|
Es kommt schlimmer
Spitzentreffen beim Kanzler
Dieter
Schubert
jungeWelt
vom 11.03.2005
Schröder
handelt wieder. Und wenn der Kanzler in seinem Element ist, wird alles
noch schlimmer. Jedenfalls für die, denen nach »Hartz« und »Gesundheitsreform«,
nach Arbeitsmarktzahlen und offiziell verschwiegener Euro-Inflation das
Wasser ohnehin bis zum Hals steht. Als der deutsche Regierungschef das
letzte Mal handelte, briet er der Bevölkerung seine »Agenda 2010« über.
Davon werden sich mehr als fünf Millionen offiziell Erwerbslose und
Millionen gesundheitlich angeschlagene Geringverdiener wohl nicht mehr
erholen. Auch die Gesunden nicht, ebensowenig wie die Staatsfinanzen,
Rentenkassen, das allgemeine Bildungsniveau und die etablierte
Parteienlandschaft.
Letztere
gilt beim gemeinen Volk schon längst als Sammelsurium unfähiger,
geldgieriger und von der Realität entfernter Versager. Da wirkt es
schon fast wie Hohn, wenn der Bundeskanzler nun so tut, als wolle er mit
der Unionsspitze über Deutschlands Zukunft reden. Addiert man die
gesellschaftliche Kompetenz der Unionstruppe zu der des
Kanzlerwahlvereins, kann einem nur schlecht werden. Da wäre es schon
fast eine Lobeshymmne wert, sollte Schröder am Ende nur das tun, was er
meist gemacht hat – taktieren.
Doch
die Befürchtungen, beim geplanten Treffen mit Merkel und Stoiber könnten
sich Grundmauern einer großen Koalition bilden, sind nicht von der Hand
zu weisen. Denn auch im bisher schröderfreundlichen Unternehmerlager
grummelt es inzwischen heftig. Vielen Shareholdern und ihren Lobbyisten,
Konzernmagnaten und Strippenziehern im Hintergrund geht die »Modernisierung«
der Gesellschaft, auf des Niveau von Tschechien oder Ungarn hin, nicht
schnell genug. Die Stromoligopolisten wollen endlich machen können, was
sie wollen, besonders beim Auspressen ihrer Kunden. Die Pharmalobby will
freie Hand bei der Gentechnik, Konzerne wollen fusionieren, wann und wie
es ihnen vorschwebt. Neoliberale Globalisierung braucht keinen Kündigungsschutz,
keine »Arbeitgeberanteile« an Sozialversicherungen und schon gar keine
Unternehmenssteuern. Auch keine Gewerkschaften. Sollen in Deutschland
wenigstens ein paar dieser »freiheitlichen« Essentials durchgesetzt
werden, braucht es mehr als Schröders SPD-Hilfstruppe oder Joseph
Fischers Claqueure. Eine große Koalition wäre das Richtige, ginge es
nach dem Kalkül vieler Mächtiger in der Wirtschaft. Diese könnte Änderungen
durchpeitschen, die im Parteiengezerre um ein paar Wahlprozentpunkte und
beim derzeitigen Patt zwischen Bundestag und Bundesrat kaum möglich wären. |