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Von
den Franzosen lernen heißt kämpfen lernen!
Von
Gerd Höhne/13. April 2006
Sie
haben eine Schlacht gewonnen – die französischen Werktätigen gegen
ein Gesetz, das eigentlich „nur“ eine Randgruppe treffen sollte: die
jugendlichen Berufsanfänger sollten, nach Vorstellung der Regierung in
Paris, zwei Jahre keinen Kündigungsschutz bei Arbeitsaufnahme bekommen.
Angeblich soll das Arbeitsplätze schaffen.
Weder
salbungsvolle Beruhigungsreden des Präsidenten Jacques Chirac, noch die
seines Premier Villepin im
Fernsehen haben die Franzosen davon abbringen können, gegen dieses
unsoziale Gesetz zu protestieren.
Waren
es anfangs „nur“ einige Hunderttausend, dann schwoll die Protestflut
immer mehr an und erreichte schließlich mehrere Millionen. Das fegte
das Gesetz schließlich hinweg.
Die
französischen Werktätigen haben damit einen wichtigen Erfolg
errungen. Die Herrschenden in Frankreich wollten die Beseitigung
des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger als Einstieg in die
Abschaffung der erkämpften Rechte aller Werktätigen machen – sie
machten die Rechnung ohne den Wirt. Die unterschiedlichsten
Volksgruppen: Arbeiter, Rentner, illegale Einwanderer, Schwule,
Studenten usw. schlossen sich zu einer gewaltigen Protestflut zusammen,
gegen die die Herrschenden Frankreichs kein legitimes Mittel mehr
hatten, außer, sie riskieren bürgerkriegsähnliche Zustände. Also zog
Jacques Chirac das Gesetz zurück.
Diese
vorbildliche Aktion hat in Deutschland leider noch keine Entsprechung.
In der Schublade der Berliner Regierung liegt ein ebensolcher
Gesetzentwurf, wie der jetzt in Frankreich gescheiterte. Aber Schweigen
herrscht im Lande.
Das
liegt wohl daran, dass in Frankreich die Gewerkschaften nicht so brav
sind, wie hierzulande. Jacques Chirac und seine Gefolgsleute sind offene
Reaktionäre, die Berliner Regierungs-Reaktionäre tarnen sich zum Teil
rot – zum Teil hängen sie sich den Mantel der christlichen Nächstenliebe
um.
Die
enge Bindung von DGB und SPD ist allgemein bekannt. Auch, dass die
deutschen Gewerkschaftsführer ohne Probleme aus Gewerkschaftsvorständen
in Ministerämter wechseln können und dort intensiv Sozialkahlschlag
betreiben. Man denke nur an Walter Riester, der vom zweiten
Bundesvorsitzenden der IG Metall zum Rentenklau-Minister mutierte.
Ich
behaupte nicht, dass die Gewerkschaften Frankreichs pure
Klassenkampforganisationen sind, sind aber offenbar noch nicht so sehr
korrumpiert, wie die deutschen.
Der
Erfolg unserer französischen Freunde – besser: Brüder – zeigt,
dass geballter Massenprotest etwas bewegen kann. Auch ein
kapitalistischer Staat, der scheinbar stabil ist, ist angreifbar. Gegen
den manifestierten Willen der Massen, können die Herrschenden nichts
ausrichten.
Lernen
wir also französisch! Walter Riester Walter Riester Walter Riester
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Ein
paar notwendige Anmerkungen zur
unterschiedlichen Streik- und Demokultur in Frankreich
Quelle:
Labournet
Germany
Am
ersten Demotag sind es in ganz Frankreich 700.000 Leute. Am zweiten
Demo-, Streik- und Aktionstag sind sie über eine Million. Am dritten
strömen über zwei Millionen auf die Straße. Der Premierminister hält
eine Fernsehansprache vor elf Millionen Fernsehzuschauern, um seine «Reform»
zu «erklären» und die Gemüter zu beruhigen. Sie hat einen «Dopingeffekt
auf die Proteste», die danach schnell anwachsen, vermeldet ein öffentlich-rechtlicher
Rundfunksender kurz darauf. 14 Tage später hält nun der Präsident, der
oberste Chef, eine Ansprache vor über zwanzig Millionen
Fernsehzuschauen. Wieder soll pädagogisch «erklärt» und beruhigt
werden. Über 60 % der von Meinungsforschungsinstituten Befragten erklären
sich «nicht überzeugt». Vier Tage darauf findet ein neuer Demo-,
Streik- und Aktionstag statt, an dem wieder Millionen in ganz Frankreich
auf die Straße gehen, und die Protestierenden noch zahlreicher sind als
beim vorigen Mal.
