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”Hartz III” & ”Hartz
IV” waren noch nicht verabschiedet, da legte Schröders Parteifreund im
VW-Vorstand schon ”Hartz Nr. V – ∞” nach: Zu allen schon
praktizierten Freiheiten des Kapitals im Umgang mit der Arbeitskraft und
zusätzlich zu allen darüber hinaus gehenden, in der Zirkulation
befindlichen Vorstellungen, wie man deutsche Arbeiter noch billiger und länger
arbeiten lassen könnte, kommt nun von VW-Personalchef Hartz noch ein
Vorschlag hinzu; ein Vorschlag, “der so einfach und brillant ist,
dass alle staunen werden.” Ausgangspunkt seiner Überlegung ist, “dass
die Menschen zwar länger arbeiten müssen als bisher, dass aber ältere
Beschäftigte weniger leistungsfähig sind als in ihrer Jugend. Folglich
muss in der Jugend länger gearbeitet werden als im Alter.” (FAZ,
17.9.03)
Wirklich genial wie Hartz die
verschiedenen Leistungsanforderungen an “die Menschen” unter einen Hut
bringt, so dass “folglich” nur noch die damit zurechtkommen müssen!
Wenn die Arbeitsleute von Staats wegen künftig später ins Rentenalter
entlassen werden, damit sie der Rentenkasse weniger zur Last fallen, von
Betriebs wegen aber die Leistungsanforderungen an sie so hoch sind, dass
sie denen schon lange vor dem Rentenalter nicht mehr gewachsen sind, dann
müssen sie eben in ihrer Jugend, wenn sie noch unverbraucht sind, länger
ran. Im Alter, wenn ihre Leistungskraft dahingeschwunden ist, können sie
dann bei verringerter Stundenzahl immer noch eine brauchbare Leistung fürs
Unternehmen bringen. Man bräuchte also bloß die Arbeits- und die freie
Zeit im Arbeiterleben ein wenig umzuverteilen, und schon könnten die
lieben Menschen den Leistungsanforderungen, die der Betrieb an sie stellt,
viel besser gerecht werden:
“Die ‘demographische
Arbeitszeit’ kennt drei Phasen: Die erste reicht bis zum 45. Lebensjahr.
In dieser Zeit beträgt die wöchentliche Arbeitszeit beispielsweise 40
Stunden. Für fünf davon wird ein Zeitguthaben angelegt. Vom 45. bis 55.
Lebensjahr beträgt die Arbeitszeit 35 Stunden, danach 30 Stunden wöchentlich.
In der Schlussphase wird das Zeitguthaben verwertet. So kommt eine
durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 35 Stunden während der
Lebensarbeitszeit zustande.”
Interessant, wie Hartz ausspricht,
was dem alten Marx keiner glaubt: Dass das Leben des Arbeiters –
zeitlich und finanziell – eine vom Kapital bestimmte Größe ist und
sonst nichts. Sein
Vorschlag geht davon aus, dass freie Zeit und Arbeitszeit disponible Größen
des Kapitals sind, also “einfach” nur optimal den Bedürfnissen des
Kapitals angepasst werden müssen. Wenn die Leistungskraft der
Beschäftigten ihren Höhepunkt in der ersten Hälfte des Arbeitslebens
hat, dann erfahrungsgemäß bereits schleichend und bald rapide
dahinschwindet, so heißt das für den proletarischen Lebensplaner von VW
“folglich”, dass mehr von der Lebensarbeitszeit in der ersten Hälfte
des Arbeiterlebens absolviert werden muss und von der Lebensfreizeit
dementsprechend mehr ins spätere Leben zu verlegen ist. Was das für die
Arbeitsleute heißt, ob es ihnen gut bekommt; ob es ihnen recht ist; dass
sie in jungen Jahren vielleicht noch andere Lebensziel haben als sich möglichst
frühzeitig für ihren Arbeitgeber aufzuarbeiten, das alles spielt für
Hartz ganz “einfach” keine Rolle: Sie müssen sich halt umstellen, was
sonst. Was müssen
sie ihr Bedürfnis nach Freizeit ausgerechnet in den Jahrzehnten betätigen,
in denen ihr Betrieb noch mehr Leistung aus ihnen rausholen kann?! Dafür
haben sie dann ja im Alter, wenn sie verschlissen sind, mehr freie Zeit
zur Pflege ihrer angeschlagenen Physis.
