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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora vom 13. September 2004
Wie
mit Hartz IV die Massenarmut organisiert wird,
um dadurch den Arbeitsmarkt zu beleben
Erster
Teil der Analyse einer skandalösen Debatte,
für deren Teilnehmer Armut kein Skandal ist
Mit
Hartz IV, der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum
neuen Arbeitslosengeld II, will die Regierung im Schulterschluss mit der
Opposition der Nation endlich den Ruck auf dem Arbeitslosenmarkt
bescheren, nach dem alle maßgeblichen Instanzen seit Jahr und Tag
seufzen. Dass der Inhalt von Hartz IV – die zielstrebige umfassende
Verschlechterung der Lebensverhältnisse von Langzeitarbeitslosen –
angesichts unaufhaltsam zunehmender Massenarbeitslosigkeit das ökonomisch
einzig Sinnvolle ist und deshalb in Ordnung geht, das stand nie
in Frage.
Doch
kaum ist dieser große Wurf gelungen, will einfach keine Zufriedenheit
aufkommen im Lande. Die deutsche Öffentlichkeit scheint erst jetzt zu
registrieren, wie ernst der Staat die Pflege seines Kapitalstandorts
tatsächlich nimmt und wie rigoros er den grundsätzlichen Umbau der
deutschen Sozialsysteme vorantreibt.
Da
werden erhebliche Bedenken laut, dass dieses Reformwerk mal wieder
„mit der heißen Nadel gestrickt“ sei und deshalb „schwere
handwerkliche Mängel“ aufweise. Schon der ab Mitte Juli an die
Betroffenen verschickte Fragebogen sei eine 16 Seiten lange und
viel zu komplizierte Zumutung! Selbst prominente Politiker und studierte
Journalisten scheitern daran im Selbstversuch, vor allem an den
„Seiten 5 und 6 zu Einkommen und Vermögen“ – was ja vielleicht
auch daran liegen könnte, dass sich deren Vermögensverhältnisse im
Vergleich zu denen eines durchschnittlichen Arbeitslosen- oder
Sozialhilfebeziehers eher etwas verschachtelt darstellen. Wie dem auch
sei: Wenn schon unsere Eliten scheitern, wie schwer tun sich dann erst
unsere Analphabeten und ausländischen Mitbürger bei ihren Anträgen
auf ALG II!? Droht nicht die ganze Reform ein Flop zu werden, wenn die
zuständigen Behörden nicht mit korrekt ausgefüllten Anträgen rechnen
können? Das befürchtete Chaos wirft wieder einmal die Grundsatzfrage
auf, ob dieser Staat und diese Regierung überhaupt reformfähig sind?
Hier
sind also erstens „Nachbesserungen!“ angebracht, zweitens aber
brauchen die Betroffenen vor allem sachverständige Hilfestellung fürs
Ausfüllen. Die wird auch prompt geleistet: Seriöse Tageszeitungen erklären
der Leserschaft Punkt für Punkt das 16-seitige Formular. Daneben werden
bauernschlaue Tipps fürs Leben an der Armutsgrenze veröffentlicht –
nach dem Motto: Wenn Ihre Ersparnisse die erlaubten Freibeträge übersteigen,
geben Sie das Geld einfach vor Januar 2005 aus, dann kann es hinterher
nicht mehr angerechnet werden.
Hilfe
im bürokratischen Verfahren brauchen vor allem die Bürger in den neuen
Bundesländern. Bei der flächendeckenden Arbeitslosigkeit droht dort nämlich
ein kaum zu bewältigender Verwaltungsaufwand. Verwaltungs- und
Beratungspersonal, das den Ostbürgern sachverständig zur Hand geht,
wenn sie demnächst millionenfach auf ein neues Armutsniveau geschleust
werden, muss mobilisiert werden. Das ist klar – aber doch, um Gottes
Willen, kein falsches Personal! Die sensible bundesdeutsche Öffentlichkeit
entdeckt – assistiert von den ostdeutschen Ministerpräsidenten –
eine „beispiellose Geschmacks‑„ und „politische
Instinktlosigkeit“: Ehemalige Postbeamte, die die Telekom bisher nicht
entlassen durfte, sollen aus dem Westen in den Osten
verschickt werden – und das auch noch mit „Buschzulage“! So wird
aus Hartz IV noch ein Schlag ins Kontor der deutschen Einheit. Die
unantastbare Würde des ostdeutschen Mitbürgers hat schließlich ein
Recht darauf, von seinesgleichen, am besten also von einem original
Ost-Langzeitarbeitslosen, sozial abgewickelt zu werden. Die ostdeutschen
Ministerpräsidenten und die Verantwortlichen der Telekom versprechen,
die Angelegenheit unbürokratisch zu überprüfen und alles dafür zu
tun, dass der Ostdeutsche auch als Sozialfall als Deutscher
erster Klasse gewürdigt wird.
