sowjetunion veröffentlicht worden sind, „nicht völlig der normalen
diplomatischen Prozedur entspricht“.
Trotz
alledem war die englische Regierung damit nicht einverstanden. Die
amerikanische, englische und französi sche Regierung schreckten, als
sie sich auf die einseitige Veröffentlichung deutscher Dokumente einließen,
nicht vor einer Geschichtsfälschung zurück, um die Sowjetunion, die
die Hauptbürde des Kampfes gegen die Hitleraggression ge tragen hat, zu
verleumden.
Diese
Regierungen haben damit die volle Verantwor- tung für die Folgen einer
derart einseitigen Handlungsweise auf sich genommen.
Angesichts
dieses Umstandes hält sich die Sowjetre- gierung für berechtigt,
ihrerseits Geheimdokumente über die Beziehungen zwischen
Hitlerdeutschland und den Re gierungen Englands, Frankreichs und der USA
zu veröf fentlichen, die in die Hände der Sowjetregierung gelangt sind
und die die genannten Regierungen der Öffentlichkeit vorenthalten
haben. Sie halten diese Dokumente versteckt und wollen sie nicht veröffentlichen.
Wir aber sind der Meinung, daß sie nach allem, was vorgefallen ist, der
Öffentlichkeit überliefert werden müssen, damit es möglich wird, der
historischen Wahrheit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen.
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Die Sowjetregierung verfügt über wichtige Dokumente, die von den
Sowjettruppen bei der Niederwerfung Hitler deutschlands erbeutet worden
sind. Ihre Veröffentlichung wird dazu beitragen, den wirklichen Verlauf
der Vorberei tungen und der Entwicklung der Hitleraggression sowie des
zweiten Weltkrieges ins rechte Licht zu rücken.
Derselben
Aufgabe dient auch die vom Informations büro der Sowjetunion beim
Ministerrat der UdSSR heute veröffentlichte historische Feststellung
„Geschichtsfälscher“.
Die
diesbezüglichen Geheimdokumente werden in der nächsten Zeit veröffentlicht
werden.
zurück
Wie
die Vorbereitung der deutschen Aggression begann
Die
amerikanischen Fälscher und ihre englisch-französischen Helfershelfer
versuchen den Eindruck zu er wecken, als hätte die Vorbereitung der
deutschen Aggres sion, die in den zweiten Weltkrieg ausmündete, erst im
Herbst 1939 begonnen. Wer aber, außer absolut naiven Menschen, die
jeder aufgebauschten Sensation ein williges Ohr leihen, kann heutzutage
auf diese Angel anbeißen? Wer wüßte nicht, daß Deutschland mit der
Vorbereitung des Krieges sofort nach dem Machtantritt Hitlers begann?
Wer wüßte ferner nicht, daß das Hitlerregime von den deutschen
Monopolistenkreisen mit voller Billigung des regierenden Lagers
Englands, Frankreichs und der USA errichtet wurde?
Um
zum Kriege rüsten und sich die neuesten Waffen verschaffen zu können,
mußte Deutschland seine Schwer industrie, vor allem das Hüttenwesen
und die Rüstungsindu strie des Ruhrgebiets, wiederherstellen und
weiterentwickeln. Nach seiner Niederlage im ersten imperialistischen
Krieg konnte Deutschland, das sich unter dem Joch des Versail ler
Vertrages befand, dies nicht in kurzer Frist mit eigenen Kräften
bewerkstelligen. Die Vereinigten Staaten von Ame rika leisteten dem
deutschen Imperialismus hierbei weitge hende Unterstützung.
Wer
wüßte nicht, daß die amerikanischen Banken und Truste in vollem
Einvernehmen mit der Regierung in der Zeit nach Versailles Milliarden
von Dollar in der deutschen Wirtschaft anlegten, bzw. sie Deutschland in
Form von Krediten gewährten, die zur Wiederherstellung und Weiter
entwicklung des deutschen industriellen Kriegspotentials verwendet
wurden?
Die
Periode nach Versailles brachte in Deutschland bekanntlich ein ganzes
System von Maßnahmen, die darauf abzielten, die deutsche
Schwerindustrie, insbesondere das deutsche industrielle Kriegspotential,
wiederherzustellen. Eine große Rolle spielte hierbei der sogenannte
Dawes Reparationsplan für Deutschland, mit dessen Hilfe die USA und
England die deutsche Industrie von den amerikanischen und britiscben
Monopolen abhängig zu machen gedachten. Der Dawesplan ebnete den Weg für
den verstärkten Zufluß ausländischen - vorwiegend amerikanischen . -
Kapitals und seine Verankerung in der deutschen Industrie. Das Er gebnis
war, daß schon 1925 ein Aufschwung der deutschen Wirtschaft einsetzte,
der durch den intensiven Prozeß der Neuausrüstung des
Produktionsapparates bedingt war. Gleichzeitig erfolgte ein starkes
Ansteigen des deutschen Exports, der 1927 den Stand von 1913 erreichte,
während er, was Fertigwaren anbelangt, diesen Stand (in Preisen des
Jahres 1913) sogar um 12 Prozent überschritt. In sechs Jahren, von 1924
bis 1929, flossen 10-15 Milliarden Mark langfristige und über 6
Milliarden Mark kurzfristige aus ländische Kapitalanlagen nach
Deutschland. Einigen , Quel len zufolge war der Umfang der
Kapitalinvestitionen noch bedeutend größer. Dies führte zu einer
gigantischen Ver stärkung der deutschen Wirtschaftsmacht, besonders des
Kriegspotentials. Von ausschlaggebender Bedeutung waren hierbei die
amerikanischen Kapitalanlagen, die nicht weni ger als 70 Prozent der
Summe aller langfristigen Anleihen ausmachten.
Man
kennt sehr wohl die Rolle, die bei der Finanzierung der deutschen
Schwerindustrie, bei der Anknüpfung und Ausgestaltung engster
Verbindungen zwischen der ameri kanischen Industrie und der deutschen
Industrie die ame rikanischen Monopole spielten, an deren Spitze die
Familien DuPont, Morgan, Rockefeller, Lamont und andere Industrie
magnaten der USA stehen. Die führenden amerikanischen Monopole waren
mit der Schwerindustrie, den Rüstungs konzernen und den Banken
Deutschlands aufs engste ver bunden. Der führende amerikanische
Chemiekonzern DuPont de Nemours, der einer der größten Aktionäre des
Automobiltrusts General Motors war, und der britische Reichs-Chemietrust
(Imperial Chemical Industries) standen in engen industriellen
Beziehungen zu dem deutschen Che miekonzern I. G. Farbenindustrie, mit
dem sie 1926 ein Kartellabkommen über die Aufteilung der Weltmärkte für
den Absatz von Schießpulver abschlossen. Präsident des Vorstands der
Firma Rohm & Haas in Philadelphia (USA) war vor dem Kriege ein
Kompagnon des Chefs derselben Firma in Darmstadt (Deutschland). Nebenbei
gesagt, treibt der ehemalige Direktor dieses Konzerns, Rudolf Müller,
jetzt in „Bizonien“ sein Wesen und spielt eine bedeutende Rolle in
den führenden Kreisen der Christlich-Demokrati schen Union (CDU). Von
1931 bis 1939 kontrollierte der deutsche Kapitalist Schmitz,
Vorsitzender der I. G. Farben industrie und Aufsichtsratsmitglied der
Deutschen Bank, die amerikanische Firma General Dyestuffs Corporation.
Nach der Münchener Konferenz von 1938 schloß der ame rikanische
Petroleumtrust Standard Oil einen Vertrag mit der I. G. Farbenindustrie,
durch den diese an den Profiten aus dem in den USA produzierten
Flugzeugbenzin beteiligt wurde, wofür sie leichten Herzens darauf
verzichtete, ihr synthetisches Benzin, von dem Deutschland damals für
Kriegszwecke Vorräte anlegte, aus Deutschland auszu- führen.
Solche
Verbindungen sind nicht nur für die amerikani schen kapitalistischen
Monopole kennzeichnend. Engste wirtschaftliche Beziehungen, die nicht
nur von kommer zieller, sondern auch von militärischer Bedeutung waren,
bestanden z. B. unmittelbar vor dem Krieg zwischen der Federation of
British Industries und der deutschen Reichsgruppe Industrie. Vertreter
dieser beiden Monopolverbände veröffentlichten 1939 in Düsseldorf
eine gemeinsame Erklärung, in der es u. a. hieß, der Zweck des
Abkommens sei, „die möglichst vollständige Zusammenarbeit zwischen
den Industriesystemen ihrer Länder zu gewährleisten“. Das ge schah
zu einer Zeit, da Hitlerdeutschland die Tschechoslo wakei verschlungen
hatte! Kein Wunder, daß der Lon- doner „Economist“ aus diesem Anlaß
schrieb: „Liegt nicht etwas in der Düsseldorfer Luft, was vernünftige
Menschen von Sinnen bringen könnte?“ (Zitiert
nach: Corwin D. Edwards, Economic and Political Aspects of International
Cartels, Government Printing Office, Washington 1947.)
Ein
kennzeichnendes Beispiel der engen Verflechtung zwischen amerikanischem
- aber auch englischem - und deutschem Kapital bietet die bekannte Schröderbank,
'in der der deutsche Stahltrust, die von Stinnes, Thyssen und an deren
Industriemagnaten des Ruhrgebiets gegründete Ver einigte Stahlwerke A.
G., die führende Rolle spielte, und die ihre Zentralen in Neuyork und
London hatte. In den Ge schäften dieser Bank sprach Allen Dulles, der
Direktor der Londoner, Kölner und Hamburger Schröders in Neuyork - der
Firma J. Henry Schröder Banking Corporation-, ein entscheidendes Wort.
Eine führende Rolle in der Neu yorker Zentrale dieser Bank spielte die
bekannte Anwalts firma Sullivan & Cromwell, die von John Foster
Dulles, dem jetzigen Hauptberater des Herrn Marshall, geleitet wird. Die
Firma ist eng verbunden mit dem Rockefeller sehen Weltpetroleumtrust
Standard Oil sowie mit der größten Bank der USA, der Chase National
Bank, die in der deutschen Industrie riesige Kapitalien anlegten.
Sobald
in dem Deutschland der Nachversaillesperiode der Inflation Einhalt
geboten und die Mark stabilisiert wor den war, ergoß sich, wie in dem
1947 in Neuyork erschie nenen Buch von R. Sasuly betont wird, buchstäblich
ein Strom von Auslandsanleihen nach Deutschland. Von 1924 bis 1930 stieg
die Auslandsschuld Deutschlands um mehr als 30 Milliarden Mark.
Mit
Hilfe von ausländischem - hauptsächlich amerika nischem - Kapital
wurde die deutsche Industrie, besonders die Vereinigte Stahlwerke A. G.,
weitgehend rekonstruiert und modernisiert. Einige Anleihen flossen
unmittelbar den Firmen zu, die bei der Neuaufrüstung die Hauptrolle
spiel ten.( Richard Sasuly, I. G. Farben, Boni and Gaer, New York
1947, p, 80.)
Neben
der englisch-deutsch-amerikanischen Schröder bank spielte bei der
Finanzierung der Vereinigten Stahlwerke in diesen Jahren eine der größten
Neuyorker Banken Dillon, Read & Co. -, zu deren Direktoren mehrere
Jahre lang der jetzige USA-Verteidigungsminister Forrestal gehör te,
eine führende Rolle. (Stock
Exchange Year Book, London 1925; Who's Who in America; Who's Who in
Finance, Banking and Insurance; Moody's Manual of Railroads and
Corporation Securities; Poor's Manual, 1924-1939).
Eben
dieser goldene Regen amerikanischer Dollars be fruchtete die
Schwerindustrie Hitlerdeutschlands, insbeson dere die Rüstungsindustrie.
Diese von den transatlantischen. Monopolen in der Rüstungswirtschaft
Hitlerdeutschlands angelegten Milliarden amerikanischer Dollars stellten
das deutsche Kriegspotential wieder her und gaben dem Hitler regime die
Waffe in die Hand, die es zur Durchführung seiner Aggression nötig
hatte.
In
einer kurzen Zeitspanne schuf Deutschland, gestützt auf die finanzielle
Hilfe hauptsächlich der amerikanischen Monopole, wieder eine starke Rüstungsindustrie,
die im stande war, kolossale Mengen erstklassiger Waffen, viele tausende
Panzer, Flugzeuge, Geschütze, Kriegsschiffe von neuestem Typus und
andere Waffenarten herzustellen.
Alles
das möchten die Geschichtsfälscher nicht mehr wahr haben. Sie
versuchen sich zu drücken vor der Verant wortung für ihre Politik, die
die Hitleraggressoren bewaff nete, den zweiten Weltkrieg entfesselte und
zu einer in der Geschichte beispiellos dastehenden Kriegskatastrophe führte,
die die Menschheit Millionen und aber Millionen Opfer ge kostet hat.
Es
darf also nicht vergessen werden, daß die erste und wichtigste
Voraussetzung der Hitleraggression die Wieder geburt und Erneuerung der
Schwerindustrie und der Rüstungsindustrie Deutschlands war, die
ihrerseits nur durch die direkte und weitgehende Finanzhilfe der regie
renden Kreise der Vereinigten Staaten von Amerika möglich wurde.
Aber
das ist nicht alles.
-
Ein anderer entscheidender Umstand, der die Entfesse lung der
Hitleraggression förderte, war die Politik der re gierenden Kreise
Englands und Frankreichs, die als Politik der „Befriedung“
Hitlerdeutschlands, als eine Politik der Abkehr von kollektiver
Sicherheit bekannt ist. Heute muß es jedermann klar sein, daß eben
diese Politik der regie renden Kreise Englands und Frankreichs, verkörpert
in der Abkehr von kollektiver Sicherheit, in der Weigerung, der
deutschen Aggression entgegenzutreten, in der Begün stigung der
aggressiven Forderungen Hitlerdeutschlands, zum zweiten Weltkrieg geführt
hat.
Wenden
wir uns den Tatsachen zu.
Schon
bald nach Hitlers Machtantritt wurde dank den Bemühungen der
Regierungen Englands und Frankreichs im Jahre 1933 in Rom ein „Pakt
des Einvernehmens und der Zusammenarbeit“ von vier Mächten - Großbritannien,
Deutschland, Frankreich und Italien - unterzeichnet. Die ser Pakt
bedeutete eine Verabredung der englischen und der französischen
Regierung mit dem deutschen und dem italienischen Faschismus, die schon
damals aus ihren Aggres sionsabsichten kein Hehl machten. Gleichzeitig
bedeu- tete dieser Pakt mit den faschistischen Staaten die Abkehr von
der Politik einer Festigung der Einheitsfront der fried liebenden Mächte
gegen die aggressiven Staaten. Auf der damals tagenden Abrüstungskonferenz
stand der sowjeti sche Antrag, einen Nichtangriffspakt und einen Pakt über
die Definition des Angreifers zu schließen, zur Erörterung. Indem Großbritannien
und Frankreich unter Umgehung der übrigen an dieser Abrüstungskonferenz
beteiligten Mächte sich mit Deutschland und Italien verabredeten, führten
sie einen Schlag gegen die Gewährleistung des Weltfriedens und der Völkersicherheit.
Bald
darauf, 1934, halfen England und Frankreich Hitler, die feindselige
Einstellung des mit ihnen alliierten Polens der Pans zur UdSSR
auszunutzen, wodurch der deutsch-polnische Nichtangriffspakt zustande
kam, der eine bedeutsame Etappe in der Vorbereitung der deutschen
Aggression war. Hitler brauchte diesen Pakt, um die Reihen der Anhänger
der kollektiven Sicherheit in Verwirrung zu bringen und an diesem
Beispiel zu zeigen, daß Europa nicht kollektiver Sicherheit, sondern
zweiseitiger Abkommen be dürfe. Dies ermöglichte es den deutschen
Aggressoren, selbst darüber zu entscheiden, mit wem und wann sie ein
Abkom men schließen und wen und wann sie überfallen wollen. Zweifellos
war der deutsch-polnische Pakt die erste ernst hafte Bresche im Gebäude
der kollektiven Sicherheit.
Dreister
geworden, ergriff Hitler eine Reihe von Maß nahmen zwecks offener
Wiederherstellung der deutschen Streitkräfte, was bei den englischen
und französischen Machthabern auf keinerlei Gegenwehr stieß. Im
Gegenteil, schon bald, im Jahre 1935, wurde in London, wo Ribben trop zu
diesem Zweck eingetroffen war, ein englisch deutsches Flottenabkommen
geschlossen, worin Großbritan nien seine Zustimmung gab zur
Wiederherstellung der, deutschen Seestreitkräfte in einem Umfang, der
der fran zösischen Kriegsmarine fast gleichkam. Außerdem erhielt
Hitler das Recht, U-Boote mit einer Gesamttonnage zu bauen, die 45
Prozent der britischen U-Boot-Flotte gleich kam. In den gleichen
Zeitraum fallen auch die einseitigen Akte Hitlerdeutschlands, die auf
die Beseitigung aller an deren im Versailler Vertrag festgelegten Beschränkungen
für das Anwachsen der Streitkräfte Deutschlands gerichtet waren und
die bei England, Frankreich und den USA keinerlei Widerstand begegneten.
Die
faschistischen Aggressoren wurden angesichts der offenkundigen
Vorschubleistung durch die USA, Großbri tannien und Frankreich mit
jedem Tage unersättlicher. Es ist selbstverständlich kein Zufall, daß
Deutschland und Italien bei ihren militärischen Interventionen in
Abessinien und Spanien damals leichtes Spiel hatten.
Nur
die Sowjetunion betrieb konsequent und entschlos sen ihre
Friedenspolitik und verfocht die Prinzipien der Gleichberechtigung und
der Unabhängigkeit Abessiniens, das überdies Mitglied des Völkerbundes
war, sowie das Anrecht der legitimen republikanischen Regierung Spaniens
auf Unterstützung durch die demokratischen Länder in ihrem Kampf gegen
die deutsch-italienische Intervention.
W.
M. Molotow führte auf der Tagung des Zentralen Exekutivkomitees der
UdSSR am 10. Januar 1936 anläß lich des italienischen Überfalls auf
Abessinien folgendes aus:
„Die
Sowjetunion hat im Völkerbund ihre Treue zu diesem Prinzip, dem Prinzip
staatlicher Unabhängig keit und nationaler Gleichberechtigung aller
Staaten, am Beispiel eines der kleinen Länder - Abessiniens - de
monstriert. Die Sowjetunion hat außerdem ihre Beteili gung am Völkerbund
dazu ausgenutzt, um ihre gegen den imperialistischen Aggressor
gerichtete Linie prak tisch durchzuführen.“ ( W. M. Mojotow, Artikel
und Reden aus den Jahren 1935 und 1936, S. 176.)