So
viel kollektive Renitenz ist man in Deutschland nicht gewohnt, auch wenn
man sich dort an Streiks mittlerweile in gewissen Maßen zu gewöhnen
scheint, sogar in der Spießerhochburg Stuttgart. Mindestens ein
Unterschied sticht ins Auge, denn in der Regel lässt sich feststellen:
Streikende Metallarbeiter in Deutschland verteidigen die Interessen der
Metallarbeiter, und sonst interessiert es kaum jemanden, der nichts mit
der Branche zu tun hätte; Staatsbedienstete verteidigen die Interessen
von Staatsbediensteten. Und streikende Studenten bringen die Interessen
von Studenten als zukünftigen Führungskräften – die aus diesem
Grunde pfleglich zu behandeln seien, da das ja auch gut sei für den
Wirtschaftsstandort – in Anschlag. Ein bisschen anders läuft es da
doch in Frankreich ab. Streikende Studenten machen sich um 5 Uhr morgens
auf zur Vollversammlung der Métrobeschäftigten oder Eisenbahner in der
Frühschicht. Junge Linksradikale demonstrieren mit alte(n)
Metallarbeiter(n) demonstrieren mit Krankenschwesten, demonstrieren mit
kritische(n) Jurastudentinnen demonstrieren mit Arbeitslosen
demonstrieren mit Sans papiers («illegalen» Einwanderern)
demonstrieren mit Attac-Akademikern(n) demonstieren mit politisch
engagierten Schwulenverbänden... Die altehrwürdige «Liga für
Menschenrechte» (LDH, eine eher linksliberale Vereinigung, die während
der Dreyfus-Affäre gegründet worden ist) verteilt Merkblätter an
junge Demonstrantinnen: «Was tun, wenn man in Polizeigewahrsam genommen
wird» - in Deutschland kennt man das vorwiegend nur von Autonomen («Anna
und Arthur halten's Maul»). Und wenn das Staatsoberhaupt spricht, dann
bleibt niemand am klebrigen Schleim präsidialer Versöhnungsdiskurse
haften, sondern man liest an den folgenden Tagen in Demozügen Parolen
wie: «Den Kriminellen im (Präsidentenpalast) Elysée und seinen
Hanswurst im Premierministeramt in den Knast!» Oder, an den
Premierminister gerichtet, als gesungener Reim: «Oh Villepin, wenn
Du wüsstet, wo wir uns Deine Reform hinsecken...»
Woher
kommen die augenfälligen Unterschiede? So viel sei vorab verraten: Am
Blut liegt's nicht, und in den Chromosomen steckt es auch nicht. Der in
deutschen Medien so häufig platzierte Hinweis auf die (angeborene ?)
andere «Kultur» der Franzosen hilft nicht weiter. Ein matieralistisch
fundierter Blick auf die Geschichte schon eher.
Zunächst
ist es banal, aber eben auch richtig!, darauf hinzuweisen, dass sich die
herrschende Bourgeoisie im französischen Falle selbst anders
konstituiert hat, als dies in Deutschland oder Österreich zu beobachten
war. Die vorherige feudale bzw. monarchische Macht schüttelte die
Bourgeoisie, sich selbst zur (herrschenden) Klasse und
gesellschaftlichen Kraft konstituierend, aus eigener Initiative ab. Dazu
hat es das wirtschaftlich tätige Bürgertum in Deutschland nie
gebracht, jedenfalls nicht erfolgreich, und so konstituierte es
sich zu Bismarcks Zeiten lieber unter den Fittichen des autoritären
Staates zur nationale Bourgeoisie. Damals wurde das Monstrum des «Nationalliberalismus»
geboren, das Franz Neumann in seinem Werk ‘ Behemoth' explizit
mit zu den politischen «Vorläufern des Nationalsozialismus» zählt.
Einsatz für die Expansion der nationalen Ökonomie ja, Kampf um die
Durchsetzung der Bürgerrechte nein, lautete der Deal mit der Obrigkeit,
der für dieses politisch-ideologische Phänomen begründend wirkte.
Nicht,
dass die Bourgeoisie in Frankreich stets den Zielen der menschlichen und
gesellschaftlichen Emanzipation verbunden geblieben wäre – weit
gefehlt! Im Gegenteil wirkte die Erinnerung an das, was Revolutionen in
Frankreich bewirken können, auf einen Teil der einmal an politische und
wirtschaftliche Macht gekommenen Großbürger derart einschüchternd,
dass sie sich zu veritablen Reaktionären wandelten. Sympathisanten der
(untergegangenen) Monarchie, ultrakatholische Moralapostel und
Vichy-Unterstützter machten immer einen Teil dieser Boourgeoisie aus.