Immerhin
kann die Regierung von Anfang an einen Erfolg für sich verbuchen. Ihre
Haupt- und General-Sprachregelung in Sachen Arbeitslosigkeit ist
angekommen: Arbeitslose müssen gefördert werden! Das
unterschreibt jeder – und damit natürlich auch, was die Regierung
unter „fördern“ versteht: Arbeit – und zwar überhaupt
irgendeine, egal zu welchen Bedingungen – ist das höchste Gut für
den, der keine hat; kein anderes Interesse steht dem Arbeitslosen zu als
das, sich wieder nützlich machen zu können – egal, ob er selber
irgendeinen nennenswerten Nutzen davon hat. Dieses und kein
anderes Interesse verspricht die Regierung mit ihrer Reform zu
unterstützen.
So
viel Großzügigkeit verlangt natürlich eine Gegenleistung seitens der
Geförderten: Zum Fördern – auch dazu kann die sozial eingestellte Öffentlichkeit
nur nicken – gehört das Fordern; worunter alles zu verstehen
ist, womit die Arbeitslosenverwaltung ihrer Klientel das Leben schwer
macht: Lohnersatz nur noch für maximal ein Jahr; Kürzungen des
Lebensunterhalts bei Pflichtversäumnissen; Erpressung zur Annahme jeder
nicht gerade sittenwidrigen Tätigkeit – also alles, was im Grundsatz
schon gebilligt ist, wenn dem Arbeitslosen Arbeit pur als sein einziges
legitimes Lebensbedürfnis zuerkannt wird.
Bleibt
die Frage, ob der Nötigung, jede Arbeit anzunehmen, auch
eine ernsthafte Bemühung des Sozialstaats gegenübersteht, die
Betroffenen in irgendeine Arbeit hineinzubugsieren: Wie
steht’s mit dem Fördern? Die Politik wird an ihrer Ideologie
des „Gebens und Nehmens“ gemessen; und skeptisch wird darüber
gefachsimpelt, ob die Sozialbürokratie nicht mal wieder schmählich
versagt. Das fängt an mit dem Versprechen, die Leute in den neuen
Job-Centern viel intensiver in die Mangel zu nehmen als in den alten
Arbeitsämtern. Muss da nicht die Vermittlungstätigkeit zu kurz kommen
vor lauter Verwaltungsarbeit? Vor allem aber: Gibt es denn die offenen
Stellen überhaupt, in die man die vielen Arbeitslosen vermitteln möchte?
Kritische Journalisten entdecken da glatt, dass es die Stellen, die da
vermittelt werden sollen, womöglich gar nicht gibt! Eine großartige
Entdeckung angesichts einer sozialstaatlichen Reform, die von der Überflüssigkeit
großer Bevölkerungsteile für die nationale Wirtschaft ausgeht und die
dauerhafte Ausgrenzung von allen bisher als normal bekannten Beschäftigungsverhältnissen
als neuen, ganz alltäglichen und gängigen Status von Millionen von
Menschen herbeiorganisiert. Aber gerade weil so klar ist, dass die künftigen
ALG-II-Empfänger nach allen Regeln der gültigen wirtschaftlichen
Vernunft längst für überflüssig erklärt worden sind, geht
kritischen Journalisten mit sozialem Anspruch das lebende Material für
ihre ergreifende Berichterstattung nicht aus. Jede Menge
Arbeitslosenschicksale werden liebevoll ausgebreitet; alle nach dem
Muster: Durchaus qualifiziert, anständig, ordentlich, flexibel, bereit
umzuziehen, über 200 Bewerbungen, 2 Vorstellungsgespräche – und doch
weit und breit kein Job in Sicht, nicht vermittelbar, überqualifiziert,
ab 40 definitiv zu alt... Wenn das stets von neuem hautnah illustriert
wird, dann stellt sich allmählich wie von selbst die zu der Reform
passende Einsicht ein: So geht es jetzt also zu im deutschen
Sozialstaat; darauf hat man sich einzustellen; das mag man bedauern,
aber zu ändern ist es nicht.
