Luftnummer
mit viel allgemeinem Geschwätz
Weg
ohne Beruf und Arbeit: Acht Punkte der Bundesregierung in die dauerhafte
Arbeitslosigkeit
von
Günter Ackermann
6.
Januar 2005
1.
Einleitung
Das
Kapital bestimmt, die Regierung setzt es um
Es
gab mal die Forderung nach einer Lehrstellenabgabe und – o Wunder –
sie wurde zunächst beschlossen. Dann setzte das Geschrei der Bosse ein,
das ruiniere die deutsche Wirtschaft. Schröders Regierung kassierte das
Gesetz wieder.
Es
wiederholte sich etwas, was schon einmal in den 70er Jahren passierte.
Damals, als die Brandtschen Reformen das Ende der kapitalistischen
Profitwirtschaft um jeden Preis scheinbar einläuteten, wurde schon
einmal ein Gesetz beschlossen, dass Firmen verpflichtete, wenn sie nicht
ausbilden, eine Abgabe zu zahlen. Aber schon damals versankt das Gesetz
in der Schublade. Das Großkapital hatte sich durchgesetzt. Klar, wie
denn auch anders, denn Brandt hat den Kapitalismus nie abschaffen
wollen, seine Reformen waren nur der Brosamen für die Menschen und
sollte ihnen das Ende der Profitwirtschaft vorgaukeln.
Auch
das Gesetz zur Lehrstellenabgabe des Jahres 2004 verschwand in der
Schublade, die Wirtschaft verpflichtete sich, 30.000 zusätzliche
Lehrstellen zu schaffen.
Es
trat ein, was uns von Anfang an klar war: die Konzernbosse scherten sich
den Teufel um ihre Zusage. Sie handelten, wie weiland Bundeskanzler
Adenauer: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Sie
hielten sich nicht an ihre Zusagen, die allerdings von Anfang an nur
vage waren.
2.
Show ist alles, das Ergebnis ist nichts oder
Wie
man vorgaukelt, etwas gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu tun
Aus
dem Hause Clement (d.h. Bundesagentur für Arbeit) gibt es ein über 70 Seiten langes Papier mit dem
Titel: „Kompendium, Aktive Arbeitsmarktpolitik nach dem SGB II“
Ich will jetzt nicht alle 73 Seiten durchhecheln. Ein Kern dieses Textes ist
die Anlage: "Wege in Arbeit und Beruf
– Acht-Punkte-Plan zur Integration von jungen Menschen (Kurzfassung)".
Wenn
bei der Schröder-Regierung etwas gut klingt und man positive Ansätze
vermutet, lohnt es sich genau hin zu sehen. Verschlechterungen werden
oft in Verbesserungen umgemünzt
Oder
es sind schlichtweg Luftnummern. Bei diesem Kompendium und vor allen
beim 8-Punkte-Plan ist es eher eine Luftnummer, es kommt nichts für die
von Arbeitslosigkeit Betroffenen dabei
rum.
Gehen
wir mal den Text durch:
1.
Punkt:
Fallmanagement:
Intensive Betreuung und Vermittlung, – Motto: „Wir packen an!“
Was
packt wer an? Es wird ein „Fallmanager“ eingerichtet. Das ist so was
wie früher ein Berufsberater. Der sollte damals anhand der Persönlichkeit,
der Bildung und des Wissens des Jugendlichen den beraten, ob er Bergmann
lernen oder Medizin studieren sollte. Man ging meist so vor: Ein
Jugendlicher hat Talent zum Malen und Zeichnen, also steckte man ihn in
eine Lehrstelle als Anstreicher.
Er interessiert sich für das Sammeln von Briefmarken, also ab in eine
Lehr bei der Post usw.
Wird
der Fallmanager das nicht mehr machen? Natürlich nicht, denn der hat
keine Lehrstelle als Anstreicher oder zu sonst was anzubieten und schon
gar nicht eine Karriere im niederen Beamtendienst bei der Post. Aber Spaß
beiseite.
Natürlich
soll jetzt alles besser werden: „Durch einen geringen
Betreuungsschlüssel für junge Erwachsene unter 25 Jahren (1:75) wird
es möglich, eine Unterstützung bei der Bewältigung jugendspezifischer
Probleme und einer zügigen Arbeits- oder Ausbildungsmarktintegration zu
bieten. Einen wichtigen Erfolgsfaktor stellt das Abstecken von
realistischen Zielen dar, in denen schrittweise das
Anforderungspotential gesteigert wird, ohne die Jugendlichen zu überfordern.
Sie benötigen Angebote, die auf ihre spezifische Situation
zugeschnitten sind, die sie motivieren, auch weitere Lernanstrengungen
zu unternehmen.
Und
sie müssen erkennen, dass sie an der Umsetzung der vereinbarten Ziele
mitarbeiten müssen.“
Angebote?
Welche? Es gibt keine. Wer das Kriterium erfüllt, besonders schwierig
zu sein, bekommt – vielleicht – eine staatlich finanzierte
Ausbildung bei einem privaten oder gemeinnützigen Träger.
