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23.
Dez. 2004
Die
mehr oder weniger harmlosen Vergnügungen der Staatsdiener
Striptease,
Puffbesuche und kreatives Rechnen bei Hartz IV
von
Günter Ackermann
1.
Auf gute Zusammenarbeit mit nackten Tatsachen
Es
sei „Geschmack- und Stillosigkeit“ titelt die „Salzgitter
Zeitung“. Verwaltung und Rathausparteien sind in heller Empörung über
die Mitarbeiter des Sozialamtes. Die Spezialdemokraten schweigen, die
CDU ist geschüttelt von moralischer Empörung.
Was
ist passiert? Haben die Mitarbeiter des Sozialamtes einer im Altenheim
lebenden alten Oma das Taschengeld gestrichen, das sie
seit Schröders Gesundheitsreform in Gänze zur Zuzahlung der
Arzneikosten verwenden musste; hat das Sozialamt einen schwer Nierenkranken die Kosten der lebenserhaltenden Diät verweigert, wurde
einer alleinerziehenden Mutter von 10 Kindern die Kohlen für den Winter
verweigert, mit der Begründung, die vielen Kinder verbreiteten schon
genug Wärme, das bedürfe es zusätzlicher Heizung nicht? Oder was oder
wie?
Das
kann’s aber nicht sein, denn das ist alltägliche Praxis auf den
Sozialämtern, das ist für bürgerliche Politiker kein Grund sich zu
empören. Was aber kann die Kommunalfürsten aus Salzgitter so in
Rage und Empörung versetzen?
Eine
Weihnachtsfeier!
Gleichzeitung
zur Feier der Geburt des Heilands feierte man auch die Verabschiedung
von 40 Mitarbeitern zur „Arge“.
Einer der Organisatoren der Feier war der zukünftige Arge-Chef
(Besoldungsgruppe A 13, etwa 3450 Euro plus Zulagen, Höhe richtet sich
nach Dienstjahren und Familienstand).
Dieser
wackere Beamte hatte sich für sich und seine Kollegen und zukünftigen Mitarbeiter ein besonderes
Bonbon ausgedacht, Zunächst, als noch Arbeitszeit war, gab’s das übliche:
Kaffee und Kuchen, warmes Essen und Plätzchen. Also die übliche Pflege
der Gemeinsamkeiten Aller im Dienste des Bürgers.
Klar,
dass diesen Brauch alle zum Gähnen langweilig finden. Deshalb ging’s
nach 14:00 Uhr zur Sache. Ein Stripper-Pärchen legte eine heiße
Nacktschau hin. Nein, nein, keine nackten Sozialamts-Beamtinnen gab’s
zu bewundern, sondern richtige engagierte Stripperinnen. Die schmierten
die Beamten mit Schlagsahne ein und leckten das ganze dann ab.
Wieweit
und wo dieser orale Verkehr am Körper der nackten Damen überall
gemacht wurde, ist nicht überliefert. Überliefert ist aber, dass die
lokalen Fürsten das geschmacklos finden. Ob die Schlagsahne auf den
nackten Tatsachen sauer war oder die lokalen Fürsten die Sozialämtler
ob ihres orgiastischen Vergnügens neiden, bleibt dabei allerdings im
Dunkeln.
2.
Erotische Vergnügen des Unbestechlichen
Im
der südwestfranzösischen Stadt Bayonne, einer mittelgroßen Stadt von 41.700
Einwohner, amtiert der Staatsanwalt Pierre Hontang, der Eigenschaften
besitzt, die Beamte in der Regel nicht haben:
Unbestechlich,
juristisch versiert und unparteiisch verfolgt er Gesetzesbrecher, ohne Rücksicht
auf Ansehen und Stellung der Person Gesetzesbrecher.
Also
verbreitete sich sein guter Ruf auch über die
Grenzen Galliens hinaus bis zu uns ins Land der Teutonen. Da
Staatsanwalt Pierre Hontang ein gern gesehener Gastredner bei Kongressen
ist, luden ihn auch die Veranstalter eines Juristenkongresse in Celle
– der Stadt mit dem riesigen Knast – als Redner ein. Sein Thema:
„Die grundlegenden ethischen Prinzipien der Staatsanwaltschaft“
„Er
hatte schon des öfteren über ethische Fragen referiert und dabei zum
Beispiel gesagt, Staatsanwälte müssten sich nicht nur während der Ausübung
ihres Berufes, sondern auch im Privatleben äußerst korrekt
verhalten.“
Aber
fern der Aufsicht der züchtigen Angetrauten und der ehelichen Schlaf-
und Betätigungsstätte, und französischem laissez
faire – was bekanntlich „lasst machen“ bedeutet und ein Grundsatz
des Liberalismus ist – vergnügte sich der Staatsanwalt im deutschen
Puff. Das schien ihm so gefallen zu haben, dass er sich mehrfach der
deutschen Maiden im Dienste der Aphrodite und des Euro bediente. Die
Vorbildfunktion des Dieners der göttlichen Kollegin der Liebesgöttin,
die ebenfalls nackte Göttin mit der Waage und den verbundenen Augen,
Justitia, wurde dabei allerdings auch etwas laissez-faire gehandhabt.