Ganz
ungetröstet bleibt das betroffene Publikum jedoch nicht. Der desolate
Befund ist nämlich andererseits zugleich der Auftakt zur Verkündung
der tiefen Weisheit des gültigen wirtschaftspolitischen Sachverstands:
Es gibt zwar keine offenen Stellen, aber ohne die Kürzungen und
drastischen Einschnitte bei den bisherigen Sozialleistungen –
Stichwort: unerträgliche Lohnnebenkosten – gibt es erst recht keine!
Und wenn sich trotz umfassender Verbilligung des lohnabhängigen
Volkes tatsächlich keinerlei „Entspannung“ auf dem Arbeitsmarkt
abzeichnet, dann folgt daraus für einen modernen
Wirtschaftsjournalisten immer nur eines: Es gibt immer noch zu viele
Beschäftigungshindernisse auf dem „überregulierten“
deutschen Arbeitsmarkt! Damit ist man im richtigen Fahrwasser für
konstruktive Kritik. Denn richtig verstanden, ist die
Allerwelts-Weisheit, dass „Hartz IV keine neuen Arbeitsplätze
schafft“, ein einziger Beleg dafür, dass der Reformstau in diesem
Lande noch lange nicht abgearbeitet ist: Immer noch gibt es viel zu
viele überzogene, kontraproduktive Arbeitnehmerrechte. Alte Zöpfe wie
Flächentarif und Kündigungsschutz müssen endlich abgeschnitten
werden, damit risikofreudige Unternehmer wieder Leute einstellen!
Daran
orientiert sich der „Beschäftigung mit Mehraufwandsentschädigung“
genannte neue Arbeitsdienst: Für 1 bis 2 Euro die Stunde müssen
sich Empfänger von ALG II zu gemeinnütziger Arbeit abkommandieren
lassen. Bei Ablehnung droht die Kürzung bzw. der Verlust der Stütze.
Ein bisschen Arbeitszwang gilt heute als Chance für Menschen mit
„Vermittlungshandicaps“. Für die sind zwar definitiv keine regulären
Beschäftigungsverhältnisse mehr in Sicht; aber regelmäßig zum Dienst
an der Allgemeinheit antreten, das ist doch mindestens eine Heranführung
an den Arbeitsmarkt und erfüllt voll und ganz das Versprechen des „Förderns“
für Leute, die froh sein können, wenn sie für schlappe 8 Euro pro Tag
diesen Tag auch noch „strukturiert“ kriegen. So kommt jedenfalls
wieder Sinn ins Langzeitarbeitslosen-Dasein – und die Parks sind
gefegt und die Alten billig abgefüttert. Selbstverständlich darf aus
diesem wunderbaren „2. Arbeitsmarkt“ für gemeinnützlichen
Arbeitseinsatz keine Konkurrenz für den „1. Arbeitsmarkt“ werden.
Nur allzu leicht kann das nämlich dem deutschen Handwerk und unseren
mittelständischen Unternehmen, die bislang das Feld der billigen
Dienstleistungen so erfolgreich beackern, das Wasser abgraben, womit ja
auch keinem Arbeitslosen gedient wäre. Weshalb man letztendlich gar
nicht oft genug wiederholen kann: Es müssen weitere Flexibilisierungen
auf dem stark verkrusteten 1. Arbeitsmarkt folgen; sonst bleibt die
Reform letztlich Stückwerk!
Lesetipp:
Die Aufregung um Hartz IV – ein Lehrstück über die Produktivkraft
demokratischer Kritik
Armut
– kein Skandal
Skandal
Nr. 1: Schlechte Organisation!
Skandal Nr. 2: Das Gleichgewicht zwischen Fordern und Fördern lässt zu
wünschen übrig!
Skandal Nr. 3: Geht es beim Verarmen gerecht zu?
Skandal Nr. 4: Haben die, die den Skandal ausrufen, überhaupt das Recht
dazu?
