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Das
Wahlversprechen des Jahres 2005:
Arbeit
- „Sozial ist, was
Arbeit schafft.“
Quelle:
„Gegenstandpunkt"
3-05 erscheint am 16. September 2005
Die
Machtfrage des Kanzlers, das ehrliche Gegenangebot der Opposition sowie
überhaupt alle Konkurrenzen, Polemiken und üblen Nachreden, mit denen
Kandidaten und Parteien etwas für ihre Unterscheidbarkeit tun und die Wähler
betören, finden statt auf dem Boden einer ganz und gar gemeinsamen
Diagnose der krisenhaften Lage der Nation und einer ebenso geteilten
Therapie: Dem Volk fehlt Arbeit, diese Not muss bekämpft werden! Im
Licht dieser überragenden Aufgabe werden alle anderen
Tagesordnungspunkte der Nation zur Nebensache. Ihr war schon Schröders
Amtsantritt vor 7 Jahren gewidmet. Er wollte sich an der Reduktion der
Arbeitslosenzahlen messen lassen, und ist mit all seinen Agenda
2010-Reformen, die das Land gründlich verändert haben, an diesem Ziel
gescheitert. Die unerledigte Aufgabe will er mit einem neuen Auftrag und
neuem Elan fortsetzen. Dieselbe Aufgabe wollen ihm die anderen abnehmen.
Bundespräsident Köhler fordert „Vorfahrt für Arbeit“, die
CDU-Kanzlerkandidatin verspricht statt der unzureichenden „Agenda
2010“ eine echte „Agenda für Arbeit“; der bayrische
CSU-Ministerpräsident definiert: „Sozial ist, was Arbeit
schafft“, und alle, einschließlich des sozialdemokratischen
Wirtschaftsminister schließen sich, das Motto leicht variierend, an: „Fair
ist, was Arbeit schafft.“
1.
Die
Politik kennt und anerkennt nur noch ein echtes, unbedingt schutzwürdiges
Interesse der „sozial Schwachen“ - das absurdeste: das an
Arbeit. So einfach wird nämlich niemand von einem Bedürfnis nach
Arbeit umgetrieben. Arbeit ist immer noch der Aufwand, der
getrieben werden muss, um die Gegenstände und Mittel herzustellen, nach
denen ein Bedürfnis besteht, nicht das Bedürfnis selbst, und
jeder Arbeiter, der seine Sinne beieinander hat, ist froh, wenn die
Arbeit erledigt und wieder vorbei ist. Das Bedürfnis nach Arbeit, dem
die Politiker sich nachdrücklich verpflichten, ist kein waldursprünglich
menschlicher Drang, sondern Ausdruck einer hergestellten, erzwungenen
Lage. Nach Arbeit seufzen, Arbeit suchen nur Proletarier in der
kapitalistischen Gesellschaft, Leute, denen es unmöglich ist, die für
ihre Bedürfnisse nötigen Arbeiten nach eigenem Entschluss und nach Maßgabe
ihres Bedarfs zu verrichten. Leute, die getrennt sind von den Mitteln
der Produktion, so dass sie davon leben müssen, Dienste für die
Reichtumsvermehrung anderer nach deren Vorgaben und Ansprüchen zu
verrichten und sich dafür bezahlen zu lassen. Politiker, die „Arbeit
schaffen“ wollen, unterstellen die ganze, mit staatlicher
Rechtsgewalt hergestellte und von ihr geschützte Eigentumsordnung, die
Scheidung in die Klasse der Eigentümer der Produktionsmittel auf der
einen und in die Klasse der eigentumslosen Arbeitskräfte auf der
anderen Seite, als eine eherne „Realität“, der sie in der
Ausübung ihres Amtes gerecht zu werden hätten. Nur die von dieser Realität
erzwungenen Interessen und Nöte anerkennen sie als legitime Interessen
der Bürger - und denen dienen sie dann.
