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Die
Geschichte der kommunistischen Bewegung in
Polen – als Beispiel für die Länder Osteuropas
Teil
2: Fehlentwicklungen und Stagnation
Von
Zbigniew Wiktor
Quelle:
Offen-siv Dezember
2006
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Władysław
Gomułka
1905
- 1982 |

Edward
Gierek
1913
- 2001 |
5.
Die weiteren Umgestaltungen in den 60er und 70er Jahren
Die
weitere Entwicklung Volkspolens lässt sich an der Realisierung der neuen
Fünf-Jahres-Pläne beobachten:
1956
– 1960: die Periode der mehr proportionalen Entwicklung sowie der nachträglichen
Erfüllung der noch nicht realisierten Aufgaben des Sechs-Jahres-Planes;
1961
– 1965: die weitere Industrialisierung des Landes;
1966
– 1970: eine eher selektive Entwicklung und die Suche nach neuen Triebkräften,
die im Zusammenhang mit der wissenschaftlich-technischen Revolution
gesucht wurden, Stichwort „moderne Wirtschaft“;
1971
– 1975: eine rapide Entwicklung durch fremde Kapitalien;
1976
– 1980: die Fortsetzung des vorherigen Fünf-Jahres-Plans und am Ende
die ersten Symptome des Niedergangs und die Vorboten des Zusammenbruchs.
Die
Entwicklungen während dieser Periode (25 Jahre) hatten innere und äußere
Bedingungen.
Die
Hauptaufgabe war zunächst die Bewältigung des großen und weiter
wachsenden Arbeitskräftereservoirs. Von 1955 bis 1965 wuchs die polnische
Bevölkerung um 4 Millionen, der Hauptzuwachs lag in den Städten (3,4
Millionen), die Landbevölkerung wuchs nur um 0,4 Millionen Menschen.
Das
Nationalprodukt wuchs um durchschnittlich 7 % jährlich, so z.B. in der
Periode von 1966 – 1970 um 34 %, die Industrieproduktion des
gesellschaftlichen Sektors wuchs im gleichen Zeitraum um 49 %. In den
Jahren von 1971 – 1980 wuchs die Industrieproduktion um 230 %, die
landwirtschaftliche Produktion um 60 %. Die Städte verzeichneten in
diesem Zeitraum einen Zuwachs der Bevölkerung um rund 4 Millionen
Menschen.
Die
innere Struktur der polnischen Bevölkerung, die Struktur der
Arbeiterklasse und der anderen Werktätigen wurde dadurch stark verändert.
Bis 1965 hatte sich die Zahl der Arbeiter im Vergleich mit dem Jahr 1939
verdoppelt. Der Zuwachs entstand vor allem in der Großindustrie. Hier sei
daran erinnert, dass im Vorkriegspolen nur rund 800.000 Arbeiter in
Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern beschäftigt waren, die Mehrheit
der polnischen Arbeiter also in Kleinbetrieben, als Handwerker und als
Landarbeiter lebte.
Nach
der revolutionären Umgestaltung wuchsen Bildung, Kultur und politisches
Bewusstsein der Arbeiterklasse, die Reste des Analphabetismus wurden
bereits Ende der 40er Jahre beseitigt. Alle Kinder gingen zur Schule, das
Schulwesen wurde über die Grundschulen, die Berufsschulen, die
technischen Schulen und die Schulen mit Abitur ausgebaut, es entstanden
viele Hochschulen und neue Universitäten. In den Jahren von 1970 – 1980
haben 6 Millionen junge Leute Arbeit in der nationalen Wirtschaft
gefunden, davon rund 2,5 Millionen durch neu geschaffene Arbeitsplätze in
der Industrie. Neue Industriezweige und neuartige Betriebe entstanden mit
einem hohen Anteil an technischer und Ingenieurskraft.
Damit
wurden große soziale Errungenschaften erreicht für die Menschen, die
Familien, die Frauen, die Kinder. Breiter Aufbau von Kinderkrippen,
Kindergärten, unterschiedliche Formen der Unterstützung für die
Familien, Erholungswesen, kostenloses Gesundheitssystem, Sportanlagen usw.
wurden realisiert. Die Frauen wurden besonders unterstützt.
