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Kämpfer
gegen Unrecht
Am
24. Oktober 1944 wurde der Athlet und Kommunist Werner
Seelenbinder im Zuchthaus Brandenburg ermordet. 2009 versagte
das Bezirksamt Berlin-Neukölln eine Ehrung
Von
Klaus Huhn
jungeWelt
vom 27.10.2009 – * Der Freundeskreis der Sportsenioren
des Deutschen Turn- und Sportbundes, die Arbeitsgruppe Sport der
Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung (GRH) und
des Vereines Sport und Gesellschaft hatten für den 24. Oktober in den
Werner-Seelenbinder-Sportpark in Berlin-Neukölln eingeladen, um an den
65. Jahrestag der Ermordung Werner Seelenbinders durch die Nazis zu
erinnern. Die zunächst angekündigte Bezirksstadträtin Gabriele
Vonnekold (Grüne) hatte abgesagt (siehe jW vom 23. Oktober). Wir
dokumentieren die Rede, die Dr. Klaus Huhn vor den etwa 150 Teilnehmern
der Veranstaltung hielt.
Warum
wir uns heute hier treffen, weiß jeder, der gekommen ist. Vor 65 Jahren
ist Werner Seelenbinder in Brandenburg hingerichtet worden, wir gedenken
seiner.
Der
berühmte dänische Dichter Martin Andersen-Nexö schrieb einmal: »Die
wahren Helden der Geschichte sind nicht die großen Eroberer gewesen,
sondern jene, die den Kampf gegen das Unrecht führten.« Das gilt auch
für Werner Seelenbinder. Ein deutscher Dichter, Stephan Hermlin,
hinterließ uns ein literarisches Porträt, das uns auch heute hilft,
sich seiner zu erinnern. »Werner Seelenbinders, des Ringers Leben hätte
von Anfang an ganz anders verlaufen können. Ein starker, gutmütiger
Junge, aus der Arbeiterschaft kommend, mühsam aufwachsend in Nachkrieg
und Inflation, mit einem ausgeprägten Interesse für den Sport, mit
vierzehn Jahren aktiv in einem kleinen Klub: Neuköllner Athletikklub
Eiche. ... Seelenbinder hätte in irgendeinem Vorstadtklub eine Größe
werden können, um später vielleicht, allmählich im Alkohol
verkommend, auf Jahrmärkten zu ringen. Oder er hätte auch, Entdeckung
eines geschickten Managers, seine Freunde vergessen können, um für
einige Zeit ein Star im bürgerlichen Sportbetrieb zu werden, ein
professionelles Fleisch- und Muskelbündel, ein Nursportler, ein Ringer
und sonst nichts, ein stumpfer, wulstnackiger Gladiator.
Schwerste
Niederlage
Die
ihn aus der Wirklichkeit oder von Bildern kennen, sehen einen jungen
Athleten vor sich. Über dem mächtigen Brustkasten, den riesigen
Schultern, erhebt sich auf einem starken Hals – (den haben sie ihm mit
dem Beil durchschlagen, denkt man erschauernd) – ein gutgebildeter
hochstirniger Kopf mit ebenmäßigen Zügen unter dunkelgelocktem Haar.
Die großen Augen leuchten freundlich, lebendig. Das war der Deutsche
Halbschwergewichtsmeister im Ringen, Werner Seelenbinder (…) Er war
Page im Café Imperator. Die kokette Uniform, die er zu tragen hatte,
damit er den Herren und Damen von der Börse ein wohlgefälliger Anblick
sei, war ein Teil der Welt des Scheins, an der sich Werners Blick nicht
trübte, sondern nur schärfte (…) Die Wahrheit war bei den Leuten
seinesgleichen zu Hause, in den Gewerkschaftsversammlungen, in den Büchern
mit den Namen Marx und Lenin auf dem Einband, in denen er sich bald gut
auskannte, auch bei seinen Kameraden im Sportverein, die mit ihm
trainierten und über Armzug, Hammerlock und Doppelnelson sprachen (…)
Werner Seelenbinder war kein Visionär, aber er sah ganze Armeen von
Sportlern ins Massengrab ziehen. Die Kulisse der Berliner Olympiade
wurde vor dem täglichen Mord in den Konzentrationslagern, der
Rassenhetze und einer Armada von Panzern und Bombern aufgerichtet. Als
Werner Seelenbinder in die deutsche Olympiamannschaft eingereiht wurde,
erklärte er seinen besten Freunden seinen Plan: Er müsse unter allen
Umständen siegen; dann, bei der Siegerehrung, vor dem Mikrophon
stehend, würde er der ganzen Welt die Wahrheit über das Hitlerregime
ins Gesicht schreien. Er war nicht unter den Siegern. Er konnte in
seiner Klasse nur den vierten Platz besetzen. Man sagt, daß Werner
Seelenbinder, der, gerade weil er ein guter Sportsmann war, auch lächelnd
verlieren konnte, später geweint und von seiner schwersten Niederlage
gesprochen habe (...) Auf ganz selbstverständliche Weise hatte Werner
Seelenbinder sein Leben lang seine Liebe zu den Menschen und ihrer
Zukunft mit der Liebe zu seinem Sport verbunden, bis er im Februar 1942
verhaftet wurde. Fast zwei Jahre lang hat er, ein starker, blühender
Mensch, der niemals jemandem ein Leid zugefügt, sondern immer den
Schwachen und Getretenen geholfen hatte, Furchtbares erduldet. Bis
zuletzt zeigte er die rührende, einfache Anhänglichkeit, die er seinen
Freunden und seiner Familie entgegenbrachte.
