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Guillotiniert
in Wien
Von österreichischen WiderstandskämpferInnen
und Opfern des NS-Terrors
Quelle: Kommunistische
Initiative Österreich vom 03.10.2011
Auf
Kommunisten-online am 4. Oktober 2ß11
Soeben
erschien die verbesserte u. umfangreich erweiterte 3. Auflage des Buches
"Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer" v. Willi
Weinert.
Auf
nun 352 Seiten finden sich über 650 Biografien der zum Tode
verurteilten und im Wiener Landesgericht hingerichteten WiderstandskämpferInnen.
Mit 715 Fotos und 50 Abbildungen und in Verbindung mit den zahlreichen
in Archiven aufgefundenen und durch Privatpersonen zugänglich gemachten
neuen Porträtfotos wird diesen später geköpften Frauen und Männern
wieder ein Gesicht gegeben.
Das
Buch stellt das bislang umfangreichste biografische Nachschlagewerk zu
österreichischen WiderstandskämpferInnen dar, das etwa dreiviertel
aller durch den NS-Volksgerichtshof in einem Hochverratsprozess zum Tode
verurteilten Personen erfasst.
Wir
bringen eine Leseprobe aus der Einleitung des Buches:
Einleitung
Im
März 1938 wurde Österreich von Nazideutschland annektiert. Schon in
den frühen Morgenstunden des 12. März kamen zahlreiche Vertreter des
RSHA mit Himmler an der Spitze nach Österreich um hier den
Terrorapparat zu installieren. Zum Sitz machte man das ehemalige Hotel
Metropol, das sehr zentral am Donaukanal lag, der am Rande des 1.
Bezirks durch die Stadt fließt.
Zum Aufbau des Terrorapparates gehörte auch die Installierung einer
Hinrichtungsstätte im Wiener Landesgericht, wo ab Dezember 1938 die
ersten Todesurteile wegen krimineller Delikte vollzogen wurden.
Ende Juni 1942 fanden hier die ersten Hinrichtungen gegen Politische
statt. Bis März 1945 wurden hier zwischen 600-700 Menschen wegen ihrer
politischen Überzeugung und ihres Widerstandes gegen das NS-Regime
hingerichtet. Mit wenigen Ausnahmen wurden sie, nachdem ihre Leichen vom
Anatomischen Institut der Universität Wien verwertet worden waren,
heimlich und anonym am Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 40) verscharrt.
Das vorliegende Buch möchte daran erinnern, dass, wie der in Berlin-Plötzensee
geköpfte Julius Fuik aus dem Gefängnis schrieb, es Menschen waren, die
ihren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehsucht und ihre Hoffnungen hatten, und
das deshalb der Schmerz auch des Letzten unter ihnen nicht kleiner war
als der Schmerz des Ersten, dessen Namen erhalten bleibt. Ich möchte,
dass sie alle euch immer nahe bleiben, wie Bekannte, die Verwandte, wie
ihr selbst.
Mit etwa 650 Biografien, von denen viele durch Porträtaufnahmen
illustriert werden konnten, gleicht das Buch einem Lexikon zu einem Großteil
der durch die NS-Justiz zum Tode verurteilten und hingerichteten ÖsterreicherInnen.
Die
Gruppe 40 Größte Gedenkstätte
österreichischer WiderstandskämpferInnen
Steht
man auf dem Areal jenes Teils des Ehrenhains der Gruppe 40 am Wiener
Zentralfriedhof, wo die im Wiener Landesgericht I (LG I) zwischen 1942
und 1945 auf dem Schafott hingerichteten, politischen oder
weltanschaulich verfolgten ÖsterreicherInnen geheim vergraben wurden,
sieht man sich vielen kleinen Gedenksteinen gegenüber, die in acht
Doppelreihen unregelmäßig angeordnet sind.
Die
meisten von ihnen wurden nach der Sanierung der Gruppe 40 (etwa Mitte
der 1960er-Jahre) einheitlich aus Kunststeinen hergestellt, in deren
polierten Vorderfronten meist ein, manchmal auch zwei oder drei Namen
eingemeißelt sind. Einige dieser Kunststeine ersetzten die nach 1945
von den Angehörigen und Freunden aufgestellten provisorischen
Holzkreuze, oder die auf einem Metallgestell montierten Steinplatten,
von denen wenige bis heute erhalten sind.
