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Wer
Hindenburg wählt ...
Vor
75 Jahren: Eine Reichspräsidentenwahl und ihre Folgen
Von
Kurt Pätzold
Quelle:
jungeWelt vom
07.04.2007
Am
Abend des 10. April 1932 waren die Stimmen ausgezählt, die im Deutschen
Reich im zweiten Wahlgang zur Bestimmung des Reichspräsidenten abgegeben
worden waren. Gesiegt hatte Paul von Hindenburg (1847–1934), der von
Deutschnationalen kultisch verehrte »greise Feldmarschall« des Kaisers,
der »Held von Tannenberg«, dem Ort in Ostpreußen, wohin aus
propagandistischem Grund eine Schlacht verlegt worden war, die in dessen Nähe
1914 gegen die vorgedrungene Zarenarmee geschlagen wurde. Hindenburg hatte
das Amt bereits sieben Jahre inne, das war die Zeitdauer für die nach
Artikel 43 der Reichsverfassung der Reichspräsident gewählt wurde,
dessen Wiederwahl zulässig war. 1925 hatte der Amtsinhaber die Nachfolge
des 1924 verstorbenen Sozialdemokraten Friedrich Ebert angetreten. Erst im
zweiten Wahlgang war er als Sammelkandidat der bürgerlichen Rechten
aufgestellt worden und hatte sich gegen Wilhelm Marx, einen Politiker der
katholischen Zentrumspartei, mit knappem Vorsprung von etwa 900.000
Stimmen durchsetzen können.
Diesmal
war das rechte Lager tief gespalten. Hitler, der »Nationalsozialist«,
war nach einigem Zögern gegen Hindenburg auf den Plan getreten. Eine
Stichwahl machte sich notwendig, in der nicht mehr die absolute, sondern
eine einfache Mehrheit entschied. Für Hindenburg hatten 19,3, für Hitler
13,4 Millionen Deutsche gestimmt. Dieses Ergebnis bedeutete für den
Faschistenführer keine Niederlage. Millionen Wähler bestätigten das
Anwachsen seiner Anhängerschaft. Das gab der NSDAP erneut Auftrieb und
ließ die Marschierer der SA fest an ihren Sieg glauben. Der Wahlkampf war
mit bis dahin ungekanntem finanziellen und technischen Aufwand geführt
worden. Hitler benutzte ein Flugzeug, um im Verlauf eines Tages an zwei
oder drei Orten reden zu können. Die Parole hieß »Hitler über
Deutschland«. Ein Retter, ja ein Erlöser erschien.
Das
»kleinere Übel«
Hindenburgs
Erfolg war diesmal mit Hilfe der Sozialdemokratie erreicht worden. Das
verlangte von dem Herzensmonarchisten so etwas wie das Schlucken einer Kröte.
Die war nicht weniger groß und würgend für das sozialdemokratische
Wahlvolk, das der Führung weiter gefolgt war. Die Aktivisten wurden mit
der Parole in den Wahlkampf geschickt »Du mußt es jedem Wähler sagen: Für
Hindenburg heißt Hitler schlagen«. Der Marschall wurde zum Garanten der
Republik erklärt. Das Trugbild sollte sich für jedermann erledigt haben,
bevor ein Jahr verging.
Daß
die Orientierung des Frühjahrs 1932 für die SPD nicht zur folgenschweren
Zerreißprobe wurde, lag in ihrer Vorgeschichte begründet, die 1930 mit
der Tolerierung des Brüning-Kabinetts begonnen hatte. Die Mitgliedschaft
war bereits an die Politik des »kleineren Übels« gewöhnt und der
politischen und wirtschaftlichen Kämpfe weitgehend entwöhnt, gleichsam
demobilisiert worden. Kurzfristige Rechnungen über wirkliche oder
vermutete Vor- oder Nachteile dieses oder jenes taktischen Schrittes
ersetzten eine Strategie der Abwehrkämpfe gegen die großbürgerliche
Offensive auf die Lebensgrundlagen der Werktätigen.
Die
Entscheidung des SPD-Vorstands für Hindenburg zeitigte als negativste
aller Folgen, daß in einem Moment, da die faschistische Gefahr sich
drohend erhob, jene Kräfte sich weiter entfremdeten, die allein ihr im außerparlamentarischen
Kampf mit Erfolg entgegenwirken konnten. Die Kommunisten traten der
Hindenburg-Front mit der Losung entgegen, die von allen, die sie in den
Jahren seit 1919 ausgab, die denkwürdigste blieb: »Wer Hindenburg wählt,
wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt Krieg.« Keine andere Voraussage
bewahrheitete sich so furchtbar wie diese.
