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Bernstein
heute
Schröders
Bekenntnis zum Kapitalismus
von
Werner Pirker
Quelle:
jungeWelt
vom
15.06.2005
Es
war in den goldenen 1970er Jahren der westdeutschen Sozialdemokratie,
als ein Willy Brandt den Sozialismus als eine ständige Aufgabe
bezeichnete. Er tat dies in Abgrenzung zum real existierenden
Sozialismus, und er meinte damit, daß sich die sozialistische Idee im
Kapitalismus immer aufs neue zu behaupten habe, ohne diesen je überwinden
zu können. In dieser modernisierten Variante der Bernstein-These, daß
der Weg alles und das Ziel nichts sei, lag auch eine gewisse Wahrheit.
Daß sich nämlich der Kapitalismus unter Bedingungen der
Systemkonkurrenz gewisser Elemente des sozialistischen Gegensystems
bedienen mußte, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Nach
dem (vorläufigen) Scheitern der nichtkapitalistischen Alternative hat
sich die Kapitalherrschaft dieses Zwanges zur Selbstbeherrschung
entledigt. Das hat auch die Rolle der Sozialdemokratie grundlegend verändert.
Heute ist keine Rede mehr von einem sich im ständigen pluralistischen
Wettstreit befindlichen Sozialismus. Heute preist ein SPD-Kanzler den
Kapitalismus als ein System, das wie kein anderes »den Menschen mehr
Freiheit, mehr Sicherheit und mehr Wohlstand« bieten könne.
Eine
solch direkte Kapitalismus-Apologie hätte früher, als der Begriff
allein als eine marxistische Propagandalüge galt und das
kapitalistische System sich unter Chiffren wie »freie Marktwirtschaft«
oder »pluralistische Demokratie« darzustellen beliebte, selbst aus dem
Mund rechtsbürgerlicher Politiker für Überraschung gesorgt. So findet
die Entfesselung der kapitalistischen Marktkräfte auch ihren
ideologischen Ausdruck.
Sein
Bekenntnis zum Kapitalismus sprach Schröder am Montag auf dem »Sozialstaatskongreß«
von SPD und DGB aus, dem der Ruf vorausging, ein kapitalismuskritischer
zu sein und auf dem auch tatsächlich die Entfesselung der Marktkräfte
(Stichwort: Heuschreckenschwärme) beklagt wurde. Als wären »Agenda
2010« und »Hartz IV« eine Sache und die Hedgefonds eine ganz andere.
Als hätte die der »rot-grünen« Regierung vom System abverlangte
Aufgabe darin bestanden, die Kapitalkräfte zu zähmen und nicht den
sozialen Widerstand. Und dieser Aufgabe, den Sozialprotest unter
Kontrolle zu halten, kommt die SPD auch mit ihrer Art der »Kapitalismuskritik«
nach.
Doch
die sozialdemokratischen Antidepressiva gegen die Depression, die von
Schröders Reformagenda ausgelöst wurden, sind noch nicht erfunden. |