In
den Jahren von 1970 – 1980 entstand eine breite Wohnungsbauwirtschaft.
Zum Vergleich: in den 50er Jahren wurden rund 60.000 bis 100.000 Wohnungen
jährlich gebaut, in den 70er Jahren waren es etwa 200.000 bis 270.000
Wohnungen jährlich.
Im
Resultat dieser rapiden und allseitigen Umgestaltung Polens hat das Land
die industrielle Produktion von 1938 20-fach überschritten und lag auf
Rang 10 der Rangfolge der industriellen Länder der Welt, obwohl es
territorial gemessen nur auf Rang 62 steht.
Diese
Entwicklung eröffnete neue Möglichkeiten in der für die Verbesserung
der materiellen Grundlagen der Gesellschaft und der sozialen
Errungenschaften der Werktätigen, insbesondere im Arbeitsrecht, beim
Wohnungsbau, bei der kostenlosen Ausbildung und im Wissenschaftssystem,
beim kostenlosen Gesundheitssystem, bei der breiten Subventionierung der
Medikamente durch den Staat sowie bei den Pensionen.
Alle
diese Veränderungen haben bei den Werktätigen zu einer hohen sozialen
Stabilität geführt, haben eine gute Zukunftsperspektive eröffnet. Die
Arbeiter der jüngeren polnischen Generation kannten weder
Arbeitslosigkeit noch andere Plagen des Kapitalismus, weder
Obdachlosigkeit noch Abhängigkeit und Unterdrückung durch so genannte
Arbeitgeber.
Die
noch lebendigen Erinnerungen der älteren Generation der Arbeiter an die
„bösen“ Seiten des Kapitalismus und die Warnungen vor der Gefahr
eines Wiederentstehens des Kapitalismus wurden abgetan oder
bagatellisiert. Die Leitung der PVAP, unter starkem Einfluss der KPdSU
stehend, vertrat die These, dass der „reale Sozialismus“ sicher,
unbesiegbar und damit ewig sei. Dementsprechend wurden nach 1956, verstärkt
aber nach 1970 auch die Klassenwidersprüche bagatellisiert.
Die
PVAP wuchs zahlenmäßig an. Nach der Vereinigung 1948 hatte sie rund 1,3
Millionen Mitglieder, davon 57 % Arbeiter, 14,3 % Bauern und 26,1 % Angehörige
der Intelligenz. Nach der Krise 1956 schrumpfte die Partei und nach der
Parteireinigung Ende 1959 zählte sie noch rund 1 Million Mitglieder. Ende
1968 war die Partei auf 2,1 Millionen Mitglieder angewachsen, bis Mitte
der 70-er Jahre gar auf über 3 Millionen. Dabei wuchs der Anteil der
mittleren Schichten an der Parteimitgliedschaft stark an, am Ende dieser
Periode lag der Prozentsatz der Arbeiter in der Parteimitgliedschaft nur
noch bei rund 40 %, gewiss ein Alarmsignal für die weitere Entwicklung
der PVAP.
Außenpolitisch
war Polen zu dieser Zeit ein stabiler Staat, hatte anerkannte Grenzen,
friedliche Beziehungen zu den Nachbarstaaten und eine feste Position in
der sozialistischen Gemeinschaft. Polen normalisierte die Beziehungen zu
den kapitalistischen Ländern, nahm mit Erfolg am UNO-Prozess teil und
unterstützte politisch, ökonomisch und moralisch die fortschrittlichen
Kräfte der Welt. Die Grundlage dieser Politik war das feste und stabile Bündnis
mit den sozialistischen Ländern, insbesondere mit der Sowjetunion, der
DDR, der CSSR sowie den anderen volksdemokratischen Länder Europas. Polen
distanzierte sich von der nach Osten gerichteten Eroberungs- und früheren
polnischen Ausbeuterklasse und erkannte das Selbstbestimmungsrecht der
Westukraine, Westweißrusslands sowie der Wilna-Gebiete an. Gleichzeitig
kehrte Volkspolen territorial in die altpolnischen Piastengebiete an Oder,
Lausitzer Neiße und Ostseeküste zurück. Diese neuen Gebiete verstärkten
die Wirtschaftskraft Polens erheblich und schufen die Möglichkeit, den
Landhunger der polnischen Bauern zu befriedigen. Polen öffnete sich zum
Baltikum, was neue Möglichkeiten der Seewirtschaft und des Außenhandels
eröffnete.
