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Obwohl
sich inzwischen die Ereignisse überschlagen, ist der unten
stehende Beitrag immer noch brandaktuell. Wir bringen ihn, weil
er wichtige Hintergründe beleuchtet.
Redaaktion K-online |
Das Geld, die Gier und der Hebel
Ein
Kommentar zu der weltweiten Finanzkrise
Hans-Joachim
Selenz
Quelle:
Freaze
vom 09.10.2008
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im Text
Das
Geld, die Gier und der Hebel
Ein
Kommentar zu der weltweiten Finanzkrise
Hans-Joachim
Selenz
Quelle:
Freaze
vom 09.10.2008
Die
Börsen-Zuckungen weltweit erinnern mittlerweile an Fieberkurven eines
Todkranken. Tagesverluste im zweistelligen Prozentbereich sind keine
Seltenheit. In kurzer Zeit lösten sich Milliardenwerte in Wohlgefallen
auf. Zunehmend ist Panik im Spiel. Dabei geht es längst nicht mehr nur
um die geplatzte US-Immobilienblase. Die Finanzkrise kriecht über
Grenzen und Ozeane und greift nun auch auf die Realwirtschaft über. Gründe
sind unkontrollierte Gier sowie Struktur-Defizite des globalen Finanzgebäudes.
Erste Not-Reparaturen zeigten bis dato noch keine erkennbare Wirkung.
Das wird verständlich, wenn man die fragile Statik des Gebäudes
betrachtet. Die Finanzprodukte, aus denen es erbaut ist, sind selbst
vielen so genannten Finanzexperten nicht bekannt. Klaus-Peter Müller,
Ex-Commerzbank-Chef und aktueller Präsident des Bundesverbandes
Deutscher Banken, bekennt freimütig, es gäbe Finanzprodukte, die
selbst er nicht verstanden habe. Da geht es ihm wie vielen seiner
Kunden. Die bangen nun um ihre sauer ersparten Einlagen. Was war
geschehen?
Um
Renditen von 20 Prozent und mehr einzufahren – und zwar Jahr für Jahr
– war konventionelles Handeln mit Wertpapieren für einen modernen
Banker schon lange nicht mehr ausreichend. Zu einem der wichtigsten
Werkzeuge innovativer Finanzakrobaten entwickelte sich daher der Hebel.
Mit seiner Hilfe kann man mit geringen Kräften gewaltige Massen
bewegen. Merke: "Gewaltig ist des Werkers Kraft wenn er mit dem
Hebel schafft." Mit dem Hebel erschufen die alten Ägypter bereits
die Pyramiden. Der Hebel hat die Entwicklung der Menschheit entscheidend
beeinflußt. Zum Positiven. Doch schon der antike Mensch wußte, daß
man mit dem Hebel vorsichtig zu Werke gehen muß. Läßt man ihn zur
Unzeit los, teilt er schwere Schläge aus. Das kann sogar tödlich
enden. An diesem Phänomen hat sich nichts geändert. Daher ist es auch
heute noch wichtig, einen Hebel erst dann loszulassen, wenn sich die zu
bewegende Masse in einer stabilen Position befindet.
Moderne
Finanzhebel wie Optionsgeschäfte ermöglichen es beispielsweise, große
Aktienmengen mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz zu bewegen. Der
Kunde erwirbt dabei das Recht, Aktien an einem definierten Termin zu
einem bestimmten Wert zu kaufen oder zu verkaufen. Der finanzielle
Einsatz beträgt lediglich einen Bruchteil des Aktienwertes. Je nach
Kursverlauf kann ein solches Geschäft zu hohen Gewinnen führen. Verläuft
der Kurs jedoch anders als vorgestellt, kann am Ende einer solchen Börsen-Wette
auch der Totalverlust stehen. Bei Turbo-Bankgeschäften mit Derivaten
ist zudem nicht nur für Laien die zu bewegende Finanzmasse bisweilen
schwer erkennbar. Ebenso derjenige, der den Finanzhebel final in der
Hand hält. Folge globaler "Risikostreuung". Das globale
Finanzgebäude steht in der Folge auf einer Vielzahl derartiger Hebel,
die sich gegenseitig stützen und mit deren Hilfe sich einzelne Banker
Milliarden in die eigene Tasche geschoben haben. Kommen die Finanzmassen
am anderen Ende des Hebels allerdings in Bewegung, wie in den letzten
Wochen geschehen, so schlägt der Hebel zu, wird gleichsam zur
Brechstange. Spätestens hier wird klar, daß viele unserer Banker im
Physik-Unterricht nicht aufgepaßt haben. Denn bereits der alte Grieche
Archimedes wußte, daß man mit einem Hebel und einem festen Punkt die
Welt aus den Angeln heben kann. Genau das proben nun die Banker.
Weltweit. Zwischenzeitlich sind so viele Finanzmassen in Bewegung, daß
man den schlagenden Hebeln gar nicht mehr ausweichen kann. Erste Opfer
unter Bankern selbst sind zu beklagen. Die beginnen derweil schon nach
dem Staat zu rufen. Noch vor Monaten ein schlechterdings undenkbares
Szenario. Man fordert Steuermilliarden, um das Finanzgebäude zu retten.
Das zeigt bedenkliche Schieflagen. Statt das Geld in Bildung,
Infrastruktur und damit in Zukunft zu investieren, soll die mutwillig außer
Kontrolle geratene Statik der Finanzbranche stabilisiert werden. Der Bürger
zahlt.
Die
deutsche Kontrollinstanz, die Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin, tat derweil das, was sie immer tat
- sie versagte. Das tat sie bereits beim Neuen Markt. Dort gab es Fälle
offener Organisierter Kriminalität, wie im Fall NordLB/Metabox. Die
BaFin schaute zu. Ohne Konsequenzen. Sie begleitete die mehr oder
weniger offene Kriminalität im Bereich der WestLB. Der Einstieg von
Porsche bei VW harrt seiner juristischen Aufarbeitung und auch die
Krisen bei IKB, KfW und HRE sind Folgen systematisch ungenügender
Arbeit der BaFin. Sie ist trotz bestehender Gesetze nicht in der Lage,
das Geld, die Gier und die Finanzhebel zu kontrollieren. |