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Bericht vom Aktionstag gegen Sozialkahlschlag in Köln:

Über eine halbe Million Menschen demonstrierten gegen Sozialkahlschlag

„Wenn diese asoziale Politik nicht aufhört, dann kommen wir wieder!“ mehr

Trillerpfeifen und Katzenmusik für Blüm

Video der Blümrede siehe (Windows Mediaplayer oder Quicktime-Player erforderlich

Offizielles DGB-Logo und Parole mehr

IG-BCE Flugblatt (Gesamtansicht) mehr

Ausschnitt: IG-BCE Flugblatt mehr

Rede von Michael Sommer (Vorsitzender des DGB) (ptf-Datei) mehr

Rede von Jürgen Peters (1. Vorsitzender der IG-Metall) in Köln  (ptf-Datei) mehr

Rede von Frank Bsirske (Vorsitzender der Gewerkschaft Ver.di) (ptf-Datei) mehr

Quelle: Express Köln

Bericht vom Aktionstag gegen Sozialkahlschlag in Köln:

Über eine halbe Million Menschen demonstrierten in Deutschland gegen Sozialkahlschlag

„Wenn diese asoziale Politik nicht aufhört, dann kommen wir wieder!“[1]

von Gerd Höhne

Die Busse stauten sich, als wir die Parkplätze der Kölner Messe anfuhren. „Da kommen wir doch erst in Stunden an,“ meinte einer, als er die vielen vor uns Busse sah, die die Parkplätze ansteuerten. Dann aber ging es doch schneller.

Viele Gewerkschaften hatten ihre Mitglieder mit roten Mützen ausgestattet, es war eine schier ein rotes Meer in der Domstadt am Rhein. 100.000 (einige Berichte sprechen von  150.000) Menschen sollen allein in Köln gegen den Sozialkahlschlag demonstriert haben – eine machtvolle Bekundung des Protestes also.

Schadensbegrenzung für die SPD?

Jürgen Peters, 1. Vorsitzender der IG Metall war in Köln der Hauptredner. Natürlich kritisierte er die „Reformen“ der SPD-Regierung in Berlin[2] – dazu fand dieser Aktionstag ja statt – aber den größten Teil seiner Rede wandte sich gegen die Vorstellungen v.a. der CDU/CSU: Tarifautonomie wolle die Opposition abschaffen, Arbeitszeit verlängern und weiterer Sozialkahlschlag und er wandte sich die frechen und anmaßenden Erklärungen des Bundespräsidenten in spe Horst Köhler.

Natürlich, die Horrorliste der Frau Merkel und des Herrn Stoiber können einen schon das Gruseln lehren. Ich habe aber den Eindruck, dass die CDU/CSU-Horrorliste vor allem dazu dient, den Opfern der Reformen zu vermitteln, dass die SPD immer noch sozial ist, denn wenn die CDU erstmal drankommt, dann geht’s rund, die SPD mach mal eben nur das geringste und unmittelbar nötige.

In der Tat ist es so, dass das, was Schröder bisher durchführte und offenkundig auch in nächster Zeit durchführen will, nur ein Minimum dessen ist, was die Kapitalistenverbände so alles fordern und die CDU/CSU kommt diesen Vorstellungen viel näher.

Tatsache ist aber auch, dass die SPD, vor dem Intergrund dessen, was die anderen so sagen, die bisherigen Schweinereien leichter durchsetzen kann, wenn die C-Parteien noch gruseligere Vorstellungen haben.

Aber machen wir uns nichts vor: Die SPD allein kann derzeit solchen Sozialkahlschlag durchsetzen, denn alle wichtigen Gewerkschaftsführer sind in der SPD und oft auch Mandatsträger der SPD in Parlamenten. Und es werden weitere „Reformen“ folgen, Müntefering und Schröder drohten es bereits an.

Die Gewerkschaften sind die einzige Organisation, die den Sozialkahlschlag nicht nur stoppen und weitere wirkliche Verbesserungen durchsetzen könnte – wenn die Gewerkschaften es denn wollten. Aber wollen sie es? Jürgen Peters, ein Gewerkschafter mit linkem Image, sprach zwar in harten Worten, aber der Inhalt war butterweich.

Das einzige Mittel, die ganzen Schweinereinen zu Fall zu bringen, wäre eine landesweiter Streik der Gewerkschaften – zumindest jener, die sich überhaupt (verbal) gegen die Agenda 2010 aussprechen. Aber davon redete Jürgen Peters nicht, er deutete es nicht einmal an.

IG Bergbau Chemie Energie (IG-BCE) mit Extrawurst

Sie spielte – wie sollte es denn anders sein – eine Sonderrolle. Allerdings war sie mit großem Aufgebot dabei. Aber nicht alle, die eine IG-BCE-Mützen trugen, gehörten zu dieser Gewerkschaft. Am Busparkplatz verteilten die Teilnehmer aus dieser Gewerkschaft wie wild Mützen.