Zynisch
setzen sie darauf, dass der Bedarf nach solchen Diensten im Volk
reichlich vorhanden ist, denn - doppelt absurd - das erzwungene
Interesse, für den Reichtum der Reichen schaffen zu dürfen, ist für
Millionen gar nicht zu befriedigen. Der Bedarf der Armen nach
Lohnarbeit, mit der sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen können,
ist viel größer als das Bedürfnis der kapitalistischen Gesellschaft
nach den Leistungen ihrer Arbeit. Die Eigentümer können die vielen
Arbeitskräfte, die sich ihnen anbieten, für die Verwertung ihrer
Investitionen einfach nicht gebrauchen. Nicht, dass sie weniger Waren
produzieren würden als früher - ganz im Gegenteil; nicht dass die
Herstellung irgendwelcher Produkte unterbliebe, die sich mit Gewinn
verkaufen lassen; alles, was kapitalistisch gebraucht wird und geht,
wird produziert und verkauft - aber eben mit erheblich weniger Arbeitskräften
als früher. In der Not der Millionen Erwerbslosen reflektiert sich
keine allgemeine gesellschaftliche Armut, kein Mangel an Produkten und
Produktionsmitteln, sondern Überfluss: der erreichte Stand der
Produktivität der Arbeit, mithin die Ergiebigkeit der Springquellen des
materiellen Reichtums. Ihr Fortschritt verwirklicht sich im Kapitalismus
so pervers, weil die Unternehmer die Arbeit ihres Personals immer
produktiver machen, aber nicht um ihren Leuten Arbeitsmühen zu sparen,
sondern um Arbeitskräfte einzusparen, sich die Bezahlung ihres Lohn zu
ersparen. Dafür machen sie die Arbeit der Leute, die sie weiterhin für
ihren Geschäftszweck benutzen, immer rentabler; und dafür wenden sie
zugleich immer weniger Arbeitskräfte rentabel an. Der Nutzen der hohen
Arbeitsproduktivität verteilt sich also sehr einseitig: Das Kapital
bekommt die Leistung seiner Arbeitskräfte immer billiger, indem es pro
Arbeitstag immer mehr verkaufbares Produkt aus seinen Beschäftigten
herausholt; die Arbeitskräfte aber haben vom wachsenden Wirkungsgrad
ihrer Arbeit nichts zu erhoffen als die Bedrohung ihrer Existenz. Noch
froh sein muss der Teil der Belegschaft, der für seine ergiebigere
Arbeit denselben alten Lohn erhält; der andere Teil fliegt wegen der
gewachsenen Leistungskraft seiner Arbeit nämlich auf die Straße und
bezahlt den Fortschritt der Produktivkräfte mit unmittelbarer
Verelendung. Der Segen, dass immer weniger Arbeit für die Herstellung
der benötigten und erwünschten Güter erforderlich ist, wird für
kapitalistische Arbeitskräfte zum Fluch: Sie leben vom Gebraucht-Werden
für fremden Gewinn, können daher umso weniger leben, je weiter die
Entwicklung der materiellen Reichtumsquellen fortschreitet. Dass sie
sich von dieser ruinösen Fessel befreien, sich die Produktionsmittel
aneignen und die notwendige Arbeit selbst so organisieren, dass alle mit
weniger Mühe mehr Güter ihres Bedarfs produzieren und das Leben ein
bisschen gemütlicher angehen: diese Vorstellung ist mit den
kommunistischen Bewegungen ausgestorben.
Herrschende
Demokraten lassen sich wählen mit dem Versprechen, sich der Not
anzunehmen, die mit der Mehrung des kapitalistischen Überflusses wächst,
und einmal im Amt, tun sie das auch. Sie sorgen erstens für diese Not,
indem sie eisern und mit allen Hebeln der Staatsgewalt sicherstellen,
dass anders als durch fürs Kapital lohnende Arbeit niemand leben kann.
Zweitens dadurch, dass sie sich der Aufgabe verschreiben, von der
relativ überflüssig gewordenen Arbeit wieder mehr zu „schaffen“.
Dies drittens aber nicht so einfach: Öffentlich Arbeit zu organisieren,
weil Arbeitslose etwas zum Leben brauchen und es sich schaffen sollen,
das kommt im Reich der Freiheit nicht in Frage. Arbeit zu schaffen, ist
hier Privileg und edle Pflicht der freien Wirtschaft. Das Privileg
gibt es - niemand sonst befindet darüber, ob, von wem, wie lange und für
welchen Zweck gearbeitet wird; die edle Pflicht ist jedoch ein Märchen.