Um sein Gehaltskonto zu schonen, vielleicht auch, um der Frau Gemahlin
die erotischen Abenteuer des Gatten zu verbergen, klaute Staatsanwalt
Pierre Hontang einem Kollegen die Kreditkarte. Damit honorierte er die
willigen Damen.
Des
französischen Staatsanwalts
Vergnügungen haben sicherlich mehr Stil, wie die der biederen
Sozialamtbürokraten, beweisen aber Humor – immerhin macht er sonst
auf Moralapostel – zeugen aber auch für eine beträchtliche
kriminelle Energie.
3.
Kreatives Vergnügen der Beamten des Bundesgesundheitsministerium
Die
erotischen Freizeitvergnügen und die
Eskapaden des Dieners der Justitia Pierre Hontang – ebenso wie
dessen kriminelle Energie – werden weit übertroffen von den Beamten
des „Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung“
Allein der Name Gesundheit und soziale Sicherung reizt zum Lachen.
Und
ausgerechnet die Mitarbeiter von Frau Ministerin Ulla Schmidt, von der
viele sagen, sie wisse nicht mal wie sich sozial schreibe,
diese tröge wirkenden Dame mit dem Öcher/Aachener Akzent, haben
ihre Chefin in den Ruf gebracht, sie strebe nach dem höchsten Aachener
und deutschen Karnevalsorden, dem „Orden wider dem tierischen Ernst“.
Wer
meint, deutsche Beamte seien geist- und fantasielos und ohne Kreativität,
kennt die Herren und Damen aus Frau Ulla Schmidts sozialem Gesundheitsministerium
nicht. Ihr Umgang mit der Kunst des Rechenmeisters Adam Ries ist
wahrlich bewundernswert.
Folgende
Aufgabe war zu bewältigen:
1.
Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe sollten abgeschafft und zum neuen
Arbeitslosengeld II vereinigt werden.
2.
Gleichzeitig aber sollte das alles nicht nur nichts mehr kosten, sondern
die Kasse des Herrn Eichel sollte sogar entlastet werden.
Immerhin
kostet die Bundeswehr in Afghanistan und anderswo beträchtliche Summen
und die Konzerne wollen weiterhin nichts an Steuern zahlen, die Großverdiener
sollten sich weiter ihre Jachten leisten können – und ihre
Privatflugzeuge nicht minder. Folglich kommt eine Änderung der
Unternehmensbesteuerung ebenso wenig in Frage, wie die Rücknahme der
Steuerreform und schon gar nicht die Besteuerung von Flugbenzin.
Jedoch
eine offenkundige Senkung der Hilfen wäre fatal gewesen, denn die
Ohrfeigen für Schröder bei den Wahlen und bei anderen Gelegenheiten
und die Demos hatten gezeigt, dass der deutsche Michel allmählich die
Schnauze voll hat. Zumindest der sozial schwächere Teil der Deutschen
will nicht mehr.
Frau
Schmidts Beamte lösten ihre Aufgabe meisterhaft. Ihr Umgang mit der
Kunst des Rechenmeisters Adam Ries gebührt wirklich höchste Beachtung.
Also:
Bisher bekamen Sozialhilfeempfänger Geld für besondere Ausgaben, wie
Bekleidung, Wohnungseinrichtung usw. Das wird jetzt pauschal abgegolten.
„Die Festlegung basiert auf der Einkommens- und
Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes 1998.“
Also
überlegten die Beamten hin und her, denn es wäre zu teuer geworden,
hätten die Sozialhilfeempfänger den Betrag bekommen, der ihnen per
Gesetz zusteht. Dann kam
ihnen die Lösung: ALG II-Empfänger laufen alle mit – statistischen
– Pelzmänteln herum und tragen – statistische – Maßklamotten.
Weg damit! Auch ALG II-Empfänger sollen billige Klamotten von C&A
tragen, möglichst sogar vom Discounter. Also rechneten sie alles um 11
Prozent runter und die ALG II-Bezieher bekommen nur 89 % des
Regelsatzes. Genial! Eichel hat mehr Kohle und die Pelzmäntel der Sozialhilfeempfänger müssen nicht aus der Staatskasse
bezahlt werden.