in GegenStandpunkt
3‑04, S. 119‑129
(seit 17. September im Buchhandel und beim GegenStandpunkt-Verlag)
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/04/3/hartziv.htm
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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora vom 20. September 2004
Wie
man mit der Suche nach Ungerechtigkeiten von Hartz IV
Ja zur Notwendigkeit der Verarmung sagt
Zweiter
Teil der
Analyse einer skandalösen Debatte,
für deren Teilnehmer Armut kein Skandal ist
Kaum
war Hartz IV verabschiedet, brach eine Kampagne los. Die Bild-Zeitung
vorneweg, brachten die Medien, die „Reformen“ wie Hartz IV seit
Jahren anmahnten, täglich neue Elendsgemälde über Betroffene. Aus der
Politik beklagten insbesondere Politiker aus der CDU/CSU-Opposition, ja
sogar aus der FDP, die in Bundestag & Bundesrat noch schärfere
„Reformen“ gefordert hatten, Härtefälle von Hartz-IV-Opfern, die
das nun wirklich nicht verdient hätten. Einzelne Kommentatoren der
„Qualitätspresse“ sorgten sich schon, ob diese „merkwürdige
Koalition aus Boulevard und parlamentarischer Opposition“ nicht Hartz
IV sturmreif schießen, einen massenhaften Widerstand anstacheln könnten,
die die „Reformunfähigkeit“ der Republik zementieren würde. Diese
Sorgen sind gegenstandslos: Wenn immer mehr „Ungerechtigkeiten“
bei der Durchsetzung von Hartz IV ans Tageslicht gezerrt, lauter
Fälle von Betroffenen aufgedeckt werden, die diese „Härten“ nun
wirklich „nicht verdient“ hätten, dann ist die Sache selbst aus dem
Schussfeld. Und wer sich von den Betroffenen an der Suche und der Empörung
über Ungerechtigkeiten von Hartz IV beteiligt, hat sich auf die
Notwendigkeit davon schon eingelassen.
Beschönigt
wird in der öffentlichen Kampagne nichts. Bei der Begutachtung der
Lebenslagen, die Hartz IV herstellen wird, jagt ein Schreckensszenario
das nächste: Die Freibeträge für dazuverdientes Geld sind extrem
niedrig; die Lebensversicherungen müssen – eventuell mit erheblichen
Verlusten – aufgelöst werden; das mühsam zusammengesparte Eigenheim
steht auf dem Spiel, ebenso das Auto; die Leute müssen aus
ihren zu großen Wohnungen ausziehen, womöglich drohen Massenumzüge
in Plattenbau-Ghettos; der von der Oma vererbte Schmuck muss
verkauft werden; auch die Datscha gehört zum anrechenbaren Vermögen;
die Sparbücher der Kinder werden angerechnet; im Januar 2005
gibt es eine Auszahlunglücke; der Osten der Republik droht
völlig zu verelenden … usw. usf.
Alle
denkbaren Folgen der Reform werden ausgemalt und bebildert und nichts
davon will die Notwendigkeit der Reform prinzipiell in Frage stellen.
Dass „etwas“ passieren muss, dass es so nicht weitergehen kann mit
dem deutschen Sozialsystem, das ist der feste Ausgangspunkt aller
Sorgen, die ganz radikal sämtliche Einzelheiten problematisieren: Ist
alles wirklich im Detail durchdacht? Wird nicht das Kind mit dem Bade
ausgeschüttet? Bestraft nicht der Angriff auf die Lebensversicherungen
ausgerechnet diejenigen, die vernünftigerweise – wie es doch von der
Politik immer propagiert wurde – privat fürs Alter vorgesorgt haben?!
Ist es sinnvoll, wenn die Kommunen einen teuren Umzug in kleinere
Wohnungen finanzieren? Sollten sie nicht besser die Leute in ihrer
gewohnten sozialen Umgebung lassen?! Droht nicht eine Ghettoisierung von
sozial Schwachen und damit eine Störung der öffentlichen Ordnung?!
Darf man den Ostdeutschen auch noch ihre vertraute Datscha wegnehmen?!
Ist es überhaupt rechtlich zulässig, im Januar überhaupt keine
Unterstützung auszuzahlen?! Und dann: die Kinder! Muss man ihnen nicht
wenigstens ihre Ausbildungsversicherungen lassen, schon wegen der
PISA-Studie?! Ganz wichtig außerdem: die Bürger im Osten! Darf’s für
die nicht ein bisschen mehr an Perspektive sein, schon wegen der
deutschen Einheit!? Alles zusammengenommen: Man sieht ja ein, was sein
muss, muss sein – aber muss denn wirklich alles sein?!
