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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 14. November 2005
GegenStandpunkt
– Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 16.
November 2005
Zur
Randale in den französischen Vorstädten:
Warum
ausgegrenzte Jugendliche aufsässig werden und wie die demokratische
Obrigkeit mit Leuten umspringt, die für den Kapitalismus zu viel sind
Frankreich
erlebt den ziellosen Aufstand eines wenig gelittenen und
besonders schlecht behandelten Teils seiner Überbevölkerung.
Quelle
Es
heißt, die Jugendlichen, die in Frankreich auf die Straße gehen, hätten
„keine Perspektive“. Eine sehr vornehme Umschreibung ihres Status in
dieser Gesellschaft: Für die allermeisten von ihnen gibt es nämlich
keine nützliche Verwendung. Wie sie sich überhaupt nur nützlich
machen können, ist in dieser Gesellschaft klar und eindimensional
definiert: durch Arbeit gegen Lohn. Für die randalierenden Jugendlichen
gilt insofern dasselbe wie für alle anderen Franzosen, die nicht das Glück
hatten, reich geboren zu werden. Doch auch in Frankreich lassen
Unternehmer nur unter der Voraussetzung für sich arbeiten, dass der
Lohn, den sie vorschießen, sich auf ihrer Seite als Mehrung ihres
Reichtums niederschlägt. Und das Urteil, das über die Jugendlichen
aus den französischen Vorstädten in ihrer großen Mehrheit ergangen
ist, lautet: Nein danke, kein Interesse. Wie in ganz Europa befleißigen
sich französische Unternehmer zunehmender Zurückhaltung, was die Bestückung
ihrer Fabriken und Büros mit menschlichem Inventar angeht. Auch in
Frankreich ist die Karriere vom Arbeitslosen zum Langzeitarbeitslosen
schon sehr normal geworden – und auch in Frankreich hat man sich daran
gewöhnt, dass eben diese Langzeitarbeitslosen früher oder später im
obigen Sinne endgültig ‚nutzlos‘ sind. Ironisch gesprochen, bleibt
sehr vielen Jugendlichen in den Banlieues der großen Städte – ebenso
wie ihren Eltern – die übliche Karriere eines Lohnarbeiters gleich
„erspart“: Mit Arbeit bzw. mit dem Zwang, sich damit einen
Lebensunterhalt zu verdienen, anschließend mit dem Verlust der Arbeit
und dem sich daran anschließenden Zwang, sich doch irgendwie wieder
eine zu ergattern, kommen sie gar nicht erst in Berührung. Sie starten
ihr Leben gleich als Bestandteil der Überbevölkerung, also der
Leute, die das Kapital ein für allemal aus seinem Kreislauf
ausgeschieden hat, und ihre „Perspektive“ ist, dass sie das auch
bleiben. Aber wollen diese Jugendlichen sich über diese
„Perspektivlosigkeit“ beschweren, wenn sie Autos anzünden, wollen
sie dagegen protestieren?
Nun
sind Zeitungen und TV-Sendungen voll mit Informationen über die soziale
Lage in den französischen Vorstädten und es gibt Sozialexperten, die
in der Randale „Verzweiflung“ und einen „Hilferuf“ entdeckt
haben wollen. Wenn die Jugendlichen via Fernsehen oder Zeitung selbst
etwas erzählen dürfen, dann kommen durchaus Äußerungen über
fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze vor. Aber immer als Bild dafür,
dass sich um sie eh keiner kümmert, sie wie der letzte Dreck betrachtet
und behandelt werden. Wenn sie überhaupt ein Anliegen oder gar eine
Forderung vorbringen, dann ist die folgerichtig auf der höheren Ebene
der persönlichen Ehre angesiedelt: Frankreichs Innenminister
Sarkozy soll sich dafür entschuldigen, vielleicht auch deswegen zurücktreten,
dass er sie als „Gesindel“ und „Abschaum“ bezeichnet hat und
ihnen mit dem „Hochdruckreiniger“ kommen will. Diese Äußerungen
waren zwar nicht der Auslöser der Randale – Sarkozy sagte das erst,
nachdem sie schon angefangen hatte –, aber dass sich der Unmut der
Aufsässigen daran besonders entzündete, wirft ein Licht auf das, was
man ihre ‚Seelenlage‘ nennen könnte.