Aber der Preis dafür war eine veritable Aufspaltung in zwei
unterschiedliche Figuren, die schon nicht auf den gleichen Begriff hören.
In Deutschland antwortet sowohl der wirtschaftliche Sozialdarwinismus,
die Apologie des «freien Markts» als auch das Engagement für ein
nicht gar zu sehr von Konventionen beengtes Zusammenleben, für die Bürgerrechte,
für Freiheiten des Einzelnen auf den Kosenamen «Liberalismus». Oft
muss man erst einmal nachfragen, welcher Liberalismus denn nun gemeint
ist.
In
Frankreich bezeichnet der Begriff libéralisme im üblichen
politischen Sprachgebrauch nur die erstgenannte Variante, und für eine
klare Mehrheit der Gesellschaft ist er negativ besetzt: Hier kommt das
nackte wirtschaftliche Dominanzinteresse zum Vorschein, der Wunsch nach
«Befreiung des Marktes» von gesellschaftlichen Fesseln. Der Rüstungsindustrielle,
Zeitungsmogul, Rassist und auf eine zeitweilige gute Zusammenarbeit
mit dem Front National zurückblickende Flugzeugbauer Serge Dassault
gilt so allgemein als libéral , obwohl er absolut nichts von
einem Bürgerrechtler hat. Die zweitgenannte Variante dagegen hört auf
das Adjektiv citoyen - üblicherweise äußerst grobschlächtig
mit «staatsbürgerlich» ins Deutsche übersetzt, aber das trifft es
nicht. Eine gauche citoyenne etwa ist eine Linke, die sich für
die Freiheitsrechte des Einzelnen, für die Bürgerrechte einsetzt. Der
eigene Anspruch, der den Aufstieg der Bourgeoisie historisch begleitete
– der Einsatz für Aufklärung, Vernunft und In-Recht-Setzung der
Einzelnen gleichermaßen wie für wirtschaftliche Betätigungsfreiheit
– tut sich so als Widerspruch auf, und die zuerst bezeichneten Aspekte
können unter Umständen gegen die Praxis der Bourgeoisie selbst gekehrt
werden. (Inwiefern die progressiven Kräfte dabei selbst noch bürgerlichen
Konzeptionen verhaftet bleiben, in denen insbesondere die Rechte des
Einzelnen von seiner Zugehörigkeit zu einer Staatsbürgerschaft –
oder aber seinem «legalen» Aufenthaltsstatus als «Ausländer» abhängen,
ist eine andere Frage. Sie verdient tatsächlich eine kritische Erörterung.
In der Praxis hat allerdings auch der Universalismus, der in jüngster
Zeit in der Stärke der Bewegung für die Rechte der Sans Papiers zum
Ausdruck kam, eine relativ breite Verankerung in der französischen
Gesellschaft.)
Dass
Rebellion gegen die Obrigkeit prinzipiell möglich und sogar ein «gutes
Recht» ist, bleibt vor diesem Hintergrund eine stark im kollektiven Gedächtnis
Frankreichs verhaftete Idee. Nun kommen allerdings noch andere
historische Faktoren hinzu, die erklären, dass Gewerkschaft und
Arbeiterbewegung in Frankreich anders funktionieren, als man das aus
Deutschland kennt – wo man heutzutage oft einer Gewerkschaft beitritt
wie einer Versicherung oder Krankenkasse, «für den Fall, dass man's
mal braucht, wenn man Probleme im Job hat». Und wo die Gewerkschaft den
Beginn und vor allem auch das Ende des Streiks entscheidet, die Lohnabhängigen
dazu aufruft und während ihrer Arbeitsniederlegung auch (anstatt des
Kapitalisten) bezahlt. Das wäre in Frankreich undenkbar: Streikgeld
gibt es keines, den Ausstand bezahlen die abhängig Beschäftigten aus
eigener Tasch in Gestalt der Lohnverluste, die sie hinnehmen müssen. Im
Gegenzug werden sie nicht entmündigt, sondern entscheiden höchstpersönlich
über die Nutzung ihres Rechts auf Streik, und darüber, wann sie dessen
Ausübung wieder zu beenden gedenken. Eine Ausnahme bilden hier die öffentliche
Dienste, da aufgrund ihrer Bedeutung für die öffentliche Versorgung
ein Streik hier vorab angemeldet werden muss, durch eine Gewerkschaft.
