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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora
vom 5. Juli 2004
(erweiterte
Neufassung: 22.07.04)
Siemens
erpresst die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich
„Verlagerung
von Arbeitsplätzen ins Ausland“:
Wie
Siemens die selbst hergestellte Notlage seiner Belegschaft ausnutzt und
warum die Betroffenen sich erpressen lassen
Arbeitszeitverlängerung
ohne Lohnausgleich – Rückkehr zur 40-Stunden-Woche – das ist schon
lange üblich in deutschen Unternehmen, meistens im Osten, immer öfter
aber auch im Westen. Vielerorts wird es mehr oder minder informell – an
allen Tarifverträgen und Regeln der innerbetrieblichen Mitbestimmung
vorbei – angeordnet, leider von vielen Belegschaften widerstandslos
hingenommen, weil ihnen die Begründung der Unternehmensleitung
einleuchtet, nur so sei eine außerordentliche Notlage des Unternehmens zu
bekämpfen. Erhalt des Arbeitsplatzes – bei Millionen Arbeitslosen
ausgerechnet durch kostenlose Mehrarbeit – lautet die
erpresserische Forderung der Unternehmer, die ihren Notstand erklären.
Und die Erpressung zur Überbeschäftigung wirkt, eben weil die vielen
Millionen Unbeschäftigten vor den Toren für jede Arbeit zu jedem Lohn
bereit stehen. Die Gewerkschaften haben den Unternehmen längst Klauseln
zugestanden, Tarifverträge nach unten zu öffnen, um Notlagen der Eigentümer
mittels Vergrößerung der Not ihrer Mitglieder zu bekämpfen. Einst gegründet
als Koalition zur Aufhebung der Konkurrenz der Lohnarbeiter sagen
Gewerkschaften so ja zu der wechselseitigen Konkurrenz der Beschäftigten
gegen die Unbeschäftigen, die die Unternehmer veranstalten, um mit der
Drohung der „Personalanpassung“ aus gleichbleibenden Personalkosten
immer längere Arbeitszeiten herauszuquetschen, immer mit der Begründung,
nur so seien „Engpässe“ aller Art ohne Arbeitsplatzverlust zu
meistern.
Der
Fall Siemens-Bocholt unterscheidet sich von diesen längst zum Alltag
gewordenen Fällen grundlegend. Nicht aus einer „Notlage“ sollten die
Zweitausend in Bocholt dem Weltkonzern mit einer nach Hunderttausenden zählenden
Belegschaft heraushelfen. Siemens bekannte sich dazu, dass ihm die
Stundenlöhne in Bocholt schon allein deshalb zu hoch sind, weil es in
seinen Werken in den Beitrittsländern in Europas Osten für dieselben
Arbeitsstunden nur einen Bruchteil zu bezahlen hat. Der Konzern gab sich
konstruktiv: Die Bocholter Noch-Siemensianer hätten es in ihrer Hand, die
„Übereignung“ ihrer Arbeitsplätze an ungarische Möchtegern-Siemensianer
zu verhindern, wenn sie durch die Rückkehr zur 40‑Stunden-Woche dem
Weltkonzern mit dem 12stelligen Milliarden-Umsatz 3 bis 5 Stunden pro
Woche schenken würden. Mit diesem von der IG Metall akzeptierten Ansinnen
befreite Siemens die längst geübte Praxis der kostenlosen
Arbeitszeitverlängerung von der heuchlerischen Umständlichkeit, dies
immer mit einer Notlage des Unternehmens begründen zu müssen. So machte
Siemens den Vorreiter, die deutschen Unternehmen von den formalen
Schranken tarifvertraglich vereinbarter Arbeitszeitregelungen zu befreien,
die sie in der Praxis längst unterlaufen haben. Ganz nebenbei offenbarte
die Weltfirma: Wenn kostenlose Verlängerung der Arbeitszeit den
Gewinn steigert, woraus stammt dann der Gewinn? Ein gewisser Karl
Marx sagte dazu vor 150 Jahren: aus unbezahlter (Mehr‑)Arbeit.