2.
Punkt:
Ausbildung:
Ein Berufsabschluss schützt (oft) vor Arbeitslosigkeit, – Motto:
„Vorfahrt für Ausbildung!“
Die
Bürokraten der „Bundesagentur für Arbeit“ haben das Rad neu
erfunden: Berufsabschluss schützt (oft) vor Arbeitslosigkeit. Nur: wie
bekommt der Jugendliche den?
Es
werden ein paar Trainingsmaßnahmen angeboten, aber unter dem Strich
wurden die Bildungsangebote, die das Arbeitsamt finanziert, im
Erwachsenenbereich nahe Null runter gefahren, bei Jugendlichen auch
stark eingeschränkt.
3.
Punkt:
Berufsvorbereitende
Bildungsmaßnahmen und EQJ (Einstiegsqualifizierung Jugendlicher): Sie
sollen den Boden für erfolgreiche Berufsausbildung oder Arbeitstätigkeit
bereiten, – Motto: „Berufliche Bildung braucht eine Basis“
„Eine
sofortige Arbeits- oder Ausbildungsaufnahme ist bei Jugendlichen aus
vielfältigen Gründen oftmals nicht möglich. Berufswahlunsicherheiten,
mangelnder Bildungsstand, fehlende Arbeits- und Sozialtugenden
erschweren den erfolgreichen Einstieg in die Arbeitswelt.“
Oder,
mit anderen Worten: Weil das deutsche Bildungssystem großflächig
versagt hat (siehe Pisa-Studien), weil es kaputt gespart wurde, weil die
Förderung sozial Schwacher praktisch nicht stattfindet, ja, sie sogar
durch Notenterror ausgegrenzt werden, ist eine „sofortige Arbeits-
oder Ausbildungsaufnahme ist bei Jugendlichen aus vielfältigen Gründen
oftmals nicht möglich.“
Und
das will die Bundesagentur durch ihre Trainingsmaßnahmen wett machen?
Durch „Berufsvorbereitende Maßnahmen“.
Die
Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden, werden bis zu einem Jahr in so
eine Maßnahme gesteckt. Die soll „betriebsnah“ sein.
Also
nichts vom Beseitigung der „Berufswahlunsicherheiten, mangelnder
Bildungsstand, fehlende Arbeits- und Sozialtugenden...“. Sie
werden in eine Maßnahme gesteckt, ist die vorbei, dann fallen sie in
ein schwarzes Loch. Während der Maßnahme fallen sie jedoch aus der
Arbeitslosenstatistik raus. Das ist wichtig, denn nächstes Jahr sind
Bundestagswahlen und dann macht es sich gut, wenn Schröder verkünden
kann, die Jugendarbeitslosigkeit sinke..
4.
Punkt
Qualifizierungsmaßnahmen:
Vielfältige Ansätze für ein zukunftsfähiges Lernen, – Motto
„Qualifizierung schafft Zukunft“
Gemeint
ist: Jugendliche mit Berufsausbildung bekommen Teilqualifizierungen,
ohne dürfen mal on dieses oder jenes Fach reinschnuppern. Schafft das
Zukunft? Kaum!
5.
Punkt
Aufnahme
einer Arbeitstätigkeit: Zur Führung eines selbstbestimmten Lebens
unerlässlich, – Motto: „Arbeit macht selbstbewusst!“
Erneut
erfand die Arbeitsagentur das Rad neu. Dieser Punkt betrifft
Jugendliche, die nicht „bildungsfähig oder -willig sind“
Sie
bekommen: „Neben Motivations- und Überzeugungsarbeit ist es hier
auch erforderlich, die zumutbare Leistung zur Führung eines von öffentlichen
Unterstützungssystemen unabhängigen Lebens einzufordern.“
Sie
werden gepiesackt und bekommen Ein-Euro-Jobs, werden in Ich-AG's gedrängt
und sollen nach einiger Zeit einen festen Job haben. Wenn nicht? Na dann
eben nicht!
6.
Punkt
Arbeitsgelegenheiten:
Arbeitsmarktanforderungen heranbringen und trainieren, – Motto:
„Arbeitsgelegenheiten bringen voran
Die
Arbeitsagenturbürokraten wiederholen sich. Siehe oben!
„Dabei
geht es um die Prüfung der Bereitschaft des Hilfebedürftigen zur
Mitwirkung an den vereinbarten Schritten zur (Wieder-)Eingliederung in
Arbeit (Prinzip des Forderns) und auch um die Förderung der
Erwerbsintegration durch ergänzende Bestandteile, die Lernprozesse
sichern und Qualifizierungsmodule enthalten (Prinzip des Förderns).“
Keinerlei
wirkliche Angebote zur Berufseingliederung, Berufsausbildung usw.
(Prinzip Fördern ist eine Luftblase), aber sie werden durch die Straßen
gejagt und sollen Klinken putzen und sich Arbeit selbst suchen, die sie
nicht bekommen können (Prinzip Fordern wird angewandt, denn es schiebt
die Schuld und die Folgen der Arbeitslosigkeit auf den jugendlichen
Arbeitslosen).