Manche
Ergänzungstexte auf Grabsteinen sprechen an, was aus der Sicht der
Hinterbliebenen das Leben und Sterben der hier beerdigten Menschen
charakterisierte, die von einem Terrorregime verfolgt und enthauptet
wurden:
Für
die Freiheit Österreichs gestorben Dein
Leben war Kampf, Dein Tod für uns Verpflichtung (Johann Dragosits);
Du
starbst, damit Österreich lebt (Hedy Urach, Mtgl. d. ZK d. KPÖ);
Opfer
für Österreichs Freiheit (Josef Lengauer);
Er
starb für Österreich Mögen
die Menschen sein Opfer verstehen (Friedrich Hedrich);
Hingerichtet
als Kämpfer für ein freies Österreich (Leopold Harwarth);
Wenn
das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, bringt es viele Früchte
(H. G. Heintschel-Heinegg);
Auf
dem Weg in den Tod
Die
ab Mitte der 1930er-Jahre steigenden Hinrichtungszahlen in
Nazideutschland führten dazu, dass nicht nur die Anzahl der
Hinrichtungsstätten wuchs, sondern man auch bemüht war, die Effizienz
des Hinrichtungsvorganges zu steigern. Zogen früher die Scharfrichter
noch mit ihrem Handbeil im Koffer zu den zum Tode verurteilten, um diese
am Ort der Inhaftierung zu köpfen, machten die steigenden Zahlen es
notwendig, mit fix installierten Geräten zu garantieren, dass
komplikationslos Mehrfachhinrichtungen durchgeführt werden konnten. Das
erbrachte nach einigen
Versuchen und technischen Verbesserungen nur
die Guillotine, die in Deutschland als Fallbeilgerät, kurz F-Gerät,
firmierte. Mit ihr konnte ein Team aus einem Scharfrichter und drei
Gesellen im Zwei-Minutentakt Hinrichtungen vollziehen.
Bis
1944 gab es in Nazideutschland (einschließlich Ostpreußens und der
besetzten Tschechoslowakei) elf Hinrichtungsbezirke mit 17
Hinrichtungsstätten, zwei in Österreich: Wien und seit dem Spätsommer
1943 Graz. Das F-Gerät für Wien wurde im Zuchthaus Berlin-Tegel
hergestellt und war ab 23. November 1938 einsatzbereit.
Nachdem
im Prozess das Todesurteil ausgesprochen worden war, kamen die Häftlinge
in Wien nicht mehr in ihre bisherigen Zellen in den Stockwerken des
Landesgerichts, sondern vom Verhandlungsort (unmittelbar) in die
Todeszellen auch Köpflerzellen
genannt , die sich im Parterretrakt (E-Trakt) des LG I befanden.
Ignaz
Kühmayer beschreibt das sehr detailreich: Die Stiege des E-Traktes,
die ich am Morgen herabgeführt worden war, durfte ich nicht mehr
hinaufgehen. Mit den zwei anderen Verurteilten musste ich unten bleiben,
in dem für die Todeskandidaten bestimmten Parterretrakt. () In dem
schmutzigen, kalten Flur, in den nur durch das Glasdach von oben herab
fahlgrünes Licht fiel, nahmen sie uns die Ketten ab und beraubten uns sämtlicher
Kleider. () Alsdann Leibesvisitation, als müssten an uns die Gebeine
gezählt werden. Eine alte Hose und ein Rock aus grobem Zeug, ein Paar
irgendwie passende Holzschuhe und zwei Kotzen wurden jedem zugeworfen:
Der Köpfler war fertig. Die letzte Armut war hereingebrochen über
mich, aber mit ihr auch, was ich am Anfang noch nicht begriff, die
letzte die Freiheit. Wir
stolperten mit unseren klobigen Schuhen dem Wächter nach in die nächste
leere Zelle.
Stand
das Datum der Hinrichtung fest, wurden die Todeskandidaten aus den
Zellen abgeholt und in die Armensüderzellen gebracht, die sich gegenüber
dem Hinrichtungsraum befanden.
Dies
geschah ab Juli 1942 um etwa 10Uhrvormittags. Bis dahin passierte das am
Abend.
Was
da genau passierte, konnte kein Todeskandidat wissen, denn niemand
kehrte von dem Weg in die Armensünderzelle zurück mit
einer Ausnahme: Hanns Georg Heintschel-Heinegg konnte seinen
Zellengenossen mitteilen, was da vor sich ging, denn völlig überraschend,
und in den Jahren der Hinrichtungen im LGI einmalig, wurde er aus der
Armensünderzelle wieder in die Todeszelle zurückgebracht.