Das
Vorgehen des deutschen Multis ist in der deutschen Öffentlichkeit als längst
fälliger Befreiungsschlag aufgenommen worden: Die Krise des deutschen
Kapitals – und damit die aller staatlichen Haushaltsnöte – sei nur zu
beheben durch seine Befreiung von tarifvertraglichen Regulierungen des
Verhältnisses von Lohn und Arbeitszeit, also von jeder Rücksicht darauf,
wie lange die Arbeiter für eine bestimmte Lohnsumme arbeiten müssen und
wie viel Freizeit sie für sich haben. Auch diese Rücksichtslosigkeit
wird – wie immer – als Dienst an den Arbeitslosen besprochen: Deren
0‑Stunden-Woche wird am besten durch die Ausdehnung der
Wochenarbeitszeit der Arbeitenden bekämpft – die Vorhut der Kämpfer
gegen die Massenarbeitslosigkeit ist schon bei der 56‑Stunden-Wochen
angelangt.
Siemens
drohte mit einer Verlagerung von ein paar tausend Arbeitsplätzen aus
seinem Werk in Bocholt im Ruhrgebiet nach Ungarn. Die betroffenen
Arbeitnehmer müssten bloß für weniger Geld länger arbeiten, dann überlege
es sich Siemens noch einmal. Die IG Metall hat – wie immer ausnahmsweise
– der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich
zugestimmt. Ein Mitarbeiter des Werks in Bocholt erzählt der „Süddeutschen
Zeitung“, was das für ihn bedeutet: Er arbeitet jetzt 5 Stunden mehr fürs
gleiche Geld, bekommt künftig kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld mehr,
statt dessen eine Erfolgsbeteiligung, die den Abzug vielleicht sogar mehr
als ersetzt. Aber der Mann ist realistisch: „Ich gehe davon aus, dass
von dem Urlaubs- und Weihnachtsgeld die Hälfte weg ist.“ (SZ,
30.6.) Und was den Monatslohn angeht: „Jeder von uns bekommt im
Schnitt etwa 15 Prozent brutto weniger.“ Die SZ hakt nach: „Das
heißt, der Urlaub wird unter Umständen gestrichen?“ Antwort: „Ja“.
Immerhin: Der Arbeitsplatz ist gerettet. Doch auch da ist der Mann –
wie man so schön sagt – realistisch, d. h. er gibt jetzt
schon bekannt, dass er und seine Kollegen sich auch der nächsten
Erpressung von Siemens beugen wird: Er rechnet mit „weiteren
finanziellen Einschnitten“ und er hat auch mitgekriegt, dass die Beschäftigtenzahl
in seinem Werk während der letzten Jahre halbiert worden ist. Da macht er
sich nichts vor: „In zwei Jahren wird man anfangen, einige
Abmachungen nachzuverhandeln. Das hat Siemens immer so gemacht.“
Sein Fazit: „Wir werden auch in Zukunft keine ruhigen Zeiten
erleben.“ Der Mann wird sicherlich privat auch mal über Siemens
schimpfen. Aber Widerstand gegen diese Zumutungen der Firma, davon scheint
er überzeugt, geht nicht: Schließlich muss Siemens tun,
was es tut – die „unruhigen Zeiten“, die die Firma ihren
„Mitarbeitern“ aufhalst, verdanken sich dem, dass Siemens selbst
ein Opfer ist. Der Siemensianer drückt das so aus: „Alle
Firmen, die Massenware produzieren, unterliegen einem globalen
Kostendruck. Und der wird anhalten.“ Mit diesem Verständnis
dafür, dass Siemens ihn und seine Kollegen erpressen müsse, erklärt
er sein Einverständnis damit, dass sein Lohninteresse hinter das
Gewinninteresse von Siemens zurückzustehen hat.
