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Werden die Asozialen plötzlich sozial?

Bürgerversicherung ist groß angelegter Betrug

von Gerd Höhne

Noch ist die Umschichtung der Vermögen im Bereich des Gesundheitswesen nicht vollzogen (von den Parteien und der bürgerlichen Presse Gesundheitsreform genannt), noch  reden manche Politiker, die sich links oder sozial profilieren wollen (DGB-Vize Engelen-Kefer und andere). Als "pure Abzockerei" kritisierte der Sozialverband VdK die Reformpläne. "Die Gesundheitsreform geht klar zu Lasten der Krankenversicherten und ihrer Familien", sagte VdK-Präsident Walter Hirrlinger der "Berliner Zeitung". Patienten zahlten drauf, Arbeitgeber würden entlastet, und Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaindustrie kämen ungeschoren davon. "Wir werden der Politik eine unsoziale Reform nicht durchgehen lassen", sagte der Verbandspräsident.“ (Berliner Zeitung)

Allerdings: Der Berg kreißte und gebar eine Maus: „Nicht durchgehen lassen“ bedeutet nicht, Massendemos oder so was ähnliches, der VDK will Autogramme sammeln, also Unterschriftenlisten.

Aber so langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass dieses Reform – sechs Monate nach der letzten - ihr Ziel nicht erreichen wird. Trotz der massiven Mehrbelastungen der Kranken dürften die Beiträge nicht beachtenswert sinken. Die Kassen rechnen zwischen 0,6% bis 0,7%. Hundt, der oberste Kapitalisten-Kläffer und Wadenbeißer der Großbourgeoisie erklärte schon vor einigen Tagen, das sei zu wenig, was da abgeschafft werde.

Das Ziel, die Lohnkosten erheblich zu drücken und damit die Gewinne der Unternehmen zu steigern, geht daneben. Stattdessen werden wichtige Leistungen, wie Krankengeld und Zahnersatz abgeschafft und nur noch per Privatversicherung gedeckt. Einen tiefen Schluck aus der Geldbulle für die Versicherungskonzerne.

Die Verursacher der Finanzmisere des Sozialsystems kassieren ab

Die Hauptursache der Finanzmisere der öffentlichen Kranken- und Rentenkassen ist die hohe Arbeitslosigkeit. Klar, bei über 5 Mio. registrierter Arbeitslose (tatsächlich aber erheblich mehr) bei steigender Tendenz, sinkt die Zahl der aktiven Beitragszahler ebenso, wie die Arbeitslosigkeit steigt. Die Verantwortlichen der Arbeitslosigkeit sind auch für die Finanzprobleme der Renten- und Krankenversicherung verantwortlich. Wenn z.B. in einem Hüttenwerk in Duisburg bis Ende der 70er Jahre über 10.000 Arbeiter beschäftigt waren, heute aber noch knapp 2000, die Produktivität – und die Gewinne – jedoch stiegen, dann kann man sehen, welche Entwicklung vollzogen wurde. In anderen Branchen ist es ähnlich.

Gleichzeitig werden immer mehr Teil der Unternehmen stillgelegt, ausgegliedert oder in Billiglohnländer verlegt.

In anderen Bereichen der Wirtschaft, z.B. im Handel, arbeiten Scheinselbständige oder – gefördert von der Bundesregierung – die sog. Ich-AG und Menschen aus dem  Billiglohnsektor.

Überall geht dem Sozialsystem Geld verloren und das nur, weil auf dem Arbeitsmarkt die Arbeitslosen händeringend nach Jobs suchen und die Unternehmer die Einkommen drücken und noch mehr Arbeitslose praduzieren.

Die Unternehmer, allen voran die großen Konzerne, sind die Verursacher der Arbeitslosigkeit und damit auch der Finanzmisere des Sozialsystems.

Alt gegen jung, krank gegen gesund

Es wird behauptet, die alten und kranken Menschen würden den jungen die Zukunft wegfuttern. Allein dadurch, dass sie ihre Rente bekommen, zum Arzt gehen, wenn sie krank sind und die ihnen zustehende ärztliche Behandlung bekommen. Dadurch machten sie die Kassen kaputt, behauptet die Propaganda.

Im Klartext: Allein ihr physisches Leben ist unsozial und schädlich.

Also: Weg mit den Alten und Kranken! Da bekanntlich die Gaskammer für sie sich schlecht verkaufen lässt, müssen andere Methoden her.

Also werden sie sooft zur Kasse gebeten, bis ihnen die Luft ausgeht und sie sich die notwendige Arztbehandlung nicht mehr leisten können.

Dabei ist nicht der Generationenkonflikt die Ursache, sondern der Klassenwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital.

Aber zur Vertuschung dieser Tatsache schürt die bürgerliche Propaganda den Konflikt zwischen Alt und Jung, Krank und Gesund. Die wahren Verursacher besitzen sogar die Frechheit, die Steigerung ihrer Gewinne durch Senkung der „Lohnnebenkosten“ als Rettung der Sozialsysteme und als arbeitsmarktpolitische Maßnahme zur Senkung der Arbeitslosigkeit zu verkaufen.

Eigentlich sollte man glauben, die Verbände der Betroffenen durchschauen das böse Spiel.

Mitnichten. Der VDK-Präsident Hirlinger hat mit auf die Pauke des Generationskonflikts. In einer Presseerklärung am 24. Juli 2003 erklärt der VDK:

Aus diesem Grund schlägt Hirrlinger Bundesregierung und Opposition vor, wenigstens beim Tatbestand "Zahnersatz" vom Vorschlag der Konsensrunde zur Gesundheitsreform abzuweichen und für die über 50-jährigen Versicherten und die Rentner die bisher geltenden Bestimmungen in der gesetzlichen Krankenversicherung beizubehalten.“  

siehe: http://www.vdk.de/de5703

Dass diese ganze Reform "pure Abzockerei" ist, wie Hirlinger noch zwei Tage vorher sagte, sowie seine vollmundigen Gegenmaßnahmen, werden zur weinerlichen Bitte, doch die eigene Klientel zu verschonen.