7.
Punkt
Der
ist absolute Spitze: „7. Ehrenamtliche Tätigkeiten: Bringen
Verpflichtungen und lassen die Persönlichkeit reifen, – Motto:
„Ehrenamt öffnet Horizonte“
Man
trete bei den Jusos ein, gehe die Ochsentour durch die Durchlauferhitzer
für die SPD, mache Karriere und lande irgendwann mal als
Wirtschaftsminister oder gar Bundeskanzler. Der Marschallstab hat also,
wie einst in Napoleons Armee, jeder im Tornister oder den Ministersessel
im Kinderzimmer. Das oder ähnliches werden sich die Autoren dieses
Textes gedacht haben.
Sie
schreiben auch prompt treudoof: „Das
Ehrenamt bietet Chancen für jeden Einzelnen, (...) schafft persönliche
Netzwerke, die später weiterhelfen können.“
Aber
sie meinen auch: „Ehrenamtliche Tätigkeiten sollten aber nicht mit
erzieherischen und verhaltensändernden Anforderungen überfrachtet
werden.“
Das
können sie unmöglich ernst meinen. Denn die Aufgabe der Juso, JU,
Julis usw. ist es doch, den Nachwuchs für die eigene Partei
ranzuschaffen. Und da ist es ein unverzichtbarer Bestandteil, dass sie
lernen, den weisen Worten von Gerhard, Joscha, Angela und Guido zu
lauschen, mal etwas Kritik ja aber vor allem Anpassung lernen. Wer das
nicht lernt, kann seinen Ministersessel im Kinderzimmer zu Brennholz
verarbeiten.
8.
und letzter Punkt
Modellprojekte:
Innovative Ideen, insbesondere für erwerbsfähige Hilfebedürftige mit
Migrationshintergrund, – Motto: „Kreativität überwindet
Grenzen“
Innovative
Ideen und Kreativität ist genau das, was die Bundesregierung im Übermaß
bereit hat – aber im Bereich der Produktion von heißer Luft wenn es
darum geht, etwas für die Arbeitslosen jedem Alters zu tun und auch in
den Bereichen der Maßnahmen des Abbaus und der Zerstörung sozialer
Sicherungen. Sie sollen den Opfern schmackhaft gemacht werden. Aber
allzu oft halten sie die Betroffenen für dümmer, als sie sie es sind.
In
der Produktion verbaler Nebelwände ist Schröders Truppe Spitze: „In
der Zusammenführung und Bündelung der existierenden Vielfalt an
Betreuungs- und Integrationsleistungen der beteiligten Institutionen
liegt die Chance zur verbesserten Eingliederung von jungen Menschen mit
Migrationshintergrund.“
Das
muss man mehrfach lesen, es sich auf der Zunge zergehen lassen: Es existiert eine „Vielfalt an Betreuungs- und
Integrationsleistungen“. Gesehen hat die noch keiner.
3.
Zusammenfassung
Schröders
Mannen und Frauen lieben flotte Sprüche ohne Inhalt drauf. Ich habe
schon den
Fallmanager erwähnt und erklärt.
Aber
auch der Arbeitslose ist nicht mehr arbeitslos, er ist „Kunde“ der
Arbeitsagentur. Diese wiederum hat Produkte anzubieten.
„Für
einen wirksamen und wirtschaftlichen Einsatz der unterschiedlichen
Produkte ist eine flexible und differenzierte Kundensteuerung
notwendig.“
Ein
Stilbruch ist jetzt nur, dass der Verkäufer eigenartigeweise Fallmanager
genannt wird. – auch erwachsene Kunden können einen Fallmanager
bekommen, wenn sie "multiple Vermittlungshemmnisse" haben.
Arbeitsvermittler
gibt es nicht mehr, wohl deshalb, weil sie nichts zu vermitteln haben.
Sie sind jetzt PA’s – das ist kein Kurzwort für Papa, so nahe
stehen die Kunden nun auch nicht, das sind „Persönliche
Ansprechpartner".
Die
PA's im trauten Verein mit der Fallmanagern verkaufen also den
(arbeitslosen und geldlosen) Kunden die Produkte aus dem Warenhaus aus Nürnberg.
Was die so zu verkaufen haben? Warme Luft, was sonst? Die aber müssen
die Kunden kaufen, da haben sie keine Wahl, denn Konkurrenz gibt es
nicht. Alternativ ist nur noch die Parkbank, die Platte oder die Brücke,
anstelle der Wohnung, des Dachs über dem Kopf und des Betts.
Die
ach so sozialem Demokraten machen es möglich. Im Dienste der Profite des
Kapitals.
September 2004, Bundesagentur für Arbeit, Regensburger Straße 104, 90478 Nürnberg,
Postanschrift: Postfach, 90327 Nürnberg, Telefon (0911) 179-0,
Telefax (0911) 179-2123
Wege in Arbeit und Beruf –
Acht-Punkte-Plan zur Integration von jungen Menschen (Kurzfassung),
a.a.O.
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