Es
ist schon so, dass die Unternehmen mit ihren Kosten gegeneinander
konkurrieren. Das heißt aber nichts anderes, als dass jedes Unternehmen
sich mit Kräften darum bemüht, seine Kosten zu senken, um seinen
Konkurrenten Marktanteile wegzunehmen. Der „Kostendruck“, dem sie
„unterliegen“, ist also einer, den sie selber produzieren:
Dabei geben sie sich gern als Opfer eines Sachzwangs, allerdings lassen
sie sich da nur zu etwas zwingen, was sie selber wollen, nämlich ihre
Konkurrenten besiegen. Dass es dabei auch zweite und dritte Sieger gibt,
die in der Überakkumulationskrise als Verlierer ausscheiden müssen,
liegt in der eigentümlichen Logik dieses Wettkampfs. Jeder will durch
Vergrößerung seiner Produktivität am liebsten allein den gesamten Markt
beliefern. Und genau dann, wenn es ihnen dadurch gelungen ist, zusammen
genommen so viel herzustellen, dass von allem überreichlich vorhanden
ist, stellt sich heraus, dass die vielen, die das Zeug brauchen könnten,
leider nicht über genug Geld verfügen, um es zu kaufen. Also machen sich
die Unternehmen daran, ihre Stückkosten weiter zu senken mit dem Ziel,
ihre Konkurrenten zu verdrängen. Das kostengünstigste Mittel dazu ist
die Verbilligung der Arbeitskosten durch kostenlose Mehrarbeit: Ohne zusätzlichen
Kapitalaufwand lässt sich so aus derselben Lohnsumme ein größerer Überschuss
herausschlagen. Dazu kann man entweder die Produktion in Gegenden
verlagern, wo die Arbeitsstunden nicht nur billiger sind, sondern auch
noch die Arbeitszeit wegen der Not der Arbeiter beliebig zu verlängern
ist. Oder man macht die bisherigen Arbeiter mit den alternativen Möglichkeiten
eines solchen Schlaraffenlandes für Kapitalisten bekannt und stiftet so
die „Einsicht“, dass die Hauptsache nicht darin liegt, von einem
Arbeitsplatz weiterhin so leben zu können wie bisher, sondern darin, von
ihm „überhaupt“ leben zu können, also z. B. durch die Verlängerung
der Arbeitszeit bei gleichem Lohn vergleichsweise günstiger wegzukommen,
als wenn man auf der bisherigen Arbeitszeit beharrt und dafür gar keinen
Lohn mehr bekommt. Gerade der Fall „Drohung mit der Verlagerung von
Arbeitsplätzen ins Ausland“ macht das so deutlich:
·Wenn
Siemens „deutsche Wertarbeit“ für billiges Geld auch von Slowaken
oder Ungarn erledigen lassen kann, dann nutzt es Bedingungen aus,
die ihm der Weltmarkt bereitstellt. Die Staaten des ehemaligen Ostblocks
haben unter dem Stichwort „Öffnung“ für Investoren besondere
Bedingungen geschaffen: Sie haben ihre früher im realen Sozialismus beschäftigten
Werktätigen mit dem Systemwechsel um ihre lebenslange Anstellung und
damit in die Notlage gebracht, dass sie für ihren Lebensunterhalt unter
allen Umständen und zu jeder Bedingung Arbeitsplätze brauchen. Sie können
es sich daher gar nicht leisten zu fragen, wie lange sie arbeiten müssen
und welchen Lohn sie dafür bekommen. Weil die osteuropäischen Staaten für
den Systemwechsel zum Kapitalismus über keine einheimischen Kapitaleigentümer
verfügen, machen sie denen im Westen Sonderangebote, damit sie das
brachgelegte Ost-Proletariat gewinnbringender ausbeuten können als an
ihren angestammten Standorten im Westen.