Diese Gewerkschaft, von der nicht nur linke Gewerkswchafter sagen, sie sei eigentlich schon eine gelbe Gewerkschaft, hatte die DGB-Parole modifiziert. Sagte der DGB „Aufstehen, damit es endlich besser wird“ so die IG-BCE „Aufstehen für ein soziales Europa“ (siehe)

Das ist klar erkennbar etwas anderes. Und sie erklärte es auch gleich: Das Modell Deutschland solle Vorbild sein, weil hier der Mensch im Mittelpunkt stünde. Sie rückt also vom Kampf gegen die Agenda 2010 ab und empfiehlt... Ich lese daraus: Sie empfiehlt die Germanisierung Europas und verbreitet gleichzeitig die Illusion über dieses Deutschland. Nie stand hier der Mensch im Mittelpunkt, immer waren es die Kapitalinteressen. Diese waren aber im Kalten Krieg übertüncht vom sog. Sozialstaat, der aber dem Kapital abgetrotzt wurde und dies auch nachgeben musste, wollte es doch nicht, dass die Menschen das sozialistische System als Alternaive erkennen. Jetzt aber ist das für das Kapital nur unnötiges Zeug und soll entsorgt werden.

Warum die IG-BCE diese nationalistisch angehauchte Parole verwendet? Naja, es ist was dran an der Einschätzung, es sei eine gelbe Gewerkschaft. Objektiv spaltet die IG-BCE den Widerstand gegen den Sozialkahlschlag.

Das ist nicht unwichtig, denn der nächste große Anschlag stet ins Haus. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer wollen Arbeitszeitverlängerung durchsetzen. In Pressemeldung hieß es dann auch, das in Deutschland demnächst wieder länger gearbeitet würde. Verdi wird wohl um einen Streik nicht umhin kommen, denn dieser Vorstoß hat Pilotcharakter. Kommen die Landesfürsten durch, dann färbt es unweigerlich auf die private Wirtschaft ab.

Streiks im öffentlichen Dienst sind aber problematisch. Betroffen sind die Bürger, denen der Müll nicht abgefahren wird, die nicht mit Bahnen und Bussen fahren können usw. Ein Streik hier kann nur siegreich sein, wenn er durch eine breite öffentliche Zustimmung getragen wird. Und dazu ist die Solidarität der DGB-Gewerkschaften erforderlich – am besten durch Solidaritätsstreiks und -demonstrationen. Ob da die IG-BCE mitmacht, kann bezweifelt werden. Damit aber wäre die drittgrößte Gewerkschaft offenkundig auf der anderen Seite und das schwächte die Verdi-Position und die Kapitalseite, die gern die Arbeitszeitverkürzung zur 35-Stunden-Woche zurücknehmen möchten.

Trillerpfeifen und Katzenmusik für Blüm

Den besonderen Gag, den sich die Veranstalter der Kölner Demo einfallen ließen, war als vierten Redner den Minister für Sozialabbau und Arbeitslosigkeit unter Kohl, Norbert Blüm, einzuladen.. Einige Ultralinke meinten, deshalb eine eigene Demo machen zu müssen. Wir waren entschieden gegen diese, wie wir es nannten, isolierte Demo unter Ausschluss der Öffentlichkeit“. Ob diese Demo stattgefunden hat, kann ich nicht sagen, auf jeden Fall fand sie, wenn es sie gab, wirklich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Die Kollegen blieben bei der Großdemo und bereiteten Blüm den Empfang, der im gebührt: Katzenmusik, Trillerpfeifen und Rufe „aufhören“ usw. Blüm versuchte mit hochroten Kopf gegen den Protest anzureden – vergeblich.

Video der Blümrede siehe (Windows Mediaplayer oder Quicktime-Player erforderlich)

Ob Schröder, wenn er denn am 1. Mai auf der DGB-Hauptkundgebung spricht, das Blümsche Vergnügen teilen wird, ist zu erhoffen.

Trittbrettfahrer

Dass bei solchen Großveranstaltungen auch andere Gruppen mitmachen, ist normal und richtig. Aber das, was Attac da treibt ist schon arg. In direkter Nähe einer der Bildwände, über die die Redner und das Kulturprogramm auch denen, wie weit entfernt von der Haupttribüne standen, übertragen wurde, hatte Attac eine eigene Tribüne aufgebaut von der ein sangesfreudiges Mädchen fröhliche Lieder, mehr oder weniger gut gesungen. Ins Mikrofon trällerte und auch Attac-Redner massiv das Zuhören des offiziellen Teil störten.

Attac erhebt sogar den Anspruch – glaubt man ihren Veröffentlichungen – neben dem DGB Co-Veranstalter zu sein.[3]

Die Bilder von der Demo (bisher nur welche aus Berlin) lassen den Anschein ebenfalls aufkommen, als handele es sich bei den 250.000 Menschen in Berlin um mind. 200.000 Attacisten.

Die Realität sah aber anders aus. Ja, man sah das Prozentzeichen von Attac auf einigen Fahnen und Transparenten. Neu an ihnen war, dass sie nun nicht nur gelb sind. Gelb, die Farbe der Wirtschaftsliberalen und der gekauften falschen Arbeitervertreter in der Frühzeit des Kapitalismus in Deutschland, wurde zum Teil durch rot ersetzt. Ich verstehe das als weiteres Mimikri um die gelbe Gesinnung zu übertünchen.