W.
M. Molotow sagte damals:
„Der
italienisch-abessinische Krieg zeigt, daß die Gefahr eines Weltkrieges
immer größer wird, daß sie Europa immer mehr ergreift.“ (Ebenda S.
177)
Was
aber taten zu dieser Zeit die Regierungen der USA, Großbritanniens und
Frankreichs, vor deren Augen die faschistischen Räuber immer frecher
und frecher mit ihren Opfern aufräumten? Sie rührten keinen Finger, um
den deutschen und den italienischen Aggressor zu bändigen, um die mit Füßen
getretenen Rechte der Völker zu verteidigen, um den Frieden zu wahren
und den herannahenden zwei- ten Weltkrieg aufzuhalten.
Nur
die Sowjetunion tat alles, was im Bereich der Mög lichkeit lag, um den
faschistischen Aggressoren den Weg zu versperren. Die Sowjetunion trat
als Initiator und Vor kämpfer der kollektiven Sicherheit auf. Schon am
6. Fe bruar 1933 schlug der Vertreter der Sowjetunion, M. M: Lit winow,
in der Allgemeinen Abrüstungskommission vor, eine Deklaration
anzunehmen, in der Aggression und An- greifer definiert werden. Bei
ihrem Vorschlag, den Angreifer zu definieren, ging die Sowjetunion von
der Notwendigkeit aus, im Interesse der allgemeinen Sicherheit und
leichterer Verständigung über maximale Abrüstung den Begriff der
„Aggression“ möglichst genau zu definieren, um „jedwe dem Vorwand
zu ihrer Rechtfertigung vorzubeugen“. Un ter der Führung Englands und
Frankreichs lehnte jedoch die Konferenz, zu Nutz und Frommen des
deutschen Ag gressors, diesen Vorschlag ab.
Allgemein
bekannt ist der beharrliche und langwierige Kampf, den die Sowjetunion
und ihre Völkerbundsdelega tion unter dem Vorsitz M. M. Litwinows für
die Aufrechter haltung und Stärkung der kollektiven Sicherheit geführt
hat. Während der ganzen Vorkriegszeit trat die Sowjetdele gation im Völkerbund
für das Prinzip der kollektiven Sicherheit ein, fast in jeder Sitzung,
in jedem Ausschuß des Völkerbunds erhob sie ihre Stimme zur
Verteidigung die ses Prinzips. Wie bekannt, blieb die Sowjetdelegation
aber ein Rufender in der Wüste. Die ganze Welt kennt die Vorschläge
der Sowjetdelegation über Maßnahmen zur Stärkung der kollektiven
Sicherheit, die im Auftrage der Sowjetregierung Herrn Avenol, dem
Generalsekretär des Völkerbundes, am 30. August 1936 mit dem Ersuchen
übermittelt wurden, sie im Völkerbund zur Erörterung zu stellen.
Bekannt ist aber auch, daß diese Vorschläge in den Archiven des Völkerbun
des begraben wurden, ohne daß irgend etwas unternommen worden wäre. Es
war klar, daB England und Frankreich, die damals im Völkerbund die Führung
hatten, den kollektiven Wider stand gegen eine deutsche Aggression
ablehnten. Und sie lehnten die kollektive Sicherheit ab, weil sie ihnen
bei der Durchführung ihrer neuen Politik der „Befriedung“ des
deutschen Aggressors, einer Politik der Konzessionen an die
Hitleraggression, hinderlich war. Natürlich mußte eine solche Politik
Deutschland noch aggressiver machen, aber die regierenden Kreise
Englands und Frankreichs hielten das für ungefährlich, da man glaubte,
die Hitleraggression, nachdem man Hitler durch Konzessionen im Westen
be- friedigt hätte, nach Osten lenken und sie als Werkzeug gegen die
Sowjetunion gebrauchen zu können.
In
seinem Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag der KPdSU(B) vom März
1939 sagte J. W. Stalin, als er die Ursachen für die Intensivierung der
Hitleraggression erläuterte:
„Die
wichtigste Ursache besteht darin, daß sich die meisten nichtaggressiven
Länder, und vor allem England und Frankreich, von der Politik der
kollektiven Sicher heit, von der Politik der kollektiven Abwehr der
Aggres soren losge~.agt haben, daß sie die Position der Nicht
einmischung, die Position der Neutralität` bezogen haben.“ (J.
Stalin, Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag über die Arbeit
des ZK der KPdSU(B), „Fragen des Leninismus“, S. 570).
Um
den Leser irrezuführen und gleichzeitig die Sowjet regierung zu
verleumden, behauptet der amerikanische Kor respondent Neal Stanford,
die Sowjetregierung sei gegen die kollektive Sicherheit gewesen, M. M.
Litwinow sei seines Postens als Volkskommissar für auswärtige
Angelegenheiten enthoben und durch W. M. Molotow ersetzt worden, weil er
eine Politik betrieben habe, die auf Stärkung der kollekti ven
Sicherheit abzielte. Etwas Törichteres als diese phan tastische
Behauptung ist kaum denkbar. Selbstverständlich hat M. M. Litwinow
nicht seine persönliche Politik, sondern die Politik der
Sowjetregierung durchgeführt. Anderseits ist der Kampf für die
kollektive Sicherheit allgemein be kannt, den die Sowjetregierung und
ihre Vertreter, darun ter auch M. M. Litwinow, während der ganzen
Vorkriegs zeit geführt haben.
Was
die Ernennung W. M. Molotows zum Volkskom missar für auswärtige
Angelegenheiten betrifft, so ist völlig klar, daß in der damaligen
komplizierten Situation, als die faschistischen Aggressoren den zweiten
Weltkrieg vorberei teten und hierbei von Großbritannien und Frankreich,
hin ter denen die Vereinigten Staaten von Amerika standen, direkt gefördert
und zum Krieg gegen die Sowjetunion an getrieben wurden, auf dem so
verantwortungsvollen Posten des Volkskommissars für auswärtige
Angelegenheiten ein Politiker stehen mußte, der erfahrener war und größere
Popularität im Lande genoß als M. M. Litwinow.
Es
war kein Zufall, daß die Westmächte einen Pakt über kollektive
Sicherheit ablehnten. Damals entspann sich ein Kampf zwischen zwei
Richtungen der internationalen Poli tik. Die eine Richtung war die des
Kampfes für den Frieden, für die Organisierung der kollektiven
Sicherheit und für die Abwehr der Aggression durch die vereinten Kräfte
der friedliebenden Völker. Diese Richtung vertrat die Sowjet union, die
konsequent und standhaft die Interessen aller großen und kleinen
friedliebenden Völker verteidigte. Die andere Richtung lehnte die
Organisierung der kollektiven Sicherheit und den Widerstand gegen die
Aggression ab, was die faschistischen Länder unvermeidlich zur Steige
rung ihrer aggressiven Aktivität anspornte und damit die Entfesselung
des neuen Krieges begünstigte.
Aus
alledem geht hervor, daB die historische Wahrheit in folgendem besteht:
Die Hitleraggression wurde möglich, erstens, weil die USA Deutschland
halfen, in kurzer Zeit eine militärische und ökonomische Basis für
die deutsche Aggression zu schaffen, und auf solche Weise diese Aggres-
sion bewaffneten, und zweitens, weil die regierenden Kreise Englands und
Frankreichs durch ihre Abkehr von kollek tiver Sicherheit die Reihen der
friedliebenden Länder desorganisierten, die Einheitsfront dieser Länder
gegen die Aggression zersetzten, der deutschen Aggression den Weg
freilegten und Hitler halfen, den zweiten Weltkrieg zu entfesseln.
Was
wäre geschehen, wenn die USA nicht die Schwer industrie
Hitlerdeutschlands finanziert und wenn England und Frankreich sich nicht
von der kollektiven Sicherheit abgewandt, sondern, im Gegenteil,
gemeinsam mit der Sow- jetunion die kollektive Abwehr gegen die deutsche
Aggres sion organisiert hätten?
Hitler
hätte dann für seine Aggression keine ausreichenden Waffen gehabt. Die
Raubpolitik Hitlers wäre von einem Regime der kollektiven Sicherheit in
die Zange genommen worden. Die Chancen der Hitlerfaschisten auf eine
erfolgrei che Entfesselung des zweiten Weltkrieges wären auf ein
Minimum zusammengeschrumpft. Hätten aber die Hitler faschisten, trotz
dieser für sie ungünstigen Bedingungen, sich doch zur Entfesselung des
zweiten Weltkrieges ent schlossen, dann wären sie schon im ersten
Kriegsjahr geschlagen worden.
Dies
ist aber leider nicht geschehen, und zwar infolge der verderblichen
Politik, die die USA, England und Frank reich während der ganzen
Vorkriegszeit betrieben.
Eben
sie sind daran schuld, daß die Hitlerfaschisten nicht ohne Erfolg den
zweiten Weltkrieg entfesseln konn ten, der fast sechs Jahre dauerte und
Millionen Opfer ver schlang.
zurück
Nicht
Kampf gegen die deutsche Aggression, sondern eine Politik der Isolierung
der UdSSR
Die
weitere Entwicklung der Ereignisse zeigte noch deutlicher, daB die
regierenden Kreise Englands und Frank reichs durch ihre Zugeständnisse
und Vergünstigungen an die faschistischen Staaten, die sich 1936 zu dem
als „Achse Berlin-Rom“ bekannten militärischen und politischen
Block zusammengeschlossen hatten, Deutschland nur ermunter ten und auf
den Weg der Annexionen drängten.
England
und Frankreich, die die Politik kollektiver Sicherheit verwarfen,
bezogen die Position der sogenannten Nichteinmischung, von der J. W.
Stalin sagte, man könnte „die Politik der Nichteinmischung wie folgt
charakteri sieren: Möge jedes Land sich gegen die Aggressoren
verteidigen, wie es will und wie es kann, wir scheren uns nicht darum,
wir werden sowohl mit den Aggressoren als auch mit ihren Opfern Handel
treiben.` In Wirklich keit bedeutet jedoch die Politik der
Nichteinmischung eine Begünstigung der Aggression, die Entfesselung des
Krieges und folglich seine Umwandlung in einen Welt krieg.“ (
Stenographischer Bericht des XVIII. Parteitags der KPdSU(B),
Staatsverlag, Moskau 1939, S. 13)
Dabei
wies J. W. Stalin darauf hin, daß „das große und gefährliche
politische Spiel, das die Anhänger der Nichtein- mischungspolitik
begonnen haben, für sie mit einem ernst- haften Fiasko enden kann“
(Ebenda, S. 14.).
Schon
im Jahre 1937 war es absolut klar, daß die Er eignisse einem von Hitler
mit direkter Vorschubleistung Großbritanniens und Frankreichs
angezettelten großen Krieg entgegentrieben.
Die
von den Sowjettruppen nach der Niederwerfung Deutschlands erbeuteten
Dokumente des deutschen Auswär tigen Amtes enthüllen das wahre Wesen
der Außenpolitik, die Großbritannien und Frankreich damals trieben.
Wie aus den Dokumenten ersichtlich, bestand das Wesen der englisch-französischen
Politik nicht im Zusammenschluß der Kräfte der friedliebenden Staaten
zum gemeinsamen Kampf gegen die Aggression, sondern in dem Bestreben,
die UdSSR zu isolieren und die Hitleraggression nach dem Osten, gegen
die Sowjetunion, zu lenken, wobei Hitler als Werkzeug für ihre eigenen
Zwecke ausgenutzt werden sollte.
Die
Machthaber Englands und Frankreichs kannten sehr wohl die Hauptrichtung
der hitlerfaschistischen Außen politik, die von Hitler wie folgt
definiert worden war:
„Wir
Nationalsozialisten ziehen bewußt einen Strich unter die außenpolitische
Richtung unserer Vorkriegs zeit. Wir setzen dort an, wo man vor sechs
Jahrhun derten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden
und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir
brechen endlich mit der Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegs zeit
und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in
Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur
an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten denken. Das Schicksal
selbst scheint uns hier einen Fingerzeig geben zu wollen.“ (A. Hitler,
Mein Kampf, München 1936, S. 742.)
Bis
zur letzten Zeit pflegte man anzunehmen, daß die gesamte Verantwortung
für die Münchener Verratspolitik den regierenden Kreisen Englands und
Frankreichs, den Regierungen Chamberlains und Daladiers, zufällt. Die
Tat sache, daß die amerikanische Regierung die Veröffentli chung der
deutschen Archivmaterialien vorgenommen hat und dabei die auf das Münchener
Abkommen bezüglichen Dokumente aus der Sammlung ausschloB, zeugt davon,
wie sehr die Regierung der USA daran interessiert ist, die Helden des Münchener
Verrats weiß zu waschen und dabei den Versuch zu machen, die Schuld auf
die UdSSR abzuwälzen.
Auch
früher war schon zur Genüge klar, worin der Sinn der Münchener
Politik Englands und Frankreichs in der Hauptsache bestand. Die in den Händen
der Sowjetregie rung befindlichen Dokumente aus dem Archiv des deutschen
Auswärtigen Amtes liefern jedoch zahlreiche zusätzliche
Tatsachenangaben, die den wirklichen Sinn der Diplomatie der Westmächte
in der Vorkriegszeit enthüllen und zeigen, wie mit dem Schicksal der Völker
gespielt wurde, wie un- verfroren man fremde Territorien verschacherte,
wie die Weltkarte heimlich umgemodelt wurde, wie man die Hit
leraggression anspornte und welche Anstrengungen auf geboten wurden, um
diese Aggression nach dem Osten, gegen die Sowjetunion, zu lenken.
Ein
beredtes Beispiel dafür ist ein deutsches Dokument, worin ein Gespräch
zwischen Hitler und dem britischen Minister Halifax, das in Gegenwart
des deutschen Außen ministers von Neurath am 19. November 1937 in
Obersalz- berg stattfand, aufgezeichnet ist.
Halifax
erklärte,
„er
(Lord Halifax) und andere Mitglieder der englischen Regierung wären
davon durchdrungen, daß der Führer nicht nur in Deutschland selbst Großes
geleistet habe, sondern daß er auch durch die Vernichtung des Kom-
munismus im eigenen Lande diesem den Weg nach Westeuropa versperrt habe
und daß daher mit Recht Deutschland als Bollwerk des Westens gegen den
Bol- schewismus angesehen werden könne“.(„Aufzeichnung der
Unterredung des Führers und Reichskanz- lers mit Lord Halifax in
Anwesenheit des Reichsaußenministers in Obersalzberg am 19. XI.
1937“, aus dem Archiv des deutschen Aus- wärtigen Amtes.)
Im
Namen des englischen Premierministers Chamber- lain erklärte Halifax,
es bestehe absolut die Möglichkeit, eine Lösung selbst für schwierige
Probleme zu finden, wenn es Deutschland und England gelänge, eine Verständigung
auch mit Frankreich und Italien zu erzielen.
Halifax
sagte :
„Es
dürfe nicht der Eindruck entstehen, daß die Achse Berlin-Rom oder das
gute Verhältnis London- Paris durch e ine deutsch-englische Einigung in
Mitleiden schaft gezogen würde. Nachdem durch eine deutsch- englische
Einigung der Boden vorbereitet sei, müßten die vier großen westeuropäischen
Mächte (Gemeint sind Großbritannien, Frankreich, Deutschland und
Italien.) gemeinsam die Grundlage schaffen, auf der ein dauernder europäischer
Friede errichtet werden könnte. Auf keinen Fall dürfe eine der vier Mächte
aus dieser Zusammenarbeit heraus gelassen werden, da in diesem Fall der
bestehende Zu stand der Unsicherheit kein Ende finden könne.“ ( Sihe
die vorstehend zitierten „Aufzeichnungen“)
Halifax
bot Hitler also schon 1937 im Namen der briti schen Regierung den
Anschluß Englands und zugleich auch Frankreichs an die „Achse
Berlin-Rom“ an.
Hitler
beantwortete diesen Vorschlag jedoch mit der Erklärung, es erscheine
ihm sehr leicht, ein solches Vier mächteabkommen zustande zu bringen,
wenn von gutem Willen und liebenswürdiger Haltung zueinander die Rede
sei, die Sache kompliziere sich jedoch, wenn Deutschland nicht als ein
Staat behandelt werden solle, „der nicht mehr das moralische oder
materielle Stigma des Versailler Ver trages an sich trage“.
Der
Aufzeichnung zufolge entgegnete Halifax hierauf:
„Die
Engländer seien ein Volk der Realitäten und seien vielleicht mehr als
andere davon überzeugt, daß die Fehler des Versailler Diktats
richtiggestellt werden müßten. England habe ja auch in der
Vergangenheit stets seinen Einfluß in diesem realistischen Sinne gel
tend gemacht. Er weise auf Englands Rolle bei der vor zeitigen
Rheinlandräumung, bei der Lösung der Repara tionsfrage ebenso wie bei
der Wiederbesetzung des Rheinlandes hin.“ (Ebenda)
Aus
der Niederschrift der Unterredung zwischen Hitler und Halifax ersieht
man weiter, daß die britische Regierung Hitlers Plänen, Danzig, Österreich
und die Tschechoslo wakei zu „erwerben“, billigend gegenüberstand.
Nachdem Halifax mit Hitler über die Fragen der Abrüstung und des Völkerbundes
gesprochen und bemerkt hatte, diese Fragen bedürften weiterer Erörterung,
erklärte er:
„Alle
anderen Fragen könne man dahingehend cha rakterisieren, daß sie Änderungen
der europäischen Ordnung beträfen, die wahrscheinlich früher oder spä
ter eintreten würden. Zu diesen Fragen gehörten Dan zig, Österreich
und die Tschechoslowakei. England sei nur daran interessiert, daß diese
Änderungen im Wege friedlicher Evolution zustande gebracht würden. und
daß Methoden vermieden würden, die weitgehende Störungen, wie sie
weder der Führer noch andere Län der wünschten, verursachen könnten.“
(Ebenda)
Diese
Unterredung war, wie man sieht, nicht eine einfa che Sondierung, es
wurde nicht bloß dem Gesprächspart ner auf den Zahn gefühlt, wie die
politische Notwendigkeit das zuweilen mit sich bringt, sondern ein Spiel
abgekartet, eine geheime Verständigung der englischen Regierung mit
Hitler über die Befriedigung der Annexionsgelüste Hitlers auf Kösten
dritter Länder herbeigeführt.
In
diesem Zusammenhang verdient die von dem engli- schen Minister Simon am
21. Februar 1938 im Parlament abgegebene Erklärung beachtet zu werden,
daß Großbritan nien niemals besondere Garantien für die Unabhängigkeit
Österreichs gegeben habe. Dies war eine bewußte Lüge, da derartige
Garantien in den Verträgen von Versailles und St. Germain gegeben
worden waren.