Innenpolitisch
wurde Polen nach dem Zweiten Weltkrieg ein weitgehend homogenes Land ohne
ethnische Unruhen oder Konflikte.
Die
Analyse der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung Polens
bis 1980 beweist, dass das strategische Ziel der führenden ideologischen
Kraft, der PVAP, richtig war und eine breite Unterstützung durch die
Arbeiterklasse und die sonstigen Werktätigen erfuhr. Wenn man diese Zeit
mit der Situation Polens vor dem Zweiten Weltkrieg vergleicht, sieht man
die klaren Fortschritte. Diese positive Bilanz wird noch klarer, wenn man
Volkspolen vergleicht mit dem Polen der neokapitalistischen Transformation
der letzten 17 Jahre seit 1989.
Aber
die Analyse Volkspolens beweist auch, dass seine Entwicklung nicht ohne
tiefe politische Krisen stattfand. Die erste erlebten wir schon 1956, als
die revisionistischen Kräfte in Polen mit Unterstützung der
Chruschtschow-Gruppe in der KPdSU das Rad der Geschichte zurückdrehen
wollten. Die zweite Krise entwickelte sich 1968/1970, als
antisozialistische Kräfte große Massendemonstrationen organisierten und
Proteste provozierten. Noch schlimmer kam es 1980/81, als durch Fehler der
PVAP-Leitung insbesondere während der zweiten Hälfte der 70er Jahre eine
große Unzufriedenheit entstand, die schnell von „Solidarnosc“ und
anderen konterrevolutionären Kräften ausgenutzt wurde. Gleichzeitig
hatte der Imperialismus zu der Zeit ein strategisches Übergewicht gegenüber
dem sozialistischen Lager entwickelt, die Kräfteverhältnisse verschoben
sich in Polen wie überall auf der Welt.
6.
Die Quellen und die Ursachen der Erosion und der Niederlage Volkspolens
Bei
der Analyse der historischen Entwicklung Volkspolens müssen wir den Blick
auch auf Fehler und Deformationen lenken, deren Folgen die Wiedergeburt
und der wachsende Einfluss kapitalistischer Verhältnisse in Polen waren.
Die
ersten Fehler wurden in der Periode von 1952/1953 gemacht. Man versuchte,
die Bedeutung der bürgerlichen Einflüsse in Polen dadurch zu verringern,
dass man die bürgerliche Opposition und die bewaffnete konterrevolutionäre
Widerstandsbewegung liquidierte und meinte, dass das Problem damit gelöst
sei und somit der Geschichte angehöre. Übersehen wurde, dass es sich bei
den bürgerlichen Einflüssen um ein gesellschaftliches Problem, um eine
in den gesellschaftlichen Verhältnissen der Übergangsperiode wurzelnde
und von ihnen hervorgebrachte Tendenz handelte und dass deshalb bürgerliche
Tendenzen auch nach der körperlichen Liquidierung des Widerstandes der
Bourgeoisie weiterhin Einfluss hatten auf die Gestaltung der
gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Hauptrolle im Kampf dagegen spielte
die politische Macht und die Verwaltung. So kam es zur Überschätzung der
Repression als Mittel zur Stabilisierung der sozialistischen Verhältnisse.
Dadurch entstanden Unzufriedenheit und leiser Widerstand in
unterschiedlichen Milieus, das verbreiterte die Basis für
antisozialistische Aktivitäten. Die damals durchgeführte
Repressionspolitik verlor teilweise die konkreten gesellschaftlichen Umstände
aus dem Blick und wirkte nicht selten willkürlich. Bei den Massen
entwickelten sich erste Tendenzen der Schwächung des Vertrauens in die
sozialistischen Machtorgane und der Entfremdung von ihnen.
