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Schocktherapie
des Dr. Rösler: Der FDP-Bundesgesundheitsminister hat durchgesetzt, daß
gesetzliche Krankenkassen Zusatzbeiträge in unbegrenzter Höhe
kassieren dürfen
Lizenz
zum Abkassieren
Von
Rainer Balcerowiak
Aus:
jungeWelt vom 07.07.2010
Führende
Politiker von CDU, CSU und FDP haben sich am Dienstag nach monatelangem
Streit auf Eckpunkte einer Gesundheitsreform verständigt. Kern ist wie
erwartet die Erhöhung des Beitragssatzes für die gesetzliche
Krankenversicherung (GKV) von 14,9 auf 15,6 Prozent des
Bruttoeinkommens. Die Mehrbelastung soll je zur Hälfte von Unternehmen
und Beschäftigten getragen werden und im kommenden Jahr in Kraft
treten. Dies soll der GKV Einnahmen von sechs Milliarden Euro bescheren.
Strittig
war bis zuletzt die Frage der Zusatzbeiträge, die die einzelnen Kassen
erheben können. Diese waren bisher bei ein Prozent des
beitragspflichtigen Einkommens gedeckelt. Offensichtlich hat sich die
FDP in dieser Frage durchgesetzt. Krankenkassen können pauschale
Zusatzbeiträge ohne Begrenzug künftig selbst bestimmen. Nur wenn
dieser Zusatzbeitrag zwei Prozent des Einkommens übersteigt, sollen die
Versicherten einen »Sozialausgleich« aus Steuermitteln erhalten.
Außer
durch Beitragserhöhungen soll das für 2011 auf elf Milliarden Euro
geschätzte Defizit der GKV auch durch Einsparungen eingedämmt werden.
So sollen die Kassen 300 Millionen Euro beisteuern, u. a. durch
Reduzierung der Verwaltungskosten. Kliniken müssen mit insgesamt 500
Millionen Euro weniger auskommen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG)
bezeichnete dies in einer ersten Reaktion als »unverhältnismäßig«.
Damit werde die Versorgung der Patienten gefährdet, so DKG-Präsident
Rudolf Kösters. Schon jetzt schreibe jede fünfte Klinik in Deutschland
rote Zahlen.
Bei
zahlreichen Oppositionspolitikern und Sozialverbänden stießen die
Beschlüsse auf harsche Kritik. SPD-Fraktionschef Frank-Walter
Steinmeier bezeichnete die Pläne als »gesundheitspolitischen
Scherbenhaufen«. Das Wahlversprechen mehr Netto vom Brutto entpuppe
sich angesichts der Beitragserhöhungen als »grandioser Wortbruch«.
Der Vorsitzende der Linkspartei, Klaus Ernst, sprach von einer »Politik
der sozialen Ungerechtigkeit«. Während die Beiträge für viele
Geringverdiener durch die Zusatzpauschalen auf über zehn Prozent
hochgetrieben würden, blieben bei Gutverdienern Einkommen über der
Beitragsbemessungsgrenze sowie Privatversicherte »vollkommen außen vor«.
Der
Bundesgeschäftsführer der Volkssolidarität, Bernd Niederland, sprach
von einer »Hiobsbotschaft«. Die Belastungen für die gesetzlich
Versicherten würden »ins Uferlose wachsen«. Niederland forderte die
Einführung einer Bürgerversicherung, »an der sich alle mit allen
Einkunftsarten entsprechend ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit
beteiligen«.
Der
Präsident des Sozialverband Deutschland, Adolf Bauer, erklärte, die
ungedeckelten Zusatzbeiträge seien ein weiterer Schritt in Richtung
Kopfpauschale und schüfen für Besserverdienende zusätzliche Anreize für
einen Wechsel in die private Krankenversicherung. Außerdem würde die
Pharmaindustrie nur völlig unzureichend in die Finanzierung einbezogen.
Regierungspolitiker verteidigten die Beschlüsse. CDU-Fraktionschef
Volker Kauder betonte, das Kabinett habe erreicht, daß das
hervorragende Gesundheitssystem auch in Zukunft »zu erträglichen
Kosten« erhalten werden könne. Niemand werde überfordert. |