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„Sie halten uns für Hunde, die man prügeln muß, damit wir die von ihnen gesetzten Grenzen respektieren. Das ist ihr Verhältnis zu der Masse und so besprechen sie das untereinander. (...) Genauso wie das besitzende Bürgertum zum Anfang der kapitalistischen Entwicklung Arbeitshäuser eingesetzt hat, um aus den renitenten freien Gesellen Fabrikarbeiter zu machen, so kommt das imperiale Bürgertum heute mit neuen kollektiven Erziehungsmethoden an, um die Masse der von der Produktion ausgesonderten an ein erbärmliches Lebensniveau anzupassen."

Antwort auf Andreas Gruenwald[1].

Ich verzichte darauf, auf Deine „Erinnerung des bisherigen Entwicklungsweges“ (Kritik Teil I) zu antworten mit einer „Klarstellung“ des bisherigen Entwicklungsweges von mir. Im Diskussionsforum auf www.sozialforum-hamburg.de habe ich unter der Rubrik „Vorgeschichte des Konflikts“ zwei Texte von mir veröffentlicht, die einen inhaltlichen Dissens am Politikinhalt und den von Dir vertretenen Politikstrukturen äußern. Ich glaube, das ist aussagekräftig genug für ein Bild des Konflikts zwischen uns aus meiner Sicht. Mir fehlt auch das Engagement, einen Streit zu führen, um „Recht zu haben“ und zum 27. mal darauf hinzuweisen, daß an jenem Tag dieses und am nächsten Tag jenes abgelaufen ist – an denen, die Recht haben wollen, geht bekanntlich jede Idee zu Grunde.

Mein Satz zu den Gewerkschaften hat viel Erregung produziert. Im mündlichen Vortrag habe ich auch darauf hingewiesen, daß ich an dieser Aussage keine Freude habe. Ich selber bin seit Jahren Verdi-Mitglied. Ich kann verstehen, wenn Gewerkschafter sich hier vor den Kopf gestoßen fühlen. Ich hätte natürlich differenzieren können zwischen einem Gros der Gewerkschaften, insbesondere einer Führung, die doch längst schon die Logik des Kapitals verinnerlicht hat und davon persönlich auch profitiert und einer Gewerkschaftslinken, die um soziale Grundsätze in der Gesellschaft kämpft. Es ändert aber am Grundsätzlichen nichts, daß in den Gewerkschaften die gleiche Basislogik vorherrscht wie auf seiten des Kapitals. Auch erreicht kaum eine Kritik an den Gewerkschaften diese Qualität der Selbstdenunziation, wie sie von DGB-Chef Sommer oder in Hamburg, Herrn Pumm, ausgedrückt wird, indem sie das ganze sozialpolitische Rollback der Sozialdemokratie unterstützen durch Nichtstun und Abwiegeln gegen die, die Widerstand leisten wollen bzw. kanalisieren, wenn der Daumen nicht mehr draufgehalten werden kann.

Diese Woche stand im Spiegel, daß „das durchschnittliche Nettogeldvermögen des reichsten Viertel gegenüber dem ärmsten vom Achtfachen auf das Zwanzigfache (stieg)“. Darf man das ansprechen als Frage nach dem Erfolg der Gewerkschaftspolitik?

Ja, ich weiß, die Gewerkschaftslinke erklärt seit 30 Jahren, daß sie die Gewerkschaftspolitik von innen ändern wollen. Man hört dem nur noch ermüdet zu. Diese Gewerkschaften so wie sie heute sind, sind keine Hoffnung für niemand. Wo Frau Engelen-Kefer erklären kann, daß die Gewerkschaften „voll hinter Hartz IV“ stehen, fällt es schwer, nicht drastisch und ausfallend zu werden. Es gibt auch den Satz, daß man nie so tief sinken sollte, daß man den Kakao, durch den man gerade gezogen wird (oder sich ziehen läßt) , auch noch trinkt. Wie soll man das denn nennen wenn hier die Gewerkschaften als Verband das sozialpolitische Rollback gleich Hektoliterweise reinschlürfen (Beispiel DaimlerChrysler), um bei diesem Bild zu bleiben?

Inzwischen hat sich die Lage weiter verändert. Nachdem von Beust zur Unterstützung von Schroeder bei der Agenda 2010 aufruft, können wir so langsam von einer neuen „Volksfront von oben“ reden, die SPD, Gruene, FDP, CDU-CSU, Arbeitgeber- und Gewerkschaftsverbände umfasst, alle einig darin, daß man einen gemeinsamen Kraftakt machen muß, um die Mehrheit der Bevölkerung auf 1-EURO-Jobs einzutrimmen als den realen Bezugspunkt für ihre gesellschaftliche Anspruchsgröße, wenn auf Grund des eingeleiteten weltweiten Wettrennens im Lohndumping ihre Jobs hier flöten gehen. Da haben wir die „Solidarität der Demokraten“ gegen den Rest der Gesellschaft im Verteidigen kapitalistischer Verhältnisse.

Kaum hatte Herr Pumm gesagt, daß es für den Protest zu spät ist und man nur noch die Arbeitslosen beraten kann, erklärst Du im Hamburg Journal, daß man das Gesetz bis hin zur Substanz verändern muß. Damit hattest Du Deinen Schritt von „Weg mit Hartz IV“ zu „verändern“ vollzogen, um im Gleichklang zu bleiben mit denen, die in den Führungsetagen der Gewerkschaften gar nicht auf die Idee kämen, daß eine andere Gesellschaft möglich ist. Das ist doch nur Deine „ja-aber“-Rhethorik, wenn Du in Deinem Kritiktext erklärst, Du bist voll gegen Hartz IV und gleichzeitig, daß leider die Mehrheit der Bevölkerung dafür sei und dies berücksichtigt werden muß. (Inzwischen bist Du wieder bei „voll gegen Hartz IV“, nachdem Dich die Gewerkschaftsführung mit ihrem offenen Fahnenwechsel zur grundsätzlichen Bejahung von Agenda 2010 düpiert).