Als
ein Beispiel aus dem Bereich der Ökonomie sei hier die schnelle und
massenhafte Vergesellschaftung der kleinen Industrie, der Handwerker und
des Handels genannt, die ohne Rücksicht auf die historische Situation, nämlich
ohne die Möglichkeit, diese Leistungen in ausreichendem Maße
gesellschaftlich zu garantieren, durchgeführt wurde. Die ökonomischen
Bedingungen waren für diese Maßnahmen noch nicht reif, so dass sie ökonomisch
und politisch Schaden anrichteten. Im Resultat rückte das polnische
Kleinbürgertum ins Lager der Großbourgeoisie, warf sich also in die Arme
der konterrevolutionären Kräfte, und weite Teile des Volkes waren
unzufrieden, weil die Versorgungssysteme nur noch unzureichend
funktionierten. Diese Schwierigkeiten führten dazu, dass die Überzeugung,
eine angemessene Versorgung sei nur auf der Grundlage des Privateigentums
zu garantieren, in der Gesellschaft anwuchs.
Ein
weiteres Beispiel waren die manchmal abenteuerlichen Versuche der
schnellen und abrupten Vergesellschaftung der Landwirtschaft. Natürlich
schuf die Kollektivierung der Landwirtschaft erst die Bedingungen für den
sozialistischen Aufbau. Sie wurde aber 1948 bei Fehlen der notwendigen
gesellschaftlichen Voraussetzungen, der industriellen Basis und der
materiellen Bedingungen, gegen den Widerstand der großen und
mittleren Bauern und der Katholischen Kirche bei gleichzeitig nur sehr
gering entwickeltem Selbstbewusstsein der neu entstehenden Arbeiterklasse
durchgeführt. Bei diesen schlechten Bedingungen musste dieser Versuch in
die Niederlage führen. 1955 waren zwar 9790 LPG’s entstanden, sie
erfassten aber nur 6 % der Bauernfamilien und 8 % der landwirtschaftlichen
Fläche Polens. Gleichzeitig wuchsen die Versorgungsschwierigkeiten. Diese
Situation kompromittierte die gesamte Idee der sozialistischen
Vergesellschaftung. So entstand die Idealisierung der privaten
Kleinwirtschaft.
Diese
Niederlage, die 1956 auch zu einem Kurswechsel der Partei führte, war der
entscheidende Faktor dafür, dass in Volkspolen später die kleinbürgerliche
Landwirtschaft die massenhafte Basis für die Wiedergeburt und die
Entwicklung bürgerlicher Einflüsse auf allen Seiten der
gesellschaftlichen Beziehungen wurde.
Diese
Beispiele sind Ausdruck einer kleinbürgerlich-radikalen Anschauung, die
einen tiefgreifenden Systemwandel durch formales und technokratisches
Vorgehen herbeiführen will, als könne man eine Revolution durch
Verwaltungsakte vollbringen. Hier zeigt sich die Tendenz zu einem
dogmatischen Opportunismus. Die Herausbildung dieses eigenartigen
revolutionären Idealismus, der in grundsätzlichem Widerspruch zum
materialistischen Wesen der Theorie der Arbeiterbewegung steht, ist nur zu
verstehen als Resultat besonderer Interessen eines Teils der
Leitungskader, für die der Sozialismus kein gesellschaftliches Ziel war,
sondern Vehikel zur Befriedigung egoistischer und partikularer Interessen.
Sie stellten die Realisierung dieser Privatinteressen und Lebensambitionen
über die Sache des Sozialismus und verfolgten sie auch auf Kosten der
Deformation des sozialistischen Systems. Besonders schädlich daran war,
dass diese Fehler sowohl in Hinblick auf die Theorie als auch im Hinblick
auf die Praxis einen bürgerlichen, weil individualistischen und partikulären
Charakter zeigen. Sie führten zur Kompromittierung des Sozialismus und
machten den Weg frei für die Verbreitung bürgerlicher Denkformen und
kleinbürgerlicher Verhältnisse.
Trotz
dieser Hypothek muss aber festgestellt werden, dass das größte Hemmnis für
den erfolgreichen Aufbau des Sozialismus die antisozialistische Offensiv
des Imperialismus seit Anfang der 50er Jahre war, die nicht nur den Kalten
Krieg mit einer neuen Welle der Militarisierung und militärischen Aufrüstung
anheizte, sondern auch zum offenen Krieg in Korea und später in Vietnam
überging.