A propos verschlissen: So natürliche
Gründe hat das, worauf Hartz mit seinem Vorschlag als
‘demographische’, quasi naturgesetzliche Regel Bezug nimmt – die
abnehmende Leistungskraft – ja auch nicht. Ihm ist halt aufgefallen,
dass die wirtschaftlich lohnend eingerichtete Produktivität an einem
modernen Arbeitsplatz mit so viel Arbeitsintensität und Inanspruchnahme
von Hirn, Muskel und Nerv der Arbeitsplatzbesitzer einhergeht, dass die
bereits nach ein paar Jahren zunehmende Anzeichen von Verschleiß
aufweisen. Und das hat ihn auf seine “brillante” Idee
gebracht: Wenn die Leute schon mit 45 ziemlich verschlissen sind, dann
muss man sie – nicht etwa: dann kürzer treten lassen; und schon gleich
nicht: in ihrer Jugend schonender behandeln, damit es soweit gar nicht
erst kommt, sondern: – bis dahin mehr rannehmen und mehr aus ihnen
rausholen.
Diese Mehrleistung muss selbstverständlich
drin sein in dem Preis, den die Betriebe für die auf 35 Stunden
berechnete Arbeitswoche ihrer Mitarbeiter bislang bezahlen. Die passende
Lohnform, die diese Mehrleistung in der bezahlten Arbeit einschließt,
ergibt sich für Hartz „folglich“ ganz „einfach“ daraus, dass man
die 35 Wochenarbeitsstunden als Durchschnitt auf ein ganzes Berufsleben
berechnet, in dem sich die tatsächlich gearbeiteten Wochenstunden ganz
aus der freien Kalkulation des Kapitals mit der Arbeitskraft ergeben.
Schon dran gewöhnt, dass Überstunden- und Wochenendzuschläge vom
Lohnzettel gestrichen sind und der versprochene Ausgleich von Guthaben der
– bei VW schon länger eingeführten – Jahresarbeitszeitkonten am Ende
eines Arbeitsjahres regelmäßig auf unbestimmte Zeit verschoben wird,
darf der Arbeiter dies nach den Vorstellungen von Hartz jetzt als Prinzip
der Entlohnung für seine Lebensarbeitszeit akzeptieren. Der Witz daran:
Je länger der Abrechnungszeitraum veranschlagt wird, in dem für eine
Durchschnittsarbeitszeit ein fixer Lohn bezahlt wird, desto mehr
Freiheiten in der Beanspruchung der Arbeitskraft erwirbt sich das Kapital
mit der Bezahlung dieser fixen Größe. Durch die Ausdehnung dieses
Prinzips aufs ganze Arbeitsleben spielt für die Entlohnung der
Unterschied zwischen Normalarbeitszeit (pro Tag, pro Woche, pro Monat,
jetzt sogar pro Jahr) und Zusatzarbeit endgültig keine Rolle mehr. Gleichgültig
dagegen, in welcher Phase seiner ‚demographischen Arbeitszeit’ er sich
gerade befindet, bekommt der Arbeiter monatlich einen Durchschnittsbetrag
ausbezahlt. Wie viel Stunden er für diesen Betrag arbeiten muss, ergibt
sich nach dem oben dargelegten Muster aus dem Interesse des Kapitals, möglichst
viel Leistung aus ihm herauszupressen. In der ersten Phase, wenn er
noch mehr leisten kann, hat er daher mehr Stunden für diesen fixen Betrag
zu arbeiten. In dieser Phase kreditiert er seinen Betrieb als stolzer
Besitzer eines anwachsenden “Zeitguthabens”, das sich von sonstigen
Guthaben nur dadurch unterscheidet, dass es keine Zinsen abwirft. Ein
kleiner, aber feiner Zusatzgewinn: Für die fünf Stunden zusätzliche
Arbeit pro Woche streicht das Unternehmen nicht nur den Profit schon
laufend ein, sondern lässt sich den für das Zustandekommen dieses
Ertrags unverzichtbaren Kostenfaktor ‚Arbeit’ auch noch von seiner
Belegschaft über Jahre hinaus vorfinanzieren. Dieser zinslose Kredit läuft
dann weiter in der zweiten Phase, in der die tatsächliche Arbeitszeit
durchschnittlich der Durchschnittsarbeitszeit entspricht. Und wenn der
Arbeiter dann glücklich das 55. Lebensjahr erreicht hat, bricht für ihn
die Zeit an, in der er durch ein paar Arbeitsstunden weniger pro Woche in
den Genuss seines Guthabens kommt. Maximal 10 Jahre Minderarbeit bleiben
ihm dann noch, um sein durch ca. 25 Jahre Mehrarbeit erworbenes Guthaben
abzufeiern.