Ignaz
Kühmayer schildert Heintschel-Heineggs Erzählung nach seiner Rückkehr:
Wenn man aus der Zelle tritt, packen einen sogleich zwei Wächter,
die schon hinter der Tür passen, und legen einen Rebschlingen um die
Handgelenke. Die Schuhe muss man ausziehen, dann geht es im Eilschritt
über einen langen Gang, an dessen Ende man zunächst vollständig
entkleidet und genauestens visitiert wird und einen anderen Rock, ebenso
eine Hose und Pantoffeln, zugleich auch Ketten an die Füße bekommt.
Hierauf werden je sechs bis acht Mann in die eigentliche Armensünderzellen
gesperrt () Leere Zellen mit einem Tisch und ein paar Bänken. () Wenn
alle Opfer umgezogen sind, erfolgt einzeln die Vorführung zum
Vorsitzenden der Vollstreckungskommission, der jedem mitteilt, dass der
Justizminister keinen Anlass gefunden habe, vom Begnadigungsrecht
Gebrauch zu machen und dass die Vollstreckung der Urteils um
sechsUhrabends stattfinde. Dann erhält jeder noch zehn Zigaretten, ein
Blatt Papier und einen Bleistift, um einen Abschiedsbrief zu schreiben.
Um
18 Uhr begannen die Hinrichtungen. Einzeln wurden die Verurteilten aus
der Armesünderzelle durch eine schwarze Türe in einen Raum geführt,
in welchem der so genannte Volksgerichtshof hinter einem Tisch sitzend
den Verurteilten erwartete. Hans Rieger beschreibt den Vorgang in seinem
Buch Das Urteil wird jetzt vollstreckt:
Der
Vorsitzende: Wie heißen Sie?
Der
am Rücken Gefesselte nennt seinen Namen.
Der
Vorsitzende: Sie wurden wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode
verurteilt. Eine Begnadigung ist nicht erfolgt. Das Urteil wird jetzt
vollstreckt.
Der
letzte Satz war das Stichwort. Von hinten legte sich eine Hand über die
Augen des Opfers, links und rechts packten kräftige Hände zu, im
Laufschritt ging es nach schneller Beiseiteschiebung eines Vorhangs
durch eine offene Tür in einen waschküchenähnlichen Raum, und schon
hallte durch das Gerichtszimmer und weithin durch den Korridor des
Armensündertraktes der dumpfe Aufschlag des niedersausenden Fallbeils.
Als
am 10. November 1942 17 Verurteilte, darunter der 65-jährige Kommunist
Paul Antl, die 30-jährige Antonia Mück, die kommunistischen
Widerstandskämpfer Andreas Morth, Johann Kapovits, Leopold Fischer,
Ferdinand Böhm, Johann Hojdn, Franz Mittendorfer, Anton Schädler,
Alfred Svobodnik u.a. auf ihre Hinrichtung warteten, sagte Svobodnik,
als das Dröhnen des Fallbeils durch den Korridor hallte: Man hört sie
direkt sterben.
Protokolle
der Hinrichtungen, die der Staatsanwalt an den ORA nach Berlin senden
musste, geben den Zeitraum zwischen Urteilsverkündung und Hinrichtung
in Sekunden an.
Die
ersten Todesurteile und Hinrichtungen gegen Österreicher erfolgten in
Berlin
Mit
der verschärften Verfolgung der Gegner des NS-Regimes, die mit dem Überfall
auf die Sowjetunion einherging (22.6.1941), war ein drastischer Anstieg
der Verhängung von Todesurteilen gegen führende FunktionärInnen des
Widerstands verbunden. Sie gehörten zu jenen, die von der zweiten
Verhaftungswelle der Gestapo Ende 1939, Anfang 1940 betroffen waren.
Der
erste politische Prozess gegen einen führenden Funktionär, der mit
einem Todesurteil endete, war der gegen den Steirer Anton Buchalka, dem
Kopf einer kommunistischen Widerstandsgruppe in Kapfenberg. Der Prozess
fand in Berlin statt und endete am 12.2.1941 mit dem Todesurteil. Fünf
Monate später, am 10.7.1941, wurde Buchalka in Berlin-Plötzensee geköpft.
Am
11.6.1941 endete der Prozess gegen den führenden Funktionär der Wiener
KPÖ Eduard Jaroslavsky, ebenfalls in Berlin, mit dem Todesurteil. Auch
er wurde am 16.9.1941 in Berlin-Plötzensee geköpft.