·Die
Kapitale, die in der Rentabilitätskonkurrenz vorneweg segeln, also auch
große Kapitalmasse und ‑mobilität aufweisen, benutzen diese „Öffnung“
dafür, an den neuen Standorten im Osten möglichst dieselben Produktions-
und Ausbeutungsbedingungen wie im Westen herzustellen. Sie machen
die verschiedenen Standorte vergleichbar, indem sie im Neuland
Ost die Kapitalproduktivität, die sie sich als weltmarktführende
Unternehmen in vielen Investitions- und Rationalisierungsrunden zugelegt
haben, implantieren. Sie ziehen jedoch im Osten nicht einfach zusätzliche
hochproduktive Werke auf, um mit den neuen Lohnarbeitern neue Märkte zu
beliefern. Sie investieren vielmehr im Osten nur unter der Bedingung, dass
die dortigen frischgebackenen Lohnarbeiter für einen Lohn arbeiten, der
deutlich unter den Löhnen an den alten Standorten liegt. Sollen
sie doch froh darüber sein, überhaupt einen Kapitalisten gefunden haben,
der sich dazu hergibt, ihre Ausbeutung als lohnend genug anzusehen. Wenn
man zu niedrigerem Lohn aus diesen Leuten dieselbe oder mehr
Arbeitsleistung herauspressen kann wie aus denen „daheim“, dann hat
das natürlich Konsequenzen, eben für die „daheim“.
·Wenn
Siemens droht, „deutsche Wertarbeit“ für billiges Geld von Slowaken
oder Ungarn erledigen zu lassen, dann ist es nicht damit zufrieden, von
Slowaken und Ungarn billigere Arbeit eingeheimst zu haben. Vielmehr führt
es das seinen „heimischen“ Arbeitern so vor Augen, dass sie damit ab
sofort zu teuer sind. Eine tatsächliche Verlagerung der Produktion
muss nicht einmal stattfinden – dass Siemens das machen könnte,
reicht als „Argument“ schon völlig aus: Den Vorteil, den sich
Siemens mit der Indienstnahme von billigeren Ungarn verschafft hat – bei
gleicher Produktivität wie in Bocholt mehr Profit wegen der niedrigeren
Ost-Löhne – lastet die Weltfirma seinen westdeutschen Arbeitern als deren
Nachteil an: Sie müssen sich sagen und praktisch gefallen lassen,
dass ihre Löhne zu hoch und ihre Arbeitszeit zu kurz sei.
Siemens übt also den „Kostendruck“ auf seine angeblich viel zu teuren
Arbeiter aus, indem es auf die kostengünstigeren im Osten hinweist. Die
Firma erpresst sie zu einer Lohnsenkung mit dem Hinweis auf
„internationale Gepflogenheiten“, die sie als einer der Sieger in der
internationalen Konkurrenz selber mit eingeführt hat. So organisiert
eine Weltfirma wie Siemens die internationale Konkurrenz der
Lohnarbeiter, und das kriegen die deutschen „Mitarbeiter“ von
Siemens gerade ganz direkt zu spüren.
Dass
Unternehmen einen solchen Vergleich der nationalen Arbeiterklassen
vornehmen können, dass sie überhaupt in andere Nationen hineingehen,
ihre Werke aufbauen und Arbeitskraft einkaufen können, setzt voraus: Ihr
Staat muss ihnen den Weg gebahnt haben. Die Leistung des Staates für
seine Kapitalisten nach außen besteht darin, ihnen fremde Staaten
und damit das für den kapitalistischen Zugriff brauchbare Arsenal an
Menschen und Sachen aufzuschließen. Dazu müssen ihnen die fremden
Herrschaften die Sicherheit das Eigentumsrechts zusichern, die sie von zu
Hause gewohnt sind. Auswärtige Staaten haben „Rechtssicherheit“ zu
garantieren, d. h. sie sollen dem eigenen, überlegenen Kapital alle
Freiheiten zugestehen, die es für die Verwertung seiner Investitionen für
notwendig befindet. Zum anderen haben diese Staaten zu garantieren, dass
die Erträge aus diesen Investitionen immer in erster Linie dem zugute
kommen, der sie mit seinen Investitionen beglückt hat.
