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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 24. April
2006
GegenStandpunkt – Kein
Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart
Münteferings
„Initiative 50 plus“:
Was
es heutzutage heißt, einer „Problemgruppe“ anzugehören
Quelle:
Gegenstandpunkt
vom 26. April 2006
Ein
klasse Lebensabschnitt, den die 50-Jährigen heutzutage vor sich haben.
Diese best ager, so heißen jetzt die 50- bis 65-Jährigen, sind nämlich
in der „letzten Phase des Erwerbslebens“: Die Kinder sind aus dem
Haus, Enkel werden geboren, Konsumwünsche sind zeitlich und finanziell
erfüllbar“ (silverage.de) – Was will man mehr! Die Wirtschaft
entdeckt dann auch konsequent die Seniorenkonsumenten als Zielgruppe –
immer mehr sichtbar gut gelaunte und erkenntlich rüstige Oldies bevölkern
die Bildschirme und werben für Kukident-Haftstreifen und
verrutschsichere Inkontinenzeinlagen, dank deren Mann/Frau problemlos
auf Weltreise gehen kann. „Wir leben länger und zwar ziemlich
gesund“ (Müntefering, Die Kraft der Erfahrung nutzen, Hrsg. BMAS, März
2006)
diagnostiziert auch Arbeits- und Sozialminister Müntefering und findet,
dass es sich dabei um eine schlechte und eine gute Nachricht handelt.
Die schlechte zuerst: Wenn die Alten später sterben, dann reicht die
Summe, die er ihnen aus den sinkenden Einkommen der Jungen zubilligen
will, heute und erst recht morgen nicht mehr. Dann die gute: Bei der
Bomben-Kondition der Alten fällt es für die nicht weiter ins Gewicht,
wenn sie 2 Jahre länger die volle Arbeitsleistung erbringen, also erst
zwei Jahre später in Rente gehen und so weniger Rente beanspruchen.
Die
maßgeblichen Instanzen der Wirtschaft sehen das mit der geistigen und körperlichen
Fitness der best ager aber gar nicht so:
„Nirgendwo
anders (in Europa) haben 40‑, 50- oder 60-Jährige so schlechte
Chancen, einen Job zu finden. Sechs von 10 Unternehmen in Deutschland
beschäftigen gar keine Menschen mehr, die älter als 50 sind.“
Die
Gründe sind „höheres Krankheitsrisiko, zu hohe Tariflöhne resp. Gehälter,
zu strenge Kündigungsschutzregeln, Unflexibilität, geringe Motivation,
kurz, ältere Arbeitnehmer seien weniger kreativ, verbraucht, zu
teuer.“ (SZ, 07.03.06)
Die
Arbeitgeber müssen es ja wissen, schließlich waren sie es, die aus den
Arbeitnehmern an ausgeklügelten und ständig ertragreicher gestalteten
Arbeitplätzen immer mehr an geistiger und körperlicher Leistung
herausgeholt haben. Und außerdem haben sie die Freiheit, sich aus dem
von ihnen geschaffenen Heer von 5 Millionen Arbeitslosen zu bedienen und
dabei eine Riesenmannschaft – nach Angabe der Bundesanstalt 1,3
Millionen – von vornherein zu diskriminieren und von jeglicher
weiterer Beschäftigung auszuschließen. Die unter 50-Jährigen sind
eben relativ williger und billiger. Das bislang geregelte Ansteigen der
Löhne und Gehälter mit zunehmendem Alter, also die Gepflogenheit, das
niedrigere Alter zum Argument zu machen, weniger Lohn zu zahlen, wird
nun einfach umgedreht: Weil die Jungen billiger sind, steht den Alten
einfach kein höherer Lohn mehr zu – und deshalb sind die best ager
unbrauchbar, unnütz und überflüssig, auch wenn sie noch
Trimm-dich-Pfade bevölkern und noch lange kein Fall fürs Altenheim
sind.
Damit
bilden die über 50-Jährigen gleich eine ganze „Problemgruppe“, was
zum Schlimmsten gehört, was einem heutzutage passieren kann. Zu einem
derartigen Gegenstand sozialer Sorge werden sie nämlich nicht, weil sie
Probleme haben – die haben sie genug –,
sondern weil sie Probleme machen: Statt dem obersten Haushaltsführer
die dringend gebrauchten Beiträge und Steuergelder zu erarbeiten,
fallen sie diversen Kassen zur Last, und zwar zunehmend, weshalb Müntefering
selbstkritisch wird und Fehlentwicklungen konstatiert:
„Betriebliche
Sozialpläne und lange Zeitdauer beim Arbeitslosengeld I führten im
Zusammenhang mit flexiblen Renteneintrittszeiten faktisch zu einem
Ausscheiden zahlreicher Arbeitnehmer mit 54 Jahren und knapp darüber.
Unter starker Nutzung der Sozialsysteme machten Unternehmen –
besonders große – ihre Personalpolitik auf Kosten Dritter.“
Da
tut er so, als hätten die Arbeitgeber Schindluder mit „dem
Sozialsystem“ getrieben, aber genau so war das „Sozialsystem“ ja
gemeint: Die Unternehmer sollten sich der Älteren kostengünstig
entledigen können und das haben sie dann auch umfangreich genutzt, also
die Gelegenheit ergriffen, die ihnen der Gesetzgeber geboten hat – zu
Lasten derer, die entlassen wurden. Diese haben sich nämlich angesichts
der unmissverständlichen Ansage ihres Sozialpartners, dass das ein
Gebot der Stunde ist, notgedrungen mit etwas Geld den Kündigungsschutz
abdingen lassen, dann mit dem gegenüber vorher deutlich wenigeren Geld
des ALG I vorlieb genommen und schließlich, um der Katastrophe des
ALG II zu entgehen, saftige Abschläge – 0,3 % pro Monat für
die Zeit vor dem 65. Lebensjahr – in Kauf genommen, um früher in
Rente gehen zu können. Wenn Müntefering jetzt klagt, das sei „auf
Kosten Dritter gegangen“, dann will er damit sagen, dass für die
Finanzierung des Hinauskomplimentierens der Alten der Staat nicht mehr
mit beansprucht werden darf – dass diese Auslese also überhaupt nur
noch auf Kosten der Betroffenen zu passieren hat.