Ich lass es hingestellt, ob das auch wirklich so eine klare Mehrheitsposition ist. Aber solange die gesamte Systemkritik immanent ist, gibt es auch gar keine Chance für den Großteil der Gesellschaft, ein Gegenbewußtsein zu den herrschenden Verhältnissen und die Vorstellung von Alternativen zu ihnen zu entwickeln. Von Euch kommt doch seit eh und je immer das gleiche: ‚die anderen sind nicht so weit’. Deswegen könnt ihr denen nicht die Wahrheit sagen, also daß wir einen Systemwechsel brauchen, denn das würde sie verschrecken, obwohl ihr ja insgeheim selber der Meinung seid, so jedenfalls in den Diskussionsaussagen, daß dieser notwendig ist. Dahinter steht ein taktisches Mobilisierungsmodell, nachdem man mit kleinen Schritten Verhältnisse schafft, mit denen man dann so langsam den Systemwechsel schafft.

Ich glaube weder daran, daß man die Bourgeoisie enteignen kann mit kleinen Schritten, ohne daß sie das merkt oder Gewerkschafter, Arbeiter, Masse, Mehrheit, wie immer man das fassen will, für sie unbemerkt zu einem Systemwechsel bringen kann.

Zitat:

„Veränderung hat leider keine Anhänger, sie findet nicht aus Einsicht oder Vernunft statt. Das einzig zwingende Argument für Veränderung ist die Not. Und die zweite Wahrheit ist: Sie können nicht in homöopathischen Dosen verändern; Sie können nicht den Arm in fünf gestreckten Operationen amputieren, nur damit dem Patienten nichts auffällt.“

( Hemjö Klein, ex-Vorstand bei Bundesbahn und Lufthansa über seine Leitgedanken zitiert aus: brandeins, Heft 6/04).

Ich habe das Zitat von Klein in diese Auseinandersetzung eingeführt, weil es das Bewußtsein des Angriffs von oben nach unten ausdrückt. In der Tat ist der EIN-EURO-JOB keine „homöopathische Dosis“ mehr. Danach weiß der „Patient“, daß das, was ihm selbstverständlich war, für immer weg ist. Wo die Not des EIN-EURO-JOB allgemein erfahrbar hergestellt ist, wird sich in Zukunft der ZWEI-EURO-JOB als neues Regelarbeitsverhältnis als „nochmal vom schlimmsten davongekommen“ vermitteln. Das ist nichts anderes als das Durchsetzen einer neuen sozialpolitischen Richtschnur im Alltagsbewußtsein der Gesellschaft. Sie halten uns für Hunde, die man prügeln muß, damit wir die von ihnen gesetzten Grenzen respektieren. Das ist ihr Verhältnis zu der Masse und so besprechen sie das untereinander. Daraus kommt jetzt auch der gemeinsame Schulterschluß in der „konzertierten Aktion“ (Wirtschaftsminister Schiller 1968, oder: Die Einheitsfront von oben singt und spielt wie das Kapital dirigiert). Genauso wie das besitzende Bürgertum zum Anfang der kapitalistischen Entwicklung Arbeitshäuser eingesetzt hat, um aus den renitenten freien Gesellen Fabrikarbeiter zu machen, so kommt das imperiale Bürgertum heute mit neuen kollektiven Erziehungsmethoden an, um die Masse der von der Produktion ausgesonderten an ein erbärmliches Lebensniveau anzupassen. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso das für Euch unabhängig aller politischen Differenzen nicht selber unerträglich ist, wieso ihr auf diesen zentralen Angriff des Kapitals nicht selber antwortet mit einer offensiven Mobilisierung für einen Systemwechsel, denn eines gilt, da haben sie durchaus recht: Auf dem sich als einen Markt herausgebildeten Weltmarkt ist die privilegierte Situation für einen großen Teil der Menschen in der Metropole nicht mehr haltbar. Für sie gilt in Zukunft ebenso das, was schon längst für viele in anderen Teilen der Welt Realität ist.

Der Unterschied zwischen Metropolen und „Dritte Welt“ löst sich auf. Hier finde ich es überraschend, daß Du mir unsere alte Analyse aus den 70er Jahren über die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung vorhältst, die in Deiner Darstellung dann auch noch zur Begründung für das Verteidigen von nationalen Lösungen wird. Auch dem widerspreche ich: Wir nähern uns einer Gleichzeitigkeit der Entwicklung in immer größeren Teilen der Welt an. Das ist die Basis, auf der das Kapital alles ersetzen und mit seiner Produktion von hier nach da ziehen und in der Niedriglohnkonkurrenz die Massen weltweit gegeneinander ausspielen kann.

Kohl hat 1982 die „geistig-moralische Wende“ eingeleitet. Auf dieser Basis wird unter Führung der SPD durch die „Volksfront von oben“ die bisherige sozialpolitische Normalität durchschlagen.

(...)

20. August 2004

Karl-Heinz Dellwo


[1]  Andreas Grünwald ist Sprecher Sozialforum Hamburg

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