Seiner
darf gedacht werden mit den Worten des Pindar für den Ringkämpfer
Epharmostos: ›Welcher Schrei erbrauste laut, als aus dem Ring er
schritt!/In reifer Blüte stand er da und schön./Das Schönste aber war
die Tat.‹«
In
der BRD ignoriert
Als
man vor drei Jahren im Olympiastadion den Olympischen Spielen 1936 eine
Erinnerungsausstellung widmete, las man in dem Begleitbuch die
erstaunliche Version: »Die meisten deutschen Aktiven von 1936 hatten
dem nationalsozialistischen System zugestimmt, blieben aber als
vermeintlich unpolitische Idole auch später populär. Die Neubewertung
der Spiele in der Sportgeschichte fand erst in jüngster Zeit Beachtung
in der Öffentlichkeit. Symbolfiguren von Olympia 1936 wurden Rudolf
Harbig in der Bundesrepublik und Werner Seelenbinder in der DDR.« Diese
Wertung konnte nicht unwidersprochen bleiben. Zwar trifft es zu, daß
die DDR Seelenbinder gebührend ehrte, aber gefragt werden müßte
danach, warum er in der BRD ignoriert wurde? Etwa, weil dort der letzte
faschistische Reichssportführer Ritter von Halt wieder Präsident des
Nationalen Olympischen Komitees geworden war?
Ich
stand im Sommer 1945 hier an dieser Stelle, als die Urne mit der Asche
Seelenbinders feierlich beigesetzt wurde. Ich schrieb damals in einer
Zeitung: »Am 30. Juli 1945, also keine drei Monate nach Ende des
Krieges, wurde im Sportstadion Neukölln vor überfüllten Rängen das
erste Nachkriegssportfest veranstaltet. Der Magistrat hatte entschieden,
den Tag mit einer Demonstration des Antifaschismus zu krönen. Von den
Nazis verfolgte Sportler trugen die Urne Werner Seelenbinders zu einer
Grube am Stadioneingang unter einem alten Baum, um sie hier zur letzten
Ruhe zu betten. Als man die Urne hinabtat, wurde verkündet, daß demnächst
hier ein Denkmal errichtet würde. In der gleichen Stunde wurde das
Stadion in ›Werner-Seelenbinder-Kampfbahn‹ umbenannt, und die
Tausende feierten den Augenblick.« Soweit das Zitat.
Man
erinnert sich: Schon bald flammte der Kalte Krieg auf, und Werner
Seelenbinder wurde in Berlin eines seiner ersten Opfer. Man zog Gitter
um sein Grab, ähnlich denen, hinter denen er Jahre im Zuchthaus
Brandenburg verbracht hatte. Und niemand dachte mehr an ein Denkmal. Das
Stadion bekam wieder seinen alten Namen.
Jetzt
werden tagein tagaus Vorwürfe gegen die DDR erhoben. Was ihr niemand
vorzuwerfen wagt, war ihre Achtung vor Seelenbinder. 1990 tilgte die
Antifaschisten-Löschungswalze in den neuen Bundesländern zwar in
vielen Orten den Namen Seelenbinder, wodurch er zum dritten Mal Opfer
des Antikommunismus wurde, doch war sein Name so oft verliehen worden,
daß man ihn gar nicht überall verschwinden lassen konnte. Stellen wir
deshalb in dieser Stunde fest, daß die Fußballelf des Brandenburger SC
Süd noch heute auf einem Werner-Seelenbinder-Sportplatz spielt, daß in
Aue noch auf einem Seelenbindersportplatz gekickt wird, und sowohl in Fürstenwalde
wie in Erfurt, Chemnitz, Schöneiche, Jena und Potsdam führen die
Stadtpläne noch Werner-Seelenbinder-Straßen. Und vor allem anderen
soll hervorgehoben werden, daß auch dieses Stadion hier wieder seinen
Namen trägt, und als man sich in der Bundesrepublik entschloß, eine
sogenannte Halle des Sportruhms zu gründen, wagte niemand zu zaudern,
Werner Seelenbinder dort einen Platz einzuräumen.
Willy
Brandt erbost
Warum
wir uns heute hier trafen, weiß jeder, der gekommen ist! Die Nachricht,
daß das Neuköllner Bezirksamt vor vier Tagen einstimmig beschloß,
diese Trauerfeier zu boykottieren, überraschte viele, aber die Überraschung
hielt sich in Grenzen. Die Bezirksstadträtin Gabriele Vonnekold muß
wissen, wie sie es vor ihrem Gewissen verantwortet, eine
Seelenbinder-Ehrung 65 Jahre nach dem Mord an ihm aus politischen Gründen
zu ignorieren. Werner Seelenbinder hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß
er Kommunist war. Reicht das heute schon wieder, um ihm ein Gedenken zu
verweigern? Ich werde Frau Vonnekold meine Rede schicken, werde sie
daran erinnern, daß Willy Brandt in den sechziger Jahren erbost darüber
war, daß man das Grab hier abgesperrt hatte, daß er den Zaun runterrücken
ließ, daß NOK-Präsident Willi Daume mich 1986 fragte, welche Stätten
er mit den Teilnehmern von 1936 besuchen sollte und den Bus als erstes
an dieses Grab fahren ließ, von dem er bis dahin selbst nichts gewußt
hatte.
Wir
sind es Werner Seelenbinder schuldig, uns heute und hier nicht nur an
seinem Grab zu versammeln, sondern auch zu versichern, daß wir seinen
Ruf und seine Ehre auch in Zukunft nicht schänden lassen werden!
Grab
von Werner Seelenbinder im Werner-Seelenbinder-Sportpark
Berlin-Neukölln |
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