Auch
der britische Premierminister Chamberlain erklärte damals, Österreich
könne nicht auf irgendeinen Schutz von seiten des Völkerbundes
rechnen. Er sagte:
„Wir
dürfen nicht versuchen, uns selbst irrezufüh ren, und noch weniger dürfen
wir kleine, schwache Nationen zu dem Glauben, sie würden vom Völkerbund
gegen Aggression verteidigt werden, und zu entspre chenden Handlungen
verleiten, wo wir doch wissen, daß nichts dergleichen zu erwarten
ist.“ („Times“ vom 23. Februar 1938, p. 8,)
So
munterten die Leiter der britischen Politik Hitler z1i seinen
annexionistischen Handlungen auf.
In
dem von den Sowjettruppen in Berlin erbeuteten deutschen Archiv findet
sich ferner eine Niederschrift des Gesprächs, das Hitler und Henderson,
der britische Bot schafter in Deutschland, in Anwesenheit Ribbentrops am
3. März 1938 hatten. ( „Aufzeichnung der Unterredung zwischen dem Führer
und Reichskanzler und dem kgl. britischen Botschafter, die in Anwesen
heit des Reichsaußenministers von Ribbentrop am 3. März 1938 in Rerlin
stattfand“, aus dem Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes). Von
allem Anfang an betonte 'Hen derson in dieser Unterredung deren
vertraulichen Charak ter und schickte voraus, daß der Inhalt der
Unterredung weder den Franzosen noch den Belgiern, weder den Portu
giesen noch den Italienern mitgeteilt werde, denen nur gesagt werden
sollte, die Unterredung sei die Fortsetzung der Unterhandlungen zwischen
Halifax und Hitler gewesen und habe sich auf Fragen bezogen, die
Deutschland und england beträfen.
Henderson,
der in dieser Unterredung im Namen der britischen Regierung auftrat,
betonte, „es handle sich um kein Handelsgeschäft, sondern um einen
Versuch, die Grundlage für eine wahrhafte und herzliche Freundschaft zu
Deutschland herzustellen, beginnend mit einer Besserung der Atmosphäre
und endend mit der Schaffung eines neuen Geistes der freundschaftlichen
Verständigung“. (Ebenda)
Ohne
gegen Hitlers Forderung, „Europa ohne Rußland ZU vereinigen“, Einwände
zu erheben, erwähnte Henderson, I-Ialifax, der inzwischen Außenminister
geworden war, habe sich bereits mit den territorialen Veränderungen,
die Zeutschland in Europa durchzuführen beabsichtige, ein nterstanden
erklärt, und sagte:
„An
einer solchen vernünftigen Regelung mitzuhel fen, sei das Ziel des
englischen Vorschlags.“
Wie
es in der Niederschrift heißt, erklärte Henderson in der gleichen
Unterredung, daß Chamberlain „großen Mut bewiesen habe, indem er rücksichtslos
internationale Phrasen wie kollektive Sicherheit und dergleichen
demaskiert hätte ...“
Henderson
fügte hinzu:
„Daher
erkläre England seine Bereitschaft zur Be reinigung der Schwierigkeiten
und richte an Deutsch land die Frage, ob es auch seinerseits bereit
sei.“ (Ebenda)
Als
Ribbentrop in die Unterredung eingriff, indem er Hendersons
Aufmerksamkeit darauf lenkte, daß der engli sche Gesandte in Wien sich
von Papen gegenüber in „dra matischer“ Form über die Ereignisse in
Österreich ge äußert habe, da beeilte sich Henderson, von der Erklärung
seines Kollegen abzurücken und daran zu erinnern, „wie oft er, Sir
Neville Henderson, selbst für den Anscliluß ein etreten sei“.
Eine
solche Sprache führte die englische Diplomatie in der Vorkriegszeit.
Gleich
nach dieser Verabredung, schon am 12. März 1938, besetzte Hitler Österreich,
ohne bei England und Frankreich auf irgendeinen Widerstand zu stoßen.
Zu die sem Zeitpunkt erhob nur die Sowjetunion ihre warnende Stimme und
rief abermals dazu auf, die Unabhängigkeit der von der Aggression
bedrohten Länder durch kollektive Maßnahmen zu schützen. Schon am 17.
März 1938 richtete die Sowjetregierung an die Mächte eine Note, worin
sie ihrer Bereitschaft Ausdruck gab, „unverzüglich im Völker bund
oder außerhalb des Völkerbundes praktische Maßnah men mit anderen Mächten
zu erörtern“, die „das Ziel ha ben würden, der weiteren
Entwicklung der Aggression Einhalt zu tun und die verstärkte Gefahr
eines neuen Welt gemetzels zu beseitigen“ ( „Iswestija“ vom 18. März
1938.)
Die
Antwort der englischen Re gierung auf die Sowjetnote zeugt davon, daß
die englische Regierung nicht gewillt war, diesen Plänen der Hitler
aggression Hindernisse in den Weg zu legen.
In
der Antwort hieß es, eine Konferenz zwecks „koordinierter Aktion
gegen Aggression würde nach Ansicht der Regierung Seiner Majestät
nicht notwendi- gerweise eine so günstige Wirkung auf die Perspektiven
des europäischen Friedens haben“ (Note des Foreign Office vom 24. März
1938).
Das
nächste Glied in der Kette der deutschen Aggres sion und der
Vorbereitungen zum Krieg in Europa war die Besetzung der
Tschechoslowakei durch Deutschland. Auch dieser überaus wichtige
Schritt zur Entfesselung des Krie ges in Europa konnte von Hitler nur
mit direkter Unterstüt zung Englands und Frankreichs getan werden.
Schon
am 10. Juli 1938 meldete Dirksen, der deutsche Botschafter in London,
na~h Berlin, die englische Regie rung habe „den Ausgleich mit
Deutschland zu einem ihrer wesent lichsten Programmpunkte gemacht; sie
bringt darum Deutschland das Höchstmaß an Verständnis entgegen, das
unter allen für die Kabinettsbildung in Frage kom menden Kombinationen
englischer Politiker aufzubrin gen ist“ ( „Politischer Bericht, 10.
Juli 1938,als Ergänzung zum Bericht A Nr. 2589 vom 10. Juni d. J.“,
aus dem Archiv des deutschen Aus wärtigen Amtes).
Dirksen
schrieb, daß die englische Regierung „sich in wesentlichen Punkten
den von Deutschland vertretenen Leitsätzen angenähert hat: der
Ausschaltung der Sowjetunion aus der Mitbestimmung der Geschicke
Europas; der Ausschaltung des Völkerbundes bei dersel ben Aufgabe; der
Zweckmäßigkeit zweiseitiger Verhand lungen und Verträge“ (Ebenda).
Dirksen
teilte ferner nach Berlin mit, daß die englische Regierung bereit sei,
für die „Befriedigung anderer gerech ter Forderungen Deutschlands“
große Opfer zu bringen.
Es
hatte sich also tatsächlich zwischen der englischen Regierung und
Hitler in ihren außenpolitischen Plänen ein weitgehendes Einvernehmen
herausgebildet, worüber Dirk sen m seiner Meldung nach Berlin so
vielsagend berichtete. Es erübrigt sich, an allbekannte Tatsachen zu
erinnern, die sich bereits unmittelbar auf die Münchener Abmachung
beziehen. Man darf aber nicht vergessen, daB am 19. Sep tember 1938, d.
h. vier Tage nach dem Zusammentreffen Hitlers mit Chamberlain, der zu
diesem Zweck per Flug zeug nach der Hitlerresidenz Berchtesgaden
gekommen war, Vertreter der britischen und der französischen Regierung
die tschechoslowakische Regierung aufforderten, Deutsch land die hauptsächlich
von Sudetendeutschen bewohnten tschechoslowakischen Gebiete abzutreten.
Sie motivierten diese Aufforderung damit, es sei sonst unmöglich, den
Frie den aufrechtzuerhalten und die Lebensinteressen der Tsche
choslowakei zu wahren. Die englischen und französischen Gönner der
Hitleraggression suchten ihren Verrat zu be mänteln durch das
Versprechen einer internationalen Ga rantie der neuen Grenze des
tschechoslowakischen Staates als „Beitrag zur Befriedung Europas“ (
Correspondence respecting Czechoslovakia, September 1938, London, 1938,
cmd 5847, pp. $-9.).
Am
20. September beantwortete die tschechoslowakische Regierung die Vorschläge
Englands und Frankreichs. Sie erklärte, „die Annahme solcher Vorschläge
käme einer freiwilligen und völligen Verstümmelung des Staates in
allen Richtungen gleich“. Die tschechoslowakische Regie rung machte
die englische und französische Regierung darauf aufmerksam, daß
„eine Lähmung der Tschechoslo wakei tiefgreifende politische Änderungen
in ganz Mittel und Südosteuropa zur Folge haben“ würde.
Die
tschechoslowakische Regierung erklärte in ihrer Antwort:
„Das
Gleichgewicht der Kräfte in Mitteleuropa und in Europa überhaupt wäre
zunichte gemacht; das würde weitgehende Folgen für alle anderen
Staaten, besonders aber für Frankreich, nach sich ziehen.“
Die
tschechoslowakische Regierung wandte sich an die Regierungen Englands
und Frankreichs „mit dem letzten Appell“, ihren Standpunkt zu
revidieren, und hob hervor, daß dies nicht nur im Interesse der
Tschechoslowakei läge, sondern auch im Interesse ihrer Freunde, im
Interesse „des gesamten Friedenswerkes und einer gesunden Entwicklung
Europas“.
Die
Machthaber Englands und Frankreichs aber blieben unerbittlich. Am nächsten
Tag richtete die englische Re gierung eine Antwortnote an die
tschechoslowakische Re gierung, worin sie dieser nahelegte, ihre Antwort
auf die ursprünglichen Vorschläge Englands und Frankreichs zurückzunehmen
und „die Sache rasch und ernstlich zu erwägen“, ehe sie eine
Situation schaffe, für die die engli sche Regierung keine Verantwortung
übernehmen könnte. Weiter hob die englische Regierung hervor, sie
glaube nicht, daß das von der Tschechoslowakei angeregte Schiedsver-
fahren jetzt annehmbar sei. Sie könne nicht annehmen, hieß es in der
britischen Note weiter, daß „die deutsche Regie rung glaube, die
Situation lasse sich im Wege eines Schieds verfahrens bereinigen, wie
die tschechoslowakische Regie rung es vorschlägt“.
Zum
Schluß enthält die britische Note die drohende Mitteilung an die
tschechoslowakische Regierung, im Falle einer Ablehnung des britischen
Ratschlags würde es ihr „freistehen, beliebige Maßnahmen zu
ergreifen, die sie in einer sich später ergebenden Situation für
angemessen erachtet“.
Eine
Beratung Hitlers, Chamberlains, Mussolinis und Daladiers, die am 29. und
30. September 1938 in München stattfand, brachte den schmachvollen
Handel zum Abschluß, der schon vorher von den Hauptbeteiligten am
Komplott gegen den Frieden restlos abgekartet war. Über das Ge schick
der Tschechoslowakei wurde entschieden, ohne daß sie irgendwie
hinzugezogen wurde. Vertreter der Tsche choslowakei wurden nur zu dem
Zweck nach München berufen, die Ergebnisse der Verabredung zwischen den
Imperialisten demütig abzuwarten.
Das
ganze Verhalten Englands und Frankreichs ließ keinen Zweifel darüber
aufkommen, daß der unerhörte Verrat der Regierungen Englands und
Frankreichs am tschechoslowakischen Volke und an seiner Republik durch
aus keine zufällige Erscheinung in der Politik dieser Staa ten war,
sondern ein höchst wichtiges Kettenglied dieser Politik darstellte, die
das Ziel verfolgte, die Hitleraggression gegen die Sowjetunion zu
lenken.
Der
wahre Sinn des Münchener Abkommens wurde gleich damals von J. W. Stalin
aufgedeckt, der sagte, „man habe den Deutschen Gebiete der
Tschechoslowakei als Kaufpreis für die Verpflichtung gegeben, den Krieg
gegen die Sowjetunion zu beginnen“ ( Stenographischer Bericht des
XVIII. Parteitags der KPdSU(B), Staatsverlag, Moskau 1939, S. 14).
Das
Wesen dieser ganzen, damals von den regierenden Kreisen Englands und
Frankreichs betriebenen Politik wurde von J. W. Stalin auf dem XVIII.
Parteitag der KPdSU(B) im März 1939 in folgenden Worten aufgedeckt:
„In
Wirklichkeit bedeutet jedoch die Politik der Nichteinmischung eine Begünstigung
der Aggression, die Entfesselung des Krieges und folglich seine Umwand
lung in einen Weltkrieg. In der Politik der Nichtein mischung macht sich
das Bestreben, der Wunsch geltend, die Aggressoren bei der Ausführung
ihres dunklen Werkes nicht zu hindern, zum Beispiel Japan nicht zu
hindern, sich in einen Krieg gegen China, noch besser aber gegen die
Sowjetunion einzulassen, zum Beispiel Deutschland nicht zu hindern, sich
in die europäischen Angelegenheiten zu verstricken, sich in einen Krieg
ge gen die Sowjetunion einzulassen, alle Kriegsteilnehmer tief in den
Morast des Krieges versinken zu lassen, sie im stillen dazu anzuspornen,
sie dazu zu bringen, daß sie einander schwächen und erschöpfen, dann
aber, wenn sie genügend geschwächt sind, mit frischen Kräf ten auf
dem Schauplatz zu erscheinen und natürlich ,im Interesse des Friedens`
aufzutreten und den geschwächten Kriegsteilnehmern die Bedingungen zu
diktieren.“ ( Ebenda, S. 13)
Die
demokratischen Kreise verschiedener Länder, darun ter der USA, Großbritanniens
und Frankreichs, nahmen das Münchener Abkommen mit Entrüstung und
entschiedener Mißbilligung auf. Wie diese Kreise auf den Münchener Ver
rat der Machthaber . Englands und Frankreichs reagierten, geht schon aus
Äußerungen hervor, wie sie z. B. in einem in den USA erschienenen Buch
„Der geheime Krieg gegen Sowjetrußland“ von Sayers und Kahn
enthalten sind. Die Verfasser schrieben in diesem Buch über München:
„Die
Regierungen Nazideutschlands, des faschisti schen Italiens, Großbritanniens
und Frankreichs unter zeichneten den Münchener Pakt - die
sowjetfeindliche ,Heilige Allianz`, von der die Weltreaktion seit 1918
geträumt hatte. Der Pakt ließ Rußland ohne Verbünde te. Der französisch-sowjetische
Pakt, der Eckpfeiler der kollektiven Sicherheit in Europa, war begraben.
Das tschechische Sudetenland wurde ein Bestandteil Nazi deutschlands.
Die Tore nach dem Osten waren für die ,Wehrmacht` weit geöffnet.“ (*
Sayers and Kahn, „The Great Conspiracy: The Secret War Against Soviet
Russia“, Boston, 1946, pp. 324-325.)
Die
Sowjetunion war die einzige Großmacht, die in allen Phasen der
tschechoslowakischen Tragödie als aktiver Ver teidiger der Unabhängigkeit
und der nationalen Rechte der Tschechoslowakei auftrat. Um sich vor der
Öffentlichkeit zu rechtfertigen, erklärten die Regierungen Englands
und Frankreichs voll Heuchelei, sie wüßten nicht, ob die Sow jetunion
ihren sich aus dem Beistandsvertrag mit der Tschechoslowakei ergebenden
Verpflichtungen nachkom- men werde. Sie sprachen aber wissentlich die
Unwahrheit, denn die Sowjetregierung hatte sich in aller Öffentlichkeit
bereit erklärt, zugunsten der Tschechoslowakei gegen Deutschland
vorzugehen, im Einklang mit den Vertrags- bedingungen, die ein
gleichzeitiges Vorgehen Frankreichs zum Schutz der Tschechoslowakei
vorsahen. Frankreich aber weigerte sich, seine Pflicht zu erfüllen.
Ungeachtet
dessen erklärte die Sowjetregierung unmit telbar vor Abschluß des Münchener
Abkommens erneut, sie wünsche die Einberufung einer internationalen
Konferenz zwecks praktischer Unterstützung der Tschechoslowakei und
praktischer Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des Friedens.
Als
die Besetzung der Tschechoslowakei zu einer Tat sache geworden war und
die Regierungen der imperialisti schen Länder eine nach der anderen
diese vollzogene Tat sache anerkannten, brandmarkte die Sowjetregierung
in ihrer Note vom 18. März die unter Beihilfe Englands und Frankreichs
vollzogene Besetzung der Tschechoslowakei durch Hitlerdeutschland als
einen Akt der Willkür, Gewalt und Aggression. In derselben Note betonte
die Sowjetregie rung, die Handlungsweise Deutschlands habe eine akute
Gefahr für den allgemeinen Frieden geschaffen, sie habe „die
politische Stabilität in Mitteleuropa gestört, die Ele mente des in
Europa bereits früher geschaffenen unruhigen Zustands verstärkt und
dem Sicherheitsgefühl der Völker einen neuen Schlag versetzt“.
(„Iswestija“ vom 20. März 1939.)
Es
blieb aber nicht bei der Preisgabe der Tschecho slowakei an Hitler. Die
Regierungen Englands und Frank reichs unterzeichneten um die Wette
weitgehende politische Abmachungen mit Hitlerdeutschland. Am 30.
September 1938 unterzeichneten Chamberlain und Hitler in München eine
Deklaration Englands und Deutschlands, in der es hieß:
„Wir
haben heute eine weitere Besprechung gehabt und sind uns in der
Erkenntnis einig, daß die Frage der deutsch-englischen Beziehungen von
allererster Bedeu tung für beide Länder und für Europa ist. Wir sehen
das gestern abend unterzeichnete Abkommen und das deutsch-englische
Flottenabkommen als symbolisch für den Wunsch unserer beiden Völker
an, niemals wieder gegeneinander Krieg zu führen. Wir sind
entschlossen, auch andere Fragen, die unsere beiden Länder angehen,
nach der Methode der Konsultation zu behandeln und uns weiter zu bemühen,
etwaige Ursachen von Mei nungsverschiedenheiten aus dem Wege zu räumen;
um auf diese Weise zur. Sicherung des Friedens Europas beizutragen.“
(Archiv für Außenpolitik und Länderkunde, September 1938, S.483.)
Das
war eine englisch-deutsche gegenseitige Nichtan griffsdeklaration.