Eine Aufgabe namens „Arbeit schaffen“ kommt im Pflichtenheft
der Herren Kapitalisten überhaupt nicht vor. Sie benutzen und bezahlen
immer gerade so viel oder so wenig Personal, wie sie für ihr Geschäft
lohnend finden - und dabei kalkulieren sie, wie gesagt, knapp: Möglichst
wenige bezahlte Arbeitskräfte sollen ihnen möglichst viel Arbeit
erledigen. Paradoxerweise stehen die Ausbeuter der Arbeit umso mehr im
guten Ruf des Arbeitgebers, je mehr Leute sie entlassen, und je
mehr die Gesellschaft gewahr wird, wie unbedingt sie von den
Kalkulationen der Herren Arbeitgeber abhängt und diese Abhängigkeit
bejaht. Dann lernt sie an der massenhaften Produktion von Arbeitslosen
auch nicht, dass in dieser Wirtschaft von einer Aufgabe oder Pflicht zum
Arbeit-Geben keine Rede sein kann; im Gegenteil: dann lernt sie daran,
wie schwer es den Unternehmern offenbar fallen muss, ihrer
gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen. Da meldet sich dann
viertens die in Sachen Arbeit-Schaffen ohnmächtige Politik wieder,
reklamiert dann doch eine Gesamtverantwortung für die Arbeitsplätze im
Land und „schafft Arbeit“, so wie es ihr in einer freien
Wirtschaft eben ansteht: Sie kämpft gegen die Hindernisse und reißt
die Schranken ein, die den Kapitalisten das Arbeit-Schaffen schwer
machen. Wenn sich im Land zu wenig Arbeit fürs Kapital lohnt, dann ist
die Arbeit eben nicht rentabel genug, jeder Arbeitslose ist dann ein
Beweis dafür, dass die Rendite der Kapitalisten zu niedrig ist. Dann
tut die Politik das kapitalistisch Angemessene gegen die Not der
Arbeitslosen, indem sie sie billiger macht.
2.
Das
Versprechen, das Volk besser mit Arbeit eindecken und keinen anderen
Mangel als den an Arbeit mehr gelten zu lassen, definiert neu, was
einmal „sozial“ hieß. Mehr als ein Jahrhundert lang hatte
Sozialpolitik das Ziel, den Kapitalismus für die Lohnarbeiter
aushaltbar zu machen. Dazu war einiges nötig. Aus demselben Grund nämlich,
aus dem das Kapital die Leistungsfähigkeit der Arbeit durch
Wissenschaft und Technik steigert - es spart an der Bezahlung der
Arbeit, aus der es immer mehr Leistung herausholt -, kann der
menschliche Kostenfaktor vom Ausfüllen seiner ökonomischen Rolle an
und für sich nicht leben, jedenfalls nicht ein Leben lang. Erst die
gesetzliche Beschränkung der Unternehmerfreiheit, Grenzen für die
Dauer des Arbeitstages, die Zulassung von Gewerkschaften und die
Rechtsverbindlichkeit der von ihnen ausgehandelten Tarifvereinbarungen
hat die Ausbeutung des Arbeiters für ihn überhaupt zu einem Erwerb mit
halbwegs festgelegtem Aufwand und Ertrag werden lassen. Auch davon aber
konnte er auf Dauer nicht leben ohne staatliche Sozialversicherungen,
die Teile seines Lohnes konfiszieren und im Interesse des Überlebens
der Arbeiterklasse zwangsbewirtschaften. Für die notwendigen Phasen des
Elends im Lebensweg des Lohnabhängigen - Alter, Krankheit,
Arbeitslosigkeit - werden aus dem Lohn, den das Kapital zahlt,
Versicherungsbeiträge abgezweigt und nach erworbenen Anwartschaften und
Bedürftigkeit unter den einkommenslosen Mitgliedern der Arbeiterklasse
umverteilt. Das Zwangsregime hat dem Lohn abgerungen, was er von sich
aus nicht ist: ein Einkommen, mit dem ein Leben lang der Unterhalt des
Arbeiters bestritten werden kann - das alles natürlich um den Preis
seiner weiteren Schmälerung.
In
Zeiten millionenfacher Überflüssigkeit von Arbeitskräften für die
Wirtschaft setzen Politiker aller Couleur auf die Überzeugungskraft des
Arguments, dass es für Lohnarbeiter Schlimmeres gibt, als ausgebeutet
zu werden - nämlich nicht ausgebeutet zu werden, die Chance also
gar nicht erst geboten zu bekommen, sich durch Bereicherung des
Arbeitgebers den Lebensunterhalt zu erarbeiten. Diese „Einsicht“
begründet die Umwertung alles Sozialen, das der Staat einmal für nötig
gehalten hat: Alle Vorkehrungen und Nachhilfen, die die Ausbeutung für
den Arbeiter aushaltbar machen sollten, verteuern die Arbeit. Sie beschädigen
also, wovon der Arbeiter in Wahrheit lebt - seine Rentabilität für das
Profitinteresse des Kapitals -, und zerstören seine herrliche
Einkommensquelle. Alles, was der Arbeiter von seiner Arbeit hat und aus
seinem Arbeitsentgelt finanziert - Lebensunterhalt, Freizeit, soziale
Sicherheit -, verhindert die soziale Hauptsache: Dass überhaupt
Ausbeutung stattfindet und der Arbeiter „Beschäftigung“ hat. Alle
einhundertjährigen staatlichen Regelungen, Korrekturen und
Kompensationen der Ausbeutung waren ein Fehler. Der Kapitalismus lässt
sich nicht sozial veredeln - und wer es versucht, schädigt zuallererst
die „Schwachen“, die er schützen will. Seine Ausbeutung als
billige Arbeitskraft ist selbst die soziale Wohltat des Kapitals, auf
die der Normalbürger zu hoffen und zu setzen hat.
