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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora vom 29. März 2004
Worum
geht’s beim „Sozialkahlschlag“?
Um
eine nationale Offensive gegen den Lohn – für überlegene deutsche
Wirtschaftsmacht
1.
Die Herrschenden meinen es ernst mit der Volksverarmung. Die Nöte im
Portemonnaie, die sie mit dem Sozialstaatsumbau der lohnabhängigen
Menschheit bescheren, sind keine bedauerliche Nebenwirkung einer
eigentlich gut gemeinten Sanierung der Sozialkassen; sie sind auch kein Fehlgriff
bei der Verfolgung des lobenswerten Zwecks namens „Schaffung von
Arbeitplätzen“; sie sind weder ein kurzfristiges Antikrisenprogramm
noch die eigentlich ungewollten Kollateralschäden einer aktuellen
Finanznotlage: Sie sind gewollt. Die Kosten des
Sozialen sollen gesenkt werden – und zwar auf Kosten der
Versicherten! Der Druck zur Annahme immer schlechter bezahlter Arbeit,
den die Kürzung der Leistungen aller Kassen auf Arbeitende und
Arbeitslose gleichermaßen ausübt, ist Zweck der Veranstaltung:
Die Arbeit soll billiger werden, damit das Kapitalwachstum
vorankommt.
2.
Deshalb hilft es überhaupt nichts, den staatlichen Machthabern
vorzurechnen, wie schlecht ihre Reformen dem Volk bekommen. Das trifft
sie nicht. Von wegen: Das können sie doch nicht ernsthaft wollen! Die
Auswirkungen kennen sie, diese Opfer wollen sie und fordern
sie ein. Auch gut gemeinte Vorschläge, wie sich doch auch ohne
immer neue Härten für die Massen Sozialkassen sanieren und Arbeitsplätze
schaffen ließen, gehen an der Sache vorbei: Solche Vorschläge nehmen
die Zielsetzung nicht ernst, die die Regierenden mit ihrem
Verarmungsprogramm verfolgen. Dabei machen sie auch hier gar keinen Hehl
aus den materiellen Schäden, die sie ihrem Volk zumuten. Offen
verordnen sie ihrem Volk „radikales Umdenken“ in Sachen sozialer
Sicherheit. Abschied nehmen soll man von gewohnten Leistungen; alles
andere gilt als „Anspruchsdenken“, das sich nicht mehr gehört. Das
Volk hat sich gefälligst daran zu gewöhnen, dass manches ab sofort nur
noch bedingt geht und anderes gar nicht mehr. Jeder Beschwerde, jedem
Protest begegnen die herrschenden Machthaber ziemlich ungerührt mit
einem deutlichen „Weiter so! – der Reformprozess ist unumkehrbar.“
Sie versprechen ihrem Volk nur eines: Dass sie sich durch keinerlei
Bedenken von ihrem neuen Kurs abbringen lassen werden.
3.
Die Regierenden haben nämlich befunden: Die alten Sozialsysteme
vertragen sich nicht mehr mit dem Auftrag, Wachstum zu fördern und den
Wirtschaftsstandort voranzubringen. Ihr Befund lautet: Die Arbeit ist in
Deutschland zu teuer; und der Aufwand, den die sozialen Kassen für
den Unterhalt von Arbeitslosen, Kranken, Rentnern, Sozialhilfeempfängern
treiben, ist zu hoch. Zu hoch für wen, ist auch keine
Frage. Sicher nicht für diejenigen, die als – Arbeitslose, Kranke,
Rentner, Sozialhilfeempfänger davon leben müssen. Zu hoch sind
die Aufwendungen für sozialstaatliche Betreuung unter einem ganz
anderen Gesichtspunkt: Sie sind Kosten, die die deutsche
Wirtschaft und die Staatskasse belasten. So lautet der
offizielle Befund, der den Reformkurs anleitet: Die Finanzierung des
Lebensunterhalts der arbeitenden Menschheit im bisherigen Umfang ist mit
dem Wachstum am Wirtschaftsstandort Deutschland unvereinbar.