Die große Alternaative

Kritik an diesem Papier also von allen Seiten. Aber nun kommt die Idee der Ideen:

Bürgerversicherung!

Der Grüne Fischer, sonst eher als Rambo für die Verteidigung des Deutschen Reiches am Hindukusch und anderswo bekannt, mutiert zum Sozialpolitiker.

Alle sollen in die Krankenkassen einzahlen, die Putzfrau ebenso wie Flick, der Schlosser wie der Konzernchef, der Spekulant ebenso wie die Rentnerin, Beamte, Angestellte und Arbeiter.

Jede Art von Einkommen soll versicherungspflichtig werden. Klingt doch gut. Endlich werden die Schmarotzer zur Kasse gebeten, endlich wird Vermögen von oben nach unten umgeschichtet. Klasse!

Entsprechend die Reaktionen: Linke Sozis, rechte CSUler, Schröder, Seehofer, Merkel, Mündefering und all das ganze grüne und sonst wie geartete Gesocks, sie alle finden die Bürgerversicherung Klasse.

Ich muss gestehen, ich fand sie zunächst auch nicht schlecht. Als ich aber die Liste der Befürworter sah, dann kamen Zweifel. Die, die gestern noch die asoziale  Gesundheitsreform, eher großangelegte Abzockerei, als soziale Wohltat verkauften, die welche Konzernprofite und die Vermögen der Reichen und Superreichen durch die Steuerreform heben wollen, werden doch nicht auf einmal ihr Herz für soziale Gerechtigkeit entdeckt haben. Hier, sagte ich mir, ist doch eine großangelegte Schurkerei im Gange.

Und so ist es auch! Das bisherige Konzept der Sozialversicherung – bei allen Mängeln, die es hatte – hat doch immerhin eine gewisse umfassende Krankenversorgung gesichert.

Die Bürgerversicherung wird das ändern. Zwar wird eine gewisse Grundverssorgung angedeckt, aber Flick dürfte kaum mit Krankenschein zu Arzt gehen, Kumpel Anton schon. Diese Bürgerversicherung wird nur bestimme Basisleistungen abdecken, schon allein deshalb, weil es Flick nicht zumutbar ist, in die Kassen der Proleten etwas einzuzahlen, was über das Symbolische hinausgeht.

Also werden auch nicht du Gelder reinkommen. Das ginge zwar, wenn die Regierung den Reichen in die Tasche griffe, aber die Bundesregierung, die das wagt, wird wohl nicht lange im Amt bleiben. Darüber zu spekulieren, was möglich wäre wenn die Regierung nur wollte, ist müßig. Nicht nur, dass die Flicks das nicht zulassen, die Regierung will es auch nicht, zeigen doch alle anderen Maßnahmen was Schröder, Merkel und Stoiber wirklich wollen: Die weitere Steigerung der Profite der Konzerne durch Senkung der Einkommen der Arbeiterklasse, Abbau und in vielen Fällen gar die Abschaffung sozialer Rechte, Beschneidung der gewerkschaftlichen Rechte, kurz zurück in 19. Jahrhundert beim Sozialsystem.

Gegenwehr!

Ich will nicht defätistisch wirken, aber wir müssen die Realität sehen. Zwar ist Ver.di und Teile der Gewerkschaften gegen diese Reform, zwar spuckt der VDK große Töne, aber mehr passiert nicht. Die PDS-Sozialpolitikerin Heidi Knake-Werner (Senatorin in Berlin) erklärte z.B. der TAZ:

„Es bleibt nur die Möglichkeit, an Patienten zu appellieren, sich möglichst nicht von den Kosten abschrecken zu lassen und die benötigte Versorgung auch in Anspruch zu nehmen.“

Ja wo lebt die Frau denn? Ein Arbeitsloser mit Familie, der jeden Euro dreimal umdrehen muss, dreht ihn beim notwenigen Arztbesuch viermal um und versucht, den Arzneimittelzuzahlungen zu entgehen und verzichtet.

Die Gewerkschaften sind mit der SPD-Regierung so verwoben, dass sie kaum gegen ihre eigene Regierung Massendemos  Massenstreiks oder Großdemos organisieren. Nur so wäre diese menschenverachtende Reform zu verhindern.

Wenn die gelobte Bürgerversicherung dann in einigen Jahren kommen sollte, aber nur basismedizinische Leistungen absichert, dann ist die Frage, was Basis ist. Ich fürchte, man will’s billig haben.

So etwa: Bei Grippe folgt der gute Rat des Arztes, Wadenwickel zu machen, bei schwereren Krankheiten dann greift der Arzt zum Rezeptblock und verschreibt eine Kapsel Zyankali. Er folgt damit der Maxime seines ehemaligen Verbandspräsidenten Vilmar, also „sozialverträglichem Frühableben“.

Diese Methode massenhaft eingesetzt saniert auch die Rentenkasse. Denn mangels Rentner wird die Rentenversicherung strotzen an Geld. Die Finanz-, Gesundheits- und Sozialpolitiker können sich an die Brsut klopfen, was sie doch für kluge und sparsame Köpfchen sind und der Finanzminister überreicht seinen Kollegen vom Kriegsministerium stolz einen Scheck von einigen Milliarden Euro zum Einsatz der Bundeswehr zur Verteidigung Deutschlands am Hindukusch, Ganges, Jangtse, Nil, Amazonas, Anden, Niger, Kongo...

Großdeutschland erwache!

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