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Er
schoss nicht auf die Polizei - die Polizei erschoss ihn:
Mark
Duggan, 29 Jahre alt |
London:
Augenzeugenbericht
der Ereignisse der letzten Nächte
TOTTENHAM
BRENNT NIEDER
von
Reuben Bard-Rosenberg
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke |
London:
Augenzeugenbericht
der Ereignisse der letzten Nächte
TOTTENHAM
BRENNT NIEDER
von
Reuben Bard-Rosenberg
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Kommunisten-online
am 10. August 2011 – Es war am 6. August 2011 um 22 Uhr, als ich
an einer Barrikade der Polizei südlich der Polizeistation von Tottenham
ankam. Dort traf ich auf eine Menschenmenge von ca. 500 Leuten aller
Altersklassen. Die meisten Menschen waren wütend. Einige Menschen waren
Schaulustige. Andere Menschen wollten einfach nur nach Hause kommen.
23
Uhr / An der Polizeikette von Tottenham
An
der Polizeikette kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Ein paar Mädchen
mit Ghana-Flaggen mussten die Straße hinauf gehen. „Meinst du, dass
uns die Polizei durchlässt, wenn wir sie darum bitten?“, fragte eines
der Mädchen. „Wenn wir da rausgehen, dann schlagen die uns nieder“,
antwortete ihre Freundin.
In
der Tat, eine Sache, die mir auffiel, war es, wie die schwarzhäutigen
Jugendlichen auf die Präsenz der Polizei reagierten. Vielleicht verständlich
hatten viele von ihnen viel mehr Angst vor der Polizei als die meisten
Studenten, mit denen ich mitgelaufen bin. Jede Bewegung von
Menschengruppen Richtung Polizei endete mit einem raschen Weglaufen zurück
der Leute in Angst.
Bis
Mitternacht passierte somit nicht viel auf unserer Seite der von
Polizeiposten gezogenen Barrikade. Aber die Lage war doch spürbar
angespannt. Unterdessen stieg auf der anderen Seite der Barrikade Rauch
auf. Kurz darauf sahen wir riesige Brände hinter den Polizeiketten. Ein
Postamt und ein Doppeldecker-Bus brannten dort nieder.
24
Uhr / Brennende Barrikaden
Einige
Freunde zogen mit mir los. Wir gingen ein paar Seitenstraßen hinunter
und wollten zur anderen Seite hinter den Polizeiketten gelangen. An der
Ecke von Bruce Grove und Tottenham High Road hatten sich die
demonstrierenden Leute völlig im Griff. Polizeiketten, die nun südlich
von uns standen, wurden nach Mitternacht dort ständig beworfen. Die
Luft war voller Rauch. Als die Polizei vorstieß, reihten einige
Jugendliche rasch Mülltonnen auf und bauten daraus eine brennende
Barrikade. Dabei holten sie immer mehr Mülltonnen von der Bruce Grove.
„Geht nicht zu The Farm“, sagte ein Mann und meinte damit das
Broadwater Farm - Gebäude, wo es zu ähnlichen Auseinandersetzungen in
den frühen 80er Jahren gekommen war. Derweil wurde von Randalierern ein
William Hill - Wettbüro zerschlagen.
Die
Menschenmenge auf den Straßen war immer noch ein buntes Gemisch. Jetzt
waren es allerdings vor allem junge Männer und Frauen. Einige wollten
gegen die Polizei losschlagen. Andere wollten ihre Unterstützung
zeigen. Zahlreiche Schaulustige und Anwohner wollten einfach nur sehen,
was da abging. Ein paar Häuserblöcke weiter war die High Road durch
eine riesige Barrikade in zwei Teile getrennt. Die Angriffe der Polizei
wurden immer stärker, andererseits griffen die großen Brände in der
Fläche immer stärker um sich.
Brandnacht
in Tottenham
Wir
sprachen mit einer Gruppe von Frauen außerhalb ihres Hauses. Sie fanden
es überhaupt nicht in Ordnung, die kleinen Geschäfte in Brand zu
setzen, weil ja „diese Leute sehr hart arbeiten“. Andererseits
meinten sie, dass die Polizei jetzt bekommen würde, was sie längst
verdient hat. Und sie freuten sich über eine Frau mittleren Alters, die
ein riesiges Huhn aus dem Aldi geplündert hatte. In der Tat war es so,
dass ich die ganze Nacht hindurch keine direkte Verurteilung der
Ausschreitungen von den Anwohnern oder Schaulustigen zu hören bekam.