Dadurch
wurde für den Sozialismus ein großes militärisches Aufrüstungsprogramm
notwendig. Das führte zu Einschränkungen beim Konsum. Der soziale
Lebensstandard der Werktätigen stagnierte, ja wurde zum Teil sogar
verschlechtert durch diesen äußeren Zwang. Leider führten diese Verhältnisse
zu weiterer Unzufriedenheit und zum Schwinden des Vertrauens der Werktätigen
in die PVAP.
Im
Kaderstamm zeigten sich erste bedenkliche Tendenzen des Opportunismus und
des Kapitulantentums. In der öffentlichen Diskussion wurden bürgerliche
Tendenzen gefördert, stark unterstützt von den antisozialistischen
Zentren, den bürgerlichen Klassenkräften und der Katholischen Kirche.
7.
Der Verzicht auf weitere sozialistische Umgestaltungen.
1956
entstand in Volkspolen eine neue politische Situation, die in den
Oktoberereignissen kumulierte. Nach dem Tod von Boleslaw Bierut im März
1956 und der kurzen Zwischenepoche mit Edward Ochab kam Wladyslaw Gomulka
mit den ihn unterstützenden Kräften der Partei wieder an die Macht. In
dieser Zeit wurde die Ebene der Verwaltungskräfte zur entscheidenden
Kraft, sie vergrößerte ihre ökonomischen und politischen Privilegien
und gewann neue hinzu und drängte die organisierte Kontrolle durch die
Werktätigen im Produktions- und Verteilungsprozess zurück.
Es
entbrannte ein harter Kampf zwischen diesen im Wesen probürgerlichen Kräften
und den revolutionären, aber schlecht organisierten Kräften, die Schritt
für Schritt aus den wirtschaftlichen, staatlichen und gesellschaftlichen
Entscheidungszentren hinausgedrängt wurden. Die opportunistischen und in
Wirklichkeit antisozialistischen Kräfte nutzten ihre Positionen in Staat
und Wirtschaft auch zu großen Provokationen (z.B. der Poznan-Aufstand im
Juni1956), um ihre Position zu festigen und die von ihnen als dogmatisch
und konservativ verunglimpften revolutionären Kräfte zu schwächen.
So
wurden diese Leute auf die Dauer zur uneingeschränkt führenden und
bestimmenden Macht, die ihre egoistischen und partiellen Ziele, ihre
individuellen Bedürfnisse und Interessen als das Sozialismusprogramm und
als die Bedürfnisse und Interessen der ganzen Gesellschaft ausgaben.
Unter
diesen Bedingungen wurden nach 1956 unter dem Etikett „Erneuerung“ und
„Demokratisierungsprozess“ und mit der Losung der Bewältigung der
„Fehler der Vergangenheit“ und des „Stalinismus“ nur der Prozess
der Festigung der Privilegien der Verwaltungsschicht betrieben, den
ideologischen Einflüssen der Bourgeoisie Tür und Tor geöffnet und der
revolutionäre Aufbau gehemmt. Das Wachstum der Produktion verlangsamte
sich, die Wirtschaft stagnierte, die Arbeitsproduktivität stieg nicht
mehr an und die landwirtschaftliche Produktion fiel hinter die Nachfrage
zurück.
Die
Probleme und Widersprüche beim Aufbau der Grundlagen des Sozialismus
zeigten sich nun in der Periode von 1956 bis 1970 sehr deutlich und die
veränderten Kräfteverhältnisse in Polen nach 1956 taten das Ihrige
dazu.
Alle
nicht aufgelösten sozialen Widersprüche verschärften sich, es kam zur
Verminderung des Lebensniveaus der Werktätigen und vor allem der
Arbeiterklasse. Weiter oben habe ich schon erwähnt, dass die neue (alte)
PVAP-Führung unter W. Gomulka Ende 1956 die landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften aufgelöst hatte. Auch andere sozialistische
Aufbauprojekte wurden behindert oder gestoppt, was zielstrebig zur
Entwicklung und Verstärkung der Elemente kapitalistischer Entwicklung im
vergesellschafteten Sektor der Wirtschaft und in allen Bereichen des
gesellschaftlichen Lebens führte.