Am
6. Dezember 1938 unterzeichneten Bonnet und Rib bentrop eine der
englisch-deutschen ähnliche französisch deutsche Deklaration. In
dieser Deklaration hieß es, die deutsche und die französische
Regierung seien sich in der Erkenntnis einig, daß friedliche und
gutnachbarliche Bezie hungen zwischen Deutschland und Frankreich eine
der wesentlichsten Voraussetzungen für die Konsolidierung der Verhältnisse
in Europa und für die Aufrechterhaltung des allgemeinen Friedens seien,
und daß beide Regierungen alles daransetzen würden, um solche
Beziehungen zwischen ihren Ländern aufrechtzuerhalten. In der
Deklaration wurde konstatiert, daß es zwischen Frankreich und
Deutschland keinerlei territoriale Streitfragen mehr gebe und daß die
bestehende Grenze zwischen ihren Ländern endgültig sei. Zum Schluß
heißt es in der Deklaration, beide Regierungen seien fest entschlossen,
unbeschadet ihrer speziellen Bezie hungen zu dritten Mäeten in allen
ihre Länder betreffen den Fragen miteinander Fühlung zu halten und für
den Fall, daß diese Fragen in ihrer weiteren Entwicklung zu
internationalen Komplikationen führen sollten, miteinander zu Rate zu
gehen.
Dies
war eine französisch-deutsche gegenseitige Nicht angriffsdeklaration.
Im
Grunde hatten sowohl England wie Frankreich durch den Abschluß dieser
Vereinbarungen Nichtangriffs pakte mit Hitler unterzeichnet.
In
diesen Vereinbarungen mit Hitlerdeutschland tritt ganz klar das
Bestreben der englischen und der französi schen Regierung zutage, die
Gefahr einer Hitleraggression von sich abzuwenden, in der Hoffnung, das
Münchener und ähnliche Abkommen hätten der Hitleraggression bereits
das Tor nach dem Osten, nach der Sowjetunion hin, geöffnet.
Auf
diese Weise wurden die für eine - „Vereinigung Europas- ohne Rußland“
erforderlichen politischen Voraus setzungen geschaffen.
Die
Ereignisse trieben einer vollständigen Isolierung der Sowjetunion
entgegen.
zurück
Die
Isolierung der Sowjetunion. Der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt
Nach
der Besetzung der Tschechoslowakei begann das faschistische Deutschland
sich ganz offen, vor den Augen der ganzen Welt, zum Kriege
vorzubereiten. Von England und Frankreich ermuntert, ließ Hitler alle Rücksicht
fallen und hörte auf, sich als Anhänger einer friedlichen Regelung der
europäischen Probleme aufzuspielen. Die bewegtesten Monate der
Vorkriegszeit brachen an. Schon damals war es klar, daß jeder Tag die
Menschheit einer beispiellosen Kriegskatastrophe näher brachte.
Wie
war nun damals die Politik der Sowjetunion einerseits und die Politik
Großbritanniens und Frankreichs anderseits? Der von den Geschichtsfälschern
in den USA unternommene Versuch, einer Antwort auf diese Frage
auszuweichen, zeugt lediglich von ihrem schlechten Gewissen.
Die
Wahrheit ist die, daß England und Frankreich mit Unterstützung der
regierenden USA-Kreise auch in dem schicksalschwangeren Frühjahr und
Sommer 1939, als der Krieg vor der Tür stand, an ihrer früheren
politischen Linie festhielten. Diese ihre Politik bestand in einer
provokatorischen Aufhetzung Hitlerdeutschlands gegen die
Sowjetunion,
sie wurde zu betrügerischen Zwecken nicht nur mit pharisäischen
Phrasen über die Bereitschaft, mit der Sowjetunion zusammenzuarbeiten,
sondern auch mit mancherlei simplen diplomatischen Manövern verbrämt,
durch die der wahre Charakter des gesteuerten politischen Kurses vor der
öffentlichen Meinung der Völker verborgen werden sollte.
Zu
diesen Manövern gehörten vor allem die Verhandlungen, die England und
Frankreich 1939 mit der Sowjetunion anzubahnen beschlossen. Um die Öffentlichkeit
zu täuschen, wollten die regierenden Kreise Englands und Frankreichs
diese Verhandlungen als einen ernsthaften Versuch zur Verhinderung einer
weiteren Ausbreitung der Hitleraggression hinstellen. Der spätere Gang
der Ereignisse ließ jedoch ganz klar erkennen, daß England und
Frankreich diese Verhandlungen von allem Anfang an nur als einen neuen
Schachzug in ihrem Doppelspiel betrachteten.
Das
war auch der Führung Hitlerdeutschlands klar, für die der Sinn der von
den Regierungen Englands und Frankreichs mit der Sowjetunion gepflogenen
Verhandlungen selbstverständlich kein Geheimnis war. Wie nämlich aus
den von der Sowjetarmee bei der Niederwerfung Hitlerdeutschlands
erbeuteten Dokumenten hervorgeht, schrieb z. B. Dirksen, der deutsche
Botschafter in London, über diese Verhandlungen in einem Bericht an das
deutsche Auswärtige Amt am 3. August 1939:
„Hier
war wohl das Gefühl vorherrschend, daB gegenüber einem wirklichen
Ausgleich mit Deutschland die in den letzten Monaten ins Leben gerufenen
Bindun gen mit anderen Mächten nur Behelfsmittel seien, die hinfällig
werden, wenn das allein wichtige und erstrebenswerte Ziel der Einigung
mit Deutschland einmal wirklich erreicht sei:“
Diese
Meinung wurde von allen deutschen Diplomaten, die die Situation in
London beobachteten, entschieden geteilt.
In
einem anderen Geheimbericht nach Berlin schrieb Dirksen :
„England
will sich durch Rüstungen und durch Bundesgenossen stark und der Achse
ebenbürtig machen , aber es will gleichzeitig im Verhandlungsweg einen
Ausgleich mit Deutschland suchen.“(von Dirksen, „Aufzeichnung über
die Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und
England während meiner Amtszeit in London“, verfaBt September 1939.)
Die
Verleumder und Geschichtsfälscher suchen diese Dokumente geheimzuhalten,
da diese die Situation in den letzten Vorkriegsmonaten schlaglichtartig
beleuchten. Ohne eine richtige Beurteilung dieser Situation aber ist es
unmöglich , die Vorgeschichte des Krieges, wie sie wirklich war, zu
verstehen. Als England und Frankreich Verhandlungen mit der Sowjetunion
anbahnten ` und Polen, Rumänien und einigen anderen Staaten Garantien
gewährten, trieben sie mit Unterstützung der regierenden USA-Kreise
ein Doppelspiel, das auf eine Verständigung mit Hitlerdeutschland
berechnet war, um dessen Aggression nach Osten, gegen die Sowjetunion,
zu lenken.
Die
Verhandlungen zwischen England und Frankreich einerseits und der
Sowjetunion anderseits begannen im März 1939 und dauerten etwa vier
Monate.
Wie
der gesamte Verlauf dieser Verhandlungen mit aller Klarheit zeigte,
strebte die Sowjetunion ein umfassendes und auf Gleichberechtigung fußendes
Abkommen mit den Westmächten an, das Deutschland wenigstens noch im
letzten Moment von der Entfesselung eines Krieges in Europa abhalten
konnte, während die Regierungen Englands und Frankreichs, gestützt auf
die Hilfe, die sie in den USA fanden, sich völlig andere Ziele
steckten. Die regierenden Kreise Englands und Frankreichs, die es
gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu
lassen, bemühten sich auch diesmal, der Sowjetunion Verpflichtungen
aufzuzwingen, die der Sowjetunion bei der Abwehr einer eventuellen
Hitleraggression die ganze Bürde der Opfer aufgehalst hätte, während
England und Frankreich sich durch keinerlei Verpflichtungen gegenüber
der Sowjetunion gebunden hätten.
Wäre
den Machthabern Englands und Frankreichs die- ses Manöver geglückt,
dann wären sie der Verwirklichung ihres Hauptziels, Deutschland und die
Sowjetunion möglichst rasch zu einem Zusammenstoß zu treiben, ein gut
Stück näher gekommen. Die Sowjetregierung durchschaute aber diese
Absicht. Sie stellte in allen Phasen der Verhandlungen den
diplomatischen Tricks und Winkelzügen der Westmächte ihre offenen und
klaren Vorschläge gegenüber, die nur einem einzigen Ziel dienen
sollten, nämlich dem Schutz des Friedens in Europa.
Es
erübrigt sich, an alle Wechselfälle dieser Verhandlungen zu erinnern.
Nur einige ganz wichtige Momente müssen wieder ins Gedächtnis gerufen
werden. Es genügt, auf die Bedingungen zurückzukommen, die die
Sowjetregierung in diesen Verhandlungen stellte: Abschluß eines
wirksamen Beistandspaktes gegen Aggression zwischen England, Frankreich
und der Sowjetunion; Garantien Englands, Frankreichs und der Sowjetunion
für die Staa ten Mittel- und Osteuropas, einschließlich sämtlicher
europä ischer Nachbarstaaten der UdSSR; Abschluß eines konkreten Militärabkommens
zwischen England, Frankreich und der Sowjetunion über Formen und Ausmaße
einer sofortigen und wirksamen Hilfe, die von diesen Staaten sowohl
einan der als auch den garantierten Staaten im Falle eines Angriffs der
Aggressoren zu leisten wäre. ( Siehe Bericht von W. M. Molotow auf der
dritten Tagung des Obersten Sowjets der UdSSR am 31. Mai 1939.)
Auf
der dritten Tagung des Obersten Sowjets der UdSSR am 31. Mai 1939 führte
W. M. Molotow aus, daß einige während dieser Verhandlungen gemachte
englisch französische Vorschläge das elementare Prinzip der Gegen
seitigkeit und gleicher Verpflichtungen vermissen lassen, das in allen
auf Gleichberechtigung fußenden Vereinba rungen unerläBlich ist.
„Die
Engländer und Franzosen“, sagte W. M. Molotow, „haben sich gegen
den direkten Überfall von Aggressoren durch Pakte über gegenseitige
Hilfe untereinander und mit Polen Garantien geschaffen und wollten sich
im Falle des Überfalls von Aggressoren auf Polen und Rumänien die `
Hilfe der UdSSR sichern, aber sie ließen die Frage offen, ob die UdSSR
ihrerseits auf ihre Hilfe rechnen kann, wenn ein direkter Überfall von
Aggressoren auf sie erfolgt, ebenso wie sie die an dere Frage offenließen,
ob sie sich an Garantien für die an die UdSSR angrenzenden kleinen
Staaten beteiligen können, die die nordwestlichen Grenzen der UdSSR
decken, falls diese Staaten nicht imstande sein sollten, ihre Neutralität
gegen den Überfall von Aggressoren zu behaupten. Somit hat sich für
die UdSSR eine ungleiche Lage ergeben:
Selbst
als die englischen und französischen Vertreter in Worten dem Prinzip
zustimmten, daß England, Frankreich und die Sowjetunion im Falle eines
direkten Angriffs des Aggressors einander, unter der Bedingung der
Gegenseitig keit, Beistand leisten sollen, knüpften sie daran eine
Reihe von Vorbehalten, die diese Zustimmung zu einer Fiktion machten.
Außerdem
sahen die englisch-französischen Vorschläge die Hilfe der Sowjetunion
für diejenigen Länder vor, denen die Engländer und Franzosen
Garantieversprechungen gegeben hatten, aber dabei nichts sagten über
ihre eigene Hilfe für die Länder an der Nordwestgrenze der UdSSR, die
baltischen Staaten, wenn sie von einem Aggressor überfallen werden
sollten.
Von
diesen Erwägungen ausgehend, erklärte W. M. Molotow, die Sowjetunion könne
keine Verpflichtungen hinsichtlich bestimmter Länder übernehmen, ohne
daß den Ländern an der Nordwestgrenze der Sowjetunion dieselben
Garantien gegeben werden.
Es
sei noch an folgendes erinnert: Als Seeds, der briti sche Botschafter in
Moskau, am 18. März 1939 beim Volks kommissar für auswärtige
Angelegenheiten anfragte, wie sich die Sowjetunion im Falle einer
Hitleraggression gegen Rumänien verhalten werde, über deren
Vorbereitung den Engländern Meldungen vorlagen, und als von
sowjetischer Seite die Gegenfrage gestellt wurde, was England unter
solchen Umständen zu tun gedenke, wich Seeds einer Ant wort aus und
bemerkte, geographisch läge Rumänien der Sowjetunion näher als
England.
Vom
ersten Schritt an trat also ganz klar das Bestreben der regierenden
Kreise Englands zutage, die Sowjetunion durch bestimmte Verpflichtungen
zu binden, sich selbst aber abseits zu halten. Diese simple Methode
wurde dann während der ganzen Verhandlungen systematisch immer wieder
angewandt.
In
Beantwortung der britischen Anfrage schlug die Sowjetregierung vor, eine
Beratung von Vertretern der meistinteressierten Länder - nämlich Großbritanniens,
Frankreichs, Rumäniens, Polens, der Türkei und der Sow jetunion -
einzuberufen. Nach Ansicht der Sowjetregierung hätte eine solche
Beratung die größten Möglichkeiten geboten, die wirkliche Sachlage zu
klären und den Standpunkt aller Beteiligten festzustellen. Die
britische Regierung antwortete jedoch, sie halte den Sowjetvorschlag für
verfrüht. Statt eine Konferenz einzuberufen, die es ermöglicht hätte,
sich über konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung der Aggression zu
einigen, schlug die englische Regierung der Sowjetregierung am 21. März
1939 vor, gemeinsam mit ihr sowie mit Frankreich und Polen eine
Deklaration zu unter zeichnen, in der sich die Signatarregierungen
verpflichten sollten, „miteinander darüber zu beraten, welche
Schritte unternommen werden sollten, um gemeinsamen Widerstand zu
leisten“ im Falle einer Gefahr für „die Unabhängigkeit irgendeines
europäischen Staates“. Der britische Botschaf ter suchte die
Annehmbarkeit seines Vorschlags nachzuwei sen und legte besonderen
Nachdruck auf den Umstand, daB die Deklaration recht unverbindlich
formuliert sei.
Es
war völlig klar, daß eine solche Deklaration nicht als ernsthaftes
Mittel zur Bekämpfung der von seiten des Aggressors drohenden Gefahr
dienen konnte. Die Sowjet regierung war jedoch der Meinung, selbst eine
so wenig versprechende Deklaration könne einen gewissen Fort schritt in
der Zügelung des Aggressors darstellen, und er klärte sich mit dem
englischen Vorschlag einverstanden. Aber schon am 1. April 1939 teilte
der britische Botschafter in Moskau mit, England sei der Meinung, daß
eine gemein same Deklaration nicht mehr in Frage komme.
Nach
weiteren zweiwöchigen Verzögerungen machte der englische Außenminister
Halifax der Sowjetregierung durch den Botschafter in Moskau den neuen
Vorschlag, die Sowjetregierung solle erklären, daß „im Falle eines
Aggres sionsaktes gegen irgendeinen europäischen Nachbar der
Sowjetunion, der Widerstand leisten würde, auf den Bei stand der
Sowjetregierung, falls er erwünscht sein sollte, gerechnet werden könne“.
Der
Kernpunkt dieses Vorschlags war, daß die Sowjet union im Falle eines
deutschen Aggressionsaktes gegen Lettland, Litauen, Estland und Finnland
verpflichtet sein sollte, diesen Ländern Hilfe zu leisten, ohne daß
England irgendwelche Beistandsverpflichtungen übernahm, d. h. die
Sowjetunion sollte sich allein in einen Krieg mit Deutsch land
einlassen. Was Polen und Rumänien betrifft, denen England Garantien
gegeben hatte, so sollte die Sowjetunion auch ihnen gegen den Aggressor
Hilfe leisten. Aber auch in diesem Falle wollte England keinerlei
Verpflichtungen gemeinsam mit der Sowjetunion übernehmen, es behielt
sich freie Hand vor und sicherte sich einen Spielraum für beliebige Manöver,
ganz zu schweigen davon, daß Polen und Rumänien sowie die baltischen
Randstaaten diesem Vorschlag zufolge keinerlei Verpflichtungen gegenüber
der Sowjetunion übernehmen sollten.
Die
Sowjetregierung wollte jedoch keine einzige Mög lichkeit ungenutzt
lassen, um eine Vereinbarung mit an deren Mächten über den gemeinsamen
Kampf gegen eine Hitleraggression zu erzielen. Ohne die geringste Verzöge
rung machte sie der britischen Regierung einen Gegenvor schlag. Dieser
Gegenvorschlag bestand darin, daß, erstens, die Sowjetunion, England
und Frankreich sich gegenseitig verpflichten sollten, einander unverzüglich
jeden, auch militärischen, Beistand zu leisten, falls gegen einen
dieser Staaten eine Aggression unternommen wird; zweitens, daß die
Sowjetunion, England und Frankreich sich verpflich ten sollten, den
zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer gelegenen, an die Sowjetunion
grenzenden Staaten Osteuropas im Falle einer Aggression gegen diese
Staaten jeden, auch militärischen, Beistand zu leisten. Schließlich
und drittens sollten die Sowjetunion, England und Frank reich sich
verpflichten, in kurzer Frist Ausmaße und For men des militärischen
Beistands festzulegen, der jedem dieser Staaten in den beiden erwähnten
Fällen zu leisten wäre.
Das
waren die wichtigsten Punkte des Sowjetvorschlags. Man erkennt unschwer
den grundlegenden Unterschied zwischen dem Vorschlag der Sowjetunion und
demjenigen Großbritanniens, da ja der Sowjetvorschlag tatsächlich
wirksame Maßnahmen zum gemeinsamen Vorgehen gegen die Aggression
enthielt. Im Verlauf von drei Wochen traf keinerlei Antwort der
englischen Regierung auf diesen Vorschlag ein. Da dies in England
zunehmende Beunruhigung hervorrief, sah die englische Regierung sich
schließlich genötigt, ein neues Manöver zur Täuschung der Öffentlichkeit
zu ersinnen. Am 8. Mai traf in Moskau die englische Antwort, ge nauer
gesagt, der englische Gegenvorschlag ein. Wieder wurde der
Sowjetregierung vorgeschlagen, eine einseitige Erklärung abzugeben, in
der sie „die Verpflichtung über nehmen würde, daß falls Großbritannien
und Frankreich in Erfüllung ihrer Verpflichtungen“ (gegenüber
Belgien, Po len, Rumänien, Griechenland und der Türkei) „m Feind
seligkeiten verwickelt würden, der Beistand der Sowjet regierung, falls
erwünscht, unverzüglich verfügbar sein werde und in zu vereinbarender
Weise und zu vereinbaren den Bedingungen gewährt würde“.
Auch
in diesem Vorschlag handelte es sich um einseitige Verpflichtungen der
Sowjetunion. Sie sollte sich zur Hilfe leistung an England und
Frankreich verpflichten, die ihrer seits der Sowjetunion gegenüber
absolut keinerlei Verpflich tungen im Hinblick auf die baltischen
Republiken über nahmen. England schlug somit vor, die Sowjetunion in
eine benachteiligte Lage zu versetzen, wie sie für jeden unabhängigen
Staat unannehmbar und untragbar ist.