Darum
hat sich die große Koalition gleich bei Amtsantritt mit der
„Problemgruppe“ befasst und die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes
gekürzt:
„Wer
älter als 55 Jahre ist ... erhält Arbeitslosengeld nur noch für 18
Monate. ... Für alle anderen gilt generell: Arbeitslosengeld gibt es höchstens
für 12 Monate.“
Denn
von der vorherigen „großzügigen Bezugsdauer-Regelung“ von 32
Monaten ging nach maßgeblicher Auffassung „keinerlei Anreiz aus, sich
rasch wieder um einen Job zu kümmern“ (sueddeutsche.de, 26.01.2006).
Dass es für diese Leute keine Jobs mehr gibt, soll ihnen nicht
ersparen, arbeiten zu müssen. Es wird die gemeine Logik praktiziert,
die längere Bezugsdauer habe verhindert, dass sich die alten
Arbeitslosen erfolgreich um eine Benutzung durch die Arbeitgeber kümmerten.
Ein ihnen einmal eingeräumter Vorteil habe ihnen selbst geschadet,
weshalb es dann – nach eben dieser gemeinen Logik –ein Dienst an
ihnen ist, wenn die ihnen zugebilligten Rechtsansprüche beschnitten
werden.
Und
in dem Sinne geht es jetzt nach dem Willen des Arbeitsministers weiter:
„Mit
der ‚Initiative 50 plus‘ fördern wir das Bestreben, die Fähigkeiten
der 50-Jährigen und Älteren voll zu nutzen und das faktische
Rentenalter deutlich zu erhöhen“
–
so Franz Müntefering. Zuvörderst ermahnt er die Arbeitgeber, dass sie
„die Kraft der Erfahrung nutzen“ sollen. Weil er aber selber weiß,
was solche Appelle wert sind, verkündet er eine Reihe von Maßnahmen,
mit denen er sein Ziel erreichen will. Für die Angebote, die er
abschafft, macht er neue. Da die Betriebe diese Leute für zu teuer
befinden, müssen sie verbilligt werden: Unternehmer bekommen
Lohnkostenzuschüsse für die Anstellung Arbeitsloser ab 50 Jahren und müssen
bei der Einstellung von über 55-Jährigen keine Beiträge zur
Arbeitslosenversicherung zahlen. Damit sich die für unbrauchbar
Befundenen auch für die miesesten Löhne anbieten, „kann die
Differenz zwischen neuem und alten Lohn zu 50 % ausgeglichen
werden“. Und weil sich die Alten aufgrund der von Seiten des Betriebs
gewollten Vereinseitigung, die an ihnen durch die jahrelange Fixierung
auf bestimmte Arbeitsabläufe hergestellt wurde, bei Umstellungen härter
tun, „wird die Qualifizierung ab dem 50. Lebensjahr durch Übernahme
der Weiterbildungskosten von der Bundesanstalt gefördert“. Die bemängelten
„zu strengen Kündigungsregeln“ waren schon Gegenstand
gesetzgeberischer Bemühungen der alten Bundesregierung – die
Gesetzesformulierung war aber vom Europäischen Gerichtshof als nicht
Europarechts-konform beanstandet worden. Also werden jetzt
„Erleichterte Befristungsregelungen ab dem 52. Lebensjahr“
gesetzgeberisch angepackt, und zwar entsprechend „Europarechts-konform
ausgestaltet“.
Wenn
es also gilt, Hindernisse für die Beschäftigung dieser für den
Sozialstaat so problematischen Bürger zu beseitigen, dann steht das,
was einem Arbeitnehmer so in seinem langen Arbeitsleben an Lohnniveau
und Anrechten bislang zugestanden wurde, zur Disposition und muss, weil
Verhinderung lohnender Benutzung, beseitigt werden. Keiner soll meinen,
es handle sich um einen fest erworbenen Besitzstand – der ist, soweit
es etwas in der Richtung gab, hinfällig. Die Regelungen, die bislang in
der Lebensarbeitszeit und dem entsprechenden Lebenslohn in puncto
Notlagen und Altenteil enthalten waren, werden zunehmend abgebaut, weil
sie nicht mehr den Anforderungen von Staat und Unternehmern gemäß
sind.
Wie
das geht, hat Großbritannien erfolgreich vorgemacht:
„Arbeit
lohnt sich wieder: Die Kürzung staatlicher Beihilfen und die
Arbeitsmarktprogramme haben viele Menschen in Arbeit gebracht […] Die
Anreize, eine Arbeit anzunehmen, sind brutal, aber wirksam. Das
staatliche Arbeitslosengeld ist mit umgerechnet 80 € pro Woche so
niedrig, dass in den Großstädten kaum jemand davon leben kann.“ Der
Erfolg: „Großbritannien hat heute eine der höchsten Beschäftigungsquoten
in Europa.“
Das
Arbeitslosengeld ist so niedrig, dass die Leute jede Arbeit annehmen, um
überhaupt leben zu können, für einen Lohn, der dafür auch nicht
reicht und deshalb nur durch Kombination mit staatlichen Zahlungen das
Niveau erreicht, dass man „davon leben kann“! So sichert man die
Sozialsysteme – vor den Ansprüchen derer, die auf sie angewiesen
sind.
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