Die
Position der beiden großen Arbeiterparteien ließ für Wochen zu den
zwischen ihnen ohnehin existierenden Trenn- und Kampflinien eine weitere
entstehen, an der sie einander unversöhnlich gegenüberstanden. Das wurde
der Hauptgewinn, den die herrschenden Kreise allesamt aus der
Konstellation des Wahlkampfes zogen. Die Kommunistische Partei hatte, da
sie sich doch vom Feld der Wahlschlacht nicht kampflos zurückziehen
konnte, als Kandidaten ihren Vorsitzenden aufgestellt, wohl wissend, daß
das eine Zählkandidatur war, die vor allem zur Mobilisierung ihrer Anhänger
diente. Für Thälmann hatten im ersten Wahlgang nahezu fünf Millionen
gestimmt. Das bedeutete einen Gewinn, verglichen mit der Reichstagswahl
1930, als die Partei 4,6 Millionen Wähler rekrutiert hatte. Im zweiten
schrumpfte diese Wählerschar auf 3,7 Millionen zusammen, was die
Instabilität des Anhangs bezeugte. Nur wenige außerhalb der KPD und
ihres traditionellen Anhangs hatten sich wie Carl von Ossietzky gesagt: »Linkspolitik
heißt, die Kraft dort einsetzen, wo ein Mann der Linken im Kampf steht.
Thälmann ist der einzige, alles andere ist mehr oder weniger nuancierte
Reaktion. Das erleichtert die Wahl.«
Eine
denkbare Alternative?
Der
Blick auf die folgenschwere Wahl des Frühjahrs 1932 läßt fragen, worin
angesichts des Kräfteverhältnisses eine Alternative gelegen haben könnte.
Hätte sich die Führung der Sozialdemokratie zur Aufstellung eines
eigenen Kandidaten entschlossen, wären die Kommunisten im zweiten
Wahlgang kaum umhin gekommen, für ihn einzutreten. Das konnte eine
Konstellation hervorbringen, die Anziehungskraft auf außerproletarische
Schichten auszuüben vermochte, vielleicht einen Sog entstehen ließ. Ob
der ausgereicht haben würde, die Gegnerschaft oder einen
Einheitskandidaten der Rechten aus dem Felde zu schlagen, läßt sich
nicht sagen und mit Gründen auch bezweifeln. Doch wichtiger: Es konnte
sich aus solchem Zusammengehen eine gemeinsame antifaschistische
Frontstellung ergeben, und die wäre von Vorteil geworden, selbst wenn im
April der Sieger Hitler geheißen hätte. Denn in einem Moment, da die ökonomische
Krise ihren Tiefpunkt noch nicht erreicht, der Einigungsprozeß großbürgerlicher
Kräfte um die Faschistenführer noch nicht weit vorangeschritten war, wäre
die Startsituation für die Etablierung der Diktatur erheblich schlechter
gewesen als ein dreiviertel Jahr später. In den folgenden Monaten
verbesserten sich hingegen die Bedingungen zugunsten der Akteure eines
Staatsstreichs. Vor allem verschlechterten sich die Beziehungen zwischen
den Arbeiterparteien, die in einer Kette weiterer Wahlkämpfe zu Landtagen
und für den Reichstag wiederum gegeneinander standen und auf weitere
Provokationen – den Preußenschlag Papens im Juli – keine gemeinsame
Antwort fanden.
Die
Erörterung ungeschehener Geschichte, die gedankliche Entfaltung von Möglichkeiten,
die Wirklichkeit nicht wurden, gehört zu den ungeliebten Themen des
Historikers. Doch wie jeder andere, der über geschichtliche Abläufe
nachdenkt, fragen sich »Leute von der Zunft« auch »Was wäre wenn?«
Zumeist zieht sich der Fachmann alsbald auf festen Boden und die
Feststellung zurück: Als und weil Menschen sich so oder so verhalten
haben, sind diese oder jene Folgen eingetreten. Für 1932 gilt: Als sich
die Politik einer Arbeiterpartei (das war die Sozialdemokratie damals
noch) auf das Erreichen taktischer Vorteile reduzierte, sich zum bloßen
Anhängsel bürgerlicher Projekte machte und ihr großes Ziel
gesellschaftlicher Veränderung preisgab, fiel die Initiative den
Strategen der Gegenseite zu und– sie wurden geschichtsmächtig.
Quellentext
u »... ein verfassungstreuer Reichspräsident«
„Wir
mögen an Herrn von Hindenburg auszusetzen haben, was wir wollen – ein
Reichspräsident des Faschismus, ein Reichspräsident des
nationalsozialistischen Verfassungsbruchs und Blutregiments wird der Mann,
den wir seit sieben Jahren als Reichspräsident kennengelernt haben,
niemals sein. Seine Treue zu Brüning (Heinrich Brüning, Reichskanzler
1930/32, d. Red.) muß dafür letzter Beweis sein. Bei der Reichspräsidentenwahl
ist für die Sozialdemokratie die Taktik vollkommen eindeutig
vorgeschrieben: Sie hat alles zu tun, um die Wahl eines Nazireichspräsidenten
zu verhindern, eine Wahl, die für Deutschland ebenso wie für seine
Arbeiterklasse den Untergang bedeutete, und alles daranzusetzen, daß in
der Wilhelmstraße ein verfassungstreuer Reichspräsident amtet. Das ist
das Ziel, und alles andere ist Nebensache.“
aus
dem Artikel »Eiserne Front« des sozialdemokratischen
Reichstagsabgeordneten Ernst Heilmann, veröffentlicht in: Das Freie Wort,
Heft 6 (1932). Heilmann wurde am 3.4.1940 von den Nazis im KZ Buchenwald
ermordet |