Keine
dieser Fragen bleibt unbeantwortet. Den besonders übertriebenen Befürchtungen
wird der Bescheid erteilt, dass es so schlimm schon nicht kommen
wird. So wird die Übertreibung produktiv: Sie lässt die tatsächlich
fälligen Maßnahmen, auch die kleinliche Bedarfsermittlung, schon
wieder ganz erträglich erscheinen. Wer ohne Übertreibung die wirklich
programmierte Herabstufung bisheriger und zukünftiger
Arbeitslosenhilfe-Bezieher für unzumutbar hält, der wird darüber
aufgeklärt, dass der Staat seine Sozialfälle bisher schon genauso
schlecht oder sogar noch deutlich schlechter behandelt hat. Wer in den
Status der Erwerbsfähigkeit „heraufgestuft“ wird und ALG II statt
Stütze erhält, steht sich sogar besser als bisher, darf von seinem
Vermögen z. B. einen deutlich größeren Teil behalten. Man muss
nur den richtigen Vergleichspunkt wählen, schon sieht die neue
Rechtslage ganz schön großzügig aus. Was speziell die Kinderfrage
betrifft, so war es schon immer ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit,
dass zuerst das Familienvermögen aufgebraucht werden muss, bevor die
staatliche Fürsorge einspringen kann. Das halten alle Bedenkenträger für
prinzipiell in Ordnung. Oder will man etwa die angeblich so zahlreichen
Schlaumeier belohnen, die ihr Vermögen auf die Sparbücher der Kinder
verschieben und dann beim Sozialamt vorstellig werden?! Allen
Beschwerden über die bevorstehende neue Armut wird endgültig das Maul
gestopft mit dem zynischen Verweis auf die gar nicht neue Armut eines
Großteils der Beitrags- und Steuerzahler, die für Hilfszahlungen in
Anspruch genommen werden: Man denke – wie es unser Bundeskanzler so
gerne tut – an die redlich erwerbstätige, schlecht bezahlte
Verkäuferin,
der von ihrem Wenigen auch noch Steuern abgeknöpft werden! Neben dieser
Figur nimmt sich ein Empfänger der bisherigen Arbeitslosenhilfe aus wie
ein reicher Schmarotzer, dessen unverdienter Wohlstand dringend
beschnitten gehört.
Welchem
Habenichts steht wie viel zu und welchem kann, darf und muss man sogar
wie viel abziehen? Können Vermögenswerte im Ausland oder Mieteinnahmen
im Kosovo angemessen erfasst und gekürzt werden? Solche Fragen legt man
den von Hartz IV Betroffenen nahe – Sozialneid unter Habenichtsen ist
angesagt! Und schon wird aus dem „Nein“ zur Verarmung ein „Ja,
aber“. Beim Verarmen Gerechtigkeit walten zu lassen, darauf soll’s
ankommen. Und dafür können die Fragebögen gar nicht inquisitorisch
genug sein
Und
es wird ja auch „nachgebessert“: Die leidige Zahlungslücke im
Januar wird geschlossen, die Freibeträge für Kinder unter 15 Jahren
werden erhöht, und ihre (in aller Regel gar nicht vorhandenen)
Ausbildungsversicherungen dürfen sie auch behalten. Das entdramatisiert
den festgestellten Skandal um Hartz IV doch erheblich. Die Bild-Zeitung
meldet jedenfalls am nächsten Tag: „So schlimm wird Hartz IV
nicht.“ An den Gesetzesmachern bleibt im Wesentlichen nur der
Vorwurf kleben, dass sie diese frohe Botschaft ihrem geschädigten Volk
nicht gleich erfolgreich eingehämmert haben: ein Kommunikationsdesaster,
das müssen sie sich ankreiden lassen. In der Sache hingegen sind eher
schon wieder die entgegengesetzten Bedenken angebracht. Journalisten aus
der seriösen Presseabteilung sind dabei, vor zu viel Nachgiebigkeit und
Populismus zu warnen, was letztlich nur zu einer Verwässerung der
dringend nötigen Kehrtwende der deutschen Sozialpolitik führen muss;
der Leidtragende wäre – wie immer – der deutsche Arbeitsmarkt mit
seinen unerträglichen Verkrustungen.
Jetzt
müssen eigentlich nur noch die deutschen Spitzen-Manager Solidarität
zeigen und sich dazu entschließen, für mehr Transparenz bei ihren Bezügen
zu sorgen – nicht, damit man ihnen anschließend etwas wegnimmt,
sondern damit der ALG-II-Empfänger nicht allein dasteht mit seiner
Pflicht, alle seine Vermögensverhältnisse offen zu legen –, dann ist
für den gerechten sozialen Ausgleich in der Republik das Menschenmögliche
geleistet.
