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Haben
Sie schon mal bei Hannover.de nachgeschaut? Unter der Web Site „Wo ich
Sozialschmarotzer melde“ wird schnell klar, wie derzeit im Lande der
Dichter und Denker der Deutsche Michel wieder einmal aufeinandergehetzt
wird – und viele merken es nicht einmal. Eine Leseprobe: „Natürlich
die Sozialschmarotzer, diese fiesen Schweine, die unseren Sozialstaat
aushöhlen und unser aller Wohlstand gefährden. Anzeigen, einsperren
sollte man sie.........“. Dergleichen gibt es dort und anderswo mehr.
Abgesehen davon, dass solche Äußerungen erschreckend an Hetzkampagnen
gegen so genannte Sozialschmarotzer im deutschen Faschismus erinnern, können
heute nur noch hirnlose Hanswürste derartiges veröffentlichen.
Dennoch
wird daran deutlich, wie die neue, vom neoliberalen Mainstream
angezettelte Hetzkampagne seine verheerende Spaltungswirkung verursacht.
Und die ist gewollt. Denn die Kosten für „Hartz IV“ wachsen mit 3,1
Mrd. Euro wegen der weiter ansteigenden Zahl der Erwerbslosen weiter an.
Und deshalb muss die nächste Verarmungswelle eingeläutet werden, damit
1,5 Mrd. Euro eingespart werden können. Zur Durchsetzung von
Enteignungs- und Verarmungspolitik hat man in Deutschland schon immer
einen Buhmann gebraucht. Und so wird in alter Tradition wieder das Opfer
zum Täter gemacht.
Aus
den meisten Medien müssen wir in diesen Tagen wiederholt zur Kenntnis
nehmen, wer an der Deutschen Misere Schuld ist. Wie immer sind es die
„zu teuren“ 5 Mio. Erwerbslosen, die aufgrund eigener Schuld
erwerbslos wurden. Hinzu kommen rund 650 Tausend 1-Euro-Kräfte, die
woanders Existenz sichernde Arbeitsplätze vernichten. Und rund eine
Million Armutslöhner, die zu wenig verdienen, dass es kaum zum Überleben
reicht. Neu im prekären Reigen sind jetzt die Selbständigen, die
ebenfalls zu wenig zum Leben haben. Insgesamt sind es wohl 8 Mio.
Menschen an der Armutsgrenze im Billiglohnland Deutschland, wo der Staat
nachhelfen muss.
Heribert
Prantl von der liberalen Süddeutschen Zeitung geißelt die neue Hetze
und macht klar, wie im Land der angeblichen Missbraucher Feindbilder
erzeugt werden. In seinem neuen Buch „Sind wir noch zu retten? -
Anstiftung zum Widerstand gegen eine gefährliche Politik“ fragt er,
ob wir noch alle richtig im Kopf wären bei der Stimmungsmache gegen
Asylanten, Ausländer und „Sozialschmarotzer“. Eine Folge der
angezettelten Hetze aus Wirtschaft und Politik: die Zahl rechter
Gewalttaten ist im vergangenen Jahr um 24 % gestiegen, so der Stern
(Ausgabe 18/06). Die Gefahr sei, dass aus dem dumpfen Geistesbrei die
jungen Rechtsextremen zu Vollstreckern werden müssen.
Wir
erinnern uns: die Hetze begann, als Gerhard Schröder Kanzler war.
Damals hat die Bild-Zeitung den Florida-Rolf entdeckt, der angeblich fürstlich
als Sozialschmarotzer in den USA lebte. Der anschließend von der
Hofpresse des „Medienkanzlers“ in Gang gesetzten Hetzkampagne folgte
Hartz IV. Aber nach Götz Werner – dem Chef der Drogeriekette DM –
ist Hartz IV offener Strafvollzug, raubt den Menschen die Freiheit und
zerstört ihre Kreativität, sagt er im Stern (Ausgabe 17/06). Mit „Hartz
IV“ und der entsprechender Medienbegleitung waren Erwerbslose leicht
zu stigmatisieren und konnten zum „Sozialschmarotzer“ kriminalisiert
werden. Niemand fragt nach den Ursachen der Erwerbslosigkeit.