Es
ist leicht zu begreifen; daß der englische Vorschlag nicht so sehr für
Moskau wie für Berlin bestimmt war. Man legte Deutschland nahe, die
Sowjetunion zu überfallen, und gab zu verstehen, daß England und
Frankreich neutral bleiben würden, vorausgesetzt, daß der deutsche Überfall
über das Baltikum erfolgt.
Noch
komplizierter wurden die Verhandlungen zwischen der Sowjetunion, England
und Frankreich am 11. Mai durch die Erklärung Grzybowskis, des
polnischen Botschaf ters in Moskau, daß „Polen es nicht für möglich
hält, mit der UdSSR einen Beistandspakt abzuschließen ...“
Selbstverständlich konnte der Vertreter Polens eine solche Erklärung
nur mit Wissen und Billigung der regie renden Kreise Englands und
Frankreichs abgeben.
Die
Vertreter Englands und Frankreichs benahmen sich während der
Verhandlungen in Moskau derart provokato risch, daß sich selbst im
regierenden Lager der Westmächte Leute fanden, die ein so plumpes Spiel
scharf kritisierten. So schrieb Lloyd George im Sommer 1939 in der französischen
Zeitung „Ce Soir“ einen schroffen Artikel gegen die Leiter der
englischen Politik. Hinsichtlich der Ursachen der endlosen Scherereien,
in denen die Verhandlungen Englands und Frankreichs mit der Sowjetunion
versackt waren, schrieb Lloyd George, hier gebe es nur eine Ant wort:
„Neville
Chamberlain, Halifax und John Simon wünschen kein Übereinkommen mit Rußland:
`
Was Lloyd George klar war, das war selbstverständlich den Obermachern
Hitlerdeutschlands nicht minder klar, die sehr wohl begriffen, daß die
Westmächte an eine ernst hafte Übereinkunft mit der Sowjetunion gar
nicht dachten, sondern ein ganz anderes Ziel verfolgten, nämlich Hitler
zum baldigsten Überfall auf die Sowjetunion anzutreiben. Man setzte ihm
gewissermaßen einen Preis für diesen An griff aus, indem man für den
Fall eines Krieges mit Deutschland die Sowjetunion in die ungünstigste
Lage ver setzte.
Zudem
zogen die Westmächte die Verhandlungen mit der Sowjetunion endlos in
die Länge und suchten die wesentlichen Fragen in einem Sumpf
belangloser Zusatz anträge und zahlloser Varianten untergehen zu
lassen. Je desmal, wenn von irgendwelchen realen Verpflichtungen die
Rede war, gaben sich die Vertreter dieser Mächte den Anschein, als ob
sie nicht begriffen, worum es sich handle.
Ende
Mai machten England und Frankreich neue Vor schläge, die die frühere
Variante in einigen Beziehungen verbesserten, aber die für die
Sowjetunion wesentlich wich tige Frage einer Garantie für die drei an
der Nordwest grenze der Sowjetunion liegenden baltischen Republiken nach
wie vor offenließen.
Somit
setzten die Machthaber Englands und Frank reichs, obgleich sie unter dem
Druck der öffentlichen Mei nung ihrer Länder in Worten gewisse
Konzessionen mach ten, ihre frühere Linie fort und knüpften an ihre
Vor schläge Vorbehalte, die diese Vorschläge, wie sie sehr wohl wußten,
für die Sowjetunion unannehmbar machten.
Die
Haltung der englischen und französischen Vertreter während der
Moskauer Verhandlungen war so unerträg lich, daß W. M. Molotow am 27.
Mai 1939 dem britischen Botschafter Seeds und dem französischen Geschäftsträger
Payart erklären mußte, der von ihnen vorgelegte Entwurf eines
Abkommens über gemeinsamen Widerstand gegen den Aggressor in Europa
enthalte keinen Plan eines effek tiven gegenseitigen Beistands der
UdSSR, Englands und Frankreichs und zeuge nicht einmal von ernster
Interes siertheit der englischen und der französischen Regierung an
einem entsprechenden Pakt mit der Sowjetunion. Hier bei wurde
geradeheraus gesagt, der englisch-französische Vorschlag lege den
Gedanken nahe, daß den Regierungen Englands und Frankreichs weniger an
einem Pakt selbst gelegen sei als vielmehr an Gesprächen über ihn. Es
sei möglich, daß England und Frankreich diese Gespräche für
irgendwelche Zwecke nötig hätten. Der Sowjetregierung seien diese
Zwecke unbekannt. Die Sowjetregierung sei nicht an Gesprächen über
einen Pakt interessiert, sondern an Orga nisierung eines wirksamen
gegenseitigen Beistands der UdSSR, Englands und Frankreichs gegen eine
Aggression in Europa. Die englischen und französischen Vertreter wurden
darauf aufmerksam gemacht, daß die Sowjetregie rung nicht die Absicht
habe, sich an Gesprächen über einen Pakt zu beteiligen, deren Zweck
die UdSSR Ifiicht kenne, und daß die englische und die französische
Regierung solche Gespräche mit Partnern führen könnten, die sieh
hierzu besser eignen als die UdSSR.
Die
Moskauer Verhandlungen zogen sich endlos hin. Die Ursachen dieser
unstatthaften Verschleppung der Ver handlungen wurden in der Londoner
„Times“ ausgeplaudert, in der geschrieben stand: „Ein rasch und
entschlossen zustande kommendes Bündnis mit Rußland könnte anderen
Verhandlungen hinderlich sein...“ ( Sayers and Kahn, ,The Great
Conspiracy: The Secret War Against Soviet Russia,“ Boston, 1946, p,
329) Wenn die „Times“ von „anderen Verhandlungen“ sprach, so
hatte sie offenbar die Verhandlungen im Auge, die der britische Überseehandels
minister Robert Hudson mit Dr. Helmut Wohltat, einem Wirtschaftsberater
Hitlers, über die Möglichkeit einer sehr großen englischen Anleihe an
Hitlerdeutschland führte, wo von noch die Rede sein wird.
Außerdem
führte bekanntlich, einer Pressemeldung zu folge, an dem Tage, als die
Hitlerwehrmacht in Prag ein marschierte, eine Delegation der Federation
of British Industries in Düsseldorf Verhandlungen über den Abschluß
eines weitgehenden Abkommens mit der deutschen Großindustrie.
Auffällig
war auch der Umstand, daß Großbritannien mit der Führung von
Verhandlungen in Moskau zweitran gige Personen beauftragte, wogegen zu
den Verhandlungen mit Hitler Chamberlain selbst, und das mehrmals, von
England nach Deutschland gereist war. Wichtig ist weiter die
Feststellung, daß Sir William Strang, der englische Ver treter für die
Verhandlungen mit der UdSSR, keine Voll macht besaß, irgendwelche
Abkommen mit der Sowjetunion zu unterzeichnen.
Da
die Sowjetunion verlangte, daß zu konkreten Ver handlungen über
Kampfmaßnahmen gegen einen eventuel len Aggressor übergegangen werde,
mußten die Regierun gen Englands und Frankreichs sich bereit erklären,
Militär missionen nach Moskau zu entsenden. Diese Missionen wa ren
jedoch ungewöhnlich lange nach Moskau unterwegs, und als sie eintrafen,
da zeigte es sich, daß sie aus zweit rangigen Personen bestanden, die
überdies nicht die Voll macht besaßen, irgendein Abkommen zu
unterzeichnen. Unter diesen Umständen waren die militärischen Verhand
lungen ebenso fruchtlos wie die politischen.
Die
Militärmissionen der Westmächte gaben sofort zu erkennen, daß sie
nicht gewillt waren, ernsthaft über Mit tel und Wege eines
gegenseitigen Beistands im Falle einer deutschen Aggression zu sprechen.
Die sowjetische Militärmission ging davon aus, daß die UdSSR, da sie
keine ge meinsame Grenze mit Deutschland besaß, England, Frankreich und
Polen im Falle eines Kriegsausbruchs nur unter der Voraussetzung
beistehen könne, daß den Sowjettruppen der Durchmarsch durch
polnisches Territorium gestattet werde. Die polnische Regierung erklärte
jedoch, sie werde eine militärische Hilfe der Sowjetunion nicht
annehmen, und zeigte damit, daß sie eine Stärkung der Sowjetunion mehr
fürchtete als die Hitleraggression. Der Stand punkt Polens wurde sowohl
von der englischen als auch von der französischen Mission unterstützt.
Im
Verlauf der militärischen Unterhandlungen wurde ferner die Frage der
zahlenmäßigen Stärke der Streitkräfte aufgeworfen, die von den
Paktteilnehmern im Falle einer Aggression sofort eingesetzt werden
sollten. Die Engländer nannten hierbei eine lächerliche Zahl: sie erklärten,
daB sie 5 Infanteriedivisioneri und 1 mechanisierte Division ins Feld
stellen könnten. Und diesen Vorschlag machten die Engländer in einem
Augenblick, wo die Sowjetunion sich bereit erklärte, an der Front gegen
den Aggressor 136 Divisionen, 5000 mittlere und schwere Geschütze, an
die 10 000 Panzer und Kleinkampfwagen, mehr als 5000 Kampfflugzeuge usw.
einzusetzen! Hieraus ersieht man, wie wenig die englische Regierung die
Verhandlungen über den Abschluß eines militärischen Abkommens mit der
UdSSR ernst nahm.
Die
vorstehenden Angaben genügen, um die Schlußfolgerung zu bestätigen,
die sich von selbst ergibt. Diese Schlußfolgerung lautet:
1.
Die Sowjetregierung war während der ganzen Verhandlungen mit außerordentlicher
Geduld bemüht, ein Übereinkommen mit England und Frankreich über
gegenseitigen Beistand gegen den Aggressor auf Grundlage der
Gleichberechtigung zustande zu bringen, und zwar unter der Bedingung, daß
der gegenseitige Beistand wirklich effektiv sei, d. h. daß neben einem
politischen Vertrag eine Militärkonvention unterzeichnet werde, in der
die Ausmaße, Formen und Fristen des Beistands festgelegt werden, weil
der gesamte vorherige Gang der Ereignisse genügend klar gezeigt hatte,
daß nur ein solches Abkommen effektiv sein könnte und geeignet wäre,
den hitlerfaschistischen Aggressor, der durch seine völlige
Straflosigkeit und durch die Vorschubleistung der Westmächte viele
Jahre lang verwöhnt war, zur Vernunft zu bringen.
2.
Die Haltung Englands und Frankreichs während der Verhandlungen mit der
Sowjetunion bestätigte restlos, daß sie an ein ernstes Abkommen mit
der UdSSR gar nicht dachten, da die Politik Englands und Frankreichs
durch andere Ziele bestimmt war, die mit den Interessen des Friedens und
des Kampfes gegen Aggression nichts gemein hatten.
3.
Die heimtückische Absicht der englisch-französischen Politik bestand
darin, Hitler zu verstehen zu geben, die UdSSR habe keine Verbündeten,
die UdSSR sei isoliert, Hitler könne die UdSSR überfallen, ohne zu
riskieren, bei England und Frankreich auf Widerstand zu stoßen.
Unter
diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, daß die britisch-französisch-sowjetischen
Verhandlungen mit einem Fiasko endeten.
Dieses
Fiasko war natürlich kein Zufall. Es wurde immer offensichtlicher, daß
die Vertreter der Westmächte in ihrem Doppelspiel von vornherein das
Scheitern der Verhandlungen beabsichtigt hatten. Die Sache war die, daß
neben den offen geführten Verhandlungen mit der UdSSR die Engländer
hinter den Kulissen Verhandlungen mit Deutschland pflogen und diesen
Verhandlungen unvergleichlich größere Bedeutung beimaßen.
Während
die regierenden Kreise der Westmächte mit ihren Verhandlungen in Moskau
vor allem danach strebten, die Öffentlichkeit ihrer Länder in
Sicherheit zu wiegen und die Völker, die in den Krieg geschleift
wurden, zu täuschen, waren die Verhandlungen mit den Hitlerfaschisten
ganz anders geartet.
Das
Programm der englisch-deutschen Verhandlungen war hinreichend klar
formuliert worden durch den britischen Außenminister Halifax, der zu
einer Zeit, wo seine Beamten die Verhandlungen in Moskau fortsetzten, an
Hitlerdeutschland unzweideutige Aufforderungen richtete. Am 29. Juni
1939, in seiner Rede auf einem Bankett im Royal Institute of
International Affairs, sprach Halifax die Bereitschaft aus, sich mit
Deutschland über alle „die Welt alarmierenden“ Fragen zu verständigen.
Er sagte:
„In
einer solchen Atmosphäre könnten wir das Kolonialproblem, die
Rohstofffrage, die Handelsbarrieren, den ,Lebensraum`, die Einschränkung
der Rüstungen und alle anderen, die Europäer betreffenden Fragen erörtern.“
(„Speeches on Foreign Policy“, by Viscount Halifax,
Oxford University Press, London, 1940, p. 296.)
Erinnert
man sich, wie die Halifax nahestehende konservative „Daily Mail“
schon 1933 das Problem des „Lebensraums“ traktiert hatte, als sie
den Hitlerfaschisten vorschlug, der UdSSR „Lebensramm“ zu entreißen,
so bleibt nicht der geringste Zweifel über den wirklichen Sinn der
Halifaxschen Erklärung bestehen. Es war der offene Vorschlag an
Hitlerdeutschland, sich über die Aufteilung der Welt und der Einflußsphären
zu verständigen, der Vorschlag, alle Fragen ohne die Sowjetunion und
hauptsächlich auf Kosten der Sowjetunion zu entscheiden.
Noch
im Juni 1939 begannen Vertreter Englands streng geheime Verhandlungen
mit Deutschland, vertreten durch Wohltat, den in London eingetroffenen
Bevollmächtigten Hitlers für den Vierjahresplan; der britische Überseehandelsminister
Hudson und der nächste Berater Chamberlains, G. Wilson, hatten mit ihm
Unterredungen. Der Inhalt dieser Juniverhandlungen ist vorläufig noch
in den Geheimfächern der diplomatischen Archive begraben. Im Juli
jedoch machte Wohltat in London einen neuen Besuch, und die
Verhandlungen wurden wiederaufgenommen. Der Inhalt dieser zweiten
Verhandlungsrunde ist jetzt bekannt aus den der Sowjetregierung zur Verfügung
stehenden erbeuteten deutschen Dokumenten, die bald veröffentlicht
werden sollen.
Hudson
und G. Wilson machten Wohltat und später auch dem deutschen Botschafter
in London, Dirksen, den Vorschlag, geheime Verhandlungen über ein
weitgehendes Abkommen einzuleiten, das auch eine Vereinbarung über die
Aufteilung der Einflußsphären in der ganzen Welt und über die
Ausschaltung der Möglichkeit, sich „auf den gemeinschaftlichen Märkten
totzukonkurrieren“, enthalten würde. Hierbei wurde vorgesehen,
Deutschland den vorherrschenden Einfiuß in Südosteuropa zuzugestehen.
Dirksen teilte dem deutschen Auswärtigen Amt in seinem Bericht vom 21.
Juli 1939 mit, das von Wohltat und Wilson erörterte Programm erstrecke
sich auf politische, militärische und wirtschaftliche Leitsätze. Unter
den politischen Fragen wurde neben einem Nichtangriffspakt auch einem
Nichteinmischungspakt besondere Beachtung geschenkt, der die
„Abgrenzung der Großräume der Hauptmächte, insbesondere also
Englands und Deutschlands, in sich schließen solle“. ( Aufzeichnung
des deutschen Botschafters in England, Dirksen, vom 21, Juli 1939, aus
dem Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes.)
Bei
Besprechung der mit dem Abschluß dieser beiden Pakte zusammenhängenden
Fragen versprachen die engli schen Vertreter, ihre Regierung werde,
falls diese Pakte unterzeichnet werden, die von ihr soeben Polen gewährten
Garantien zurückziehen.
Falls
das englisch-deutsche Abkommen abgeschlossen werden sollte, seien die
Engländer bereit, es den Deutschen zu überlassen, die Danziger Frage
ebenso wie die Frage des Polnischen Korridors allein mit Polen zu
entscheiden, und wollten sich verpflichten, in die Lösung dieser Frage
nicht einzugreifen.
Weiter
bestätigte Wilson, wie aus den in Kürze zu veröffentlichenden
Berichten Dirksens ebenfalls dokumentarisch hervorgeht, daß mit der
englischen Garantiepolitik, falls die obengenannten Pakte zwischen
England und Deutschland zum Abschluß kämen, faktisch Schluß gemacht
werden würde.
Dirksen
bemerkte zu dieser Frage in seinem Bericht: „Dann wäre Polen
gewissermaßen mit Deutschland allein gelassen.“
Alles
das bedeutete, daß die Machthaber Englands bereit waren, Polen von
Hitler zerfleischen zu lassen, als auf dem Schriftstück mit den
englischen Garantien für Polen die Tinte noch nicht getrocknet war.
Gleichzeitig
wäre mit dem Abschluß des englisch-deutschen Abkommens das Ziel
erreicht worden, das England und Frankreich sich gesteckt hatten, als
sie Verhandlungen mit der Sowjetunion begannen, und es wäre noch
leichter geworden, schnell einen Zusammenstoß zwischen Deutschland und
der UdSSR herbeizuführen.
Schließlich
sollte das politische Abkommen zwischen England und Deutschland durch
ein Wirtschaftsabkommen ergänzt werden, das eine geheime Abmachung über
Kolonialfragen, die Verteilung der Rohstoffe, die Aufteilung der Märkte
sowie eine große englische Anleihe für Deutschland enthalten sollte.
Den
Machthabern Englands schwebte somit die lockende Aussicht vor, zu einem
dauerhaften Abkommen mit Deutschland zu gelangen und die deutsche
Aggression, wie man gern sagte, nach Osten zu „kanalisieren“, gegen
Polen, das von ihnen soeben „Garantien“ erhalten hatte, und gegen
die Sowjetunion.
Ist
es danach verwunderlich, daB die Verleumder und Geschichtsfälscher
diese Tatsachen sorgfältig verschweigen und zu unterschlagen suchen,
Tatsachen, die von entschei dender Bedeutung für das Verständnis der
Situation sind, in der somit der Krieg unausbleiblich wurde?
Zu
dieser Zeit konnte nicht mehr daran gezweifelt werden, daß England und
Frankreich nicht nur keine ernste Absicht hatten, irgend etwas zu
unternehmen, um Hitler deutschland an der Entfesselung des Krieges zu
hindern, sondern daß sie, im Gegenteil, alles taten, was in ihren Kräften
stand, um durch geheime Verabredungen und Abmachungen und durch alle möglichen
Provokationen Hitlerdeutschland auf die Sowjetunion zu hetzen.