So jedenfalls der Idee nach. Denn so viel steht jetzt schon fest – und
ist durch die Erfahrungen mit der Jahresarbeitszeit und dem Ausgleich
entsprechender Konten längst verbürgt –, dass die Praxis dieser Idee
ein wenig anders ausschaut. Auf alle Fälle wird der Hauptteil des
Arbeitslebens erst einmal länger gearbeitet, und ohne diese Vorleistung,
ohne dass der Arbeiter erst einmal Jahre lang seine eigene Ausbeutung
zinslos vorfinanziert, geht die Rechnung für ihn am Ende seines
Arbeitslebens garantiert nicht auf.
Was dann aus seinem Guthaben wird, das wird sich zeigen; und hängt von
lauter Imponderabilien ab. Er muss ja sein ganzes Arbeitsleben erst einmal
durchstehen, er darf nicht arbeitslos werden, sein Arbeitgeber darf nicht
Pleite gehen und er darf auch nicht zu früh den Löffel abgeben – sonst
sind größere Teile seines Lohns einfach dahin. Mit dem Eintreten eines
oder mehrerer dieser Risiken des modernen Fabrikarbeiterlebens steht
absehbarerweise die Bezahlung der bereits abgeleisteten Mehrarbeitsstunden
in Frage. Darum, dass die von ihm erbrachte Arbeit überhaupt bezahlt
wird, darf sich der Arbeiter dann extra noch kümmern.
Die Rechnungen, die der
VW-Personalchef mit dem Lebensarbeitszeitarbeiter anstellt, schließen zu
guter Letzt auch noch eine betriebliche Fürsorge für diesen nützlichen,
dem Kapital total verfügbaren Dienstleister seines Betriebs ein, die
geradezu rührend ist. Damit die Belegschaft den im Laufe eines
Arbeitlebens durch alle möglichen Rationalisierungen tausend Mal
umgekrempelten Anforderungen des Betriebs gewachsen bleibt; damit sie ihr
Arbeitsleben, so wie der Betrieb es einrichtet und immer wieder
durcheinander wirft, also überhaupt hinkriegt, bietet VW ihr einen
Service an, der zwar obligatorisch ist, der von ihr aber schon aus eigenem
Interesse an der Bewahrung ihrer lohnabhängigen Existenz angenommen
werden sollte:
„Jede Woche sind ein paar Stunden
für die obligatorische Qualifikation und das Training neuer Techniken
veranschlagt... Diese Stunden dienen der Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit.“
Ein paar Zusatzstunden dafür, dass
man sich für den Betrieb fit hält, sind also auch noch fällig. Aber die
bringt der VWler ja gerne im Betrieb rum, wenn sie der eigenen „Beschäftigungsfähigkeit“
dienen. Diese Wortschöpfung hätte es eigentlich verdient, als ‘Wort
des Jahres’ gewürdigt zu werden: Ein Unternehmen braucht allzeit und
allseits flexible Arbeitskräfte und es richtet sich diese unter zusätzlicher
und unbezahlter Inanspruchnahme der Zeit seiner Mitarbeiter her – und drückt
das dann als Dienst an einer Eigenschaft seines Ausbeutungsmaterials aus:
Das darf sich glücklich schätzen, dass an ihm die Bedingungen
ausgebildet werden, die das Interesse des Unternehmens an seiner Benutzung
erhalten. Und das auch noch mit Aufstiegschancen: „Nur wer sich
bildet, kann auch aufsteigen von körperlicher Tätigkeit zu solcher am
Steuerungspult.“
*
Und was sagt die Gewerkschaft dazu? Die “begrüßt” die