Die
Hinrichtung von Politischen im LGI
Der
nächste politische Prozess gegen Österreicher wurde ebenfalls vom RKG
durchgeführt und betraf Mitglieder einer kommunistischen
Widerstandsgruppe von Eisenbahnern, die wegen Sabotage des
Eisenbahnbetriebes angeklagt und wegen Vorbereitung zu Hochverrat und
Feindbegünstigung am 25.4.1942 in Klagenfurt zum Tode verurteilt worden
waren.
Anfang
Mai 1942 wurden Ludwig Höfernig, Max Zitter, Anton Waste, Johann König,
Karl Zimmermann, Peter Schlömmer, Josef Straubinger, Michael Essmann u.
Richard Götzinger ins LGI gebracht, und, als die ersten Politischen, in
den Morgenstunden des 30.6.1942 geköpft. Kurz danach wurde der
Hinrichtungszeitpunkt in die Abendstunden verlegt.
Am
25.8.1942 wurde dann der steirische KPÖ-Funktionär Josef Neuhold
hingerichtet. Es folgte die Hinrichtung von Emil Fey (11.9.1942), und
Ende September (30.9.) die Hinrichtung der kommunistischen Widerstandskämpfer
aus Krems: Johann Hoffmann, Franz Strasser (Mitglied des ZK der KPÖ)
und Franz Zeller, des Nationalkommunisten Franz Hager, und der
steirischen Widerstandskämpfern Johann Jandl, Albin Kaiser, Karl Kilzer
und Josef Ganzger, die der kommunistischen Widerstandsgruppe im Raum
Fohnsdorf, Voitsberg und Köflach angehörten.
Auch
die am 7.10.1942 in Wien durchgeführte Massenhinrichtung betraf
Steirer, nämlich Karl Drews, Dr. Franz Weiß, Julius Gellinek, Franz
Krepek, Franz Pajk, Viktor Suppan. Johann Tripolt und Johann Unger, die
unter dem Fallbeil starben.
Einen
Monat später, am 10.11.1942, wurden 13 Wiener Kommunisten hingerichtet:
Alfred Goldhammer, Johann Hojdn, Franz Mittendorfer, Antonia Mück,
Franz Pfeiffer, Max Schädler, Franz Stelzel, Alfred Svobodnik,
Ferdinand Böhm. Leopold Fischer, Johann Hagen, Jakob Kapovits und der
ehemalige Ottakringer Bezirksrat der KPÖ Paul Antel.
Die
Kommunistin Antonia Mück war die erste Österreicherin, die aus
politischen Gründen in Österreich hingerichtet wurde. Etwa 70 österreichische
Widerstandskämpferinnen starben unter dem Fallbeil.
Die
erste große Gruppe niederösterreichischer Widerstandskämpfer wurde
dann am 15.11.1942 hingerichtet. Bis zum Jahresende 1942 wurden noch über
30 WiderstandskämpferInnen geköpft; neben Wienern waren es Steirer und
Burgenländer. Zu Jahresbeginn 1943 (15.1.) wurden die Mitglieder der
kommunistischen Widerstandsgruppe bei der Eisenbahn im Raume St.Pölten,
sowie der Landesleiter der KPÖ Niederösterreich, Johann Ebner und
Alfred Steindl (26.2.1943) geköpft.
Am
22. März 1945 starben die letzten Widerstandskämpfer unter dem
Fallbeil im LG I darunter die dem katholischen Lager angehörenden
Hermann Kleppel, der kath. Priester Heinrich Maier, Ernst Ortner und
Wenzel Primosch.
Die
heranrückende Rote Armee veranlasste die NS-Juristen und ihre
Handlanger Wien zu verlassen. Die noch nicht hingerichteten
Todeskandidaten nahm man mit, als man sich auf den Weg in Richtung KZ
Mauthausen machte. In Krems wurden dann die letzten exekutiert, bevor
sich die Täter in Zivilkleidern nach Westen absetzten.
Willi
Weinert
Mich
könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer
Biografien
der im Wiener Landesgericht hingerichteten WiderstandskämpferInnen
Ein
Führer durch die Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof und zu Opfergräbern
auf Wiens Friedhöfen
3.
verb. u. erw. Auflage;
352
Seiten; über 750 Fotos u. Abb. (z.T. farbig)
ISBN:
978-3-9502478-2-4
Wiener
Stern-Verlag
Wien
2011
Preis:
Euro 24.
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