Es
wird keinem Falschmünzer gelingen, sei es in der Geschichte, sei es im
Bewußtsein der Völker, die entscheidende Tatsache zu verdunkeln, daß
die Sowjetunion unter diesen Umständen die Wahl hatte:
entweder
zum Zwecke des Selbstschutzes dem von Deutschland vorgeschlagenen
Abschluß eines Nichtangriffsvertrags zuzustimmen und dadurch der
Sowjetunion noch für eine bestimmte Zeit den Frieden zu sichern, die
vom Sowjetstaat für eine bessere Vorbereitung seiner Kräfte zur Abwehr
eines eventuellen Aggressorenüberfalls ausgenutzt werden konnte, oder
den von Deutschland vorgeschlagenen Nichtangriffspakt abzulehnen und es
dadurch den Kriegsprovokateuren aus dem Lager der Westmächte zu ermöglichen,
die Sowjetunion sofort, in einer für sie ganz unvorteilhaften
Situation, in der sie völlig isoliert gewesen wäre, in einen
bewaffneten Konflikt mit Deutschland hineinzuhetzen.
In
dieser Situation sah die Sowjetregierung sich gezwungen, ihre Wahl zu
treffen und einen Nichtangriffspakt mit Deutschland abzuschließen.
Diese
Wahl war in der damals entstandenen Situation ein umsichtiger und kluger
Schritt der sowjetischen Außenpolitik. Dieser Schritt der
Sowjetregierung bestimmte von vornherein in hohem Maße den für die
Sowjetunion und alle anderen freiheitliebenden Völker günstigen
Ausgang des zweiten Weltkrieges.
Es
wäre eine grobe Verleumdung, wenn man behaupten wollte, daß der
Abschluß eines Paktes mit den Hitlerfaschisten zum außenpolitischen
Plan der UdSSR gehört hat. Im Gegenteil, die UdSSR war dauernd bestrebt
gewesen, zu einem Abkommen mit den nichtaggressiven Weststaaten gegen
die deutschen und italienischen Aggressoren zu gelangen, um auf der
Grundlage der Gleichheit die kollektive Sicherheit zu verwirklichen. Ein
Abkommen aber ist ein Akt der Gegenseitigkeit. Während die UdSSR ein
Abkommen über die Bekämpfung der Aggression anstrebte, lehnten England
und Frankreich ein solches systematisch ab, da sie es vorzogen, eine
Politik der Isolierung der UdSSR zu treiben, eine Politik der Zugeständnisse
an die Aggressoren, eine Politik, die darauf ausging, die Aggression
nach dem Osten, gegen die Sowjetunion hinzulenken. Die Vereinigten
Staaten von Amerika unterließen es nicht nur, einer solchen verhängnisvollen
Politik entgegenzuwirken, sondern ließen ihr, im Gegenteil, jede
Unterstützung angedeihen. Was die amerikanischen Milliardäre
anbelangt, so legten sie auch weiter ihre Kapitalien in der deutschen
Schwerindustrie an, halfen den Deutschen bei der Entwicklung ihrer Rüstungsindustrie
und bewaffneten somit die deutschen Aggressoren, als ob sie sagen
wollten: „Führt nur getrost Krieg, ihr Herren Europäer, führt Krieg
mit Gottes Hilfe, indessen wir bescheidenen amerikanischen Milliardäre
an eurem Krieg verdienen und hunderte Millionen Dollar Extraprofite
einsacken.“
Man
begreift, daß der Sowjetunion angesichts einer solchen Sachlage in
Europa nur der eine Ausweg blieb, den von den Deutschen vorgeschlagenen
Pakt zu akzeptieren. Dies war immerhin von allen denkbaren Auswegen der
beste.
Wie
die Sowjetunion 1918 infolge der feindseligen Politik der Westmächte
gezwungen war, mit den Deutschen den Frieden von Brest-Litowsk
abzuschließen, so sah sich die Sowjetunion auch diesmal, im 'Jahre
1939, zwanzig Jahre nach dem Brester Frieden, gezwungen, angesichts der
gleichen feindseligen Politik Englands und Frankreichs einen Pakt mit
den Deutschen abzuschließen.
Das
Gerede aller möglichen Verleumder, die UdSSR hätte es sich trotzdem
nicht erlauben dürfen, auf einen Pakt mit den Deutschen einzugehen,
kann nur als lächerlich bezeichnet werden. Weshalb durfte Polen, das
England und Frankreich zu Verbündeten hatte, 1934 mit den Deutschen
einen Nichtangriffspakt abschließen, während die Sowjetunion, die sich
in einer weniger günstigen Lage befand, 1939 einen solchen Pakt nicht
abschließen durfte? Weshalb durften England und Frankreich, die den
herrschenden Machtfaktor in Europa darstellten, 1938 gemeinsam mit den
Deutschen eine Nichtangriffsdeklaration unterzeichnen, während die
Sowjetunion, die infolge der feindseligen Politik Englands und
Frankreichs isoliert war, sich auf einen Pakt mit den Deutschen nicht
einlassen durfte?
Ist
es denn nicht Tatsache, daß die Sowjetunion unter allen
nichtaggressiven Großmächten Europas die letzte war, die sich zu einem
Pakt mit den Deutschen bereit erklärte?
Gewiß,
die Geschichtsfälscher und sonstigen Reaktionäre sind unzufrieden
damit, daß es der Sowjetunion gelang, den sowjetisch-deutschen Pakt
geschickt zum Ausbau ihrer Landesverteidigung auszunutzen, daß es ihr
gelang, ihre Grenzen weit nach Westen vorzuverlegen und dem
unbehinderten Vormarsch der deutschen Aggressoren nach Osten den Weg zu
versperren, daß die Hitlertruppen ihre Offensive nach Osten nicht von
der Linie Narva-Minsk- Kiew beginnen konnten, sondern von einer hunderte
Kilometer weiter westlich liegenden Linie, daß die UdSSR im Vaterländischen
Krieg nicht verblutete, sondern aus dem Kriege als Sieger hervorgegangen
ist. Aber diese Unzufriedenheit gehört bereits in das Kapitel der ohnmächtigen
Wut gescheiterter Politiker.
Die
wutschnaubende Unzufriedenheit dieser Herren kann nur als eine
Demonstration der unbestreitbaren Tatsache aufgefaßt werden, daß die
Politik der Sowjetunion eine richtige Politik war und bleibt.
zurück
Die
Schaffung der „Ostfront“, der Überfall Deutschlands auf die UdSSR,
die Antihitlerkoalition und die Frage der interalliierten
Verpflichtungen
Als
die Sowjetunion im August 1939 den sowjetischdeutschen Nichtangriffspakt
abschloß, zweifelte sie keinen Augenblick daran, daß Hitler über kurz
oder lang die UdSSR überfallen werde. Diese Überzeugung der
Sowjetunion erwuchs aus der politischen und militärischen
Grundeinstellung der Hitlerfaschisten. Die praktische Tätigkeit der
Hitlerregierung in der gesamten Vorkriegsperiode bestätigte diese Überzeugung.
Daher
bestand die erste Aufgabe der Sowjetregierung darin, eine „Ostfront“
gegen die Hitleraggression zu schaffen, eine Verteidigungslinie an den
westlichen Grenzen der bjelorussischen und ukrainischen Lande anzulegen
und auf diese Weise eine Barriere gegen den unbehinderten Vormarsch der
deutschen Truppen nach dem Osten zu errichten. Zu diesem Zwecke war es
notwendig, das westliche Bjelorußland und die westliche Ukraine, die
von dem Polen der Pans 1920 annektiert worden waren, wieder mit
Sowjetbjelorußland und der Sowjetukraine zu vereinigen und
Sowjettruppen dorthin zu legen. Mit dieser Sache durfte nicht gezögert
werden, denn die schlecht ausgerüsteten polnischen Truppen erwiesen
sich als widerstandsunfähig, die polnische Armeeführung und die
polnische Regierung befanden sich bereits auf der Flucht, und die
Hitlertruppen, die keinem ernsten Widerstand begegneten, hätten die
bjelorussischen und ukrainischen Gebiete besetzen können, bevor noch
die Sowjettruppen dort angelangt wären.
Am
17. September 1939 überschritten Sowjettruppen auf Befehl der
Sowjetregierung die sowjetisch-polnische Vorkriegsgrenze, besetzten das
westliche Bjelorußland und die westliche Ukraine und begannen dort mit
dem Bau von Verteidigungsstellungen längs der Westgrenze der
ukrainischen und bjelorussischen Lande. Diese Linie war im wesentlichen
identisch mit der auf der Versailler Konferenz der Alliierten
festgesetzten, in der Geschichte als „Curzonlinie“ bekannten Linie.
Einige
Tage später schloß die Sowjetregierung gegenseitige Beistandspakte mit
den baltischen Staaten, in denen vorgesehen war, nach Estland, Lettland
und Litauen Garnisonen der Sowjetarmee zu legen und in diesen Ländern
sowjetische Flugplätze und Flottenstützpunkte zu schaffen.
Auf
diese Weise wurde das Fundament der „Ostfront“ geschaffen.
Es
war nicht schwer zu begreifen, daß die Schaffung einer „Ostfront“
ein bedeutsamer Beitrag nicht nur zur` Organisierung der Sicherheit der
UdSSR, sondern auch zu der gemeinsamen Sache der friedliebenden Staaten
war, die gegen die Hitleraggression kämpften. Nichtsdestoweniger
beantworteten die englisch-französisch-amerikanischen Kreise in ihrer
überwiegenden Mehrheit diesen Schritt der Sowjetregierung, den sie als
Aggression qualifizierten, mit einer wütenden Antisowjetkampagne.
Es
fanden sich allerdings auch Politiker, die genügend Scharfblick besaßen,
um den Sinn der sowjetischen Politik zu begreifen und die Schaffung der
„Ostfront“ als richtig anzuerkennen. Unter diesen steht an erster
Stelle Herr Churchill, der damals noch Marineminister war. Am l. Oktober
1939 erklärte er in einer Rundfunkrede nach verschiedenen
unfreundlichen Ausfällen gegen die Sowjetunion:
„Daß
die russischen Armeen auf dieser Linie stehen, ist für die Sicherheit
Rußlands gegen die deutsche Gefahr absolut notwendig. Jedenfalls sind
die Stellungen bezogen und die Ostfront ist geschaffen, die anzugreifen
das nazistische Deutschland nicht wagt. Als Herr von Ribbentrop in der
vorigen Woche nach Moskau gerufen wurde, da geschah es, damit er von der
Tatsache erfahre und davon Notiz nehme, daB den Absichten der Nazis auf
die baltischen Staaten und die Ukraine ein Ende gesetzt werden muß.“
Während
es an den westlichen Grenzen der UdSSR, in beträchtlicher Entfernung
von Moskau, Minsk und Kiew, um die Sicherheit der UdSSR mehr oder minder
befriedigend bestellt war, ließ sich von der Nordgrenze der UdSSR nicht
das gleiche sagen. Hier standen, kaum 32 Kilometer von Leningrad
entfernt, finnische Truppen, deren Offizierskorps in seiner Mehrheit auf
Hitlerdeutschland orientiert war. Die Sowjetregierung wußte sehr wohl,
daß die mit den Hitlerfaschisten eng verbundenen und in der finnischen
Armee sehr einflußreichen faschistischen Elemente der führenden Kreise
Finnlands danach trachteten, sich Leningrads zu bemächtigen. Man konnte
es nicht als Zufall betrachten, daß Hitlers Generalstabschef Halder
schon im Sommer 1939 nach Finnland reiste, um die Spitzen der finnischen
Armee zu instruieren. Es war schwerlich daran zu zweifeln, daß die führenden
Kreise Finnlands mit den Hitlerfaschisten verbündet waren und daß sie
Finnland zu einem Aufmarschgebiet für den Überfall Hitlerdeutschlands
auf die UdSSR machen wollten.
Kein
Wunder deshalb, daß alle Versuche der UdSSR, sich mit der finnischen
Regierung über eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern
zu verständigen, erfolglos blieben.
Die
Regierung Finnlands lehnte alle freundschaftlichen Vorschläge der
Sowjetregierung, durch die die Sicherheit der UdSSR, insbesondere
Leningrads, gewährleistet werden sollte, einen nach dem anderen ab,
obgleich die Sowjetunion hinsichtlich der Befriedigung der legitimen
Interessen Finnlands entgegenkommend war.
Der
Vorschlag der UdSSR, die finnische Grenze auf der Karelischen Landenge
um einige Dutzend Kilometer zurückzuverlegen, wurde von der finnischen
Regierung abgelehnt, obgleich die Sowjetregierung sich bereit erklärte,
Finnland als Gegenleistung ein doppelt so großes Gebiet Sowjetkareliens
abzutreten.
Die
finnische Regierung lehnte ferner den Vorschlag der UdSSR ab, einen
gegenseitigen Beistandspakt abzuschließen, und zeigte damit, daß die
Sicherheit der UdSSR von seiten Finnlands nicht gewährleistet war.
Durch
diese und ähnliche feindseligen Handlungen und durch Provokationen an
der sowjetisch-finnischen Grenze entfesselte Finnland den Krieg mit der
Sowjetunion.
Die
Resultate des sowjetisch-finnischen Krieges sind bekannt. Die Grenzen
der UdSSR im Nordwesten, insbesondere im Raume Leningrads, wurden
vorverlegt, und die Sicherheit der UdSSR hatte gewonnen. Dies spielte
eine wichtige Rolle bei der Verteidigung der Sowjetunion gegen die
Hitleraggression, da Hitlerdeutschland und seine finnischen
Helfershelfer ihre Offensive im Nordwesten der UdSSR nicht unmittelbar
vor Leningrad beginnen konnten, sondern auf einer Linie beginnen mußten,
die fast 150 Kilometer nordwestlich davon lag.
W.
M. Molotow erklärte in seiner Rede auf der Tagung des Obersten Sowjets
der UdSSR am 29. März 1940, daß „die Sowjetunion, die die finnische
Armee zerschlagen hatte und die volle Möglichkeit besaß, ganz Finnland
zu besetzen, dies nicht tat und keinerlei Kontribution als Entschädigung
für ihre Kriegskosten verlangte, wie das jede andere Macht getan hätte,
sondern ihre Wünsche auf ein Minimum beschränkte ...“
„Wir
haben uns außer der Gewährleistung der Sicherheit Leningrads, der
Stadt Murmansk und der Murmansker Eisenbahn keinerlei andere Ziele in
dem Friedensvertrag gestellt.“
Bemerkt
werden muß, daß die englisch-französischen Dirigenten des Völkerbunds,
obgleich die regierenden Kreise Finnlands durch ihre ganze Politik gegenüber
der UdSSR Hitlerdeutschland in die Hände arbeiteten, sofort auf die
Seite der finnischen Regierung traten, die UdSSR durch den Völkerbund
zum „Aggressor“ erklären ließen und dadurch den von den finnischen
Machthabern begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion offen billigten und
unterstützten. Der Völkerbund, der die Schmach auf sich geladen hatte,
die japanischen, deutschen und italienischen Aggressoren begünstigt und
angespornt zu haben, stimmte auf Befehl der englisch-französischen
Machthaber gehorsam für eine gegen die Sowjetunion gerichtete
Resolution, durch die die UdSSR demonstrativ aus dem Völkerbund
„ausgeschlossen“ wurde.
Damit
nicht genug, ließen England und Frankreich der finnischen Militärclique
in dem von den finnischen Reaktionären entfesselten Krieg gegen die
Sowjetunion jede mögliche Unterstützung zuteil werden. Die regierenden
Kreise Englands und Frankreichs hörten nicht auf, die finnische
Regierung zur Fortsetzung der Kriegshandlungen aufzuhetzen.
Die
englisch-französischen Machthaber belieferten Finnland systematisch mit
Waffen und rüsteten energisch zur Entsendung einer 100000 Mann starken
Expeditionsarmee nach Finnland.
In
den drei Monaten, die seit dem Ausbruch des Krieges verstrichen waren,
schickte England, wie Chamberlain am 19. März 1940 im Unterhaus erklärte,
an Finnland 101 Flugzeuge, über 200 Geschütze, hunderttausende
Artilleriegeschosse, Fliegerbomben und Panzerabwehrminen. Gleichzeitig
teilte Daladier der Deputiertenkammer mit, Frankreich habe Finnland 175
Flugzeuge, etwa 500 Geschütze, über 5000 Maschinengewehre, 1 Million
Granaten und Handgranaten und verschiedene andere Kriegsmaterialien
zugehen lassen.
Man
kann die damaligen Pläne der britischen und der französischen
Regierung vollauf nach einem Memorandum beurteilen, das die Engländer
am 2. März 1940 den Schweden überreichten und worin es hieß:
„Die
alliierten Regierungen erkennen, daß Finnlands militärische Lage
verzweifelt wird. Nach sorgfältiger Erwägung aller Möglichkeiten sind
sie zu dem Schluß gelangt, daß die Entsendung alliierter Truppen das
einzige Mittel ist, Finnland effektive Hilfe zu leisten, und sie sind
bereit, auf Ansuchen Finnlands solche Truppen zu schicken.“ ( Note der
britischen Gesandtschaft vom 2. März 1940. Weißbuch des schwedischen
Außenministeriums, Stockholm 1947, S. 120,)
Wie
Chamberlain am 19. März im englischen Parlament erklärte, wurden
damals „die Vorbereitungen für die Expedition mit höchster
Geschwindigkeit betrieben, und die Expeditionsarmee war Anfang März
abfahrtbereit ... zwei Monate vor dem Termin, den Feldmarschall
Mannerheim für ihre Ankunft angesetzt hatte“.
Chamberlain
fügte hinzu, daß diese Truppen 100.000 Mann stark waren.
Gleichzeitig
bereitete auch die französische Regierung ein erstes Expeditionskorps
in Stärke von 50000 Mann vor, das über Narvik nach Finnland gesandt
werden sollte.
Und
diese kriegerische Aktivität entfalteten die englisch- französischen
Machthaber in dem Augenblick, als England und Frankreich an der Front
gegen Hitlerdeutschland keinerlei Aktivität zeigten und dort der
sogenannte „komische Kriegi' geführt wurde!
Die
militärische Unterstützung Finnlands gegen die Sowjetunion war aber
nur ein Teil eines weiterreichenden Planes der englisch-französischen
Imperialisten.
Das
schon erwähnte „Weißbuch“ des schwedischen Außenministeriums enthält
ein Dokument, das von dem schwedischen Außenminister Günther stammt.