Ich kann keine Zahl nennen, aber in Köln war Attac nicht mehr zu sehen wie z.B. die PDS. So unbedeutend die PDS im Westen ist, so unbedeutet outete sich Attac.

Aber Vorsicht! Die potentielle Verräterorganisation Attac ist zählebig. Und sie wird von den bürgerlichen Medien immer wieder hochgepuscht. Am 4. April, also einen Tag nach dem Aktionstag, war der Attac-Fürst Sven Griegold im Fernsehen bei der Politdomina Sabine Christiansen und plauderte in seiner gewohnten nichtssagenden Art über Sachen, von denen er nichts versteht: Kampf ums nackte Überleben bei abhängig Beschäftigten, Arbeitslosen, Rentnern und Sozialhilfeempfängern.

Zusammen mit dem Ex-Juso-Chef und SPD-General Benneter, Ursula Engelen-Kefer (DGB-Vize), dem Musterskinhead der CDU und CDU-General Laurenz Meyer, dem wirtschaftsliberalen Ideologen Hans-Werner Sinn (Ifo-Institut), und dem Yuppy und Jungunternehmer Marcus Schneider (Vors. Bund Junger Unternehmer) vertrat Grigold seinen Yuppi-Verein auf sozial getrimmt Attac.

Resümee

Es ist natürlich erfreulich, dass diese Massenveranstaltung des DGB stattgefunden hat. Wenn der DGB-Vorsitzende Sommer sagte: Der Kanzler und die Unionsparteien, Wirtschaftsführer und Manager, also die Ewig-Gestrigen aus dem Unternehmerlager müssen wissen: Wenn diese asoziale Politik nicht aufhört, dann kommen wir wieder! Wir wollen und wir werden es nicht hinnehmen, dass in Deutschland und Europa nichtdie Krise, nicht die Massenarbeitslosigkeit, nicht die Perspektivlosigkeit der jungen Menschen bekämpft werden, sondern die Lasten der Krise nur auf dem Rücken der kleinen Leute verteilt werden.“[4] War das sicher weit aus dem Fenster gehangen und ich bin verwundert, denn das bin ich von Sommer nicht gewöhnt, so im Klartext zu reden. Aber, wie sagte der große August Bebel: „Schaut euren Führern auf die Finger und nicht aufs Maul!“

Skepsis ist also angebracht. Auffallend ist, dass dieser, immerhin zentrale Teil der Rede, nirgendwo zitiert wird und nur in der Originalrede zu finden ist.

Aber – und das ist positiv – der Schuss der gewerkschaftlichen Massen fuhr den Herrschenden in die Knochen. Man rechnete nicht mit soviel Menschen, die bereits sind auf die Straße zu gehen.

Die Herrschaften haben jetzt einen gemeinsamen Feind ausgemacht: die Gewerkschaften. So bellt der Arbeitgeberpräse Hundt ebenso gegen die Gewerkschaften, wie Müntefering, Stoiber, Steuersparer-Merz von der CDU und der Chef der Partei der Besserverdienenden, der FDP. Mal sehen, ob Sommer. Peters und Kollegen diesem Gegenwind, der ihnen entgegen weht, standhalten werden.

Vor allem aber zeigte diese Massenmanifestation, dass die Menschen in diesem Land mobilisierbar sind. Es stimmt nicht, dass der deutsche Michel mit sich machen lässt, was die Herrschenden wollen. Eine klassenbewusste und konsequente Führung und die Herrschenden erlebten ihr blaues Wunder. Leider gibt es die nicht, aber das ist eher unser Problem. Solange wir Kommunisten nicht über den Tellerrand unserer Kleingruppe sehen und sie zum Mittelpunkt machen und nicht die Arbeiterklasse, leisten wir auch unseren Beitrag am Verrat an der Arbeiterklasse. Das muss mal in aller Deutlichkeit gesagt werden!


[1] DGB-Chef Sommer bei der Kundgebung in Berlin

[2] „Es muss endlich Schluss sein mit einer Politik, die Arbeitslose abstraft statt Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und den Sozialstaat demontiert statt den sozial Schwachen unter die Arme zu greifen“, sagte er auf der Kundgebung des DGB zum Europäischen Aktionstag gegen Sozialabbau am Samstag in Köln. „Diese Politik löst keine Probleme, sie verschärft sie“

http://www.igmetall.de/pressedienst/2004/037.html.

[3] Europaweiter Aktionstag gegen Sozialabbau
DGB, Attac organisieren zusammen mit anderen Organisationen und Bewegungen Massendemonstrationen in Berlin, Köln und Stuttgart.
Am 3.4. waren weit über 500.000 Menschen in Deutschland auf der Straße!
Die offiziellen mit der Polizei abgestimmten Teilnehmerzahlen: In Köln 120.000, Stuttgart 140.000 und Berlin 250.000

http://www.attac.de/index.php

[4] Rede von Michael Sommer bei der Kundgebung in Berlin am 3. April 2004 (siehe auch)

 

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