Bildet in Deutschland das Streikrecht ein so genanntes «organisches
Recht», das nur einer Organisation und damit ihrem Apparat zuerkannt
wird (über Art. 9 Abs. 3 Grundgesetz), ist es in Frankreich ein
Individualrecht, das jedem Lohnabhängigen persönlich garantiert ist,
durch die Präambel der Verfassung und durch Artikel L. 521-1 des
Arbeitsgesetzbuchs. Die aller-allererste Reform, die dieses Namens würdig
wäre und über die progressive JuristInnen mal dringend nachdenken
sollte, bestünde darin, auch in Deutschland das Streikrecht unabhängig
vom Agieren der Gewerkschaftsapparate zu garantieren.
Dabei
ist das (heutige) positive Recht, wie so häufig, nur der Ausfluss einer
unterschiedlich verlaufenen Geschichte und unterschiedlicher sozialer Kräfteverhältnisse.
In Deutschland wurde «das Soziale» schon früh ins «große Ganze »
des Systems integriert, und Bismarck war so klug, neben dem von ihm verhängten
Betätigungsverbot für die Sozialdemokratie gleichzeitig der
Parlamentsfraktion der SPD ihre freie Betätigung zu belassen. Der «institutionelle
Kanal» wurde schon früh in der Arbeiterbewegung als vermeintlich
gangbarer Weg betrachtet. Anders in Frankreich: Auf das frühsozialistische,
revolutionäre Experiment der Commune de Paris folgten zehn Jahre
Repression und die zeitweise organisatorische Zerschlagung, jedenfalls
Schwächung der Sozialdemokratie. Das hinderte Gewerkschaften und
Arbeitervereine nicht daran, sich kurz darauf zu entwickeln – aber
eben nicht unter Führung einer Partei, die ihrerseits an den Staat
angebunden blieb, sondern eher als «Gegenmacht» zum Staat wie dem
Kapital. Das nannte man im frühen 20. Jahrhundert den «revolutionären
Syndikalismus», der damals hegemonial war und sich etwa in der «Charta
von Amiens» von 1906 niederschlug.
Später
gab ihm die französische KP, die noch bis in die 80er Jahre (über die
CGT) einen Gutteil der Gewerkschaftsbewegung des Landes dominierte, zwar
etatistische Formen. Gegenüber dem vorhandenen bürgerlichen Staat
blieb dennoch das Prinzip aufrecht erhalten, dass konsequente
Interessenvertretung nur durch Aufbau einer Gegenmacht im Betrieb und
auf der Straße vor möglichen Verhandlungen zu erreichen sei -
nicht durch «Mitsprache» innerhalb der Institutionen, die von
vornherei vom Aufbau eines Kräfteverhältnisses innerhalb der
Gesellschaft entkoppelt bleibt. Und auch nicht innerhalb eines
ritualisierten und «partnerschaftlichen» Gegenüber mit den
Kapitalvertretern, bei dem der Staat den (von vornherein auf's so
genannte Gemeinwohl verpflichteten) «Sozialpartnern» einen Teil seiner
Regelungsmacht abtritt wie mit der so genannten Tarifautonomie in
Deutschland. Letztere besteht im Kern nur darin, dass der Staat «unpopuläre»
Entscheidungen und schmerzhafte soziale Einschnitte nicht selbst in Form
eines expliziten politischen Akts durchzusetzen braucht: Die in eine
institutionalisierte «Sozialpartnerschaft» eingebundenen
Gewerkschaften besorgen ihre Durchsetzung schon selbst, in ihrem eigenen
sozialen «Lager», also gegenüber den abhängig Beschäftigten. Die
aus diesem Gegenüber der «Tarifexperten» als (angeblichen) Repräsentanten
von Arbezit und Kapital resultierenden Entscheidungen stellen sich so
dem Publikum als «notwendige», im Konsens getroffene, letztlich überwiegend
technische Entscheidungen dar. Anders als in Frankreich, wo zuerst die
Staatsmacht, durch einen politischen Kraftakt, einen Beschluss mit
negativen sozialen Folgen für die Mehrheit der Gesellschaft verkünden
muss. Danach hat sie ihn gegenüber den aufflammenden gesellschaftlichen
Widerständen durchzusetzen. Die Entscheidung zu sozialen
Verschlechterungen erscheint so als bewusste, politische
Weichenstellung, die auch als solche in Frage zu stellen ist.