„Ständig
heißt es, wir müssten dies und das respektieren. Aber wer respektiert
uns? Solange wir uns still halten, kümmert man sich einen Dreck um uns!“
(NZZ Online, 6.11.05)
Diese
Jugendlichen beschäftigt nicht die Frage, wie und warum sie unbrauchbar
sind bzw. gemacht werden. Der kapitalistische
Arbeitsmarkt und warum ihnen der so feindselig gegenübersteht, ist ihr
Ding nicht. Sie sind wütend über die Folgen ihres
Ausgeschlossenseins, und dabei erregen sie sich weniger über das
fehlende Geld, als vielmehr über den alltäglichen Rassismus, der ihnen
entgegenschlägt, über die Diskriminierung durch Polizei und andere
staatliche Behörden, also über ihren Status als Außenseiter, für die
die Staatsgewalt schikanöse Kontrollen übrig hat und sonst nichts.
„Die
gehen nur nach dem Aussehen und beschimpfen dich. Selbst wenn du dich
ausweisen kannst, schlagen sie dir den Ausweis aus der Hand und drücken
dich mit dem Gesicht gegen die Wand. Dann ziehen sie dich fast aus und
greifen dir in den Intimbereich, um nach Drogen zu suchen.“ (SZ,
10.11.05)
Dagegen
halten sie, dass sie – trotzdem – doch „auch wer sind“.
Und für den Beweis, dass man ihnen – egal, wie ihre so genannte
„soziale Lage“ ist – staatlicherseits Respekt schuldet,
schmeißen sie Steine und Molotow-Cocktails. Das ändert zwar nichts an
ihrer „sozialen Lage“, aber darum geht es ihnen auch nicht
mit ihrem nächtlichen Ausrasten, sondern um Rache
dafür, dass sie aus der französischen Gesellschaft ausgegrenzt werden,
also darum, dass man sie nicht ausgrenzen soll. Immerhin sind sie doch Franzosen
– was sie gerade dadurch unterstreichen, dass sie sich enttäuscht und
verbittert geben und stolz den Rassismus der
Normalbürger zitieren, indem sie sich selbst als
„Araberfressen“ bezeichnen. Die Tatsache, dass sie von der
Staatsgewalt täglich unter den Verdacht gestellt werden, sich als eben
dieser ausgemusterte Bevölkerungsteil unruhestiftend und kriminell
aufzuführen – viel anderes bleibt ihnen ja nicht –, und dass sie
entsprechend bekämpft werden, legen sie sich so zurecht, dass ihr
Vaterland nicht einsieht und respektiert, dass es sich bei ihnen
keinesfalls um schlechte, nur eben um besondere Franzosen
handelt. Und genau das soll der französische Staat gefälligst,
notfalls mit ein wenig gewalttätiger Nachhilfe ihrerseits, einsehen und
respektieren.
Hartgesottene
Staatsdiener wie Sarkozy drehen diese Sichtweise der jugendlichen
Randalierer einfach um: Solche Politiker sind sich sicher, dass die
„Ursache“ des Aufruhrs darin liegt, dass die Armen aus den Vorstädten
ihrerseits nicht genügend Respekt aufbringen – vor der
gesellschaftlichen Ordnung nämlich. Sarkozy
interessiert sich nicht für den wirklichen Status dieses
Segments der französischen Klassengesellschaft: Dass diese Gesellschaft
menschlichen Ausschuss produziert, wenn sie z. B. an diesen
Jugendlichen keinen Nutzen für sich entdeckt, ist für ihn bloß ein Ordnungsproblem,
dem mit den entsprechenden Ordnungsmaßnahmen beizukommen ist. Daher
gehen die Regierung Frankreichs und ihr zuständiger Minister schon seit
einiger Zeit gegen die „rechtsfreien Räume“ mit Klein- und
Bandenkriminalität vor, die sie in den Banlieues entdeckt haben wollen.
In diesem Sinne gehören die Unmutsäußerungen der in diesen Gegenden
wohnenden Leute gewaltsam unterdrückt – dann passen sie sich
vielleicht wieder an und fallen nicht unangenehm auf.