4.
Mit diesem selbstkritischen Befund reißt die Politik den alten
Sozialstaat ein. Derselbe Staat, der dieses System eingerichtet, es
jahrelang für gut und nützlich befunden und auf immer neuem Niveau
organisiert hat, befindet es nun für untragbar. Seine neue Optik
lautet: Statt dass die Sozialsysteme – wie es bislang ihre
Aufgabe war – ein gedeihliches Umfeld für das kapitalistische
Profitemachen schaffen, stehen sie ihm im Wege. Die Maßnahmen,
mit denen der Staat die Arbeiterschaft betreut, sowie der dafür
betriebene finanzielle Aufwand gelten der Politik jetzt nicht mehr als
Hilfsmittel für freie und flexible Benutzung der Arbeiterschaft durchs
Kapital. Sie gelten vielmehr als ein einziges Hindernis für den
rentablen Einsatz der Arbeitskraft. Die Betreuung, die der Sozialstaat
den Arbeitslosen hat zukommen lassen, definiert die Politik nun als Grund
für die wachsende Arbeitslosigkeit: Mit „Lohnersatzleistungen“ sei
Leuten ermöglicht worden, sich dem Zwang zur Arbeit zu
entziehen; so seien sie nicht für den Arbeitsmarkt fit gehalten,
sondern gerade umgekehrt dem Arbeitsmarkt entzogen worden. Und
der Aufwand für Krankheit und Alter gilt der Politik nicht mehr als
notwendige Betreuungsleistung der Arbeiterklasse, sondern nur noch als lästige
Kost, die das Kapital unzumutbar belastet. Auch das Arbeits- und
Tarifrecht erfährt eine Umdefinition: Statt nützlicher Regeln für das
profitable Zusammenwirken von Kapital und Arbeit liegen hier nach
neuestem Befund lauter Beschränkungen vor, die das Kapital an
wachstumbringenden Investitionen hindern.
5.
Aus ihrer Selbstkritik folgt für die regierenden Politiker deshalb
messerscharf: Diese „Beschränkungen“ müssen weg! Mit einer
radikalen Absenkung von sozialstaatlichen Leistungen und neuen
arbeitsrechtlichen Freiheiten muss dafür gesorgt werden, dass das
Kapital die Arbeiterschaft zwecks Stärkung der deutschen
Wirtschaftskraft wieder verstärkt in Dienst nimmt. Daher muss der Preis
der Arbeit von allen verfälschenden Zusätzen befreit werden, die
Unternehmen daran hindern könnten, mit ihr als lohnender Kost zu
kalkulieren. Dazu gehört insbesondere auch, dass diejenigen, die zum
Profitemachen nicht benutzt werden, sich in Lebensverhältnissen unterhalb
des neuen Normallohnniveaus zu fügen haben. So werden nicht nur die
staatlichen Kassen geschont; so wird zugleich sichergestellt, dass die
Not, die jede Entlassung nach sich zieht, zum unwidersprechlichen
„Anreiz“ für die Entlassenen wird, auch wirkliche jede Arbeit
anzunehmen
6.
Woher kommt die Entschlossenheit der Politik zu diesen „Reformen“?