Beim
Posten Freizeit, Unterhaltung und Kultur ähnlich erfindungsreich. Jeder
wird doch einsehen, dass auch ALG II-Empfänger ihre Jachten und
Segelflugzeuge nicht von der öffentlichen Hand finanzieren lassen können
– das bleibt den ganz Reichen vorbehalten, denn denen gab Schröder
die Steuergeschenke bei seiner Steuerreform.
86
Euro war der Satz für den Posten Freizeit, Unterhaltung und Kultur,
zieht man die Kosten für die statistische Jacht und den statistischen
Flieger ab, bleiben noch 38 Euro. Die reichen – oder reichen nicht –
für Zeitschriften und Bücher, Rundfunk- und Kabelgebühren oder auch
Schreibwaren und Musikinstrumente. Also von wegen, dem Sohn Weihnachten
eine Mundharmonika schenken!
Einfach
Klasse diese Steuergeld sparende praktische und schöpferische Umsetzung
der Kunst Adam Rieses.
Und
Omi brauchen auch keine Mieze, kein Schoßhündchen und noch nicht mal
einen Wellensittich oder Goldhamster. Die 4 Euro in der Sozialhilfe
wurden gestrichen.
Die
ganze Sache schien gut über die Bühne zu gehen. Die Betroffenen
merkten nichts vom Schwindel, denn der Dschungel der Rechnerei ist für
einen Normalsterblichen undurchdringlich. Die freuten sich dagegen über
mehr Geld.
Trotzdem
kam’s raus!
Ein
neuer ALG II-Empfänger und bisherige Sozialhilfeempfänger aus dem
Osten traute den Frieden einer Erhöhung von 475,25 Euro auf
monatlich 530 Euro nicht. Der Mann rechnete nach. Das Ergebnis: Nicht,
wie angenommen, im nächsten Jahr insgesamt 657 Euro
mehr, sondern rund 1232 Euro weniger. Der Mann konnte eben rechnen.
Das
zuständige Sozialamt hielt den Mann zuerst für einen Querulanten,
rechnet dann aber selbst nach und – es stimmt, der Mann bekommt exakt
1432 Euro weniger.
Das
ist nicht die Ausnahme, das ist die Regel. Die zustehende Summe hätte
30 % höher liegen müssen.
Pech,
Frau Ulla Schmidt! Den Orden „Wider den tierischen Ernst“ bekommen
sie wohl doch nicht, trotz ihrer Verdienste um die Rechenkunst und das
Aachener Platt.
So
kritisierte der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband diese
Machenschaften der Ministerialbürokratie heftig und Ullas Ministerium
reagiert prompt. Natürlich ist alles Quatsch, im Gegenteil:
„Die
Bundesregierung hat mit der Reform der Sozialhilfe zum 1.1.2005 das
unterste soziale Netz zur Sicherung eines menschenwürdigen Lebens gestärkt.“
Das erklärte Frank Thönnes, Ulla Schmidts parlamentarischer
Staatssekretär der Presse. Man habe „der ständigen Mäkelei (Mäkelei,
[sic!], K-online) an der Sozialhilfe (...) den Boden entzogen und
zugleich den Leistungsempfängern mehr Freiraum durch Gestaltungsmöglichkeit
gegeben.“
Aja,
mehr Freiraum, sagt der Herr der hohen Gehaltsstufe. Er ist
richtiggehend traurig und enttäuscht, denn: „Das hat
Anerkennung verdient und nicht Kritik.“
Allerdings
bestritt er nicht die sehr kreative Rechnerei der Ministerialbürokraten
zu Lasten der Bedürftigen. Das Thema überging er einfach.
Geben
wir ihm die Anerkennung, die er sich wünscht:
Ihr
Ministerium, Herr Staatssekretär, hat hervorragend zu Lasten der Bedürftigen
und zum Wohle des Fiskus gerechnet. Fast wäre es nicht aufgefallen,
wenn nicht dieser Querulant aus dem Osten gewesen wäre, der auch noch
rechnen konnte, wäre Ulla Schmidt als Retterin und Mäzenin der sozial
Schwachen in die Geschichtsbücher eingegangen. Denn ein Lob dieser Art
gab ihr ja schon. Die Talk-Masterin des WDR Böttinger, sagte von ihr
vor der Kamera, sie habe mit der Gesundheitsreform die Reform des Jahrhunderts
geschaffen. Leider ist es mit der allerdings auch nicht weit her.
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