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Koalition hält Kurs

Einigung auf sozialdarwinistisches Elterngeld

Von Rainer Balcerowiak

Quelle: jungeWelt vom  3. Mai 2006

Der Streit innerhalb der großen Koalition um die Ausgestaltung des künftigen Elterngeldes und der sogenannten Reichensteuer wurde am Montag beigelegt. Ohnehin war nicht erkennbar, daß es sich um grundlegenden Auseinandersetzungen handelte, die gar zu einer Koalitionskrise hätten führen können. Zu ähnlich waren sich die Grundpositionen der Koalitionsparteien in diesen Fragen.

Kernpunkt des Elterngeldes ist, daß die Förderung des Kinderkriegens nach dem Prinzip der sozialen Auslese erfolgen soll. Je nach Höhe der vor einer Geburt erzielten Einkünfte variiert das Elterngeld zwischen 300 und 1800 Euro monatlich. Während gut verdienenden Müttern, denn um die geht es fast ausschließlich, vom Staat ein auskömmliches Kinderjahr spendiert wird, müssen beispielsweise Hartz-IV-Empfängerinnen mit einem Almosen von 300 Euro vorlieb nehmen. Während die vielbeschworenen kinderlosen Akademikerinnen materielle Anreize erhalten, wird armen potentiellen Müttern klar und deutlich gesagt, daß man deren Kinder zwar nicht verhungern lassen will, aber eigentlich kein Bedarf für sie vorhanden ist.

Vier Milliarden Euro soll das Elterngeld kosten. Statt damit eine sozialdarwinistisch motivierte Umverteilung zu finanzieren, wäre der Einsatz dieser Mittel in der Betreuungsinfrastruktur dringend vonnöten gewesen. Der frühkindliche und vorschulische Bereich gehört zu den marodesten Baustellen der deutschen Bildungspolitik. Das betrifft sowohl die Ausstattung der Einrichtungen und die Qualifikation der Mitarbeiter als auch die hohen, für viele arme Familien kaum überwindbaren finanziellen Hürden, die vor der Nutzung von Betreuungsangeboten stehen.

Die Grundlinie der von der Koalition angekündigten »Offensive für Bildung und Familie« wird jedenfalls deutlich. Für die reibungslose personelle Kontinuität der Wirtschafts- und Verwaltungseliten, der technischen Intelligenz und eines schrumpfenden Mittelbaus braucht man eine gewisse Anzahl »bildungsfähiger« und somit förderungswürdiger Kinder. Für den Rest hält man die Rütli-Schulen dieser Republik und jede Menge Ein-Euro- oder Kombilohn-Jobs bereit.

Eigentlich nur noch zum Lachen ist der zweite Koalitionsbeschluß vom 1. Mai, und das nicht nur, weil alle gewerblichen Einkünfte -– und somit auch die Megaprofite der Konzerne – von der »Reichensteuer« ausgenommen sind. Der als »Schritt zu mehr sozialer Gerechtigkeit« verkaufte dreiprozentige Aufschlag auf die Einkommenssteuer für Großverdiener dürfte im Ergebnis nicht mehr als eine gut bezahlte Trainingseinheit für Steuerberater werden. Selbst wenn, was Experten bezweifeln, durch den Steueraufschlag Mehreinnahmen von einer Milliarde Euro erzielt werden sollten, wären das angesichts der privaten Vermögensentwicklung in Deutschland und der gehorteten Geldmengen der Kapitalgesellschaften Peanuts.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2006/05-03/034.php

(c) Junge Welt 2006

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