Sie antwortet damit auf den Stand der Konkurrenz, zu dem sich die
imperialistisches Staatengemeinschaft vorgearbeitet hat. Um sich in
dieser Konkurrenz durchzusetzen, sieht es die Staatsführung als unerlässlich
an, der deutschen Arbeitermannschaft eine neue Sorte der Indienstnahme
zu verordnen, die dem Kapital vom deutschen Standort aus zu neuen
Weltmarktsiegen verhelfen soll. Damit soll Deutschland zu einem
unschlagbaren Angebot für alle anlagewilligen Kapitalisten der
Welt gemacht werden. Hier sollen sie ihr Vermögen anlegen, deutsche
Arbeitskraft in Dienst nehmen und damit sicherstellen, dass Deutschland
seinen Erfolgsweg als Weltwirtschaftsmacht mit neuer Kraft fortsetzen
kann. Die anderen mächtigen Wirtschaftsnationen setzen ebenfalls alles
daran, Land und Leute bei sich zum attraktiven Standort für das
kapitalistische Geschäft herzurichten. In diesem Konkurrenzkampf
bringen sie Leistung und Lohn der arbeitenden Bevölkerung als die
Ressource zum Einsatz. Dies soll den Geschäftssinn derer beeindrucken,
die ihr Geldvermögen nur dort und dann in „Arbeitsplätze“
investieren, wenn für ihren Reichtum garantiert ein Mehr an
Kapitalwachstum herausspringt. In dieser Konkurrenz soll
Deutschland nach dem Willen der politischen Macher Spitze
bleiben.
7.
Die neuen Ansprüche, die die Politik selbst an den
Kapitalstandort Deutschland stellt, sind der Grund für ihren
Radikalismus im Umgang mit Lohn und Sozialleistungen. Die politische
Gewalt unterschreibt vorbehaltlos das Recht des Kapitals, nationale
Arbeitermannschaften wie alle anderen „Standortfaktoren“ nur nach
einem einzigen Maßstab zu vergleichen: Was lässt sich aus ihnen
an Gewinn herausschlagen. Sie bekennt sich dazu, dass der
Lebensunterhalt der Leute davon abhängig sein soll, wie gut die Nation
in diesem Vergleich besteht; und sie tut mit aller Macht das Ihre
dazu, dass die „Arbeitskosten“ dabei jedenfalls nicht im Wege
stehen.
Die
politische Führung der Nation präsentiert sich mit diesem Programm in
trautem Einklang mit deutschen Wirtschaftsbossen. Die sehen die
Sache schon immer so, dass der Staat mit seinem Sozialklimbim ihrem persönlichen
Recht auf Profitemachen im Wege stehe. Dieser neue Einklang hat seinen
Grund allerdings keineswegs darin, dass die Politik vor „der
Wirtschaft“ eingeknickt wäre und ihren eigentlichen Auftrag vergessen
hätte, sich fürsorglich um das ganze Volk zu kümmern. Es ist schlimmer:
Die Politik hat ihre ganz eigenen Gründe dafür, Land und Leute
so konsequent der Rentabilitätsrechnung des kapitalistischen Geschäfts
zu unterwerfen. Vom Gelingen dieser Rentabilitätsrechnung hängt
nämlich ab, über welche ökonomischen Potenzen der Staat verfügt: Die
nationale Steuerkraft, der Wert des nationalen Geldes – also der
Kredit, den der Staat international genießt, beruhen darauf, welches
Wachstum das Kapital hierzulande zuwege bringt. Und wenn sich das gewünschte
Wachstum heutzutage allein über den Erfolg im Standortvergleich
einstellt, dann sieht sich der Staat herausgefordert, alle Mittel, die
seiner politischen Macht verfügbar sind, zum Einsatz zu bringen,
damit das Kapital seine Bereicherung als Dienst an deutschem Reichtum
betreibt. Auf den ökonomischen Mitteln, die dieses Wachstum einspielt,
beruht die ökonomische Macht und damit auch die politische Macht der
Nation. Deshalb dürfen deutsche Bürger erfahren, was es sie
kostet, ökonomische Ressource einer reichen und mächtigen
Nation zu sein, die sich gesamteuropäisch aufmacht, Weltmacht zu
werden.
Dies
ist die Radio-Fassung des dritten von sechs Flugblättern zur
Demo gegen den Sozialkahlschlag am 3. April in Berlin, Köln und
Stuttgart.
Die Flugblätter stehen im Internet unter der Adresse http://streitschriften.argudiss.de/
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