3.
Der
Gehalt des Wahlversprechens wird verstanden. Die Wähler entnehmen der
Neudefinition des Sozialen sehr wohl die Ansage weiterer
„Grausamkeiten“, wie das in der gemütlichen Sprache der Politik heißt.
Bei uns wird eben nichts verschwiegen. Die Bürger sollen die Opfer, die
sie bringen werden, billigen, ja am besten noch selbst fordern. Selbst
die Verarmung der Masse der Bevölkerung wird in Form einer hoch
demokratischen Konkurrenz von Amtsanwärtern um die Gunst der
Betroffenen abgewickelt. Das geht - und nicht nur, weil die Wähler ja
doch keine Wahl haben, wenn alle Parteien gleichermaßen versprechen,
mit aller Macht Arbeit zu schaffen, sondern weil sie sich die
Notwendigkeit der ‚unvermeidlichen Einschnitte' einleuchten lassen.
Die demokratische Politisierung des Untertanen ist nichts anderes als
die Kunst, ihn gegen seine Interessen zu interessieren. In all
seiner Radikalität ist der Wahlkampf 2005 ein Musterfall davon. Die
Wahlkämpfer sprechen den Bürger auf seine erzwungene Angewiesenheit
auf die Nachfrage des Kapitals nach Arbeit an, erinnern ihn an seine Abhängigkeit
vom feindlichen Interesse und versprechen ihm, an den Schalthebeln der
Macht dieser Abhängigkeit gerecht werden zu wollen. Sie versprechen,
wenn gewählt, der Eigentümerklasse nach besten Kräften zu dienen, sie
von Beschränkungen freizusetzen, in jeder Hinsicht zu fördern und
ihren arbeitenden Wählern dafür alles wegzunehmen, was den Reformern
als hinderlicher Besitzstand ins Auge fällt. Diese Bürger sind Objekte
des Ausbeutungsinteresses der Gegenseite und werden politisch
auf dieses Abhängigkeitsverhältnis mit aller Härte festgelegt - der
demokratische Wahlkampf aber spricht sie als Subjekte ihrer Abhängigkeit
an, als Leute, die im wohlverstandenen eigenen Interesse den Ansprüchen
gerecht werden müssen, denen sie zu ihrem Schaden unterworfen sind.
Ihre Verarmung besorgen ihnen ihre Volksvertreter nur zu ihrem Besten,
weil in schweren Zeiten eben viele Interessen hinter dem wichtigsten,
ersten Interesse zurückstehen müssen! Das erzwungene, absurde Bedürfnis
nach Arbeit bekommen die Betroffenen erläutert als das, was es unter
kapitalistischen Existenzbedingungen tatsächlich ist: ihr erstes und
eigentliches Lebensbedürfnis - alle ihre anderen Bedürfnisse, die sie
mit dem Ertrag ihrer Arbeit befriedigen wollen, lassen sie sich als
verzichtbaren Luxus schlecht machen, der in Zeiten entwickeltster
Produktivkräfte einfach nicht mehr finanzierbar ist.
4.
Ein
paar Recken des Wahlkampfs sind angesichts der zuerst von CDU-CSU
besetzten Parole „Sozial ist, was Arbeit schafft!“ doch tatsächlich
versucht und unverantwortlich genug, der Versuchung nachzugeben, für
einen Augenblick den Konsens der Demokraten zu verlassen und zu
polemisieren. Die Ministerin für Bauern und Verbraucher erinnert sich
bei Köhlers „Vorfahrt für Arbeit“ glatt noch an Wahrheiten
aus linken Vorzeiten: Das heiße nichts anderes als „Vorfahrt für
die Gewinne einiger weniger“. Vertreter der WASG finden, mit einer
solchen Definition des Sozialen könne man auch Sklaven- und
Zwangsarbeit rechtfertigen, obwohl derlei ja wirklich niemand einführen
will. Man verurteilt per Übertreibung, und teilt eben dadurch mit, dass
man sich dieser „wirtschaftlichen Vernunft“, wenn verantwortlich und
in Maßen praktiziert, keinesfalls verschließt: Dass im Interesse von
mehr Wachstum und Arbeit Abstriche bei Lohn und der sozialen Sicherung
sowie höhere Arbeitszeiten kein Tabu sein können, ist eben auch den
Keynesianischen Wirtschaftslenkern der neuen Linkspartei nicht fremd.