Im
Falle der Osterweiterung sind etliche neue Staaten, die die „Werte und
Ideale“ der EU teilen, also deren kapitalistischen Rechenweisen und
deren demokratischer Herrschaftsform nacheifern wollen, dem politischen
Anspruch der EU und damit auch der von dort ausgehenden kapitalistischen
Benutzung unterworfen worden. Dazu hatten sie ihr Innenleben für eben
diese Benutzung vom Recht auf Entlassungen übers Konkursrecht bis hin zur
Infrastruktur herzurichten. Diese Herrichtung stand und steht unter
Anleitung und Aufsicht der „alten“ EU-Staaten und sie hat für den
Erfolg der von hier ausgehenden Kapitalinvestitionen das „optimale
Umfeld“ abzugeben. Mit dem endgültigen Beitritt dieser Länder zur EU
wird ihre kapitalistische Benutzung insofern optimiert, als für die
Kapitalisten der „alten“ Länder auch noch das Hindernis weggeräumt
wird, dass sie sich bei ihrem Zugriff auf fremden Reichtum immerhin noch
auf eine abweichende nationale Gesetzgebung einlassen müssen: Mit der
Ausdehnung der einheitlichen EU-Gesetzgebung nach Osten wird das
„Heimatland“ für die Kapitalisten nun ein ganzes Stück größer. Zu
ihm gehören jetzt Gebiete mit ehemaligen Werktätigen, die auf Gedeih und
Verderb auf Geld, also auf Arbeitsplätze angewiesen sind. Erst dadurch
wurden aus Arbeitssuchenden, die die „Festung Europa“ bisher aus dem
europäischen Arbeitsmarkt ausgeschlossen hat, zu einer billigen
Arbeiterreservearmee, die westeuropäische Unternehmen zusätzlich oder
auch statt ihrer bisherigen Arbeitskräfte beschäftigen können,
mit denen sie daher Letztere dazu erpressen können, den „Wohlstand“
aufzugeben, der bis vor 15 Jahren West- und Osteuropäern als der
Vorzug des „goldenen Westens“ angepriesen worden war.
Für
die Erpressung der Bocholter Arbeiter, ist es gleichgültig, ob Siemens
nun nach Kalkulation mit allen Standortfaktorkosten fest dazu
entschlossen war, eine Verweigerung der geforderten Arbeitszeitverlängerung
auf jeden Fall mit Verlagerung zu beantworten oder ob die Firma nur
geblufft hat. Selbst wenn Siemens bloß geblufft haben sollte und sowieso
nie nach Ungarn verlagern, sondern mit der Drohung nur die Senkung der
Arbeitskosten in Bocholt durch Verlängerung des Arbeitstages ohne
Lohnausgleich erpressen wollte, reicht der Hinweis auf Ungarn völlig aus.
Die Erpressung mit der osteuropäischen Reservearmee war für die
Siemensarbeiter, selbst wenn es sich um eine bloße Drohung gehandelt
haben sollte, die „Realität“, der sie sich beugten und gegen die sie
– auf sich gestellt – kein Gegendruckmittel hätten auffahren können,
selbst wenn sie das gewollt hätten; denn Siemens hat in seinem Standort
in Ungarn für seinen Profitzweck wirklich eine Alternative zum Standort
Bocholt und hat sich damit von der mehrwertschaffenden Potenz der
Bocholter unabhängig gemacht. Selbst wenn die Bocholter sich der alten
Drohung entsännen: „Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es
will!“, stünden sie im Hemd da, wenn Siemens die Räder in Bocholt
jederzeit selber stillstellen könnte. Mit
Arbeitsverweigerung eine Gegenerpressung aufmachen können nur Arbeiter,
auf deren Arbeit das Unternehmen angewiesen ist. Solche gibt es, zwar
nicht im mit Schließung bedrohten Werk in Bocholt, aber im übrigen
Siemens-Konzern. Das weiß auch die IG Metall; die zog es jedoch vor
lauter Verantwortung für die Rentabilität am Standort Deutschland vor,
nicht diesen Druck zu organisieren, sondern mit einem Siemens-Aktionstag
nur eine Klage-Demonstration. In ihr drohten 250.000 Siemens-Beschäftigten
nicht die Einstellung ihrer Dienste an, sondern klagten Siemens mit der
Parole „Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht“ an, der Konzern habe sich
von der „netten Siemens-Familie“ mit „fürsorglichen Managern“ in
einen „Global Player“ verwandelt, der nur noch der „Erhöhung des
Shareholder Values“ (alle Zitate aus dem IGM-Magazin „metall“
7/8‑2004) verpflichtet sei, als ob ein kapitalistisches Unternehmen,
also auch Siemens, jemals einem andern Zweck gehorcht hätte, als eben
das, was man früher schlicht Profitmaximierung nannte.