In diesem Dokument heißt es, „die Entsendung dieses
Truppenkontingents gehörte zum Gesamtplan des Überfalls auf die
Sowjetunion“ und dieser Plan „wird am 15. März gegen Baku und noch
früher über Finnland in Aktion treten“ (Aide-memoire Günthers vom
2. März 1940, ebenda S. 119).
In
seinem Buche „Der Diktator de Gaulle“ schrieb Kerillis über diesen
Plan folgendes:
„Entsprechend
diesem Plan, dessen Grundzüge mir M. Paul Reynaud (Damals Mitglied der
französischen Regierung.) in einem kurzen Brief, den ich aufbewahrt
habe, entwickelte, würde ein motorisiertes Expeditionskorps, das über
Norwegen in Finnland gelandet werden sollte, es bald zuwege gebracht
haben, die desorganisierten Horden Rußlands über den Haufen zu werfen
und auf Leningrad zu marschieren. . .“ (Henri de Kerillis, „De
Gaulle dictateur“, Montreal 1945, p. 363/64,)
Dieser
Plan wurde in Frankreich von de Gaulle und General Weygand
ausgearbeitet, der damals die französischen Truppen in Syrien
kommandierte und prahlerisch erklärte, er werde „mit einigen Verstärkungen
und 200 Flugzeugen den Kaukasus besetzen und in RuBland eindringen wie
das Messer in die Butter“'.
Bekannt
ist auch der von dem französischen General Gamelin 1940 ausgearbeitete
Plan für Kriegshandlungen der Engländer und Franzosen gegen die UdSSR,
worin auf Bombenangriffe gegen Baku und Bätumi besonderer Wert gelegt
wurde.
Die
Vorbereitung der englisch-französischen Machthaber zum Überfall auf
die UdSSR war in vollem Gange. In den Generalstäben Englands und
Frankreichs wurde eifrig an Plänen für einen solchen Überfall
gearbeitet. Diese Herren wollten, anstatt gegen Hitlerdeutschland Krieg
zu führen, einen Krieg gegen die Sowjetunion vom Zaun brechen.
Diese
Pläne sollten jedoch keine Verwirklichung finden. Finnland wurde zu
diesem Zeitpunkt von den Sowjettruppen niedergeworfen und zur
Kapitulation gezwungen, trotz aller Bemühungen Englands und
Frankreichs, seine Kapitulation zu verhindern.
Am
12. März 1940 wurde der Friedensvertrag zwischen der Sowjetunion und
Finnland unterzeichnet.
Damit
war die Sache der Landesverteidigung der UdSSR gegen die
Hitleraggression auch im Norden, im Raume Leningrads, verbessert und die
Verteidigungslinie um 150 Kilometer nordwärts Leningrads bis einschließlich
Wiborg vorverlegt.
Aber
das bedeutete noch nicht, daß die Bildung einer „Ostfront“ von der
Ostsee bis zum Schwarzen Meer bereits beendet war. Mit den baltischen
Staaten waren Pakte ab geschlossen, aber dort befanden sich noch keine
Sowjettruppen, die die Verteidigung übernehmen konnten. Die Moldau und
die Bukowina wurden formell wieder mit der UdSSR vereinigt, aber auch
dort standen noch keine Sowjettruppen, die die Verteidigung übernehmen
konnten. Mitte Juni 1940 rückten Sowjettruppen in Estland, Lettland und
Litauen ein. Am 27. Juni des gleichen Jahres hielten Sowjettruppen auch
in der Bukowina und in der Moldau, die Rumänien dem Sowjetland nach der
Oktoberrevolution entrissen hatte, ihren Einzug.
Auf
diese Weise wurde die Bildung der gegen die Hitleraggression gerichteten
„Ostfront“ von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer vollendet.
Die
führenden Kreise Englands und Frankreichs, die die UdSSR wegen der von
ihr geschaffenen „Ostfront“ auch weiter als Aggressor beschimpften,
schienen sich keine Rechenschaft darüber abzulegen, daß die Schaffung
der „Ostfront“ einen einschneidenden Umschwung in der Entwicklung
des Krieges - gegen die Hitlertyrannei und zugunsten des Sieges der
Demokratie - bedeutete.
Sie
begriffen nicht, daß es sich nicht um Beeinträchtigung oder
Nichtbeeinträchtigung der nationalen Rechte Finnlands, Litauens,
Lettlands, Estlands und Polens han delte, sondern darum, durch
Organisierung des Sieges über die Hitlerfaschisten die Verwandlung
dieser Länder in eine rechtlose Kolonie Hitlerdeutschlands zu
verhindern.
Sie
begriffen nicht, daß es sich darum handelte, dem Vormarsch der
deutschen Truppen überall, wo das nur möglich war, Schranken zu
setzen, starke Verteidigungsstellungen anzulegen und dann zum
Gegenangriff überzugehen, die Hitlertruppen zu schlagen und dadurch
diesen Ländern eine freie Entwicklung zu ermöglichen.
Sie
begriffen nicht, daß es andere Wege zum Sieg über die Hitleraggression
nicht gab.
Handelte
die englische Regierung richtig, als sie während des Krieges ihre
Truppen in Ägypten dislozierte, obgleich die Ägypter protestierten und
manche Elemente in Ägypten sogar Widerstand leisteten? Sie handelte
unbedingt richtig! Dies war ein höchst wichtiges Mittel, um der
Hitleraggression den Weg nach dem Suezkanal zu verlegen , Ägypten vor
Anschlägen Hitlers zu schützen, den Sieg über Hitler zu organisieren
und damit zu verhindern, daß Ägypten eine Hitlerkolonie wurde. Nur
Feinde der Demokratie oder Verrückte können behaupten, daß die
Handlungen der englischen Regierung in diesem Falle eine Aggression
darstellten.
Handelte
die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika richtig, als sie ihre
Truppen in Casablanca landen ließ, obgleich die Marokkaner
protestierten und die Petainregierung in Frankreich, deren Gewalt sich
auch auf Marokko erstreckte, direkten militärischen Widerstand
leistete? Sie handelte unbedingt richtig! Dies war ein überaus
wichtiges Mittel, einen Widerstandsstützpunkt gegen die deutsche
Aggression in unmittelbarer Nähe Westeuropas zu schaffen , den Sieg über
die Hitlerwehrmacht zu organisieren und damit die Voraussetzung für die
Befreiung Frankreichs von dem hitlerfaschistischen Kolonialjoch zu
schaffen. Nur Feinde der Demokratie oder Verrückte konnten diese
Handlungen der amerikanischen Truppen als Aggression einschätzen.
Das
gleiche aber muB von den Handlungen der Sowjetregierung gesagt werden,
die bis Sommer 1940 die „Ostfront“ gegen die Hitleraggression
organisierte und ihre Truppen möglichst weit nach Westen von Leningrad,
Moskau und Kiew verlegte. Dies war das einzige Mittel, dem unbehinderten
Vormarsch der deutschen Truppen nach dem Osten den Weg zu verlegen,
starke Verteidigungsstellungen zu schaffen und dann zum Gegenangriff überzugehen,
um gemeinsam mit den Verbündeten die Hitlerwehrmacht zu schlagen und
damit zu verhindern, daß die friedliebenden Länder Europas, darunter
Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen, zu Hitlerkolonien
wurden. Nur Feinde der Demokratie oder Verrückte konnten diese
Handlungen der Sowjetregierung als Aggression qualifizieren.
Daraus
folgt jedoch, daB Chamberlain, Daladier und ihre Umgebung, die diese
Politik der Sowjetregierung als Aggression qualifizierten und den
Ausschluß der Sowjetunion aus dem Völkerbund bewerkstelligten, wie
Feinde der Demokratie bzw. wie Verrückte handelten.
Daraus
folgt ferner, daß die jetzigen Verleumder und Geschichtsfälscher, die
in Gemeinschaft mit den Herren Bevin und Bidault ihr Wesen treiben und
die Schaffung der „Ostfront“ gegen Hitler als Aggression
qualifizieren, ebenso wie Feinde der Demokratie bzw. wie Verrückte
handeln.
Was
wäre geschehen, wenn die UdSSR nicht schon vor dem Überfall
Deutschlands, weit westlich von den alten Grenzen der UdSSR, eine
„Ostfront“ geschaffen hätte, wenn diese Front nicht auf der Linie
Wiborg-Kaunas-Bialystok -Brest-Litowsk-Lwow verlaufen wäre, sondern längs
der alten Grenze Leningrad-Narva-Minsk- Kiew ?
Das
hätte der Hitlerwehrmacht die Möglichkeit gegeben, hunderte Kilometer
tief Raum zu gewinnen und die deutsche Front um 200 bis 300 Kilometer
Leningrad, Moskau, Minsk und Kiew näher zu rücken, es hätte den
Vormarsch der Deutschen in das Innere der UdSSR ernstlich beschleunigt,
den Fall Kiews und der Ukraine schneller herbeigeführt, die Besetzung
Moskaus durch die Deutschen zur Folge gehabt, zur Besetzung Leningrads
durch die vereinten Kräfte der Deutschen und der Finnen geführt und
die UdSSR gezwungen, zu einer langwierigen Verteidigung überzugehen, so
daß die Deutschen die Möglichkeit erhalten hätten, im Osten etwa 50
Divisionen für eine Landung auf den britischen Inseln und zur Verstärkung
der deutsch-italienischen Front im Raume Ägyptens freizubekommen. Es
ist durchaus wahrscheinlich, daß die englische Regierung dann nach
Kanada hätte evakuiert werden müssen und daß Ägypten und der
Suezkanal unter Hitlers Herrschaft geraten wären.
Aber
das ist nicht alles. Die UdSSR wäre gezwungen gewesen, einen großen
Teil ihrer Truppen von der mandschurischen Grenze an die „Ostfront“
zu verlegen, um ihre Verteidigung zu verstärken, und dies hätte es den
Japanern ermöglicht, in der Mandschurei an die 30 Divisionen
freizubekommen und sie gegen China, gegen die Philippinen, gegen Südostasien
überhaupt und schließlich gegen die amerikanischen Streitkräfte im
Fernen Osten einzusetzen.
Alles
das hätte dazu geführt, daß der Krieg mindestens zwei Jahre länger
gedauert hätte und daß der zweite Weltkrieg nicht 1945, sondern erst
1947 oder noch etwas später beendet worden wäre.
So
war es um die Frage der „Ostfront“ bestellt. Inzwischen nahmen die
Ereignisse im Westen ihren Lauf. Im April 1940 besetzten die Deutschen Dänemark
und Norwegen. Mitte Mai drangen die deutschen Truppen in Holland,
Belgien und Luxemburg ein. Am 21. Mai stießen die Deutschen bis zum Ärmelkanal
vor und riegelten die Alliierten in Flandern ab. Ende Mai räumten die
englischen Truppen Dünkirchen, verließen Frankreich und begaben sich
nach England. Mitte Juni fiel Paris. Am 22. Juni kapitulierte Frankreich
vor Deutschland.
Hitler
hatte somit alle und jegliche gemeinsam mit 60 Frankreich und England
abgegebenen Nichtangriffsdeklarationen in den Staub getreten.
Das
war der völlige Bankrott der Befriedungspolitik, der Politik der Abkehr
von kollektiver Sicherheit, der Politik der Isolierung der UdSSR.
Es
war klargeworden, daß England und Frankreich durch die Isolierung der
UdSSR die Einheitsfront der freiheittiebenden Länder zerschlagen
hatten, schwächer geworden waren und nun selbst isoliert dastanden.
Am
1. März 1941 besetzten die Deutschen Bulgarien. Am 5. April
unterzeichnete die UdSSR einen Nichtangriffspakt mit Jugoslawien.
Am
22. Juni des gleichen Jahres überfiel Deutschland die UdSSR.
Italien,
Rumänien, Ungarn und Finnland traten auf seiten Deutschlands in den
Krieg gegen die Sowjetunion ein. Die Sowjetunion trat in den
Freiheitskrieg gegen Hitlerdeutschland ein.
Verschiedene
Kreise Europas und Amerikas beobachteten eine verschiedene Haltung zu
diesem Ereignis.
Die
von Hitler unterjochten Völker atmeten erleichtert auf, weil sie
erkannten, daß Hitler sich zwischen zwei Fronten, der Westfront und der
„Ostfront“, das Genick brechen werde.
Die
regierenden Kreise Frankreichs waren schadenfroh und zweifelten nicht
daran, daß „Rußland in kürzester Frist geschlagen werden“ würde.
Ein
prominentes Mitglied des USA-Senats, der jetzige USA-Präsident Herr
Truman, erklärte am Tage nach dem Überfall Deutschlands auf die UdSSR:
„Wenn
wir sehen, daß Deutschland gewinnt, so sollten wir Rußland helfen, und
wenn RuBland gewinnt, so sollten wir Deutschland helfen, sollen sie nur
auf diese Weise möglichst viele totschlagen.“ („New York Times“
vom 24. Juni 1941.)
Eine
ähnliche Erklärung gab 1941 in Großbritannien der damalige Minister für
Flugzeugindustrie, Moore Brabazon , ab, der sich dahin äußerte, soweit
Großbritannien in Betracht komme, wäre der beste Ausgang des Kampfes
an der Ostfront die gegenseitige Erschöpfung Deutschlands und der
UdSSR, wodurch England die Möglichkeit erhalten würde, eine
dominierende Stellung einzunehmen.
Diese
Äußerungen waren ohne Zweifel bezeichnend für die Stellungnahme der
reaktionären Kreise der USA und Großbritanniens.
Aber
-die ganz überwiegende Mehrheit des englischen und amerikanischen
Volkes war für die UdSSR und forderte den Zusammenschluß mit der
Sowjetunion zum erfolgreichen Kampf gegen Hitlerdeutschland.
Als
Widerspiegelung dieser Gesinnung ist die Erklärung des britischen
Premierministers, Herrn Churchill, zu betrachten, der am 22. Juni 1941
erklärte:
„Die
Gefahr für Rußland ist auch eine Gefahr für uns und die Vereinigten
Staaten, ebenso wie die Sache jedes Russen, der für Heim und Herd kämpft,
die Sache der freien Menschen und der freien Völker in jedem Teil des
Erdballs ist.“
Den
gleichen Standpunkt gegenüber der UdSSR bezog die Regierung Roosevelts
in den USA.
Damit
war der Grundstein gelegt für die englisch- sowjetisch-amerikanische
Koalition gegen Hitlerdeutschland. Die Antihitlerkoalition steckte sich
das Ziel, das Hitlerregime zu zerschlagen und die von Hitlerdeutschland
unterjochten Völker zu befreien. Trotz der Verschiedenheiten in der
Ideologie und dem Wirtschaftssystem der einzelnen verbündeten Staaten
wurde die englisch-sowjetisch-amerikanische Koalition zu einem mächtigen
Bündnis. der Völker, die ihre Anstrengungen im Befreiungskampf gegen
den Hitlerfaschismus vereinigten.
Natürlich
gab es auch damals, während des Krieges, in einigen Fragen
Meinungsverschiedenheiten zwischen den Verbündeten. Bekannt ist z. B.,
von welcher Bedeutung die Meinungsverschiedenheiten waren in so
wichtigen Fragen wie die Frage der Eröffnung der zweiten Front, die
Frage der Pflichten von Verbündeten, ihrer gegenseitigen moralischen
Schuldigkeit.
Die
Geschichtsfälscher und alle möglichen Verleumder klammern sich an
diese Meinungsverschiedenheiten, um entgegen sonnenklaren Tatsachen zu
„beweisen“, daß die UdSSR im Kampf gegen die Hitleraggression kein
treuer und aufrichtiger Verbündeter war noch sein konnte. Aber da der
gemeinsame Kampf gegen Hitlerdeutschland und die Haltung der UdSSR m
diesem Kampf keinerlei Unterlagen für eine solche Beschuldigung bieten,
wenden sie sich der Vergangenheit - der Vorkriegszeit - zu und
behaupten, die Vertreter der Sowjetunion hätten sich 1940 bei den
Berliner „Verhandlungen“ mit Hitler treulos und nicht wie Verbündete
benommen.
Sie
versichern, bei den Berliner „Verhandlungen“ seien treulose „europäische
Teilungspläne“, territoriale Ansprüche der Sowjetunion „südlich
der Sowjetunion in Richtung Indischer Ozean“, „Pläne“
hinsichtlich der Türkei, Irans, Bulgariens und andere „Probleme“
zur Sprache gekommen und entschieden worden. Die Verleumder bedienen
sich zu diesen Zwecken der Berichte deutscher Botschafter und anderer
Hitlerbeamter, aller möglichen Notizen und deutschen Entwürfe
irgendwelcher „Protokolle“ und anderer ähnlicher „Dokumente“.
Was
aber ist in Wirklichkeit in Berlin vor sich gegangen? Es muß gesagt
werden, daß die sogenannten „Berliner Verhandlungen“ von 1940 in
Wirklichkeit nichts anderes waren als eine Antwortvisite W. M. Molotows
auf die beiden Reisen Ribbentrops nach Moskau. Die Unterhaltungen
betrafen hauptsächlich die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und
Deutschland. Hitler bemühte sich, sie zur Grundlage eines
weitreichenden Abkommens zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu
machen. Die Sowjetunion umgekehrt nutzte sie dazu aus, die Einstellung
Deutschlands zu sondieren und ihm auf den Zahn zu fühlen, ohne die
Absicht zu haben, irgendein Abkommen mit den Deutschen zu schließen. In
diesen Unterredungen meinte Hitler, die Sowjetunion sollte sich einen
Ausgang nach dem Persischen Meerbusen verschaffen, indem sie Westiran
und die Erdölfelder der Engländer im Iran an sich brächte. Er sagte
ferner, Deutschland würde der Sowjetunion behilflich sein können, ihre
Ansprüche an die Türkei zu regulieren, eine Korrektur des
Meerengenvertrages von Montreux eingeschlossen, wobei er die Interessen
Irans absolut ignorierte, die Interessen der Türkei dagegen
angelegentlich verteidigte, offensichtlich weil er diese als seinen
gegenwärtigen oder doch jedenfalls künftigen Verbündeten betrachtete.
Was die Balkariländer und die Türkei anbelangt, so betrachtete Hitler
diese als eine Einflußsphäre Deutschlands und Italiens.
Aus
diesen Unterhaltungen zog die Sowjetregierung folgende Schlüsse:
DautSChland legt keinen Wert auf Beziehungen zu Iran; Deutschland ist
nicht mit England verbunden und hat auch nicht dle Absicht, eine solche
Bindung einzugehen - folglich karin die Sowjetunion an England einen
verläßlichen Verbündeten gegen Hitlerdeutschland finden; die
Balkanstaaten sirid entweder bereits gekauft und in Satelliten
Deutschlands verwandelt (Bulgarien, Rumänien, Ungarn) oder unterjocht
wie die Tschechoslowakei, oder aber sie stehen vor ihrer Unterjochung
wie Griechenland; Jugoslawien ist d:ls einzige Balkanland, auf das man
als künftigen Verbündeten des Antihitlerlagers rechnen kann; die Türkei
ist entweder schon durch enge Bande mit Hitlerdeutschland verbunden oder
hat doch die Absicht, eine solche Bindung einzugehen.