Der
Aufruhr aus den Vorstädten kommt aber auch bei der akademisch
gebildeten Öffentlichkeit an. Die Randale deckt auf – und das nicht
zum ersten Mal –, welches Elend in Frankreichs Vorstädten herrscht.
Darum ist es auch für sie – zum x-ten Mal – „höchste Zeit, die
Ursachen zu erforschen“. Kritische Personen melden sich und fragen, ob
man diese Leute auch nachdrücklich und überzeugend genug darauf
aufmerksam gemacht hat, dass man sich mit der richtigen Einstellung und
mit ein wenig Hilfestellung durch geschultes Fachpersonal im Elend tatsächlich
einrichten und sich mit ihm abfinden kann. Hat man denn den
Aufruhr nicht geradezu provoziert, indem man diese Leute in die Vororte
verbannt und die Ausgaben für Sozialarbeit reduziert hat? Könnten
nicht umgekehrt die Unruhestifter wieder auf den richtigen Weg geführt
werden, wenn man ihnen nicht mit der Polizei, sondern mit staatlich
bestellten Armutsberatern kommt? – Premierminister de Villepin
antwortet mit einer Doppelstrategie: Er verstärkt einerseits die
Polizeikräfte und verhängt eine nächtliche Ausgangssperre, aber er
verweist andererseits auch darauf, dass er ein Herz für die „sozial
Benachteiligten“ hat, was man daran erkennen könne, dass er einen
Vorzeige-Benachteiligten, der doch wohl ein Vorbild für die entgleiste
Jugend ist, auf Vorrat hat:
„Demonstrativ
favorisiert de Villepin den jungen Azouz Begag, Ministre délégué, was
etwa einem Staatsekretär entspricht. Der gelernte Soziologe Begag, der
Kindheit und Jugend in einem verkommenen Slum verlebt hat, ist
gewissermaßen das soziale Gewissen dieser Regierung.“(SZ,
3.11.05)
Diese
Geheimwaffe zieht der Ministerpräsident heraus und schickt seinen
Staatsekretär auf die Straße – das wird allgemein als schöne Geste
empfunden und keiner fragt, was sich dadurch eigentlich für die
Jugendlichen verbessert. Aber das scheint
sogar deren ‚Seelenlage‘ entgegenzukommen. Eine Gruppe lässt sich
glatt von de Villepin zu einem Gespräch einladen, nachdem sie vorher
Sarkozy diese Ehre verweigert hat. Doch der Premierminister tut
noch mehr und legt ein paar zusätzliche Sozialprogramme auf. Kein
Mensch kommt dabei auf die abwegige Idee, damit würde ein einigermaßen
anständiger Lebensunterhalt für die Armen finanziert. Aufgabe der
Sozialarbeit ist es schließlich noch nie gewesen, der kapitalistisch
produzierten Überbevölkerung das Geld zur Verfügung zu stellen, das
man sie mit Arbeit nicht verdienen lässt. Es geht vielmehr darum, dass
die Leute sich „aufgehoben“ fühlen können, dass man ihnen „zuhört“,
dass man ihnen Tipps und Unterstützung gibt, wie sie in und mit
ihrem Elend zurechtkommen können. Dafür wird sogar von Staats
wegen ein bisschen Geld locker gemacht.
Diesen
Vorteil hat die Randale in Frankreich dann doch gehabt: Selten wurde so
umstandslos und deutlich ausgedrückt, dass Sozialarbeit und das dazugehörige
Gerede von der „Integration“ sich nur dem einen obrigkeitlichen
Zweck verdankt: Diese Leute, die Grund genug hätten, sich gegen
das hohe Gut des „sozialen Friedens“ zu wenden, sollen stillhalten
– damit die Klassengesellschaft ungestört ihren Gang gehen kann. Dafür
werden dann Sozialarbeiter ausgebildet und eingestellt; und Architekten
dürfen sich überlegen, wie man Wohnblöcke mehr „integrierend“
zueinander arrangiert – und solche werden dann tatsächlich auch noch
gebaut. Welche Wohltat! Bis sie dann wieder total heruntergekommen sind.
Aber das liegt dann garantiert wieder daran, dass „solche Leute mit
Wohltaten einfach nicht vernünftig umgehen können...“ |