Eine
deutsche und ungarische Lohnarbeiter umfassende Koalition hätte schon
Mittel dagegen gehabt, dass Siemens die Löhne der einen mit der Not der
anderen zu drücken versucht, aber an so etwas haben weder die Bocholter
gedacht noch die IG Metall. Denn die war ja bereit, den Tarifvertrag
angesichts der Erpressung von Siemens zu suspendieren, um die Bocholter
„Arbeitsplätze zu retten“. Damit hat sie einerseits an der
Vermittlung des Drucks der (osteuropäischen) Reservearmee auf die
Bocholter mitgewirkt, andererseits hat sie in der Konkurrenz, die Siemens
zwischen den deutschen und den ungarischen Arbeitern inszeniert hat, die
Konkurrenzposition der deutschen durch die Verschlechterung des
Lohn/Leistungsverhältnisses auf Kosten der ungarischen gestärkt und sich
damit – als Gewerkschaft! – zum Mitsubjekt der von Siemens
praktizierten Konkurrenz deutsches gegen ungarisches Proletariat gemacht.
Das
Argument der IG Metall war dabei dasselbe wie immer in solchen Fällen:
„Der Arbeitsplatz muss ‚gerettet’
werden – von dem ist der Arbeiter abhängig, und ein anderes Mittel gibt
es für ihn nun mal nicht. So sieht es die Gewerkschaft, und diese tiefe
Weisheit, um die ihr ganzes Denken und Handeln kreist, paukt sie mal
wieder in aller Konsequenz durch. Je mehr ihr die Absurdität dieser
„Weisheit“ praktisch vor Augen geführt wird; je klarer ist, dass der Arbeiter
für den Erhalt dieses angeblichen Mittels Arbeitsplatz immer mehr
von dem opfern muss, wofür er Mittel sein soll, desto zäher
klammert sie sich daran fest. Die Kapitalisten führen in schonungsloser
Offenherzigkeit vor, dass der Arbeitsplatz nur ihr Mittel ist: Sie
spielen Belegschaften über alle Grenzen hinweg gegeneinander aus, sie drücken
gnadenlos deren Lohn nach unten und ihre Rentabilität nach oben, sie
lassen im Zuge ihrer Rentabilitätssteigerung das angeblich „knappe
Gut“ Arbeitsplatz immer knapper werden – und sie ernten von den
Betroffenen die erwünschte Antwort: Dann müssen wir eben an uns
die Bedingungen herstellen lassen, damit das Kapital Gefallen an unserer
Benutzung findet, dann lassen wir uns mit der ständigen
Verschlechterung unserer Arbeitsbedingung und des Lohns gegen andere
ausspielen. Dann lassen wir es eben mit uns geschehen – dass nämlich
einen Arbeitsplatz zu haben immer unverträglicher wird damit, von
einem Arbeitsplatz leben zu können. Um aus dieser Passivität
ein Angebot zu machen, dafür brauchen die Siemensianer dann ihre
Gewerkschaft: Die diversen Regelungen, von denen am Anfang berichtet
wurde, sind nicht auf ihrem Mist gewachsen – aber sie lassen sich auf
diesen Mist setzen. Es leuchtet ihnen ein, dass die Gewerkschaft mal
wieder ihren Arbeitsplatz „gerettet“ hat, indem sie der Erpressung des
Kapitals Recht gibt und immer neue Lohnabschläge, Arbeitszeitverlängerungen
usw. unterschreibt. Dass damit mal wieder nur Arbeitsplätze auf Kosten
von Arbeitsplätzen anderswo „gerettet“ wurden, dass das ein
andermal genauso gegen sie ausschlagen kann und wird, daran denken sie
jetzt mal lieber nicht. Und solange der zitierte Siemensianer sagt: „Ich
glaube, die IG Metall hat alles herausgeholt, was möglich war“, so
lange gilt eben weiter die verrückte Logik: Die jetzt „herausgeholte“
Verschlechterung ist sicherlich besser als die nächste, die garantiert
kommt.
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