Am
10.05.06 ist Bild-Online in der Hetze wieder vornweg mit dem Aufmacher:
„Villa mit Hartz IV, Frau wohnt auf 500 qm, mit Pool, sechs Bädern,
neun Zimmer - und der Staat zahlt“. Da ist ein angeblicher Landrat
Peter Walter (CDU) persönlich mit dem Hubschrauber unterwegs, um
Sozialschmarotzer zu jagen. Fragt sich, wer den Hubschrauber bezahlt und
was ein Landrat damit zu tun hat oder ob es ihn überhaupt gibt.
Jedenfalls läutet Bild-Online damit die Durchsetzung des neuen Gesetzes
mit dem schönen Namen „Optimierungsgesetz“ ein, dass durch die
Brunnenvergifter von SPD und CDU die gegenseitige Bespitzelung im Lande
einführt. Selbst die FDP spricht von einer überflüssigen
„Arbeitslosenpolizei“, die Linkspartei.PDS von Verdächtigungskampagne.
Ähnlich primitiv wie Bild-online Stefan Sauer vom Kölner Stadtanzeiger
am 10.05.06: „Die Grundleistung des ALG II müsste deutlich
sinken...“. Damit schneller Arbeit angenommen wird, wie er meint.
Woher die schönen neuen Arbeitsplätze kommen sollen und ob man davon
leben können soll, sagt er nicht. Draufhauen ist eben gefragt. Auch
Anja Reschke von Panorama ist überzeugt, dass Erwerbslose kein
Existenzminimum verdienen müssen und bezeichnet in großer
Ahnungslosigkeit als „Subvention“, wenn der Staat Minilöhne bis zum
Existenzminimum aufstockt, damit Menschen überhaupt existieren können.
Denn nach „Hartz VI“ ist man verpflichtet, jede Arbeit anzunehmen.
Mit derart dummen Äußerungen wird die Stimmung im Lande sinnlos
aufgeheizt.
Eine
der überflüssigen Zeitschriften in Deutschland, focus, eröffnet die
Jagd am 24.04.06 unter der Überschrift „Gegen Hartz-Betrüger“. Das
Thema war wie gehabt: Schwarz-Rot muss härter gegen Missbrauch bei
Arbeitslosengeld II vorgehen. Zitiert wird der Rechtssozi Klaus Brandner
(SPD): „Dem Grundsatz des Forderns müssen wir jetzt mehr Nachdruck
verleihen“. Brandner war schon damals bei der Einführung von Hartz IV
für die Drecksarbeit zuständig und musste mit breiter Presseunterstützung
die große „Reform Hartz IV“ verkünden. Was Brandner beim Fördern
und Fordern verschweigt: gefördert wird schon lange nichts mehr. Erst
in diesen Tagen musste der Chef der Arbeitsagentur, Frank-Jürgen Weise,
gegenüber der taz zugeben: „Unser Hauptproblem ist, dass wir nichts
im Angebot haben“. Diesem Nichts standen im Februar 2006 ca. 6,8 Mio.
Arbeitsuchende gegenüber. Und eine Überschrift der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 03.05.06 „Wer Arbeit ablehnt, dem droht