Tottenham
hat nichts mehr zu verlieren
Im
sozial ungleichsten Stadtteil Großbritanniens randalieren die
Jugendlichen nicht aus Spaß. Armut und Chancenlosigkeit sind die
tieferen sozialen Ursachen hinter dem öffentlichen Wutausbruch in
Tottenham in diesen Tagen, so Elly Badcock.
Tottenhams
Parlamentsmitglied David Lammy sagte am Sonntag, dass das Viertel
„sich das Herz herausgerissen hat“ durch „gewissenenlose
Menschen“. Einerseits ist dies völlig wahrheitsgemäß: gewissenlose
Politiker setzen drakonische Sparmaßnahmen durch und haben das Herz aus
einem Viertel gerissen, welches seit Jahrzehnten in Rassismus und
sozialer Ungleichheit erstickt.
Randalieren
ist eine sehr riskante Sache, vor allem für Jugendliche und Schwarzhäutige.
Menschen lassen sich nur darauf ein, wenn es das letzte Mittel zu sein
scheint und sie nichts mehr zu verlieren fürchten. Tottenham ist ein
Stadtviertel, welches über 30 Sprachen spricht. Vor allem Menschen mit
Herkunft aus Afrika und der Karibik leben in Tottenham. Sie meinen, dass
ihre vielschichtige Gegend am härtesten unter Rassismus auf dem
Arbeitsmarkt und auf den Straßen leidet.
Die
schwarzhäutigen Menschen in London machen rund 50% der Londoner
schlecht bezahltesten Arbeitskräfte aus. Sie schuften billigst als
Putzkräfte, Haushaltshilfen und Zimmermädchen. Sie werden siebenmal
mehr von der Polizei gestoppt und durchsucht als andersfarbig aussehende
Menschen. Ist jemand in Haringey, dem Stadtteil mit dem Viertel
Tottenham geboren, dann wird dieser Mensch statistisch zwei Jahre früher
als die anderen Engländer sterben. Diese Gegend ist die ungleichste
Gegend in ganz England. Ihre 15 Verwaltungsbezirke bilden die reichsten
und ärmsten Teile des gesamten Landes. 10.557 Menschen in Haringey
leben von Leistungen für Arbeitssuchende und konkurrieren um 450 Jobs.
Die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie der landesweite
Durchschnitt von 8,8%.
Viel
hämische Freude kam auf, als Anwohner Plünderungen von Kosmetik- und
Lebensmittelläden anschauten. Gelächter gab es über das Foto jener
grinsenden Frau, die nachts ein Brathähnchen vom Aldi hochhält. All
jene jedoch, die da voller Verachtung für die Menschen vor Ort sind,
die gerade mal jetzt nachts mit ihren Einkaufswagen durch Rauch und
Schutt steigen, sollten zweimal nachdenken: Haringey hat die vierthöchste
Rate an Kindersterblichkeit in London, dort leben 22% der
Alleinerziehenden von weniger als 134 Pfund pro Woche. Haben diese
Menschen die Gelegenheit, sich mit Windeln und Toilettenpapier
einzudecken, dann ist dies für diese Anwohner eine sinnvolle Sache,
denn wenn der Winter kommt, können sich einige Familien so sogar
leisten, ihre Wohnung zu heizen.
Dies
ist die Realität, wenn Menschen nichts mehr zu verlieren haben. Dies
ist die Realität, die Jugendliche dazu führt, mit Benzinbomben Supermärkte
anzuzünden, Polizeiwagen niederzubrennen, Sprengkörper und Steine und
Flaschen auf Einsatzkommandos der Polizei zu werfen, brennende
Barrikaden zu errichten - und dies auch noch alles ohne Furcht zu tun.
Lange
aufgestautes Misstrauen in die Polizei trug zur Furchtlosigkeit der
jungen Tottenhammer bei. 1985 führte der Tod der 49 Jahre alten Cynthia
Jarrett bei einer polizeilichen Razzia zu Ausschreitungen am Tottenham's
Broadwater Farm - Gebäude und den Tod des Polizeibeamten Keith
Blakelock. Die Anwohner benutzten Benzinbomben, Steine, Gewehre und
brennende Barrikaden in Reaktion auf rassistische Angriffe auf ihr
Viertel. 26 Jahre danach bieten die Tode von Jean Charles de Menezes,
Smiley Culture und Mark Duggan eine schon vertraut zu nennende Kulisse für
ein sehr ähnliches Geschehen.