Da
ist Ludwig Stiegler von der Bayern SPD schon ein anderer Kerl -
wenigstens einen Tag lang: Er fühlt sich von dem Spruch an Hitler und
seine populäre Arbeitsmarktpolitik erinnert und kann seine Assoziation
sogar begründen: „Er betrachte den Slogan als ebenso zynisch wie
die NS-Parole „Arbeit macht frei“, weil damit außer Acht gelassen
werde, ob eine Arbeit gerecht entlohnt werde, ob sie menschenwürdig
sei, ob sie mit Kündigungsschutz und Mitbestimmung verbunden sei.
Dieser Begriff von Arbeit ist ein Begriff ohne Adjektive.“ (SZ
13.7.05) Wenn Arbeit pur zum Ziel der Politik wird - und das ausdrücklich
gegen alles, was der Arbeiter von seiner Arbeit hat, dann ist das nicht
weit weg vom Wahlversprechen des Jahres 1933: Damals machten die Nazis
den Arbeitslosen mit einem Arbeitsdienst Eindruck, der ihnen nichts
einbringen sollte als Arbeit und eine warme Suppe.
Kaum
gesagt, fällt vom CDU-Generalsekretär bis zum Kanzler und dem
SPD-Parteichef die ganze Nation über den geschichtskundigen Bayern her:
Er habe den politischen Gegner mit den Nazis verglichen, was man
offenbar umso weniger darf, je mehr die Ähnlichkeiten ins Auge stechen.
Unisono unterstreicht man die Ruchlosigkeit des Vergleichs dadurch, dass
man ihn gleich gar nicht versteht: Ausdrücklich zitiert man in den
‚Tagesthemen' Hugenberg, der seit 1932 das Copyright für die
CDU-CSU-Wahlparole von heute hat - um im nächsten Zug die absolute
Unvergleichbarkeit derselben Worte von damals und heute damit zu beschwören,
dass ein ähnlicher Spruch wie ‚Arbeit macht frei' über dem
Eingangstor von Auschwitz stand. Wieder erfährt man, was für eine
argumentative Produktivkraft in der „Einzigartigkeit der
NS-Verbrechen steckt“: Die werden von einem verharmlost,
der in demokratischen Wahlparolen faschistische Gesinnung entdeckt! Also
werden die Opfer der Nazis mit Verve in Schutz genommen und vor der
Ehrverletzung bewahrt, mit der Hartz-IV-Klientel der modernen BRD auch
nur irgendwie in Zusammenhang gebracht zu werden. Als sich dazu auch
noch die Vorsteher der israelischen Kultusgemeinde zu Wort melden und
vehement gegen die Beschädigung des Opfermonopols der Juden ankämpfen,
zeigt sich, dass der Bayer Stiegler eben doch überhaupt kein anderer
Kerl, sondern auch nur ein mieser Wahlkämpfer ist: Er entschuldigt sich
für den Tritt ins Fettnäpfchen, der ihm bei einer allzu
unkontrollierten gedanklichen Assoziation unterlaufen wäre...
Ohne
Abstriche von der antisozialen Radikalität ihrer Parole zu machen, ohne
überhaupt ein Wort darüber verlieren zu müssen, inwiefern sich ihr
nationaler Ruf nach Arbeit sans phrase - im Interesse deutscher
Arbeitsloser, die als solche dem Staat zur Last fallen, statt zum
Allgemeinwohl beizutragen - von Hitlers nationalem Arbeitsprogramm
unterscheidet, verbittet sich die vereinte politische Klasse mit Erfolg
die ehrenrührige Zuordnung ihres Wahlversprechens zu jener dunklen
Phase unserer Geschichte. Sinnig ergänzt um ein kleines Adjektiv,
bleibt die nationale Losung endgültig unwidersprochen „‚Arbeit
schaffen', das ist schön und gut. Aber nicht um jeden Preis. Wir
Sozialdemokraten fordern: ‚Menschenwürdige Arbeit schaffen!'„
(Müntefering) Wo der Nationalsozialist die Würde des Menschen in
seiner fürs nationale Kollektiv nützlichen Arbeit begründet sieht, hält
der sozialdemokratische Nationalist den Zusatz für angebracht, dass man
in der Demokratie der Arbeit diese Würde schon noch ansehen können
muss. Immerhin ein Unterschied, mit dem sich beide gut voneinander
unterscheiden lassen. |