Mit
entscheidend für den späteren Sieg der Konterrevolution war, dass W.
Gomulka zur Realisierung seiner Politik die Unterstützung der
Katholischen Kirche und insbesondere ihrer Hierarchie brauchte und sie zum
Preis breiter materieller Privilegien der Kirche und der Verankerung der
kirchlichen Positionen im öffentlichen Leben auch bekam.
Während
dieser Prozesse kam es zu Verbindungen der leitenden Gruppen der
Verwaltungsschicht mit den Zentren der internationalen Konterrevolution,
mit den oppositionellen Zentren im sozialistischen Lager und mit der
antisozialistischen Opposition im eigenen Lande. Die konterrevolutionären
Kräfte hatten ihre antisozialistischen Ziele nie aufgegeben und nutzten
nun die verbesserten Bedingungen für eine neue Offensive.
Nach
den Blutereignissen im Dezember 1970 in Gdansk und in anderen polnischen Küstenstädten
an der Ostsee zog die leitende Schicht ihre Unterstützung von W. Gomulka
ab, der in ihren Augen die prokapitalistischen Veränderungen nur
halbherzig und zu zögerlich zugelassen hatte und setzte auf die Gruppe um
Edward Gierek, der die Ziele und Interessen dieser Schicht von Anfang an
vertreten hat und sie nun drängte, die Zusammenarbeit mit den
sozialistischen Kräften weiter aufzuweichen und dafür die Zusammenarbeit
mit den kapitalistischen Ländern zu vertiefen und zu verfestigen.
Damit
wurde die weitere Entwicklung des Landes zu einem bedeutenden Teil auf
westliche Kredite aufgebaut. Das brachte nicht nur eine wirtschaftliche,
sondern auch eine staatspolitische und staatsfinanzielle Abhängigkeit vom
internationalen Finanzkapital mit sich, die sich auf alle Bereiche des
gesellschaftlichen Lebens auswirkte. Das zeigte sich u.a. in einer
voluntaristischen Investitionspolitik, im unverhältnismäßigen Import
von Produktionsmitteln und vor allem Konsumgütern, außerdem von
Futtermitteln für die Landwirtschaft, was zu einem Anwachsen der Schulden
und einem Verkümmern einiger Sparten der eigenen Produktion führte.
Das
Ergebnis war, dass der Lebensstandard, begründet auf ausländischen
Krediten, zunächst spektakulär anwuchs, es aber 1976 zum Zusammenbruch
dieser abenteuerlichen Wirtschaftspolitik kam. Die Kreditfinanzierung
hatte in die Sackgasse geführt und die Arbeiterklasse und die übrigen
Werktätigen mussten in der folgenden Periode hart für diese
voluntaristische Politik bezahlen.
Es
kam natürlich zur Schwächung der Planwirtschaft und zu einer Vergrößerung
der Spontaneität und Unplanbarkeit der Wirtschaftsprozesse, die
Arbeitsproduktivität in der eigenen Industrie und in der Bauwirtschaft
sank, die Schwierigkeiten der Energieproduktion vergrößerten sich, es
kam zu wachsenden Mängeln in der landwirtschaftlichen Produktion, die
Schere zwischen Angebot und Nachfrage vergrößerte sich, Spekulation und
Inflation entwickelten sich, die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten
nahm riesige Ausmaße an. Dazu verschärften sich die Disproportionen in
allen Wirtschaftsbereichen.
Offiziell
hielt man an der Deklaration der Planwirtschaft fest, tatsächlich aber
wurde sie zu einem System des „offenen Plans“ umgestaltet, was zu
einem Zurücktreten der Gesetze der sozialistischen Ökonomie führte.
Anfang
1980 war das Land mit ca. 20 Mrd. US-Dollar verschuldet.
Alles
dies führte zu einer Vergrößerung der Unzufriedenheit bei den Arbeitern
und den anderen Werktätigen, was sich in den Massenstreiks 1976 und vor
allem 1980 zeigte. Diese Proteste sind leider – wegen des Mangels einer
wirklich revolutionären Kraft in Polen – nicht in eine
prosozialistische, sondern in eine prokapitalistische Richtung gesteuert
worden.
