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Propagandaschlacht
Arbeitslosigkeit und deutsche Politik
Arnold
Schölzel
Quelle:
jungeWelt
vom 29.07.2005
Anfang
2005 drohte Wolfgang Clement mit Vollbeschäftigung in absehbarer Zeit.
Gemeint war keine Senkung der Arbeitslosigkeit, sondern der Ersatz von
regulären Arbeitsverhältnissen durch Ein-Euro-Jobs und flächendeckende
Hungerlöhne. Ab der zweiten Jahreshälfte, so der Wirtschafts- und
Arbeitsminister wenige Wochen später, werde die Arbeitslosenstatistik
in den »Sinkflug« gehen.
Den
gestern vermeldeten Anstieg der offiziellen Arbeitslosenzahl
kommentierte Clement mit den Worten, die Bundesrepublik sei auf dem Weg
»zurück in die Spitze«. Die Worte des Superministers aus der Klapsmühle
des täglichen Polit- und Medienquatsches können getrost mit den »Frontbegradigungen«
verglichen werden, von denen das Nazi-Oberkommando der Wehrmacht im
Zweiten Weltkrieg berichtete, wenn die Rote Armee auf ihrem Weg nach
Berlin wieder einmal die deutschen Linien durchbrochen hatte. Der Glaube
an den Endsieg bot ungefähr dieselbe Mischung von klassenbedingter Blödheit
und Durchhaltewillen bei jeder Form von Volksverdummung wie Clements
monatliche Auslassungen zu der Statistik, die wieder mal nicht so wollte
wie er: Schlechte Propaganda für eine verlorene Angelegenheit.
Die
Konsequenz, die Clement, sein Kanzler und ihre Vorgänger seit dem Überschreiten
der offiziellen statistischen Grenze von einer Million Arbeitslosen in
der Bundesrepublik vor drei Jahrzehnten gezogen haben, ist einfach: Umso
schlimmer für die Wirklichkeit, d. h. für die Arbeitslosen. Die
Resultate der Ursachenforschung – die Vokabel selbst ist in dieser
Hinsicht ein Witz – für die zweite, die dritte, die vierte und die fünfte
Million sind gleichbleibend grotesk. Die Hauptursache, Kapitalismus,
darf in den staatstragenden Medien nicht erwähnt werden, wie im Haus
des Gehenkten nicht vom Strick geredet wird. Das einzige soziale
Problem, das es hierzulande gibt, war dem Spiegel gerade zu entnehmen,
besteht darin, daß die Bundesbürger vier Billionen Euro auf der hohen
Kante haben und sich gegen Reformen sperren. Wären die Leute nicht so
verstockt gewesen, hätten »wir« bekanntlich alle Kriege gewonnen.
Die
deutschen »Eliten«, sprich: die Dreifaltigkeit von Großkapital,
Politik und Militär, hat es in der ersten Hälfte des vergangenen
Jahrhunderts in zwei Zweifrontenkriegen mit der ganzen Welt aufnehmen
wollen. An einem dritten Versuch war man gut 40 Jahre gehindert. Nun läuft
seit 15 Jahren vorerst der kapitalismusübliche Zweifrontenkrieg:
Senkung der Reallöhne im Innern und Killerkommandos auf dem Balkan, am
Hindukusch und in Afrika, Kostenreduktion und Erschließen neuer Märkte.
Wer »in die Spitze zurück«, auf den Platz an der Sonne will, muß
Masseneinkommen drücken und Angriffskriege führen. Der Rest ist
Propaganda. |