So
wird das Volk darüber aufgeklärt, dass der deutsche Arbeitsmarkt die
rigorose Verschlechterung der Lebensumstände von Millionen Menschen
verlangt, dass auch für die Zukunft keine Besserung erwartet werden
kann. Der einzige Maßstab, der von oben vorgegeben und
von unten akzeptiert wird, ist die Frage, ob es bei der Verarmung gerecht
zugeht. Die realen und potentiellen Empfänger von Arbeitslosengeld II müssen
dann gar nicht alles gerecht finden, was ihnen zugemutet wird. Sie müssen
nur ihre moralische Messlatte an die Streitfragen anlegen, die
mit den neuen Armutsverhältnissen aufgemacht sind. Denn dann sind sie
mit dem Problem beschäftigt, das zur Etablierung eines neuen
Armutsniveaus gehört: ob alle Betroffenen auch wirklich gleichmäßig gerecht
betroffen sind und ob alle Deutschen sich diesem Problem in angemessener
Weise stellen, nämlich von der unumstößlichen Notwendigkeit der
„Reformen“ ausgehen. Damit beauftragen sie geistig diejenigen, die
das Ganze politisch ins Werk gesetzt und zur neuen Rechtslage gemacht
haben. An „die da oben“ ergeht die Nachfrage von unten – und im
Namen von ganz unten –, ob sie bei ihrem Verelendungsprogramm denn
wohl mit der nötigen Umsicht, dem erforderlichen Fingerspitzengefühl,
einem Vertrauen erweckenden Gerechtigkeitssinn, kurzum: als gute
Herrschaft zu Werke gegangen sind.
Das
ist das Gegenteil einer Aufkündigung des Gehorsams der Unteren gegen
die Oberen: Es ist ja nicht mehr verlangt, als dass die Oberen sich den
ohnehin geschuldeten Gehorsam der Betroffenen verdienen, indem
sie deren moralische Empfindlichkeit würdigen. Mit diesem
Anspruch sind um die Macht konkurrierende Demokraten in ihrem Element:
Die Kunst der politischen Imagepflege gehört fest zu ihrem Berufsbild.
Daher mündet die Frage, ob die Verarmung durch Hartz IV gerecht
ist, in einen moralischen K.‑o.-Sieg der Reformer über die
Bedenkenträger. Die Reformer tun das, was Not tut; wer dagegen
„Ungerechtigkeit!“ schreit, versteckt dahinter nur seinen egoistischen
Unwillen, sich den Notwendigkeiten zu stellen.
Lesetipp:
Die Aufregung um Hartz IV – ein Lehrstück über die Produktivkraft
demokratischer Kritik
Armut
– kein Skandal
Skandal
Nr. 1: Schlechte Organisation!
Skandal Nr. 2: Das Gleichgewicht zwischen Fordern und Fördern lässt zu
wünschen übrig!
Skandal Nr. 3: Geht es beim Verarmen gerecht zu?
Skandal Nr. 4: Haben die, die den Skandal ausrufen, überhaupt das Recht
dazu?
in GegenStandpunkt
3‑04, S. 119‑129
(seit 17. September im Buchhandel und beim GegenStandpunkt-Verlag)
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/04/3/hartziv.htm
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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora vom 20. September 2004
Wie
dem Volk klargemacht wird,
dass es sich über seine Verarmung durch Hartz IV nicht zu beschweren
hat
Dritter
Teil der Analyse einer skandalösen Debatte,
für deren Teilnehmer Armut kein Skandal ist
Seit
Wochen wird vor allem im Osten gegen Hartz IV demonstriert. Mit diesem
Reformwerk werden die Lebensverhältnisse von Langzeitarbeitslosen
erheblich verschlechtert. Wer von der deutschen Geschäftswelt dauerhaft
nicht mehr gebraucht wird, und das sind inzwischen mehrere Millionen,
dessen Arbeitskraft muss auch nicht erhalten werden. So sieht es
der Sozialstaat und streicht die Arbeitslosenhilfe, deren Bezug bisher
eine Zwischenstation auf dem Weg zum Sozialfall war. Stattdessen
gibt’s Arbeitslosengeld II, das sich in seiner Höhe nicht mehr am
vormaligen Verdienst der Ausgemusterten orientiert, sondern ausschließlich
an der staatlich festgelegten Bedürftigkeit – entsprechend sieht die
Geldsumme aus, die Langzeitarbeitslosen noch zugestanden wird. Ergänzt
wird diese neue Art von Stütze durch Zwangsregeln, die ihre Empfänger
zur Annahme von schlecht- bis unbezahlter Arbeit zwingt. An diese
1-2-Euro-Jobs wird das Kriterium des Arbeitseinkommens gar nicht mehr
angelegt, sondern das Interesse
an billiger Arbeitskraft für soziale und sonstige Zwecke kommt gleich
daher als großzügiges Angebot, sein mickriges ALG II aufzubessern. Wer
so wenig Geld für sein monatliches Auskommen bekommt, der ist
gezwungen, sich um Zuverdienst zu kümmern und hat dafür jedes Verhältnis
vom gezahlten Lohn zu der abzuliefernden Leistung zu streichen.