Leistungskürzung“ legt nahe, dass es genug Arbeit gibt. Als wichtige
Meldung werden die bevorstehenden Sanktionen verkündet, mit denen man
280 Mio. Euro einsparen will. Und darum geht es doch letztlich.
Das
neoliberale Sprachrohr Der Spiegel zitiert am 08.05.06 den Leiter der Kölner
Arbeitsagentur Peter Welters, der sein Gehirn damit martert, „ob es
klug war, mit der Hartz-Reform einen Großteil der Arbeitsbevölkerung
zu Bedürftigen zu erklären“. Will heißen, wenn man sie nicht
amtlich erfasst, gibt es keine Bedürftigen. Diesen Zynismus besonderer
Güte bekommen ca. 90.000 Menschen in Köln zu spüren, die sich
trotzdem bei der Arbeitsagentur gemeldet haben. So wird umfangreich über
vermeintliche „Tricks“ der Erwerbslosen geklagt, die aber einfach
nur ihren Kopf aus der Armutsschlinge ziehen wollen. Seit September sind
es davon in Köln 12.000 mehr. Das ehemalige Nachrichtenmagazin fragt
nicht danach, wer ihnen diese Schlinge verpasst hat. Stattdessen wird
blumenreich versucht, die eigene Leserschaft mit einem „Paradies Hartz
IV“ und erdachten Zahlen für dumm zu verkaufen. Von vorne bis hinten
werden die Anspruchsberechtigten gegeißelt, nicht das System, dass sie
hervorbringt.
Dort
hinein passt auch Zeit-online vom 10.05.06. Zitiert wird Arbeitsminister
Franz Müntefering, der weiter fordern statt fördern will: „Nur wer
arbeitet, soll auch essen“. Wer diesen Zynismus wiedergibt, muss sich
bewusst darüber sein, dass er Öl ins Feuer gießt. Iris Gleicke,
Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD, erregte sich und wollte
die Wogen glätten, so Die Zeit: „Ich hätte so einen Satz nicht
gesagt.“ Angeblich gäbe es aber Erwerbslose, die mit Hartz IV mehr
Geld haben, als mit Arbeit. Dass die Arbeit dann vielleicht zu billig
ist und die Menschen dadurch neu von „Hartz IV“ abhängig werden,
wird als naheliegende Frage nicht thematisiert.
Der
Spiegel ist genauso wie die FAZ, die Zeit, das ZDF oder die ARD in den Fängen
des neoliberalen Mainstreams und damit unfähig zur gesellschaftlichen
Kritik, die wir gerade jetzt so bitter nötig hätten. Stattdessen wird
geschrieben, was verlangt wird. Mit einem riesigen finanziellen Aufwand
diktieren Wirtschaft, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft oder
die Stiftung Bertelsmann längst, was in diesem Land gedacht werden
soll. Sie besetzen die Themen in Zeitpunkt und Inhalt bei Sabine
Christiansen und anderswo. Machen wir uns nichts vor! Die Pressefreiheit
ist längst dem Kapital geopfert und der weise Spruch von Karl Marx,
dass die herrschenden Gedanken die Gedanken der Herrschenden sind, hat
heute seine Bedeutung wie nie zuvor. Denn die Menschen wurden dem Denken
genauso enteignet, wie die Erwerbslosen ihrer Arbeitsplätze beraubt
wurden.
„Unsere
Eliten – eine Gefahr für die Demokratie“. So überschreibt Albrecht
Müller seinen Artikel in den Blättern für deutsche und internationale
Politik vom April dieses Jahres. Und er meint, dass wir zurzeit eine
dramatische Spaltung der Gesellschaft in ein Oben und Unten haben. Und
weiter: „Wir erleben eine herablassende und die Manipulation und
Ausbeutung des Volkes planende Elite, ohne schlechtes Gewissen, ohne
Umschweife“. Genau hier hinein passt die mediale Dramaturgie der
bewussten Verwechselung von Opfern und Tätern und eröffnet die neue
Hetze. Rheinhard Mohn, Chef von Bertelsmann, schreibt am 03.05.05 in der
FAZ: „Die Geschichte hat bewiesen, daß Macht und Gewalt auf Dauer die
Ordnungen der Menschen nicht erhalten können.“ Leider bezieht er
diesen Satz nicht auf sich. Denn genau diese Macht und Gewalt des
„teile und herrsche“ wird tagein tagaus eben durch Bertelsmann und
andere propagiert. So bleibt der alte Klassiker vom „Biedermann und
den Brandstiftern“ eben weiter modern. Jedenfalls so lange, bis die
Menschen begreifen, dass sie alle Opfer genau dieses Systems sind. (erschienen
auch in der Neuen
Rheinischen Zeitung am 16.05.06) |