Nach
diesen nützlichen Schlußfolgerungen pflog die Sowjetregierung
keinerlei Unterredungen mehr über die dargelegten Fragen , obgleich
Ribbentrop die Sache wiederholt in Erinnerung brachte.
Wie
man sieht, sondierte die Sowjetregierung die Stellungnahme der
Ilitlerregierung, fühlte ihr auf den Zahn, ohne daß dies zu
irgendeinem Abkommen führte oder führen konnte.
Ist
es zulässig, daß friedliebende Staaten den Standpunkt eines Gegners in
dieser Weise sondieren? Das ist unbedingt zulässig. Es ist sagai nicht
nur zulässig, sondern zuweilen auch eine direkte politische
Notwendigkeit. Notwendig ist nur, daß die Sondierung mit Wissen und
Zustimmung der Verbündeten geschieht und daß die Resultate der
Sondierung den Verbündeten mitgeteilt werden. Die Sowjetunion hatte
damals jedoch keirle Verbündeten, sie war isoliert und deshalb leider
nicht in der Lage, die Resultate der Sondierung den Verbündeten
mitzuteilen.
Bemerkt
werden muß, daB eine ähnliche, wenn auch anrüchige Sondierung des
Standpunkts Hitlerdeutschlands von Vertretern EnDlaflds und der USA
unternommen wurde, als der Krieg bereits im Gange, als die
Antihitlerkoalition, bestehend aus England, den Vereinigten Staaten von.
Amerika
und der UdSSR, bereits organisiert war. Das geht aus Dokumenten hervor,
die von den Sowjettruppen in Deutschland erbeutet worden sind.
Aus
diesen Dokumenten ist zu ersehen, daß im Herbst 1941 sowie in den
Jahren 1942 und 1943 in Lissabon und in der Schweiz hinter dem Rücken
der UdSSR Verhandlun gen zwischen Vertretern Englands und Deutschlands
und später zwischen Vertretern der USA und Deutschlands über die Frage
eines Friedensschlusses mit Deutschland gepflogen wurden.
In
einem dieser Dokumente - eine Beilage zu einem Bericht Ernst Weizsäckers,
Staatssekretärs im deutschen Auswärtigen Amt - wird der Verlauf
solcher Verhandlungen dargelegt, die in Lissabon im September 1941
gepflogen wurden. Aus diesem Dokument ersieht man, daß am 13. September
ein Sohn Lord Beaverbrooks, Max Aitken, ein Offizier der englischen
Armee, der später Mitglied des englischen Parlaments wurde, als
Vertreter Englands mit dem Ungarn Gustav von Köver, der im Auftrag des
deutschen Außenministeriums handelte, zusammentrat, wie aus einem
Schreiben W. Krauels, des deutschen Generalkonsuls in Genf, an Weizsäcker
hervorgeht.
Bei
diesen Unterhandlungen stellte Aitken rundheraus die Frage: „Wäre es
nicht möglich, den bevorstehenden Winter und das Frühjahr dazu zu
benutzen, um hinter den Kulissen die Möglichkeiten eines Friedens zu erörtern?“
Andere
Dokumente sprechen von Verhandlungen zwischen Vertretern der Regierungen
der USA und Deutschlands, die im Februar 1943 in der Schweiz
stattfanden. Für die USA führte diese Verhandlungen der
Sonderbeauftragte der USA-Regierung, Allen Dulles (der Bruder John
Foster Dulles'), der unter dem Decknamen „Bull“ figurierte und
„unmittelbare Aufträge und Vollmachten des Weißen Hauses“ hatte.
Sein Gesprächspartner von deutscher Seite war Fürst M. Hohenlohe, der
den regierenden Kreisen Hitlerdeutschlands nahestand und unter dem
falschen Namen „Pauls“ als Vertreter Hitlers fungierte. Das
Dokument, worin diese Verhandlungen dargelegt sind, gehörte dem
hitlerfaschistischen Sicherheitsdienst (SD).
Wie
aus diesem Dokument ersichtlich, wurden in der Unterredung wichtige
Fragen berührt, die Österreich, die Tschechoslowakei, Polen, Rumänien,
Ungarn und, was besonders wichtig ist, die Frage eines Friedensschlusses
mit Deutschland betrafen.
A.
Dulles (Bull) erklärte in dieser Unterredung: „Nie wieder dürften
Nationen wie Deutschland durch Not und Unrecht zu verzweifelten
Experimenten und Heroismus getrieben werden. Der deutsche Staat müßte
als Ordnungs- und Aufbaufaktor bestehen bleiben , eine Aufteilung
desselben oder Loslösung Österreichs käme nicht in Frage.“
Hinsichtlich Polens erklärte Dulles (Bull), „durch eine Vergrößerung
Polens nach dem Osten hin und die Erhaltung Rumäniens und eines starken
Ungarns einen sanitären Riegel gegen den Bolschewismus und den
Panslawismus befürworten zu müssen“ („Unterredung Pauls-Mr.
Bull“, aus den deutschen Archivdoku- menten.).
Weiter
wird in der Niederschrift dieser Unterredung bemerkt:
„Er
(Bull) ging mehr oder weniger auf eine staat- liche und industrielle
europäische Großraumordnung ein und sah in einem föderativen Großdeutschland
(ähnlich USA) mit einer an dieses angelehnten Donaukonföderation den
besten Garanten für Ordnung und Aufbau in Zentral- und Osteuropa.“
(Ebenda.)
Dulles
(Bull) erklärte außerdem, er erkenne die Ansprüche der deutschen
Industrie auf die führende Rolle in Europa vollauf an.
Man
kann nicht umhin zu bemerken, daß die Engländer und die Amerikaner
diese Sondierung ohne Wissen und Zustimmung ihres Verbündeten, der
Sowjetunion, unternahmen und daß die Sowjetregierung nicht einmal
nachträglich über die Resultate dieser Sondierung informiert wurde.
Das
konnte bedeuten, daß die Regierungen der USA und Englands in diesem
Fall versuchten, Verhandlungen mit Hitler über einen Separatfrieden
anzubahnen.
Es
ist klar, daß eine solche Haltung der Regierungen Englands und der USA
nur als Verstoß gegen die elementarsten Anforderungen an die Pflichten
und Obliegenheiten von Verbündeten betrachtet werden können.
Es
ergibt sich also, daß die Geschichtsfälscher, die der UdSSR
„Unaufrichtigkeit“ vorwerfen, hier ihre eigene Schuld anderen in die
Schuhe zu schieben versuchen.
Es
kann keinen Zweifel darüber geben, daß den Geschichtsfälschern und
anderen Verleumdern die Dokumente bekannt sind. Wenn sie nun diese
Dokumente der öffentlichen Meinung vorenthalten und sich in ihrer
Verleumdungskampagne gegen die UdSSR über sie ausschweigen, so
geschieht das, weil sie die historische Wahrheit wie die Pest fürchten.
Was
die Differenzen über die Eröffnung der zweiten Front anbelangt, so
zeigten sich hier verschiedene Auffassungen hinsichtlich der Pflichten
von Verbündeten in ihren gegenseitigen Beziehungen. Das Sowjetvolk ist
der Meinung, daß man einem Verbündeten, wenn er in Not gerät, mit
allen verfügbaren Mitteln beistehen muß, daß man sich zu einem Verbündeten
nicht wie zu einem zeitweiligen Weggefährten verhalten darf, sondern
ihn als Freund behandeln, sich über seine Erfolge und sein Erstarken
freuen muß. Die Vertreter der Engländer und Amerikaner teilen diese
Meinung nicht, sondern halten eine solche Moral für eine Naivität. Sie
gehen davon aus, daß ein starker Verbündeter gefährlich ist, daß ein
Erstarken des Verbündeten nicht in ihrem Interesse liegt, daB es besser
ist, einen schwachen Verbündeten zu haben als einen starken, und daß
man, wenn er dennoch erstarkt, Maßnahmen ergreifen muß, um ihn zu schwächen.
Jedermann
weiß, daß die Engländer und die Amerikaner in dem
englisch-sowjetischen Kommunique bzw. in dem sowjetisch-amerikanischen
Kommunique vom Juni 1942 die Verpflichtung übernahmen, die zweite Front
in Europa noch im Jahre 1942 zu eröffnen. Dies war ein feierliches
Versprechen, wenn man will, ein Schwur, der pünktlich eingehalten
werden mußte, um den Truppen der Sowjetunion, die in der ersten Periode
des Krieges die ganze Last der Abwehr des deutschen Faschismus zu tragen
hatten, 1?rleichterung zu verschaffen. Bekannt ist aber auch, daß
dieses Versprechen weder 1942 noch auch 1943 eingelöst wurde, obgleich
die Sowjetregierung wiederholt erklärte, die Sowjetunion könne sich
mit einem Aufschub der zweiten Front nicht abfinden.
Die
Politik des Aufschubs der zweiten Front war keinesfalls zufälliger
Natur. Sie wurde genährt durch die Bestrebungen der reaktionären
Kreise Englands und der USA, die im Krieg mit Deutschland ihre eigenen
Ziele verfolgten, die mit den Befreiungsaufgaben des Kampfes gegen den
deutschen Faschismus nichts gemein hatten. Die völlige Zerschlagung des
deutschen Faschismus gehörte nicht zu ihren Plänen. Sie waren daran
interessiert, Deutschlands Macht zu untergraben, vor allem Deutschland
als einen gefährlichen Konkurrenten auf dem Weltmarkt auszuschalten,
wobei sie von ihren engherzigen, eigennützigen Zielen ausgingen. Es gehörte
dagegen durchaus nicht zu ihren Absichten, Deutschland und andere Länder
von der Herrschaft der reaktionären Kräfte zu befreien, die ständige
Träger der imperialistischen Aggression und des Faschismus sind, ebenso
wie durchgreifende demokratische Umgestaltungen nicht zu ihren Absichten
gehörten.
Gleichzeitig
spekulierten sie auf eine Schwächung der UdSSR, sie hofften darauf, daß
die UdSSR sich weißbluten, durch den zermürbenden Krieg für lange
Zeit ihre Bedeu tung als große und starke Macht einbüßen und nach dem
Kriege von den USA und Großbritannien abhängig werden würde.
Man
begreift, daß die Sowjetunion eine derartige Haltung zu einem Verbündeten
nicht als normal ansehen kann. Das gerade Gegenteil einer solchen
Politik ist die von der UdSSR in den Beziehungen zu ihren Verbündeten
befolgte Politik. Diese Politik zeichnet sich durch unverändert
uneigennützige, konsequente und ehrliche Erfüllung der übernommenen
Verpflichtungen und durch die Bereitschaft aus, dem Verbündeten stets
kameradschaftliche Hilfe zu erweisen. Die Sowjetunion hat im vergangenen
Krieg Beispiele einer solchen echten Alliiertenhaltung gegenüber
anderen Ländern, ihren Waffengefährten im Kampf gegen den gemeinsamen
Feind, geliefert.
Hier
ein Beweis.
Bekanntlich
unternahmen die Hitlertruppen Ende Dezember 1944 an der Westfront, im
Raume der Ardennen, eine Offensive, durchbrachen die Front und brachten
die englisch-amerikanischen Truppen schwer in die Klemme. Nach der
Behauptung der Alliierten wollten die Deutschen durch einen Schlag gegen
Lüttich die erste amerikanische Armee zerschlagen, bis Antwerpen vorstoßen,
die neunte amerikanische, die zweite britische und die erste kanadische
Armee abschneiden und den Alliierten ein zweites Dünkirchen bereiten,
um England zum Ausscheiden aus dem Krieg zu veranlassen.
In
diesem Zusammenhang richtete W. Churchill am 6. Januar 1945 an J. W.
Stalin ein Schreiben folgenden Inhalts:
„Die
Schlacht im Westen ist sehr schwer, und vom Oberkommando können
jederzeit weitreichende Entschlüsse verlangt werden. Sie selbst wissen
aus Ihrer eigenen Erfahrung, wie sehr besorgniserregend die Lage ist,
wenn man nach vorübergehendem Verlust der Initiative eine sehr breite
Front zu verteidigen hat. Für General Eisenhower ist es sehr erwünscht
und notwendig, in allgemeinen Zügen zu erfahren, was Sie zu tun
gedenken, weil sich das naturgemäß auf alle seine und unsere
wichtigsten Entscheidungen auswirken wird. Laut einer eingelaufenen
Meldung befand sich unser Emissär, Hauptmarschall der Luftstreitkräfte
Tedder, gestern abend, durch die Witterungsverhältnisse aufgehalten, in
Kairo. Seine Reise hat sich sehr verzögert, nicht durch Ihre Schuld.
Wenn er noch nicht bei Ihnen eingetroffen ist, so wäre ich Ihnen
dankbar, wenn Sie mir mitteilen könnten, ob wir im Januar auf eine große
russische Offensive an der Weichselfront oder an irgendeiner anderen
Stelle rechnen können, und ebenso beliebige andere Momente, die Sie möglicherweise
zu erwähnen wünschen. Ich werde diese streng vertrauliche Information
außer Feldmarschall Brooke und General Eisenhower niemand mitteilen,
und auch das nur unter Einhaltung strengster Diskretion. Ich betrachte
die Sache als dringend.“
Am
7. Januar 1945 ließ J. W. Stalin an W. Churchill folgende Antwort
ergehen:
„Am
7. Januar abends erhielt ich Ihr Schreiben vom 6. Januar 1945. Leider
ist der Herr Hauptmarschall der Luftstreitkräfte Tedder noch nicht in
Moskau eingetroffen.
Es
ist sehr wichtig, die Überlegenheit unserer Artillerie und Luftstreitkräfte
gegen die Deutschen auszunutzen. Nur ist hierfür klares Wetter für die
Luftstreitkräfte und das Ausbleiben von Bodennebeln erforderlich, die
das Zielfeuer der Artillerie stören. Wir bereiten eine Offensive vor,
aber das Wetter ist für unsere Offensive augenblicklich ungünstig. In
Anbetracht der Lage unserer Verbündeten an der Westfront hat das
Hauptquartier des Oberkommandos jedoch beschlossen, die Vorbereitungen
in forciertem Tempo zu beendigen und spätestens in der zweiten Januarhälfte
ohne Rücksicht auf das Wetter an der gesamten Zentralfront großangelegte
Offensivoperationen gegen die Deutschen zu beginnen. Sie brauchen nicht
daran zu zweifeln, daB wir alles tun werden, was nur getan werden kann,
um den wackeren Truppen unserer Verbündeten zu helfen.“
In
seinem Antwortbrief an J. W. Stalin schrieb W. Churchill am 9. Januar:
„Ich
bin Ihnen für Ihr ergreifendes Schreiben sehr verbunden. Ich habe es an
General Eisenhower ausschließlich zu seiner persönlichen Kenntnisnahme
wei-tergeleitet. Möge Ihr edles Beginnen von vollem Erfolg begleitet
sein!“
In
dem Wunsch, die Unterstützung der alliierten Truppen im Westen zu
beschleunigen, beschloß das Oberkommando der Sowjettruppen, den
Zeitpunkt der Offensive gegen die Deutschen an der sowjetisch-deutschen
Front vom 20. Januar auf den 12. Januar vorzuverlegen. Am 12. Januar
begann an der breiten Front von der Ostsee bis zu den Karpaten eine große
Offensive der Sowjettruppen. Es wurden 150 Sowjetdivisionen mit
gewaltigen Mengen Artil-lerie und Flugzeugen in Bewegung gesetzt, die
die deutsche Front durchbrachen und die deutschen Truppen um hun-derte
Kilometer zurückwarfen.
Am
12. Januar stellten die deutschen Truppen an der Westfront, darunter die
fünfte und sechste Panzerarmee, die zu einem neuen Vorstoß antreten
sollten, ihre Offensive ein; sie wurden im Laufe von 5-6 Tagen von der
Front zurückgenommen und nach dem Osten, gegen die angreifenden
Sowjettruppen, geworfen. Die Offensive der deutschen Truppen im Westen
war zum Scheitern gebracht.
Am
17. Januar 1945 schrieb W. Churchill an J. W. Stalin:
„Ich
bin Ihnen sehr verbunden für Ihr Schreiben und außerordentlich froh,
daß Luftmarschall Tedder auf Sie einen so günstigen Eindruck gemacht
hat.
Im
Namen der Regierung Seiner Majestät und aus tiefstem eigenen Herzen möchte
ich Ihnen unseren Dank und unsere Glückwünsche aussprechen anläßlich
der gigantischen Offensive, die Sie an der Ostfront begonnen haben.
Ihnen
ist . jetzt zweifellos bekannt, welche Pläne General Eisenhower
verfolgt und in welchem Maße ihre Verwirklichung durch die Störungsoffensive
Rundstedts aufgehalten wurde. Ich bin gewiß, daß die Kämpfe an
unserer ganzen Front ununterbrochen weitergehen werden. Die britische
21. Heeresgruppe unter dem Befehl Feldmarschall Montgomerys ist heute im
Raume südlich Roermond zum Angriff angetreten.“
In
dem an die Sowjettruppen gerichteten Befehl J. W. Staiins vom Februar
1945 heißt es über diese Offensive der Sowjettruppen:
„Im
Januar dieses Jahres hat die Rote Armee an der ganzen Front von der
Ostsee bis zu den Karpaten einen Schlag von beispielloser Kraft auf den
Feind niedersausen lassen. Sie brach in einer Ausdehnung von 1200
Kilometer das mächtige Verteidigungssystem der Deutschen auf, das diese
in einer Reihe von Jahren geschaffen hatten. Im Laufe der Offensive warf
die Rote Armee den Feind durch schnelle und geschickte Operationen weit
nach Westen zurück.
Die
Erfolge unserer Winteroffensive haben vor allem dazu geführt, daß sie
die Winteroffensive der Deutschen im Westen, die auf die Besetzung
Belgiens und des Elsaß abzielte, zum Scheitern brachten und es den
Armeen unserer Verbündeten ermöglichten, ihrerseits zur Offensive
gegen die Deutschen überzugehen und damit ihre Offensivoperationen im
Westen mit den Offensivoperationen der Roten Armee im Osten zu
vereinen.“
So
handelte J. W. Stalin.
So
handeln wahre Verbündete im gemeinsamen Kampf.
Das
sind die Tatsachen.
Natürlich
heißen die Geschichtsfälscher und Verleumder eben deshalb Fälscher
und Verleumder, weil sie vor den Tatsachen keinen Respekt haben. Sie
ziehen es vor, mit Klatsch und Verleumdungen zu tun zu haben. Es besteht
jedoch kein Grund, daran zu zweifeln, daß diese Herren schließlich
doch gezwungen sein werden, die allgemein bekannte Wahrheit einzusehen,
daß Klatschereien und Verleumdungen vergehen, Tatsachen aber bestehen
bleiben.
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