Wer
letzte Nacht die Tottenham High Road runtergelaufen ist, hatte es
unglaublich schwer, jemanden zu entdecken, der die Randale verurteilt.
Die bürgerlichen Konzernmedien gaben ihr Bestes, um nach endlosen
Versuchen irgendwo doch noch einen verängstigten Anwohner aufzuspüren,
der sich „unsicher“ fühlt. Gegen 3 Uhr früh sprach ich mit einer
Familie von 5 Leuten außerhalb ihrer Eingangstür, unter denen die
Mutter sich an die Ausschreitungen vom Tottenham Broadwater erinnerte.
Auch wenn sie sich über die Folgen der Plünderungen kleiner ortsansässiger
Geschäfte beklagten, so war die Trauer dieser Familie um den Verlust
von Mark Duggan als Freund dieser Menschen weitaus größer und wurde
herb darüber gescherzt, dass beim Aldi ein Randale-Sonderpreis vermisst
werden würde. Die alte Großmutter der Familie machte sich dann auf den
Weg nach Hause auf der anderen Seite von Tottenham. Auf einen Weg durch
Barrikaden und Polizeiketten. Die Kamerateams versteckten sich verschämt
hinter den Polizeiposten nahe Seven Sisters. Dies ist ein Stadtteil mit
einer langen Geschichte und einem guten Gedächtnis und einer wirklich
'großen Gesellschaft'. Die Anwohner stehen zusammen, furchtlos und
vielschichtig. Sie stehen zusammen gegen einen Staat, der ihnen
Schmerzen zufügt, durch den sie unter Diskriminierung leiden. Und all
dies seit Jahrzehnten.
Die
um sich greifenden Ausschreitungen des Samstags von der Gegend um die
Tottenham High Road bis hin nach Wood Green und am Sonntag bis Enfield
Town betrifft Gegenden, die von den drastischen Kürzungsmaßnahmen
schwerwiegend betroffen sind und zu den ärmsten Verwaltungsbezirken
Londons zählen. Verfolgt man enfield, woodgreen und tottenham auf
Twitter sowie den Counterfire live blog, dann erhält man ständig
Updates.
***
Öffentliches
Meeting:
Randale,
Rezession und Widerstand
/
11. August
Veranstaltet
von der Koalition für Widerstand und Schwarze Aktivisten Stehen Auf
Gegen die Kürzungen -
Was
bedeuten die derzeitigen Ausschreitungen in Großbritannien?
Was
geht da vor sich?
Was
können wir tun?
Alle
sind eingeladen. Kommt und diskutiert. Und entscheidet, was zu tun ist.
John
McDonnell MP
Lee
Jasper (Barac)
Clare
Solomon (ed Springtime, the new student rebellion)
Zita
Holbourne (PCS and Barac)
Andrew
Murray (Unite the Union)
Viv
Ahmun Black (Men in the Community)
Josie
Fraser (mother of Demetre Fraser death in custody)
Merlin
Emmanuel (Smiley Culture)
Symeon
Brown (youth activist in Haringey)
Aaron
Kiely (NUS black students campaign)
James
Meadway (chief economist New Economics Foundation)
Donnerstag,
11 August, 19 Uhr
The
Venue, University of London Union
Malet
St,
London,
WC1
Alle
sind willkommen!
Kommentare:
Freedom
14, Juli 2011 um 10:05 Uhr:
Heute
ist der Jahrestag des Sturms auf die Bastille, womit die Französische
Revolution startete.
Friedlich
natürlich braucht dieses Unterdrückte Land eine Revolution für eine
Bessere RegierungsQualität BesserePolitik und auch zum Wegdrängen der
Selbstsucht, die der Kapitalismus erzeugt hat.
Lois
Hubbard am 14. Juli 2011 um 11:41 Uhr:
Völlige
Auflösung des umfassenden Bildungswesen für alle UND das Unterlaufen
des Ansehens des liberalen Denkens, welches wir in diesem Land einst
aufbauten.
Quellen:
http://counterfire.org/index.php/news/14468-tottenham-burning-a-first-hand-report-of-last-nights-events
http://www.coalitionofresistance.org.uk/2011/07/video-from-coalition-of-resistance-conference/
http://www.counterfire.org/index.php/articles/51/14471
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