Die
Politik Edward Giereks führte zu schnellerer und tieferer sozialer und ökonomischer
Differenzierung. Die privilegierten leitenden Schichten festigten ihre
Position, wurden, indem sie den sozialistischen Sektor der Wirtschaft zu
ihrem Hauptmacht- und Ausbeutungsinstrument machten, zum kollektiven
Ausbeuter der arbeitenden Mehrheit der Gesellschaft. Gleichzeitig wurde
der Einfluss der Werktätigen in den Volksvertretungen, den Gewerkschaften
und den Betrieben zurückgedrängt.
Die
leitende privilegierte Schicht entwickelte sich Schritt für Schritt zu
einer Parasitenschicht, die kein Interesse mehr an der Egalisierung der
gesellschaftlichen Verhältnisse, der Steigerung der Arbeitsproduktivität
und dem Ausbau des sozialistischen Sektors hatte. Diese Entwicklung war
die wichtigste Grundlage für die wachsende Kluft zwischen dieser Schicht
und der Mehrheit der Werktätigen. Und die weiteren wirtschaftlichen
„Reformen“ vergrößerten diese Kluft nur noch.
Alle
diese Prozesse der Entwicklung von kapitalistischen Verhältnissen im Schoß
des sozialistischen Sektors unterstützten die Entwicklung und die Aktivitäten
der antisozialistischen Kräfte, was sich auch in den verstärkten Aktivitäten
der Katholischen Kirche zeigte. In den 70er Jahren entstanden Tausende
neue und prächtige Kirchen und Kapellen sowie andere Kirchenobjekte –
auch in den aktuellen Neubauprojekten. Im Oktober 1978 wurde Kardinal
Karol Wojtyla aus Krakau als Papst gewählt, was das Gewicht der
Katholischen Kirche in Polen radikal vergrößerte und es ihr möglich
machte, in die offene Konfrontation mit dem (noch) sozialistischen Staat
zu gehen.
Das
alles begünstigte natürlich die weitere Ausbreitung der (klein-)bürgerlichen
Ideologie. Die oberste Parteileitung ignorierte die Gefahren, die von der
antisozialistischen Opposition ausgingen. Teile der Parteileitung
arbeiteten eng mit der parasitären leitenden Schicht zusammen bzw. waren
mit ihr identisch, dies gesamte Milieu hatte enge Verbindungen zu den
politischen Zentren des internationalen Kapitals. Die Repräsentanten
dieser Politik verhielten sich zunehmend nationalistisch, antisowjetisch
und antisozialistisch.
Die
Folgen dieser Politik lasteten schwer auf den Schultern der Werktätigen.
Ende der 70er Jahre war die Situation krisenhaft zugespitzt und die
leitende Schicht unternahm nichts mehr zur Verteidigung der
sozialistischen Verhältnisse, stattdessen bemühten sich leitende Repräsentanten
dieser Gruppe um direkte Kooperation mit dem antisozialistischen Lager.
Sie wollten den Sozialismus nicht mehr verteidigen, weil sie ihn
inzwischen schon nicht mehr als eigenständiges und schon gar nicht mehr
als ihr System betrachteten.
So
waren Ende der 70er Jahre Bedingungen entstanden, die den offenen Versuch
der Liquidierung der Grundlagen des Sozialismus, wie sie in Polen nach dem
Zweiten Weltkrieg geschaffen worden waren, möglich machte.
Diese
Entwicklung wurde sehr begünstigt durch die Verschiebung der weltweiten
Kräfteverhältnisse zwischen Sozialismus und Kapitalismus. In den USA und
in Großbritannien waren die Kräfte des Neoliberalismus und des
Neokonservatismus an die Macht gelangt und drängten zur offenen
Konfrontation mit der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern.
Damit
hatte die letzte Etappe des Kampfes um den Sozialismus nicht nur in Polen,
sondern auch in der Sowjetunion und den anderen osteuropäischen Ländern
angefangen.
Zbigniew
Wiktor,
Wroclaw, Polen
(Der
Artikel wird im nächsten Heft fortgesetzt; dann: „Verdeckte und offene
Konterrevolution, Wiederherstellen der bürgerlichen Ordnung, Resümee“.
Red. Offensiv) |