Mit
der Gewöhnung an diese neuen deutschen Zustände tun sich einige Leute
noch etwas schwer. Vor allem im Osten gehen sie auf die Straße, um
ihrer Enttäuschung über die Politik Ausdruck zu geben. Die
Marktwirtschaft enthält ihnen vor, was sie sich von ihr versprochen
haben: nämlich dieselbe Arbeiterexistenz, die sie für den
Normalzustand in Westdeutschland hielten. Das war es ja auch, was ihnen
seitens der westlichen Obrigkeit und ihrer Presseorgane über Jahre
hinweg versprochen wurde: „Blühende Landschaften“ statt ihres
ineffektiven DDR-Systems. Doch stattdessen wurden nach der „Wende“
aus Millionen ehemaliger Werktätiger Millionen von Arbeitslosen. Die
Schuld daran geben die Demonstranten nicht der Marktwirtschaft,
in der es Arbeitsplätze nur gibt, wenn sie sich für den Gewinn der
Arbeitgeber lohnen, und in der laut Hartz IV für massenhaft überflüssige
Arbeitskräfte keine Sozialkosten mehr zum Fenster rausgeschmissen
werden sollen. Sie werfen der Politik Versagen vor. „Wir sind
das Volk!“ betonen sie und erinnern damit an den Dienst, den
sie seinerzeit für Deutschland geleistet haben und für den sie noch
heute bei jedem Jubiläumstag unendliche Anerkennung genießen. Und
daraus leiten sie für sich das Recht ab, von ihrer Obrigkeit auch
weiterhin gewürdigt zu werden: Dass sie nur 331 € ALG II statt 345
wie die Westbürger erhalten sollen, zeigt ihnen, dass sie als Menschen
2. Klasse behandelt werden. Ganz so, als sei die Gleichstellung mit den
Menschen 1. Klasse in Gestalt von 14 € Zuschlag bei der Stütze
dasselbe oder mindestens so gut wie die Beseitigung ihrer materiellen
Not.
Radikal
ist dieser Protest also nicht gerade, dennoch lässt er um Wählerstimmen
besorgte Politiker nicht kalt. Wenn sich der Protest dann auch noch in
die Tradition der sagenumwobenen Montagsdemonstrationen stellt,
dann beweist das nur eines: Hier ist Nachhilfeunterricht in Sachen
Demokratie und seiner Protestkultur nötig – und zwar im
Schnelldurchgang:
ist
jeder Vergleich mit den Montagsdemonstrationen von 1989 eine Beleidigung
der damaligen ostdeutschen Freiheitskämpfer. Denn die haben nicht etwa
materiellen Wohlstand gefordert, sondern eben die Freiheit. Dass die
Demonstranten von damals – und die von heute immer noch! – sich
gedacht haben, dass Wohlstand und Freiheit irgendwie dasselbe ist, war
zwar ein Irrtum, aber einer, den man ihnen damals gerne nahe gelegt hat.
richtete
sich der Protest damals gegen eine Diktatur, die so unmenschlich war,
dass sie prompt resigniert hat, heute dagegen trifft er auf eine frei
gewählte demokratische Regierung, die sich dem „Druck der Straße“
auf keinen Fall beugen darf. Insoweit hat ein demonstratives Aufbegehren
also zu unterbleiben, weil sonst der fundamentale Unterschied zwischen
Diktatur und Demokratie eingeebnet wird; wer es trotzdem tut, beweist
damit bloß, dass er noch nicht in der Demokratie angekommen ist.