Gewerkschaften
und Betriebsräte wurden in Deutschland zu Inhabern einer
Stellvertretermacht aufgebaut, denen deshalb – im Rahmen der
Tarifautonomie – gewisse (freilich mehr und mehr begrenzte)
Vollmachten abgetreten worden sind. Dies war deshalb möglich und aus
Sicht der Herrschenden sogar sinnvoll, weil diese «Stellvertreter»
ohnehin dem Konsens mit ihren Gegenüber und der politischen Macht
verbunden sind. In Frankreich blickte man eine Zeit lang neidisch auf
dieses scheinbar so reibungslose Funktionieren: In den Jahren von 2001
und 05 trommelten westlich des Rheins der Arbeitgeberverband MEDEF, die
sozialliberale Richtungsgewerkschaft CFDT und auch führende bürgerliche
Politiker für die Einführung einer «Tarifautonomie» (unter Zurückdrängung
der Rolle des Gesetzgebers, dessen Beschlüsse zu hohem politischen
Druck zu unterliegen schienen) und einer «Sozialpartnerschaft» à la
française. Dieses Programm taufte man zu Anfang dieses Jahrzehnts auf
den Namen refondation sociale , ungefähr: «Neubegründung der
sozialen Beziehungen».
Bisher
hat sich der so vermeintlich neu begründete Konsens aber nicht als genügend
tragfähig erwiesen. In der Krise ist er nicht hinreichend belastbar,
und die jüngst geplanten negativen Veränderungen – den Versuch einer
Einschränkung des Kündigungsschutzes – mochten die regierenden
Konservativ-Liberalen dann doch lieber als autoritäre politische
Entscheidung denn auf dem Weg von Konsensgesprächen mit den ollen
Gewerkschaften durchsetzen. Dies geschah sogar unter weitgehender
Ausschaltung des Parlaments mitsamt seiner bürgerlichen Abgeordneten:
Die Einschnitte beim Kündigungsschutz wurden zum Teil im August 2005
per hochsommerliche Notverordnung der Regierung, zum Teil im Februar/März
2006 auf dem Gesetzeswege, aber ohne Sachdebatte im Parlament (da die
Regierung das Sachproblem mit ihrer Vertrauensfrage verknüpfte)
durchgezogen. Der politische Preis dafür ist hoch: Die in breiten
Kreisen als bewusste Entscheidung der Politik, die gegen die eigenen
Interessen gerichtet sei, verstande Weichenstellung rief massive soziale
und politische Widerstände auf den Plan.
(Und
sogar die CFDT, die sich unter anderen Umständen noch dazu bereit fände,
jede Regression durch ihre Unterschrift unter ein Abkommen abzunicken
– Hauptsache, man fragt die CFDT vorher, und sie kann vielleicht noch
ein paar Abmilderungen an Detailpunkten durchsetzen – war dieses Mal
richtig stocksauer auf die konservative Regierung. Hatte diese ihr doch
soeben bewiesen, dass es auf die CFDT nicht mehr im Geringsten ankommt,
wenn es mal hart auf hart kommt. Die CFDT verteidigte damit auch ihre Fähigkeit,
Abkommen aushandeln. Ihr ehemaliger Chef Edmond Maire äußerte denn
auch im ‘Parisien' vom Sonntag, 09. April sofort seine Bereitschaft
dazu, über die nötige «Flexibilität» von Lohnabhängigen zu
diskutieren, sofern nur die böse «autoritäre, jakobinische Methode»
der Regierung überwunden werde. Ob die Regierung links oder rechts sei,
darauf komme es dabei nicht an. Und, so mag man hinzu fügen, wohl auch
nicht darauf, ob die unterschriebenen Abkommen progressive oder
regressive Wirkung entfalten – Hauptsache, die CFDT darf darüber
verhandeln.)
Das
Ergebnis der derzeitigen gesellschaftlichen Kraftprobe um den Kündigungsschutz
endete mit einem wichtigen Teilerfolg der Protestbewegung. Aber auch
dort, wo Niederlagen kassiert werden, werden diese durch die
Teilnehmer/innen an Protesten deshalb nicht als einer «natürlichen
Wirtschaftsordnung» und technischen Notwendigkeiten geschuldete,
unausweichliche Entscheidung akzeptiert. Sondern wohl eher nach dem
Motto von Ton, Steine, Scherben aufgefasst werden: «Jede
Schlacht, die wir verlier'n, bedeutet unser'n nächsten Sieg.»
Bernard
Schmid, Paris, 10.04.2006 |