Vorschläge von Hartz ganz grundsätzlich als Beitrag zu mehr Zeitsouveränität
und Beschäftigungssicherung. Sie hält seine Überlegung, wie sich die
Leistungskraft des Arbeitsmenschen noch besser ausnutzen lässt, „für
einen sehr interessanten Gedanken“ (Frau Engelen-Kefer), lässt sie sich doch als konstruktive Einlassung auf ihre
Errungenschaft einer 35-Stunden-Woche verstehen. Immer dabei, wenn es auf
Grund neuer Umgangsweisen des Kapitals mit der Arbeitskraft etwas zu
regeln gibt, sieht sie auch in diesem Fall einigen Regelungsbedarf. An den
hinterletzten Konsequenzen einer leistungssteigernden und die Arbeit
verbilligenden Reformierung der Arbeitszeit steigt sie ein und verlangt
nach verbindlichen rechtlichen Regelungen für alle möglichen Eventualitäten,
mit denen sie in Kenntnis der Gegenseite jetzt schon feste rechnet: Um
sein Zeitguthaben darf der Arbeiter aber nicht beschissen werden, da will
sie ganz genau hinschauen. Außerdem will sie mithelfen, “die
praktischen Schwierigkeiten zu lösen, die dann entstehen, wenn ein Jüngerer
länger arbeitet, dann aber den Arbeitgeber oder gar die Branche
wechselt.” Von den Erbschaftsfragen, die erst einmal geklärt sein
wollen, damit sich Arbeiterwitwen nicht um das Zeitguthaben ihres leider
zu früh verstorbenen Gatten betrogen sehen, ganz zu schweigen.
Die Arbeitgeber, die den
Hartz-Vorschlägen auch grundsätzlich positiv gegenüber stehen, haben
ebenfalls ihre Probleme mit ihnen. Ihren Nerv trifft Jonas Viering in
einem Kommentar für die Süddeutsche Zeitung: „Die
Lebensarbeitszeit geht in die richtige Richtung. Tatsächlich können eben
Ältere nicht ewig ranklotzen – viele Jüngere aber haben sogar Spaß
daran, es ist für sie ein Teil von Selbstverwirklichung.“
Bei allem Lustgewinn, den die Hartz-Vorschläge für die Arbeiterjugend
versprechen, darf man aber einen Nachteil nicht übersehen, an den bislang
noch niemand gedacht hat: „Hartz´
Fixierung auf die 35 Stunden-Woche ist allerdings zu eng. Schon heute
arbeiten sehr viele Menschen länger, als in ihrem Tarifvertrag steht.“
(SZ, 19.9.03) Ganz verkehrt wäre es, die Lebensarbeitszeit auf die
Grundlage einer durchschnittlichen 35-Stunden-Woche zu stellen. Das wäre
einfach realitätsfremd und würde den Zeichen der Zeit nicht gerecht. Die
deuten in Gestalt von lauter neuen Forderungen von Seiten der Arbeitgeber
nämlich genau in die umgekehrte Richtung; sie zielen auf ein Aufräumen
mit jeder an einem zeitlichen Maß orientierten Arbeitszeitregelung –
dergleichen nehmen die Arbeitgeber grundsätzlich als Beschneidung ihrer
Freiheit. Außerdem fordern sie die Wiedereinführung des Samstags als
zuschlagfreien Werktag; z. B. mit der Begründung: „Die
Leute gehen doch eigentlich gern zur Arbeit, das ist doch kein
Frondienst.“
(Vorstandsvorsitzender von Siemens, Heinrich von Pierer, 17.9.03)
Die Freiheit des Unternehmers ist der Lebenszweck seiner Mitarbeiter! Ja,
dann.
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