ging
es den Demonstranten damals nicht um Wohlstand, sondern um Freiheit. Wir
merken uns also die neueste Variante des alten Schlagers „Freiheit
statt Sozialismus!“: Hartz IV, das ist demokratische Freiheit in
Aktion. Dagegen an der bisherigen bundesdeutschen Armutsverwaltung mit
Arbeitslosen- und Sozialhilfe festzuhalten, das ist ewiggestriges
Besitzstandsdenken. Wer trotzdem protestiert, der hängt einem rückwärtsgewandten
Gedankengut an. Deshalb ist es
kein
Wunder, dass lauter populistische Rattenfänger die Proteste für ihre
finsteren Zwecke missbrauchen können, was dann umso schlimmer ist, wenn
im einstigen Heimatland der glorreichen Montagsdemonstrationen Wahlen
stattfinden, bei denen Trittbrettfahrer wie die PDS und die Rechten
Stimmen absahnen können. Das darf schon deshalb nicht sein, weil die
PDS – daran kann gar nicht oft genug erinnert werden – doch früher
die SED war. Die hatte ihren realen Sozialismus zwar so organisiert,
dass es keine Arbeitslosen gab. Das war aber nur ein Verdecken der
eigentlich notwendigen Arbeitslosigkeit, deren
ordentlich-kapitalistische Herstellung gesamtdeutsche Politiker seit der
Wende betreuen. Stimmengewinne auf der anderen Seite des politischen
Spektrums dürfen erst recht nicht sein, weil bekanntlich rechts von der
CDU in unserer demokratischen Parteienlandschaft einfach kein Platz ist.
setzt der Kanzler dann noch eins drauf und kritisiert
„Mitnahmementalität“ und „Anspruchsdenken“. So etwas gehört
sich einfach nicht in einer Lage, in der der Staat damit beschäftigt
ist, deutschen Unternehmern einen Standort herbeizuregieren, der deren
Anspruchsdenken genügt, so dass sie sich nicht mehr mit unpatriotischen
Abwanderungsgedanken zu tragen brauchen. Selbstverständlich ist es dafür
notwendig, die Sozialreformen so zu gestalten, dass die Unternehmer die
dadurch eingesparten Lohnkosten mitnehmen und wieder Lust kriegen, am
deutschen Standort mehr zu investieren.
Fazit
dieses Sozialkundeunterrichts für demokratische Volksangehörige: Ein mündiges
Wahlvolk soll sich nicht mit der verarmenden Wirkung beschäftigen, die
Sozialkürzungen auf es haben. Unter kundiger Anleitung von Presse, Funk
und Fernsehen hat es stattdessen kritisch zu prüfen, wie gut es
den legitimen Machthabern gelingt, ihm diese Verarmung als notwendig und
gerechtfertigt einsehbar zu machen. Aus der so verfertigten Rangfolge
macht ein demokratisch gereiftes Volk dann Wahlstimmen – für die
Etablierten, versteht sich. Was ist in einer lebendigen Demokratie schon
der Verweis auf ein paar Millionen arme Leute neben der viel
spannenderen Frage nach der Glaubwürdigkeit der jeweiligen Wahl- oder
Parteitaktik?
So
wird aus Hartz IV am Ende eine rundherum demokratische Affäre: Die
Machthaber, die amtierenden wie die alternativen, werden einem Test auf
ihre wichtigste Herrschaftstugend unterzogen. Die
Entscheidungsfrage lautet: Schaffen sie es, bei der Schädigung
ihres Volkes für sich Stimmung zu machen? Wenn ja, dann haben
sie damit bewiesen, dass es ihnen zusteht, ihr Gemeinwesen
zu regieren und dessen Insassen ärmer zu machen. Versagen sie vor
dieser Aufgabe, dann zieht die Demokratie nicht etwa die Reformen aus
dem Verkehr, sondern die Mannschaft, die es nicht geschafft hat, selbige
zu verkaufen – und die Sache geht derweil unangefochten ihren Gang.
Anspruch haben arbeitende Bürger wie die Arbeitslosen auf umfassende
Information und eine klare, offene Sprache der Politik, die den
notwendigen Systemwechsel in der Sozialpolitik nicht beschönigt. Nichts
braucht der künftige Sozialfall dringender, als dass ihm klipp und klar
gesagt wird, dass die Politik ihm keine andere Chance lässt als eben
genau die Verelendungskarriere, vor der es ihm graust.
Lesetipp:
Die Aufregung um Hartz IV – ein Lehrstück über die Produktivkraft
demokratischer Kritik
Armut
– kein Skandal
Skandal
Nr. 1: Schlechte Organisation!
Skandal Nr. 2: Das Gleichgewicht zwischen Fordern und Fördern lässt zu
wünschen übrig!
Skandal Nr. 3: Geht es beim Verarmen gerecht zu?
Skandal Nr. 4: Haben die, die den Skandal ausrufen, überhaupt das Recht
dazu?
in GegenStandpunkt
3‑04, S. 119‑129
(seit 17. September im Buchhandel und beim GegenStandpunkt-Verlag)
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/04/3/hartziv.htm
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